Vier Gipfel um das Paccha-Tal

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VON FRANZ ANDERRÜTHI

Nevado Kaico ( 5265 m ) und Pico Eugenio ( 5100 m ) Kurz bevor der Tag anbricht, stehen wir, Ernst Reiss, Seth Abderhalden, Erich Haitiner und ich, auf, geweckt von unseren beiden Trägern Eugenio und Victorino Angeles. Der Kaffee steht schon dampfend auf dem Tisch. Unsere Equipe ist bald zum Abmarsch bereit, wobei der Träger Victorino als Lagerbewacher zurückbleibt. Da der Gletscher des Kaico in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, bricht die Moräne fast senkrecht ab. Mit unsicheren Bewegungen sucht sich jeder einen Weg und hält sich krampfhaft an den festgefrorenen Steinen fest. Mehr als eine Stunde geht es über wacklige Moränenblöcke und Platten auf und ab zum Gletscher. Doch ist der Weg nicht einmal uninteressant, wie sonst im allgemeinen Moränenmärsche sind. Die Steine besitzen äusserst seltene Farbtöne, die sich vom Ziegelrot übers Gelbbräunliche bis ins Schwarz ziehen. Dazwischen liegen wieder kleine Gletscherseelein, die jedoch noch zugefroren sind. Ein steiler Abhang, mit losen Steinen bedeckt, darunter blankes Eis, erfordert etwas Vorsicht.

Auf dem blanken Gletscher hat es noch etwa 10 cm Neuschnee, doch ist er vorläufig noch flach und harmlos. Meine Kameraden gehen vorwärts, während ich die Sommerski anschnalle, von denen wir ja zwei Paare mit uns haben. Da ich zu Hause ein Sommerskiverehrer bin, dachte ich mir, diese auch jetzt mitzunehmen.

Bald schalten wir die erste Rast ein, wobei etwas zum Essen und zum Trinken sicher nicht schadet. Unsere Blicke schweifen in die wildromantische Gegend, die an Kühnheit sicher nicht ihresgleichen hat, höchstens vielleicht noch im Himalaya. Das gemütliche Wandern auf dem Gletscher ist vorbei, dann beginnt das Umgehen und Queren der heimtückischen Spalten. Ernst, Seth und Erich bilden eine Seilschaft, während Eugenio und ich uns zu einem ungleichen Gespann vereinen. Vor-läufig*behalte ich noch die Ski an den Füssen. Nachdem ich sie aber mehrere Male abschnallen muss, um Spaltenränder zu erklimmen, trage ich sie noch ein Stück, um sie dann in den Schnee zu stecken. Dem jetzigen steilen Aufwärtssteigen folgen unwillkürlich die Atmungsschwierigkeiten. Die drei Vorangehenden, welche sich oft mehr als knietief im haltlosen Pulverschnee einen Weg bahnen, wechseln fleissig in der Führung, damit sich keiner zu stark ausgibt. Eugenio beginnt ebenfalls die Höhe zu spüren. Ernst empfiehlt ihm, seinen Rucksack zu deponieren, da ja der Abstieg am selben Ort erfolgen wird. Mir selber geht es nicht besser, da ich die zwei vergangenen Tage noch hohes Fieber hatte. Meine Kameraden liess ich aber davon nichts merken, da ich unbedingt auch mitwollte. So bleibt mir halt nichts anderes übrig, als mich bis zur Gratfläche emporzuquälen.

Die drei Kameraden gehen Richtung Nevado Kaico, während Eugenio und ich auf die andere Seite zu einem doppelgipfligen Berg wollen. Nachdem wir einen steilen Schneegrat überwunden haben, geht es über mittelschwierigen Fels auf den niedrigeren Felsgipfel. Etwas höher ist die wächtengekrönte Spitze, den zuerst Eugenio gesichert betritt; ich folge etwas später.

Blitzartig hat sich das Wetter geändert. Der ganze Morgen war bis unter den Gipfel wolkenlos, und nun stehen wir auf einmal im dichtesten Nebel. Wir steigen wieder ab und warten auf unsere Kameraden. Auf unser mehrmaliges Jauchzen erhalten wir keine Antwort, was uns natürlich sehr beunruhigt. Ich gebe dann mit einem deutsch-italienischen und spanischen Wort Eugenio zu verstehen, dass wir die Kameraden suchen werden. Alle paar Meter bleiben wir stehen, um zu verschnaufen, so anstrengend ist dieses Vorwärtskommen.

Der flache Vorgipfel wird überschritten und dann geht es steil zum Grat hinauf. Der Nebel nimmt uns jede Sicht, und der Wind bläst uns fast um. Als ich um eine überhängende Wächtenkrone biege, empfängt uns lautes Hallo, denn wir sind von unseren Kameraden entdeckt worden. Wir müssen unter ihnen durchqueren, denn der Gipfel wird durch eine tiefe Spalte geteilt. Mit der letzten Willensanstrengung steige ich auf den Gipfel, gefolgt von Eugenio, dem ich für seine Mithilfe danke. Keine drei Meter von uns getrennt sitzen unsere drei Kameraden auf gleicher Höhe. Eugenio ist es nicht ganz geheuer, denn wahrscheinlich kennt er unsere Beweggründe, die uns immer wieder auf die Berge treiben, nicht. Er denkt vielleicht, dass wir ganz komische Leute seien, uns einen solchen « Krampf » zu leisten, um dann auf einem Berg stehen zu können und dabei nicht einmal einen materiellen Erfolg zu haben, höchstens noch in der Gefahr zu schweben, die Glieder zu erfrieren. Jedenfalls sind seine Gesichtszüge finster und drücken keine Freude aus. Vielleicht gibt ihm der bevorstehende Abstieg noch etwas zu denken.

Unter einer windgeschützten Wächtenhaube erwarten uns die drei Kameraden, wir schütteln uns kräftig die Hände. Ich danke ihnen für die Spurarbeit, ohne die ich heute kaum einen Gipfel hätte ersteigen können. Gemeinsam geht 's nun zum Abstieg. Unten auf der Gratfläche treffen wir uns und taufen den von Eugenio und mir bestiegenen Berg « Pico Eugenio », er ist ca. 5100 m hoch.

Leichter geht 's hinab in den ausgetretenen Spuren, die uns nun wertvolle Hilfe leisten. Bei den Ski angelangt, gibt es eine kurze Rast. Seth kommt zu mir ans Seil, während Eugenio zu Ernst und Erich geht. Recht gemütlich fahre ich hinunter, während Seth gezwungenermassen wie ein Jagdhund hinter mir herspringt, um mir möglichst eine flüssige Fahrt zu ermöglichen. Kaum haben wir die gefährlichen Gletscherspalten hinter uns, seilen wir uns los. Inmitten der herrlichen Bergwelt geniesse ich in schneller Abfahrt sämtliche Wellen und Mulden, die einfach zu überfahren sind. Bei den Moränen warte ich auf Seth, dem der Abstieg natürlich nicht so viel Vergnügen bereitete wie mir. Die drei andern haben sich einen anderen Abstieg gewählt. Nach kurzer Zeit sind wir im Lager angelangt und essen begierig die feine Bouillon-Suppe, die uns Victorino kredenzt.

Nevado Pucapuca, ca. 5450 m Noch bei Nacht verlassen Seth Abderhalden, Erich Haitiner und ich das Zeltlager, in der Hand die Taschenlampe, um die Moräne zu überqueren. Nach dem Bach steigen wir die steile Halde mit dem Punagras hinauf. Schon nach zwei Stunden sind wir bei Pickel und Steigeisen, die wir gestern zurückgelassen haben.

Ein kleiner Irrtum hatte sich gestern eingeschlichen, indem Ernst Reiss, Hans Thoenen ( der kurz auf Besuch zu uns - als Arzt - gekommen war ) und Victorino Angeles rechts hinauf stiegen und Seth, Erich und ich links vom Gletscher. Als wir drei den Irrtum erkannten, war es schon zu spät. So deponierten wir die Pickel und Steigeisen und stiegen wieder ab. Unsere Kameraden mit dem Träger stiegen den wilden Gletscher hinauf und erreichten den schwierigen Pucapuca-Gipfel, 5450 m.

Wir gönnen uns eine längere Rast. Neidlos schauen wir zwei Condoren zu, die elegant, ohne Flügelschlag immer weiter emporschweben, als wollten sie direkt in den tiefblauen Himmel hinein-fliegen. Das Wetter ist herrlich. Das Tal von Paccha mit dem fast ebenen Boden liegt weit unten zu unsern Füssen. Am gegenüberliegenden Hang ragen die gewaltigen Eismauern des Mitre und Pumasillo auf. Im Moränengrün des jenseitigen Abhanges entdecken wir unser Zeltlager. Ob unsere Kameraden schon auf sind oder immer noch im Schlafsack liegen?

Wir verbinden uns mit dem Nylonseil: wir nannten es zwar « Draht », da alle unsere Seile sehr hart waren. Seth gehtvoran in den Eisbruch, doch bald merken wir, dass wir hier nicht durchkommen. Um keine Zeit zu verlieren, gehe ich als Seilletzter weiter. Mit gemischten Gefühlen, da überall die verdächtigen Spalten vorhanden sind, tappe ich, vorsichtig mit den Skistöcken Schritt um Schritt prüfend, vorwärts. Schon stehe ich mit einem Fuss auf festem Boden, möchte, um ganz sicher hinüberzukommen, etwas besser stehen, verschiebe den Fuss nach vorn, wo ich vorher den Skistock hatte und... der ganze Schnee gibt nach, und ich falle in eine riesige Spalte. Ich hänge etwa 6 m tief frei in der Kluft und gewahre unter mir eine Schneebrücke. Erich lässt mich auf sie hinunter, damit ich normal stehen kann. Wie in einer Halle schaut es da unten aus. Sicher sechs bis acht Meter breit und an die 20 Meter lang. Doch neben der kleinen Brücke gähnt unergründliches Schwarz herauf. Ausgerechnet bei mir befindet sich das restliche Seil als « Puppe ». Doch sich ärgern und sich Vorwürfe machen nützt nun gar nichts. Mit gelernten und ungelernten Kniffen bringen Seth und Erich mich wieder an die Sonne!

Wir gehen nun behutsam zurück, denn hier den Durchschlupf zu erzwingen, scheint aussichtslos, obwohl das Felsengelände keine 40 m entfernt ist. Wir steigen am rechten Gletscherrand aufwärts und gehen den Spuren unserer Kameraden von gestern nach. Es beginnt zu schneien, und Nebel fällt ein. Der Plan, den Nevado Bianco zu besteigen, fällt bei diesem Wetter dahin. Somit bleibt uns keine andere Möglichkeit mehr, als uns dem Nevado Pucapuca zuzuwenden, den unsere Kameraden gestern nachmittag bestiegen haben. Wir kommen auf einen Grat, er ist zum Teil recht heikel. Wir haben nur Pullover an, welche durch und durch nass sind. Immer weiter geht es, eine Eisbarriere wird überwunden, dann ein ganz steiler schmaler Grat, zuletzt ein Eisturm, und wir erreichen die Pucapuca, 5450 m hoch. Wir sehen aber nichts, reichen einander die Hände und sind glücklich. Doch kein langes Verweilen ist uns vergönnt. In starkem Schneefall steigen wir zurück. Wir haben Mühe, die Spuren noch zu erkennen. Doch kommen wir tiefer, und beim Verlassen des Gletschers sehen wir, dass es Neuschnee hat bis ins Lager. Wir werden ganz nass im Punagras. Müde kommen wir ins Lager. Nach dem Nachtessen plaudern wir noch lange, gehen schlafen und träumen von grossen Bergen und... Spalten.

Nevado Paccha, ca. 5210 m Tagwache 04.30 h. Hans, Seth und ich steigen bei Tagesanbruch fast 300 m zurück ins Tal ab. Verschiedene Tobel werden gequert. In einer tiefen Rinne, in der in der Mitte das Wasser herunter-rauscht, steigen wir auf, links und rechts begrenzt durch Felsen, bis fast zur Gletscherzunge. Wir queren auf einer Felsbarriere nach links, etwas ungemütlich, da Erde und lose Steine das schmale Band bedecken. Doch kommen wir gut zum Moränenrücken, der hier fest verwachsen ist, steigen über ihn hinauf bis an die Felsen. Wir folgen diesen nach rechts, denn dies scheint der einzig richtige Weg zu sein. Wir erreichen den Gletscher, der vom Nevado Bianco herunterkommt, und steigen und queren wieder in Felsen. Durch mehr oder weniger leichte Kletterei geht es zu einem Firnrücken, der sich ziemlich steil zum Vorgipfel der Paccha hinaufzieht. Nach kurzer Rast legen wir die Steigeisen an. In gutem Firn, in welchem die Eisen gut greifen, steigt Seth voraus. Wir überqueren den Vorgipfel und den kleinen Wächtengrat, der sich zu den Felsen des Hauptgipfels hinzieht. Vorsicht ist hier am Platze, geht es doch auf beiden Seiten mehrere hundert Meter in die Tiefe! Bei den Felsen angelangt, ziehen wir unsere Steigeisen ab und klettern in ziemlich schwieriger Kletterei auf den Gipfel des Nevado Paccha, ca. 5200 m. Das erstemal haben wir hier etwas Aussicht. Doch ist uns auch diese Freude nicht lange vergönnt, denn die Nebeldecke senkt sich. Wir hocken zufrieden im Windschatten, während ich noch mit meinem Eishammer das Schweizerkreuz in einen Gipfelstein schlage. Doch ist uns kein langes Verweilen gestattet. Es hellt etwas auf, so dass wir noch einige Bilder knipsen können; wir schauen hinüber zur mächtigen Gestalt des Pumasillo, der noch ganz vom Sonnenlicht überflutet ist. Unsere Gedanken sind bei Ernst und Erich, die um diese Zeit bei diesem Eisriesen die ersten Erkundigungsvorstösse wagen. Ob sie wohl Glück haben und uns am Abend gute Nachrichten bringen könnenDie Gipfelträume sind vorbei, wir müssen an den Abstieg denken, steigen ab, überqueren den Vorgipfel und den Firnrücken und kommen ohne Zwischenfall zu den Felsen. Über diese steigen wir ab und queren den Gletscher, an dessen Ende wir unsere Seile ablegen. Wir kommen sehr rasch vorwärts, zuerst über Felsen, dann über Grasbüsche, wobei uns die Skistöcke, die wir übrigens immer mit hatten, wertvolle Dienste leisten. Beim Bach, unten im Tal, rasten wir, essen eine Kleinigkeit und trinken das wohltuende kühle Perly. Wir steigen dann gemütlich zu unserem Lager auf, wo uns die Träger mit feiner Suppe und mit wohlschmecken-dem Tee empfangen. Ihnen, die sich immer rührend um uns kümmern, sei auch einmal ein Kränz- lein gewunden. Später am Abend kommen Ernst und Erich zurück, bringen gute Kunde, sind sie doch schon auf 5500 m Höhe gewesen. Doch erklären sie, dass es noch mehrere Vorstösse und Weg-sicherungen braucht, um den Gipfel des gut 6000 m hohen Pumasillo zu bewältigen. Wir plaudern noch einige Zeit, Seth und Hans wollen morgen einen weiteren Vorstoss zum Pumasillo wagen, doch scheint im Moment das Wetter wieder weniger gut zu werden.

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