Über die Matterhorn-Nordwand (Erster Durchstieg)

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Erster Durchstieg. Von Toni Schmid.

Am 14. Juli 1865 nennt die Geschichte des Alpinismus zum erstenmal den Namen dieser Wand. An jenem Tag stürzten anlässlich der ersten Begehung dieses Berges überhaupt vier treue Gefährten Whympers über diese Flanke zu Tode.

Jahrzehnte vergingen. Alle Grate und Flanken des Matterhorns wurden erstürmt. Nur jene traurig berühmte Nordseite des stolzen Berges blieb unbezwungen bis zum heutigen Tage. Mit der allgemeinen Erschliessung der Berge wurden in den letzten 30 Jahren auch dort Versuche von guten und besten Bergsteigern unternommen. Doch alle Bewerber wurden abgewiesen, sei es durch schrecklichen Steinfall oder fast unüberwindliche Schwierigkeiten. So schälte sich diese Mauer als eines der letzten und grössten Probleme unserer Alpen heraus.

Im Winter 1928 stand ich zum erstenmal vor dem Matterhorn, sah zum erstenmal jene furchtbare Nordwand, um deren Geheimnis ich wusste. Selbst meine kühnsten Erwartungen waren jäh übertroffen bei ihrem Anblick, und all meine Sehnsucht und mein stilles Werben um ihre Jungfräulichkeit gingen unter im Donner der Stein- und Eislawinen, die Tag und Nacht jene düstere Flanke bestreichen.

Drei Sommer gehen dahin. Manch stolzer Gipfelsieg ward mir zuteil, der anderen versagt geblieben, und die Zeit liess jene furchtbare Erinnerung an die Wand mehr und mehr verblassen. Rein und makellos erstrahlt sie vor mir im Geiste und bringt neue Wünsche zum Keimen, die zur Erfüllung drängen.

Im Sommer 1931 endlich sollte meine Sehnsucht gestillt, ein Bergsteiger-traum Wahrheit werden. Hinter feinem Wolkenschleier versinkt die Sonne im Westen. Wie eine flammende Säule ragt das Matterhorn in den Abendhimmel in urgewaltiger Grosse.

Die letzten Vorbereitungen werden noch getroffen, alles handlich zu-rechtgerichtet, dann schlüpfen wir mit dem ersten Dämmerschein in unser Zelt, das hoch oben steht bei den letzten Zirben auf Staffelalp. Noch ein letzter Blick hinauf zum jetzt finster drohenden Obelisken, dann verschliessen wir unsere Behausung. Still liegen wir dann nebeneinander im Schlafsack. Der Schlaf will nicht recht über uns kommen Immer wieder flammt die Frage auf: Was wird morgen un diese Zeit sein? Was wird uns der morgige Tag bringen?...

VII31 Eine halbe Stunde vor Mitternacht reisst uns der Wecker aus dem Halbschlaf. Völlig munter kriechen wir hinaus in die warme Föhnnacht. In silbernes Volhnondlicht ist die Landschaft getaucht. Gleich einem drohenden Ungeheuer liegt der Schatten des Matterhorns über dem Zmuttal, auch unseren Biwakplatz noch verschlingend. Einige Föhnfische schwimmen am sternenübersäten Himmel. Fürwahr kein gutes Zeichen... Die am Abend gekochte Schokolade wurde aufgewärmt und in unsere trockenen Kehlen gestürzt. Auf alle Fälle legen wir für unsere Freunde, die vor 2 Tagen von uns weggezogen, einen Zettel ins Zelt mit unserem Ziel und dem heutigen Datum. Mein Bruder Franz nimmt den Rucksack, in dem sich die gesamte Schlosserei, bestehend aus Eis- und Felshaken sowie Karabinern, Reepschnur, ein Gummi-battistsack für ein eventuelles Biwak und etwas Proviant befindet. Ich belade meinen Rücken mit 2 40-m- Seilen und den Steigeisen.

Um 1210 Uhr stolpern wir los, einem kleinen Steiglein folgend zur Hörnlihütte. Flackernder Kerzenschein dringt aus ihren Fenstern, als wir in der zweiten Morgenstunde des 31. Juli dort ankommen. Der Hüttenwart ist es, der eben Feuer macht. Wir gehen schnell hinein und bitten ihn, er möge die Führerpartien aufmerksam machen, möglichst wenig Steine in die Nordwand abzulassen, weil wir sie versuchen möchten. Als er den Mund auftun will, sind wir schon wieder draussen in der mondhellen Nacht.

Rasch geht es jetzt etwas abwärts in den Bruch des Matterhorngletschers hinein. Dann stolpern wir über die riesigen Blöcke eines frisch zusammengestürzten Eisturmes. Überall kluckst und knackst es, sturzbereit hängen die Seraks über uns herein. Vor einer stillen Eiswand ziehen wir die Steigeisen an. Herzlich froh sind wir, als wir den Bruch hinter uns haben und den oberen, flachen Matterhorngletscher betreten am Fusse der Nordwand.

Vor uns bäumt sich in schrecklicher Steilheit das zirka 300 m hohe Eisfeld auf, das den Durchstieg im unteren Teil der Wand vermitteln soll und sich oben in senkrechten, schwarzen Fels verliert. Über den steilen Lawinenkegel erreichen wir den weit klaffenden Bergschrund. Es ist 3/4 4 Uhr und noch schwarze Nacht. Wir sind also noch zur Untätigkeit verbannt. Während wir in der finsteren Kluft beim Kerzenschein uns mit den beiden Seilen verbinden und Haken und Karabiner verteilen, rieselt ständig mit leisem Singen über die weit hinausragende Oberlippe des Schrundes Eis und Schnee herunter.

Um 4 Uhr zeigt der Osten den neuen Tag an, und auch bei uns bekommt die Umgebung allmählich Farbe und Gestalt.

Kurz darauf trete ich von Franz gesichert in die zirka 60° geneigte Eisflanke hinaus. Tiefe Rinnen haben Stein- und Eisschläge in die steile Fläche gegraben. Knirschend greifen die 10 Zacken meiner Eisen in das harte Eis. Weit sind die Knöchel der Füsse nach aussen gedreht, doch wenn sie auch schmerzen, wir müssen ohne Stufen durchkommen, um Zeit und Kraft zu sparen. Dann stehen wir beide in der steilen Wand, nur den Zacken unserer Steigeisen vertrauend. Kleine Steinchen und Eisstücke schwirren an uns vorbei. Nach jeder Seillänge treibe ich einen langen Eishaken ein, um einen Ruhe- und Sicherungspunkt für mich und meinen nachkommenden Bruder zu haben. Die Pulse hämmern, doch nur vorwärts, wollen wir doch so bald als möglich aus der Eiswand heraus, in der wir völlig schutzlos vor Steinschlägen sind. Seillänge für Seillänge geht es so hinauf, dann treten Felsrippen aus dem Eis heraus. Äusserste Vorsicht erfordern sie durch ihre plattige Struktur und teilweise Vereisung. Sicherungsmöglichkeiten sind ausgeschaltet. Jeder Griff muss erst von Eis und Schnee gereinigt werden. Nur ganz langsam kommen wir vorwärts. Im Osten steigt glühend rot der Sonnenball in die Höhe.

Rechts oben setzt die riesige, bereits von unten gesehene, von Wassereis überronnene Wandeinkerbung an, die steil nach rechts aufwärts führt und hoch droben unter der zirka 500 m hohen Gipfelwand endet. Die Querung hinüber zur Einkerbung jedoch schaut fürchterlich aus: Eine äusserst steile Plattenmulde, auf der ungefähr eine 10 cm dicke Eisschicht liegt, ist durch eine in der Mitte hervortretende Rippe in 2 Teile geteilt. Dass wir nicht sichern können, daran haben wir uns längst gewöhnt.

Vorsichtig, um die Glasur nicht zu sprengen, schlägt der Pickel Kerbe um Kerbe nach rechts aufwärts. Mit raffinierter Gewichtsverteilung schwindle ich mich zur Rippe hinüber. Auf ihr eine Seillänge hinauf, dann löst mich mein Bruder in der aufreibenden Arbeit ab. Mit frischen Kräften geht er weiter, die Querung fortsetzend. Nach 60 m stehen wir kurz unter dem Beginn der Eisrampe, bei einer senkrechten Felswand. Franz erklettert sie rechts an der Kante und erreicht ein kleines Felsköpfl, das einzige annehmbare Ruheplätzchen in der ungeheuren Wand. Eine Tafel Schokolade wird verzehrt, dann treibt es uns wieder weiter, denn ins Unermessliche steigt über uns die Mauer noch.

Langsam aber stetig arbeite ich mich die Einkerbung hinauf. Teils benütze ich dazu den schmalen Eisstreifen, teils die Felsen rechts davon. Einmal verleiten uns gangbare Felsen links der Rampe, doch nur ein ganz gewagter Quergang bringt uns wieder zurück. Ein verbissenes Ringen hat eingesetzt. Meter um Meter geht es vorwärts, aus den durchgekletterten und aufgeweichten Fingern dringt das Blut. Doch nur vorwärts, hinauf zum Gipfel, hinaus aus der grausigen WandSurrend und brummend stürzen Steine in allen Grossen vorbei in die Tiefe. Sie stören uns nicht.

Sehr tief schon steht die Sonne, als Franz die letzte Seillänge der Rampe hinausführt. Durch eine rinnenartige Felspassage, dann über fast senkrechtes Eis, das in Kaskaden über die Wand hängt, geht es hinauf. Dann stehen wir am Beginn der plattigen Gipfelwand. Nach links aufwärts führen steile, schwarzschillernde Eisrinnen, vom ständigen Steinfall blank gefegt, zur Schulter des Schweizer Grates empor, wo eben die letzten Partien am Abstieg sind. Helle Jauchzer schicken wir hinaus, wenn wir sie auch still beneiden, dass sie ihr Ziel erreicht und absteigen zur schützenden Hütte. Doch wo werden wir die Nacht verbringen?

Quälender Durst peinigt uns, und lähmend spürt der Körper die übermässige Anstrengung des rastlosen Kletterns. Da stürme ich wieder weiter, nicht achtend der kältestarren Finger und der Müdigkeit, nur hinauf, hinauf...

Felsrippen und Eisrinnen wechseln ab. Immer die bessere Möglichkeit benützend, kommen wir ganz langsam vorwärts. Die Seile sind zu steifen, eisüberzogenen Tauen geworden. Es ist fast unmöglich, sie zu handhaben. Noch eine Stunde verrinnt in zähem Kampf, doch es geht ja nur so langsam. Die Vorboten der Nacht haben sich bereits in den Schluchten und Tälern eingenistet und schleichen immer höher. Um uns fegen graue Nebelfetzen und verschlingen Grate und Wände, um sie im nächsten Moment wieder freizugeben. Sollte das Wetter sich auch noch gegen uns verschwören? Ein Witterungsumschlag in dieser Wand! Über die Folgen sind wir uns klar.

Immer mühseliger komme ich vorwärts. Die Schwierigkeiten sind immer dieselben, doch die Kraft wird immer geringer. Wir müssen uns darein finden, die Nacht in der Wand zu verbringen. Doch nirgends ein auch noch so kleiner Vorsprung. Umsonst irren unsere Augen über die Wand. Franz geht noch zwei Seillängen weiter, da entdecken wir, einige Meter links in senkrechtem Fels, ein kaum quadratmeter grosses, abschüssiges Plätzchen ( Aneroid 4150 m ).

Ein kleiner Zwischenfall hätte fast noch unser Schicksal besiegelt: Franz steht 3 m über mir und hat schlechten Stand. Ich bleibe hier schon auf einem etwas besseren Tritt stehen. Franz geht weiter. Plötzlich ein Krach, mein Stand bricht unter mir weg, und der riesige Block stürzt tosend und berstend in den Abgrund. Im Fallen erhasche ich noch einen flachen Wulst. Die Hände greifen zu und ich hänge frei an der Wand, bis mir mein Bruder aus der bösen Position verhelfen kann. Noch einige Meter gerade hinauf, dann ein kitzliger Quergang nach links, und Franz landet als erster auf dem Gesims. ½9 Uhr abends ist es. Wir reinigen unser Postament von Eis und Schnee und schlagen einige Haken, an die wir uns binden. Nachdem wir die Steigeisen von den Füssen gelöst und sie zusammen mit den Pickeln an einem Haken befestigt haben, kriechen wir in unseren Schlafsack. Eng zusammengekauert hocken wir so über der ungeheuren Tiefe, nur darauf bedacht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Vorsichtig durchstöbern wir den kärglichen Proviantvorrat unseres Rucksackes: Brot, Speck, Käse und Dörrobst. Der grösste Hunger ist gestillt, für mehr reicht es nicht, und während uns die ersten Kälteschauer rütteln, starren wir hinaus in die nun völlige Nacht. Gottseidank waren unsere Wettersorgen unbegründet, die Nebelschwaden sind in das Nichts, aus dem sie entstanden, wieder zerronnen. Über uns ein funkelnder, blitzender Sternenhimmel, das riesige Weltall. Wir haben fast das Gefühl, in dieser Weite zu schweben, von der Erde losgelöst. Nur die Seile um unsere Brust, die hinführen zu den Eisenstiften, mahnen uns an rauhe Wirklichkeit.

Eisige Windstösse fegen um uns, die dünne Gummihülle aufbludernd; zitternd schmiegen wir uns in unseren nassen Kleidern zusammen. 2500 m tiefer leuchten die Lichter von Zermatt, erinnernd an warme Räume und Bequemlichkeit; doch unsere Gedanken und Wünsche eilen nach oben zum sternumstrahlten Gipfel. Wir mustern dann zum hundertstenmal die Felsen über uns, den Weiterweg. Voll froher Zuversicht betrachten wir die hier ansetzende, gestufte Felsrippe, bis sie sich im Düster der Nacht verliert. Wir hoffen, dass wir nun das Schwerste hinter uns und morgen in wenigen Stunden unser heissumkämpftes Ziel erreichen würden. Herrlich malen sich die Gedanken schon die Stunde auf sonnigem Gipfel, in wohliger Wärme aus, dem schönsten Bergsteigererlebnis. Heisse Freude durchströmt dann die Brust, die schlotternden Glieder vergessen machend. Doch langsam nur, ganz langsam verrinnen die Biwakstunden in frostiger Einsamkeit. Minuten werden zu endlosen Stunden. Der Körper schmerzt von der unbequemen Lage, in der er ausharren muss. Eine andere Stellung einzunehmen erlaubt die Grosse oder vielmehr die Winzigkeit unseres Plätzchens nicht.

In silbernes Vollmondlicht ist die andere Talseite getaucht. Hell leuchtet die Pyramide der « Dent Blanche » und des « Obergabelhorns » herüber in unsere finstere Wand, in die sich kein Mondstrahl verirrt. Selbst die Sonne meidet diese Mauer, nur am frühen Morgen und kurz vor dem Erlöschen des Tages erwärmt sie etwas ihre eisgepanzerten Flanken. Mit Freudengeheul begrüssen wir den ersten Schimmer des neuen Tages, der sich kurz vor 4 Uhr bemerkbar macht. Die Kälte wird immer durchdringender. Unendlich langsam wird es Tag. Zähneklappernd sitzen wir da im eisigen Morgenwind, unverwandt den Blick nach Osten gerichtet und den ersten Sonnenstrahl sehnlichst erwartend. Der zuerst gelbe Lichtstreifen wird immer heller und rötlicher, und endlich steigt feurig rot der Sonnenball hinter schmalen Wolkenstreifen herauf. Wohlig recken wir unsere Glieder in den langsam wärmer werdenden Sonnenstrahlen. Steif kriechen wir aus dem Schlafsack, der innen mit einer dicken Eisschicht beschlagen ist. Allmählich weicht die Starre aus uns.

Um 7 Uhr rüsten wir uns zu neuem Kampf, zum letzten Ansturm. Der stark vereiste Fels zwingt uns, unsere Steigeisen wieder anzulegen. 2 Seillängen arbeite ich mich mühsam die Rippe empor, um dann meinem Bruder den Vortritt zu überlassen. 10 m noch kommt er weiter, dann sperren neuerdings glatt aufstrebende, vereiste Platten den Weiterweg. Nirgends ein Riss, um einen Haken einzutreiben, der einigermassen Sicherheit gewähren würde.Verbissen tastet sich Franz noch einen Meter höher. Mit hastigen Pickelschlägen sucht er das Gestein von der Glasur zu befreien. Doch vergebens! Dem unmöglichen Fels ist nicht beizukommen Mit letzter Kraft erreicht er seinen kleinen Stand wieder. Fast sinkt ihm der Mut.

« Wir kommen nicht weiter », ruft Franz herunter, « wir müssen versuchen, den Schweizergrat zu erreichen! » « Was? » schrei ich hinauf, « jetzt willst du die Waffen strecken, so nah dem Ziel? Versuch's doch mit einem Quergang nach rechts, dort scheint ein Durchkommen möglich! » Und eine Führerpartie, die eben am Schweizergrat erscheint, bestätigt uns, dass dort der einzige Ausweg sei. Franz hat seine Sicherheit wieder gefunden und macht sich an die Arbeit. Vorsichtig quert er nach rechts, Kerbe um Kerbe ritzt sein Pickel in die dünne Eisschicht. Wird der Eisüberzug halten auf der glatten Platte? Wenn nicht, was dann? Wir haben keine Zeit, über die Folgen nachzudenken. Nur weiter, immer weiter heisst die Losung. Ein verdächtiges Donnerrollen in der Ferne spornt uns zu höchster Eile an. Das Wetter, das am Morgen noch so verheissungsvoll ausgesehen, hat sich mehr und mehr verschlechtert, und nun wogen kalte Nebelfetzen um Wände und Grate.

Hinter uns liegt der Quergang, der uns nur in der Verzweiflung gelang, vor uns eine tief verschneite Rinne, die sich über uns in grauem Brodem verliert. Stumpfsinnig steigen wir in ihr höher, Seillänge für Seillänge. Endlos ist der schwere, kalte Pfad. Ein dunkles Etwas taucht manchmal auf aus dem feuchten Dunst. Ist es der Gipfel? Mit klopfendem Herzen beschleunigen wir unser Tempo, um bald darauf wieder in den alten Trott zu verfallen, wenn wir das Bollwerk überwunden, das uns genarrt. Weiter wühlen wir uns in der tiefen haltlosen Masse, von Steilrinne zu Steilrinne, unterbrochen durch plattige, tiefverschneite Wandstellen. Der Wind ist zum Sturm angewachsen und treibt ganze Hagelschauer vor sich her, die jeden Tritt und jede Stufe im Nu wieder anfüllen. Ohnmächtig kämpfen wir weiter, schutzlos dem Toben eines Hochgewitters preisgegeben. Schlag tönt auf Schlag, die ganze Luft ist vollgefüllt mit Elektrizität, unheimlich surren unsere Pickel. Doch nichts kann unser Vorwärtsstürmen aufhalten.

Schlag 2 Uhr nachmittag stehen wir am Gipfel des Matterhorns, etwas links des italienischen Signals. Was schert uns jetzt das Toben der Elemente! Weiter eilen wir am Grat, verstauen unsere Pickel beim grossen eisernen Kreuz und haben gerade noch Zeit, einige Meter unterhalb unter einem kleinen Überhang Schutz zu suchen, bevor das Unwetter mit aller Macht über uns hereinbricht. Jetzt, nachdem wir unter unserer Gummibattisthülle sitzen, finden sich unsere Hände zu wortlosem Druck, und der knurrende Magen wird mit einer Tafel Schokolade befriedigt. Fast können wir nicht glauben, dass wir doch noch der grausigen Wand entronnen, die uns fast unmenschliche Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Doch die Natur rast weiter. Fast scheint es, als könnte der Berg seine Niederlage nicht verwinden. Ganze Feuergarben zischen den Grat entlang, und die furchtbaren Donnerschläge lassen kein Siegesgefühl aufkommen.

Nachdem das Unwetter seinen Höhepunkt überschritten, verlassen wir unser Obdach. Nach den vorhergegangenen Schwierigkeiten bildet der Abstieg über den Schweizergrat kein Hindernis mehr. Kurz unterhalb der Schulter überrascht uns ein zweites Gewitter, noch furchtbarer als das erste. Schnee und Hagel fliessen gleich Sturzbächen über die Felsen herab. Im Nu ist das Seil mit einer dicken Eisschicht überzogen und ist mehr Hindernis als Hilfsmittel. Wie ein eisiger Panzer hängt uns die Kleidung am Körper, als wir um y2 6 Uhr die Solvayhütte betreten. Mühsam lösen die steifen Finger die Seile, und nachdem wir die Kleider in eine Ecke « gestellt », hüllen wir uns in sämtliche Decken der Hütte. Schnell ist der letzte Proviant vertilgt, und dann übermannt uns der langersehnte Schlaf.

Unvermindert tobt der Sturm, als wir am nächsten Tag ( 2. August ) mittags 12 Uhr erwachen. Mit Mais und alten Brotresten stillen wir unseren Bärenhunger etwas, dann schlafen wir wieder weiter.

Am 3. August weckt uns heller Sonnenschein. Bald ist die Hütte in Ordnung gebracht, und um 7 Uhr verlassen wir unser Heim, das uns Schutz gewährt während zweier stürmischer Nächte. Sehr langsam vollzieht sich der Abstieg in den stark vereisten und verschneiten Felsen. Da wir den Weg nicht kennen ( wir waren vorher noch nie am Matterhorn ), halten wir uns möglichst am Grat. Um ¾.l Uhr mittags treffen wir unsere beiden Freunde, die uns vorsorglich mit Proviant entgegenkommen. Mit Heisshunger fallen wir über denselben her und unter Führung unserer Kameraden erreichen wir endlich um 2 Uhr nachmittags die Hörnlihütte, aufs herzlichste begrüsst und beglückwünscht von den dort anwesenden Bergsteigern. Erreicht ist das Ziel, das so ferne schien noch vor wenigen Tagen. Mut, der Wille zu siegen und viel, viel Glück, das waren die Bundesgenossen bei unserer Fahrt.

Mit ungeheurem Jubel wurden wir wenige Stunden später von der gesamten Bevölkerung Zermatts empfangen. Wonniges Siegesgefühl durchströmt uns und jetzt erst kommt uns langsam zum Bewusstsein, wie gross das Problem, das wir gelöst. Der Berg der Berge ist seines letzten Geheimnisses beraubt; immer aber steht er da in urgewaltiger Grosse, als ewiges Symbol von Mut und Kraft und zugleich als Markstein des Alpinismus.

Leschaux-Hütte, den 10. September 1931.

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