Unbekannte Leistungen

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zu Tode. Sein Kamerad vermochte ihn wohl zu halten, aber dann riss das Seil ( österreichische Alpenzeitung, Jahrgang 42, Nr. 995 ).

Es war derselbe verfluchte Strick, den ich am 18. August in der Mischabelhütte einer so vernichtenden Kritik unterzogen hatte.Und sollte mich die Tiefe wollen, So sei das Opfer gern gebracht — Der letzte Blick gilt noch der vollen, Sonnenumglühten Alpenpracht.

Was mag es schaden, was mag es frommen, Ich liege in der Tiefe stillEs wird wohl wieder einer kommen, Der so wie ich zur Höhe will!

Unbekannte Leistungen.

Von August Gansser.

Düstere Nebelfetzen jagen über den dunkeln Grat des Pizzo Corciusa, formen sich zu phantastischen Ungeheuern, wenn sie in den Bereich des Mondes kommen, um gleich wieder in ein schwarzes Nichts zu zerfliessen. Aus dem schlafenden Kessel klettern die dunklen Wände steil zur Bochetta di Corciusa hinauf, und die letzten Tannen, welche sich da und dort auf einer steilen Rippe noch behaupten können, scheinen noch schwärzer. Vielleicht rauscht irgendwo ein Bach, vielleicht ist es auch der Wind in den Felsen oben, sonst scheint alles zu schlafen. « La Valle del silenzio », so heist ja das Tal...

Da kollert ein Stein die steile Halde hinunter, ein paar Schuhnägel knirschen, ein Stock stösst hart auf, und... ein paar Flüche lassen gleich auf das Richtige schliessen. Eine Menschenkolonne kriecht langsam aus den letzten Tannen den steilen Hang herauf. Undeutlich lassen sich die stark gebeugten Gestalten unterscheiden, fast zu Boden gedrückt von einem riesigen, langen Sack, über dem ein mächtiger Laib Brot thront. Einige haben ihre Kittel über das Brot gehängt und schwanken wie schwarze Fantome den Berg hinauf... Wieder fallen ein paar Steine, ein paar Nägel schreien noch von weitem, sehen kann man schon lange nichts mehr.

Ein paar Stunden früher konnte man in dem kleinen Nest verschiedene Neuigkeiten bewundern. S. Bernardino war ja mit seiner kurzen Saison, besonders der von 1931, ganz fremdenleer, man kannte nun jedes Gesicht, und gerade heute schien alles unbekannt. Sogar die bekanntesten Dorfgrössen haben eine geheimnisvolle Miene aufgesetzt. Eigenartige Gestalten drücken sich durch die schon dunkle Dorfstrasse. Ein grosser Schlapphut, dann scheinen ein paar alte Stoffresten oben einen Kittel und unten eine Art Hose zu bilden, das Ganze steht in einer Fussumhüllung, welche man aus Analogiegründen vielleicht als Schuhe betrachten kann. Besonders um einen Laden UNBEKANNTE LEISTUNGEN.

und... zwei hohe düstere Gestalten. Zwei Berggespenster starren uns an, stumm, ein jeder auf einen langen Stock gestützt. Starren auf die beiden Menschlein, die zögernd auf sie zukommen... Der Nebel zerrinnt, der Geist auch, nur der « Capo » mit einem seiner Getreuen steht vor uns. Sie haben uns schon lange gesehen, hielten uns aber wegen der Filzhüte für italienische Grenzwächter. Plötzlich tauchen aus allen Spalten Gesichter auf, ein jeder kriecht mit seinem grossen Sack aus seinem Versteck. Eine ganze Bande umsteht uns neugierig, und bald ist jegliches Misstrauen beiderseits verschwunden. Ja, sie wollten hier oben auf dem Grat die Nacht abwarten. Auf meine Frage, warum sie nicht, wie gestern abend behauptet, über den Balniscio seien, heisst es, sie wären dort vor einer Woche von Grenzwächtern aus dem Hinterhalt beschossen worden. Mit knapper Not seien sie entkommen, hätten aber die Zuckersäcke den Grenzwächtern überlassen. Nachts hätten sie dann die ganze Zuckerladung wieder zurückgestohlen und so doch noch an den Bestimmungsort gebracht. Prachtsmenschen waren das, schöne, braun-verbrannte Typen, nur krank... Und vom Schmuggeln wird man nicht so schnell geheilt.

Um 35 kg Zucker zwei Tage und zwei Nächte lang von S. Bernardino nach Madesimo zu bringen — denn diese Gegend war ungefähr der Bestimmungsort — nie sicher, aus irgendeinem Hinterhalt niedergeknallt zu werden, erhält ein jeder seine 100 Lire. Damit verbringt man den Rest der Woche mit dolce far niente, bis man wieder zu einer neuen Expedition loszieht. Einzelne Grenzwächter haben Angst vor ihnen, nur in grösseren Trupps greifen sie an, meist aus dem Hinterhalt. Dann verschwindet irgendein tüchtiger Zuckerträger, erschossen oder im Gletscher. Niemand weiss ja, wie viele losziehen, niemand weiss, wie viele noch ankommen... Mit einem Laib Brot sind sie für mehrere Tage ausgerüstet. Die zerrissenen Schuhe haben oft nur Holzsohlen; dann ein langer Stock, im Gürtel ein Messer, ohne Seil und Pickel. Und damit ziehen sie über die zerrissenen Grenzgletscher jener Gegend, überschreiten die bösesten Gräte, ja sie kommen manchmal auch im Winter herüber, alles zu Fuss. All das mit 35 kg auf dem Buckel. 14jährige Knirpse sind oft dabei, manchmal sogar Frauen. Der Nebel hat sich verzogen. Der Ferrégletscher wird sichtbar. Weit unten die Dogana di Spluga. Vor Nachteinbruch wollen sie noch den Gletscher hinunter. « Addio, buon viaggio! » —Wir ziehen weiter über den nun breiten Grat, nicht gleich hinunter, sondern verstecken uns in den Felsen... Blöcke poltern auf den Gletscher hinunter. Auf einer schmalen Schneebrücke überschreitet die Kolonne den Schrund, einige Spalten werden übersprungen, zwei Kerle sind bis zu den Hüften eingebrochen, Kameraden helfen ihnen wieder heraus.

Eine lange gerade Spur zieht den Gletscher hinunter. Ganz vorne eine kleine schwarze Punktreihe... 400 kg Zucker wandern ihrem Bestimmungsort entgegen. Da ziehen wieder graue Nebel herauf, wieder jagen Schneeschauer über den Grat — « buon viaggio »!

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