Unterengadiner Ferientage

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3Von Armin Rühl

Mit 2 Bildern ( 124, 125Zürich ) Als wir beim flackernden Kerzenlicht unser Nachtessen einnahmen, stellten wir mit Befriedigung fest, dass wir an diesem Tag ein nettes Stück hinter uns gebracht hatten: innerhalb von zwölf Stunden waren wir von Zürich nach Klosters gefahren, waren über den Vereinapass in den hintersten Teil der Val Saglains abgestiegen, hatten uns wieder hinauf auf die Fuorcla da Glims gearbeitet — gearbeitet im wahren Sinne des Wortes —, hatten im Vorbeiweg dem Piz Glims einen Besuch abgestattet, um dann bei anbrechender Dämmerung an zwei kleinen Seelein vorbei zur Linardhütte hinabzueilen.

Unvergesslich wird mir der Aufstieg von der Val Saglains zur Fuorcla da Glims bleiben. Im Laufe der vielen Jahre, die ich dem Alpinismus huldigte, bin ich schon mit vielen, sehr vielen Geröllhalden in Berührung gekommen; mit blockigem Geröll im Urgestein, wo manchmal die grössten Klötze bei der geringsten Berührung das Gleichgewicht verlieren, mit scharfkantigem, sohlenmordendem Gestein der Kalkberge, habe mich an feinschiefrigen Schutthalden herumgequält, bei denen man auf drei Schritte hinauf wieder zwei hinunterrutscht, aber so etwas wie hierwarmir doch noch nie vorgekommen. Der ganze Hang schien in Bewegung zu sein, man hatte das Gefühl, in einer UNTERENGADINER FERIENTAGE Steinlawine zu stecken. Weiter oben wurde es besser. Wo der Südwestgrat des Linard im Geröll ausläuft, nahe der Fuorcla, ertönte über uns Steinschlag. Beim Hinaufschauen gewahrten wir drei Gemsen, die der Gratkante zustrebten, um dann einige Augenblicke stillzustehen, bevor sie auf der andern Seite des Grates unsern Blicken entschwanden. Ein Bild von Stolz, Kraft und Freiheit, wie die drei Grattiere sich vom dunklen Fels gegen den hellen Himmel abhoben!

Schön war noch der Blick vom Piz Glims — den wir in ca. 15 Minuten von der gleichnamigen Furkel aus erstiegen hatten — auf den Linard, unser Ziel für den folgenden Tag.

Ein prachtvoller Sternenhimmel stand über uns, als wir, anfangs noch etwas schlaftrunken, die mit Felstrümmern übersäte Halde hinaufstolperten zu den beiden Seelein, an denen wir am vorhergehenden Abend vorbeigekommen waren. Langsam begann es zu tagen. Während die Sonne die höchsten Spitzen der Berninagruppe golden aufleuchten liess, mühten wir uns an der unvermeidlichen Schutt- und Geröllhalde ab, die den Fuss des Berges umsäumt. Beim Einstieg in das steile, steinschlaggefährliche, aber Unschwierige Couloir, das zu dem von Süden weither sichtbaren Schneefeld führt, wurde eine kurze Rast gehalten. Im Süden, uns gerade gegenüber, erhoben sich der Piz d' Esen und der Quattervals. Rasch und gut kamen wir im Couloir hinauf. Das Schneefeld wurde linksseitig begangen; eine mit hartem Schnee gefüllte, sehr steile Rinne, oben schwach nach rechts umbiegend, bildet die Fortsetzung der Route. Teils in der Rinne selbst, teils rechts in die gutartigen Felsen ausweichend, erreichten wir den Südwestgrat beim Punkt 3307. Von hier über den Grat zum Gipfel ist es ein genussvoller, aussichtsreicher Höhenweg. Zufrieden über das Erreichte gaben wir uns um 7 Uhr die Hand auf dem Gipfel des Piz Linard.

Ein herrlicher Tag! Während der anderthalbstündigen Gipfelrast haben wir Musse, das Panorama zu studieren. Der Linard ist ein Aussichtsberg ersten Ranges. Im Norden und Westen kann ich viele alte Bekannte wie Tödi, Glärnisch, Segnes, Churfirsten etc. erkennen, während Süden und Osten Neuland für mich sind. Als Glanzpunkte besonders erwähnenswert sind die Gipfel der Silvrettagruppe, deren Kulminationspunkt der Linard ist, ferner die Berninagruppe, das Massiv des Ortlers sowie im Osten die Kette der Otztalerberge mit dem Wildspitz und der Weisskugel als Mittelpunkt. Von der Talsohle des Inn ist nur wenig wahrzunehmen, einzig ein Teil von Zernez und die rechts vom Inn liegenden Häuser von Lavin.

Auf gleicher Route wurde um 8.30 Uhr der Abstieg angetreten. Ein paar rassige Glissaden im jetzt schon weichen Schnee brachten uns in kurzer Zeit an den Fuss des Berges zurück.

In der Hütte hatte sich während unserer Abwesenheit der Geisshirt von Lavin häuslich niedergelassen und war damit beschäftigt, sein Mittagsmahl zu bereiten. Wir wurden eingeladen und durften mithalten. Die Kartoffeln mit Hörnli nach Bündner Art mundeten vorzüglich. An Butter war nicht gespart worden.

„ J... Nachmittags bummelten wir nach Lavin hinunter. Unterwegs kamen wir durch einen ausgedehnten Lärchenwald, ein reiner Bestand von mächtigen, wohl Jahrhunderte alten Prachtsbäumen erregte meine volle Bewunderung. Zwischen den roten Stämmen hindurch sah man hinab auf den weiss schäumenden Inn, der sich schluchtartig seinen Weg durch die grünen Matten bahnte, während zwischen dem flechtenbehangenen Astwerk und dem hellgrünen Nadelgewirr der Piz d' Arpiglia sichtbar ward.

Erst als die Sonne schon tief im Westen stand, brachen wir von Schuls auf, um noch bis zur Meierei von San Jon zu gelangen, wo wir gastlich aufgenommen wurden. Die Nacht brach herein, als wir auf der Terrasse der Meierei sassen; über uns funkelten schon die ersten Sterne, während im Westen über dem Piz Capisun die schwarze Spitze des Linard in den noch blassblauen Himmel stach. Schweigend stiessen wir mit den schweren Gläsern an, in denen wie Rubin der Veltliner leuchtete. Ein schöner Tag lag hinter uns.

Durch die taunassen Wiesen von San Jon schritten wir dem Eingang der Val Lischanna zu. Noch schienen die Sterne. Wie ein Park mutet die Landschaft hier an. In der Kühle des anbrechenden Tages lässt sich gut gehen. Fichten und Lärchen, die nach und nach von Föhren verdrängt werden, dazwischen einmal eine Arve, bilden den Waldbestand des Tals. Ein dichter Knieholzgürtel, aus dessen sattem Grün manchmal noch Büsche verspätet blühender Steinrosen leuchten, bildet die Baumgrenze. Der Hüttenweg ist einzig in der Art seiner Anlage. In ausgeglichener Steigung führt er fast mühelos durch prächtiges Gelände zur 2507 m hoch gelegenen Lischannahütte, die wir um 6.45 Uhr erreichen. Die Hütte liegt auf einem das Tal quer durchziehenden Fclsriegel. Von ihr aus geniesst man einen schönen Blick auf das 1500 m tiefer gelegene Schuls und die Gipfel der gegenüberliegenden Silvrettagruppe.

Anlässlich einer Wintertour im Lischannagebiet hat Leo Maduschka die Hütte mit folgenden Worten gepriesen: « Die kleine C. Hütte ist ein Juwel, ein Meisterstück schweizerischer Hüttenbaukunst. Alles ist da, vom Zündholz bis zur spiritusgefüllten Lampe, vom guten Herd bis zum warmen Hüttenschuh. Dabei ein schmucker, kleingemütlicher Raum —. » Ich kann in dieses Lob nur einstimmen!

Eigentlich hatten wir einen Ruhetag einschalten wollen, um Ferien einmal so recht gemessen zu können, der wundervolle Tag Hess aber solche Pläne nicht aufkommen. Nach einem währschaften Gabelfrühstück zogen wir wieder los, Richtung Lischannagletscher. Merkwürdig sind die verschiedenartigen, bunten Gesteine, die hier auf kleinem Raum zusammengedrängt sind, das reinste Mosaik: schwarz, weiss, rot und grün, auch schön maserierter Marmor kommt stellenweise vor. Über den Südostgrat, teils auf der Gratkante selbst, dann wieder rechts in die Ostflanke ausweichend, gelangt man leicht bis unter den Gipfel des Piz Lischanna. Zuletzt auf der Westseite wird der um ein paar Meter niedrigere Vorgipfel, der eigentliche Aussichtspunkt, in leichter Kletterei gewonnen. Von ihm aus geniesst man einen Blick auf das ganze Unterengadin von Lavin bis Martinsbruck, was schon allein eine Be- Steigung dieses Berges reichlich lohnt. Als silbern glitzerndes Band durchzieht der Inn das Tal, auf dessen linksseitigen Hängen die vielen Äcker Und Getreidefelder der Landschaft eine farbenfrohe Stimmung geben. Auf den warmen Kalkplatten liegend verbrachten wir unvergessliche Stunden reinsten Gipfelglücks. Dem « Steinmännli » auf dem höchsten Punkt wurde dann auch noch die Ehre unseres Besuches zuteil. Silvretta, die nahen ötztaler, Ortler, Bernina, Unterengadiner Dolomiten, Kesch-Sasuragebiet, das sind so die Rosinen des Panoramas. Über der Innfurche bei Martinsbrack war sogar die Zugspitze zu sehen.

Ein steiles, schutt- und geröllgefülltes Couloir führt vom Südostgrat in gerader Flucht zur 500 m tiefer gelegenen Hütte. 20 Minuten brauchten wir, um diese Höhendifferenz zurückzulegen, eine gute Viertelstunde, bis wir einander den Staub aus den Kleidern geklopft hatten 1 Dann lagen wir an der Sonne, bis die Schatten der gewaltigen Kalkmauer des Piz San Jon uns in die heimeligen Räume der Chamanna trieben.

Und wieder blaute einer dieser licht- und glanzvollen Sonnentage, deren wir nun schon drei erlebt hatten, als wir auf gleicher Route wie am vorhergehenden Tag dem Lischannagletscher zustrebten. In den Felstrümmern, kurz vor Erreichen des Gletschers, sahen wir Schneehühner, links Schneehühner, rechts Schneehühner, vor uns Schneehühner, die Steine schienen lebendig zu sein, und wir glaubten uns in eine wahre Schneehühnerfarm versetzt. Ich brachte es nicht fertig, sie zu zählen. Das Ganze klingt wohl wie Jägerlatein, ist aber Tatsache.

Von der Höhe des Gletschers hat man einen hübschen Überblick auf das Seenplateau von Runs; etwa zwanzig kleine, in fast allen Farbschattierungen von blau über grün bis schwarz leuchtende Seelein sind in die kahle Höckerlandschaft eingebettet. Das Ganze macht den Eindruck einer Mondlandschaft. Über den spaltenlosen Gletscher hielten wir gegen den ziemlich grossen, auf der Karte nicht eingezeichneten See zu, in den ein vom Piz Immez kommender Arm des Lischannagletschers in einer ca. 20 bis 30 m hohen Eiswand abbricht; ein paar auf dem dunklen Wasser treibende Eisblöcke erinnern an den Märjelensee. Zwischen Piz Cornet und Piz Immez, dem Ausfluss des Gletschersees folgend, steigen wir über Geröll, Felssätze, steile Rasenhänge hinab zur Alp Sesvenna. Viele schöne grosse Edelweiss stehen in Gesellschaft von. Alpenastern in den fetten Rasenpolstern. Hier sowie in den abschüssigen Grasplanken der Paraits Sesvenna wird diese immer seltener werdende Blume wohl noch lange vor den Nachstellungen der Alpenblumenmarder geschützt sein.

Dem Sesvennabach folgend geht 's nach Scarl hinaus, einem kleinen, sauberen Weiler mit ein paar hübschen, typischen Engadiner Häusern. Ein grosser, in Holz geschnitzter Bär mit heraushängender, blutroter Zunge krönt den Sockel des Dorfbrunnens, zur Erinnerung an die nicht allzu ferne Zeit, da Bären in der Umgebung Scarls nichts Seltenes waren.

Spätnachmittags setzten wir unsern Weg fort. Unterhalb des Schmelz-bodens — noch ist kein Jahrhundert verflossen, seit hier Bergbau betrieben wurde, ein paar halbzerfallene Gebäude legen Zeugnis davon ab — wechseln. .ili " jf wir auf das linke Ufer der Clemgia, wo wir Nationalparkterritorium betreten. Auf schmalem, wildromantischem Pfad gelangen wir zur Mündung der Val Mingèr, über den Mingèrbach und eine steile, kurze Gegensteigung nach Mingèr dadora.

Val Mingèr! Der abendliche Gang durch die ernste, stille Schönheit dieses Tales gehört mir zum Tiefstempfundenen, was ich bis heute in den Bergen erlebt habe. Seltsam kontrastiert das Weiss des isländischen Mooses zu den dunkeln, am Boden sich hinziehenden Stämmen der Legföhren, die wahre Dickichte bilden, durch die wir auf schmalem Pfad schreiten. Die wilden Gräte, Türme und Gipfel des Pisoc-Massivs und des Piz Mingèr zacken sich braunrot in den lichten Himmel. Oft bleiben wir stehen, schauen zurück, wo über dem Taleinschnitt der von den Strahlen der sinkenden Sonne getroffene Piz Madlain rotgolden erglüht. Die sich lichtenden Legföhren werden bei Alp Mingèr von lose stehenden Arvengruppen verdrängt, unter denen sich prächtige, kraftvolle Einzelbäume befinden, die, je mehr wir uns der Baumgrenze nähern, desto pittoreskere Formen annehmen. Die feierliche Stille wird nur hie und da durch den schrillen Warnpfiff eines Murmeltieres unterbrochen. Schon seit geraumer Zeit hat der über der flachen Einsattelung von Sur il Foss in den gelblich-blauen Abendhimmel hineinwachsende Piz Plavna-dadaint unsere Blicke auf sich gefesselt, nun auf der Höhe des Sattels zollen wir diesem Berg von Format mit seinen bizarren Felsnadeln und der uns zugekehrten gewaltigen Ostflanke unsere ganze Bewunderung. Auch der Anblick des wilden, zerrissenen Grates, der sich vom Piz Foraz zum La-dschadurella hinüberzieht, gilt lange unsere Aufmerksamkeit, ehe wir bei anbrechender Dämmerung steil und pfadlos ins Plavnatal absteigen, wo wir bei den Sennen der gleichnamigen Alp Milch und ein gutes Heulager erhalten.

Am Abend des folgenden Tages erwogen wir im Blockhaus Cluoza die Chancen für einen Regen-, will heissen Ruhetag. Die Aussichten für einen solchen schienen nicht ungünstig. Von Süden her trieb grauschwarzes Gewölk das Tal hinaus und von ferne hörte man das dumpfe Rollen des Donners, als wir die Pritschen aufsuchten.

Nebel hing an den Gräten des Murtaröls und der Grappa Mala, vom Quattervals war überhaupt nichts zu sehen, als ich um 5 Uhr nach dem Wetter Ausschau hielt. Es war dies ein geradezu tröstlicher Anblick, nun durfte ich ohne alle Gewissensbisse wieder unter die warmen Decken kriechen, und der langersehnte Ruhetag schien gesichert zu sein. Als um 7.30 Uhr endgültig Tagwache war, sah die Szenerie draussen schon etwas anders aus. Der Nebel hatte sich gehoben, hin und wieder zeigte sich ein Stück blauen Himmels, die Hoffnung auf den Ruhetag schien sich aufzulösen wie der Nebel. Es mag gegen 9 Uhr gewesen sein, als wir unten am Cluozabach standen und uns gegen Valetta wandten. Der stellenweise undeutliche Pfad führt erst durch Legföhren hart am Rande des Baches entlang, um dann in einer nicht endenwollenden Schutthalde seine Fortsetzung zu finden. Öfters hörten wir Murmeltiere pfeifen, ohne aber solche zu Gesichte zu bekommen. Nach Usuiti ..M- ca. anderthalbstündigem Aufstieg sahen wir unser Ziel, den Piz Quattervals, sowie die weiter einzuschlagende Route vor uns. über ein kleines, nur von wenigen Querspalten durchzogenes Gletscherchen kamen wir zum Fuss unseres Berges. Der normale Aufstieg führt durch eine von kleinen Felssätzen durchbrochene Geröllflanke auf den Nordwestgrat. Da ich aber begonnen hatte, Geröll zu meiden, wo dies nur möglich war, hielt ich nach rechts, um über Felsen- den Grat zu gewinnen. Vom Regen waren wir aber in die Traufe gekommen; schwer war 's nicht, aber ziemlich faul, ganze Salven von Felstrümmern schössen auf den ohnehin schon steinbesäten Gletscher hinunter. Dafür hatte ich die Freude, zum erstenmal ein ganzes Trüppchen der Mont-Cenis-Glockenblume in einer Felsritze wachsen zu sehen. Oben auf dem Grat imponiert vor allem die nahe, edelgeformte Pyramide des Piz d' Esen. Über die Gratkante selbst, manchmal auf die Tantermozzaseite ausweichend, geht 's rasch in die Höhe, und um 12 Uhr ist der Gipfel erreicht. Der teilweisen Bewölkung wegen war die Sicht nicht gerade hervorragend, immerhin hatten wir gute Einblicke in die nähere Umgebung der Quattervalsgruppe sowie Tiefblicke in die Steinwüsten von Tantermozza, Valletta, Val Sassa und Val Müschauns. Während des halbstündigen Aufenthalts auf dem Gipfel hörten wir fortwährend Steinschlag in der Ostflanke.

Den Abstieg nahmen wir bis zum Gratsattel durchwegs auf den bequemen Bändern der Westseite. Jetzt die Geröllhalde benützend, waren wir in wenigen Minuten wieder auf dem Gletscher, in flottem Tempo, bald rutschend, bald springend, wurde in einer Stunde der Cluozabach erreicht. Lange Stunden lagen wir unter den flechtenbehangenen Kiefern am Bache, schauten hinauf in den dunkelblauen Sommerhimmel, wo die weissen Wolken dahinzogen, komische Formen annehmend und sich dann in nichts auflösend. Eine wohltuende Stille lag über dem Tal, nur hin und wieder unterbrochen durch den Ruf eines Vogels oder das Summen eines Insektes; dazu sang der Bach seine beruhigende, einschläfernde Melodie.

Von Zuoz, wohl einem der schönsten und ursprünglichsten Engadiner Dörfer, waren wir bei praller Augustsonnc zur Chamanna d' Es'chia emporgestiegen. Es'chiahüttel Fast glaubte ich mich in den Tea-Room in einem der mondänen Kurorte versetzt und nicht in eine C. Hütte, die als Stützpunkt für Hochgebirgstouren dienen soll. Schiefertische, Stabellen, Butagasbeleuchtung, Kachelofen, fliessendes Wasser und, last but not least, eine Stuckdecke. Auch ich weiss die Vorzüge einer netten, heimeligen Hütte zu schätzen, aber was zu viel ist, ist zu viel. Welch ein Unterschied zwischen der ersten C. Hütte am Grünhorn und dieser Bergvilla I Stoff genug für eine Abhandlung, betitelt: « 80 Jahre Hüttenbau des S.A.C. » Ihre Lage auf Plazetta ist allerdings gut gewählt, und der Blick durchs Erkerfenster auf die abendliche Bernina ist einzig schön.

Punkt 6.30 Uhr war der Sattel östlich der Keschnadel gewonnen, wo wir auf Führer Hosang warteten, mit dem ich mich tags zuvor von Zuoz aus telephonisch hierher verabredet hatte.

Zehn Minuten nach der verabredeten Zeit tauchte die grosse, massige Gestalt Hosangs über dem Firn auf. Etwas nach 7 Uhr seilten wir uns an, um dann über den gutbegehbaren Firn die Ostflanke des Kesch zu gewinnen. Die nun folgende Kletterei auf der gewöhnlichen Route ist unschwer, und schon um 8 Uhr standen wir beim Steinmann auf dem Gipfel. Hosang erklärte lachend, dass ihm während seiner Führerlaufbahn noch « keine » so auf den Fersen gewesen sei wie meine Gefährtin. Es war dies seine 353. Keschbesteigung, er hat sie fortlaufend im Gipfelbuch numeriert.

Eine gute Stunde blieben wir auf dem Gipfel, es war warm und windstill. Als höchster Berg der Albulakette bietet der Kesch eine gewaltige Fernsicht, deren Details aufzuzählen zu weit führen würde. Glanzpunkt ist die Berninagruppe.

Rasch ging der Abstieg von statten, in kurzer Zeit waren die auf dem Firn zurückgelassenen Rucksäcke erreicht. Wie durch ein Labyrinth ging 's den im obern Teil bös zerschrundeten Gletscher hinab. Hosang sagte, dass in den vielen Jahren, die er als Führer und Hüttenwart hier oben tätig gewesen, er den Porchabellagletscher noch nie in solchem Zustand gesehen habe. Fast im Laufschritt eilten wir den untern, spaltenlosen, aber von unzähligen Rinnsalen durchzogenen Gletscher hinab der Keschhütte zu, die wir um 11 Uhr betraten. Es war drückend heiss.

Spätnachmittags kam von den Bergünerstöcken her eine schwarze Wolkenwand, die sich uns mit unheimlicher Schnelligkeit näherte. Ein heftiges Unwetter mit Blitz und Donner entlud sich. Wie mit Staubzucker überpudert sah der Gipfelaufbau des Kesch aus, als sich die Wolken wieder verzogen hatten.

Bei einem Glas Veltliner sassen wir abends mit dem Hüttenwart zusammen im kleinen, gemütlichen Winterraum, plauderten über Berge und Fahrten und tranken auf die gut gelungene Keschtour.

Der letzte Tag unserer Fahrt war angebrochen. Blutig rot färbte sich im Osten der Himmel, als wir im Morgengrauen die Hütte verliessen und uns dem Sertigpass zuwandten. Kalt, unfreundlich schauten die Gipfel der Ducankette in den grauen Himmel, trostlos die mageren Weiden und Schutthalden, die zum Pass hinaufziehen. Ohne rechte Freude, nur weil es gerade am Weg lag, wurde noch das Kühalphorn « gemacht ». Lang dünkte mich der Weg nach Sertig-Dörfli und das Tal hinaus. Kurz vor Davos fielen die ersten Tropfen.

Dann kam eine Heimfahrt, wie man sie sich nach acht, vom schönsten Wetter begünstigten Tagen nicht besser wünschen kann und die einem den Abschied von den Bergen leicht machen liess. Klatschend schlug der Regen an die Wagenfenster, als wir reich an neuen Eindrücken und Erlebnissen und voll Sonne der grauen Stadt und dem eintönigen Alltag entgegenfuhren.

Von E. Rüd ( Zürich )

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Eines der schönsten, grossartigsten und interessantesten Alpentäler der Schweiz ist das Lötschental im Wallis. Es beginnt an der Lötschenlücke ( 3204 m ) zwischen Sattelhorn und Mittaghorn und verläuft in seinem obern Teile in südwestlicher Richtung zwischen den beiden gewaltigen Gebirgsketten des Grosshorns, Breithorns, Tschingelhorns, Petersgrats, Sackhorns und Hockenhorns im Norden und dem Schienhorn, Lötschentaler Breithorn, Bietschhorn, Wilerhorn und Hohgleifen im Süden, um dann bei Kippel-Ferden südliche Richtung anzunehmen und sich dem Rhonetal zuzuwenden. Der Talfluss, der aus dem von der Lötschenlücke in Eiskaskaden herunter-flutenden Langgletscher entspringt, heisst die Lonza; ihr sprudeln von beiden Talseiten wilde Bergbäche zu, und in tief ausgehöhlter Schlucht mündet sie bei Gampel in die Rhoneebene und vereinigt sich mit dem « Rotten », dem Hauptfluss des Wallis. Was das Gebirge an wilder Schönheit mit hochragenden Felsgipfeln und zackigen Gräten, leuchtenden Gletschern und Firnmulden, herrlichen Alpweiden und Bergwäldern zu bieten vermag, ist im Lötschental auf engem Räume vereinigt. Dazu kommen hier noch die originellen, rassigen Wohnstätten und ein bodenständiges urchiges Völklein, das an seinen alten Sitten und Gebräuchen getreulich festhält, wie auch an seiner malerischen Tracht, das aber vor allem durch seine unverdrossene Arbeitsfreudigkeit und gegenseitige Hilfsbereitschaft unsere Hochachtung verdient.

Bis die Lötschbergbahn im Jahre 1913 mit der Station Goppenstein das einsame und schwer zugängliche Tal dem Verkehr erschloss, wurde es selten besucht, meist nur von Alpinisten und von Freunden alter, unverfälschter Kultur. Erst in den letzten 30 Jahren ist das Lötschental mit dem Entstehen einiger Gasthöfe und Pensionen zu einem beliebten Ferienaufenthalt und Sportzentrum geworden, wobei der mondäne Luxus glücklicherweise noch keinen Eingang gefunden hat. Ein schmales, nur für kleine Wagen fahrbares Strässchen führt von Gampel im Rhonetal seit 1850 ins untere Lötschental. Es ist damals für die bei Goppenstein angelegten Bleiminen erstellt worden und hat erst in neuerer Zeit eine Fortsetzung nach Ferden-Kippel-Wiler und bis halbwegs Ried gefunden. Aber noch heute verkehrt keine Auto-oder Pferdepost im Lötschental, und der obere Teil ist ganz auf Maultiertransporte angewiesen. Von Ferden aus führt ein früher viel begangener Saumpfad östlich am Balmhorn vorbei ins Gasteren- und Kandertal, und von dort gehen auch schmale Bergwege über die Gitzifurgge ins Dalatal und nach dem Leukerbad, während Restipass, Faldunpass und Nivenpass sich mehr der Torrentalp, Albinen und Leuk-Stadt zuwenden. Gletscherübergänge bieten den Touristen Gelegenheit, über den Petersgrat und die Mutthorn-klubhütte ( 2906 m ) ins Lauterbrunnental zu gelangen, von der Fafleralp

Das Lötsdienfal

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