Über den Teufelsgrat zum Täschhorn und Dom

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Von Heinrich Dändliker

( Basel ) Wenig ist in der alpinen Literatur über den Teufelsgrat zu lesen. Und doch gehört die Traversierung desselben hinüber zum Täschhorn und zum Dom wohl zu den grandiosesten und mächtigsten Gratwanderungen unserer Alpen. Trotz der Fortschritte im Alpinismus wird diese Überschreitung wenig be- gangen. Diese Tatsache liegt nicht nur in der langen Zeitbeanspruchung oder den vorhandenen Bergschwierigkeiten, sondern in der — wohl etwas übertriebenen — Steinschlaggefahr. Dies liess auch uns in unserem Ferienprogramm vorerst auf den Teufelsgrat verzichten. Wir wollten uns mit dem Mischalsgrat begnügen. Aber jeder Alpinist wird manchmal für eine Sache begeistert, lässt alle guten Vorschläge fallen und wendet sich neuem Unternehmen zu, das von ihm höchsten Einsatz fordert.

So war es, als wir am 17. August 1947 als erste Partie in der Täschhütte frühstückten und dem Hüttenwart von unserer schönen Überschreitung über den Schalligrat und Nordgrat am Weisshorn zum Bieshorn in die Tracuithütte vor 3 Tagen berichteten. Wir gewannen damit wohl sein Vertrauen, denn er ermunterte uns, den Teufelsgrat zu begehen. Und voll Begeisterung hielt mein Seilgefährte und Klubkamerad Henri Stöcklin mit, so dass ich ohne weiteres Fragen dem Vorschlag des Hüttenwartes ebenfalls zustimmte.

Wir prägten uns die paar Angaben vom Hüttenwart Moser gut ein und gingen — wie die Erstbezwinger — frisch und froh an die grosse Fahrt heran. Zuversichtlich verliessen wir um 2 Uhr die Hütte. Im Zickzackweglein stiegen wir nördlich der Hütte den Hang zum Tälli hinauf. Noch in stockfinsterer Nacht überquerten wir den Weingartengletscher. Ich kannte die Route von einer frühern, allerdings missglückten Mischabeltour her. Aber wir gelangten zu tief und standen plötzlich vor dem Gletscherabbruch, als der Tag zu dämmern begann. Es ist ein alter Fehler, wenn man zu früh in einem unbekannten Gebiet aufbricht. Mit über einer Stunde mühsamer Hackarbeit mussten wir uns durch den wilden Abbruch kämpfen. Kurz bevor wir das Einsteigcouloir östlich des Kienhornes erreichten, warnte uns eine donnernd herunterstürzende Steinlawine zur Vorsicht.

Der Tag begann aufzuleuchten. Ringsum sind die Bergketten noch matt und kahl. Einzig die umliegenden Viertausenderspitzen haben durch die Sonnenstrahlen ihre wunderliche Plastik erhalten und glitzern wie funkelnde Juwelen im tiefblauen Walliser Himmel. Majestätisch und abweisend wirft die dunkle Südwand des Täschhorns ihre Schatten in das Becken des Weingartengletschers. Um die Bewegungsfreiheit bei eventuellem Steinschlag besser ausnützen zu können, seilten wir uns noch nicht an und stiegen mit gemischten Gefühlen aufmerksam ins Couloir ein. Doch nur wenige Meter, um dann in die östliche Wand zu wechseln, in der wir rasch an Höhe gewannen. Aber die Wand wird dann immer steiler, und wir mussten feststellen, dass wir diesen extrem überhängenden Wänden nicht mehr gewachsen waren. Wir mussten in anstrengender, mühsamer Kletterei wieder zum Einstieg zurück und verbuchten über eine Stunde bitteren Zeitverlust. Dicht aufgeschlossen arbeiteten wir uns dann ca. 50 Meter durch das ungemütlich steile Couloir an lockeren Steinen aufwärts. Eine ermüdende Arbeit! Von allen Seiten kollerten fortwährend Steine in diesen Felsentrichter. Hie und da atmeten unsere Nasen den unangenehmen « Feuersteingeruch » der aufschlagenden Steine. Wir mussten wieder in die Ostflanke, in der wir gegen den Steinschlag geschützt waren und, in Hörweite voneinander getrennt, jeder den Durchgang selber zu finden suchte. Auf gleicher Höhe trafen wir uns vor einem senkrechten, den Weiterweg sperrenden Gendarmen, schon weit über der Kienhornscharte, wo der Teufelsgrat beginnt. Wir waren schon wieder zu hoch gestiegen, durften aber keine Zeit mehr verlieren. Wir seilten uns deshalb an und griffen den Gendarmen direkt an, die senkrechte Wand gegen den Grat. Es schien uns, als müssten wir tatsächlich vor dem Teufelsgrat ein gründliches Examen absolvieren! Aus einem guten Sicherungsplatz konnten wir eine ganze Seillänge vordringen. Der Fels um den Gendarm ist vorzüglich. Feine Bänder und Risse erleichtern die Sicherung bei der grossen Exponiertheit und erlauben eine genussreiche und klassische Kletterei. Über blockartiges, griffarmes Gestein wurden wir nochmals auf eine harte Probe gestellt. Dann aber meisterten wir den langersehnten Teufelsgrat. Ein Rundblick nach allen Seiten belohnt die harte Arbeit. Von hier zeigt das Weisshorn, vom Schallijoch bis hinüber zum Bieshorn, seine volle Wucht und Länge. Dank des trockenen Sommers wies der First zuerst kein Schneeflecklein auf. Mit etwas Vorsicht konnten wir deshalb rasch klettern. Doch wir erlebten, dass der Grat nicht umsonst seinen Namen trägt, die geologische Beschaffenheit, die wilde Steilheit berechtigen die Bezeichnung Teufelsgrat. Turmartig hebt sich der Grat in senkrechten Aufbauten. Instinktiv und gefühlsmässig müssen die vertikalen Aufschwünge abgetastet werden, um einen Durchstieg zu finden. Die Gefahren liegen hier vor allem in der lockeren Felsbildung der Gneisschichten. Einmal südlich, das andere Mal nördlich schoben wir unsere Körper über die losen Wände der Bastionen hinaus. Fünf solcher « Prüflinge » versperren und erschweren den Aufstieg. Der letzte Teil des Firstes ermüdete uns am meisten, da wir im hohen Schnee stark einsanken. Ein vielleicht zu verwünscht ausgefallener Blick zum Weisshorn hinüber verriet meinem Seilgefährten meine abnehmende Energie, denn bald darauf musste ich ihm, auf eine gefallene Bemerkung hin, das abnehmende Tempo als Folge meines doppelten Alters in Erinnerung rufen! Das genügte, damit auch er sich mehr Zeit liess. Nach der Überwindung des Firngrates, wo sich unsere Route mit der Normalroute vom Kiengletscher her vereinigte, stand uns kein Hindernis mehr bevor. Trotz der Vereisung des letzten Bollwerkes strebten wir rasch dem Gipfel zu, und alle Ermüdungserscheinungen waren wie weggeblasen, als der Gipfel in Sicht kam. Mit fast übermütigen « Gemssprüngen » überschritten wir das letzte Gratstück und betraten um 15.15 Uhr das Haupt des Täschhorns. Mit einem glücklichen Händedruck feierten wir die Überschreitung des Teufelsgrates und gönnten uns trotz der vorgeschrittenen Zeit eine längere Erholungspause. Wie rasch ist doch alle Anstrengung wieder vergessen! Verflogen ist der Trotz. Wie fromme Pilger freuen wir uns an der herrlichen Landschaft. Der Blick schweift nach allen Himmelsrichtungen und trinkt in vollen Zügen die Wunderbilder der erhabenen, unbeschreiblichen Bergweite. Um 16 Uhr verliessen wir den Gipfel.

Verdächtiges Nebeltreiben über der Mischabel zwang uns zu eiligem Klettern. Der Fels ist vorzüglich. Der Grat zum Domjoch ist gut. Trotz starker Exponierung turnten wir in kurzer Zeit zum Joch hinunter. Dann weiter zum Dom, zuerst über loses Gestein und einige heikle Schneegrätchen hinweg hinauf zum Grat, wo der Fels wieder besser wird. Mächtig türmen sich hier die Bastionen, als versuchten sie uns, Turm um Turm, aufhalten zu wollen. Aber uns konnten keine Hindernisse mehr hemmen. Aber ein bissiger Wind fegte plötzlich die Nebel auf. Der dichte Nebelschleier verwandelte den Weg in eine milchige Strasse und forderte unsere ganze Aufmerksamkeit, damit wir die Route nicht übersahen. Hie und da liess uns ein Riss im Schleier erkennen, dass wir gut unserem Ziel näherrückten, trotz dem zum Sturm anwachsenden Wind, bei dem wir oft schwer hatten, festen Stand zu behalten. Und dann tauchte, zuerst wie eine Unwirklichkeit und dann aber in fester Form das Gipfelkreuz des Doms auf. Genau 18.50 Uhr zeigten unsere Uhren, als wir auf dem höchsten Gipfel unseres Landes standen!

Kurze Rast mit einigen Ausblicken durch Nebellöcher, und dann ziehen wir die Steigeisen an und steigen die Nordwand zum Hohberggletscher ab. Allmählich verschwanden die Nebel. Vom gegenüberliegenden Nadelgrat grüssten die Viertausender. Unvergessliche Erinnerungen wurden lebendig. Der aufgeweichte Firn auf dem Hohberggletscher hinderte uns sehr stark, und im schleppenden Marsch stiegen wir zum Festijoch hinüber. Die Nacht brach ein. Schlecht stand es mit der Sicht. Und da wir keine Kerzen mehr hatten und eine Reservebatterie für die Taschenlampe fehlte, kamen wir nur langsam vorwärts und hatten viel Zeitverlust, als wir in der stockfinstern Nacht über das Festijoch zum Festigletscher hinunterstiegen. Noch stolperten wir etwa eine Stunde lang einem leicht sichtbaren Tracé nach über den Firn und das Eis, bis dieses völlig aper wurde und wir vor den Schrunden des stark zerklüfteten Gletschers standen. Ohne Licht war es unverantwortlich, hier einen Durchstieg zu erzwingen. So beschlossen wir, dem gefährlichen Labyrinth zu entgehen, und rüsteten uns zum Biwak am Fusse der Hohgwächte. Klar und kalt war die Nacht. Unsere Uhren zeigten die 22. Stunde. Wir assen die Proviantreserven und verkrochen uns dann im Sohmzeltsack, durch dessen Luftlöcher wir die Silhouetten der zackigen Bergketten in ihrem phantastischen Umriss bewundern konnten, all die schwarzen Felsabstürze und die Eismassen der herunterhängenden Gletscher. In träumerischen Gedanken versunken beobachteten wir das Spiel von Licht und Schatten der uns umgebenden Seraks, die an Spukgestalten erinnerten, die da im Eislabyrinth ihren nächtlichen Reigen hielten.

Um 6 Uhr machten wir uns marschbereit und stiegen zur Domhütte hinüber, die wir schon um 7 Uhr erreichten. Hätten wir am Vorabend nur etwas weiter südlich traversiert, so hätten wir leicht die Hütte erreichen können. So haben wir diesen prächtigen Teufelsgrat und die Traverse zum Dom hinüber bezwungen, diesen Grat, den A. F. Mummery mit Alexander Burgener und Andenmatten schon 1887 eroberte. Mit dem Hüttenwart, der allein in der Hütte zurückgeblieben war, hielten wir langes und frohes Erzählen.

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