Tambohorn im Winter

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Aletschgletscher zu kommen, mit Fusseisen und eisenbeschlagenem Stock in das Eistal hinuntergeklettert sei. Aber das alles sind nur ganz vereinzelte Nachrichten, zudem von Reisenden, wie überhaupt die Literatur denkbar einseitig ist, da wir sozusagen keine Nachrichten von Alpenbewohnern, Jägern, Bauern, über ihre Erfahrungen aus den Alpen besitzen. In dieser Unbesteiglichkeit und Unberührtheit mussten die Alpen, wie wohl verständlich, einen andern Eindruck hinterlassen, als wir ihn heute besitzen, wenn wir nach stundenlanger Arbeit von einem Drei- oder Viertausender heimkehren. Schrecken und Angst paarten sich mit der Bewunderung vor der absoluten Grosse, was trefflich zum Ausdruck kommt in Christens Wort über die Jungfrau: « le pucellage le plus grand, le plus vieux, le plus frais et le plus fier qui soit au monde. »

Tambohorn im Winter.

Von Edwin Weber.

Bodenhaus Splügen. Durch die hohen Bogenfenster dringt das erste Licht des ersehnten Tages. Müde verblassen die glühenden Lampen im weiträumigen Saal. Blumen des Südens zieren die weissgedeckten Tische und verbreiten festliche Wärme. Mein Bergfreund lässt sich Zeit für das reichliche Frühstück. Er tut das immer, wenn er Grosses vor sich weiss. Einmal am Berg, hat er keine Zeit für des Leibes Nöte.

Um halb 7 verlassen wir die hochgewölbten Hallen des feudalen Hauses. Es ist reichlich spät für den weiten Weg. Doch verhallen unsere Schritte über dem harten Pflaster noch laut in der grossen Leere des schneefreien Dorfplatzes. Da und dort steigen die ersten weissen Räuchlein senkrecht aus verrussten Kaminen. Wir überschreiten das grobkiesige Bett des Rheins. Eisige Fesseln bändigen seine junge Gewalt. Steinige Ufer verbindet eine hässliche Brücke. Beidseitig des Flusses drängen noch dunkel gewaltige Bergmassen zum lichtenden Himmel. Über dem hinteren Grunde des Tales liegt aber verheissend der rotglühende Morgen auf dem winterlichen Gebirge. Überall noch das grosse Schweigen. Schwarze Tannen weisen vor uns steil in den dämmernden Bergwald. Altharter Schnee erlaubt uns guten Schritt. Die hölzerne Last auf den Schultern, steigen wir lautlos bergan. Ungezählte Wildspuren zeugen von nächtlichem Gelage. Im obersten Bogen betreten wir die Splügenstrasse. Hart und verfahren, ist sie mühsam zu begehen. Wir Männer versuchen es auf den Skiern. Doch bald siegen die beiden Frauen in ihrem beharrlichen Gang. Bei der zweiten Brücke über den Häusernbach öffnet sich die weite Mulde des Passes. Wir schnallen an. Frei von der Strasse ziehen wir in gutem Tempo den Hängen der Danatzalp entlang. Hier liegt unter harter Decke tiefer Schnee. Die Schattenseite des Tales auf der Alp Rhäzüns bis hinauf zu den Surettahöhen ist durch den Westwind vom Pass fast reingefegt. Nur der Föhn kann hier grosse Niederschläge bringen. Diesen Winter ist er ausgeblieben. Von der Passhöhe her bläst kalter Wind. Die vielen Kehren der Strasse lassen wir links und kanten die steilen Hänge hinauf und durch zwei tiefe Lawinenzüge direkt zum Splügen-Berghaus.

Es ist 81/,, Uhr. Der kleine 5jährige Fluri des Bergwirtes empfängt uns mit Vorwürfen. Dieser Weg durch die Rinne wäre verboten und dürfe nur vom « Guardi », womit er den Zöllner meint, begangen werden. Recht hatte er, der kleine Bergführer. Duftender Kaffeegeruch zieht uns in die warme Stube. Freundliches Willkomm und willige Bereitschaft der netten Wirtsleute, uns auch eine Tasse zu brauen. Freund Müller und Frau verzichten in Anbetracht des heroischen Frühstückes. Der gut geheizte Kachelofen zieht mich in seine Nähe. Auf Regalen und an den Wänden entdecke ich Bilder, Inschriften und selbst Miniaturgedenksteine, auf denen mit Jahr und Tag verzeichnet ist, wer in den Kriegsjahren hier oben war zum Schütze unserer Grenze. Keiner der Vielen, die hier unsere herrliche Heimat schirmten gegen fremde Gefahr, wollte vergessen sein. Finden wir nicht in unseren Bergen noch ungezählte Beispiele solchen Opfersinnes aus der ernsten Zeit? Wäre es nicht würdig, solche Erinnerungszeichen zu vereinen in granitener Inschrift auf der Höhe eines Grenzpasses? Den noch Lebenden zum Dank — den Kommenden als Mahnung. Gedenkend der damaligen schweren Stunde, schlürfe ich meinen Kaffee. Freund Müller jauchzt vor Ungeduld vor dem Hause. Es ist schon 9 Uhr. Mit besorgter Miene wünschen uns der Wirt und seine Leute frohe Bergfahrt. Für die selten gemachte winterliche Begehung wäre der Tag schon zu kurz. Wir vertrauen auf den seidenblauen Himmel und ziehen los.

Scharf und kalt pfeift rauher Wind über den Pass und treibt den Flugschnee zu wechselnden Haufen. Durch die besagte, hartgefrorene, etwas windgeschützte Rinne Richtung Gratausläufer links vom Alpetlistock. Hinter den ersten Felspartien über der Strasse kommen wir in völlige Windstille und leidlich guten Schnee. Endlich am Berg unserer Sehnsucht! Wie oft bewunderten wir von Osten, Norden oder Westen seine wechselnde formschöne Gestalt, die so eigenwillig und mächtig zwischen Splügen und Curciusatal aufstrebt als Grenzpfeiler der Schweiz.B.esonders sein Anblick von Westen, wenn winterlich seine steilen marmorenen Flanken sich verlieren im dunkeln Blau des Himmels. Nur einmal möchte ich zur Schneezeit seinen erhabenen Scheitel betreten und die ungehemmte Sicht über unsere Berge geniessen und das Land des Südens. Wird es gelingen? Oft und lange betrachtete ich zu Hause das Kartenbild unter dem Gesichtspunkt winterlicher Begehung. Ich trage es in mir als ein Teil des möglichen Erfolges, und es weist uns den Weg. Als Kamerad Freund Müller, der als jugendlicher Draufgänger alles ergreift, was gross, schön und mächtig. Dazu unsere kleinen Frauen, die uns anspornen zu mannhafter Tugend. Als Zeitpunkt schien uns der schneearme Spätwinter günstig, da wir die Nordseite des Berges als Aufstieg gewählt. Wenn uns aber der Berg seine königliche Gunst nicht schenkt? Dann schauen wir auf zu seinen lichten Höhen und beugen uns in Demut vor seiner grenzenlosen Schönheit und Gewalt.

vili37 Doch je näher wir zu ihm kommen, um so weniger sehen wir ihn. Durch kaltschattige Mulden und über viele Buckel ziehen wir durch massig tiefen, gut gesetzten Schnee unsere einsame Spur. Bald kommen wir in den Lichtkreis der Strahlenbündel, die zwischen den Surettahörnern hindurch blendende Helle auf die Hänge unseres Aufstiegs senden. Ein lichtvoller Morgen liegt über den scharf gezeichneten Bergen, aber die ungeschützten Augen ertragen nicht den vollen Glanz der unendlichen Schönheit. Fand nicht ein Grosser die wahren Worte dieses Augenblicks:

« Hinauf geschaut — Der Berge Gipfelriesen Verkünden schon die feierlichste Stunde; Sie dürfen früh des ewigen Lichts gemessen, Das später sich zu uns hernieder wendet.

Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet, Und stufenweis herab ist es gelungenSie tritt hervor — und, leider schon geblendet, Kehr'ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen. » Faust.

Über stark welliges Skigelände gelangen wir in die gesuchte Einsattelung. Unser Berg wird sichtbar. Er überrascht durch seinen wuchtigen Aufbau. Noch 1000 m höher erhebt er sein felsiges Haupt über gewaltigem Abgrund. Vergeblich suche ich in seinen Flanken die Vergletscherung, wie die topographische Karte sie zeigt. Bis auf kümmerliche Reste ist alles verschwunden. Links oben führt vom Lattenhorn ein firngekrönter Grat zum letzten Gipfelaufbau. Dort hinauf muss uns der grosse Steilhang führen, der bis an die obersten Felsen zwischen dem Piz Tamburello und Lattenhorn hinaufreicht. Die Schneeverhältnisse an dieser 400 m hohen Steilstufe werden über unseren Erfolg entscheiden. Von unserer bisherigen Richtung biegen wir im rechten Winkel nach links ab und spuren, durch prächtige Mulden ansteigend, an den Fuss der Wand. Der Schnee wird immer tiefer. Es ist 11 Uhr. Die ersten steilen Buckel geben uns eine Vorahnung der noch zu leistenden Arbeit. Knietief versinken unsere Bretter im leichten, pulverigen Schnee, und es braucht oft grosse Mühe, die Höhe des nächsten Kammes zu erklimmen. In gutem Abstand folgt der zweite Mann, die Spur verbessernd für die beiden Frauen. Oft überfliegt mein prüfender Blick die grosse Fläche, die wir, die Fallirne kreuzend, ersteigen müssen. Es zeigt sich bald, dass wir hier unten durch den Flugschnee spuren, der vom Fallwind heruntergeweht. Soweit sichtbar, muss der Schnee in den oberen Regionen hart und Verblasen sein. Unermüdlich fressen sich unsere Bretter durch die lockere Masse. Der Hang wird von ausgeglichener Steilheit. Die Schneetiefe nimmt zusehends ab, und im obersten Drittel geraten wir in die verblasene Zone. Der Gratwind zeichnete in den Schnee seine wunderlichsten Figuren, denn keines Menschen Spur störte diesen Winter sein ausgelassenes Spiel. Manch hartes Gebilde muss zuerst mit den Skiern zerschlagen werden, um für die Felle griffigen Grund zu finden. Dort wo der Schnee am höchsten in die felsige Lücke hinaufreicht, überschreiten wir um 1 Uhr den Kamm. Auf trockenem Fels eine kurze Rast. Wir sind im vollen Licht der südlichen Sonne. In blendender Reinheit überstrahlt sie die weisse Bergwelt. Tief unter uns entdecken wir schwarze Punkte, huschend über die Schneefelder des italienischen Kurortes Monte-spluga.

Wir gehen weiter. Unser Berg türmt sich immer steiler über unseren Köpfen. Wir versuchen, an den obersten Südhängen des Lattenhornes durchzutraversieren. Der Schnee erweist sich aber hier trotz der Sonne so hart gefroren, dass selbst die Harsteisen keine genügende Stütze finden. Also Abfahrt in die breite Mulde unter diesem Gipfel und Aufstieg gegen den breiten Steilhang südlich der Grenze. Mit zunehmender Neigung erweist sich die weitere Begehung mit Skiern zu beschwerlich. Sonne und Wind machten aus dem duftigen Schnee ein steinhartes Gefüge. Die Bretter bleiben auf einer Felsrippe zurück. Vom oberen Ende derselben haken wir uns leicht mit dem Pickel nach links hinauf zur Felsbastion auf zirka 3000 m Höhe. Balkon-gleich steht sie 1000 m über der schaurigen Wand ins Val Loga. Ein fast horizontaler Quergang über der Spianata führt durch knietiefen Schnee zum Grat zurück und an den Fuss des Gipfels. In Schnee und Eis gekleidet, thront über uns die erhabene Spitze. Sonniges Gold spielt über seine felsigen Kanten. Zur herrlichen Pyramide geformt, steht der Berg vor uns in vollkommener Schönheit hoch im blauen Grunde des Himmels. Es ist schon 3 Uhr. Ich lege den Rucksack ab und setze mich auf warmen Fels zu kurzer Besinnung. Meine Freunde bewehren ihre Schuhe mit spitzigen Eisen. Eisstücke klirren mir zwischen die Beine. Müller hat sich schon in den Ostgrat verbissen und schlägt Wunden in den Berg. Hart aufgeschlossen folgen ihm die beiden Frauen. Ich eile nach. Über harten Firn und durch vereistes Geröll entsteht eine gute Treppe. Über die schattigen Wände zur Rechten streicht kalter Wind herauf. Wir kommen auf die äusserste Gratkante. Links und rechts sausen die Eisstücke in die schaurige Tiefe. Unser Stürmer arbeitet in grimmiger Wut. Wie ich nach oben schaue, sehe ich ihn wie den leibhaften Berggeist mit dicht gefrorenen Augenbrauen und langen Eiszapfen im Bart. Der Firngrat geht in trockene Felsen über. So oft es geht, greifen wir nach der Sonnenseite des Grates hinüber, um etwas Wärme zu erhaschen. Aus den Felsen steigt ein schmaler Schneegrat steil direkt unter die Wächte des Gipfels. Ein paar vorspringende Platten vermitteln guten Übergang, und um 4 Uhr betreten wir den langen First des ersehnten Zieles, 3276 m.

Freudig erregt drücke ich meinen drei Kameraden die Hand. Gemeinsam empfangen wir die Weihe der Stunde. Aus Sehnsucht wurde Verheissung, aus Freundschaft ward Erfüllung. Mit dürstenden Augen schauen wir die wunderbare Offenbarung des weiten Gipfelmeers. In unvergänglicher Kraft spendet das strahlende Licht des unendlichen Himmels Glaube und Hoffnung. Es erhebt uns der Berg über menschliche Tiefen. Und des Winters göttliche Reinheit erhöht unseren herrlichen Thron. In Eis und Schnee gepanzert, verliert sich die Westseite unseres Berges in gewaltiger Mauer ins Areuetal. Sein Grund ist nicht sichtbar. So schweben wir losgelöst zwischen Himmel und Erde. Den abendlichen Horizont zeichnen blaue Gipfel in fernen Weiten. Sie ragen aus dem dichten Schleier, der die grosse Ebene bedeckt bis weit nach Süden. Im Norden aber brandet er am herrlichen Gebirge, das hier die Grenze der sonnigen Schweiz bildet. Der Tag neigt gegen Abend. In goldener Linie bricht das zarte Gebilde der überhängenden Wächte jäh ab in die schattige Tiefe. Die Kälte wird grimmig. Wir steigen ab. Vorsichtig klettern wir wieder die Himmelsleiter hinab. Oben noch beinahe windstill, tauchen wir wieder in scharfwehende Luft. Unter dem Grat noch ein Blick zurück. In wundervollem Strahlenkranz steht unser Hörn vor der sinkenden Sonne.

Ohne Hast führen wir den Abstieg fort. Wir wollen das Schöne zu Ende gemessen. Blaue Schatten huschen an glühende Gipfel. Kamm um Kamm sinkt in den weichenden Tag. Nur noch wenige Zinnen tragen das lodernde Feuer. Und langsam, wie von unsichtbarer, urgewaltiger Hand, löscht auch die letzte Glut am marmorenen Altar. In Andacht erschauern wir vor den überirdischen Kräften und ihren erhabenen Skulpturen.

Wir sind wieder unten bei unseren Skiern. Durch die flache Mulde steigen wir am jenseitigen Hang wieder hinauf zu unserer Lücke im Grat. Noch sind wir dem Berge verfallen. Aus dem Dunkel der Tiefe von Chiavenna glänzt wie ein mattsilbernes Band die Maira empor. Verglimmend versinken die Kronen der Schöpfung im stahlblauen Schatten der Erde. Darüber erstrahlt nun in purpurrotem Bogen der lichtdurchflutete Raum. Sein zart-rosiger Widerschein legt sich nochmals über Schnee und Fels. Dann verblassen auch die höchsten Gipfel. Es scheidet das Himmelslicht zu ewig neuer Auferstehung.

Noch schauen wir unverwandt zu den ehernen Spitzen. Urlicht breitet sich über die tote Erde. Gespensterhaft weiss und kalt rücken Gipfel und Grate näher. Fratzenhaft grinsen sie mich an. Mich friert. Wo haben mich die Berge schon einmal so rauh ergriffenAuf sonnigem Gletscher tummelte sich einst frohes Skivolk. Da kam die Stunde des Entsetzens, als in eisiger Tiefe dem jungen Freunde die Seele für immer entfloh. Damals erschienen mir die Berge erstmals in dämonischer Gestalt. Heute ist Karfreitag — Opfertag I Gerne lasse ich mich nun von meinen Freunden drängen. Ski und Bindung werden sorgfältig mit uns verbunden zur späten Fahrt. Wir treten über den Kamm und schauen in die düstere Tiefe des Rheinwald. Finster frisst sich schon die Nacht durch die Täler und schleicht gierig an den Wänden empor zu den Gipfeln. Tiefgebückt fahren wir ab. Wir folgen genau der Aufstiegspur. Durch die Windgangeln und den steilsten Hang führt uns noch schwaches Licht. Frau Müller nimmt den untersten Hang zum Sattel im Schuss und fährt voraus zur Beruhigung der Besorgten im Hospiz. Dann wird es völlig Nacht. Grosse und kleine Lichter funkeln im schwarzen Raum, aber sie vermögen nicht zu entzünden die Kristalle des Schnees. Die Erde hat uns wieder. Tastend fahren wir über ihre krumme Fläche und kämpfen gegen das Gesetz der Beharrung und der Schwere. Die Natur triumphiert über menschliche Schwächen.

Ein Ruf tönt aus der Tiefe. Wir folgen ihm, und um halb 9 Uhr treten wir über die Schwelle menschlicher Behausung.

Und ob dem Schauen und Geniessen vergass ich meinen Rucksack in den Felsen des Gipfels. Also eilten anderntags Freund Müller und ich der gezeichneten Spur entlang in dreieinhalb Stunden nochmals hinauf zum erhabenen Scheitel. Über einem gewaltigen Wolkenmeer liess er uns erneut sein heiliges Wunder schauen. Selbst die Lüfte hiess er schweigen zur ewigen Ruhe des unendlichen Raumes. Dann entliess er uns gnädig zur herrlichen Talfahrt. Er — mein königlicher Berg ob dem hinteren Rheinwald.

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