Trilogie in Fels, Schnee und Eis

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VON HANS STEINBICHLER, BELLACH

Klare Tage an der Dent Blanche Mit 4 Bildern ( 36-39 ) Überraschend war der Herbst ins Land gezogen; fast schien es, als gäbe es zwischen dem Sommer und Herbst 1966 keinen Unterschied als den, dass die Tage kürzer wurden. Viele Pläne waren ins Regenwasser gefallen. Ende August waren wir ins Val d' Hérens gekommen, nach Ferpècle im hintersten Winkel des Tales gefahren und dann stundenlang im Regen zur Cabane Rossier hinaufgewandert; doch war uns bei diesem Vorhang aus Schnee und Regen plötzlich jegliche Lust vergangen: Wir kehrten um und verliessen fast fluchtartig Berg und Tal.

Dann kam doch noch ein Nachsommer mit leuchtenden, klaren Tagen, mit Windstille und weiter Sicht, ein richtiger Altweibersommer, der uns ahnen liess, dass dies wohl das Ende des Bergsommers sein würde; darum besannen wir uns nicht lange. An einem Donnerstag gegen Mitte September fuhren wir wieder hinauf nach Evolène, durchs Rhonetal, wo die Reben und Obstbäume von Früchten prangten, die unter der Sonne die letzte Reife erhielten. Dann stiegen wir über Matten, auf denen friedlich die Kühe weideten, hinauf zur Alp Bricola und trauerten all den schäumenden, munteren Wassern nach, die die Grande Dixence bis auf das letzte Rinnsal auffängt und in Rohre leitet, um sie der Zivilisation nutzbar zu machen. Der Weiterweg führte uns über Moränenrücken, Eisfelder und immer tieferen Schnee empor zu einem Adlernest, das Cabane Rossier heisst und der Sektion Jaman des SAC gehört. Bald war aus dem Schnee Wasser und aus dem Wasser verheissungsvoll dampfender Tee geworden.

Nach dem Abendessen standen wir noch lange vor der Hütte und sahen hinauf zum samtschwarzen Nachthimmel, der mit unzähligen glitzernden Sternen übersät war, schauten nach Süden, wo dunkel die Pyramide der Dent d' Hérens stand, und nach Osten, wo sich über uns, eindrucksvoll und wuchtig, « unser Berg », die Dent Blanche, erhob.

Wunderbar steigt der nächste Tag herauf. Spät erst wird es hell; doch das macht uns heute nichts aus, denn wir haben keine Eile, können den ganzen Tag unterwegs sein, weil wir am Abend nur bis zur Hütte absteigen müssen.

Über einen kleinen Felsgrat, der sich bald im Schnee verliert, steigen wir hinauf zum Plateau, die letzten Meter fast im Laufschritt, denn nun muss jeden Moment das Matterhorn auftauchen. Und es taucht auf, noch mächtiger, als wir es uns vorgestellt haben; dunkel steht seine Nordwand vor uns, und von seinem Gipfel, der von hier aus ungewohnt breit erscheint, ziehen sich -für uns sichtbar - drei seiner vier berühmten Grate nach unten: rechts der Liongrat, dann, gegen uns steil abfallend, der Z'Muttgrat, links, lang und gleichmässig, der Hörnligrat, mit dem mich viele Erinnerungen verbinden. Liskamm, Monte Rosa, Mischabel stehen klar im Licht dieses wunderbaren Herbsttages. Aber am meisten freut uns doch der Berg, der sich direkt vor uns und fast greifbar nahe erhebt: die Dent Blanche. Auch hier sehen wir drei Grate, drei verschiedene Anstiege links den Grat von Ferpècle, rechts den Viereselsgrat und in unserer Richtung den kurzen, aber nicht gerade leichten Südgrat. Ihm gilt nun bald unsere ganze Aufmerksamkeit.

Trotz des schlechten Sommers sind die Verhältnisse einmalig: Trockener, warmer Fels lässt uns gut vorankommen, und wir können uns ganz dem Genuss des Kletterns hingeben. Rothorn und Obergabelhorn tauchen auf; bald sehen wir auch das Weisshorn, das uns noch um fast 200 Meter überragt, und dann stehen wir auf dem Gipfel. Heute war alles so leicht und einfach, fast spielerisch. Kein Plagen und Mühen; selbst die Höhe spürten wir kaum. Nun sitzen wir auf den warmen Steinen und schauen in die Runde, schauen Berge, Berge, soweit die Wölbung unserer Erde es gestattet, denn keine Wolke und kein Dunst beeinträchtigen die Sicht. Wie kurz und unbedeutend scheint doch ein Menschenleben, wenn man es an den Bergen misst! Und doch ist der Mensch in der Lage, das Gesicht der Berge zu ändern. Das kommt mir in den Sinn, als ich tief unten im Val de Moiry den smaragdfarbenen Stausee gewahre und daran denke, welche Kraft in der elegant geschwungenen Mauer liegt. Zwei Stunden sitzen wir hier oben und lassen auch den Körper zu seinem Recht kommen: Heisse Suppe wird serviert, zum Nachtisch gibt 's Apfel, Birnen und Tomaten, Gaben aus dem fruchtbaren Rhonetal, das noch sommerlich grün heraufgrüsst.

Schweren Herzens nehmen wir Abschied von unserem erhabenen Thron, wissen wir doch, dass dies sicher für heuer der letzte Gipfel im Hochgebirge war. Lange Wintermonate werden viel Schnee über Grate und Flanken werfen und sie einsam werden lassen. Gewiss, wir freuen uns auf den kommenden Winter, auf seine Pracht in Eis und Schnee, aufs Skifahren; doch der scheidende Bergsommer lässt immer eine leise Sehnsucht und Wehmut zurück.

Schnell kommen wir tiefer. Am Ende der Saison ist der Körper trainiert, der Tritt sicher, und fast rhythmisch werden die vertrauten Handgriffe getan. Unten, auf dem Plateau, verweilen wir noch eine Stunde und lassen uns von der Nachmittagsonne wärmen; dann laufen wir über den Grat zur Hütte hinunter. Es sind Gäste da, denn am Sonntag wollen die Bergführer vom Unterwallis ein fast zwei Meter hohes schmiedeeisernes Kreuz auf der Dent Blanche errichten. Ein Helikopter hat es zur Hütte geflogen und wird es am Sonntag auf den Gipfel transportieren. Es wurde von einem Künstler geschaffen und gefällt uns ausserordentlich gut.

Wieder stehen wir vor der Hüttentüre, sehen die Sonne sinken und die Nacht herannahen, die heute in der Länge dem Tag gleichkommt.

Kurz vor dem Schlafengehen lege ich meine Kamera geöffnet vor die Hütte auf eine Mauer und lasse sie fünf Stunden lang die Bahn der Sterne aufzeichnen. Gegen vier Uhr morgens muss ich allerdings hinaus und den Verschluss betätigen, damit kein Tageslicht auf den Film dringt.

Noch einmal ist ein wunderbarer Tag angebrochen, und wir können ohne Eile nach Ferpècle absteigen. Auge und Kamera werden noch oft zurückgewendet und halten fest, was schon Erinnerung geworden ist.

Nur mühsam können wir uns wieder zurechtfinden im Strom des Strassenverkehrs nach diesen zwei vollkommenen Tagen in Licht und Stille.

Im winterlichen Berner Oberland Mit 2 Bildern ( 40 und 41 ) Neben der Hohen Route, der grossen Skitour im Wallis, ist die Durchquerung des Berner Oberlandes eine der klassischen Fahrten in den Alpen. Sie beginnt in Blatten im Lötschental, führt über den Langgletscher hinauf zur Lötschenlücke, quert das gewaltige Aletschbecken und zieht über die Grünhornlücke, den Fieschergletscher, das Oberaarjoch und den Oberaargletscher hinunter zur Grimsel.

Zu beiden Seiten stehen eisgepanzerte Gipfel, die fast alle mit Ski zu ersteigen sind.

Von mehreren Sommertouren her kannten wir das Oberland und hatten vom Mönch und der Jungfrau, dem Fiescher- und Aletschhorn in das gewaltige Kreuz hinuntergesehen, das der Aletschgletscher beim Konkordiaplatz bildet. Wie schön müsste es doch sein, über diese riesigen Flächen die Ski laufen zu lassen und sich ganz dieser Welt aus Eis, Schnee und Weite hinzugeben!

April 1964. Nach etlichen Vorbereitungen sitzen wir nun endlich im Zug Kandersteg—Goppenstein. Dort wartet bereits ein Taxi auf uns drei und bringt uns schnell hinauf nach Blatten. Viel Schnee liegt noch heuer, und wir können direkt vom Auto aus die Felle benützen. Für acht Tage haben wir Proviant bei uns, dazu die Ausrüstung, die Ski... Zwei Stunden ziehen wir durch lichten Lärchenwald und über Matten, die noch tief unter dem Schnee liegen, bis wir den Langgletscher erreichen, der seinen Namen nicht umsonst trägt. Sechs Kilometer Länge und 1400 Meter Höhendifferenz liegen nun vor uns bis zur Hollandiahütte, dem heutigen Ziel.

Nur langsam will es heute laufen, die Verschnaufpausen werden immer länger, und mancher Seufzer lässt sich hören. In der Grossen Dole, einem riesigen Gletscherkessel, wird es dunkel und empfindlich kalt. Um nicht auszukühlen, heisst es vorwärts, auch wenn der Körper nicht mehr willig gehorcht. Das Licht der Hütte blinkt immer noch erschreckend hoch über uns und scheint unerreichbar. Nach acht Stunden, gegen 21 Uhr, stolpern wir über die Schwelle, erschöpft und froh - und nur mit einem Gedanken: Bett, Schlaf...

81 Verlockender Sonnenschein weckt uns am anderen Morgen. Jeder Muskel schmerzt noch, aber für die Ebnefluh langt es sicher. Nur drei Stunden sind es auf diesen nahen Berg, dessen grosses Gipfelplateau fast 4000 Meter erreicht. Schade, dass es diesig ist und wogender Nebel die Sicht ins steilabfallende Lauterbrunnental verwehrt. Nur schemenhaft tauchen hin und wieder die Spitzen von Aletsch- und Gletscherhorn aus den Wolken. Auch die Abfahrt ist durch mangelnde Sicht behindert, und am frühen Nachmittag sind wir wieder bei der Hütte. Ein klein wenig sind wir enttäuscht über unseren ersten Berg: keine Sicht, keine Sonne, keine Photos, keine stiebende Abfahrt; aber dann tröstet uns doch der Name eines neuen Gipfels, den wir in unser Tourenbuch schreiben können. Früh sind wir am Dienstag aus den Federn und auf den Ski. Die Spur zieht zum Mittaghorn hinauf, einem benachbarten Berg der Ebnefluh. Flaumiger Neuschnee verspricht eine prächtige Abfahrt, und wir freuen uns mächtig darauf. Auf dem Grat werden die Ski deponiert, und zu Fuss, aber mit den Skistöcken steigen wir auf einer schmalen, verwächteten Schneide dem Gipfel entgegen, wobei der tiefe Schnee mühevolle Spurarbeit erfordert, die wir redlich aufteilen. Eben bin ich an der Reihe, die nächsten Löcher zu treten, und bitte meinen Kameraden, mich nach vorne zu lassen. Er bleibt stehen, während ich an der steilen, verwächteten Seite an ihm vorbeisteige. Da - wie ich mit ihm auf gleicher Höhe bin, fährt ein Riss lautlos in den Schnee. Der Boden weicht, und ich falle... Mit der linken Hand greife ich nach Hermanns Skistock, reisse ihm den Teller herunter, falle steif wie eine Stange etwa vier Meter und... stecke bis über der Brust im Schnee. Unter mir rauscht die abgebrochene Wächte in die Tiefe, und lustig hüpft der Skiteller hinterdrein. Das Ganze hat sich so blitzschnell zugetragen, dass ich erst nach und nach überhaupt begreife, was passiert ist. Und sogleich muss ich an Sepp denken, der uns in einem Abstand von 20 Metern folgt und nun sicher kein besonders kluges Gesicht macht. « Sepp, schau nicht so dumm! » rufe ich hinauf und lasse ein langes, befreiendes Lachen folgen. Mit vereinten Kräften werde ich wieder nach oben gezogen. Es war wirklich leichtsinnig, auf der Wächte zu gehen... aber eine gute Lehre.

Bald stehen wir auf dem Mittaghorn ( 3895 in ) und sehen ringsum... in Nebel. Also geht es wieder hinunter, und ich fahre nachher mit den Ski schräg hinüber, um die Abbruchstelle von unten zu sehen und den Skiteller zu suchen. Dieser ist natürlich nicht zu finden - er bleibt als Pfand zurück.

Durch federleichten Pulverschnee stäuben wir hinunter und sind in wenigen Minuten bei der Hütte, wo wir die Säcke packen, den Ofen ausräumen, unsere Übernachtung begleichen, während einer den Besen schwingt.

Die Rucksäcke sind zwar nicht viel leichter geworden, doch diesmal beschleunigen sie die Fahrt den flachen Aletschfirn hinunter zum Konkordiaplatz. Rechts über uns 1000 Meter Eis: die wilde Nordwand des Aletschhorns, die von mehreren felsigen Rippen durchzogen und gestützt wird. Eine, die östlichste, ist die Haslerrippe, die einen eleganten Anstieg zum Gipfel vermittelt, den wir vor Jahren im Sommer gemacht haben.

Am Konkordiaplatz, dieser ungeheuren, ebenen Fläche, tauchen Spalten auf, und wir queren am Seil die gefährliche Zone. An den Felsen werden die Ski zurückgelassen, und über einige Leitern erreichen wir die Konkordiahütten ( 2840 m ). Hier sind wir nicht allein, und auch der Hüttenwart ist da. Das Wetter hellt gegen Abend auf; doch ein beissender Wind lässt uns schnell wieder die freundliche Wärme der Hütte suchen. Bald legen wir uns schlafen; doch nicht lange, denn gegenüber « sägt » plötzlich jemand lautstark in die Stille. Da hilft kein Räuspern und Husten, da hilft nur noch ein Kissen. Zunächst opfere ich mein eigenes; langsam richte ich mich auf, lausche in die Finsternis, ziele - werfe. Jemand fährt auf und schimpft; aha, das war der Falsche. Nun muss Hermann seinen Kopfpfühl stiften. Wieder wird gezielt und wuchtig geworfen, diesmal mit vollem Erfolg, denn mit dem dumpfen Aufschlag verstummt das Krächzen.

Ein klarer, eisig kalter Tag dämmert, und wir sind unterwegs zum Gross-Grünhorn. Der Wind verschärft die klirrende Kälte und bläst feines Schneemehl in Schuhe und Taschen. Es wird steil, Eisbrüche, blaugrün schimmernd, werden umgangen. Dann bleiben die Ski zurück. Ringsum erstrahlen die Berge in klarem Licht; jeder Gipfel zieht einen weissen Schneeschleier hinaus ins Blaue: Sturmfahnen, die die Gewalt des Windes dort oben andeuten. Auch uns packen nun die ersten Böen. Man muss stehenbleiben und den Atem anhalten, denn die daherstürmende Wand aus Schneestaub deckt alles zu. Wir kämpfen vier Stunden bis auf 3800 Meter Höhe, dann kehren wir um, weil auch die Füsse erstarrt und gefühllos sind und massiert werden müssen. Die Schuhe, innen warm und feucht, erstarren sogleich zu beinharten Klötzen. Um wieder hineinzukommen, müssen ein Paar Socken ausgezogen werden. So schnell wir können, fahren wir hinunter, und dort, auf dem Grüneggfirn, wird es warm, ja heiss, so dass wir hemdsärmlig weiterwandern, der Grünhornlücke zu... Hier öffnet sich ein faszinierender Blick: das Becken des Fieschergletschers. Direkt vor uns steht der Berg, der alle Blicke auf sich zieht: das Finsteraarhorn, « der Grösste » im Oberland, 4274 Meter hoch. Nun lassen wir die Ski laufen, quer über den Gletscher auf die Finsteraarhornhütten zu. Sie sind gut besucht, doch wir finden ohne Mühe Platz. Den ganzen Abend verbringen wir damit, über unserem kleinen Kocher die Schuhe und Socken zu trocknen.

Funkelnder Sternenhimmel und völlige Windstille am nächsten Morgen. Freude fährt in uns, richtige Lust auf diesen Tag und sein Ziel. Noch in der Dämmerung ziehen wir los. Die Sonne vergoldet die Spitzen in der Runde, wundervolle Farben erscheinen und verblassen, kein Laut ringsum, nur das gleichmässige Knirschen der Ski. Tief unten blinkt noch das Licht der Hütte, und der spaltenreiche Gletscher liegt noch im Schatten. Der Wind des Vortages hat den Schnee zu bizarren Formen gepresst, und fast mühelos erreichen wir über die feste Schneedecke den Hugisattel, 4094 Meter. Dort lassen wir die Ski zurück und steigen über einen kurzen, luftigen Felsgrat zum Gipfel hinauf. « Berg heil! » - ein Lächeln und - schauen. Gibt es einen schöneren Aussichtsberg als das Finsteraarhorn? Im Norden, weit im blauen Dunst, die Juraketten, im Süden italienische Gipfel und Täler, gegen Westen das Wallis und der Mont Blanc, im Osten Graubünden, Bernina, und dazwischen und um uns Berge, Berge... Und wir sehen dies alles auf einmal, es braucht nur eine Wendung, eine Augen-bewegung.

Eine Jugendgruppe des SAC Bern ist uns gefolgt, und plötzlich wird gesungen, das Walliser Lied, der Trueber Bueb... Fröhliche junge Stimmen, spontaner Ausdruck unbeschwerten Erlebens.

Wieder auf den Ski. Wie schnell wechseln die Empfindungen! Schwung, Kraft und Tempo dominieren nun. Die Augen, oben noch weit weg, in der Ferne, sind nun nach unten gerichtet, suchen den fliehenden Boden. Wie rasch sind tausend Höhenmeter verloren - und schon ist der Gipfel hoch über uns, bereits Erinnerung.

Auch der folgende Tag steht dem gestrigen nicht nach. Wir besteigen die Fiescherhörner, zwei Viertausender mit rassigen Abfahrten. Am Nachmittag schwingen wir den Fieschergletscher hinunter und steigen über den Galmigletscher hinauf zum Oberaarjoch, wo wie ein Schwalbennest an den Ausläufern des Oberaarhorns die Hütte klebt.

Nun ist es Samstag geworden, und vor uns liegt nur mehr die Abfahrt - fast bis Guttannen, wenn der Schnee noch liegt. Der erste Teil ist der schönste: über den langen Oberaargletscher flitzen wir hinunter, verlieren 1000 Meter Höhe bis zum Stausee. Dort jagt uns der Sepp noch einmal einen Schrecken ein. Auf der Hütte mahnte gut lesbar eine Tafel: « Achtung, Skifahrer — Abbruch zum See 20 Meter ». Wir sind bereits nach links abgebogen und warten auf ihn. Da erscheint er: Hübsch, wie er seine Bögelchen zeichnet; doch längst sollte auch er abbiegen. Hat er etwa unsere Spuren nicht gesehen? Unbeirrt fahrt er auf den Abbruch zu. Entsetzt springen wir auf, schreien, pfeifen. Er scheint uns nicht zu hören - doch plötzlich bleibt er stehen und fährt dann gemütlich zu uns herüber: « Ich wollte bloss sehen, ob es auch wirklich 20 Meter sind. » Dickes Eis bedeckt noch den See, den wir bis zur Staumauer begehen. Seitlich des mächtigen Dammes fahren wir in einem steilen Graben zum zweiten See hinunter. Zum erstenmal seit einer Woche sehen wir wieder Vegetation: Bäume und Sträucher, noch tief im Schnee. Wieder ziehen wir eine Stunde lang über den gefrorenen Stausee, und dann geht es die Passstrasse hinunter, die von grossen Lawinen überschüttet ist. So unbehindert sind wir die Grimsel noch nie gefahren: kein Auto, keine Verkehrsregeln, kein Polizist; jeder fährt, wie es ihm passt. Genau dort, wo der Schnee aufhört und der Asphalt erscheint, steht ein Auto. Unser Freund ist pünktlich; schon seit Stunden wartet er auf uns. Auch er freut sich, als er uns sieht, sonnenverbrannt, hungrig und nicht mehr ganz sauber. Aber wir fahren noch nicht heim, wieso auch? Es ist doch erst Samstag! Nur bis Meiringen geht es abwärts, dann wieder steil hinauf- zur Rosenlaui. Morgen wollen wir auf den Wildgerst...

Fahrt zum Weisshorn Mit l Bild ( 42 ) Eine der eindrücklichsten Berggestalten der Alpen ist das Weisshorn, und für viele Alpinisten ist es auch ihr schönster Gipfel. Frei steht es im Raum und bietet sich dem Beschauer als gewaltige, gleichmässige Pyramide dar, die ihre Spitze auf 4500 Metern findet. Makellos weiss sind zwei seiner Flan- ken, die Nordost- und Südostseite, während die Seite nach Westen eine riesige, ungegliederte Felsmauer bildet, die im Sommer nur von vereinzelten Schnee- und Eiscouloirs durchzogen wird. Über drei interessante Grate führen die hauptsächlichsten Anstiege: von der kleinen Weisshornhütte ( 2930 m ) der Ostgrat, der « leichteste » dieser drei schwierigen Routen; von der Tracuithütte ( 3256 m ) der lange Nordgrat mit seinem berühmten Gendarm, und vom Schalijoch ( 3750 m ) mit seiner Biwakschachtel der eisfreie Schaligrat.

Oftmals in langen Jahren sah ich von anderen Bergen aus das Weisshorn in den ersten Strahlen der Sonne rot aufflammen, sah das letzte Leuchten des Abends auf seinem Scheitel, wenn ringsum die anderen Gipfel schon in der Dämmerung versanken. War es da nicht selbstverständlich, dass bei jeder Tour vom Weisshorn die Rede war? Doch wir hatten kein Glück; wir wurden abgewiesen. Jahr um Jahr kamen wir umsonst.

1964 schien es endlich soweit. Bei gutem Wetter waren wir auf dem Rothorn. Als wir, von Randa kommend, zur Hütte hinaufstiegen, war das Wetter schon nicht mehr sicher, und dann fiel mitten im Sommer ein halber Meter Schnee. Aus war 's mit unseren Hoffnungen! Zwar warteten wir zwei Tage und stiegen ein Stück weit hinauf, doch umsonst. « Ja, das Weisshorn hat es in sich », lachte Kamil Summermatter, der erfahrene Hüttenwart.

Das folgende Jahr stellte neue Höchstmarken an Niederschlag auf, und uns tröstete nur, dass jedermann gleich betroffen und niemand bevorzugt wurde. Der Sommer 1966 bescherte uns wiederum viel Regen, und nur für kurze Zeit wich der Winter im Gebirge. Doch mit einem Freund aus Visp wollte ich einen neuen Anlauf nehmen. An einem Freitag im August kam sein Bericht: « Im Wallis schön, schon die ganze Woche; ich glaube, wir versuchen es. » Eine grenzenlose Freude erfasste mich.

Und dann standen wir zu zweit am Bahnhof in St. Niklaus und sahen dem Kommen und Gehen zu. Bergsteiger, Feriengäste und abermals Bergsteiger; und immer wieder kamen sie in ihren Autos daher, abgespannt von langer Fahrt, von den Wartenden kritisch gemustert, abgeschätzt. Die Bergsteiger besitzen einen ungeschriebenen Codex, nach dessen Regeln ein geübtes Auge sogleich die Nationalität und auch etwa Erfahrung und Können feststellt. Hier eine Gruppe Schweizer mit sandgelben Rucksäcken und naturfarbenen Schuhen. Sie diskutieren gelassen und mit gedämpfter Stimme; man merkt es: sie sind hier zu Hause, das ist ihre Heimat. Aus einem Wagen österreichischer Herkunft schälen sich vier verwegene Gestalten und eine Unmenge Ausrüstung. Hier ist für länger geplant worden, denn nachdem die ohnehin schon vollen Säcke endlich ganz gepackt sind, überkommt mich ein Schaudern beim Gedanken an die Stunden, die sie unter der heissen Walliser Sonne getragen werden sollen. Aus dem Postbus von Grächen steigen ein paar Franzosen mit bärtigen und gebräunten Gesichtern: sie haben bereits etwas erlebt, sind droben gewesen. Die Schuhe, weiss von Staub, sind abgenützt; ihre farbige Ausrüstung fällt auf: knallrote Daunenjacken, gelbe Strümpfe, blauer Rucksack. Dass sie ihr Fach verstehen, zeigen ihre Pickel und Steigeisen, die trotz des letzten technischen Standes deutliche Spuren von regem Gebrauch aufweisen. Und dann kommen die Züge, erst der aus Zermatt. Bremsen kreischen, und in Sekundenschnelle verdoppelt sich das Durcheinander auf dem Platz; wieder Bergsteiger, sonnenverbrannt, die Augen noch glänzend vom Erlebten, dazu Urlauber; Deutsche, Niederländer mit hochroten Köpfen und Beinen, mit Spazierstöcken, Photoapparaten und riesigen Sonnenbrillen. Die Luft ist erfüllt von Stimmen und Geräuschen. Wie in einem Bienenstock geht es zu - doch ohne Duft von Honig und Blütenstaub. Mit etwas Glück haben wir uns auf der Plattform eingerichtet und fahren los, hinein ins enge Tal der Vispa.

Herbriggen - Randa. Hier steigen wir aus und stehen in wenigen Minuten am Beginn des Hüttenweges. Die Sonne sticht heiss hiernieder, und sofort sind wir in Schweiss gebadet. Ein klares, kaltes Bächlein plätschert die Felsen herunter. Die Flaschen werden gefüllt, denn nun werden wir fast vier Stunden gehen, bis wir das nächste Wasser kurz unter der Hütte finden.

Auf halbem Weg begegnet uns Bergführer Heinrich Branschen aus Randa. Wir haben uns schon oft getroffen, und er erzählt mir, dass er heute zum 121. Male auf dem Weisshorn gestanden ist, und dies, nachdem er die Sechzig schon lange überschritten hat!

Nur unser drei Partien sind wir morgen am Weisshorn und haben deshalb gut Platz in der kleinen Hütte. Ich glaube kaum eingeschlafen zu sein, als wir schon wieder geweckt werden. 01.30 Uhr! Schweigend trinken wir eine Tasse Kaffee und packen die Rucksäcke. Noch ganz verschlafen stolpern wir, die Stirnlampen auf dem Kopf, in die Nacht hinaus. Der Weg lässt sich leicht finden, da die alten Spuren gut zu sehen sind. Nach einer Stunde stehen wir an einer Felswand und wissen in der Dunkelheit nicht weiter. Die beiden andern Partien mühen sich irgendwie hinauf, während wir das Dämmern des Morgens abwarten. Ein glutroter Streifen zieht sich am Horizont empor, doch noch steht ein funkelnder Sternenhimmel über uns, den hin und wieder eine Sternschnuppe leuchtend durchzieht. Mit dem ersten Licht des Tages finden wir auch den richtigen Weiterweg, der über steile, lockere Felsen hinaufführt auf den « Frühstücksplatz » ( 3915 m ), wo wir die anderen wieder einholen. Nun wird der Grat schmal und ausgesetzt, und wir klettern vorsichtig über Türme und eisige Platten. Die Sonne sendet ihre wärmenden Strahlen in die Nordostwand, und bald rauscht und donnert es ununterbrochen nach unten. Die ganze Wand scheint in Bewegung zu geraten: Lawinen und Schneerutsche jagen in die Tiefe. Am Ende des Felsgrates schwingt sich eine elegante Firnschneide hinauf zum Gipfel. 400 Höhenmeter sind es noch, die mir allerhand Mühe bereiten; aber dann stehen wir auf dem Punkt, den wir jahrelang nur erhoffen und erahnen konnten,auf einem winzigen Platz, kaum gross genug für zwei Personen. Die beiden anderen Seilschaften beginnen schon abzusteigen, doch wir wollen wenigstens eine Stunde verweilen und das grossartige Panorama schauen, das uns umgibt. Berge - Berge! Man könnte glauben, die Welt bestehe nur aus Gipfeln und Tälern. Doch wissen wir um die wirklichen Entfernungen, die von unserer hohen Warte aus verkürzt erscheinen. Plötzlich gewahren wir auf dem Nordgrat eine Zweierseilschaft, die nach kurzer Zeit neben uns steht. Seit Mitternacht war sie unterwegs - von der Turtmannhütte aus! Eine grosse Leistung von Bergführer Sepp Tscherrig und seinem Begleiter.

Zu viert beginnen wir dann zügig den Abstieg. Die Wärme hat den Schnee weiter aufgeweicht, so dass wir grösste Vorsicht walten lassen. Mehrmals breche ich mit einem Fuss durch die Wächte, was mir jedesmal einen Schrecken einjagt. Nach zwei langen Stunden können wir aufatmen; vom « Frühstücksplatz » an sind die Schwierigkeiten vorbei, wenn wir auch dem Steinschlag noch mehrmals ausweichen müssen. Langsam löst sich die Spannung der letzten Stunden und lässt Freude aufkommen, tiefe, dankbare Freude, die Geist und Körper gleichermassen erfüllt. Viele Gäste, Anwärter auf « unseren » Berg, sind in der Hütte, und manch anderen begegnen wir beim Abstieg nach Randa. Sie alle setzen ihre Hoffnungen auf den morgigen Tag, auf das Weisshorn. Doch das Wetter hat umgeschlagen und wird schnell schlechter.

Als ich anderntags im Zug das Wallis verlasse, trommelt Regen an die Scheiben, und ein scharfer Südwest hat die Berge bis tief herunter in Wolken gehüllt. Heute wird niemand auf dem Weisshorn stehen, und manche Enttäuschung wird wohl in den Hütten mit einem Glas Dôle fortgeschwemmt.

Geduld und Glück - beides zusammen ist für das Weisshorn erforderlich.

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