Tausend Meter Eleganz

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Alex und Hans-Peter Reber, Basel

Gross Fiescherhorn Nordwandpfeiler 3800 Meter - beissende Kälte und heftiger Wind: Gross Fiescherhorn. Wir sind auf dem Vorgipfel, haben uns vor Stunden ein Schneeloch gegraben und warten auf den Morgen. Der Biwaksack flattert wie eine Fahne im heulenden Wind, das Kondenswasser ist längst in der Kälte erstarrt. Es ist unangenehm. Wir reden dumme Sachen, denken an Wärme und hören dem Wind zu. Wir freuen uns beide auf morgen, auf den Abstieg, die Jungfraubahn, die uns zurück ins Tal bringt. Gegen ein Uhr in der Nacht klart es auf. Zwischen den auseinandergerissenen Nebelfetzen leuchten Sterne, schwer und dimensionslos tauchen die Berge aus dem bleichen Gewölk in die Nacht - ein für Sekunden betäubendes, starkes Bild. Der Wind wirft den gefallenen Schnee nun gleichmässiger über unser Lager hinweg in die Wand hinaus. Wir fühlen die Ruhe, die Geräusche werden monoton, machen müde, schläfrig... Es ist einsam in dieser leeren, weiten Nacht, in dieser herrlichen Landschaft, die man nur für Augenblicke in all ihrer Rauheit erlebt - schon nach Stunden bleibt nur die Erinnerung.

Bei Tagesanbruch wird man dann aus einem unruhigen Halbschlaf gerissen, hat noch immer den Wind in den Ohren, obwohl er verstummt ist. Die umliegenden Gipfel ragen scharf gezeichnet in den blassen Morgenhimmel hinein, fassbarer als noch vor Stunden und realer in ihrer Grosse. Ein herrlicher Tag beginnt, wir sind voller Freude. Während im Westen die ersten Sonnenstrahlen noch beinahe zögernd die Bergspitzen streifen, packen wir unsere Sachen, rüsten uns zum Abstieg. Auf den untersten Hängen des Nordwestgrates sind bereits die ersten Seilschaften unterwegs. Ungläubig blicken uns die Emporkom-menden an: Es muss ulkig aussehen, zwei Typen auf dem Abstieg vom Fiescherhorn, früh am Morgen; dazu das steifgefrorene, von Schneekristallen überzogene Seil. Unser Gruss wird nicht erwidert, stumme Gestalten eilen dem Gipfel zu. Schon von hier aus können wir die Mönchsjochhütte erkennen, diese rostrote Bude auf Stahlstelzen, die da fast zufällig an der Ostflanke des Mönchs im Geröll steht. Eigentlich wollten wir sie gestern errei- chen... Damit schweifen auch unsere Gedanken zurück, erinnern wir uns an die eben erfolgreich durchgeführte Tour.

Der Zäsenberg, ein unscheinbarer Felskopf zwischen den Brüchen des Fieschergletschers und dem Unteren Eismeer, ist heute der gebräuchlichste Ausgangspunkt für alle Routen in den Nordabstürzen der Fiescherwand. Ihn zu erreichen ist eher mühsam, die karge Berglandschaft, die man durchstreift, aber einzigartig schön. Spät suchen wir uns dort oben einen Biwakplatz für die kommende Nacht. Das Schreckhorn sticht ins Auge, eine formschöne, 4000 Meter hohe Gneisnadel, die in ihrer Schlankheit und Gestalt begeistert. Und im Westen ragt die Südwand des Eigers in den vom abnehmenden Tag gezeichneten Himmel. Zartes Abendlicht tastet sich in die Berge zurück, bleibt an den Gipfeln hängen und entwischt. Die Gletscher verhalten sich nun ruhig, die Luft wird kühler, nur die Wasserläufe stürzen sich rauschend in die Dunkelheit.

Unruhig flackert die bläuliche Gasflamme in den Morgen hinein. Ihr hartnäckiges Zischen wirkt gereizt, störend; noch scheint das Lichtspiel an den Felsen die einzige Bewegung zu sein. Wir stopfen unser Material in die Säcke, dann marschieren wir los. Der Kegel der Stirnlampe streift erst Felsblöcke, später Geröll, Schnee. Das Gehen wird mühsam. Durch knöcheltiefen Neuschnee der vorigen Tage stapfen wir dem Wandfuss zu. Geredet wird nicht viel - wir sind klein unter diesen mächtigen Fluchten des Ochs und des Gross Fiescherhorns. Der Hauptgipfel, eine kleine, gezuckerte Pyramide, unerreichbar weit oben über der dunklen Mauer. Noch hängt die fahle Mondsichel verloren im mattblauen Himmel, als die ersten Sonnenstrahlen kraftlos den Tag ankünden. Minuten später befinden wir uns am Einstieg, über uns der Pfeiler, tausend Meter hoch, die Linie in ihrer Klarheit, Schlichtheit und Eleganz faszinierend. Die Firnfelder oberhalb der Randkluft sind noch hart, die folgenden Felsen lose, aber nicht schwierig. Konzeptlos scheinen die goldbraunen Granitblöcke in die Flanke geworfen zu sein; eine wilde Harmonie - das Leben der Berge. Mit zunehmender Höhe wird die Kante schärfer, der Fels besser, griffig und von der Sonne vorgewärmt. Das Klettern ist ein Genuss, der Tiefblick berauschend. Von den riesigen Seracs bricht Eis in die Wand. Plump und schwerfällig suchen sich die Brocken den Weg in die Tiefe. Wo sie aufschlagen, zerspringen sie tausendfach. Unten kann man sie schmutzigbraun über den Gletscher auslaufen sehen.

Über uns wirft die Sonne ihre Strahlen auf spiegelnde Firnfelder. Wir wissen, dass dies die Eisrippe in dreiviertel Wandhöhe ist. Von hier wirkt sie kurz, doch wir werden eine Ewigkeit benötigen, um die Schlusswand zu erreichen. Der Neuschnee hat sich hier noch nicht gesetzt, dauernd rutschen kleine Schneebretter ab und rieseln wie Wasserfälle über die Felsen hinaus. Darunter: knallhartes Wassereis aus dem Tiefkühlfach. Das Steigen wird unangenehm, die Eisen wollen nicht packen, man hat das Gefühl, als werde der Schnee nur zusammengepresst, als rutschten einem die Füsse weg und als hänge man für Augenblicke in den Eisgeräten. Jetzt nur nicht unsicher werden, Ruhe bewahren! Wo die oberste Schicht bereits abgeglitten ist, geht es besser: Die Hauen beissen sich fester, auf den Frontzacken schiebt man sich in die Höhe, die ersten zwanzig Meter, eine Zwischensicherung setzen, dann weiter - zwanzig Meter entfernt wird der Standplatz sein. Wir haben wertvolle Zeit verloren, nicht auf das Wetter geachtet; zu sehr waren wir mit dieser heiklen Passage beschäftigt. Rasend schnell jagt der Nebel über die Wächten hinaus, die Sonne ist nur noch als bleiche Scheibe hinter dem dahin-treibenden Gewölk sichtbar. Schneefall setzt ein, und wir haben den schwierigsten Teil der Tour noch vor uns, neunhundert Meter über dem Wandfuss. Erst beim längeren Warten bemerken wir die scheussliche Kälte. Die Felsen sind plattig, von Eis und Schnee überzogen, und schon nach wenigen Metern ist der Vorauskletternde im Nebel verschwunden. Das Kratzen der Eisen geht an die Nerven, das Warten wird in solchen Augenblicken uner- träglich. Wir fluchen beide über den Wetter-mann am Telephon, beschliessen aber, die Wortschlacht auf dem Gipfel auszutragen, dort wird alles besser gehen... Wir wissen, dass er kurz über uns sein muss, wissen, dass irgendwo über dem Nebel die Sonne scheint -vielleicht am Ausstieg?

Unter der Gipfelwächte liegt sehr viel Schnee, und wir müssen tief genug graben, um auf das für einmal willkommene Blankeis zu gelangen. Jede Querung auf der haltlosen Unterlage wäre im Nebel sinnlos, und wir beschliessen, die hohe und überhängende Firnmauer direkt über uns zu überwinden. Am Wächtenfuss wird eine letzte Eisschraube gesetzt, dann kann es losgehen. Kraftvoll schlägt der Seilerste zu, arbeitet sich rasch höher, greift über die Kante und rammt den Eishammer ein. Behutsam versucht er sich leicht zu machen, weiss, dass die Haue keinen guten Halt gefunden hat, spürt, wie sie nachgibt, versucht sich auszubalancieren, doch zu spät - schon fällt er ins Leere... Bald aber fliessen die Seile wieder langsam durch die Hände des Sichernden, hängen Augenblicke leblos im Schneetreiben, bevor ein unermüdlicher Kämpfer den Pickel über die Kante zieht und ihn mit aller Kraft in den Firn des Gipfelfirstes stösst.

Im stummen Nebel des Hochgebirges sind wir so aus der Nordwand ausgestiegen: Leichter Schneefall, der kalte Wind, der uns von Süden her in die Gesichter bläst, ein sanfter Gipfel, gerade noch erkennbar... Wir sind oben. Eine stille Freude erwacht in unserem Innern, ein kleiner Splitter des Glücks, den wir tief im Herzen einscnliessen.

Unterlagen:

SAC Führer Berner Alpen 4, Siebte Auflage 1981. S. 142 ( R.307 ) und Abb. S. 259.

LK 1:25000, Blatt 1249 Finsteraarhorn sowie Blatt 1229 Grindelwald Prachtvolle Kletterei im unteren Teil des Pfeilers

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