Über Neujahr im Grialetsch

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Von Curt Meyer.

Langjährige Erfahrung hat mir gezeigt, dass es ein müssiges Unterfangen ist, die Schnee- und Wetterlage für ein bestimmtes Gebiet im Gebirge vom Unterland aus festzustellen. Fast ohne Ausnahme sind die Verhältnisse in den höheren Lagen besser, als sie von mehr oder weniger berufenen Propheten im Tale geweissagt werden. Schon im Rheintal und namentlich im Prättigau äugten wir die Hänge hinauf, doch vergeblich suchten wir in der obern Waldregion nach Spuren von Neuschnee. Schwarz standen die Tannen bis dort, wo sie sich in den weissen Schneehängen verloren, was klar bewies, dass auch dort der letzte Niederschlag in Form von Tropfen gefallen war. Doch schon in Klosters machte wenigstens das Wetter ein freundlicheres Gesicht. Orange-gelb leuchteten die Spitzen des Silvretta als Gruss der scheidenden Sonne, und gegen Süden hin wurde blauer Himmel sichtbar. Im Laretwald lag feiner weisser Schnee wie Zuckerstaub auf den dunkeln Ästen der Tannen. Und nun waren wir sicher, mit unserer Wahl auch ohne langes Hin und Her das Richtige getroffen zu haben.

Davos in tiefem Winter, ein starker Gegensatz zu den grünen Gestaden der heimatlichen Gefilde am Bodensee, welche wir soeben verlassen hatten. Vom Bahnhof aus trugen uns die Ski, zuerst dem gebahnten Strässchen, nachher bei Laternenschein einer Spur folgend, ins Dischmatal hinein. Wenn wir anfangs geglaubt hatten, nach drei Stunden im Dürrboden eine wohlverdiente Rast halten zu können, so mussten wir doch noch eine weitere halbe Stunde zugeben, bis wir uns in einem Stall häuslich niederlassen konnten. Angesichts des kommenden Silvesters und der hinter uns liegenden Festtage hatte unser Vorrat auch ein etwas festliches Gepräge. Inzwischen war im Osten der Mond höher gestiegen, und die linken Talhänge gaben uns auch schattenhalb genügend Licht, so dass wir bequem einer frischen Spur folgen konnten. Hell und klar leuchtete vor uns über dem Talabschluss der Orion mit dem strahlenden Sirius. War bis zum Dürrboden fast nur Horizontale zu erledigen, so ging jetzt unser Weg fast ganz auf Steigung über, und bald hörten wir von unserem Dritten eine Reihe von kräftigen Ausdrücken, welche alles andere, nur keine Lobpreisung auf die unbekannten Ersteller der benützten Spur waren. Er hatte grösste Mühe, mithalten zu können, aber einige kurze Schläge im tiefen Pulver überzeugten mich rasch, dass wir unsern « Vorarbeitern » eher zu Dank verpflichtet seien, nur hatten sie im untern Teil fast den Sommerweg gewählt und waren deshalb zu rasch nach links und auch etwas zu kräftig angestiegen, wahrscheinlich ohne schweres Gepäck. Bei fahlem Mondlicht langten wir 1140 Uhr bei der Hütte an und waren erfreut, nur drei Menschen darin zu finden.

Nebel und leichter Schneefall: lautete der Wetterbericht in der Frühe des 30. Dezembers, was uns aber gar nicht missfiel, hiess es doch mit andern Worten: Weiterschlafen bis in den Vormittag hinein. Gegen 9 Uhr zog die andere Gesellschaft talwärts, denn vom Wetter sei höchstens eine Verschlechterung zu erwarten. Wir hatten es nicht so eilig, wir hatten drei freie Tage vor uns, Vorrat im Überfluss und für uns zu dritt die ganze Bude allein zur Verfügung. Das Wetter nimmt man eben, wie es kommt. Vorerst einmal alle Läden auf, Licht und Luft herein! Der ganze Neubau wird in aller Ruhe vom Standpunkt des Benützers aus in Augenschein genommen. Den Gesamteindruck kann ich dahin zusammenfassen, dass zweckmässiges Gestalten mit gediegener Ausführung eine glückliche Vereinigung gefunden haben, so dass dank der hochherzigen Spende des Stifters und der kundigen Hand des Architekten am Grialetsch oben wohl eine der schönsten unter unsern S.A.C.-Hütten entstanden ist.

Eine ganz unerwartet von Westen kommende Aufheiterung gab plötzlich Leben in unser Trio, und etwas vor 11 Uhr fuhren wir dem Sarsura entgegen. Dieser Spass begann mit einer kleinen Abfahrt ins Val Grialetsch hinunter, wo Nebelschwaden sich zusammenballten und darüber hinaus die formschöne Pyramide des Linard in blendender Weisse zu uns herüber grüsste. In den Mulden am Nordrande des Grialetschgletschers zogen wir in tiefem, gleichmässigem Pulverschnee unsere Spur der Fuorcla Sarsura zu. Hier weitet sich der Blick nach Osten. Ein Hochnebelmeer brandete gegen die Gipfel, und nur die Spitzen der Unterengadinerberge und darüber hinaus die der Ötztaler glänzten in der Dezembersonne. Östlich des zur Fuorcla herabstreichenden Grates erreichten wir den Gipfel. Schon hatte das Wolkenmeer die Furche des Engadins ausgefüllt, schon hüllte uns grauer Nebel ein, und mit dem Ausblick nach Süden war es vorbei. Am ausgesetzten Gipfelhang erschienen Windgangeln, doch bald kamen schöne Skifelder und von der Fuorcla weg lag auf dem Grialetschgletscher herrlicher Pulverschnee, so dass wir trotz des bösenden Wetters eine köstliche Abfahrt genossen. Schon 230 Uhr nahm uns die Hütte wieder in ihren Schutz. Als wir noch vor Dunkelheit auf dem nahen Seelein nach Wasser gruben, verhiess der tief mit grauen Wolken ver- hängte Himmel nicht viel Gutes für den nächsten Tag, und schon abends setzte bei Westwind leichter Schneefall ein.

Wie der schöne Satz in den Wetterberichten der Wintersportplätze: « 30 cm Neuschnee, es schneit weiter », so lautete die erste Meldung in der Frühe des 31. Dezembers 1928. Mit der Morgenhelle machten wir uns aber los vom weichen Pfühle und waren eben damit beschäftigt, zu beraten, ob die Verdauung des Morgenessens mit Lektüre oder einem währschaften Jass einzuleiten sei, als auf einmal die Gipfel des Bockten und Sattelhorns, über grauem Nebel in den blauen Himmel ragend, durch das Fenster des Winterraums zu uns hereinschauten. Da fiel die Entscheidung rasch, und nach 9 Uhr zogen wir ab, in tiefem Neuschnee dem Piz Grialetsch zu. Den ziemlich steilen Hang östlich des Kilbiritzen erklommen wir stark links haltend in kurzem Zickzack auf einer schwach ausgeprägten Rippe im Schutze eines grossen Felsblockes und erreichten darüber das kleine Gletscherchen, um über die markante Scharte im Nordostgrat zum Grialetschgletscher wieder etwas abzusteigen.

Inzwischen hatte das Wetter wieder von Westen her vollständig aufgeklärt, und ein schöner Sonnentag versprach uns einen würdigen Abschluss des Jahres. Die Fuorcla Vallorgia wurde gen Norden überschritten, und bis zu den Felsen des Piz Grialetsch trug uns der Ski. Eine Augenweide ist von hier aus die trotzige Felsenburg des Piz Kesch. Mittag war es, als wir den Gipfel betraten und den Steinmann im tiefen Schnee suchen mussten. Von hoher Warte hielten wir Ausschau über die tiefverschneite Bergwelt um und um...

Nach einer flotten Abfahrt querten wir zum Scalettahorn hinüber und stiegen bis zum Signal hinauf. Einzigartig ist der ungehemmte Tiefblick in das lange, fast ganz gerade nach Norden verlaufende Dischmatal hinunter und nach Davos hinaus. Drunten bei der Schürlihütte wurde fleissig Ski gefahren und eine frische Spur zog gegen die Hütte hinauf.

« Wohin wollen wir jetzt ?» war die Frage, die uns am meisten beschäftigte. Zur Abfahrt war es noch zu früh, das Wetter zu schön, die Sonne zu warm. Und verlockend standen uns gegenüber die schwarzen Wände des Piz Vadret! Mit dem Hauptgipfel ist um diese Jahreszeit nicht viel anzufangen. Also hatten wir es mit dem Südgipfel, 3221 m, zu tun. Um Zeit zu sparen, entschieden wir uns für den Aufstieg durch die steile Rinne, welche vom Vallorgiagletscher unmittelbar in den Sattel zwischen den beiden Gipfeln führt. Rassig war die Fahrt zum Gletscherboden hinunter, rasch spurten wir überhin, und schon schraubten wir uns im Schutze der Felsen am Nordrand der Rinne in kurzen Schlägen hinauf, bis es mit den Ski nicht mehr gehen wollte. Ski geschultert und zu Fuss die steile Schneekehle hinauf. Eher, als wir anfänglich geschätzt hatten, standen wir auf dem Sattel zwischen den beiden Vadret. Eigentümlich ist der Gegensatz zwischen dem steilen und engen Couloir auf der Westseite und der schönen grossen Mulde des Puntotagletschers auf der Ostseite dieses Sattels. Mit Steigeisen erledigten wir den kurzen Aufstieg zum Südgipfel, den wir nach einer Stunde vom Scalettahorn aus erreichten. Wenn die Aussicht vom Piz Grialetsch vornehmlich nach der Landschaft Davos hin orientiert ist, so hat die des Vadret-Südgipfels reines Engadiner- gepräge. Wir grüssten all die vielen Bekannten in der weiten Runde, hatten aber nicht viel Zeit zu langem Sinnen, denn die Tage im Dezember sind kurz, und unser Weg war noch weit. Dem zackigen Ostgrat des Vadret entlang geriet die Abfahrt hinunter auf den schwach geneigten Puntotagletscher. Sobald es eine aus der Karte nicht ersichtliche, nach Süden vorspringende Felsrippe erlaubte, stiegen wir wieder an. Nach drei Viertelstunden standen wir auf der Wasserscheide, der Fuorcla Barlasch. Von hier aus kann auch dem Piz Sarsura auf den Leib gerückt werden, und es ist bei zeitigem Aufbruch und guten Verhältnissen ein Leichtes, die vier Gipfel an ein und demselben Tage zu besteigen. Für uns kam das nicht in Frage, denn die Sonne war am stark verschleierten Westhimmel bereits untergegangen, und beim letzten Abendschein genossen wir die Würze des Tages, die Abfahrt auf dem Grialetschgletscher. Wir hielten uns anfänglich möglichst ostwärts, um das Gefälle besser ausnutzen zu können, denn nach Norden ist man genötigt, tiefer unten einen fast ebenen Gletscherboden zu queren. So trafen wir wenig unterhalb der Fuorcla Sarsura mit unserm gestrigen Weg zusammen, aber von unsern Spuren war nichts mehr zu sehen, und der Schnee war, wohl zufolge des Westwindes, nicht mehr so gleichmässig wie zuvor. Bei einbrechender Nacht langten wir wieder bei der Hütte an und schlossen so den Kreis unserer Rundfahrt im Grialetsch.

Nur blass leuchteten die Sterne, und bleich dämmerte der Morgen des ersten Tages im Jahre 1929 herauf. Wir hatten die Hütte in tadellose Ordnung gestellt und warteten, bis uns die Sicht gestattete, nach der Radüner Furka aufzubrechen. Die Fahrt kann nicht unter allen Verhältnissen erledigt werden. Nach dem Neuschnee und Wind fanden wir, Vorsicht sei Gebot. Gleich nördlich des Grialetschpasses stiegen wir, Gräte und Mulden benützend, direkt nordwärts an, aber höher als die Skiturenkarte Davos angibt, um uns nachher mehr horizontal oder leicht abfahrend in den Mulden hoch über der Talsohle nach Osten zu verschieben. Ein leichter Aufstieg brachte uns mühelos nach fünf Viertelstunden auf den Sattel der Radüner Furka.

Der schon am Morgen bestehende Druck hatte sich rasch zu einer Störung aus Südost verstärkt, und der Himmel war ganz bedeckt. Nur weit draussen im Norden war noch ein Streifen in einer eigentümlichen, schwefelgelbgrünen Färbung frei geblieben, wie mit einem Lineal abgeschnitten vom dunkeln Ton des Himmels, darunter die Landschaft in einem fahlen Grau, das sich gen Norden zu in ein gelbliches Weiss abstufte, aus dem sich die fast schwarzen Kalkwände des Rätikons scharf erhoben. Eine Stimmung, die nicht auf Aufhellung schliessen liess.

Wir wollten im Vorbeigehen dem Flüela Schwarzhorn unsere Aufwartung machen, querten den Radünergletscher nach Westen und stiegen zum Sattel am Fusse des Sudgrates auf. Hier empfing uns ein kalter und scharfer Ostwind und zwang uns, auf der Dischmaseite etwas abzusteigen, um im Windschutz rasten zu können. Zu Fuss stampften wir den tiefverschneiten Grat hinauf. Ohne den heftigen Wind wäre eine Begehung mit Ski sehr gut möglich gewesen, was für einen solchen Grat um Neujahr entschieden eine Seltenheit ist. Der Wind wurde immer toller, die Kälte immer durchdringender. Der Piz Kesch verschwand in Nebel und Schneegestöber. Da machten wir kurz unter dem Gipfel nach dem berühmten Spruch « der Gescheitere gibt nach » rechtsumkehrt und eilten den mühsam erstiegenen Grat hinunter, in den Windschatten zu unseren Säcken.

Die schlechte Beleuchtung störte die Abfahrt zum Flüelapass hinunter, und gern erreichten wir gegen Mittag das schützende Dach des Hospizes. Glücklicherweise hatten wir Wind und Schneegestöber bei der Abfahrt nach Davos im Rücken. Auffallend war, dass alle in der Windrichtung liegenden Mulden an der obern Kante abrissen und nur zufolge der schwachen Neigung nicht als Schneebretter abfahren konnten. Vom Tschuggen an fanden wir die Flüelastrasse gebahnt, und wenig unterhalb erlaubte das Gefälle eine ununterbrochene Fahrt bis auf den Talboden von Davos hinab.

Die neue Grialetschhütte hatte uns einige herrliche Tage ermöglicht. Wenn wir drei sonst fast ausschliesslich zur Winterszeit die Bergwelt durchstreifen, so haben wir uns doch vorgenommen, auch einmal hinaufzusteigen, wenn die Schneemassen geschmolzen sind, die blauen Seelein offen liegen und Flora ihre bunten Blumen über die Hänge gestreut hat. Auf Wiedersehen im Vorsommer!

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