Sturm am Peuterey

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Von Hermann Schwyzer.

An einem Sonntag des Sommers 19.. sitzen zwei Alpinisten vor der Gambahütte und sprechen vom Wetter. Seine Launen in diesem denkwürdigen Jahre sind Gesprächsstoff überall. Man wundert sich nicht mehr, wenn Erdbeben, Hitze und Kälte, Stürme und Gewitter so häufig auf der Erdoberfläche abwechseln, dass die Wetterberichte Hauptsensation der Tagesneuig-keiten sind. Man hofft einzig noch, dass den eigenen Ferien die Atmosphäre ein wenig hold sein möge, und auf das Glück, dass Sonne und Wärme und vor allem Ruhe in den Lüften doch noch vor Sommerende sich einfinden werden.

Trotz allen ungünstigen Zeichen sind Karl und Friedrich nach ihrem geliebten Mont Blanc gezogen, den sie von drei Seiten kennen, um an der vierten unbekannten Seite ihre Ferien zu verbringen, wie man es so tut in anspruchslosen alpinistischen Kreisen: man raucht seine Pfeife, man bummelt mit verbrannten Gesichtern bei schlechtem Wetter durch die Bergdörfer. Man sitzt tagelang vor Hütten, um ins Graue oder ins Blaue hinauszustarren oder gar hinein ins allzu Menschliche, in unser eigenartiges So- und Nicht-anderssein. Man schmiedet Pläne; jedoch von den Leistungen in den Bergen sprechen höchstens die andern, die an den todesstummen Gebärden immer entziffern, wohin der nächste Tag führt.

Schon kennen die beiden das ganze Alpengebiet, und als verwöhnte Geniesser suchen sie sich ihre Leckerbissen aus, tagelang in den unwirtlichsten Hütten wartend, um zur rechten Stunde alpinistische Schönheiten zu erhaschen, ohne auf Entbehrungen oder Strapazen Rücksicht zu nehmen. Sie lieben den Charme des Bergerlebens. Wo Pioniere menschliche Passage gefunden haben, wo der Geübte und Unerschrockene diesen Weg auch gehen kann, wo das Auge Aspekte und der Körper grösste Anstrengung findet im zerrissenen Erdmantel, da zieht es beide hin. Wie nur Ehrgeiz neue Wege suchen, erstmals machen und schliesslich formulieren kann, so kann nur Leidenschaft immer wieder an stille Orte locken, wo abseits aller Welt das eigene Sein vom Erleben zum Leben, der Unsinn des Daseins zum Sinn des Lebens geführt werden. Nicht drängt es sie, auf Urgrund erstmals ihren Fuss zu setzen, doch immer neu ihr Dasein zu verankern in der eigenen Geisteswelt.

Wie oftmals musste Karl auf lichte Höhen ziehen, um zu verstehen, dass das gleiche Wassertröpfchen, das von der Stirne rinnt, das im Dampf von einem sehnlichst erwarteten Teewasser zischt, das Eis und Schnee, Nebel und Wolken und alle Meere bildet, unser Wohlergehen in den Bergen so hauptsächlich mitbestimmen hilft. Ja, ob den Wolken, da wäre ewig blaues Licht, und kein Wassertröpfchen könnte unser Tun beeinflussen. Doch schon ist 's im göttlichen Raume, von wo wir ausgepumpt und geblendet gerne in bescheidenere Höhen zurückkehren, um uns auf unser tragisch beschränktes Dasein zu besinnen. Wie sehr dieses Dasein besonders in den Bergen an einem Fädchen hängt, vergessen oft auch Bergsteiger. Wenn sie sich gelegentlich über ihre Leistungen brüsten, verkennen sie, was Leistungen in den Bergen überhaupt bedeuten. Glücklich, dass die Jahre ändern was Jugendtaten waren, und dass im Zenith des Lebens manche Tat viel kleiner wird.

Wenn Karl aus den Bergen heimkommt, so ist das Destillat seines tiefen Erlebens immer nur Bescheidenheit. Diese Erkenntnis, als Kontrast unseres anspruchsvollen Daseins, jedes Jahr neu zu gewinnen, ist ihm zum Bedürfnis geworden, dessen Befriedigung ihm mangelt, wenn er die Berge einmal vergisst.

So ist 's also Sonntag, ein Ruhetag, ein Sonnentag! Schon zum drittenmal erscheint der Himmel in ebenso makellosem Blau wie rückwärts die Trabanten des Mont Blanc in blendend hellem Weiss. Nur zu hell erfüllt das lang ersehnte Licht den Raum. Schlechtwetterzeichen drängen auf.

Die Reflexionen an einem Ruhetag in Berg- und Himmelsnähe gehören zu den besondern Kostbarkeiten stiller Geniesser. Wenn man gedanklich nur dem Blicke folgt, so entwickelt der lebendige Geist eine endlose Reihe von Bildern. Das Denken wird Sinnen, es wird Besinnen, das sich zaghaft an das Wissen klammert, bis dies versagt und wir trunkenen Auges am Bilde kleben bleiben, um es festzuhalten, auch nur ein Schimmer, der sich schliesslich mit der Zeit vermählt und zur Erinnerung wird. Oder wir spekulieren mit den Phantasien jenseits von Licht, Farbe und Formen. Wir schlüpfen ab vom Konkreten, wir nähern uns dem Göttlichen, geben ihm menschliche Möglichkeiten, bis wir verwirrt wieder die Augen öffnen, um Menschliches zu begehren und das Göttliche nur zu verehren.

Reflexionen und Abstraktionen gehören nicht zu den zünftigen Gesprächen alpiner Grössen. Bergsteigertechnik, Ausrüstung, Routenstudium und ein Repertoire gefürchteter Turen, Biwak- und Abseilproben, Übungen in Fels und Eis und alles, was zur hohen Schule gehört, sollen Ruhetage ausfüllen, um die Berge immer besser zu bemeistern.

Das Thema übers Wetter endigt in der Vermutung, dass es noch einen Tag halten kann, dass die Bedingungen günstig sind und der Aufstieg beschlossen wird. Welcher Aufstieg? Der Name der Aiguille Blanche de Peuterey fällt mit keiner Silbe. Als aber der beste Führer von Courmayeur anrückt, munkeln die leichtfüssigen Italienerturisten, die mit viel Worten und Gebärden ins Gambaparadies heraufgekommen sind: die beiden Svizzeri wollen den Peutereygrat machen.

Sein Ruf schwankt entsprechend den Eindrücken, die einige wenige Jahrespartien davon berichten und übertreiben. Opfer bester Prägung hat er gefordert. Ob Zufall, Tücke, mobiles Wasser, Wetterlaunen oder eigene Schuld dem Berg die Unglücksfälle buchen, ist so belanglos, wie die Natur ein Sterben mehr oder weniger überhaupt beachtet. Der Zufall tötet, wo er kann. Sein schlimmster Bruder ist die Tücke. Darum muss ihr Widerpart, das richtige Gefühl, intuitiv erwägen und entscheiden, um uns fast blinder Sinne glückhaft vorwärts zu führen. Mobiles Wasser stürzt den Eisturm ein, es rollt den Schnee, es öffnet Schründe, es löst den Stein. Steinschlag ist der lauernde Teufel am Peutereygrat, und wenn in der Glut der Sonne, da sonst alles am Menschlichsten wäre, die letzte Ritze auftaut und das mobile Wasser den irdischen Gesetzen folgt, dann poltert 's unaufhörlich über Wände, Hänge, in Couloirs und Rinnen, und schreckhaft sucht ohnmächtiger Lage der Alpinist Weg und Passage. Den Wetterlaunen ist schon eher beizukommen. Heisst das Ziel Mont Blanc, so gibt 's keinen Zweifel. Wenn eine Wolke nur den Himmel trübt, so wird man nie die Rückzugslinie überschreiten, denn der Mont Blanc ist eine schnelle kalte Mausefalle, die hermetisch zu bleibt, wenn Schneesturm und Nebel ihn einhüllen, und die Weggefahren steigert, bis die Wege nur noch Einbildung sind.

So ungefähr denkt Karl. Seit die beiden ihr Gespräch über das Wetter abgebrochen haben, ist kein Wort mehr gefallen. Warum sollen denkende Menschen immer sprechen? Man kann sich ebenso gut mit sich selbst unterhalten. Es gibt leider so viele Menschen, die mehr reden als denken, und wenn sie nicht sprechen könnten, so würden sie wahrscheinlich nicht einmal denken.

Friedrich ist mit seinen Gedanken anderswo. Seit er ausgestreckt auf einem Blocke an der Sonne liegt, hat er seine nächste Umgebung vergessen. Noch ist er nicht der restlos abgeklärte Mensch wie sein Freund Karl. Noch beeinflusst ihn der Puls des Lebens. Er lässt sich gerne vom Leben mitreissen, soweit sein Verantwortungsgefühl es zulässt, soweit der Kontakt mit dem Leben ihn nicht erniedrigt.

Zum erstenmal in seinem Leben ist Friedrich von einer bevorstehenden Tur beunruhigt. Den starknervigen, nüchternen Menschen beschäftigen Ahnungen, die auf einen schlechten Ausgang deuten. Dabei ist das Sonderbare, dass er mit aller Vernunft und aller Geringschätzung diese Zweifel nicht zerstreuen kann, wie es seinem starken Willen sonst immer gelingt. Wenn ihm jemand prophezeit hätte, er werde morgen am Peutereygrat verunglücken, so hätte er nur gelacht und geantwortet: Gut, dann versuchen wir den Peutereygrat trotzdem. Friedrich glaubt an keine Prophezeiung, aber er weiss, dass die Ursache zu den unbestimmten Gefühlen, zu den aufdrängenden Gedanken ein Ereignis ist, das ihm erst im Augenblick der gigantischen Berge voll zum Bewusstsein gekommen ist.

Als die Sonne über dem Brouillardgrat verschwindet und den letzten blendend hellen Schimmer zum Gambahüttchen schickt, als plötzlich die Schattenkühle auf die stillen Müssiggänger fällt, so dass sie automatisch aufstehen, gibt Friedrich mit einer seelischen Unruhe beschwert die Sinnsuchung auf. Die Freunde nähern sich der Hütte, als Karl unvermittelt fragt: « An welche Freundin denkst du heute? » Friedrich wendet sich langsam gegen seinen Freund hin, sich vergewissernd, ob Scherz oder Ernst die Frage begleitet, und antwortet: « Ja, mein Lieber, ich denke an ein Mädchen, das mich morgen in Verlegenheit bringen kann. » An einem Sommerabend, wenn die Menschen lachen und lärmen, wenn sich sogar die Tiere freuen und in Ekstase sind, wenn die Landschaft und alles in ihr sonderbar duftet, wenn man nicht nur Bewegung, Bilder und Farben sieht, sondern auch Gebärden, ja Gedanken, dann ist eine Fahrt übers Land neben einem schönen Mädchen nicht Milieu zu kritischen Betrachtungen. Man überläset sich gerne den nächstliegenden Eindrücken, der freudigen Minute. So wollen auch Friedrich und seine Geliebte sich dem lachenden Dasein hinzugesellen. Sie gebärden sich wie Kinder, die ein starker Motor durch die Welt gondelt. Sie fahren durch Dörfer und Städte, sie begegnen gelben Kornfuhren, reisender Schuljugend; sie machen Umwege, weil sie keinen Weg haben, sie fahren ins Blaue, weil sie alles freut.

Im abendlichen Dämmerscheine sitzen sie dann auf der Hotelterrasse am Klosterplatz in Einsiedeln im schönen Bilde der heiligen Stätte und plaudern. Zunächst sprechen nur die Augen, jene Sprache, die schon tausendmal und doch noch nie formuliert wurde, doch die alle Menschen verstehen, einmal, mehrmals, immer im Leben. Sie sprechen auch von weniger alltäglichen Dingen, vom Zufall, von der Fügung, dass gerade sie beiden sich kennengelernt haben.

Beim Ave Maria-Läuten folgt Friedrich mit seiner Freundin Rhudy den Gläubigen in die Klosterkirche. Kühle, Zwielicht und Feierlichkeit verwandeln die heitere in besinnliche Stimmung. Auch die Liebenden überkommt der Hauch des Göttlichen in dem hehren Barockgebäude. Minuten vergehen. In Betrachtungen und Empfindungen versunken, schreiten beide geräuschlos umher. Plötzlich lehnt sich Rhudy an Friedrich mit den Worten: « Ich habe so angst um dich ob deinen Mont Blanc-Fahrten, was kann ich tun für dich? » Friedrich beschwichtigt seine Geliebte, aber erfolglos. Dann eilt sie weg von Friedrich, kehrt mit einer grossen Kerze zurück, steckt sie vor der Gnadenkapelle auf, versinkt einige Minuten in Andacht und äussert sich dann befreiend zu ihrem Freund: « Nun habe ich dein Geschick in ihre Hände gelegt, und wenn du zurück bist, so schenke ich ihr noch eine Kerze. » Friedrich ist erstaunt; er bringt kein Wort über die Lippen. Seine Blicke gleiten fragend hin und her vom Kerzenschimmer zu seiner gläubigen Freundin. Noch kennt er seine Geliebte nicht von dieser Seite. Den befreienden Glauben Rhudys wagt er nicht anzutasten.

Friedrich sieht den Kerzenschimmer noch auf der Heimfahrt; er sieht ihn überhaupt immer, wenn er an Rhudy denkt. Der Schimmer ist so merkwürdig, zunächst ganz klein, dann wird der schimmernde Punkt grösser bis zur Erleuchtung des Raumes, und irgendwo darin steht Rhudy.

« Also nach den Ferien schenkst du der heiligen Frau noch eine Kerze? » fragt Friedrich ein wenig maliziös beim Abschied. « Ja, mach dass ich es darf; die Kerze der Dankbarkeit soll noch schöner leuchten », antwortet Rhudy. « Wenn ich es aber nicht verstehe, würdest du es mir zuliebe unterlassen? » « Nein, Friedrich, es ist mir ein zu grosses Versprechen. » « Und wenn ich zum Beispiel verunglücken würde? » « Dann Friedrich, dann weiss ich nicht, was ich tun würde. » — Um 10 Uhr abends verlassen Karl und Friedrich mit ihrem Führer die Gambahütte. Es ist eine helle, milde Mondnacht aus dem Reiche der Märchen; nur fehlen in Felsen und Gletschern die Zypressen und Pinien, die Elfen und Zwerge, um der provozierten Phantasie gerecht zu werden. Dicht unter der Aiguille Joseph Croux betritt die Partie eine Stunde später den Fresnaygletscher, der kategorisch in die Wirklichkeit zurückruft. Wie ein mächtiger Wasserfall zwängt er sich zwischen den Aiguilles de Peuterey und der Innominata tief unten durch. Schaurig gähnen seine Schattenlöcher, phantastisch wirken seine Eistürme. Es ist die Südflanke des Mont Blanc, wo die Szenerie am schönsten, die Gletscher am wildesten, die Felsen am grausamsten sind. Erinnerungen aus Tausend und einer Nacht und Sentimentalitäten aus einem Liebeszauber werden durch harte Arbeit verdrängt. Mit Hin und Her, mit Hinauf und Hinunter gewinnt die Partie langsam Meter für Meter. Der Führer hat nicht nötig, « still » zu rufen, um durch den Hauch der Worte keine Seraks zum Einstürzen zu bringen; denn sprachlos, abgestimmt auf jedes Pianissimo und auf leisen Sohlen umgehen sie Turm um Turm, sie kriechen von Spalte zu Spalte; sie überklettern Eismauern und Abstürze, bis endlich das Schneecouloir von den Dames Anglaises herunter erreicht ist. Hin und wieder stürzt irgendwo ein Eisturm ein, und wie ein Drohgebrüll aufgeschreckter Kobolde schlagen Donnerwellen in endlosem Echo das Trommelfell fast verwundend an. Drei Stunden sind nötig, um das andere Gletscherufer in einigen hundert Meter Entfernung zu gewinnen. Von hier erscheint der Gletscher noch phantastischer, seine Überschreitung noch unmöglicher. Die langen Schatten des tiefen Mondes, der erste Überblick über die gletscher-gefüllte Kluft, der Zauber der Beleuchtung rufen unwillkürlich Gedanken aus der Unterwelt. Den Zugang dazu hat sich die Partie rasch erzwungen, findet sie auch den Ausgang daraus?

Mit Steigeisen bewehrt wird das Couloir zu den Dames Anglaises hinauf in Angriff genommen. Guter Schnee und starke Herzen gestatten mühelos Tritt um Tritt. Die Partie entschwindet sachte der Unterwelt durch die gefährliche Rinne, die von Steinen voll gespickt ist, die sich aber um diese Zeit ruhig verhalten. Wenn der Gefrierpunkt auch nicht erreicht ist in der Luft, so ist doch der Boden gefroren, so dass alles Gefährliche an ihm festklebt. In der obern Hälfte wird das Couloir so steil, dass Stufen nachhelfen müssen.

Hundert Meter unter den Dames Anglaises verdunkelt plötzlich etwas unmerklich die Beleuchtung. Nur Friedrich merkt es, der mit allen Sinnen den Verlauf des Aufstieges registriert. Es sind hohe Schichtwölkchen, von Westen kommend, die vor der Mondscheibe vorbeiziehen. Reichlich früh, denkt Friedrich; denn es ist erst 3 Uhr. Schon sieht er das bekannte Bild auf der Karte, wie eine Depression durch den Kanal anrückt, wie ihre Wolkenmassen das Festland überschwemmen und wie die Vorposten schon über den Mont Blanc ziehen. Also Wetterumschlag! Gewöhnlich wird es Nachmittag, bis er sich in den Alpen auswirkt. Bis dahin können sie oben sein. Die Alto-Stratus nehmen aber bedenklich zu. Die Bewegung West-Ost reisst sie in Linien, in merkwürdige Figuren. Einen deutlichen Pfeil nimmt Friedrich plötzlich wahr, der rückwärts zeigt. Ein Zeichen des Himmels! Kalt fährt es ihm über den Rücken. Warum ist er nur so empfindlich, so empfänglich für Unmögliches? Schon der Aberglaube des Führers, bei den Seraks nicht zu sprechen, hat ihn eigenartig berührt. Nun wieder diese Sinnmöglichkeit. Als Letzter am Seil drängt er unmerklich vorwärts.

Dames Anglaises! Könnte man diesen aufragenden Zacken am Peutereygrat einen besseren Namen geben! Stolz und teilweise unberührt, sind sie nur gefährliche Linie auf gefährlichem Grate.Vielleicht werden sie mit dem Alter noch zugänglicher.

Bei Tagesanbruch nach der südlichen Flankenkletterei erreicht die Partie den Grat. Die Dames Anglaises sind unten im Grat verschwunden. Am nördlichen Horizont erscheinen die bekannten Mont Blanc-Trabanten bis hinüber zur Aiguille Verte. Hier bilden die Schichtwolken bereits eine graue Hülle bis zur erstehenden Sonne neben dem Matterhorn. Friedrich denkt an Umkehr als das einzig Vernünftige, aber Freund und Führer sind für Aufstieg. Den Freund zieht Begeisterung gipfelwärts, Verdienst den Führer.

Aiguille Blanche de Peuterey! Bist du so verführerisch, dass wir leichten Mutes die Rückzugslinie überschreiten, uns dir ganz ausliefern, dass wir es wagen, trotz drohendem Ungemach deine Eishaube zu erklimmen? Alles aufs Spiel! Um bescheiden, leidenschaftlich, kühn, vermeintlich Glück erhaschend, deine elegante Linie abzutasten, die, von Nord und Süd ein unvergleichlich, königlich Profil, zur Sehnsucht wird für Bergsteigerherzen? So wagen wir 's! Sei das Glück mit uns! So denkt Friedrich, und er fände nicht den Mut, das Spiel zu verderben und freudlos den Rückzug anzutreten.

Die Partie klettert weiter. Schon winkt der Gipfel, noch dreihundert, zweihundert Meter. Die Herzen geben, was sie können; sehr viel; denn um 7 Uhr morgens ist die Aiguille Blanche de Peuterey erstiegen, und eine Minute bleibt auf dem unvergesslichen Gipfel zum Sehen.

( Schluss folgt. )

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