Vom Mauerläufer

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Trostlos fahlgraue Nebelfetzen streifen über dem Oberaargletscher. Eine haarscharfe Goldnadel durchsticht wagrecht die dräuenden Schlechtwetterwolken. Die Sägezähne der Lauteraarhörner weisen ihre stählerne, abendblaue Silhouette. Wir sind vor das Dollfushüttli getreten, in dem uns der peitschende Schlackschnee den ganzen Tag festgehalten hat. Schlotternd hüllen wir uns fester in die umgeschlungene Decke und trinken tief die herrliche Abendluft. Da — ein silberheller Ruf perlt durch die Stille, und um eine lotrecht abfallende Felsnase schaukelt ein Schmetterling. Oder ist 's ein Vogel? Jetzt hängt sich das taumelnde Etwas an eine jähe Wand und breitet blitzschnell die Schwingen. Schwarz, weiss, blutrot leuchtet es auf. Das gaukelnde Wesen kommt uns mit unendlicher Mühelosigkeit und befreit von aller Erdschwere näher, faltet bei jeder Bewegung die Flügel aus und weist uns ein Glührot, das Götterhände ihm geliehen, das erstarrte Felsengrau zu brechen. Uns beachtet er nicht, er — der Mauerläufer. Wesen von unserer Art verirren sich selten in sein pflanzenloses Einsiedlerrevier. Plötzlich lässt er sich fallen, überschlägt sich, taumelt und segelt dem Fuss einer andern Felswand zu, um seine rastlose Suche nach Insekten von neuem zu beginnen, unbekümmert um Glätte und Steilheit seines ungewöhnlichen Pfades.

* Ruhetag auf der Fuorcla Surlej. Im Geflirr eines brütenden Hochsommertages gleisst der Roseg. Kurz sind seine Schatten und von einem wunderbar satten Blau. Wir blinzeln, geblendet vom blitzenden Firnmantel der Sella und ihrer Trabanten. Leise erstehende und zerfliessende Bergwolken segeln, ihres Zieles ungewiss. Da flattert ein bunter Lappen durch die Luft und bleibt am Felsblock vor uns hängen. Aber der Lappen hat ein Paar brennende Flügel, die bluten in der Sonne. Ein weich gebogener, über kopflanger Schnabel senkt sich in jede Ritze und zieht köstliche Kerfe hervor. Kein noch so schnell gesponnenes Rettungstau bewahrt die Spinne, kein Scheintod den Käfer. Mit unglaublicher Selbstverständlichkeit landen sie im Schnabel ihres Verfolgers. Und weiter taumelt und schwankt der Mauerläufer, denn karg ist seine Ausbeute, und gross ist sein Revier.

* Trag schleicht der Wintermorgen. Ekliges Gemisch von Schnee und Regen klatscht an die Scheiben des Bergwirtshäuschens, wohin ich mich triefend geflüchtet. Johlende Windstösse umtosen den altersgrauen, rissigen Kirchturm gegenüber. In gepeitschten Strähnen platscht das Tauwasser aus der durchlöcherten Dachrinne. Perlenstaub zaubert der rasende West daraus.

Nun wirft er einen Fetzen an die Turmmauer. Er wirbelt um die Kante und an die Windschattenseite. Dort bleibt er hängen, klettert urplötzlich den Ritzen nach und weist dabei seine Farbensymphonie in Grau, Schwarz, Rot. Kirchturm — Felsturm: für den Mauerläufer dasselbe. Zweimal lässt er sich fallen, um seine Wanderung von vorne zu beginnen, denn die Ritzen sind ertragreich und müssen alle untersucht werden. Und schon schleudert ihn der Sturmwind davon.

* Die Hänge des Vierwaldstättersees prangen im Herbstgold. Blausilbern leuchten die Berge. Machtvoll wuchtet im Talhintergrund die überzuckerte Bristenflanke. Der Gitschen steht schon im violetten Abendschatten. Friedlich furcht ein Kahn die stille Flut. Wir hocken auf der Axenstrassenbrüstung, sorglos, geniesserisch schwelgend. Da zerreisst urplötzlich ein niedersausender Stein unsere Andacht. Aber sieh — der Stein bekommt Flügel, schaukelt an die Felswand, öffnet die strahlenden Schwingen, läuft mühelos eine überhängende Erkerwand empor, kommt uns nahe, so nahe, dass die kreideweissen Tropfen auf den äussersten Schwungfedern aufleuchten, stösst sich los, überschlägt sich, flattert, schwebt und verschwindet. Zweimal, dreimal taucht er auf und erfüllt uns immer wieder mit Bewunderung. Der Mensch glaubt, fliegen zu können. Lächerlich! Ja, kreisen, steigen, sinken, wie Bussard und Adler. Aber fliegen, fliegen wie der Mauerläufer? Nein! Er ist seiner unendlichen Überlegenheit bewusst, meidet jeglichen Verkehr mit andern, kennt selbst seinesgleichen nur in Zeiten der stürmischen Liebe. Der nackte, harte, unerbittliche Fels ohne versöhnendes Grün ist die Szenerie für seine prächtigen Flugkünste. Da sucht ihn, da werdet ihr ihn bewundern lernen, den trotzigen, tapfern Kerl, den leuchtendsten aller Bergvögel, den Mauer-läufer.Waller Zeller.

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