Tibetanische Wanderung im Engadin

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MU 1 Bild ( 79Von Emilie Wolff

( Zug ) Samnaun 1 Klingt es nicht wie Sammet, weich und lieblich!

Namen besitzen oft eine unbestimmbare Anziehungskraft. Und nach dem Samnaun trug ich längst eine unerfüllte Sehnsucht.

Abseits, am äussersten Zipfel unseres Landes liegt es.

Grau war der Himmel und Wolkenfetzen jagten um die Grate, als wir in Martina den Postwagen wechselten. Dann ging es hinein, in eine dräuende, grauenerregende Schlucht. Steilen, abweichenden Wänden entlang führt der Weg. Fast senkrecht stürzen sie zu beiden Seiten hinunter zum engen Bachbett. Man fühlt sich mitten drin im Urgestein der Erde und blickt sehnsüchtig hinauf zur schmalen Himmelsöffnung. Da wo Wildbäche und Steinschlag niederschiessen, windet sich der Weg hinein in die Tiefe des Gebirges und durch lange Tunnel hindurch. Mich überfällt ein Gefühl trostloser Verlassenheit, ein Gefühl, als verlasse ich die helle, sonnige Welt für immer. Am Eingang der Schlucht müssten Dantes Worte in die Felsen eingemeisselt sein: « Voi, che entrate, lasciate ogni speranza! » Es wirkt daher seltsam und erlösend, wenn nach langer, atemraubender Fahrt das Tal sich wieder öffnet. Auf einem kleinen Talboden liegt Samnaun. Aber irgendwie war ich enttäuscht. In unmotivierten Formen ragen die steilen Grasplanken und zahllosen Felsköpfe des Piz Ot ins Grau des Himmels und verlieren sich im wogenden Nebel. Abweisend und fremd! Dies war mein erster Eindruck. Er mochte zu Unrecht so deprimierend sein, bedingt durch das schlechte Wetter, aber ich konnte keinen innern Kontakt zu der Landschaft finden.

Am nächsten Tag unternahmen wir, trotz rieselndem Regen, unsere erste, vorgesehene Tour: Zeblasfurgge und Paulinerkopf. Nach einer Stunde waten wir im tiefen Neuschnee und sinken ein bei jedem Schritt. Grau hängen die Nebelfetzen an den Wänden. Öd und grau verlieren sich die Berge in der Endlosigkeit des Nichts. Fahlweiss mit Neuschnee bedeckt ist der ganze Talkessel.

In Nebel und Schnee verliert sich jedes Geräusch, und die Stille einer solchen Landschaft wirkt masslos erdrückend und schwer. Trotzdem liegt ein seltsamer Reiz darin. Der Körper arbeitet mechanisch und absorbiert unsere Kräfte; der Geist aber wird hellhörig und wach, und aus der Tiefe des Unter-bewusstseins heraus steigt, wie ein sprudelnder Quell, die Phantasie. Bilder der Sehnsucht vermischen sich mit der Wirklichkeit und werden zu neuen Begriffen.

Welche Fremdheit liegt in der weissen Öde und Weite! Tibet! Bin ich in Tibet? Wandere ich nicht über die Hochpässe der alten Seidenstrasse zu Chinas Reisfeldern? Sind die Spuren des Grenzwächters im Neuschnee nicht diejenigen eines wandernden Lamas? Wird sich uns auf der Passhöhe der Blick erschliessen, hinunter in das Wunderland von Samarkand, wo köstliche Früchte reifen, wo goldene Kuppeln leuchten und seltene Edelsteine funkeln Im Geist bin ich auf der Wanderung im fernen Asien, zum Dach der Welt. Nur mein Körper strebt automatisch und monoton der Höhe zu.

So wurde unsere Fahrt zu einer tibetanischen Wanderung, wo der Mensch nur mit der Landschaft lebt und aus seinem Sein alles ausschaltet, was ihn bedrückt... Wo die harte Wirklichkeit fern und vergessen liegt.

Dichter ballten sich die Nebel, und Schneeflocken lösten sich aus dem grauen Nichts. Kein Land der Verheissung ward sichtbar auf der Passhöhe. Da schrieben wir den Paulinerkopf ab und zogen talwärts. Wir schrieben das ganze Samnaun ab und verliessen das Tal früh um 5 Uhr.

Wohin? Ich nenne das Scarltal. Im Engadin fegt ein leichter Wind den Himmel rein. Blau und wolkenlos wird wieder die Welt, und wir ziehen durch die brausende Clemgiaschlucht. Die Gesteinsfaltung erinnert mich an Blätterteig. In unbefangenem Übermut hat hier die allgewaltige Natur einst geformt.

Hoch über der rauschenden Clemgia rasten wir im grünen, duftigen Wald und trinken am lauschig rieselnden Bächlein frisches, kühles Wasser. Dann brennt uns die Sonne volle drei Stunden lang unbarmherzig ins Gesicht. War darum das Bier so herrlich in Scarl?

Erst am Abend, als die Sonne schräg und milde über den Bergen lag, brachen wir auf zum Übergang auf den Ofenpass. Mir war ein wenig seltsam zu Mute, die Wanderung zu so später Stunde noch anzutreten. Aber sie wurde mir zu einem grossen Erlebnis, nicht zuletzt dank der vorgeschrittenen Tagesstunde mit ihrem Dämmerzauber über der einzigartigen Landschaft.

Das Scarltal ist überaus lieblich und mit Blumen übersät, der Weg bestreut mit Kampanülen und tausend andern Kindern Floras. Alles duftet in der abendlichen Ruhe. Der Bach rauscht über die Steine, und man sieht ihn daher-hüpfen, als käme er aus dem Nichts. Seine Fröhlichkeit macht auch den Menschen fröhlich. Wie im Traum wandere ich dahin. Zu beiden Seiten des Weges stehen die schönsten und ältesten Arven unseres Landes. Wir sind im Arvenwald von Tamangur. Harmonisch verstreut stehen die alten Kämpen. Jeder Baum ist eine Einheit, ein eigenes « Ich ». Hier, am weichen Hang steht eine edelgeformte Fächerarve, dort lehnt, in bizarrer Form, ein abgekämpfter, halb toter Strunk an den Fels.

Das Tal macht ein Knie, und vor uns liegt eine weite, fremdartige Landschaft, von abgewitterten Kalkbergen umschlossen. Wir folgen dem Weglein und trinken auf der Alp Tamangur frische, herrliche Milch. Eine froh daher-galoppierende Herde junger Pferde erinnert mich wieder an Asiens Hochebenen. Sitzt dort nicht der sagenhafte Dschingis-Khan im Sattel und durchrast erobernd die abendlichen Weiden? Sind die Hütten, die dort in der goldenen Abendsonne liegen, nicht sein Zeltrevier? Ich fühle mich nun ganz ins Herz Asiens versetzt. Dort, beim nahen Steinhaufen wehen tibetanische Gebetsfahnen mit dem ewigen Spruch: « Om mani padme hum. » Die weisse Seide raschelt im Wind. Ist's das Rauschen des Baches oder das eintönige Gebet eines Mönchs, das in der Luft verklingt? Und wären wir bei einbrechen- der Dämmerung in ein Nomadenzelt getreten, um vergorene Stutenmilch zu trinken und aus den Rissen im Brustbein eines verzehrten Lammes unsere Zukunft zu deuten, so hätte ich dies alles mit der grössten Selbstverständlichkeit aufgenommen.

Schräg und golden wirft die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen in den Alpenrosenhang, der wie helles Feuer glüht. Betörend duftet die Daphne und erinnert an südliche Gefilde. Dann ist das Leuchten dahin, wie von unsichtbarer Hand verwischt. Wie schreiten den Hang hinauf, begleitet vom herben Duft der sich schliessenden Blumenkelche. Enzianen, Primeln, Bergveilchen, Anemonen und Mauerwurz. Sie erscheinen mir wie liebe Kinder-gesichtchen. Nun sinkt die Dämmerung herein, der nahe Kalkgipfel strahlt verführerisch im letzten, goldenen Licht des sinkenden Tages, und wir ertappen uns beide beim Wunsch, noch schnell hinauf zueilen, um in der Stille des Abends unser Traumland Tibet zu überblicken. Doch wir wissen, noch weit ist der Weg dieses Tages. Die vermeintliche Passhöhe ist eine am Horizont liegende Kante, die sich, leicht ansteigend, weiter nach Osten zieht. Ein frischer Abendwind begleitet uns, bis wir, endlich auf der Höhe stehend, ein neues Land vor uns erblicken. Tief unten, in blauem Schimmer liegt das grüne Münstertal. Der Ortler aber leuchtet noch im Widerschein des vergehenden Tages. Unter uns seltsame weisse Kuppen, die sich wie hingestellte Zuckerstöcke ausnehmen.

Rechterhand, unendlich weit und klein, wie ein Stecknadelkopf, liegt das Hotel Süsom Give. So weit müssen meine Füsse mich heute noch tragen. Es ist ein langer Tag. Schnell stecke ich ein Stück Traubenzucker zwischen die Zähne. Hier bemerken wir auch zum erstenmal die selten vorkommende Edelraute.

Ein liebliches, romantisches Tälchen, von jungen Arven eingesäumt, mit kleinen Felskuppen und gebleichten, knorrigen Baumleichen führt hinüber zur Passhöhe. Zuletzt frisst sich der Weg durch einen sehr steilen Klein-wald hindurch. Fast senkrecht fallen die Kalkwände zu Tal. Es ist bereits Nacht geworden, und eine lähmende Müdigkeit überfällt mich. Da weiss ich: jetzt nicht nachgeben und jeden Schritt überwachen! Die Wand ist steil genug, um kopfüber hinunterzustürzen...

Durch unsere Flucht aus dem Samnaun war unser ganzes Programm über den Haufen geworfen worden, und wir wussten nicht, wo wir am nächsten Abend unser Haupt hinlegen und welchen Berg wir am folgenden Tag besteigen würden. So war ich gar nicht erstaunt, als wir am nächsten Morgen, nach einem währschaften Frühstück auf die Terrasse tretend, einen wunderschönen Schneegipfel erblickten und diesen kurzerhand und ohne lange Beratung zu unserm heutigen Ziel erwählten. Erst nachher erfuhr ich: es war der Piz d' Aint.

Ich hatte mir die Umgebung der Ofenpasshöhe nicht so romantisch und vielgestaltig vorgestellt. Nach einem kurzen Kalkbuckel mit idyllischen Föhrenpartien und kleinen Gärtchen mit Erika und hellblauem Leberbalsam überquerten wir ein steiles, abschüssiges Couloir und erblickten direkt über uns einen Wald von kleinen, bizarren Dolomittürmchen. Am liebsten wäre ich zu ihnen hinaufgeturnt, sie reizten zum Klettern und Abseilen. Doch fern lockte der Piz d' Aint. Und er hatte recht, uns zu locken. Der Aufstieg war gemütlich und sanft, eben viel zu einfach für uns alte Wegelagerer. Ein steiler Felsriegel musste umgangen werden. Wir beschlossen aber, ihn direkt in der Flanke anzugehen, und dies wurde uns zum Klettererlebnis auf unserer tibetanischen Wanderung. Wir seilten an und erst, als wir bereits im Couloir drin waren, erkannten wir seine Steilheit. Doch es gab kein Zurück mehr. Steilheit kann gemeistert werden. Aber mit dem perfid lockeren Gestein hatten wir nicht gerechnet; beinahe jeder Griff brach aus, die Füsse verloren ihren Halt, und wir mussten behutsam und mit grösster Sorgfalt klettern. Doch nicht genug. Beim Einstieg hatte sich ein Alleingänger zu uns gesellt und war, als wir anseilten, etwa 30 Meter vorausgeklettert. In hemmungslungsloser Nachlässigkeit löste er das Gestein über uns, und das Couloir wurde unheimlich lebendig. Das Greenhorn liess wirklich die elementarsten Kletterregeln und jede Vorsicht ausser acht, und meine gelinde Wut begleitete ihn. Denn nun prasselte ein wahrer Steinregen herab, gerade in jenem Moment, als ich, an einen Fels gepresst, keinen Schritt weiter machen konnte, kaum Stand hatte und das Seil straff gespannt war. Mein Oberkörper wurde zwar verschont, aber meine armen Schienbeine mussten herhalten, und lange blieben sie verpflastert und sind nun narbengeschmückt.

Dann lagen wir volle drei Stunden auf dem Gipfel des Piz d' Aint. Die Seligkeit einer Gipfelrast können nur jene auskosten, die Logik und Verstand auszuschalten imstande sind. Unnütz zu fragen, warum wir mit Mühe die Berge ersteigen, um ins grüne Tal hinunterzuschauen. Wer von solchen Augenblicken nichts weiss, wird es nie verstehen. Wir aber fragen nicht. Gewöhnlich zwingen Zeit und Verhältnisse zu kurzer Gipfelrast. Auf dem Piz d' Aint aber lag ich zeitlos glücklich und überschaute von dieser hohen Warte aus die Welt mit den ungezählten Bergen, den lieblichen Tälern, den Schluchten und Arvenwäldern, den blühenden Bergwiesen, den Abgründen und den winzigen Wohnstätten der Menschen, den gleissenden Firn- und Gletscherhängen. Der Ortler mit seinen stolzen Zinnen glänzte in der Mittagssonne, und in unbestimmter Ferne ahnte man die Tiroler Berge und die weiche Linie des Apennin. Hellblau wölbte sich über alles der sommerliche Himmel und weisse, ballige Kumuluswolken türmten sich am Horizont zu phantastischen Gebilden, zu imaginären Berggestalten auf. Heiss brannte mir die Sonne ins Gesicht. Ein leiser Wind spielte mit meinem Haar und strich liebkosend über uns hin.

Kann das Erdendasein wirklich so schön sein? Oft träumen wir vom Paradies, doch selbst im Traum empfand ich noch nie jene Ruhe und Glückseligkeit, wo Körper und Geist wunschlos die Schönheit der Erde in sich aufsaugen. Im Herzen tragen wir zu Tal, was uns sonst versagt bleibt. Wir erfühlen in stiller, einsamer Gipfelstunde die reine Daseinsfreude, und es offenbart sich uns der Friede, nach dem wir umsonst unser ganzes Leben lang hasten.

Einen letzten Blick noch warf ich um mich in die Herrlichkeit, ehe wir die Schneehalden hinabrutschten.

Dort wo in weichlinigem Gelände ein Bach ganz unmotiviert eine wilde Schlucht ins Gestein gerissen hat, schmiegen sich die ersten, jungen Arven an den Hang. Wir streckten die Beine ins Geäst, den Kopf zwischen Enzianen und Primeln gebettet, atmeten den süssen Duft der nahen Daphne und träumten weiter bis zur Kühle des Abends.

Ich wähnte, die Schönheit des vergangenen Tages könne nicht mehr übertroffen werden. Darum weiss ich auch nicht, wie ich die Offenbarung des nächsten Morgens beschreiben soll. Wir waren schon eine gute Stunde unterwegs, und das weite grüne Tal, wieder ein tibetanisches Hochtal, senkte sich langsam zum Bach. Diesen mussten wir queren, um auf der andern Seite wieder die Höhe zu erreichen. Kurz vor dem Bach zieht ein Felsriegel, in vereinzelte Partien aufgelöst, quer durchs Tal.

Hier setzten wir uns, legten den Kopf auf den Rucksack und sprachen lange, lange nicht mehr. Unauslöschlich wird das Bild in meiner Seele bleiben, wie mit glühendem Eisen eingebrannt.

Im sanft sich neigenden Hang, einem grünen, blühenden Teppich, erheben sich hellgraue Kalkfelsen, leicht gestuft und malerisch zerklüftet. In der Mitte, zuoberst auf der Kante, klammert sich ein toter Baumstrunk ans Gestein. Tief greifen seine Wurzeln in die engen Spalten, und zwei starre, tote Äste reckt er waagrecht in die Luft, wie zwei hilfesuchende Arme. Aus seinem knorrigen Wurzelstock aber spriesst hellgrün und frisch neues Leben, ein junges Bäumchen. Ein kaum spürbares Windlein spielt mit seinen Nadeln. Zu beiden Seiten wachen, als Hüter des Heiligtums, zwei halbwüchsige Arven. Auf der mittleren Stufe stehen, nur leicht an die Felsen geklammert und spielerisch verstreut, ganz junge Bäumchen. Und daneben liegen, urmächtig, in ewig scheinender Ruhe, zwei gewaltige Baumleichen, umgestürzt, die Wurzeln in den blauen Himmel reckend; wie zwei von Feindesschwert gefällte Heroen. Gebleicht sind die knorrigen Stämme und Äste. Sie tragen in sich die Sonne unzähliger Sommer und sind ausgelaugt durch Regen und Schnee. Stürme fegten über sie hin, und in hellen Sommernächten leuchteten die gleichen Sterne über ihnen, die heute noch über ihnen leuchten. Von einem Kranz eben erblühter Alpenrosen werden sie umfasst. Wie ein weicher, lieber Arm legt sich tröstend das junge Blühen um die im harten Kampf mit der Natur gefallenen Riesen. In diesem Augenblick erreicht die Sonne die Felskante, und durch die jungen Arvenzweige wirft ein goldenes Diadem seinen hellen Schein strahlenförmig über die dunkel leuchtenden Blüten. Fahl bleiben die gefällten Heroen. Das Licht aber hat das junge Leben geküsst, und wie Feuer glühen die erwachenden Rosen dem klaren, frohen Sommermorgen entgegen.

Die tiefe Symbolik dieses Bildes und die unvermeidliche Gewissheit, dass auch wir, nachdem unser Leben verblüht, uns dem unerbittlichen Gesetz der Vergänglichkeit werden fügen müssen, erfüllte mich mit unsäglichem Schmerz. So rasch verweht unser Leben 1 Verstohlen musste ich mir eine Träne aus den Augen wischen. Lange noch schaute ich, in Andacht versunken und aller realen Gedanken bar, und meine Seele war dem Sinn des ursprünglichsten Lebens geöffnet.

Du reines und vollkommenes Bild! Du gabst mir, was ich bisher umsonst suchte, in der Kirche, im geschriebenen Wort und im Schaffen der Künstler.

Stilles, harmonisches Bild! Als Edelstein fügst du dich ein in die Kette meiner Erinnerungen.

Und wenn das letzte Blatt meines Lebens sich wenden wird, so will ich das Unvermeidliche ergeben hinnehmen und mich an jenes Blühen erinnern, das ewig wiederkehrt und das auch mein vergängliches Wesen umschliessen möge, wie ein weicher, tröstender Arm.

Wehmütig, aber im Herzen dankbar für die unerwartete Weihestunde, wanderten wir traumverloren weiter über grüne Matten und vorbei an majestätischen Fächerarven.

Der ganze Tag wurde zu einer unwirklich schönen Wanderung. Meine Füsse schritten über weite Matten von aufblühendem Edelweiss, und zwischen den Steinen öffneten sich duftende Blumengärtchen in den zartesten Farben.

Und wieder erinnerten mich die ausgeglichenen Formen der nahen Berge an Asiens Hochebenen, verwirklichte sich in meinen Sinnen das Land meiner Träume zu fester Form. Zwischen abgewitterten Kalkkuppen durchzieht ein halbzerfallenes Mäuerchen den kleinen Talboden. Ähnlich durchzieht die chinesiche Mauer Täler und Höhen. Warten unser wilde, räuberische Mongolenhorden auf der andern Seite?

Zur Mittagszeit rasten wir hoch über dem Val del Spöl und blicken hinüber ins sonnenhelle Val di Livigno, wo in friedlicher Stille Chiesa di Vier liegt. Die weite, blühende Welt lag offen vor uns, umrahmt von der endlosen Bläue des Firmaments.

Ein Salsiz, eine Kruste hartes Brot und ein kühler Trunk aus der Thermosflasche, dazu der Duft der eben erblühten Männertreu, hingestreckt im Halbschatten einer uralten Lärche, das war unser Imbiss auf der Alp La Scherra.

Der Abstieg versetzte mich in einen tranceartigen Zustand. Durch den lichten Arvenwald, urmächtig und heilig in seiner Unberührtheit und Einsamkeit, fiel golden die Nachmittagssonne und liess die tiefroten Alpenrosen, die hier fast mannshoch wachsen, überirdisch leuchten. Manch ein Rosenkrönlein schloss ich in meine Hand und freute mich am Anblick der zarten Blüten. Dann überliess ich es wieder der träumenden Stille des nachmittäglichen Waldes. Wie einen guten Freund, dem man für gemeinsam verlebte, glückliche Stunden von Herzen dankbar ist, verliess ich den Blütenhain, den Rosen-und Arvenwald von La Scherra.

II Fuorn und sein Hotel liessen wir rechts liegen. Und nun schlug uns die Ofenpaßstrasse ein Schnippchen. In der unbändigen Hitze des frühen Nachmittages — die Luft flimmerte und zitterte — trottelten wir nach La Drossa, in der bestimmten Erwartung, dort eine Wirtschaft vorzufinden. Aber wir fanden an deren Stelle nur das Zollhaus. In meiner Hitzeverzweiflung tauchte ich gleich mit Kopf und Armen in den sprudelnden Brunnen. Dann beschlossen wir, notgedrungen, bis zum Wegerhaus in Ova d'Spin weiterzuziehen, um uns dort erfrischen zu können und das Postauto abzuwarten. Doch die junge Italienerin bedauerte: Non c'è più ristorante. Und das Auto kam erst in drei Stunden. Da verdünnten wir unsern letzten Rest Kognak mit Zucker und viel Wasser, legten nasse Tücher auf Kopf und Arme und klopften in unserm jugendlichen Übermut — wir zählten zusammen über hundert Jahre — noch die ganze Ofenpaßstrasse ab bis nach Zernez. Eine unerwartete Freude brachte mir der Strassentippel aber dennoch: dicht am Wegrand, wo täglich Hunderte von Autos vorbeirasen, brach ich ein frisch erblühtes Edelweiss.

Die hässlichen Blechdächer von Zernez schreckten uns ab, und mit dem letzten Züglein der Rhätischen langten wir in S-chanf an, wo wir ein ausgewähltes Nachtessen und gute Betten fanden.fshiu f l ti

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