Trou au Natron (Tibesti)

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Von Herbert Hildebrand

Mit 3 Bildern ( 94—96 ) ( Zürich ) Zwei Stunden marschiere ich nun schon wieder auf diesem nicht endenwollenden Lavafeld. Weit voraus bin ich meinen Kameraden und der Karawane geeilt. Irgend etwas treibt mich vorwärts — vielleicht ist es Neugierde. Wir sollen heute noch das « Trou au Natron » erreichen, jenen grossen Krater, von dem ich während der Reise so oft gehört habe. Endlich werde ich meine Vorstellung mit dem tatsächlichen Bild vergleichen können. Es ist doch etwas Aussergewöhnliches, mitten in einem Hochplateau ein riesiges, einige hundert Meter tiefes Loch zu finden.

Wie aber gelangt man auf den Grund des Kraters? Sind die Wände wohl so steil, dass man abseilen muss? Und wie wird die Kletterei nachher auf dem Rückweg sein? Viele solcher Fragen gehen mir durch den Kopf. Man hat mir erzählt, dass die Tibbus hinuntersteigen, um natronhaltiges Salz zu holen. Ich weiss um die fabelhaften Kletterkünste dieser Eingeborenen. So bin ich gespannt, wie alles in Tat und Wahrheit sein wird.

Zwei Stunden schon habe ich nun wieder den Blick auf den Boden geheftet, um nicht über Bimsstein- und Basaltblöcke zu straucheln. Kaum konnte ich von Zeit zu Zeit zum Horizont aufschauen. Ich möchte mich endlich wieder einmal frei und ungehindert umsehen können. Ich warte also auf die Karawane, wo ich mein Kamel finden werde.

Die Luft ist noch frisch, obwohl die Sonne schon hoch steht. Wir sind heute später aufgebrochen, denn unsere Kamele hatten gestern abend auf diesem Hochplateau nur magere Weide gefunden. Auf der Suche nach mehr Futter waren sie in der hellen Mondnacht weit weg vom Lagerplatz geraten, und die Bellas, unsere Kamelhirten, hatten grosse Mühe, die Tiere bei Tagesgrauen zu finden.

Ich vertreibe mir die Wartezeit mit dem Betrachten der um mich liegenden Steine. Da steht ein schöner, mannshoher, gelblicher Block. Wie ich ihn anfasse und mit den Händen beklopfe, fängt er an zu wackeln. Ich stemme mich dagegen, und schon kippt er um. Einen kleineren Block von einem halben Meter Durchmesser kann ich mühelos aufheben und fortstossen. Verleiht mir wohl das gesunde Bergwüstenklima oder unser Ovomaltine-Frühstück solche Kräfte? Meine Kameraden, die gerade daherkommen, versuchen sich ebenfalls im Blöckestossen. Es sieht einfach komisch aus. Doch die Erklärung dafür ist einfach: es sind federleichte Bimssteine!

In der Zwischenzeit haben die Goumiers und Tirailleurs unsere Kamele sich hinlegen lassen. Nur widerstrebend und mit viel Gebrüll und Gestöhne, als gehe es um ihr letztes Stündlein, lassen sich die Tiere niederziehen. Einmal am Boden, dringt dann aus ihren langen Hälsen ein Gekoller und Gerülpse, das wie ein schwacher Protest anzuhören ist. Dabei befördern sie zum Wiederkäuen einen Klumpen Futter empor — und ein infernalischer Gestank verbreitet sich.

Wir Weissen ziehen unsere Schuhe und Sandalen aus und setzen uns auf unsere Kamele. Wenn dann die Goumiers, welche die Tiere halten und ihnen dabei mit einem Fuss auf ein Vorderbein stehen, zurücktreten, beginnt für den Reiter ein banger Moment: krampfhaft muss er sich am Sattel festhalten. Zuerst erhält er einen Stoss von vorne, dann einen von hinten und nochmals einen von vorne, und wenn er Glück hat, befindet er sich dann zwei Meter höher. Ohne Hilfe ist das Aufsitzen noch schwieriger. Kaum berührt man nämlich den Sattel, so steht das Kamel auf. Man muss also regelrecht « hinaufspringen », sich festklammern und die drei Stösse des sich aufrichtenden Tieres geschickt abfangen. Einmal oben, kann man sich auf dem Bassour, so nennt man den Sattel, zurechtsetzen. Man kreuzt die Beine über dem Hals des Kamels, ruft ein paarmal « uet », stupft es mit den Füssen oder schwingt das Leitseil — und schon setzt sich das Tier in Bewegung. Für Pferdereiter eine temperamentlose Angelegenheit; kaum dass man die. Tiere aus ihrem wiegenden Schritt in einen leichten Trab bringen kann! Dafür aber schreiten sie mit einer erstaunlichen Sicherheit, ohne jemals zu straucheln, über Geröll, Felsplatten und schwierige Pfade. Und dies alles mit einer Last von hundert bis zweihundert Kilo. Allerdings gehören diese Tiere im Tibesti einer besonderen Rasse an. Sie sind kleiner als ihre Artgenossen in der Wüste und haben widerstandsfähigere Fußsohlen. Es sind aus langer Zucht hervorgegangene Bergkamele, die gewöhnt sind, über Steine zu laufen.

Ich bin recht froh, zur Abwechslung wieder reiten zu können, obwohl die körperliche Anstrengung kaum geringer ist als beim Marschieren. Aber man kann die Dinge um sich herum besser betrachten und ruht dabei die Füsse aus. Ich brauche mich nun nicht mehr nur mit diesem langweiligen, von der Witterung stark zerfurchten Lavastrom zu beschäftigen. Frei kann ich von meiner hohen Warte aus nach allen Seiten schauen. Vor uns wächst langsam der Toussidé als breiter Kegel aus dem Horizont. Rechts vorgelagert erkennt man schon deutlich die Gliederung des Ehi Timmi. Er ist formmässig dem Toussidé sehr ähnlich. Wyss und Chappot wollen versuchen, ihn morgen zu besteigen. Tschudi und mich hingegen zieht es zum « Trou au Natron ».

Mittags erreichen wir einen günstigen Lagerplatz, von wo aus die Timmi-Besteiger starten wollen. In einer sandigen Mulde lassen wir die Kamele sich niedertun. Mit einem Fuss drückt man dem Tier auf den Hals und gibt Zisch-laute von sich. Als Antwort erhält man ein anklagendes Gestöhn, darauf lässt sich aber das Tier in die Knie fallen, geht dann mit seinem Hinterteil nieder, um vorne zuletzt vollständig hinzuliegen.

Die Goumiers bereiten uns die Lagerstätte vor. Es ist Februar, und die Temperaturen über Mittag sind erträglich. Am Schatten ist es oft kühl. Jeden Tag können wir drei Stunden lang faulenzen und mit gehörigem Sich-zeitlassen die Verpflegung einnehmen. Nur schwer haben wir uns an diesen Zeitverlust gewöhnen können. Aber die Kamele müssen ihr Futter haben, das zu finden hier oben besonders schwer ist. Die Grasbüschel sind selten, Thalabäume und Sträucher fehlen vollkommen.

Nachmittags ziehen wir mit dem Grossteil der Karawane weiter. Nur ein Goumier und ein Bella bleiben mit sechs Kamelen bei unseren Kameraden zurück.

Tschudi ist mit seiner Büchse weit vorausgeeilt. Beim Natronloch soll es Gazellen und Moufflons geben. Moufflons, wie der Franzose alle Wildschafe schlechthin nennt, sind in diesem Falle Mähnenschafe. Sie sind äusserst scheu und gleichen unseren Steinböcken.

Als ich in Begleitung des Eskortenkommandanten, Leutnant Laboubé, in die Nähe unseres Zieles gelange, hören wir einen Schuss. Wir sehen zwei Gazellen in graziösen Sprüngen durch eine breite Mulde abziehen. Plötzlich verhoffen sie und schauen neugierig zu uns hinüber. Tschudi, den wir weiter vorne sehen, versucht nochmals sein Glück. Er legt sich hin, zielt, schiesst aber diesmal nicht. Ein Blick durch meinen Feldstecher bestätigt meine Vermutung. Das Flimmern der Luft ist dermassen stark, dass die Tiere nur als eine unförmig bewegte Masse im Zielglas erscheinen. An ein sicheres Anvisieren ist nicht zu denken.

Nun müssen wir bald beim « Trou au Natron » sein. Ich beschleunige meine Schritte und lasse Tschudi und den Leutnant zurück. Die Spannung in mir wächst — ich muss endlich Klarheit haben. Noch ein paar Schritte... und ich stehe am östlichen Kraterrand und gleichzeitig auf dem höchsten Punkt des Hochplateaus. Ich weiss nicht, was mich mehr fesselt: der Weitblick in die Wüste oder der sich vor mir öffnende Riesenkrater mit dem mächtigen Toussidé im Hintergrund? Über der fernen Ebene liegt Staub-dunst, in den soeben die Sonne hineintaucht. Rotgold leuchtet sie auf; alles um mich scheint zu brennen. Die senkrecht vor mir abfallende Wand wirft einen Widerschein auf die weissen Natronflächen im Kratergrund. Zartrosa und violett schimmern sie herauf. Wieder einmal offenbart sich die Grösse der Natur. Sie lässt diese trostlose, sterile Wüstenlandschaft für kurze Zeit in einer Schönheit erstehen, die man nicht mehr bewusst sieht, sondern nur noch empfinden kann. Ich glaube zu träumen. Vollkommen anders habe ich mir dieses Zusammentreffen mit dem Natronloch vorgestellt. Tschudi und Laboubé sind unbemerkt neben mich getreten. Auch sie sind ergriffen.

Jetzt, nachdem die Sonne untergegangen ist, sehen wir uns die Gegend genauer an.

Das riesige, fast kreisrunde Loch soll fünf Kilometer im Durchmesser haben. Wir schätzen die Tiefe auf ca. 400-500 Meter. Die Wände fallen oben senkrecht ab, und nur an wenigen Stellen dürfte ein Durchschlupf möglich sein. Weiter unten gehen diese Mauern in Trümmerhalden über. Als schneeweisser Teppich liegt auf dem Kratergrund das natronhaltige Salz; darin stehen wahllos verteilt kleine, pechschwarze Vulkankegel. All dies ist trotz der rasch einbrechenden Nacht noch deutlich erkennbar. Erlebtes und Gesehenes bestärken uns noch mehr: morgen müssen wir in diesen Krater hinunter.

Ein starker Abendwind ist aufgekommen; es wird schon merklich kalt. Wir sehen, ein wenig abseits der Piste, unsere Kamele in einem ausgetrockneten Flussbett verschwinden. Rasch folgen wir ihnen nach. Hier unten im Windschatten haben die Eingeborenen einen guten, sandigen Lagerplatz gefunden. Auch Weide ist vorhanden, und sogar Büsche gibt es. Die Kamele werden abgebastet, und die Goumiers richten unsere Schlafstätten her. Zuerst werden längliche Mulden im Sand ausgehoben, was Ersé und Mahamat mit unserer Iselinschaufel besorgen. Dann werden die grossen Ziegenfelle, welche sonst den Sattel bedecken, ausgebreitet. Darauf kommen Luftmatratze, Schlafsack und ein bis zwei Wolldecken zu liegen. Die Ziegenfelle sollen Skorpione und Schlangen fernhalten. Nun, wir brauchen vor diesem Getier keine Angst zu haben, denn um diese Jahreszeit kriechen sie noch nicht hervor. Zudem ist es viel zu kalt hier oben.

Mertico, ein anderer Goumier, sitzt während dieser Arbeit ein wenig abseits. Er ist vorgestern ausgepeitscht worden — eine harte, aber notwendige Strafe für einen Trunkenbold, der seinen Dienst während einiger Zeit vernachlässigt hatte. Um so härter traf ihn diese Strafe, weil Ersé, der Ober-Goumier, sie auszuführen hatte. Auch darf er uns jetzt nicht mehr behilflich sein. In Zouar soll er gar aus dem Polizeidienst entlassen werden, da er schon seit längerer Zeit unzuverlässig ist. Das ist nun ziemlich schlimm, denn Polizist sein, heisst hier im Tibesti ein Gewehr tragen dürfen! Das gibt diesen Goumiers, wie man die Eingeborenenpolizisten nennt, eine überlegene Stellung gegenüber ihren Stammesbrüdern, denen der Besitz von Feuerwaffen streng verboten ist.

M'gadumga, ein Senegalneger ( er ist die persönliche Ordonnanz des Leutnants ), hat in der Zwischenzeit trockene Sträucher zusammengetragen, um unser Lagerfeuer anzufachen. Eigenartig berührt es, wie man hier im Bergland und draussen in der Sahara immer wieder Holz finden kann. Es ist so trocken, dass man einen Baumstamm mit einem Streichholz anzünden könnte. Hell und rauchlos brennt unser Feuer, das Holz prasselt und knistert und verbreitet einen angenehmen Duft. Müssig liegen wir herum und warten auf das Nachtessen. Wir sind gespannt, was uns der Koch, ein wahrer Künstler in seinem Fach, heute abend zubereiten wird. Schade, dass Tschudi am Nachmittag die Gazelle nicht erlegt hat. Gross ist die Überraschung, als man uns ein gebackenes Hähnchen mit Reis aufträgt. Also habe ich letzte Nacht doch nicht geträumt, als ich im Mondschein einen Hahn krähen hörte. Und da hatte ich nun auch schon die Erklärung für das eigenartige krächzende Geräusch, welches ich hie und da vom Kamel des Küchenchefs her hörte. Das arme Federvieh hat also einen dreitägigen Ritt mitgemacht. Solche und ähnliche Tierquälereien sind das einzige, was mir an den Tibbus nicht gefallen hat.

Nach dem Essen braut sich jeder von uns noch ein Getränk, Kaffee oder Tee. Lange noch sitzen wir um unser Feuer. Nur wenig wird gesprochen; jeder hängt seinen Gedanken nach.

Dann schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke.

Man schlummert unter freiem Himmel. Sorgen um das Wetter braucht man sich keine zu machen, denn hier regnet es selten im Winter. Höchstens fallen hie und da ein paar Tropfen. Heute nacht ist der Himmel klar, und es wird kalt werden, sind wir doch in den letzten drei Tagen von 900 auf 2400 Meter gestiegen.

Vor dem Einschlafen blicke ich nochmals zu den Sternen auf. Zuerst schaue ich die einzelnen Gruppen an, versuche, mich an ihre Namen zu erinnern, dann aber sehe ich nur noch das Himmelsgewölbe. Um mich herrscht vollkommene Stille. In dieser Ruhe, ja Lautlosigkeit, und durch diese klare Luft glaubt man ins Unendliche schauen zu können. Ich erlebe das Gefühl des eigenen Kleinseins im Vergleich zum Geschauten.

Bei Tagesgrauen höre ich M'gadumga am Lagerfeuer hantieren. Der arme Kerl friert. Er trägt wohl eine dicke Militärjacke, hat aber nackte Beine. Rasch hat er mit der letzten Glut von gestern ein schönes Feuer entfacht. Talaufwärts, im Abstand von zehn bis zwanzig Metern, sehe ich auch schon die andern Lagerfeuer aufflackern. Um eines herum hocken dichtgedrängt die Tibbus, unsere Goumiers. Beim nächsten stehen, sich räkelnd und streckend, die prächtig gebauten Tirailleure. Es sind Senegalneger, ebenso wie unser Koch, der am dritten Feuer den heissen Morgenkaffee braut. Nie würde ein stolzer Tibbu sich mit einem Neger ans gleiche Feuer setzen. Sie fühlen sich heute noch als Herren, obwohl die Zeiten der Raubzüge nach dem Sudan längst vorüber sind.

Jetzt bringt uns M'gadumga den schwarzen Kaffee. Noch im Schlafsack ruhend, geniessen wir jeden Morgen dieses heisse Getränk. Richtig durchwärmt, fällt uns dann das Aufstehen in der Morgenkälte viel leichter. Darauf messe ich die Morgentemperatur: es ist -2° am Boden und 0° in der Luft.

Nach unserer obligaten Ovomaltine mit Nobs-Zwieback hängt sich Tschudi Büchse und Leica um, unser Leutnant bewaffnet sich mit einem Stock, und ich nehme Filmkamera und Feldstecher mit. Mehr sollten wir ja eigentlich nicht brauchen. Unserer Schätzung nach ist der Krater 500 Meter tief; somit können wir spätestens mittags wieder zurück sein. Erse behauptet zwar, dass wir vor abend nicht im Lager sein werden. Von ihm bringe ich noch in Erfahrung, dass jeder Eingeborene, der Salz im Krater ausbeutet, bis zu 10 Kilo heraufzutragen vermag. Mit solchem Gewicht beladen, werden diese feingliederigen Menschen kaum schwere Klettereien ausführen können. Somit lassen wir auch das Seil zurück.

Und nun ziehen wir unbeschwert los, voller Erwartung, was uns der heutige Tag bringen wird. Mertico muss uns begleiten. Er kennt den Einstieg und war vor Jahren einmal unten. Soeben treffen die ersten Sonnenstrahlen den mächtigen Toussidé. Herrlich ist dieser Morgen im Wüstenbergland. Luft und Farben sind frisch. Man fühlt sich wohl und geniesst die Stunde. Bald ist ja das Licht so stark und grell und die Luft so heiss, dass alles in einen farblosen Glast getaucht sein wird.

Mit der Sonne sind wir am Kraterrand angelangt. Ein Moufflon wird von uns überrascht. Tschudi schiesst und trifft. Aber das Tier verschwindet hinter einem Kamm. Wir sehen es nicht mehr, auch nicht, als wir über den Kamm steigen. Tschudi will und muss das Tier suchen. Wir andern aber machen uns auf den Weg zum Einstieg. Eine volle Stunde gehen wir am Kraterrand entlang. Endlich hält Mertico an und erklärt, dass hier der Einstieg sei. Ich klettere auf einen grossen Felsblock hinunter. Da er von der Wand absteht, vermag ich den Abstieg teilweise zu übersehen. Die Wand ist durch grosse Risse und Blöcke stark gegliedert; 100-200 Meter tiefer zieht sich ein breites Band nach links hinab und verschwindet an einem Vor- sprung. Mehr kann ich nicht sehen. Aber es wird schon gehen. Oder hat uns dieser Mertico eine Falle gestellt? Will er sich für die erlittene Schmach rächen? Ich kenne die Tibbus zu wenig, um dies beurteilen zu können. Dazu kommt noch, dass er als einziger eine Waffe, seinen Karabiner trägt. Er scheint auch nur den Einstieg zu kennen. Über die ersten hundert Meter des Weges kann er uns nichts sagen. Nur, dass wir, dem Bande folgend, um den Vorsprung müssen, weiss er. Nun, ich werde aufpassen. Leider kann ich meine Bedenken dem Leutnant nicht mitteilen, da Mertico Französisch versteht.

Die Kletterei ist abwechslungsreich und gar nicht schwer. Der Weg ergibt sich von selbst. Leutnant Laboubé freut sich riesig über die Turnerei. Er klettert heute das erste Mal in seinem Leben. Da er und Mertico nur Sandalen tragen, müssen beide hin und wieder barfuss gehen. Aber ihre Füsse sind gesund und die Sohlen hart.

Bald stehen wir auf einem Schuttkegel, der allerdings weiter unten wieder in eine senkrechte Wand übergeht. Hier beginnt das Band. Deutlich sieht man Spuren einer Begehung. Wir sind also am richtigen Ort. Dem Bande folgend, überwinden wir rasch den Vorsprung und — sehen auch schon den restlichen Weg vor uns liegen. Es ist eine endlose Blockhalde, die balkonartig der westlichen Wand des Kraters entlangläuft und sich langsam senkt. Sie mündet in eine Schutthalde, die direkt zum Grunde führt. Mertico eilt uns voraus. Hier scheint er sich wieder auszukennen. Leichtfüssig springt er von Block zu Block, und auch dem Leutnant scheint der Weg trotz Sandalen keine Mühe zu machen. Meine « Vibram » sind geradezu ideal.

In der Nähe der Schutthalde taucht plötzlich ein Moufflon vor uns auf. Mertico zerrt sein Gewehr vom Bücken. Doch schnell trete ich neben ihn und reisse es ihm aus der Hand. Ich schiesse nach dem davonstürmenden Tier, ohne zu zielen. Sicher ist sicher. Mertico kann derart wenigstens nicht in Versuchung kommen, die Waffe gegen uns zu richten. Übrigens kann man mit dieser Karabinermunition kaum ein Mähnenschaf mit einem einzigen Schuss erlegen. Ich gebe dem Eingeborenen seinen Karabiner zurück, und er hängt ihn sich ungeladen wieder um. Ich bin beruhigt. Später erklärt mir der Leutnant, dass meine Bedenken bei manch anderem Tibbu vielleicht gerechtfertigt gewesen wären... Mertico jedoch sei ein ausgesprochener Feigling.

Unser Mähnenschaf ist in tollen Sprüngen geflüchtet. Es ist in einer steilen Runse verschwunden. Warum sollen wir nicht seinen Spuren folgen? Der Weg hier hinunter scheint viel kürzer zu sein. Die Runse ist tief in die Felsen eingeschnitten und fällt über einige Steilstufen ab. Wir können wieder klettern. Immer häufiger finden wir kleine Sträucher und Grasbüschel, und überall gibt es Felshöhlen. Ein wahres Paradies für Moufflons! Weit unten versperrt uns eine senkrechte, glatte Wand den Weiterweg. Wir klettern links aus der Runse heraus, erreichen einen kleinen Schutthang und — stehen auf dem Kratergrund. Leicht senkt er sich gegen die Mitte zu. Zwei Stunden hat der Abstieg vom Kraterrand an gedauert. Ich hole meinen Höhenmesser aus der Tasche. 1540 Meter zeigt er an. 2440 Meter waren es heute morgen am Kraterrand beim Lager und 2280 Meter beim Einstieg. Also 900 Meter tief ist das Loch und nicht 500, wie wir geschätzt hatten.

Nun schlendern wir noch zur Mitte des Grundes, wo einer der drei kleinen, schwarzen Vulkankegel im weissen Salze steht. Klein sind diese Kegel nur im Vergleich zum Ausmass des Natronloches; sie haben immerhin eine Höhe von 70 Metern. Ganz unterschiedlich ist der Boden, über den wir schreiten. Schneeweisse Stellen wechseln mit leicht bräunlich gefärbten. Die hellen Flecken bilden eine harte, rauhe Kruste, während die dunkleren stark zerrissen und durchlöchert sind.

Jetzt stehen wir mitten in einem Krater, tief in der Erde. Ein alter Wunsch von mir ist in Erfüllung gegangen. Man sieht und fühlt auf Schritt und Tritt das Fremdartige. Schon längst ist der Vulkan erloschen, doch ahnt man die Urgewalten, die einst hier getobt haben: wie die Erde sich geöffnet und heissflüssiges Magma herausgeschleudert hat und dann alles langsam abgeklungen und erstarrt ist.

Ich mache ein paar Filmaufnahmen; dann kehren wir um. Wie wir uns wieder, mehr stolpernd als gehend, auf einer der bräunlichen Flächen befinden, erklärt uns Mertico, dass dies das natronhaltige Salz sei. Die Tibbus schlagen davon jeweils grosse Brocken ab und tragen sie zum Kraterrand hinauf. Dort oben warten ihre Bourriquos, die Eselchen, welche die Last zu den weit entfernten Kamelweideplätzen bringen. Die Kamele nämlich sind die Nutzniesser dieser Ausbeute. Für sie ist das Salz ein wahrer Leckerbissen; es fördert ihre Gesundheit, das Fell wird schöner, und die lästigen Zecken fallen ab.

Ich stecke mir einen Salzklumpen in die Tasche und filme nochmals. Darauf ziehen wir wieder los. Wir wollen in der steilen Runse ein schattiges Plätzchen suchen, um ein wenig zu rasten. Es geht gegen Mittag und hier unten im Loch herrscht eine dörrende Hitze. In einer der vielen Höhlen, die wir schon beim Abstieg bemerkten, finden wir Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen. Zum restlosen Wohlbehagen fehlen uns nur noch unsere vollen Feldflaschen und etwas zum Essen.

Ich sitze am Eingang der Höhle. Das Auge kommt nicht zur Ruhe. Da liegen Steine herum, die in der Vielfalt der Farben an ein Mosaik erinnern. Man möchte sich am liebsten die Taschen damit vollstopfen.

Doch lange dürfen wir nicht verweilen. Mittag ist bereits überschritten und der Weg zum Lager noch weit. Nur ungern verlassen wir unser kühles Plätzchen. Vor uns erhebt sich der Pfad durch die Runse und über die endlose Blockhalde. Kein Lüftchen bewegt sich, um die Hitze erträglicher zu machen. Durst und Hunger plagen uns. Keiner macht den andern mehr auf Ausblicke und Stimmungen aufmerksam. Wir steigen gleichmässig, unsere Kräfte ein-teilend, gegen das Band und den Steilaufschwung an. Nur eines begehren wir sehnlich: der Sonne zu entfliehen. Wir haben Glück; schon bevor wir die senkrechte Wand erreichen, umfängt uns Schatten. Endlich können wir ausruhen und uns erholen.

Tief unter uns liegt der Kratergrund.

Was denken wohl die Eingeborenen von dieser Naturerscheinung? Ich frage Mertico. Mit der Hand zum Toussidé deutend, der nördlich über den Kraterrand ragt, erklärt er: « Der dort hat einst den Krater ausgefüllt. Er ist dann herausgeschleudert und umgekippt worden. » Da Krater und Kegel den Dimensionen nach zusammenpassen, kann man diese naive Auffassung begreifen.

Nach kurzer Rast turnen wir im Schatten über Blöcke und durch Kamine zum Kraterrand empor. Hier empfängt uns wieder die Sonne. Glücklicherweise zieht ein leichter Wind über das Hochplateau und lässt uns das restliche Wegstück müheloser zurücklegen. Im Spätnachmittag gelangen wir hunds-müde und ausgedörrt in unser Lager. Tschudi empfängt uns aufatmend. Er hatte befürchtet, es sei uns etwas zugestossen. Der Schuss aus dem Krater und unser verspätetes Zurückkommen hatten ihn beunruhigt. Er konnte ja nicht wissen, dass das « Trou au Natron » doppelt so tief ist, als wir es geschätzt hatten.

Wir legen uns in den schmalen Schatten einiger Büsche und trinken, trinken, trinken... Heute habe ich fürwahr erfahren, was Durst ist!

Und nun erzählt uns Tschudi seine Erlebnisse. Erst nach stundenlangem Suchen konnte er dem angeschossenen Moufflon den Fangschuss geben. Im Wundbett liegend fand er ihn in einer Felsnische, mit zertrümmerter Keule und heraushängenden Eingeweiden. Mit diesen Verletzungen hatte das Tier noch einen weiten Weg über schwierige Felsen zurückgelegt.

Vor einer Woche schon erlebten wir ein Beispiel solch unheimlicher Zähigkeit. Unsere Goumiers hatten eines dieser Wildschafe angeschossen und verfolgt. Andauernd hörten wir wieder Schüsse fallen. Nach dem fünfzehnten Schuss erst war das Tier erledigt. Sieben Treffer haben wir in seinem Leibe gezählt; dabei war es ein noch ganz junges Tier.

Vor Sonnenuntergang verlasse ich nochmals das Lager. Ganz allein am Kraterrand sitzend, voll friedlicher Gefühle, denke ich an diesen so ereignisreichen Tag. Im stillen hoffend, den gestrigen Sonnenuntergang nochmals zu erleben, doch schon wissend, dass solches Erleben nie gleich, sondern nur ähnlich sein kann, schaue ich der sinkenden Sonne nach. Nichts von Aufflammen, noch von einer Steigerung der Farben ins überirdisch Leuchtende ist heute zu sehen. Braunrot, mit Dunkelblau schattiert, liegt die Landschaft in unendlicher Ruhe und Grösse vor mir.

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