Über die Lauperrippe zum Mönch

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VON WOLFGANG STEFAN, NEUENHOF AG

Mit I Bild ( 40 ) Um 9 Uhr abends treffen mein Kamerad Franz Anderrüthi und ich, von der Guggihütte kommend, auf der Kleinen Scheidegg ein. Nur für kurze Zeit stellen wir unsere mit wenig Sorgfalt gepackten Rucksäcke, die unförmigen Bündeln gleichen, ab. Seil, Steigeisen und Steinschlaghelme werden in Eile notdürftig aufgebunden.

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35 Licht und Schatten in der Dom-Nordflanke Photo Frithiof Stüssi, Wädenswil Nach dieser geglückten Bergfahrt hält Franz ein kurzes Telephongespräch mit seinen Angehörigen, um deren Sorgen zu beenden. Schon sind wir im Begriff, die zu dieser Stunde ruhige Bahnstation zu verlassen, als sich uns ein Angestellter des Hotels nähert. « Guten Abend! » sind die einleitenden Worte, denen ein kleines Zwiegespräch folgt. « Wollt Ihr in die Wand ?» fragt er. « In welche Wand? » lautet meine Gegenfrage. « In die Nordwand », erwidert er. « In welche Nordwand? » frage ich hartnäckig weiter. « Na, in die wichtigste », gibt er zur Antwort.

Als ich unseren Besucher belehre, dass es viele grosse Nordwände im Berner Oberland gebe und keine davon mehr oder weniger wichtig sei, ist seine Enttäuschung gross, um so mehr, als er glaubte, mit Kennerblick wieder Eiger-Nordwand-Aspiranten ausfindig gemacht zu haben. Wir verabschieden uns freundlich und treten von dem spärlich beleuchteten Bahnhof hinaus in die stockdunkle Nacht.

Es ist schon Anfang September, die Tage werden merklich kürzer, fast zu kurz für grosse Fahrten, denke ich, während wir in dem immer mehr verblassenden Lichtkegel meiner Stirnlampe auf dem breiten Weg nach Grindelwald dahinstolpern. Zu lange musste uns heute schon die kleine Lampe das Tageslicht ersetzen.

Um 2 Uhr nachts verliessen wir die Guggihütte und stiegen drei Stunden zum Mönchplateau hinauf und von dort über einen steilen Firnhang wieder hinunter in den Gletscherkessel unter die Nordabstürze des gewaltigen Viertausenders. Fast 19 Stunden sind wir nun schon unterwegs, und noch immer trennt uns eine gute Wegstunde von Grindelwald. Über uns erheben sich die Silhouetten von Mönch und Eiger, und weit unten künden einige kleine Lichter unser Ziel an. « Der Mönch war nicht nur eine grosse Bergfahrt für mich, sondern auch mein erster Viertausender », meint mein Kamerad so ganz nebenbei. Ich glaube zuerst nicht richtig zu verstehen; aber tatsächlich, obwohl Franz zu den besten Schweizer Bergsteigern gehört, viele schwere Kletterfahrten unternommen und anlässlich einer Schweizer Anden-Expedition einige Fünftausender erstiegen hat, war der Mönch sein erster Viertausender. « Dann haben wir wenigstens einen würdigen Anstieg auf deinen ersten Viertausender gewählt », erwidere ich scherzhaft. Eigentlich sollten wir dieses Ereignis sofort feiern, aber heute denken wir beide nicht mehr daran. Die Füsse sind schwer wie Blei und schmerzen von dem mühsamen Abstieg über die blanken Eisfelder des Nollen. Dabei hatten wir noch Glück. Am Vorabend trafen wir in der Hütte eine Seilschaft, die uns gleich nordwand-verdächtig erschien. Tatsächlich hatten die beiden Schweizer dasselbe Ziel. Sie kletterten mit uns über die Lauperroute und wählten ebenfalls als Abstieg den Nollen, der um diese Jahreszeit sehr ausgeapert war. Fünfmal mussten wir über die steilen Eisfelder abseilen, bis wir endlich über weniger geneigtes Gelände zum Mönchplateau und weiter über die Guggihütte in das Tal absteigen konnten. Auch die letzte Marschstunde geht zu Ende, und in Grindelwald warten unsere Kameraden Norbert und Karl schon sehnsüchtig auf uns. Sie sind bereits vor vielen Stunden vom Eiger zurückgekehrt, den sie heute über den Mittellegigrat erstiegen haben.

Jedes Loch in Norberts VW wird ausgestopft mit Bergschuhen, Seilen, Steigeisen, Eishaken und vielen Kleinigkeiten. Endlich können auch wir uns in das Fahrzeug zwängen und die späte Heimfahrt nach Zürich antreten. Und jetzt müssen wir unsern Freunden natürlich erzählen, wie es uns in der Mönch-Nordwand ergangen ist:

Nach dem nächtlichen Aufbruch von der Guggihütte erreichten wir über das Mönchplateau bei Tagesanbruch die Gletschermulde. Diese bildet den gewaltigen Sammeltrichter der Steine, die aus 6 Die Alpen —1967 -Les Alpes81 der Wand heruntersausen. Damit hatten wir das erste Problem, den Abstieg vom Mönchplateau in die Mulde, geschafft. Allmählich schwand die Dämmerung, und es wurde vollends Tag. Von Wassereis überzogene Felsstufen erschwerten den Weiterweg, so dass Franz und ich wieder unsere Steigeisen anschnallten, während die andere Seilschaft vorauseilte. Doch auf dem grossen Rücken, der die linke Begrenzungswand der Gletschermulde unter den Nordabstürzen bildet, mussten auch Werner Munter und sein Kamerad die Steigeisen wieder verwenden. Ein blankes Eisfeld verliert sich in einer geschlossenen, von schmalen Eisbändern durchsetzten Felswand.

Mittlerweile hatten sich die wenigen Wolken, die in der Morgendämmerung noch am Himmel hingen, aufgelöst. Die Sonnenstrahlen des Spätsommertages lagen auf den weiten, grünen Flächen der Kleinen Scheidegg, und ein frischer Morgenwind spornte uns zum Weitersteigen an. Über das immer steiler werdende Eisfeld gelangten wir auf das schon von unten sichtbare Band, welches uns mitten in die glatten Felsabstürze führte. Nun standen wir zu viert am Fuss des senkrechten, mit Eis und Schnee gefüllten Risses, der die weitere Anstiegsroute bildet. Einladend sah dieser gerade nicht aus. Die brüchigen Felsen scheinen nur durch das Eis zusammengehalten zu werden. Doch frisch gewagt, ist halb gewonnen, und schon steckte ich schimpfend in dem abdrängenden, engen Riss, und mein Eisbeil, an dessen Zweckmässigkeit ich bis jetzt niemals gezweifelt hatte, war mir sichtlich hinderlich. Wie gerne hätte ich jetzt einen kleinen, handlichen Eishammer gehabt, mit dem man jeden versteckten Tritt hätte erreichen und vom Eis befreien können. Auch beim Einschlagen der Sicherungshaken hatte ich mit dem langen und unförmigen Gerät Schwierigkeiten.

Weiter oben führt eine steile Eisrippe mit einem anschliessenden Quergang zu einem geräumigen Standplatz. Unter wuchtigen Schlägen entstanden noch einige Stufen. Wie Glas splitterte das spröde Eis ab, und klirrend stürzten die Eisschollen zu Tal. Nach zwei Metern war der bequeme Standplatz erreicht, und Franz konnte nachkommen. Dies dauerte nicht allzu lange, die Stufen waren schon vorhanden, und bald stand er freudestrahlend neben mir auf der kleinen Kanzel. Seine Freude wurde jedoch bald wieder getrübt, als er das Gelände über uns betrachtete und nichts als Überhänge sah. « Dies ist die Steigbaumstelle », erklärte ich meinem Kameraden zur Beruhigung; « wahrscheinlich ist die ganze Geschichte einfacher, als sie aussieht ». Wir brachten einen guten Haken an. Franz begann, Werner Munter als Leiter benutzend, diese Stelle zu überwinden, während ich von meinem guten Sicherungsplatz aus gerade noch beobachten konnte, wie die Fusse meines Kameraden, nach einem kurzen Moment in der Luft, hinter dem Überhang verschwanden. Das Seil lief schnell durch meine Hände, und bald tönte, durch die Felsenbarriere gedämpft, der Ruf zum Nachkommen wie aus grosser Entfernung. Keiner kletterte gerne ohne den helfenden Steigbaum als letzter über dieses Dach. Als nächster kam der Führer der zweiten Seilschaft an die Reihe, während ich jetzt die labile « Leiter » spielte. Dann kletterte ich hinauf zu dem sichernden Kameraden, und mit vereinten Kräften brachten wir noch den vierten im Bunde zu uns herauf. Wir hielten eine kurze Rast, mit Trockenfrüchten unsere knurrenden Mägen beschwichtigend.

Weit unter uns leuchtete der wild zerrissene Eigergletscher, über welchen Lauper bei seiner Erstbegehung der Nordwandrippe zum Fuss der Wand gelangte. Um diese Jahreszeit ist der Gletscher jedoch so stark ausgeapert und zerschrundet, dass wir den Zugang über die Guggihütte gewählt hatten.

Über uns bauten sich schlecht geschichtete Plattenstufen, teilweise mit Schutt belegt, auf - ein nicht gerade sympathisches Gelände. Früher waren hier sicher überall Firnfelder anzutreffen. Vorsichtig tasteten wir uns darüber hinauf. Von Zeit zu Zeit versuchten wir vergebens, einen Standplatz zu finden, um einen Sicherungshaken zu schlagen. Aber die Risse waren alle geschlossen oder schuppig und brüchig. Allmählich geht dieser Wandteil in eine grosse Gneisrippe über, die fast bis zum Gipfel hinaufleitet.

Welche Freude bereitete das Klettern in dem grobblockigen Fels! Gleichzeitig turnten wir nahe an der Kante der Rippe aufwärts. Franz war nicht mehr zu halten; jetzt kam seine gute Kondition zur Geltung, die er sich durch ein hartes Langlauftraining im Winter erworben hatte. Knapp unter dem firnigen Grat querten wir nach rechts, um direkter zum Gipfel auszusteigen. Schon waren wir auf 4000 Metern und hatten einen herrlichen Blick hinüber zum Wetterhorn. Der Eiger aber war durch den vor uns liegenden Grat verdeckt. Die letzten Meter auf der höheren Rippe erforderten noch äusserste Vorsicht: riesige Blöcke sind lose aufgeschichtet; ganz sachte musste man seinen Fuss auf diese Brücken und Türme setzen, um nicht ihr Gleichgewicht zu stören.

Unsere Kameraden stiegen, ohne zu queren, auf den schneeigen Gipfelgrat aus; schon konnten wir sie oben im grellen Licht der Mittagssonne dem höchsten Punkt zueilen sehen. Aber auch wir hatten nicht mehr weit. Noch zwei Seillängen stapften wir durch den aufgeweichten Sulzschnee hinauf zum Gipfel. Mit einem kräftigen Händedruck beschlossen wir diese Bergfahrt oder, sagen wir besser, den ersten Teil davon. An einem windgeschützten Platz, knapp unterhalb des Gipfels, hielten wir ausgiebig Rast. Wir genossen die Aussicht hinüber zur Jungfrau, wo wir Bergsteiger beobachten konnten, die - als kleine schwarze Punkte - über die Firnflanke abstiegen. Vor uns lag der breite Strom des Aletschgletschers, rechts und links umsäumt von vielen weissen Bergen, aus denen der gewaltige Stock des grossen Aletschhorns hervorragt. Weit im Süden, von einer leichten Dunstschicht verdeckt, konnte man gerade noch die Walliser Berge erkennen. Wir überlegten, ob wir mit der Jungfraujochbahn nach Grindelwald hinunterfahren oder über den Nollen und die Guggihütte absteigen sollten. In Anbetracht der frühen Stunde und der teuren Bahn beschlossen wir, den Abstieg über den Nollen zu nehmen. Vor allem wollten wir diese grosse klassische Route kennenlernen. Der erste Teil führt noch gemeinsam mit dem Anstieg vom Jungfraujoch über den Grat; dann verlässt man diesen nach rechts über steile Firnfelder; doch leider verloren sich diese Firnzungen bald. Seillänge um Seillänge sichernd, mussten wir über hartes Blankeis absteigen. Franz war nicht gerade begeistert. Bald stellte er fest, dass er jetzt viel lieber gemütlich in der Zahnradbahn sitzen würde, als hier auf den zwei vordersten Zacken der Steigeisen abzuklettern. Nachdem wir den ersten steilen Hang überwunden hatten, waren schon einige Stunden vergangen. Ein flaches Stück, gewissermassen zur Erholung, brachte uns bis an den Rand des eigentlichen Nollen. Zum Glück waren von den letzten Partien, die diese steile Eisnase vor einigen Tagen im Aufstieg erklettert hatten, noch riesige, aus dem Eis gemeisselte Tritte vorhanden. Doch bald reichten diese für den Abstieg nicht mehr aus, so dass wir abseilen mussten. Erst um 6 Uhr abends fand diese zeitraubende Tätigkeit ein Ende, und wir konnten die Seile und Steigeisen in unseren Rucksäcken verstauen.

Ein grosser Kreis hatte sich auf dem Mönchplateau geschlossen. Vor mehr als 14 Stunden waren wir hier frierend im Dunkel der Nacht gestanden. Nun kündete sich schon das Ende des Tages an. Schräg fielen die Sonnenstrahlen in die gewaltige Wand und färbten die Eisflanken und Felsrippen mit einem zarten Rot. Noch immer stand ich hier, und beinahe hätte ich vergessen, dass noch ein weiter Weg hinunter bis ins Tal vor mir lag. Wo waren meine Kameraden? Sie waren schon weit vorausgeeilt. In grossen Sprüngen eilte ich ihnen über das lose Blockwerk nach. Unaufhörlich ging es in vielen Serpentinen hinunter, vom Licht des Tages in das Dunkel der Nacht.

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