Traversierung der Aiguille de l'Amône und des Mont Dolent

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Von Ernst Hodel

Mrt 2 Bildern ( 48, 49 ) und i S/azzeBasel ) Dem Besucher auf der Terrasse der auf hohem Felsen herrlich gelegenen Cabane Dufour zeigt der Mont Dolent seine schönste Seite. Wie gigantische Strebepfeiler erheben sich seine Grate, um die gewaltige Gipfelkuppe zu stützen. Der zerklüftete Seitenarm des Glacier de la Neuvaz schiebt sich längs des breit ausladenden und mit mächtigen Hängegletschern gekrönten Ostgrates hinauf, und man glaubt, dass, entgegen dem physikalischen Gesetz der Schwere, in dieser Eismasse eine geheime Kraft verborgen liegt, die nach oben wirkt.

Auch den Bergsteiger, der schon manche schöne Bergform in den Alpen bewundert hat, bringt der Anblick dieses wahrhaft königlichen Berges zu heller Begeisterung. Nachdenklich wird er aber gestimmt, wenn er die Aufstiegsmöglichkeiten erwägt. Wohl nirgends erspäht das suchende Auge einen leichten und sicheren Aufstieg über die Felsbastion zum Ostgrat, und auch die in anerkennenswerter Leistung von Golay 1 über den Eiswall gelegte Route lädt nicht sonderlich zur Wiederholung ein.

Der alte Kugyweg 2, der vom Glacier de la Neuvaz zum Fuss der Wandstufe der Brèche de l' Anióne und über einen ausgeprägten Felssporn zum Nordgrat hinaufführt, wird gelegentlich begangen, doch darf diese klassische Bergtour der Lawinen- und Eisschlaggefahr wegen nur bei günstigen Verhältnissen ausgeführt werden 3. Und ob nicht doch bei günstigsten Bedingungen im Kräftespiel der Materie die Schwerkraft siegreich bleibt und dem nichtsahnenden Bergsteiger mit einem Hagel von Eisstücken und Steinen der Zugang zum Mont Dolent verwehrt wird, das kann wohl zu keiner Stunde mit Sicherheit beurteilt werden.

Das Auge schweift weiter zur Steinmauer der Aiguilles Rouges du Dolent. Als mächtige Felsenburg türmt sie sich aus dem Eis des Glacier de la Neuvaz auf, wird mit einem breiten Silberband Übergossen, dem Eishang der Aiguille de l' Amône, um dann in gewaltiger Flucht zum Tour Noir überzuleiten. Die Aiguille de l' Amône wird zu den Aiguilles Rouges du Dolent gezählt, aber was kümmert sie sich schon um menschliche Klassierung. Sie kehrt ihren steinernen Schwestern den Rücken, neigt sich mit ihrem schneeigen Gipfel zum Dolent hinüber und bekundet damit deutlich, dass sie zu den Grossen gezählt werden will. Sie erhält nicht zahlreichen Besuch. Doch wäre durch die Besteigung nicht ein natürlicher Zugang zur Brèche de l' Amône und zum Mont Dolent ermöglicht? Die nachdenkliche Stirn des Bergsteigers glättet sich wieder; die Frage stellen, heisst sie beantworten.

Das Abendglühen verheisst sicheres Wetter für den morgigen Tag. Unser Plan ist gefasst, unsere Rucksäcke sind gepackt. Aber die Spannung, 1 « Die Alpen » 1935, 237.

* « Le Alpi Giulie », 1906, 110. Kugy, Aus dem Leben eines Bergsteigers, 1925, 269.

8 Marcel Kurz, Une voie non recommandable, « Die Alpen », 1945, Varia, 178.

Die Alpen - 1947 - Les Alpes15

in welche uns die geplante Traversierung versetzt, lässt den Schreibenden nicht ruhig schlafen. Er braucht deshalb nicht geweckt zu werden und steht zur angesetzten Zeit am Herd, wo auch bereits der sympathische, junge Hüttenwart seines Amtes waltet. Heute gibt es ein besonders währschaftes Frühstück, denn es wird einen langen Tag geben. Die Wünsche des Hüttenwartes begleiten uns, wie wir kurz nach 3 Uhr die Hüttentüre hinter uns schliessen und in die Sternennacht hinaustreten.

Im flackernden Schein der Laterne turnen wir an der Kette des Hüttenweges hinunter, queren zuerst auf gutem Weg, dann weglos die Moränenhänge des Glacier de la Neuvaz und steigen über Schnee gegen den Ausläufer des Südostgrates des Tour Noir hinauf. Wir seilen zu zweit an, Willy Preiswerk und Otto Zumstein, Huldreich Heuberger und der Berichterstatter. Zunächst geht es abwärts über den fast apern Gletscher gegen das Ende des Felssporns Punkt 2663, dann um diesen herum und in das weite Gletscherbecken hinein, das sich am Fuss der Aiguille de l' Amône ausbreitet.

Längst haben wir die Laterne ausgelöscht. Im Val Ferret liegt rosige Morgenhelle über den Berghängen, uns umfangen aber in dieser kalten Eisgruft noch die graublauen Schatten der Dämmerung. Erst zwischen grossen Eisblöcken hindurch, dann in einer Lawinenfurche führt uns der Weg den Gletscher, der rasch an Steilheit zunimmt, hinauf. Gähnende Spalten müssen umgangen werden, bis wir in grossem Bogen nach links die östlichen Begrenzungsfelsen gewinnen können. Da die direkte Eiswand zur Spitze der Aiguille de l' Amône in ihrer unteren Hälfte schwarz und aper ist, geben wir den schroffen, aber gutgriffigen Felsen den Vorzug. Nach ungefähr 200 m Höhe zwingt ein unbegehbarer Grataufschwung zum Ausweichen nach rechts. Über wacklige Blöcke, hart am Rande der Eisflanke tasten wir uns der überhängenden Wand entlang, bis wir an geeigneter Stelle die letztere selbst anpacken können und auf eine Felskanzel hinaufgelangen. Hier empfängt uns die Morgensonne in gleissendem Glanz.

Eine kurze Rast. Der kraftvolle Aufbau des Ostgrates des Mont Dolent hält unseren Blick gefangen. Aber der Tiefblick auf den Weg, den wir gekommen sind, wie auch die Sicht auf die Eisflanke über uns, sind nicht weniger eindrucksvoll. Erstmals ist dieser Eishang in seiner ganzen Länge von Gréloz und Roch * im Frühsommer 1935 durchstiegen worden.

Um ihn zu queren, benützen wir die von der Hütte gut sichtbare, vereiste Schneerippe. Da diese aber bei nicht leicht erkletterbaren Felsen ausläuft, verlassen wir sie knapp vor ihrem Ende und steigen links in einem steilen Couloir hinauf, bis da, wo sich der Übergang rechts in die Felsflanke leichter bewerkstelligen lässt. Reichlich mühsam ist der nun folgende Aufstieg. Die stellenweise sehr brüchigen Felsen bereiten uns nicht eitel Freude, jedoch begegnen wir keinen weiteren Schwierigkeiten. Wie wir aber die Gratkante erreichen, sind die Anstrengungen im Nu vergessen, denn unweit der östlichsten Spitze der Pointe de la Fouly öffnet sich eine neue Welt ganz unvermutet: Jenseits des tief unter uns liegenden Eisstromes des Glacier d' Argen- 1 « Alpinisme », IV, 169.

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tière steht die formenreiche Kette der Aiguille Verte, dahinter sind gerade noch der obere Teil der dunklen Wand der Grandes Jorasses und die weisse Kuppe des Mont Blanc sichtbar. Ein Bild faszinierender Gegensätzlichkeit!

Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges waren wir in den Aiguilles de Chamonix, aber seither ist uns während langen Kriegsjahren dieses Eis-und Kletterparadies verschlossen geblieben. Ich gedenke jenes jungen El-sässers, der in meiner Vaterstadt Basel seine Jugendzeit verbracht hat und den ich nach unserer Rückkehr von der Dent du Géant als Soldat eines Mitrailleurzuges angetroffen habe. Seine Einheit hatte sich auf dem Glacier du Géant eingegraben. Es war ja noch nicht der Ernstfall, und dennoch lag etwas Unheilvolles in der Luft. Aus einem verbeulten Aluminiumbecher habe ich von seinem selbstgebrauten « jus » getrunken, und dann haben wir uns gegenseitig mit einem kräftigen Händedruck beste Wünsche auf unseren weiteren Lebensweg mitgegeben. Seither weiss ich nichts mehr von ihm...

Über die letzten Felsen und den Schneefirst steigen wir zur Spitze der Aiguille de l' Amône ( 3586 m ). Es ist 10 Uhr. Klein ist der ebene Platz hier oben, doch gross genug für ein paar Menschen, die weitab von der alltäglichen Hetze in besinnlicher Stille die Bergeinsamkeit erleben. Rings um uns weisen die Flanken in unerhörter Steilheit in die Tiefe, die glitzernde Eiswand zum Glacier de la Neuvaz, die dunkle Felsmauer zum Glacier d' Argentière. Der Südgrat springt in überhängenden Absätzen zur Brèche de l' Amône hinunter, und nur der Nordwestgrat leitet gemässigter und beruhigend zur Gendarmenreihe der Aiguilles Rouges du Dolent über.

Ich hatte geglaubt, dass die Bezeichnung « l' Amône » in arger Verstümmelung vom Wort Anémone herzuleiten sei. Nur wenige Berge sind ja mit ' ' .: ' Blumennamen belegt worden. Aber wie hätte der Name der Anemone mit ihren weissen Blumenblättern zu unserem Gipfel gepasst. Aiguille de l' Anémone! Leider habe ich zu meiner Enttäuschung erfahren müssen, dass l' Amône von « La Mine » herkommen soll. Im Val Ferret unterhalb von La Fouly, unweit der Hütten von L' Amône befinden sich die Überreste eines Bergwerks, wo in früheren Zeiten eisen- und silberhaltige Bleierze gefördert wurden. Weil der auffallende Berg zufälligerweise in dessen Umgebung steht, ist er in sachlicher, aber auch prosaischer Art und Weise zu seinem Namen gekommen.

Als Abstieg wählen wir vorerst die Nordrippe und halten uns an die Felsen hart über der steilen Schnee- und Eisflanke. Wir steigen so weit ab, bis wir in die Ostwand einbiegen können, von wo aus diagonal auf Felsbändern zum Fusse der obern Lücke im Südgrat der Aiguille de l' Amône zu gelangen ist. Ein kurzer delikater Riss führt hinauf in die Lücke. Eine Reihe von imposanten Türmen bildet die Fortsetzung im Südgrat. Sie alle zu überklettern, hätte uns kostbare Zeit gekostet. Wir ziehen deshalb vor, diese Gendarmen.. auf der Schweizer Seite auf einem ausgeprägten Bande zu umgehen. Noch bevor wir an das Ende dieses Bandes kommen, treffen wir auf ein Wässerlein, das über die Felsen rinnt und uns zu kurzem Verweilen einladet.

In einer Scharte wird die Gratkante wieder erreicht, die nun exponiert und steil abfällt. Behutsam klettern wir hinunter und stehen nach ein paar Seillängen glücklich am Fuss der kühnen Felskante. Am Doppelseil ist mein Kamerad nachgekommen. Doch unserem Seil gefällt es scheinbar ausnehmend gut, an der untersten Stelle zu verweilen, denn mit allen Bemühungen, ob sanft oder energisch, lässt es sich weder einziehen noch ausschwingen. Mein Kamerad muss nochmals zurück, um es loszumachen.

Das folgende, fast horizontale Gratstück, wohl das interessanteste der ganzen Kletterei, nimmt unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Es ist ein ungetrübter Genuss, im soliden Granit über all die bizarren Zacken und luftigen Türme hinwegzuklettern. Nirgends sind eigentlich leichte Stellen anzutreffen, überall herrscht ausgesprochene Exponiertheit, die unvergleichliche Tiefblicke in die jähen Wände zu beiden Seiten vermittelt. In der Nähe der Brèche de l' Amône verlassen wir die Gratlinie neuerdings und klettern links vom hier beiginnenden und sich gleich mächtig aufbäumenden Nordgrat des Mont Dolent aufwärts bis zum flachern Teil des Felssporns der Kugyroute. Dieser endigt am Nordgrat bei einem Felsturm, wo wir Kriegsrat halten.

Das Wetter hat sich nämlich seit unserem Weggehen von der Aiguille de l' Amône allmählich, aber stetig verschlechtert. Drohende Gewitterwolken hüllen den Mont Blanc ein und scheinen uns in Kürze überfallen zu wollen. Ein starker Wind ist aufgestanden. « Wäre es nicht besser, statt den Aufstieg fortzusetzen, von hier auf den Glacier de la Neuvaz abzusteigen, um bald das schützende Dach der Hütte über sich zu haben? » so wird die Frage laut. « Ob Sonnenschein oder Regen, der kürzeste Weg, von hier wegzukommen, führt über den Mont Dolent », das ist die unumstössliche Meinung unseres Kameraden Willy, der nicht gewillt ist, den schon vor neun Jahren begangenen Rückzugsweg durch das Spaltengewirr des Glacier de la Neuvaz B vzu wiederholen.

So nehmen wir ohne grosse Hast den scharfen Schneegrat in Angriff. Weiter oben verbreitert er sich und führt zum felsigen Vereinigungspunkt mit dem Westgrat, der Dreiländerecke. Wir wenden uns nach links über einen Schneebuckel und traversieren in den obersten Hang hinaus, bis wir den Bergschrund überschreiten können. Oberhalb desselben verlangt der steile und vereiste Hang absolute Standfestigkeit. Ein kalter Wind, der uns stossweise angreift und uns den aufgewirbelten Schnee ins Gesicht bläst, erschwert noch unsere heikle Aufgabe. An den Felsen des Westgrates atmen wir auf. Dichter Nebel umgibt uns, und wie vier vermummte Femegestalten schleichen wir über den Kamm, ohne jenseits Schutz vor dem Unwetter zu finden. Welch ein unfreundlicher Empfang! Doch blitzt und donnert es nicht. Wie ein Spuk geht alles in Kürze über uns hinweg. Der Wind klingt mehr und mehr ab. Auf unserem Weiterweg wird es allmählich wieder heller, und die Sicht erlaubt uns, bald einen Blick in die wilde Umgebung zu tun.

Die südliche Flanke des Westgrates, die wir zu überwinden haben, ist ausserordentlich brüchig. Alles ist so lose aufeinander geschichtet, dass nur schon ein ungeschickter Ruck am Seil genügt, um diese zerbrechlichen Gebilde zum Einsturz zu bringen. Hier muss es gewesen sein, wo 1911 die Seilschaft Thomas-Jacomin ihren Kameraden Blanc infolge Ausbrechens eines Blockes verloren hat. Aus den Trümmern habe ich als letzter am Seil durch eine Platte, die im Rutschen einen weiten Umkreis des Hanges in Bewegung gesetzt hat, einen Denkzettel am Knie mit nach Hause genommen! Sonst sind wir heil davongekommen. Über die Blöcke des letzten Grataufschwunges, der durch seine helle Farbe der Felsen auffällt, gelangen wir in flüssiger Kletterei auf den schneeigen Gipfelgrat und betreten etwas nach 16 Uhr die höchste Erhebung des Mont Dolent ( 3820 m ).

Früher ist er 3 m höher gewesen. Aus älteren Beschreibungen ist zu entnehmen, dass eine Wächte den Gipfel gekrönt hat, so berichtet der eine, oder, dass man über den scharfen Eisgrat à cheval vordringen musste, der andere, oder, dass Wind und Wetter die kleine Kuppe zu einem « Hut à la mode » ( es war im Jahre 1907 ) geformt hatten, der dritte. Nichts von alledem finden wir, im Gegenteil, ein paar trockene Gipfelfelsen, auf die wir uns niedersetzen und uns beseeligende Ruhe gönnen.

Jubelnden Herzens und dankbar freuen wir uns, dass diese Bergfahrt gelungen ist, die einen langen aber empfehlenswerten Aufstieg zum Mont Dolent von der Cabane Dufour eröffnet. Die Aufstiegszeit dürfte von ausdauernden Berggängern noch unterschritten werden. Die Route ist weitgehend frei von objektiven Gefahren, abgesehen von den losen Steinen in der Wand der Pointe de la Fouly und in der Südflanke des Westgrates des Mont Dolent. Sie ist anregend in der Abwechslung von Eis, Schnee und Fels und bietet reizvolle Ausblicke in die nähere und weitere Umgebung.

Wer hätte es vor einer Stunde geglaubt, dass uns doch noch ein sonniger Abend beschieden sei! Ein leichter Wind treibt die Wolken gegen das Unterwallis zu. In unbeschreiblicher Schönheit enthüllen sich die Berge des Mont-Blanc-Massives. Die Kette der Aiguille Verte steht greifbar nahe, die beiden kecken Spitzen der Aiguilles Ravanel und Mummery haben es uns besonders angetan. Soll es nur Wunschtraum bleiben, noch heuer den beiden vom Col des Cristaux aus unsere Aufwartung zu machen?

Wir schauen nach Italien, dem Land, das seit Jahrhunderten schon so manchem Menschen der Traum seines Lebens geworden ist. Heute brodelt es in undurchdringlichem Grau über dem sonst so sonnigen Süden. Unter uns duckt sich die Aiguille de l' Amône bescheiden, und auch die wilden Zacken der Aiguilles Rouges treten nicht sonderlich hervor, hingegen beherrscht der Tour Noir finster die Runde. Ein Bild, wie auch im persönlichen Leben die Dinge ein anderes Gesicht annehmen, wenn man sie von höherer Warte aus betrachtet. Aus den Berner und Walliser Alpen grüsst zwischen Wolkenbänken manch ein Bekannter herüber: du Bietschhorn, das mich so lange warten liess, bis mir der Zutritt zum Gipfel gewährt wurde; du Wildhorn, wo mein Bub seinen ersten Dreitausender betreten hat; du Zinalrothorn, das uns nicht mehr freigegeben hat und uns in seiner Flanke biwakieren liess. So viele Erinnerungen werden ausgetauscht, dass die Zeit im Fluge vergeht und wir eilends den Abstieg antreten müssen.

Die Normalroute über die Süd-Südost-Flanke und den Glacier de Pré de Bar ist schon öfters beschrieben worden, dass der Berichterstatter es sich versagen kann, eine weitere Schilderung beizufügen. Eine fast nicht endenwollende Wanderung über Schnee und Moräne. Wenn man Glück hat, erwischt man das Weglein, das sich über die kargen Weidhänge der Pte. Allobrogia zum Col du Petit Ferret hinunterschlängelt. Es ist Nacht, wie wir von den Hütten von La Lechère, wo uns ein mürrischer Knecht einen Krug Milch vorgesetzt hatte, durch den Wald ins Val Ferret absteigen. An den Hängen brennen die Höhenfeuer, es ist ja heute der 1. August.

In La Fouly ist alles Volk auf der Strasse. Überall sind die Fenster hell erleuchtet, besonders reizvoll sind die Grüpplein lampionstragender Kinder der Feriengäste und Einheimischen. Drunten an der schäumenden Drance haben sich die Pfadfinder zu Gesang und kraftvollem Wort zusammengefunden und haben ein Feuer angefacht, dessen Flammen hoch in das Dunkel der Nacht hinaufzüngeln und den Wald im Talgrund der Reuse de l' Amône geisterhaft erleuchten. La Fouly ist überfüllt, und wir können kaum Unterkunft finden.

Die Flamme des grossen Feuers ist in sich zusammengesunken. Die vielen Lichtlein sind im Verlöschen. Alle die kleinen und grossen Leute sind zu ihren Behausungen zurückgekehrt. Es wird still im idyllischen Bergtal. Der Bergwald schläft, und nur die Drance rauscht nimmermüde talauswärts. Hoch oben über dem Weiss des Glacier de la Neuvaz stehen im Dunkel unbeweglich die Felsen der Aiguilles Rouges und zeichnen ihre Umrisse in den klaren Nachthimmel. Leicht erkennt man die Aiguille de l' Amône. Steht nicht ein Stern über ihrem weissen Gipfel? Leise klingt die Strophe:

« Lasse strahlen deinen schönsten Stern Nieder auf mein irdisch Vaterland » in uns nach, wie wir nach diesem erlebnisreichen Tage unser Nachtlager aufsuchen.

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