Über den Mont Blanc, Anno 1939

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Anno 1939

Von Hans Matzener

Anno 1939 Mit 2 Bildern ( 95, 96 Meiringen ) In Genf warte ich auf meine Freunde. Heute noch geht es gegen den Mont Blanc. Ich habe den Prado besucht. Am Seeufer steht das « Palais des Nations ». Es steht da wie eine Sage, die niemand mehr glaubt. Es steht da zur Erinnerung an einen kurzsichtigen amerikanischen Professor.

Meine Begleiter rücken an. Es sind die beiden Ottonen, Brügger und Lüthi, Ob und 01. Hans Kohler ist unser Führer. Es kann mir kaum besser gehen.

Wir fahren über die Grenze. Ungeschoren. Es ist zwei Wochen vor dem europäischen Débàcle. Der schweizerische Radio bringt « Einmarsch der Deutschen in Polen ». Hinter den Wäldern taucht der Gipfel des Mont Blanc auf.

Eine breite Ebene führt uns tief in die Vorberge hinein. Eine Zeitlang folgen wir der « Route des Alpes », dann biegen wir links ab, Richtung Chamonix. Um 2 Uhr sind wir in St.Gervais. Wir wollen auf das « Tram du Mont Blanc ». Aber es streikt. Das heisst: es ist schon weg. Vor drei Minuten! Wann das nächste fährtMorgen, um 10 Uhr. Erst um 10VielleichtVielleichtVielleicht vorher. Gut, dann vielleicht vorher! Wir trinken, wir essen, ab und zu tun wir beides. Der Wein ist recht. Wir schreiben nach Hause: « Glücklich in St.Gervais angelangt, alles gesund. » Abends schlafen wir; so wird es rascher Morgen.

Um 8 Uhr fährt wirklich ein Zug. Die Enttäuschung von gestern ist überwunden. Das « Tram du Mont Blanc » wackelt und schnäufelt den Berg hinan. Die Tiefe versinkt, der Berg wird wilder. 01 zeigt Anzeichen von Berufs-krankheit: « Log eis, wie si dän Barg exakt mid Tanndienen garniert hein! » Er sieht den Herrgott als einen Zuckerbäcker, milde über die Welt dahin-schreitend. Le paradis perdu!

Langsam rücken wir über die 2000-Meter-Grenze. Der Col de Voza bleibt tief unten. Hoch über uns ragt die mächtige Eisflanke der Aiguille de Bionassay empor. Am Ausgang eines Tunnels hört das Bähnchen plötzlich auf: zwei Schienen ragen 6—7 m wie zwecklos in die leere Luft. Einige Schwellen hangen noch daran, schief das Ganze und verbogen — das ist die Endstation! Wir verlassen das Tramway du Mont Blanc. Ein lärmendes Touristenrudel lassen wir rasch hinter uns. Nach einer knappen Stunde sind wir im Pavillon der Tête Rousse, auf 3200 m. Alle Klubhütten im Mont-Blanc-Gebiet sind bewirtschaftet. Dafür müssen wir bezahlen: zuerst mit gutem Geld, dann mit mangelhaftem Wohlbefinden. Ob ist der erste. Er reagiert auf seine in manchem Sturm erprobte Weise. Es ist dies eine empfehlenswerte Lösung. Der Berichterstatter ist weniger glücklich: er schleppt das welsche Rindfleisch im Magen auf den höchsten Berg Europas und ennet hinunter. Auch 01 ist etwas schwach im Magen. Nur unserm Bergführer geht es gut. Aber wir laufen, als ob wir alle gesund wären.

Nachmittags ist die Hütte unter der Aiguille du Goûter erreicht. Ein Schlupf auf fast 4000 m, aussen mit Blech beschlagen, etwas über 20 Personen Platz bietend. Abends sind 72 Leute da! Sie blicken einander schief an. Sie liegen auf dem Tisch und unter dem Tisch. Sie liegen auf dem Bauch, sie liegen auf dem Rücken. Sie schlafen auf Tabourets und in Schubladen. Sie winden sich, sie drehen sich. Wer « hinaus » muss, ist ein verlorener Mann. Die Luft ist dick, die Wand ist kalt. Ob schluckt in seiner Ecke. 01 liegt schief unter mir. Er hat zum Schlafen eine eigentümlich singende Atemtechnik. Es erinnert von ferne an sein Leiblied: « Die Fröschen kommen...! » Rechts auf mir schläft Hans. In der Dunkelheit sind nur noch schwach die Umrisse einiger rabiater Franzosen zu erblicken. Ihrem Mundwerk gegenüber sind wir wie sanfte Knaben aus Marzipan. Der Hüttenwart macht einem Vorwürfe:

ÜBER DEN MONT BLANC « Impossible, Messieurs... !» Die Antwort: « Impossible n'est pas français! » — Es ist die erste Nacht, die ich schlaflos in einer Hütte verbringe. Unser Chauffeur wartet unterdessen in Chamonix. Er wartet dort mit seinem Wagen. Wir haben ihm zwei Worte beigebracht. Damit schlägt er sich durch die Speisekarte! Sie heissen: « Non fromage! » Mitternacht ist noch nicht lange vorbei, da die ersten sich erheben. Ein Trupp nach dem andern geht in die Nacht hinaus. Um 3 Uhr gehen auch wir. Hoch oben an der Firnflanke des Doms sind die ersten Partien. Nach einer Stunde haben wir sie überholt. Wie der Dom überschritten ist, tut sich das ungeheure Firngebiet des Grand Plateau auf. Vor uns erhebt sich die Calotte des Mont Blanc. Zu ihren Füssen ist das Vallot-Observatorium. Dann buckelt sich der runde Eisgrat auf zu den Bosses du Dromadaire. Aber immer noch geht es dreihundert Meter höher. Rechts geht es tief hinunter zum wilden Glacier de Miage, überkrönt von der Aiguille de Trélatête. Weiter gegen Osten, von Courmayeur her, kommen die türmereichen italienischen Grate gegen den Mont Blanc: der Brouillard, die Innominata, der Peuterey-Grat. Ein ungeheures, wildes Gebiet, das an Phantastik und Kühnheit seinesgleichen sucht.

Auf dem Gipfel ist es warm. Die Sonne scheint, und es geht kein Wind. Sechs Stunden lang steigen wir ab. Stunde um Stunde geht es abwärts, über den Mont Maudit, den Mont Blanc de Tacul führt uns die Route tiefer, hinab gegen die Aiguille du Midi. Rechts ist die ungeheure Brenva-Flanke, die Melchior Anderegg als erster durchstieg. Eine Eiswand von 1600 m Höhe. Im Col du Midi verlassen wir den Bergzug, der nun über die Aiguilles von Chamonix führt, und steigen zum Géant-Gletscher ab.

Es ist heiss geworden. Die Sonne brennt auf das Gletscherbecken nieder. Der Firn ist hier fast flach. Jenseits erhebt sich die kühne Felsnadel des Géant. Wir schreiten über den Gletscher. Es liegt etwas Neuschnee. Kleine Risse durchziehen ihn.

Kurz nachher erreichen wir die Requin-Hütte. Es ist 4 Uhr. So bleiben wir. Auch die Requin-Hütte ist bewirtschaftet! Ein rabiates Weibsbild von kolossalem Format bedient uns hochmütig. Wenn sie die Nudeln auf den Tisch stellt, ziehen wir den Nacken ein. Jede Geste von ihr bedeutet, dass sie eigentlich zu Höherem geboren sei, als so ungewaschenen Passanten einen « Mehl-tanggel » aufzutischen!

Anderntags bummeln wir über das Mer de Glace hinaus nach Chamonix. Linkerhand ragen die Aiguilles von Chamonix auf, rechts die Vertes, die beiden Dru, im Tale hinten die Grande Jorasse. Mittags sind wir in Chamonix. Unser Chauffeur hat mittlerweile einige Brocken Français mehr gelernt. Über Fuorclaz und Pillon fahren wir heimwärts.

Die Alpen - 1947 - Les Alpes 24

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