Tödi. Die wundersame Rettung aus dem Bifertengletscher

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Die wundersame Rettung aus dem Bifertengletscher

Paul Betschart, Silenen

Die wundersame Rettung aus dem Bifertengletscher Im Neujahrsboten 1972 für das Glarner Hinterland stand auf Seite tog die folgende kurze Notiz: « Glücklich lief ein Unfall am 22. Dezember 1970 im Tödigebiet ab. Beim Abstieg über den Bifertengletscher stürzte ein Bergsteiger in eine Spalte. Sein Kamerad konnte von der Fridolinshütte aus die Rettungsstelle in Linthal alarmieren. Mit Hilfe eines Helikopters konnte dann der Verunfallte geborgen werden. » Hinter dieser kurzen Meldung steckt eine Geschichte, die der Dramatik nicht entbehrt, und weil sie wegen ihres glücklichen Ausgangs schliesslich doch nicht zum Drama geworden ist, wollen wir sie unsern Lesern nicht vorenthalten.

Unser Bericht über die Rettungsaktion stützt sich auf einen Rapport des Obmanns der Rettungsstation Linthal und des Rettungschefs der Sektion Tödi SAC sowie auf ergänzende Auskünfte des Obmanns.

Die Gunst des Schicksals ermöglicht es im übrigen dem Betroffenen selbst, seine « Geschichte » zu erzählen:

20.DEZEMBER Um diese Zeit, während wir dem Klausenpass zufahren, liegen noch die meisten Leute in den warmen Federn. In Urigen, ob Unterschächen, ist aber unsere bequeme Autofahrt zu Ende, und ich verabschiede mich von meiner Freundin mit einem zärtlichen Kuss, der sagen'soll, wie lieb es von ihr war, uns zwei « Halbverrückte » um 5 Uhr morgens hierherzubringen.

Den Weiterweg gilt es nun auf Ski zurückzulegen. Stöhnend schultern wir die grässlich schweren Rucksäcke und verschwinden alsbald im dunkeln Strassentunnel. Doch wenig später taucht der helle Mondschein wieder auf, so dass wir un- sere Stirnlampen versorgen können. An diesem herrlichen Wintermorgen kommt man sich vor wie in einer Märchenlandschaft, und dies sogar auf der Klausenpassstrasse, die im Sommer von stinkenden Motoren dröhnt! Darum kann das Bergsteigen im Winter noch zu einem romantischen Erlebnis werden.

Beim Hotel « Klausenpasshöhe » gönnen wir uns eine kurze Rast auf der Eingangstreppe. Mit Wonne geniessen wir einen heissen « Kaffee fertig » und scherzen dabei über die « Inschrift » an der Türe: « Achtung, Selbstschüsse! » Darum: nichts wie los aus dieser gefährlichen Umgebung!

Fast lautlos ziehen wir unsere Skispur in den knietiefen Pulverschnee dem Chammlijoch entgegen und sind nicht wenig überrascht, als uns beim sogenannten « Eiswändli » ein Einzelgänger einholt. Verwundert betrachtet er unsere vollgestopften Rucksäcke, auf denen noch Schneereifen aufgebunden sind.

Kaum sind wir auf dem Chammlijoch angelangt, sind unsere Blicke schon dem Tödi zugewandt, der sich wie eine Riesenmauer vom Gletscher abhebt. Ich könnte jauchzen vor Freude, hier oben um diese Jahreszeit noch so wenig Schnee anzutreffen. Bei diesen günstigen Verhältnissen dürfen wir morgen unser Vorhaben endlich verwirklichen, die Nordwand des Tödi erstmals im Winter zu durchsteigen.

An der warmen Wintersonne brauen wir uns noch einen Kaffee, bevor wir von unserem zufälligen Begleiter Abschied nehmen. Von hier aus geht der Weg über den Hüfigletscher der Planurahütte zu - aber immer wieder bleiben wir stehen und betrachten, abwägend und prüfend, diese schwarze Wand, die in düsteren Schatten gehüllt ist. Wie sehr werden wir morgen die wärmende Sonne vermissen!

Unser erstes Etappenziel ist erreicht. Wir setzen uns vor die Hütte und bestaunen die Farbenpracht der untergehenden Sonne, die den Hüfigletscher in eine einzigartige Abendstimmung taucht. Nur ungern und fröstelnd begeben wir uns in den kalten Winterraum, wo wir nach dem Nachtessen zähneklappernd unter die Wolldecken kriechen. Ich finde aber keinen tiefen Schlaf; meine Gedanken kreisen pausenlos um das bevorstehende Abenteuer. Werden wir diese Wand überhaupt schaffen, oder haben wir uns vielleicht überschätzt?

Endlich, um 2 Uhr, die erlösende Tagwache!

21.DEZEMBER Ein appetitanregender Geruch durchströmt die Küche, als ich unser reichhaltiges Frühstück koche, das sogar einem Engländer das Wasser im Munde zusammenlaufen liesse: Zwei Riesen-Entrecôtes mit Kräuterbutter und Reis bilden nämlich die « Grundlage » für die bevorstehende Tour. Nach diesem stärkenden Mahl prüfen wir nochmals das bereitgestellte Material, bevor es in unseren Rucksäcken verschwindet. Marschbereit stehen wir alsdann vor der Hütte und betrachten argwöhnisch die aufziehenden Wolkenfelder -womit das grosse Rätselraten um das Wetter beginnt. Würde es doch gleich schneien; dann wüssten wir wenigstens, woran wir wären! Aber auch der Wetterbericht über das Hüttentelephon hilft uns nicht, den Entschluss zu fällen. Wir einigen uns schliesslich, bis zum Einstieg zu gehen, wo wir im Notfall jederzeit wieder umkehren können. Dann tappen wir mit etwas unsicheren Schritten in die dunkle Nacht hinaus zu unserem Skidepot und erreichen nach einer nicht gerade stilgerechten Abfahrt den Sandpass, wo wir, zwischen aperen Felsen hockend, auf das Morgengrauen warten.

Mit dem anbrechenden Tageslicht lässt sich auch die Wetterlage besser beurteilen. Weit weg, im Westen, leuchten die Berner Alpen im Licht der aufgehenden Sonne auf. Am Himmel über uns segeln nur noch, nichts Böses verheissend, vereinzelte Föhnwolken dahin. Schnell geht es deshalb über den schneefreien Grat dem Kleinen Tödi entgegen. Mit etwas erhöhtem Tempo versuchen wir unsern Rückstand auf die Marschtabelle wettzumachen, was uns auf dem grossen Schneeplateau, das sich hinter dem Kleinen Tödi ausbreitet, in den Genuss eines grossartigen Sonnenaufgangs bringt. Das Gesprächsthema « Wetter » wird somit bis auf weiteres « vertagt ».

Dafür gilt unsere Aufmerksamkeit um so mehr der vor uns emporragenden Nordwand. Ein kräftiger Handschlag besiegelt unser gegenseitiges Vertrauen - und auf geht 's in den Kampf mit der Wand! Fast übermütig schlage ich meine Steigeisen in den harten Firnschnee, der in dieser Kälte bei jedem Hieb kreischende Töne von sich gibt. Doch bald ist dieses amüsante Spiel zu Ende, denn schon in den ersten Felspartien müssen die Eisenzacken in kleinen Steinritzen oder auf Was-serreis Halt finden. Vorsichtig, fast schleichend bewegen wir uns auf diesem hartgefrorenen « Tödigerümpel », der zudem mit einer feinen Pulverschneeschicht zugedeckt ist, soweit es geht links haltend, um möglichst bald die Gipfel-Falli-nie zu erreichen. Mit zunehmender Höhe wachsen aber auch die Schwierigkeiten des Geländes, so dass wir bald vergeblich nach einer Sicherungsmöglichkeit Ausschau halten. Findet man dann endlich nach zeitraubender Sucharbeit einen Hakenriss, dann scheint sich fast der ganze Berg unter den Hammerschlägen auflösen zu wollen. Die warmen Handschuhe sind schon längst ausgezogen, damit die Fingerspitzen einen besseren Halt finden. Ich staune, dass sie der klirrenden Kälte so gut standhalten, während der Verschluss meines Photoapparates bereits nicht mehr funktioniert.

Zu unserer Überraschung stehen wir nun vor einer Blankeisrinne, die wir queren müssen, um in die Gipfel-Fallinie zu gelangen. Läge doch nur mehr Schnee, wie wir ihn vor zwei Jahren bei unserer Sommerbegehung angetroffen haben! Dann könnte uns diese dem Steinschlag ausgesetzte Rinne keinen Schreck einjagen. Nach längerem Suchen gelingt es uns endlich, zwei Felshaken zu setzen, denen wir uns beim weiteren Vorgehen einigermassen anvertrauen dürfen. Mit eher gemischten Gefühlen versuche ich, die Frontzacken der Steigeisen in die steile, schwarz- grüne Eisfläche einzubohren; doch das Eis ist zu hart, um den nötigen Halt zu geben. Rückzug? Ein einziger Blick in die Tiefe genügt, um diesen Gedanken loszuwerden. Fast zornig beginne ich Stufe um Stufe aus dem steinharten Eis zu hacken - keine gemütliche Arbeit, wenn man weiss, dass die auf dem Eis angefrorenen Steine wie reife Trauben über dem Kopfe hangen. Diese verfluchte Eisrinne! Noch nie ist mir derart miserable Eisqualität begegnet, die nicht einmal Zwischensicherungen zulässt. Endlich erwische ich einen aus dem Eis ragenden Felsvorsprung, an dem sich ein Sicherungshaken anbringen lässt. Doch vor mir liegen immer noch 20 Meter kraftraubende Hackarbeit bis zum schützenden Felsrand.

Wie schätzen wir es, diese heimtückische Rinne heil überquert zu haben! Auf brüchigen Rippen traversieren wir nun nach links, um den westlichen Rand der steilen Wandeinbuchtung zu erreichen, die sich in der Fallirne bis zum markanten Firnfeld unterhalb des Gipfels hinaufzieht.

Wir verpflegen uns unter einem schützenden Felsvorsprung. Zu lange dürfen wir uns aber nicht aufhalten, denn die Wintertage sind kurz, und vor uns liegen noch ungefähr 300-400 Meter bis zum Gipfel. Zudem wird die nun folgende Kletterei von uns vollen Einsatz erheischen in diesen abwärtsgerichteten, vom Steinschlag polierten Felsen. Uns rechts haltend, arbeiten wir uns Seillänge um Seillänge in die Höhe. Gegenseitige Kritik wäre hier nicht am Platz; da ist alles erlaubt, wenn man nur einen Halt findet. Die winzigsten Griffe, oft noch von einem kristallklaren Eispanzer umhüllt, müssen ausfindig gemacht werden. Dann wieder dieses hilflose Suchen nach Sicherungsmöglichkeiten in einem grifflosen, mit Wassereis überzogenen Plattenschuss. Eine nervenaufreibende Kletterei, die kein Ende zu nehmen scheint.

Als wir endlich das langersehnte Schneefeld erreichen, beginnt es zu allem Überfluss noch zu schneien. Wir aber setzen alles daran, um heute noch auf den Gipfel zu kommen; doch kaum nähern wir uns dem oberen Rand des steilen Schneefeldes, da umgibt uns schon die Abenddämmerung und zwingt uns zum Biwakieren, obschon uns nur noch etwa ioo Meter vom Gipfel trennen. Sorgfältig graben wir ein Schneeloch aus dem schmalen Schneerand.

Zu unserer Besorgnis kommt der Wind immer mehr auf, und der einsetzende Schneesturm lässt den Wetterumsturz nicht mehr verkennen. Es liesse sich unschwer ein angenehmerer Ort für das Nachtessen vorstellen! Nur mit viel Mühe und Geduld gelingt es uns, den Kochapparat bei diesem Schneegestöber in Funktion zu setzen und eine warme Bouillon zu kochen. Als zusätzlicher Spielverderber dringt der feine Pulverschnee in die kleinsten Ritzen. Das ganze Ausrüstungsmaterial wird mobilisiert, damit wir uns so gut wie möglich vor der kalten Nacht schützen können. Wir müssen uns buchstäblich in das kleine Schneeloch hineinzwängen, in dem wir die lange Nacht auszuharren haben. Ein entfesselter Sturm tobt jetzt über unsere aus dem Schnee ragenden Köpfe hinweg. Die ganze Wand ist von einem unheimlichen Toben und Heulen erfüllt. Wie beruhigend wirken da die zwei Felshaken, an denen wir uns zur Sicherheit angebunden haben! Aber was wird morgen geschehen? Wie ein Damoklesschwert hängt diese bange Frage über unseren Köpfen, und die Ungewissheit, ob wir es überhaupt noch schaffen, wenn das Wetter nicht besser wird, lässt uns keine Ruhe finden. Denn vor uns liegt noch das schwierigste Hindernis der Wand: die Gipfelschlucht.

2 2.DEZEMBER Eine kalte, stürmische Biwaknacht liegt hinter uns. Nur ungern kriechen wir aus unserm zwar unbequemen, aber wenigstens vor dem Wind geschützten Schneeloch. Wie zwei « Halbgefro-rene » stehen wir zähneklappernd auf dem schmalen Schneerand des steilen Firnfeldes und versuchen, uns gegenseitig die steifen Glieder zu erwärmen. Das Wetter hat sich nicht stark verändert.

Dunkle Nebelfetzen jagen gespensterhaft durch die winterliche Wand. Jeder Windstoss hüllt uns in eine beissende Schneewolke. Und dort drüben, in der Gipfelschlucht, sollten wir diesem Treiben entrinnen können?

Brüderlich teilen wir noch den letzten Schluck aus der Rumflasche, bevor wir diesen « Höllenschlund » angehen. Vergebens mühe ich mich damit ab, eine gute Standsicherung einzurichten. Keine Ritzen sind zu finden, die auch nur den schlanksten Stift aufnehmen würden, und die Bohrhaken, die wir jetzt einschlagen könnten, nützen auch nichts mehr, weil der Hammerstiel infolge der Kälte entzweigesprungen ist. Was nun? Hilflos scheinen wir der Gewalt des Berges und des Wetters ausgeliefert. Erst ein aufmunterndes Wort von Sepp gibt mir den Mut, die gefährlichste Kletterei meines Lebens in Angriff zu nehmen. Ein Sturz meinerseits würde für beide 700 Meter tiefer auf dem Gletscher enden. Der Kampf auf Leben und Tod hat begonnen. Der eisige Schneesturm nimmt meinen Fingern jegliches Gefühl, und trotzdem müssen sie sich an den runden, abwärtsgerichteten Griffen festklammern. Eine Kletterei, bei der ich mein Letztes hergeben muss, um nicht ins Verderben zu stürzen. Nach etwa zwanzig Metern kann ich von einer ersten Sicherungsmöglichkeit Gebrauch machen, die es erlaubt, Sepp nachklettern zu lassen. Wie gerne überlasse ich ihm nun die Führung der letzten Seillänge bis zum GipfelEin dumpfer Knall auf meinen Helm... und für einen kurzen Moment wird es Nacht um mich. Zum grossen Glück hat mich der fallende Stein nicht weiter verletzt. Etwas benommen wanke ich die letzten Meter dem Gipfel des Piz Rusein zu. Etwa um i o Uhr können wir einander gratulieren und sind froh, den gefahrvollen Teil hinter uns zu haben. Was für ein Gefühl, die Sohlen wieder ganz absetzen zu können und dabei die Hände in den warmen Hosentaschen zu halten!

Wir besprechen miteinander die Abstiegsroute und kommen überein, der auf der Karte eingezeichneten Skiroute über den Bifertengletscher zu folgen. Bei diesem Neuschnee wäre es unverantwortlich, über die Westwand zur Planurahütte abzusteigen, wie wir es ursprünglich geplant haben. Nur zu gut wissen wir, wie schnell sich hier Neuschneelawinen bilden.

Wir begeben uns also auf den vorgesehenen Abstieg und verpflegen uns seit langem wieder einmal in einer windgeschützten Gletschermulde, in der uns das herrschende Schneegestöber nichts mehr anhaben kann. Je weiter wir uns vom Gipfel entfernen, desto mehr wächst die Neuschneedecke, und erst jetzt, bei dieser mühseligen Spurarbeit durch den hüfthohen Schnee, machen sich die Folgen unserer Anstrengungen in der Wand bemerkbar. Nur nicht mehr in dieser eiskalten Schneewüste biwakieren! Der Gedanke, heute abend in der Fridolinshütte wieder in warme Wolldecken gehüllt zu sein, mobilisiert unsere letzten Kraftreserven. Wir befinden uns jetzt auf 2800 Meter über Meer und nähern uns der sogenannten « Gelben Wand ». Ich bin wieder an der Reihe, die Spurarbeit zu übernehmen... Ein dumpfer Schlag — und plötzlich hange ich am Partieseil über dem schwarzen Abgrund einer breiten Gletscherspalte. Ahnungslos war ich auf eine Neuschneebrücke hinausgetreten, die unter meiner Belastung einbrach. Und nun hange ich fünf bis sechs Meter weiter unten — in der Luft. Sofort entlaste ich mich an der Stehschlinge, die am Seil befestigt ist, während sich Sepp durch Zurufen nach meinem Befinden erkundigt. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich den Sturz gut überstanden habe und nun versuchen wolle, mit Hilfe von zwei Schiebeknoten am Seil hochzusteigen. Während dieser ganzen Prozedur muss Sepp das Seil mit seinen Händen halten, da es ihm unmöglich ist, ohne Hammer und Eispickel eine Verankerung herzustellen, denn unglücklicherweise habe ich den einzigen noch übriggebliebenen Pickel bei mir unten. Das von mir erhoffte Rettungs-system funktioniert aber nicht. Die Klemmknoten frieren am Seil fest, und ich vermag sie nur unter grösstem Kraftaufwand, nachdem ich sie mit blossen Händen aufgetaut habe, hochzu- schieben. Meine Kräfte sind am Ende — ich kann nicht mehr! Es fehlen vielleicht noch zwei Meter bis zur überhängenden Schneebrücke, wo sich das Seil tief in den Schnee eingefressen hat. Und während mir andere Möglichkeiten durch den Kopf gehen, wie ich mich aus dieser ungemütlichen Lage befreien könnte, macht mich Sepp auf die schon fortgeschrittene Zeit aufmerksam. Er erkennt meine hoffnungslose Situation besser und beabsichtigt, eine Rettungsaktion zu organisieren, als ich im finstern Grund eine Standmöglichkeit entdecke.Vorsichtig lässt er mich in die Tiefe hinuntergleiten, diesem rettenden Eisgebilde entgegen, und wirft mir noch seinen Biwaksack zu. Ich kann ihn aber nicht abfangen und lautlos verschwindet er im Finstern. Von oben vernehme ich aufmunternde Zurufe - dann ist jeder seinem eigenen Schicksal überlassen.

Ein erschütternder Moment, wenn sich der Gefährte vom Seil losbinden muss! Ich befestige das Seil zur Sicherheit an zwei dicken Eiszapfen, die über meinem Kopf aus der blanken Eiswand ragen, denn die dünne Eiszunge, auf der ich stehe, sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Erschöpft setze ich mich auf den Rucksack und koche mir aus dem heruntergefallenen Schnee einen heissen Tee. Je mehr ich wieder zu Kräften komme, desto mehr zerbreche ich mir den Kopf über den vorläufig misslungenen Rettungsversuch. Ich denke aber auch an Sepp, der jetzt allein und unangeseilt den heimtückischen Fallen des Gletschers ausgeliefert ist. Ein Wunder muss geschehen, wenn er heil diesem mit Neuschnee zugedeckten Labyrinth entrinnen will! Und, so merkwürdig es klingen mag, ich glaube an dieses Wunder. Sepp, der schon so manche ausweglose Situation in den Bergen gemeistert hat, wird es schaffen! Ich denke an die dramatische Eiger-wandbegehung der ersten Urner Seilschaft, bei der er auch seinen Mann stellte. Meine Gedanken gelten aber auch all meinen Lieben zu Hause, die bis spätestens heute abend ein Lebenszeichen von uns erwarten. Traurig betrachte ich dabei meine gefühllosen Finger, an denen sich beim Versuch, dieser Gletscherspalte zu entkommen, die Haut stellenweise löste; doch ich darf mich nicht der Trübsal überlassen, wenn ich diese Nacht überleben will! Zu meiner Überraschung finde ich im Rucksack nebst dem Biwaksack zwei Astronau-tikdecken, die mich vor der tödlichen Kälte schützen werden. Dann sitze ich zusammengekauert auf dem Rucksack und versuche zähneklappernd die lange Nacht zu Ende zu bringen. Noch nie im Leben bin ich mir so einsam vorgekommen wie in dieser Eiswüste. Eine bedrückende Stille umgibt mich, die nur ab und zu von einem dumpfen Gepolter und Krachen des Gletschers unterbrochen wird. Und immer wieder schaue ich zum eingestürzten Schneeloch hinauf, um das Wetter zu beobachten. Zu meiner Beruhigung sehe ich Sterne am Himmel. Man wird also morgen die lebensrettende Abstiegsspur finden. Würde aber erneut ein Schneesturm über den Gletscher hinwegfegen, dann wäre auch in Kürze meine Einsturzstelle zugedeckt. Ein lebender Mensch würde begraben! Der Glaube an eine Rettung verleiht mir aber immer wieder neue Kraft, geduldig die unendlich langen Stunden zu ertragen. Einschlafen darf ich jetzt unter gar keinen Umständen. Mein ganzer Körper zittert vor Kälte. Fast bin ich froh, keine Uhr zu haben, sonst würde mir noch mehr bewusst, wie die Minuten zu Stunden werden und die Nacht zur Ewigkeit.

23.DEZEMBER Mit anbrechendem Tageslicht wächst meine Spannung. Werde ich wohl heute gerettet? Wenn Sepp gestern noch die Fridolinshütte erreicht hat, darf ich heute schon ziemlich früh meine Erlösung aus der kalten Gefangenschaft erwarten. Ein fürchterlicher Durst plagt mich, und da ich keine Zündhölzchen mehr finden kann, muss ich eben zur Not Schnee essen. Aber je mehr Zeit vergeht, um so mehr mache ich mir Sorgen um Sepp. Schon beginne ich an seinem Überleben zu zweifeln... Ich darf also nur noch eine Rettung von meinen Lieben zu Hause erwarten, die sicher von panischer Angst um mich erfüllt sind. Soll ich mich unter diesen Umständen, wo ich meinen besten Gefährten verloren habe, überhaupt noch länger in dieser Eisgruft abquälen? Meine Erfrierungen an Händen und Füssen verschlimmern sich zudem auch immer mehr, so dass ich mit fortschreitender Zeit eine Amputation befürchten muss... Da vernehme ich plötzlich das Geräusch eines Helikopters — und schon glaube ich wieder an ein glückliches Wiedersehen mit meinem Freund. Angespannt blicke ich zur Spaltenöffnung hinauf; nun sehe ich sogar den roten Helikopter der Rettungsflugwacht, der aber zu meiner Enttäuschung nicht auf dem flachen Gletscher neben meiner Einsturzstelle zur Landung ansetzt, sondern hoch in der Luft dem Tödi zu fliegt. Und meine anfängliche Freude verwandelt sich in noch grössere Angst und Pein, als der rettende Vogel gänzlich verstummt. Ist unsere Abstiegsspur während der Nacht verweht worden? Wurde der Helikopter vielleicht von daheim aus alarmiert? Sicher suchen die Retter das riesige Tödigebiet nach uns beiden ab. Hätten wir doch nur unser Biwak in der Wand nicht verlassen! Dann könnten wir jetzt dem suchenden Helikopter zuwinken mit unsern roten Biwaksäcken! Denn wer würde mich auch in einer der riesigen Spalten des Bifertengletschers vermuten? Und dies um so weniger, als ich meiner Freundin vom geplanten Abstieg über die Westwand zur Planurahütte erzählt habe! Ich sah die Retter; doch sie werden mich ohne Erkennung der Abstiegsspur nicht finden. Soll ich zur Verzweiflungstat schreiten und diese fast überhängende, blanke Eiswand zu erklettern versuchen? Nein, dies wäre Selbstmord, und wenn ich schon sterben muss, so will ich hier einschlafen...

Wiederum wird die einsame Stille durch den heranfliegenden Helikopter unterbrochen. Wenn sie nur das rote Seil entdecken, das Sepp zur Signalisation auf den Spaltenrand gelegt hat! Ich schreie und winke verzweifelt um Hilfe, als der Helikopter nahe über der Spaltenöffhung schwebt. Aber vergeblich warte ich auf Erlösung und bin der Verzweiflung nahe, beginne in einem zu beten, zu fluchen, zu weinen... Lasst mich doch endlich in Ruhe, ihr falschen Hoffnungsbo-ten! Ich krieche wieder in meinen Biwaksack und beginne meinen Abschiedsworten nachzusinnen, die ich meiner Liebsten auf die Rückseite der Landkarte schreiben will. Wer weiss, vielleicht entdeckt in einem schneearmen Sommer zufällig einmal ein Alpinist das rote Seil, an dem ich noch angebunden bin.

Als ich nach einer Weile den Helikopter abermals höre, mache ich mir bereits keine Hoffnungen mehr stelle aber fest, dass er diesmal ganz besonders nahe an die Spaltenöffnung heranfliegt, dass ich sogar den Schnee durch die Luft wirbeln sehen kann. Sind sie vielleicht doch gelandet? Jetzt schreie ich aus vollem Hals um Hilfe, und endlich erhalte ich die erlösende Antwort: « Wir kommen! » Und nun weine ich Tränen der Freude, nachdem ich noch vor ein paar Minuten dem Tod ins Gesicht geschaut habe.

Verdutzt blickt ein Retter auf dem weitauskra-genden Schneerand zu mir herunter. Mein Glücksgefühl aber steigert sich ins Unermessliche, als ich die Botschaft von Sepps Überleben erfahre, und beinahe vergesse ich den Rucksack, als ich in den herabgelassenen Rettungssitz steigen darf, um nach 24 Stunden diesen grauenvollen Eiskäfig zu verlassen, den ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Ich komme mir dabei vor wie ein von den Toten Auferstehender; langsam, aber sicher gleite ich aus der finstern Hölle ans Licht des Tages. Muss ich die Dankbarkeit beschreiben, die ich meinen Rettern gegenüber für ihren nicht ungefährlichen Einsatz empfinde? Sie lässt sich gar nicht in Worte fassen!

Der startbereite Helikopter nimmt mich auf und hebt ohne Säumen vom Gletscher ab...

Bald tauchen die ersten Häuser auf, aus deren Schornsteinen heimelige Rauchwölklein steigen. Wie sehne ich mich nach einer warmen Stube!

In Linthal behandelt der Arzt meine Erfrie- rungen ambulant; dabei geniesse ich den heissen Tee-Rum in vollen Zügen, der von seiner Frau in grosser Menge serviert wird, und bald darauf darf ich beim Rettungschef ein glückliches Wiedersehen mit Sepp feiern. Seine verbundenen Hände und Füsse erzählen auch von den erlittenen Strapazen. Er berichtet mir, wie er mit unwahrscheinlichem Glück diesem heimtückischen Spaltengewirr entging. So sei ihm einmal der Boden unter den Füssen entschwunden, als er zum Sprung über eine Spalte ansetzte. Im letzten Moment habe er sich am Spaltenrand auffangen können. Die Nacht war schon angebrochen, als er nach mühseligen Umgehungen die Grünhornhütte erreichte.Von Hunger und Durst gequält, stürzte ersieh dort gierig auf den restlichen Inhalt einer Kondensmilchbüchse, die von Touristen zurückgelassen worden war, und schnitt sich dabei unglücklicherweise in die Zunge. Mit letzter Kraft raffte er sich dann noch auf, um am gleichen Abend die Fridolinshütte zu erreichen. Der Erschöpfung nahe, traf er etwa um ig Uhr dort ein, wo er sofort per Hüttentelephon meine Rettung organisierte.

Dank dieser fast übermenschlichen Leistung von Sepp, von der er heute noch gezeichnet ist, durfte ich am andern Tag meine wundersame Rettung erleben.

Zu Hause empfing man uns wie zwei lebendige Weihnachtsgeschenke!

DIE RETTUNGSAKTION Die Ereignisse künden sich am Vormittag des 22. Dezember beim Obmann der Rettungsstation Linthal in Form eines Telephons aus Andermatt an. Es wird gemeldet, dass die Angehörigen zweier Kameraden um ihre Söhne bangten, weil diese, entgegen ihrer Abmachung, nichts von sich hätten hören lassen. Sie hätten von der Planurahütte aus den Tödi besteigen wollen und die Absicht geäussert, mit Ski durchs Ruseintal nach Disentis zu fahren. Ob er, der Obmann, etwas mehr wisse. Das ist nicht der Fall, und auch seine nachträglichen Erkundigungen ergeben keinen Hinweis, dass die beiden die Glarner Seite als Ziel gewählt haben.

Die Ungewissheit geht um 18.35 Uhr zu Ende: Aus der Fridolinshütte telephoniert Sepp Zurfluh, sein Kamerad Paul Betschart sei beim Abstieg auf dem Normalweg vom Tödi oberhalb der Schneerunse, bei der Koordinate 714/185, in eine Spalte eingebrochen. Er, Sepp, habe wohl versucht, ihn herauszuziehen, hätte ihn aber nicht über die Spaltenkante gebracht ( Zurfluh zog sich dabei Erfrierungen an den Händen zu ). Sein Kamerad habe ihn darauf angewiesen, ihn wieder hinunterzulassen, bis auf ein Schneebrett, wo er auf Rettung warten wolle. Betschart sei, wie es bei Winterbegehungen üblich sei, gut ausgerüstet und glücklicherweise unverletzt. Er, Zurfluh, habe ihm zusätzlich noch seinen Biwaksack und Proviant zurückgelassen und sich dann über den Bifertengletscher zur Fridolinshütte aufgemacht, die er trotz der Dunkelheit glücklicherweise gefunden habe. Er hoffe zuversichtlich, dass sein Kamerad die Nacht heil überstehe, obschon es mörderisch kalt sei.

Der Wetterbeobachter registrierte um diese Zeit in Matt —7 Grad, und während der Nacht fiel die Temperatur um weitere 3 Grad. Bei der Fridolinshütte wurden — 20 Grad gemessen; wie kalt musste es erst an dem auf 2800 Meter Höhe gelegenen Unfallort sein! Auch Zurfluh stand eine schlimme Nacht bevor, die für ihn mit erfrorenen Füssen endete und ihn später ein paar Zehen kostete. Trotz allem hatte er bis dahin Glück gehabt - um nicht mehr zu sagen; denn im Alleingang auf dem heimtückisch verschneiten Bifertengletscher hätte auch der Hilfe Holende leicht verunglücken können. Wie nahe er daran gewesen war, erkannte die Rettungsmannschaft am andern Tag: Sie stellte deutlich einen Einbruch fest, den sie zuerst für denjenigen Betscharts hielt, der aber, wie es sich dann herausstellte, von Zurfluh stammte.

Der Obmann ersucht Zurfluh um Geduld. Er werde das Nötige veranlassen und ihn um 20 Uhr Tödi ( Piz Rusein ), 3620 Meter: JVW- und S W- Wand, Oslgral - Westgrat und Südgrat, mit Kl. T'odi, Sandgrat und Sandfirn, Ruseinpforte und Piz de Dor, von der Planurahülle aus Photo Emil Brunner, Braunwald über seine Anordnungen orientieren. ( Einmal mehr hat sich die Funkverbindung aus einer Clubhütte ins Tal als lebensrettend erwiesen. Die Fridolinshütte wurde am 10. August 1966 an das öffentliche Telephonnetz angeschlossen. Das mit einer Batterie gespeiste Funkgerät übermittelt die Gespräche in die Zentrale Betschwanden, und über Nr. 11 können dann, wenn die Hütte nicht « bewartet » ist, die Verbindungen hergestellt werden. Sonst kann man direkt telephonieren. ) Nach dem Stand der Dinge erscheint ein Helikoptereinsatz als zweckmässig. Dieser kann zwar nicht vor dem morgigen Tag eingesetzt werden und auch nur dann, wenn die Sicht es erlaubt. Deshalb wird mit dem Leiter der Rettungsgruppe auch der möglichst frühzeitige Aufbruch einer Rettungsmannschaft zu Fuss erwogen. Man sieht aber davon ab. Wegen des Neuschnees ist der Weg zur Fridolinshütte nicht ganz ungefährlich, und bis zur Unfallstelle muss doch eine Marschzeit von sieben bis acht Stunden eingesetzt werden, so dass kaum ein nennenswerter Vorsprung gegenüber dem Helikopter herauszuholen wäre. Der Obmann sichert sich deshalb für den nächsten Morgen einen Helikopter und bietet auf 7 Uhr drei Mann mit dem nötigen Material auf, bestehend aus einer Friedliwinde, einer Rolle Stahlseil samt übrigem Zubehör.

Zur abgemachten Zeit orientiert er Zurfluh über die getroffenen Massnahmen und weist ihn an, sich beim Heranfliegen des Helikopters vor die Hütte zu begeben, damit ihn der Pilot im weissen Einerlei als schwarzen Punkt anvisieren könne.

Am 23. Dezember um 6.30 Uhr meldet der Obmann dem Piloten, dass die Witterung einen Einsatz erlaube. Der Helikopter landet um 8.30 Uhr beim Bahnhof Linthal, wo ihn drei Mann erwarten. Sie erleichtern ihn zuerst von überflüssigem Material und besprechen die Lage und den Einsatz. Hierauf fliegt der Pilot mit zwei Mann und bei 300 Meter Sicht Richtung Tödi weiter, in der Absicht, bei der Fridolinshütte zu landen. Da die Heizung versagt, vereisen die Scheiben so stark, dass sie nur vage Ausblicke freigeben, und zudem behindern der aufwirbelnde Pulverschnee und das diffuse Licht jede Sicht. Wo aber ist Zurfluh? Keine Spur von ihm! Man vermutet, er sei zu Betschart aufgestiegen. Also ihm nach! Aber keine Spur und kein schwarzer Punkt ist auf dem Gletscher auszumachen. Man fliegt die Koordinate 714/185 an, die, ob dem Frühstücksplatz gelegen, den Begleitern als gefährliche Stelle gut bekannt ist. Deutlich lässt sich ein Einbruch feststellen; doch es ist undenkbar, in der Nähe zu landen. Deshalb zurück zur Fridolinshütte. Nach mehrmaligem Ansetzen gelingt dem Piloten die Landung neben der Hütte. Nun taucht auch Zurfluh aus der Unterkunft auf, ohne Schuhe, weil er sie nicht mehr anziehen kann. Er versucht, die Unfallstelle zu lokalisieren, setzt aber selbst Zweifel in seine Angaben. Trotz der gebotenen Eile gibt er einige knappe Auskünfte über die ausgeführte Tour: Besteigung des Tödi durch die Nordwestwand mit Biwak in der Wand. Man beglückwünscht ihn zu dieser Leistung.

Zuerst aber zurück nach Linthal. Der dritte Mann wird geholt und das Rettungsmaterial, aber auch Spray muss beschafft werden, der die Scheiben klarhalten soll. Nun wird direkt die mutmassliche Unfallstelle angeflogen. Der Pilot setzt zwei Mann oberhalb des Einbruches ab und fliegt zur Fridolinshütte hinunter. Die zwei Mann fahren in die Nähe des Einbruches und präparieren den Landeplatz für den Helikopter. Diese Tätigkeit muss am gespannten Seil und gesichert ausgeführt werden. Welches Wagnis nimmt erst der Pilot mit seiner Maschine auf sich! Zurfluh schaut von der Hütte aus den Vorbereitungen zu. Zum Glück ist er noch hier, obschon sein Zustand eine sofortige Überführung ins Tal erfordert hätte, denn nun weiss er genau, dass dort nicht die Unfallstelle sein kann. Und der Einbruch? Schliesslich stellt sich heraus, dass er von Zurfluh selber stammt. Die zwei Männer erfahren über Funk, dass sie sich vergeblich abgemüht haben.

Nun muss Zurfluh selber mitfliegen, und er macht 400 Meter weiter oben den tatsächlichen

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