Variante in der Nordwand der Aiguille de Midi

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VON JOSEPH SAVIOZ, BERGFÜHRER, VISSOIE(VS )

Die Schwebebahn hat auch ihr Gutes: sie bringt einen auf Ideen. Diejenige, welche uns in angenehmer Fahrt von Chamonix zur Aiguille du Midi hinaufführt, veranlasste mich schon mehrmals, meinen Sitzplatz einer Dame mit Bleistiftabsätzen - mit Mini-Bleistiftabsätzenoder einem Herrn mit Mäschchenkrawatte zu überlassen, einem jener Herren, welche Dohlen mit Adlern zu verwechseln pflegen; zudem weckte sie in mir immer klarer und deutlicher den Wunsch, diesen Gipfel durch die Nordwand zu besteigen.

Eben jetzt bietet sich eine Gelegenheit... durch den glücklichen Einfall eines Kunden, eines Liebhabers von Besteigungen dieser Art.

Es ist der 12. September und das Wetter gewitterhaft. Die erste Nacht wird deshalb in Chamonix verbracht, aber am folgenden Morgen weckt uns kein fröhlicher Sonnenstrahl; der Himmel ist immer noch grau, wie er es im Sommer 1966 so oft gewesen ist. Daher: Frühstück - Bummel durch die Stadt - Abstecher zum Bergführerbüro, das zu dieser morgendlichen Stunde noch geschlossen ist. Wir ziehen natürlich auch das Barometer zu Rate, und, o Wunder, es steht auf « Schön ». Aber bald darauf fällt es wieder auf « Schlecht »! Meine Walliser Spürnase hat 's ja gerochen!...

Die freundliche Sekretärin auf dem Bergführerbüro, die unter offenem Schirm eintrifft, verschafft uns zwar keine meteorologische Voraussage, lässt uns aber zum mindesten die Tatsache feststellen, dass es in Strömen regnet.

Ob wir zu der « strahlenden Walliser Sonne » zurückkehren sollten? Dieser Gedanke macht uns einen Augenblick unschlüssig, aber wir vernehmen, dass Marcel Burnet den Plan aufgegeben hat, nach Zermatt und zum Matterhorn aufzubrechen; er bewertet das Wetter entschieden als schlecht und sieht keine Hoffnung auf Besserung für die nächsten ein bis zwei Tage.

Und dann entschliessen wir uns trotz allem.

Nach dem Mittagsimbiss begeben wir uns um halb 2 Uhr zur Schwebebahnstation. Der Mann am Billettschalter ist keineswegs Optimist. Doch er kann uns noch so sehr vom stürmischen Wind auf der Aiguille zu überzeugen versuchen und nichts Gutes prophezeien, von unserer Idee bringt er uns nun einmal nicht mehr ab, denn der Entschluss ist gefasst. Wenn wir schon eine « radioaktive » Nase haben, so haben wir auch einen Dickschädel und machen nicht kehrt.

In der Hütte von Plan de VAiguille treffen wir nur den Hüttenwart Joseph Tournier und seine Frau an. Als Tournier von unserer Absicht hört, meint er: « Soso, ihr wollt auf den Frendo; heute abend regnet 's, morgen werdet ihr dort oben Eis antreffen. » Es ist allerdings ein kleiner Dämpfer, an einem Nebelabend von Eis reden zu hören. Zum Glück wird uns von Frau Tournier eine Flasche guter Rotwein und ein schmackhaftes Hasenragout - keine Beute der Wilddiebeaufgetischt, und nach einem guten Kaffee legen wir uns in einem Zimmer über der Küche, aus welcher eine wohltuende Wärme aufsteigt, zur Ruhe, was uns bei diesem feuchten Wetter sehr willkommen ist.

Am Mittwoch morgen um halb 5 Uhr steigen wir mit Mühe aus dem Bett, in der Hoffnung, es regne noch immer, denn ehrlicherweise sei zugegeben, dass wir noch gerne weiterschlafen würden. Ein kurzer Blick ins Freie genügt aber, um festzustellen, dass der Himmel sternenklar ist und dass das Nebelmeer nur noch den Talgrund bedeckt. Rasch frühstücken wir und packen unsere Säcke. Diese sind natürlich leicht, denn wir haben keine Lust zu biwakieren. Das überflüssige Material wird auf der Zwischenstation Du Plan ( 2300 Meter ) zurückgelassen. Von hier aus steigen wir etwa um halb 7 Uhr Richtung Glacier des Pèlerins an. Infolge des Regens hat sich eine Gleitschicht gebildet, und es kostet uns alle Mühe, nicht auszurutschen. Da die alpine Technik aber ein Fortbewegen auf den Knien verbietet, müssen wir wohl oder übel aufrecht zu gehen versuchen.

Jetzt ist auch der Augenblick gekommen, wo wir uns entschliessen müssen, entweder die Route Grütter auf die Pèlerins oder den Frendo zu wählen. Von hier aus gesehen, scheinen an letzterem ziemlich gute Verhältnisse zu herrschen; der Schnee ist nicht bis unterhalb 3400 Meter gefallen. Es sollte also gehen.

Zuerst erfolgt die Besteigung auf sehr leichten Felsbändern, dann steigen wir rechts des Grates durch Risse und über grosse Blöcke mit einigen Stellen des vierten Grades gerade auf.

Auf einmal wird die Situation spannend: die Felsen sind vereist. Ein Fehlgang in einer Verschneidung, die mit einer dünnen Schicht schwarzen Eises überzogen ist, bringt uns in eine heikle Lage. Wir müssen zwanzig Meter auf eine kleine Plattform abseilen und können von dort aus in ziemlich raschem Tempo bis zum Schneegrat vorrücken. Es ist fast Mittag, als wir einen Verpflegungshalt einschalten. Knapp über unsern Köpfen gleiten die Schwebebahnkabinen wie grosse rote Spinnen, die ihr Netz bauen, auf und ab. Man hat uns gesehen! Hände winken einen Gruss. Schnell winken wir zurück, weil wir hinter der Plexiglasscheibe der Kabine die frischen Gesichter der jungen Mädchen des UNCM-Kurses zu erkennen glauben.

Um halb 1 Uhr brechen wir wieder auf und steigen etwa hundert Meter über den Schneegrat. Bei einem kurzen Halt prüfen wir die letzte Felspartie. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen: der Regen der vergangenen Nacht, der durch die Risse geflossen ist, hat auch die grossen Granitplatten überflutet und sie in eine wahre Schlittschuhbahn verwandelt. Auf diesem Eisfeld könnten wir uns als Hockeyspieler vergnügen, wäre es nicht so abschüssig und drohte es nicht die Spieler in die gähnenden Gletscherspalten - Hockey torkasten ohne Torhüterzu befördern.

Die Felspartie ist unbegehbar; die Séracs zu unserer Rechten machen keinen einladenden Eindruck. Vielleicht sind wir noch von der Geschichte jenes Skifahrers beeindruckt, der auf der Abfahrt zur Vallée Blanche nach rechts abzubiegen vergass und nach einem Sturz ins Leere zweihundert Meter weiter unten auf dem Gletscher zerschmetterte.

Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als links hinüber zu queren und einen Eishang von etwa zweihundert Metern zu überschreiten. Zuerst halten wir uns etwa fünfzig Meter vom Schneegrat entfernt, nachher in einem Abstand von fünfzehn bis zwanzig Metern links der Felsen.

Nachdem wir die ersten vierzig Meter ohne Stufenschlagen durchgekommen sind, werden wir sehr bald auf brüchigem Eis, das bei jedem Schritt zusammenbricht, eines Bessern belehrt. Mein Gefährte und Freund Pierre Müller - den ich vorzustellen vergass - fordert mich auf, die Stufen zu schlagen. Ich muss aber gestehen, dass ich keine grosse Lust dazu habe, denn man muss mit dem linken Arm hacken, und meiner hat infolge einer ehemaligen Verrenkung von Zeit zu Zeit die Laune, sich « los-zuschrauben ».

Der Hang wird immer steiler, und eine Schicht faulen Eises von zwanzig Zentimetern Dicke zwingt uns, ganze « Elefantenstufen » auszuheben, und die Griffe für die Hände brechen immer dann aus, wenn man sich ihrer bedienen will. Wir haben nur zwei Eisschrauben bei uns; die andern hat Pierre schön säuberlich in eine Zeitung gewickelt... und im Kofferraum seines Wagens vergessen. Ich gebe ihm deshalb den Rat: « Das nächstemal überlass deine rohen Rüben Herrn Tourniers Kaninchen und nimm dafür deine Ausrüstung mit! » Mein linker Arm ermüdet beim Stufenschlagen. Auf einem Standplatz mache ich eine kleine Pause und richte meinen Blick nach unten. Ein leichtes Schaudern überfällt mich, als ich nur den weissen Helm Pierres und die gähnende Tiefe von tausend Metern bis zum Glacier des Pèlerins hinunter gewahre. Zur Aufmunterung rufe ich meinem Seilgefährten zu: « Eine ganz schön steile Skiabfahrt hier !» Die Antwort erfolgt rasch und klar: « Idiot! » Wir schlagen noch über zwei oder drei Seillängen Stufen und steigen dann das letzte Stück hinauf, wobei die vorderen Zacken der Steigeisen in festeres Eis greifen. Um 17.45 Uhr erreichen wir den Gipfel, gerade rechtzeitig, um unsern Bergführerkollegen Michel Couttet zu beruhigen, der uns in Sorge an der Schwebebahnstation erwartet.

Weil die letzte Kabine schon lange abgefahren ist, lassen wir uns Zeit und bewundern den prächtigen Sonnenuntergang, bevor wir uns zum Refuge des Cosmiques begeben. Dort trinken wir in Gesellschaft der sympathischen Hüttenwarte Jacquod und Roland einen guten Tropfen.

Technische Bemerkungen:

Sehr interessante Variante. Für gute Gletscherspezialisten. Vielleicht auch empfehlenswert, wenn die letzte Kante des Frendo schlechte Verhältnisse aufweist.

Besondere Merkmale:

Sehr schwierig im Eis. Zweihundert Meter Eishang, aussergewöhnlich steil.

Routenbeschreibung:

Der Route des Eperon Frendo bis zum Fuss der letzten Felspartie folgen; diese links umgehen. Sich zuerst in fünfzig Meter, dann in fünfzehn oder zwanzig Meter Abstand von den Felsen halten. Im oberen Teil ist der Hang weniger steil.

Ausrüstung:

Pickel. Für den Seilführer wird ein Eishammer empfohlen. Steigeisen mit Vorderzacken. Vier Eisschrauben und Karabiner, dazu zwei oder drei Haken.Übersetzung: Jakob Meier )

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