Verwitterung

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Von Othmar Gurtner.

Am Abend des 18. Dezember 1934 ist der Gipfelturm des « Vreneli » eingestürzt und in Staub und Donner auf den Guferwald hinunter geritten. Lasst die Karte ruhen; die Einzeichnung ist falsch. Auch ist es gleichgültig, wessen Eigentum betroffen wurde; die bernische Domänenverwaltung wird sich nicht grämen und die Bergschaft, deren Waldbestand zu Schaden kam, kann die paar umgeschlagenen Grotzen verschmerzen. Verloren ist eine Form, ein Wahrzeichen, das ein paar hundert Bergfreunde begeisterte; einem Dutzend Felsgänger hat der Steinsturz das Gewebe alter Erinnerungen zerrissen; der kühn aufgereckte Turm ihrer frohen Tage liegt zerschmettert auf der Tümmerhalde, ihr « Vreneli » ist eine Leiche, nicht mehr sehenswerter als die dürre Mumie des berühmten Ramses im British Museum.

In einigen Jahren werde ich mit meinem heranwachsenden Peter auf dem Osttürmchen sitzen; wir werden über die Gratstufen hinauf klettern und drüben in den Sattel absteigen; der Junge wird über die Blöcke turnen und sich freuen; ich werde durch den Rauch der Pfeife den alten Gipfelturm wiedersehen, und dann soll der Bub erfahren, weshalb wir diese lächerliche Urwelts-Fischflosse überklettert haben:

Vor dreissig Jahren bin ich mit vielen kleinen Schulkameraden nach nächtlichem Aufstieg unter dem « Vreneli » durchgewandert. Ich habe den Eindruck des gewaltig aufgebäumten Felsens nicht mehr los werden können. Dieses Bild aus meiner Tasche zeigt Dir das alte « Vreneli ». Ein solches Bild besass ich damals nicht. In meiner Einbildung hatte sich der im Morgengrauen empfangene Eindruck zu einer Wendeltreppe geformt, deren Stufen von unten bis oben immer schmaler und höher aufeinandergetürmt lagen, die ich in sprödem Glaserkitt und später in feuchtem Lehm nachzubilden versuchte, die auf hundert Schulheftseiten als verwegen nachgezeichnetes Gespenst herumspukte. Dann bemächtigte sich der erwachende Tatendurst dieser Erinnerung. Nie werde ich den Tag vergessen, an dem ich mit meinem Bruder Hermann und mit Hans Lauper zum erstenmal dort oben stand, wo « die Stufen immer schmaler und höher aufeinandergetürmt liegen ». Hermann stemmte sich eine finstere, feuchte Spalte hinauf, das Seil lief durch unsere Hände, und mein Gemüt war voller Angst — endlich erklang der befreiende Jauchzer aus der Höhe, wir machten uns auf, Hans voraus und ich hintendrein, im Sturm bohrten wir Schuhnasen und Knie in die Grasstufen der Gipfelwand, bis wir endlich zu oberst auf der schmalen Kante sassen. Damals begannen wir die Fusstapfen grosser Männer auszutreten. Hatte nicht Lehnihans mit Gustav Hasler das « Vreneli » überschritten? Hatten nicht die Felsmänner des Akademischen Alpenclub Bern, Kuhn und Tschanz, ihre Karte in den Steinmann geschoben? War nicht der Kohler Chlaus mit den Führeraspiranten denselben Weg gegangen?

Schön war der Tag, an dem wir das erste Gipfelbuch hinauf trugen; ich besitze es noch, denn nach wenigen Jahren wurde es durch ein S.A.C.Gipfel-buch der Sektion Lauterbrunnen ersetzt; sein Motto lautet: « Nur jetzt noch halte fest, Du morsches Ding, nur jetzt noch lass den Hals Dir beugen, dann sink getrost zu Deinen Trümmern hin — ich werde Dich der Nachwelt zeigen. » Schön war die Stunde, da wir den Block vom Gipfel warfen, genau die vier Sekunden bis zu seinem Aufschlag zählten und als angehende Physiker die 78 m Fallhöhe ausrechneten. Am schönsten war der strahlende Karfreitag des Jahres 1914, als Hans Lauper und ich den kleinen Skipickel mitnahmen, um den Felsgrat zu säubern. Damals kletterten wir stundenlang; zuerst auf das Osttürmchen, dann über die schmalen Gratköpfe zum Gipfelaufschwung, der einen glatten Firnpanzer trug, so dass wir einen Ringhaken in die Gipfelfelsen trieben, um den Abstieg am doppelten Seil sicherer machen zu können. Es verstrich kein Sommer, den ich nicht mehrmals für eine Überkletterung des « Vreneli » verwendet hätte, das Grätlein hinauf, über die Abseilstelle hinunter — allein, mit Freunden; und einmal sass ich mit dem Mädchen, das heute Deine Mutter ist, droben auf dem luftigen Sitz.

So werde ich altes Kamel mit dem jungen Springinsfeld worten. Wird er mich begreifen? Wird er mich auslachen und höchstens die Minuten nachrechnen, die ich ihn bei der « Überschreitung » gekostet habe? Oder wird der Verstand Besitz von ihm ergreifen? Muss ich ihm erklären, wie die berg-türmenden Urgewalten in dieser Gegend Kreide und Jura durcheinander-geknetet haben, wie sich die Nässe und das Eis durch die Schichtfugen frassen, wie der jahrzehntelange Kampf um das Gleichgewicht des überhängenden Gipfelturmes in dem erdbebenreichen Jahresende 1934 oder in dem Schmelzwasser des vom Föhn aufgetauten Frühwinterschnees zu Ende ging?

So verwittern die Berge. So verwittert das Leben. Was morsch wird, bricht ein. Gestalten kommen und gehen, Freunde entschwinden. Eines Tages wird auch meine « grossartige Kathedrale aus Blut und Eiweiss, Phosphor und Stickstoff » einstürzen und werden vielleicht ein paar Liebe, ein paar Berggänger ihre alten Gedanken ordnen und eine elegische Stunde empfinden, so wie sie nach dem Empfang der Nachricht vom Einsturz des « Vreneli » über mich gekommen ist.

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