Täschhorn. Südostgrat und Abstieg über die Ostflanke

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Südostgrat und Abstieg über die Ostflanke.Von Alois Hürlimann.

Es war an einem wunderbaren, wolkenlosen Herbstmorgen, als ich das Täschhorn von der Solvayhütte aus zum erstenmal so recht betrachtete. Majestätisch ragt sein stolzes Haupt neben den wilden Gipfeln der Mischabelgruppe in das blaue Firmament. Und es reifte in mir der Entschluss, diesem Viertausender bei der nächsten Gelegenheit einen Besuch zu machen.

Am 3. August 1924 reisten Armand Rey, Theodor Keiser und ich nach Täsch. Hier schloss sich uns der in den Ferien weilende Dr. Wille an. Dann machten wir uns auf den Weg und erreichten in gemächlichem Schritt gegen Abend die untere Täschalp, 2117 m, wo wir in einer Alphütte Unterkunft fanden.

Leider war das Wetter etwas zweifelhaft. Graue Nebelwolken jagten wirr um dasWeisshorn herum. Das weidende Vieh war unruhig. Alles keine guten Vorboten für günstiges Wetter. Trotzdem herrschte vor der Hütte gemütliches Lagerleben. Nach einem guten Nachtessen machten wir einen kleinen Abstecher in der Richtung obere Täschalp, um unseren Aufstiegweg soweit als möglich zu erkunden. Der Südostgrat des Täschhorns war teilweise mit deutlich sichtbaren Gwächten bedeckt, was uns in Anbetracht der vielen Schneefälle in den Höhen nicht besonders überraschte. Trotzdem waren wir entschlossen, die Bergfahrt bei nur einigermassen gutem Wetter auszuführen. Wir legten uns beizeiten zur Ruhe, um für die kommende Fahrt etwas auszuruhen. Schlafen konnten wir jedoch nicht lange, denn um 23 Uhr war Tagwache. Das Wetter hatte sich inzwischen aufgeklärt. Eine wunderbar klare Sternen nacht...

Es wurde tüchtig gefrühstückt, und dann verliessen wir die Hütte um Mitternacht. Ein angenehmer Pfad, der sich im Dunkel der Nacht bald im Steingeröll verlor, führte uns zuerst in die Höhe. Hierauf erreichten wir eine lange Moräne, auf welcher der Aufstieg ziemlich mühsam war. Im obern Teil ging 's zwar auf einem schmalen Moränerücken bedeutend besser, und wir gewannen schnell an Höhe. Plötzlich wich der Boden unter meinen Füssen, und ich rutschte wohl an die 10 Meter den steilen Hang hinunter. An einem etwas vorstehenden Block konnte ich mich festhalten und gelangte mit Hilfe des mir schnell zugeworfenen Seiles trotz der Dunkelheit rasch zu meinen Kameraden hinauf. Glücklicherweise verlief dieser unfreiwillige Abstecher harmlos, nur einige Schürfungen blieben mir als Erinnerung zurück.

Bei Anbruch der Morgendämmerung langten wir beim Weingartengletscher an, welcher in gewaltigen Seraks zur Moräne abfällt. Am Fusse desselben wurden die Steigeisen angeschnallt, und dann nahmen wir den Gletscher von der rechten Seite her in Angriff. Nach einiger Stufenarbeit glangten wir auf ein kleines Plateau zum Felsrücken zwischen Punkt 3234 und 3253. Um dem am Randfelsen sich hinziehenden Bergschrund auszuweichen, benützten wir in den Felsen ein von unten ganz harmlos aussehendes Couloir, das uns aber besonders im obern Teil bedeutende Schwierigkeiten bereitete. Unter einer dünnen Schuttschicht war schwarzes Eis, und zum Sichern sind zudem nur wenige, unzuverlässige Griffe vorhanden. Das Schicksal war mir heute nichts weniger als hold, denn plötzlich sauste ein Stein durch die Luft, welcher trotz des Wollhutes meine Stirne blau und rot zeichnete. Doch nur noch einige Minuten zäher Kletterei, verbunden mit Stemmarbeit, und wir hatten das verräterische Couloir hinter uns. Es hatte uns beinahe eine Stunde kostbare Zeit geraubt, trotzdem wir an Höhe keine 100 m gewonnen hatten.

Nach diesen unliebsamen Überraschungen wäre ich am liebsten umgekehrt, denn der heutige Tag versprach mir bis anhin wirklich wenig Gutes. Doch das schöne Wetter und der Gedanke an die dieses Jahr so spärlichen schönen Tage für solche Bergfahrten spornten mich an, weiterzugehen. Von hier querten wir den Gletscher, einige Spalten im Zickzack umgehend. Nach kurzer Zeit befanden wir uns am Fusse des Südostgrates des Täschhorns und machten den ersten Halt.

Ein herrliches Panorama breitet sich vor uns aus. Wenn man den Blick gegen Zermatt richtet, erhebt sich rechts die bekannte Leiterspitze. Daneben reihen sich das Kienhorn und weiter oben der Teufelsgrat. In wilden, zerrissenen Zacken und Türmen windet sich der letztere zum Täschhorn hinauf. In der Ferne leuchten im Morgenrot Weissschalli- und Zinalrothorn. Weiter links ragt die kühne Pyramide, das Matterhorn, zum Himmel empor. Auf all diesen Gipfeln lag ziemlich Neuschnee. Im Sonnenglanze leuchten Breithorn, Lyskamm und Monte Rosa und halten uns im Banne. Es ist ein Bild VII32 gewaltiger, wilder Schönheit. Dazu herrscht eine erhabene, feierliche Stille, die von keinem Geräusch unterbrochen wird. Was der aufmerksame Wanderer in solchen Momenten empfindet, lässt sich nicht in Worten ausdrücken. Man schweigt und staunt und lässt die Natur reden, die in wuchtiger und ernster Sprache von des Schöpfers Grosse erzählt. Dann stiegen wir, etwas nach links haltend, einen steilen Schneehang hinauf und erreichten bald eine Rippe, über die wir in anregender Kletterei gut vorwärts kamen. Eine Stelle bereitete uns Schwierigkeiten. Es ist eine kleine, fast senkrechte Wand am Ende eines steilen Couloirs, bei deren Überwindung der Hintermann jedoch nicht behilflich sein kann. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang es dem Vordermann, das Hindernis zu überwinden, indem er sich nach äusserstem Kraftaufwande an einem kleinen Griffe langsam hinaufarbeitete. Die andern folgten mit Hilfe des Seiles nach. Erst nachher bemerkten wir, dass diese Stelle auf der rechten Seite gut hätte umgangen werden können. Darauf kamen wir über leichte Felsen morgens 880 Uhr auf den Südostgrat des Täschhorns.

Wir mussten leider feststellen, dass die Verhältnisse hier oben bei weitem nicht so gut waren, wie wir sie erwartet hatten. Zuerst ging es zwar noch ganz ordentlich, aber bald versperrten uns hohe Gwächten den Weg, so dass wir einen grossen Teil des Grates zumeist in der rechten Wand umgehen mussten. Der mit Schnee und Eis bedeckte Fels war an einigen Orten sehr brüchig und erforderte grosse Vorsicht, da teilweise nur ungenügend gesichert werden konnte. Die Verhältnisse wurden immer schwieriger und erlaubten nur ein langsames Vorwärtskommen. In strenger Arbeit flössen die Stunden dahin.

Das Wetter hatte sich inzwischen verschlimmert. Kleine Wolken waren schon einige Zeit am Himmel emporgezogen, und in unheimlich kurzer Zeit war das Firmament grau bedeckt. Auf einmal umhüllte uns ein leichter Nebel, und ein heftiger Wind jagte uns schon die ersten Schneeflocken entgegen. Es wurde Rat gehalten, ob es nicht besser wäre, umzukehren. Doch mit Rücksicht auf die überwundenen Schwierigkeiten und in Anbetracht des nahen Gipfels kletterten wir weiter. Zudem hätte uns der Abstieg nach der Kienhütte nach unserer Berechnung bedeutend weniger Zeit in Anspruch genommen als der Rückzug über unseren Aufstiegsweg, da wir in letzterm Falle unbedingt auf dem Grate hätten übernachten müssen. Der Wind wurde immer heftiger, und es bedurfte oft grosser Vorsicht, um nicht in die Tiefe gerissen zu werden.

Beim Verlassen des Grates reichte uns der Schnee bis an die Schenkel. Einen kurzen Augenblick sahen wir den Gipfel des langersehnten Täschhorns vor uns. Doch nur einen Augenblick sollte die Aufheiterung dauern, und dann verhüllte er sich wieder in wildem Schneetreiben. Die Schneestampferei ermüdete uns sehr, trotzdem wir einander ablösten. Wir mochten zirka 100 m unter dem Gipfel sein, als wir uns entschlossen, den Rückzug, d.h. den Abstieg, anzutreten. Eine Wiederbegehung des langen Südostgrates konnte infolge der ungewöhnlichen Hindernisse nicht mehr in Frage kommen, hatten wir doch hiefür volle 9 Stunden gebraucht. Wir berieten uns noch über ein sofortiges Biwak. Schnee wäre genug vorhanden gewesen, um ein Loch auszupickein, das uns gegen den Wind Schutz gewährt hätte. Doch wer weiss, wie lange der Schneefall anhalten und den Abstieg nur noch schwieriger gestalten konnte I Schliesslich einigten wir uns, für den Abstieg die Ostflanke zu benützen, um dann allenfalls über das Mischabeljoch zurückzukehren. Abends 6 Uhr traten wir den Rückzug an. Ein angenehmer Schneegrat führte uns eine kurze Strecke rasch bergab. Dann kamen wir an die steile Wand, welche wir aber infolge des Schneetreibens nur auf einige Meter überblicken konnten. Der Abstieg über diese Schnee- und Eishalde war wohl die mühsamste + Biwakstelle.

und auch gefährlichste Partie der ganzen Tur. Die Steigeisen leisteten uns zwar vorzügliche Dienste; doch musste Schritt für Schritt gesichert und teilweise viele Stufen geschlagen werden. Diese endlos scheinende, unheimliche und äusserst ermüdende Wand wollte kein Ende nehmen. Endlich, nach abends 9 Uhr kamen wir am Fusse derselben an. Wir traversierten beim Schein der Laterne die ganze Breite des Hanges, welcher senkrecht zum Gletscher abfällt und von einem Bergschrund begrenzt wird. Wir konnten aber wegen bereits eingetretener Dunkelheit leider keinen Abstieg mehr finden. Es wurde das Abseilen über diese Eiswand in Erwägung gezogen, in welchem Falle wir jedoch einen Pickel hätten zurücklassen müssen. Doch war die Wand, wie wir mit einem am Seil hinuntergelassenen Pickel feststellen konnten, ziemlich hoch. Zudem konnte der Bergschrund unser Vorhaben in höchstem Grade gefährden, weshalb wir vorsichtshalber darauf verzichten mussten.

Nach wiederholten vergeblichen Versuchen blieb uns nur die bittere Notwendigkeit, hier auf etwa 3700 m zu biwakieren. Zum Glück fanden wir einen in horizontaler Richtung verlaufenden Riss, welchen wir mit Hilfe der Pickel vergrösserten. Wir hatten zwar tatsächlich keine grosse Lust mehr, in Eis und Schnee zu pickein. Doch die Vorsicht erforderte es, und zwar um so mehr, als bei diesem Schneefall schon während unseres Abstiegs Schneemassen niedergegangen waren. Nach einer Stunde Arbeit war unser Lager so weit hergerichtet, dass wir nebeneinander sitzend und an die Schneewand angelehnt, von der Rückseite geschützt waren. Theodor meinte: « Da soll der Teufel übernachten, aber nicht ich. » Doch musste auch er sich darein fügen. Die Pickel verankerten wir zwischen den Beinen, um auf alle Fälle etwas Halt zu haben. Unsere Finger waren halb starr, so dass wir die Rucksäcke kaum öffnen konnten. Ein tüchtiger Imbiss stärkte uns, hatten wir doch in unserer Eile seit morgens 11 Uhr fast nichts mehr gegessen. Kleine und grössere Schneemengen stürzten neben und über uns zu Tal. Der Wind heulte und wirbelte uns in wildem Treiben den Schnee ins Gesicht. Eng aneinandergeschmiegt, suchten wir uns gegenseitig zu erwärmen. Die Körper bebten vor Kälte. Doch war keine Möglichkeit vorhanden, auch nur einen einzigen Schritt zu tun, denn an steiler Wand befand sich unser Schlupfwinkel, und nur wenige Meter darunter drohte der senkrechte Absturz.

Wir hatten uns zum Glück reichlich mit Zucker versehen. Der führte uns immer wieder etwas Wärme zu. Zudem gab uns eine Flasche echten Champagners — bei dieser Temperatur allerdings mehr Glacier —, wofür ich meinem Bergkameraden Armand heute noch danke, überdies etwas guten Humor, so dass wir den Mut auch keinen einzigen Augenblick verloren. Wille hatte seinen Rucksack mit einem « zünftigen Mocken » Speck versehen. Diesem taten wir denn auch alle Ehre an, und ich glaube, wir haben es dem Speck und dem Zucker in erster Linie zu verdanken, dass wir diese Nacht überstanden haben. Die Nacht war furchtbar kalt. Wie ein Nichts erschienen wir uns in dieser gewaltigen, entfesselten Natur. Einen Augenblick lichtete sich das Wetter, und in der Ferne, tief unten im Tal, sahen wir die Lichter von Saas-Fee. Es schien, als wollten sie unsern Aufenthalt in dieser verlassenen Welt erleichtern. Wille erzählte mir einige seiner alpinen Erlebnisse, so dass die Zeit doch mit etwas Abwechslung ausgefüllt wurde. Hin und wieder liessen wir einen Jodel ertönen, was mit dem Brausen des Sturmes eine eigenartige Melodie ergab. Gegen 2 Uhr morgens hörte es auf zu schneien. Die Kälte wurde immer grimmiger. Fast unüberwindlicher Schlaf stellte sich ein. Doch mit der äussersten Kraft kämpften wir dagegen, denn das wäre der Tod gewesen. Die Nacht wollte kein Ende nehmen; sie erschien uns furchtbar lang. Endlich brach die langersehnte Morgendämmerung an, und wir rüsteten uns um zirka 4 Uhr zum Aufbruche. Die Füsse waren in den hartgefrorenen Schuhen beinahe gefühllos geworden. Einige Meter von uns entfernt bot sich eine gute Abstiegsmöglichkeit. Die Absturzstelle war durch die in der Nacht niedergehenden Schneemassen ausgefüllt worden, so dass wil sie ohne Schwierig- keiten überschreiten konnten. Hätten wir diese Stelle doch schon am Vorabend passieren können! Das Biwak weiter unten wäre viel angenehmer gewesen, denn da hätten wir uns doch frei bewegen können. Aber so etwas gehört zur Abwechslung im Bergsteigerleben.

Die Wolken am Himmel verschwanden allmählich, und die Sonne ergoss ihre ersten Strahlen über die mächtige Winterlandschaft. Ein heftiger Wind von unglaublicher Stärke wirbelte den an einigen Orten mehr als meterhohen Schnee wie eine Windhose in die Luft, dass sich die Sonne oft verfinsterte und wir stillstehen mussten, um von der Macht des Windzuges nicht umgeworfen zu werden. Die Querung des langen, verschrundeten Feegletschers erheischte Vorsicht, da die kleinen Spalten wegen des Neuschnees nicht sichtbar waren. Hin und wieder drohte der Vordermann in einer solchen zu versinken. Allein wir waren uns dieser Gefahr bewusst und hatten das Seil stets straff angespannt, so dass jeder « Einbrecher » allemal bald wieder befreit war.

Am Fusse einer Eiswand machten wir den ersten Halt. Das herunter-rieselnde Gletscherwasser, mit währschaftem « Kräuter » gewürzt, kühlte unsere trocken gewordenen Kehlen. Zum erstenmal für heute, also nach einigen Stunden mühsamer Gletscherwanderung in 50 cm Neuschnee, betrachteten wir so recht die Fernsicht. Zuerst richtete sich unser Blick hinauf zur Biwakstelle, dann unserem Abstiegsweg entlang zum Täschhorn. Es war ein überwältigender Anblick von Viertausendern. Eine unbeschreibliche Rundsicht, an der sich das Auge nicht sattsehen und ausruhen konnte! Das war der wohlverdiente Lohn nach getaner Arbeit.

Im untern Teil des Gletschers lag bedeutend weniger Neuschnee, weshalb wir auch schneller vorwärts kamen. Nach etwa sieben Stunden Gletscher erreichten wir um 11 Uhr die Lange Fluh und ruhten an der warmen Mittagssonne ein wenig aus. Doch waren wir ja noch nicht am Ziel und brachen bald wieder auf. Eilig schritten wir über die Gletscheralp dem Tale zu und kamen nachmittags um l¼ Uhr in Saas-Fee an. Noch einmal blickten wir hinauf zum Täschhorn. Wir harmlos stand es da!...

Täschhorn! Wenn du uns auch die Heimtücken des Hochgebirges reichlich zu kosten gabst, so zürnen wir dir nicht. An dir haben wir unsere Kraft und Ausdauer messen können und sind aus hartem Kampfe heil hervorgegangen. Du hast unsere Energie gestählt. Beim Anblick deines im Sonne-glanze wie Kristall leuchtenden Gipfels sollen alle Mühen vergessen sein.

Nach einer kurzen Rast nahmen wir Abschied von Saas-Fee und wanderten das Tal hinaus nach Stalden, ein jeder in seine Gedanken vertieft.

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