Totenkirchl-Westwand

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Von Max Niedermann

Mit 2 Bildern ( 93, 94Steig-Wattwil ) Es ist 4 Uhr morgens. Kalt bläst der Wind über das Stripsenjoch. Die Nacht muss dem anbrechenden Tage weichen. Im Westen sind noch einige verblichene Sterne zu sehen, während sich die Spitzen der umliegenden Kaiserberge langsam rot färben. Die schroffen Felsen des Totenkirchls, der Fleischbank und des Predigtstuhles stehen wie riesige Kulissen am Morgenhimmel. Das Wetter ist gut und beständig, man sieht dies auf den ersten Blick, trotz der noch halb verschlafenen Augen. Rasch wird der Kamerad « aus den Federn » gejagt und alsbald die Ausrüstung geordnet.

Nach ausgiebigem Morgenessen, mein Freund Bert Wagner verschlingt sogar seine drei Portionen, verlassen wir das Stripsenjoch-Berghaus. Auf schmalem Wege geht es durch Wald und Legföhrengestrüpp zur Totenkirchl-West-wand. Heute gibt es ernsten Kampf, denn wir wollen das Totenkirchl auf seinem kühnsten und schwierigsten Pfade, dem Wege Dülfers, bezwingen.

Am Fusse der Winklerschlucht, durch die wir einsteigen müssen, finden wir alten, harten Lawinenschnee. Da wir unsere Kletterfinken tragen, hacken wir mit unsero Hämmern eine Stufenleiter nach oben. Dort aber stehen wir zu unserm Leidwesen vor einem tiefen und breiten Randschrund. Also halbwegs zurück und von rechts her in den kalten Schlund hinein. Schwarz und verschmiert wie Kaminfeger erreichen wir wieder die Oberwelt und damit die Winklerschlucht. Nach einigen Minuten leichten Gehens wird die Schlucht eng und kaminartig. Wir verlassen sie nach links über ein Wändchen und stehen in der eigentlichen Westwand.

Werden wir in einem Tage durchkommen oder durch irgendeinen Verhauer kostbare Zeit verlieren und wie unsere Kameraden vorgestern in der Wand biwakieren müssen? Vor uns bäumen sich mehrere Rippen auf, die zu den Überhängen führen. Welches ist aber die richtige? Nach der Beschreibung im Führer muss sie mehr links liegen; also queren wir zwei der Rippen, und welches Glück: wir erreichen den bekannten « 17-Meter-Riss ». Ich steige ein und stehe bald beim ersten Haken, hänge ein und erreiche spreizend über brüchiges Gestein den ersten Standplatz.

Der erste Quergang liegt vor uns. Ich krieche hinaus, sechs Meter, und dann ist es geschafft. Eine Seillänge rechts hochklettern und wieder ein Standplatz. « Nachkommen! » Mein Freund macht es sich leicht, indem er das Seilende durch den Haken zieht und sich mit Seilzug hinüberbringt. Ein an die Hauptwand angelehnter Pfeiler vermittelt den Weiterweg. Der Fels scheint brüchig, er erweist sich aber beim nähern Zupacken als gut und fest. Fast senkrechter, schöner Fels, von kleinen Überhängen durchsetzt, ein wahrer Genuss zum Klettern! Dreimal ist unser Dreissigmeter-Doppelseil abgelaufen, dann stehen wir auf dem Pfeilerkopf und sehen vor uns eine unheimlich glatte Wand, über die der bekannte « Nasenquergang » nach links leitet und unter einem respektablen Überhang endet. Auch dieser muss bezwungen werden, und man gelangt zum nächsten Standplatz: Das Quergangsseil wird durch die Schlinge gezogen, die an einem Haken hängt. Ich gehe voran. Im Dülfersitz erreiche ich einen unscheinbaren Riss, schräg links unten. Das Quergangsseil zwischen die Zähne nehmend klettere ich zu einem Haken hinauf, in den ich das Sicherungsseil einhänge. Hier folgt das schwierigste Stück des Querganges: die drei Meter bis unter den Überhang. Doch auch diese werden glücklich überwunden. Drüben angekommen, befestige ich das Geländerseil an einem soliden Mauerhaken und steige über den Überhang zum relativ geräumigen Standplatz. Mein Kamerad Bert kann nachkommen. Nicht lange geht 's, und er steht bei mir.

Heiss brennt die Sonne auf den Kopf, als ich an guten, aber kleinen Griffen nach links hinaufquere. Mehrere Haken sichern diese schöne, aber schwere Seillänge. Noch zwei solche Queren, von kleinen Überhängen durchsetzt, und wir stehen vor dem dritten, dem « Schluchten-Quergang ».

Die Schlinge am Quergangshaken sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Da wir keine Schlingen bei uns haben, entschliesse ich mich, zusätzlich einen Karabiner einzuhängen. Dem Kameraden ist es nun überlassen, ob er diesen aushängen will oder nicht. Der Quergang ist bald gemeistert, er verlangt aber sauberes, technisches Arbeiten. Bert folgt nach. Er ist schon mitten im Quergang. Plötzlich ein Ruck und er fällt zu mir herüber. Die Schlinge ist gerissen! Er hängt am Sicherungsseil etwa drei Meter unter mir. Seilzug, damit er griffigen Fels erreicht, und bald ist er zu mir hochgeklettert. Schaden hat er keinen genommen ausser ein paar blutender Finger, wie er lachend feststellt. Das Geländerseil einzuziehen ist jetzt kein Problem mehr. Nach einer Seillänge, der rechten Schluchtwand folgend, erreichen wir einen ausgedehnten, fast ebenen Platz. Hier halten wir kurze Rast und schreiben uns in das Wandbuch ein, das in einer kleinen, der sogenannten « Biwakhöhle » versorgt ist.

Meist nach rechts querend erreichen wir die nächste Schlucht. Die Ausstiegsrisse sind erreicht. Der erste, ein kaminartiger Riss, ist der schwierigste. Nach dreissig Meter wird er überhängend. Schnaufend und schwitzend wird er überwunden. Es folgt ein weiterer Riss, der ebenfalls durch einen Überhang abgeschlossen wird. Von hier leitet eine heikle Querung in eine Nische. Ein kurzer überhängender Riss führt hinaus, und über mehrere Plattenstufen kommen wir zu den leichtern Gipfelfelsen. Auf einem Rändchen steigen wir nach rechts. Ein enger Kamin, eine Wandstufe, und wir stehen auf dem Gipfel.

Unsere Augen leuchten auf. Viele Stunden kämpften wir im schweren Fels. Wahrlich, sie verdient ihren Ruf, die Totenkirchl-Westwand! Dankbar drücke ich dem Kameraden, der mich so gut und zuverlässig auf unserm schwersten Pfade begleitet hat, die Hand: Bergheil!

Eine halbe Stunde Rast, dann mahnt uns der scheidende Tag an den Abstieg. Die Seile auf den Rücken gebunden, klettern wir den « Führerweg » hinab zum Stripsenjoch. Leicht und fast beschwingt geht es hinunter, sind wir doch um ein schönes Erlebnis reicher. Hell und jauchzend klingt unser Toggenbur-gerruf ins Tal, der unsern Sieg kündet.

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