Vom Adler

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In der « Neuen Zürcher Zeitung » vom 29. Juli 1932 war eine Notiz zu lesen, nach der « auf den Alpweiden des Berges Les Pras bei Sixt in Hochsavoyen, wie die,, Gazette de Lausanne " meldet, ein Hirt plötzlich von einem Adler angegriffen wurde. Der Raubvogel stürzte sich mehrere Male auf den tapferen Hirten, der nur mit einem Stock bewaffnet war. Nach einem dramatischen Kampf gelang es dem Hirten schliesslich, den Raubvogel zu erschlagen ».

Der Schreibende, dem viel daran liegt, Berichte von dramatischen Kampfszenen zwischen Menschen und Adlern auf ihre Stichhaltigkeit zu untersuchen, hat sich die Mühe genommen, der Sache nachzugehen. Es dürfte besonders im Interesse der letzten Adler unserer Heimat von Bedeutung sein, das Ergebnis zu veröffentlichen.

Durch die Redaktion der « Gazette de Lausanne » wurden bereitwillig Name und Adresse des Korrespondenten in Thonon-les-Bains mitgeteilt. Auf die sofortige Anfrage ging nach einiger Zeit die Antwort ein, nach der der tollkühne Adler von einem Hirten ( folgt volle Adresse ) getötet worden und von einem Restaurateur in Paris ( folgt volle Adresse ) zu Ausstellungszwecken käuflich erworben worden war. Von letzterem ist auf die postwendende, rückfrankierte Anfrage bis heute keine Antwort eingegangen. An Stelle des seinerzeit angegriffenen Hirten berichtete dessen Meister folgendes: Am 21. Juli nachmittags nach mehreren Tagen regnerischen und nebligen Wetters trieb der Schafhirte François Renand die Herde auf ein kleines Plateau der Alp Les Pras. Da bemerkte er zu seinem Erstaunen einen mächtigen Vogel, der auf einer entwurzelten Rottanne hockte. Nach kurzer Zeit flog der Vogel auf eine nahe Tanne. Plötzlich warf sich der Adler auf den völlig überraschten Hirten, der inmitten seiner Herde stand. Glücklicherweise trug er einen soliden Stock bei sich, und mit einem verzweifelten Hieb warf er den Vogel zurück. Doch dieser kam ein zweites Mal und stürzte sich mit geöffnetem Schnabel und weit vorgestreckten Krallen auf den entsetzten Hirten, der im letzten Augenblick zur Seite und hinter eine Hecke springen konnte, von wo er mit einem wohlgezielten Schlag auf den Kopf dem Raubvogel den Garaus machte. Soweit der Bericht. Der Schreibende war mit der Antwort noch nicht restlos zufrieden, da noch einiges unklar schien, und bat den Meister des Hirten um Beantwortung einiger weiteren Fragen, worauf er allerdings bis heute vergeblich wartet.

Was ist nun Wahres an der spannenden Erzählung? Es ist möglich, dass der Adler, vielleicht durch das Nebelwetter zu unerträglich langem VOM ADLER.

Darben gezwungen, seine in Dutzenden von Fällen persönlich festgestellte Scheu vor Menschen überwunden und sich in ihre Nähe gewagt hat. Nun kommt ein Hirte mit seiner Schafherde, bei der sich wohl auch Lämmer befinden, und der Adler stürzt sich — nicht auf die leicht erreichbaren Opfer, Lämmer und Schafe, sondern ausgerechnet auf den mit einem Stock bewaffneten Hirten. Das glauben zu machen, ist wohl auch im Zeitalter der Sensationen und Rekorde von einem Menschen des 20. Jahrhunderts zuviel verlangt. War es wohl nicht vielmehr so, dass es der Adler auf ein Lämmlein abgesehen hatte, der Hirte jedoch in seiner Überraschung einen Angriff auf seine Person als selbstverständlich annahm? Diese Annahme scheint mir um so berechtigter, als sich die Herde beim Nahen ihres Feindes instinktiv um ihren Beschützer drängte. Leider konnte über die Grosse der Herde nichts in Erfahrung gebracht werden. Waren die Schafe nur wenig zahlreich, so scheint sich uns die Annahme von einer leicht verständlichen Verwechslung durchaus zu rechtfertigen.

Ein weiblicher Steinadler — die Weibchen sind bekanntlich bei den meisten Raubvögeln grösser als die männlichen Vögel — wiegt nach Angabe des führenden deutschen Ornithologen Dr. O. Heinroth maximal 5 kg. Ein Vogel von 5000 Gramm, dessen normale Nahrung aus kleineren bis mittleren Säugetieren besteht, der aber in der Not erwiesenermassen auch mit grösseren Insekten, wie Heuschrecken, vorlieb nimmt, geht zum Angriff auf einen stämmigen Hirten ( « un berger trapu et très énergique » ) über! Den Ursachen dieser zum mindesten sehr starken Übertreibung bis an die Quelle nachzugehen, war uns leider nicht möglich. Vielleicht hat es sich auch im vorliegenden Falle wie so oft nur darum gehandelt, einem weiteren Leserkreis die Überzeugung von der furchtbaren Gefährlichkeit des Adlers erneut beizubringen und damit endlich die Bewilligung für den Abschuss der letzten Adler der Alpen zu erhalten. Auch dieser neueste Fall scheint uns keineswegs dazu angetan, die Ansicht des genannten Dr. O. Heinroth in seinem Standardwerk « Die Vögel Mitteleuropas » zu widerlegen: « Wir wollen es nicht unterlassen, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der Steinadler nie seinen Horst gegen Menschen verteidigt, ja, sogar am Neste sehr scheu ist. Die in den Zeitungen immer wieder auftretenden grausigen Schilderungen über die Kämpfe der angeseilten Bergsteiger gegen das angreifende Adlerpaar sind glatt erlogen. » W.Z.

III. Adler im Zoo.

Gipfelstunde. Silbertüll hängt über kornblumenblauen Bergen. Samt-schwere Wälder fliessen zu ihren Füssen nieder. Schmale Schneebänder halten sie an blitzenden Agraffen. Blauseidene Schleier wallen um die Gletscherstürze. Weisse Wolken schwimmen über den Gräten, lassen leise tändelnd ihre Schleppen zerfasern und lösen sich gleich Morgenduft im Sonnengold. Wie dunkle Bronze stehen die Arven vor dem satten Grund. Niemand weiss von grausigen Kämpfen in Sturmnacht und Eishauch. Heute feiert die Bergwelt Versöhnung.

Wir liegen und staunen aus halbgesunkenen Lidern. Da löst sich aus der Schattenwand zu unseren Füssen eine dunkle Gestalt. Sensenscharf ist sie geschnitten. Breite Schwingen tragen den mächtigen Leib. Doch sie verklingen in schwalbenflügligen Spitzen. Herrlich leuchtet die blendende Schwanzwurzel vor dem silberblauen Talgrund. Doch wie die ersten Sonnen-bänder über den Adler huschen, lodert die breite Halskrause braungolden auf. Dunkle Schwere liegt auf dem vollen Gefieder; es ist die herbe Bräune reifer Männertreublüten. In edler Rundung glänzt der Flügelbug, bestimmt und doch weich, von herrischer Wucht und von untadligem Schwung. Und die Schwanzwurzel funkelt wie Neuschnee im Mai. Wie mit dem Zirkel gezogen das tief schwarze Endband. Lautlos schwebt der Vogel durch das Sonnengeflirr, kaum merklich steuert der breite Schwanz, reglos gespannt tragen die Schwingen. In weiten Spiralen steigt der Adler unaufhaltsam lichtwärts; Wälder und Matten, Gräte und Schuttkeile versinken wie Spielzeug, schon ist er über uns, blausamtener Schatten vor cremeweissem Wolken-schaum, ein Kleinod Gottes, zu endlosem Hochflug geboren.

Sonntagnachmittag. Vor den kalkweissen Flachdachhäusern promenieren eindrücklich verputzte Menschen. Frech schreien grellfarbene Roben durch das Gekrimsel. Aufdringliche Wegzeiger weisen zu Elefanten und Bären, Löwen und dem Papierkorb. Über dem Drahtgewirr schwebt ein schwellender Summton von amüsiertem Geplauder. Aus dem Wirtschaftsgarten weht Bierdunst und Lautsprechergegröhle. Unter gestriegelten Rottannen führt der Weg zum Adlerkäfig. Ein öder Platz, kaum vier Meter im Geviert. Hinter grobmaschigem Drahtgeflecht ist eine kunstvolle Hochgebirgslandschaft montiert. Vorn neun halbmeterhohe Miniaturfelsen, zum Felsgrat auf Abzahlung geschichtet, hinten drei wadendicke Prügel, supponiert als blitz-zerrissene Arvenstrünke an der Waldgrenze. Der Boden ist mit braven, rundgeschliffenen Kieseln belegt. Auf dem Felsgrat hockt eine Gestalt. Der totenbeinbleiche Krummschnabel überragt die untere Hälfte um mehr als Daumenbreite und ist am Ende wulstig verdickt. Grund: Nichtverwend-barkeit in dieser Gegend. Die Schnabelwurzel glänzt als blutiger Fleischfetzen, schwarzbrandig umrandet, wieder und wieder in den Drahtmaschen wund-gestossen. Das kommt eben davon — will sich doch die wahnsinnige Sehnsucht nach Freiheit noch immer nicht meistern lassen. Grünschillernde Schmeiss-fliegen umsurren das nackte, lebende Fleisch. Der einst wundervolle Kragen ist von mottenzerfressener Schäbigkeit. Verklebter Schmutz hockt in den Fahnen und schmiert eine graubraune Missfarbe darüber. Jetzt öffnet der Vogel die Flügel. Flügel? Es ist wohl lange seither. Die zerhauene rechte Schwinge baumelt kläglich an den magern Leib zurück. Eine über handgrosse, ekle Wunde ziert das Gelenk. Blut und Staub haben die Nachbarfedern fest verkittet. Die herrlichlangen Schwungfedern sind verschwunden. Sie zieren wohl die Wärterstube. Auf das zerschundene Gefieder fällt jetzt ein kränk-licher Lichtstrahl. Der blendende Bürzel ist zum spülwasserfarbenen Fetzen-polster geworden. Wie sich die jämmerliche Gestalt nun mühsam dreht, raschelt der Schwanz über den unratbeschmierten Block. Ja, der Schwanz! Ein Flederwisch zum Lachen, wenn 's nicht zum Heulen wäre.Vier Federn sind der Rest. Einst waren sie grellweiss und tiefschwarz — der wundervolle Gegensatz ist zu einem putzlumpengrauen Einerlei gediehen. So sahen die Gänsefedern im Labor aus, wenn wir das zwanzigste Reagenzglas damit ausgerieben hatten. Die weichen Federhosen sind ein Wust von zerschlissenem Zunder. Weit hangen nun die missfarbenen Ständer heraus. Die dolch-bewehrten Fänge haben die zum Erbrechen ekle Farbe des Schnabels. Wie der Vogel sie jetzt tastend spreizt, muss ich an vergichtete Greisenfinger denken. Die ehedem glanzschwarzen Krallen sind schimmelgrau angelaufen und unnatürlich lang. Nie mehr haben sie ja Gelegenheit gefunden, sich an splitternden Knochen scharf zu schleifen. Eins, nur eines noch ist da vom Adler, wie ihn Gott geschaffen, das sind die Augen. Und wie er jetzt das Knirschen nahender Schritte hört, sich spähend duckt und den Hals in schlangengleichen Windungen zu drehen weiss, sprüht ein irrer Glanz aus den dunkeln Lichtern. Er ist noch nicht ganz tot; sein Wesen ist doch noch nicht ganz erdrosselt. Starr richten sich die Augen des verpöbelten Königs auf die Nahenden. Und wie jetzt der Bube höchsten Mannesmut vor seiner Begleiterin entwickelt und mit seinem Sonntagsbengel kühn vor dem Maschegitter fuchtelt, sträubt der Gefangene die Halskrause, öffnet seine Schwingen, schlägt wild den stinkenden Mittagsbrodem und ringt nach Luft — Luft unter den Flügeln. Ich weiss von den gewaltigen Fittichen des wilden Adlers, die sich wie ein Baldachin über der Beute wölben, wenn der Gefährte naht. So waren auch die des Gefangenen. Nun ist Plunder draus geworden. Jämmerlich wackeln die Fetzenflügel, kläglich versucht der Vogel, sich auf seinem Stein zu halten, Federstummel ragen starr in den Staub. Mir kommt ein lächerlich zerschlissener Grossmutterschirm zu Sinn, wie ihn Vorstadtbuben auf Abfallhaufen finden. Nun hockt der Vogel steif auf seinem Sitz und lässt teilnahmslos sonntägliche Besucherherden an sich vorübertreiben. Erstaunte Rufe bewundern seine Grosse, seine Schönheit, seinen langen Hakenschnabel, eine Mutter hält ängstlich ihr wissbegieriges Töchterlein fern und erzählt mit heiligem Schauer von geraubten Kindern, erfolgreiche Stubenvogelzüchter locken mit kosenden Rufen und lieblichem Pfeifen und sind ungehalten über den Misserfolg ihrer Mühen. Träge blickt der Häftling um sich, dann führt er seinen Schnabel in das Gefieder, will nach alter Gewohnheit Feder um Feder durch die schmale Kieferspalte ziehen, doch es bleibt beim kläglichen Versuch. Was nützt es auch! Angeekelt wendet er sich ab, schüttelt sich, dass dichte Staubwolken durch die Schwüle fahren, und schlägt minutenlang verzweifelt mit den Flügeln. « Wie herzig, er will tanzen! » flötet es neben mir. Da bekommt die Martergestalt das Übergewicht und purzelt rücklings zu Boden. Schnödes Gelächter des Publikums. Mit hopsenden Schritten hüpft der Adler zwischen den Kieselbatzen zu seinem Schattenplatz, kauert sich hoffnungslos auf den Käfigboden, streckt die Fänge vor sich hin und hockt nun da wie eine verschmutzte Gans. Stumpfsinnig stiert er vor sich in den Dreck, fährt sekundenlang zusammen, wie eine Türe schlägt, dann döst er in idiotenhaftem Nichtstun weiter. Die Menschen aber zirkulieren, werfen einen streifenden Blick auf die Jammergestalt, lesen interessiert die Aufschrift und wenden sich dem Gorillakäfig zu. Ein Kind wirft mitleidig Brotbrocken zu den Apfelstücken r/ì A und Erdnüssen in die drahtene Folterkammer und wird von seiner Mutter fortgezogen. Und wie jetzt ein blitzender Bussard über dem Garten seine Kreise zieht und jauchzende Rufe in die Bläue quellen, dreht der Adler müde seinen zerschundenen Kopf und äugt mit verlorenem Blick in den Himmel Lass jede Hoffnung fahren! Was die Herren der Schöpfung einmal in ihren bleichen Fingern haben, wird zu Tode gequält, wird langsam, ganz langsam zu Tode gequält.W. Z.

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