Vom Monte Zebrù zum Carè Alto (mit Ski durch die italienischen Ostalpen)

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Von Daniel Bodmer Mit 3 Bildern ( 117-119 ) und 2 SkizzenBasel )

Mit Ski durch die italienischen Ostalpen Während vor dem Fenster gleichmässig der Regen raschelt, wendet sich der Blick nach innen und schöpft Bild um Bild aus dem goldenen Schatz der Erinnerung an zehn Tage Höhenwanderung durch die italienischen Ostalpen. Tage, während denen die Fülle des Geschauten einen zu übersättigen, der ungetrübte Dreiklang von Blau-Weiss-Gold zu verleiden drohte. Tage, die uns in einen zeitlosen Erlebnistaumel stürzten und die ganze Seligkeit von F. Meyers Versen « Genug ist nicht genug » empfinden liessen. Allmählich erst erlebt das Bewusstsein Stück um Stück dieses Glücks nach.

Vor einem Jahr hatte mir ein Freund das Herz für dieses Skiparadis im Südosten Graubündens warm gemacht. Ein Zufall führte mich mit drei Gleichgesinnten — Ing. Rudolf Becker, Dr. Max Frutiger und Dr. Robert Neher — zusammen. Hatten nicht schon die Gipfelnamen Cevedale, Treséro, Adamello jenen zauberhaften Klang des Südens, der uns Nordländer nun einmal mit magischer Kraft anzieht? Unsere sehr sorgfältigen Vorbereitungen für die Reise ersparten uns unangenehme Überraschungen. Für die genauen und zuverlässigen Auskünfte sind wir der zuvorkommenden Sezione di Milano des CA. I. sowie Conte Dr. Ugo di Vallepiana, der uns mit wertvollen Winken, Führer- und Kartenmaterial an die Hand ging, zu grossem Dank verpflichtet. Dass auch jeder der von uns benachrichtigten Hüttenwarte im gegebenen Zeitpunkt auf seinem Posten war, ist nicht selbstverständlich und muss anerkannt werden.

Schon die Hinreise über den Berninapass ins Veltlin ist ein Erlebnis für sich. Schwerlich wird man so bald einen solchen Gegensatz finden, wie ihn die schnee-erstarrte Passhöhe auf 2600 m zum südlich aufblühenden Puschlav dem überraschten Auge in einem Blick darbietet. Traumhaft nah leuchten die warmen, üppigen Farben in die harte Bergluft hinauf. Durch den V-förmigen Talausgang ahnt man im Dunst das Veltlin. Staunend nimmt man wahr, wie die kleine Lokomotive ohne Zahnrad die Hindernisse zwischen diesen beiden Welten überwindet.

Es ist Mittag, als wir in Tirano den Zoll verlassen. Sommerlich heiss brütet schon die Luft auf dem bestaubten Boden. Nur die weissbekränzten Spitzen, welche das Tal begleiten, mahnen uns daran, dass erst März ist. Die Ähnlichkeit mit dem Wallis drängt sich auf. Der Autobus führt uns talaufwärts entlang dem Bette der jungen Adda, das die verschiedenen Kraftwerke seines Wassers beraubt haben. Sondalo: riesige Kuranstalten bilden am waldigen Südhang eine regelrechte Stadt. Das behäbig weite Tal verengt sich und nimmt gebirgigen Charakter an. Es endet bei Bormio, dem Ausgangspunkt fürs Stilf serj och. Unsere beiden vorausgereisten Freunde haben gute Arbeit geleistet. Kaum ins Freie getreten, drängt sich eine joviale Chauffeurgestalt an uns heran und nimmt sich unseres Gepäcks an. Und ehe wir es uns recht versehen, saust ein Taxi mit uns durch die engen Strassen des Städtchens. Wir biegen ins waldige Val Furva ein. Auf schmalem Strässlein windet sich unser Fahrzeug am Talriegel vor dem abzweigenden Val Zebrù empor. An gelber, trockener Lehne steht zwischen auf- und abwärts gestaffelten wetterbraunen Häuslein eine Bergkirche: die Madonna dei Monti von St. Antonio. Hier löst der Mensch den Benzinmotor ab. Noch scheint der Schnee aus unerreichbaren Höhen verlockend herabzuschimmern. Im nachmittäglichen Strahlenfeuer queren wir den aus mürbem Sediment bestehenden Hang zur Talsohle und verfolgen den darin schäumenden Wildbach durch dunkle Forste. Bei 1900 m wird die Schneedecke zusammenhängend. Die « Martergeräte » Ski verwandeln sich nun zu nützlichen Gleitmitteln. Schwere Abendschatten füllen schon das Tal. Bei der Baita del Pastore, die E. Zsigmondy einst vor seiner Ortlerfahrt beherbergt hatte, erhaschen wir gerade noch einen letzten Sonnentupfer zu kurzer Rast. Dann « stöckeln » wir uns in der Bachkehle des Val Rin Mare steil gegen das Rifugio V° Alpini, auf einer Felskanzel in 2877 m Höhe stehend, hinauf. Es ist schon Nacht, als wir nach fünfstündigem Marsch seine Türe auf-stossen. Trotzdem der Hüttenwart mit Max und Robi schon vor einer Weile eingetroffen ist, spürt man es der frösteligen Küche an, dass wir die ersten Gäste des Jahres sind. Aber bald lösen dampfender Risotto und Tee unsere Erstarrung, und als uns gar dei- Hüttenwart Bettflaschenin den Schlafraum bringt, ist das Gefühl wohliger Geborgenheit vollkommen.

Noch überblaut das erste Licht erst schüchtern den wolkenlosen Himmel, als sich vier Skifahrer am hartgefrorenen Steilhang, teils mit Harscheisen, teils ohne, zum Zebrügletscher empormühen. Auch die Überwindung der drei Stufen, in denen sich letzterer zum Passo Alto ( Hochjoch ) aufschwingt, machen uns mit ihren holprigen Windkrusten zu schaffen. Nicht ohne ein gelindes Grausen blicken wir am blauen Eisschild hinauf, den uns der Monte Zebrù rechts und die Eiskögelen links entgegenhalten. Ja, als wir gegen die NW-Flanke des Berges steuern, bleckt es sogar stellenweise glasig zwischen unsern Ski hervor. Nachdem wir die Bretter eingepflanzt haben, bleibt uns eine etwa 200 m hohe jähe Firnflanke zu Fuss zu bewältigen. Mit der Pickelarbeit abwechselnd erklimmen wir sie, um dann über eine kurze Felsrampe auf den Gipfelgrat hinauszusteigen. Berauschend ist das Auftauchen aus dem frostigen Schatten in das jubelnde Licht der windgepeitschten Höhen. Nur weniger Schritte bedarf es noch bis zum 3740 m hohen Gipfel des Monte Zebrù. Anfänglich noch verwirrt ob der Schar unbekannter Gipfel um uns, machen wir uns allmählich mit dieser neuen Bergwelt vertraut. Die Kälte treibt uns aber bald wieder hinab. Auf dem Ortlerjoch, das durch seine Baracken und verstreut herumliegenden Geschosshülsen an die Kämpfe vom ersten Weltkrieg erinnert, wollen wir die Arbeit der Sonne auf der Schneedecke abwarten. Vergeblich. So lassen wir uns halt wohl oder übel bei der Abfahrt die Knochen « durcheinanderschütteln ». Ohne es uns zuzugestehen,.^.;.1;!a wussten wir alle, dass wir uns durch die italienische Sommerzeit hatten verleiten lassen, zu früh aufzustehen. Hütte-Monte Zebrü drei Stunden, Rückweg zwei Stunden.

Heute ist allerdings nicht der Tag, um es uns entsprechend den gestrigen Erfahrungen etwas länger in den Feldbetten Wohlsein zu lassen. Wir haben ein beladenes Programm vor uns. Diesmal verfolgen wir den östlichen Arm des Zebrügletschers, überragt von der massigen Südwand des gleichnamigen Berges, die sich in der Königsspitze ( Gran Zebrü ) fortsetzt. Ein Felsriegel, gebildet durch die Cima della Miniera, legt sich uns als ernsthaftestes Hindernis unserer Haute Route hier in den Weg. Von seiner tiefsten Einsattelung stürzen blauschwarze Eissträhnen auf den Gletscher und verbieten jeden Besteigungsversuch. Nur über die SO-Kante ist ein — seinerzeit militärisch ausgebauter — Übergang möglich. Feiner Schutt und bröcklige Felsen gestalten die 200 m Aufstieg mit aufgebundenen Ski äusserst mühsam. Vom Gipfel der mit verfallenen Unterständen gekrönten Cima della Miniera, 3402 m, hinweg kommen wieder die Bretter zu Ehren und führen uns, zunächst in steiler Fahrt, dann über den Col delle Pale Rosse an den Fuss eines Schneecouloirs, das von Süden her, das Königsjoch rechts liegen lassend, direkt zur Schulter der Königsspitze ( Gran Zebrü ), 3859 m, führt. Beschäftigt wie wir sind, haben wir bisher dem wilden Wolkentreiben am Himmel keine Beachtung geschenkt. Etwas überraschend tauchen wir in den Nebel, wie wir, nach Zurücklassung des Gepäcks, zu Fuss die erwähnte Schneerinne angehen. Indessen ist der Weg durch diese und die anschliessende Firnflanke nicht zu verfehlen. Mechanisch graben wir Fuss vor Fuss in den guten Schnee, ohne unser Ziel zu sehen. Plötzlich treten wir über einige Felsen auf den scharfen NO-Grat. Wie mit Zauberschlag bleibt das weisse Gespinst unter uns zurück und die zackige, goldverbrämte Gipfelwächte taucht vor unserm geblendeten Auge auf. Eine Schneefahne sprüht ins Blaue hinaus: ein unvergessliches Bildl Wenige Minuten später — fünf Stunden nach dem Aufbruch — reichen wir uns auf dem höchsten Punkt die Hände. Das zu unsern Füssen wogende Nebelmeer gibt nur spärliche Ausblicke frei, einmal sogar auf die imposante Berninagruppe. Unfassbar ist der Gedanke, dass in dieser Höhe Kämpfe stattgefunden haben, und doch sind eine rostige Lafette, Stacheldraht und Unterstände stumme Zeugen davon. Durch den Nebel vermochte die Sonne den Schnee aufzuweichen, so dass uns erlaubt ist, in grossen « Känguruh-Sprüngen » zum Skidepot hinabzusetzen. Während wir vollends den Cedec-Gletscher in Richtung auf die Wand zu Füssen der Casatihütte hinabsausen, spähen wir zuweilen zum Rifugio Pizzini hinüber, das im welligen Gelände zu unserer Rechten liegt. Hatte der schriftlich bestellte Hüttenwart Luigi Tuana unser Rufen bemerkt, und würde er uns entgegenkommen? Um sicherzugehen, steuern wir nach Ablegen der Säcke der Hütte zu, wo wir den Alten bereits aufbruchbereit finden. Ein Schluck Tee wird nicht verschmäht, bevor wir den zweistündigen Aufstieg zur Casatihütte, mit 3269 m die höchstgelegene Hütte des Gebiets, unter die Füsse nehmen. Wir geraten in die ärgste Mittags- hitze. Der Schnee klebt an den Ski. Nachdem die letzten paar Dutzend Meter über Felsbrocken zu Fuss bewältigt sind, langen wir auf der Firnhochfläche an, über die schon die erste Abendkühle fächelt. Die Königsspitze hat nun ihre weissen Lenden ganz entblösst und unsere Aufstiegsspur sichtbar gemacht. Zwischen ihr und dem Monte Cevedale, unserm morgigen Ziel am Rande eines ausgedehnten Firnsystems, liegen die beiden Casatihütten: die eine ein hotelähnlicher Bau, dessen Tür und Fensterverschlüsse einer Stahlkammer entlehnt scheinen; die andere ein verwahrloster Unterschlupf für den schlüssellosen Wanderer. Auch hier weihen wir die Saison ein. Hüttenwart Tuana erweist sich nicht nur als guter Bergkenner, sondern auch als ebenso gewandter Koch, der uns in kürzester Zeit ein gasthausmässiges Nachtessen einschliesslich Tranksame auf den Tisch zaubert.

Es ist doch ein einzigartiges Gefühl, wenn man sich abends mit der beruhigenden Gewissheit niederlegen kann, am andern Morgen wieder von einem makellosen Himmel begrüsst zu werden. Noch wölbt er sich glasig kalt über uns, als wir uns um 7 Uhr 20 über die sanft ansteigende Gletscherfläche dem Cevedale, 3778 m, entgegenbewegen. Ein steifer Wind hält unsere Begeisterung nieder. Im tiefen Frühschatten liegt die abschüssige Westflanke, welche uns der dreigipflige Berg zukehrt. Das zwischen den beiden Hauptgipfeln geschwungene Joch wehrt sich mit einem Bergschrund und einem blaugrünen Eisgürtel gegen den Zutritt. Vier « skigehörnte » Gestalten rücken wir dem Hindernis stufenschlagend zu Leib. Erlösend blitzt endlich der erste Morgensonnenstrahl über die Kante. Zu Fuss den Weg fortsetzend, wechseln wir durch eine drollige, enge Eispforte auf die goldüberflutete Südseite, wo uns nach wenigen Schritten der Gipfel empfängt ( zweieinhalb Stunden ). Doch die Kälte lädt nicht zum Verweilen ein. Die kurze Abfahrt auf den Vedretta della Mare wird mir fast zum Verhängnis, indem sich bei einem schweren Sturz im steinharten Steilhang ein Ski selbständig machen will. Zum Glück kann ich den Flüchtling wieder dingfest machen.

Der Wiederaufstieg auf den Palon della Mare, 3704 m, macht uns Sorgen. Bereits vom Cevedale aus hat uns die in der Sonne blinkende « Firnhaut ». dieses buckligen Alten beeindruckt. Von nahe besehen erweist sie sich als von grossen eisigen Flecken durchsetzt, welche nur einen schmalen Korridor für den Skiaufstieg ausgespart lassen. In der Diagonale zieht sich dieser gegen den Vorgipfel hinauf, der Ähnlichkeit hat mit einem Glaspalast. Des Pickeins und Skitragens überdrüssig, wagen wir uns lediglich mit den fellbewehrten Ski aufs Glatteis und, siehe da, wir kommen heil hinüber. Auch der Hauptgipfel hält uns statt der erwarteten freundlichen Schneekuppe eine Eisglatze entgegen, über die uns der rauhe Wind förmlich hinwegfegt, so dass wir erst ein Dutzend Meter tiefer im Geröll der SW-Seite zur Ruhe kommen ( drei Stunden vom Cevedale ), zu einer sehr fragwürdigen Ruhe, denn es gilt sofort die « Abfahrt » auszukundschaften, die uns nicht recht geheuer scheint. Und mit Grund. Wo der dicke rote Strich auf der Skikarte zum Fornogletscher hinabführt, erstreckt sich eine ausgedehnte, unbegehbare Eiszone. Als einziger VOM MONTE ZEBRÙ ZUM CARE ALTO423'Ausschlupf bleibt uns schliesslich die steile, felsdurchsetzte SO-Firnwand. Das oberste, leicht verwächtete Stück meistern wir durch Abseilen, worauf uns der Pionier Robi eine schöne Stufenleiter zu den ersten Felsen hinunter anlegt. Die letzten 100 m in den Firnkessel beim Passo di Vedretta Rossa legen wir wieder auf den Ski zurück. Doch diese unvorhergesehenen Schwierigkeiten haben uns nicht aus der Tagesordnung gebracht; unverdrossen machen wir den einstündigen Abstecher auf den Monte Vioz, 3644 m, der von allen bisherigen Gipfeln wohl die schönste Aussicht bietet. Er gleicht einem massigen Berg-strunk mit Eiskapuze. An seinem felsigen SO-Grat, dicht unter dem Gipfel, klebt adlerhorstartig eine Hütte. Bezaubernd ist der Tiefblick ins Peiotal.

Bei der Abfahrt ist der einzige Durchschlupf beim Gletscherabbruch nicht leicht zu finden. Der unerbittlich harte Schnee veranlasst uns, in diesem nicht ungefährlichen Quergang die Ski nochmals abzuziehen. Dafür schwelgen wir weiter unten im schönsten Sulz. Unser Ziel, die Brancahütte ( 2493 m ), wird sichtbar. Durch ein Moränentälchen fliegen wir auf sie zu. Die letzten 30 m Aufstieg zu Fuss kommen uns sauer an. Als einzige Gäste machen wir es uns in der von der Abendsonne erwärmten Veranda sehr bequem. Auf weissem Tischtuch wird von zarter Frauenhand alles aufgetragen, was der lechzende Gaumen begehrt. Unter dem Einfluss voller Mägen gibt sich der schüchtern geäusserte Wunsch, das Wetter möge sich verdüstern und uns morgen einen Ruhetag aufnötigen...

Frisch und unternehmungslustig brechen wir um 7 Uhr 30 zu unserer längsten Etappe auf, die uns über den Pizzo Treséro, 3602 m, und den Gaviapass nach Ponte di Legno führen soll. Zunächst muss die Zunge des Fornogletschers gequert werden. Einer steilen Firnkehle folgend erreichen wir nach anderthalb Stunden die obere Firnterrasse des hufeisenförmigen Gletscherkessels. Gaukelnden Riesenschmetterlingen gleich steigt ein flaumiger Nebel aus dem Nichts unaufhörlich hinter uns empor, unsere gestrigen Gipfel mit dem Halbschleier heimlicher Verlockung verhängend. Weiter oben geraten wir zum erstenmal in eine glühende « Bratpfanne », deren drückende Hitze wir erst los werden, als wir, wieder einmal die Ski buckelnd, die steile Ostflanke zum Gipfelgrat des Treséro aufsteigen. Die letze Seillänge führt über Blankeis, in dem allerdings noch alte Spuren sichtbar sind. Nachdem das Gepäck aufgehisst ist, können wir rasch nachfolgen und stehen wenige Minuten später auf dem Gipfel ( vierdreiviertel Stunden von der Brancahütte ). Auf luftiger Eisscholle steht eine alte Militärhütte; daneben bietet uns ein Steinmäuerchen einen geschützten Rastplatz. Zu unsern Füssen dehnt sich der Vedretta di Dosegù gegen die langgestreckte Ebene des Gaviapasses, hinter welchem, unerreichbar fern scheinend, ein wolkiges Tal nach Süden weist. Müssen wir nicht Siebenmeilenstiefel haben, um heute noch dort unten frohe Einkehr halten zu können?

Nur 50 Meter Abstieg auf dem Südgrat sind nötig, um an den Schnee zu gelangen, der diesmal als führiger Sulz zum Schwingen einlädt. Im Nu sind wir am Gletscherende, von wo wir einen kurzen Talriegel übersteigen müssen, um auf die Hochfläche des Gaviapasses, im Sommer ein viel befahrener Übergang vom Veltlin ins Val Camonica, zu gelangen. Zur eigentlichen Wasserscheide, wo die Strasse sich steil ins Valle delle Messe hinabschwingt, ist es immer noch eine gute Stunde. Wie lange mag wohl der Schnee unser Fortkommen beflügeln? Schon kurz unterhalb des Passhotels müssen wir mit den Ski in der Hand apere Stellen queren, und beim Lago Nero geht die weisse Decke überhaupt zur Neige. Alten Spuren folgend erwischen wir dann noch eine steile, schneeerfüllte Schlucht, die es uns ermöglicht, während wir schon den Wildbach unter den Ski heraufdonnern hören, bis 2200 m abzufahren. Noch hoffen wir, der Skikarte gehorchend, zu Fuss nach rechts in die Schatten-tiefen des Kessels der Alp Valmalza traversierend, unser Gleiten dort wieder aufnehmen zu können; aber schon nach wenigen 100 m nimmt uns ein Blick in die zerfurchten Schrofenhänge diese Illusion. Während die Strasse hoch über uns dem linken Talhang folgt, wandern wir auf einem Hirtensteig an der Baita Gaviola vorbei ins Valle delle Messe hinab. Hier hat schon der Abend seinen kühlen Schattenmantel ausgebreitet, während durch den Talauslauf die spitzengekrönten Firne des Adamellogebiets im schmelzenden Gold der sinkenden Sonne wie aus einer andern Welt herüberleuchten. Je tiefer wir steigen, um so höher hebt sich der silberne Thron. Von Sehnsucht gepackt eilt der Geist dem Körper voraus in jenes Land der Verheissung. Verflogen ist die Müdigkeit erster Bergsättigung. Glücklich schreiten wir dahin, zwischen letzten Schneeflecken, Lärchenhainen und braunen Heugaden. Unerwartet rasch, zweieinviertel Stunden vom Gaviapass, taucht die erste Häusergruppe — Sant'Appollonia — auf, wo die Strasse zur Talsohle niedersteigt. Hier bestellen wir von Ponte di Legno ein Taxi herauf, um uns die letzten 7 km Landstrassenmarsch zu ersparen. Die dadurch verursachte Wartezeit ist zur ersten Durstlöschung ganz willkommen, wobei zwischen uns lediglich eine Meinungsverschiedenheit darüber besteht, ob der Vorzug dem einheimischen Wein oder dem eisenhaltigen Wasser des Appolloniaquells zu geben sei.

Es ist schon nach 21 Uhr, als unser Fahrzeug Ponte di Legno erreicht. Beim Anhalten stürzen sich sofort empfangsbereite Gestalten aus dem Dunkel und bemächtigen sich unseres Gepäcks. Der im Winter bekannte Skisport-platz auf 1261 m hat tote Saison, so dass jeder Gast willkommen ist, besonders wenn er aus der Schweiz stammt. Beim wärmenden Kaminfeuer und den unerwarteten Klängen einer Mozartsymphonie beschliessen wir die erste Etappe unserer italienischen « Haute Route ».

Die Garibaldihütte, auf 2541 m, unser Sprungbrett für das Adamellogebiet, kommt uns erst im letzten Augenblick zu Gesicht. Hinter uns liegt wohl der zermürbendste Aufstieg unserer Fahrt, zermürbend deshalb, weil zur physischen Anstrengung noch eine Enttäuschung kommt...

Der Monte Adamello bildet mit seinen Gesellen die südlichste Ver-gletscherungszone der Ostalpen. Als sogenannter « Urgesteinshorst » von einer jäh abfallenden Felsmauer umgürtet, welche einen « Firndeckel » trägt, zeigt sich dieses Massiv dem Skifahrer nicht gerade gut zugänglich. Dem Rate unseres italienischen Gewährsmannes, des Conte di Vallepiana, folgend, entschlossen wir uns, dieser Felsfestung durch das Aviotal zu Leibe zu rücken. Diese Wahl wurde uns durch die Aussicht erleichtert, das Gepäck mit einer Kraftwerkbahn über die 500 m hohe Steilstufe zu den Avioseen hinaufbefördern zu lassen. Wohlgestärkt durch eine « Collazione doppia » ( wie es so schön in der Hotelrechnung hiess ) und neu mit Proviant ausgestattet, hatte uns das Taxi über Temu ( wo wir beim Hüttenwart die Schlüssel holten ) ins Aviotal gefahren. Stellenweise mussten wir allerdings stossend dem asthmatischen Motor nachhelfen. Und dann standen wir erwartungsvoll vor der Talstation der Schwebebahn. Wir zweifelten keinen Augenblick daran, dass sich mit der nötigen « Ölung » — in Lire oder doch in Zigaretten — allfällige Schwierigkeiten beseitigen lassen würden. Aber der Wärter war auch diesen Argumenten völlig unzugänglich und faselte etwas von einem allgemeinen Fahrverbot. Sichtlich verstimmt schwangen wir die Säcke auf die Schultern und für die ersten paar hundert Meter auch noch die Ski. Nachdem die erste Terrasse erreicht war, schien die Bergstation schon nicht mehr allzu ferne vom steilen Felsabsturz zu winken. Im Eifer verstiegen wir uns aber zuerst im bewaldeten Hang zur Rechten und verloren wohl dreiviertel Stunden mit der Rückkehr auf den rechten Weg. Mächtig brannte die Mittagssonne, faul und quabblig war der Schnee. Unter hohler Schneedecke versteckte Wurzeln und Felsblöcke trieben ihr grausames Spiel mit uns. In unzähligen kurzatmigen Spitzkehren schraubten wir uns höher. Als zu allem Überfluss noch eine Gondel der wenig gastfreundlichen Bahn über unsere Köpfe hinwegschwebte, war das Mass unserer Erbitterung voll. Der Aufstieg schien uns epische Ausmasse anzunehmen. Leicht erbittert hatten wir das Seenplateau erreicht. Hier lächelte uns das Schicksal wieder versöhnend zu. Der Stauseewart lud uns zu Tee und Wein in seineBude ein, und bei traulichem, von unserer Seite mühsam gespiesenem Geplauder erholten wir uns wieder. Auf ausgeschaufeltem Pfad waren wir dann zu Fuss den in drei Stufen angelegten Staubecken entlang gezogen. Nur die beiden tiefsten waren voll Wasser, während das oberste lediglich eine runzlige Eiskruste mit einigen blauen Lachen aufwies. Nach Überwindung einer weiteren Stufe waren wir dem Talende nahegekommen. Nochmals hatte uns ein steiler, aperer Sonnenhang gezwungen, die Ski über Tonalitblöcke und Erikakraut zu tragen, und nun standen wir ( nach fünfeinviertelstündigem Marsch ) vor dem hotelähnlichen Bau des Rifugio Garibaldi, dem sich am Rande einer aufgeschwemmten Platte eine zierliche Kapelle und zwei alte baufällige Hütten zugesellen. Idyllisch muss es hier im Sommer sein, wenn inmitten murmelnder Bächlein die Ziegen in der Abendsonne das saftiggrüne Gras abweiden.

Der neue Tag verspricht kein gutes Wetter mehr. Das Aviotal ist mit Nebel angefüllt, und von Westen treibt es dunkel heran. Aber unverdrossen nehmen wir den Weg zum Passo Brizio ( auch Passo di Mandrone ), 3147 m, unter die Ski, wobei uns alte Spuren zustatten kommen. Wir folgen dem Moränenkamm zum Veneroccologletscher. Das Gelände, das wir hinter uns bringen, wird vorweg vom emportreibenden Nebel erobert, der uns unablässig cinzufangen droht. Wir steigen mit ihm um die Wette dem schwarzen Felskranz zu, hinter dem das gelobte Skiland des Adamello liegt. Unsere Zuversicht nährt sich am « Goldkragen », den die allmählich erstarkende Sonne den Tonalitzacken verleiht. Auf blauem Grund grüsst der dunkle Eckpfeiler des Monte Adamello verheissungsvoll durch den wallenden Schleier. Durch eine schon teilweise ausgeaperte 100 m hohe Schneerinne ereichen wir zu Fuss die Lücke. Geblendet staunen wir in die sonnüberfluteten Firnflächen, die sich plötzlich vor unserm erwartungsvollen Blick ausbreiten. Als brodelnde Masse ist der Nebel endgültig hinter uns zurückgeblieben. Aus blockigem, hellem Tonalit — einer kristallinen Gesteinsform, die ihren Namen dem nahen Passo del Tonale verdankt — ragen zahlreiche höckerförmige Spitzen von geringer Höhe aus den Gletschern. Eine niedliche, gut erhaltene Hütte bietet uns einen prächtigen Sonnensitz für die kurze Rast. Leicht abfahrend halten wir dann, den Corno Bianco umgehend, auf den weiten, flachen Passo di Adamè zu, wo die Säcke zurückbleiben. Am Monte Adamello, 3548 m, ist die Vergletscherung stark zurückgegangen. Bis vor kurzem noch ermöglichte sie, den Gipfel auf einem zusammenhängenden Firnüberzug von Süden her mühelos mit den Ski zu erreichen. Heute müssen wir ihn von Osten zu Fuss über eine etwa 80 m hohe Blockflanke erklimmen ( viereinhalb Stunden von der Garibaldihütte ).

Die Aussicht ist herrlich. Im NO der nachbarliche Firngipfel der Presanella und der schwarze Sägegrat der Busazza. Die weit nach Süden vorprellende Eispyramide mit aufgesetztem Felsknauf ist der Care Alto, unser morgiges Ziel. Das Nebelmeer zu unsern Füssen verstärkt noch den Eindruck, auf überragender Warte zu stehen.

Die Abfahrt geht wegen des rauhen Schnees und des geringen Gefälls etwas harzig vor sich. Der Kette des Monte Fumo entlang fahren wir den obern Mandronegletscher hinab bis zum Punkt, von dem aus mittels kurzer Gegensteigung der Passo della Lobbia Alta mit seiner geräumigen Hütte ( früher « Ai caduti del Adamello » geheissen ), 3047 m, erreicht werden kann. Auch hier treffen wir Stacheldraht, Holztrümmer und Kothaufen, die das Landschaftsbild entstellen.

Das Programm für unsern letzten Tag ist schwer befrachtet. Allein für den Care Alto haben wir auf der Karte eine gradlinige Entfernung von 8 km ausgemessen. Eben als wir die Wasserscheide überschreiten, steigt die Sonne blutrot hinter der Brentagruppe empor und verleiht der stumpfgrauen Wanne des Lobbiagletschers etwas Relief. Wir haben diese, leicht abfahrend, zu queren und dann zum nächsten Höhenzug, beherrscht durch den Corno di Cavento und den Crozon di Lares, aufzusteigen. Wir schneiden ihn über den Passo di Lares, der uns als der bequemste Skiübergang bezeichnet worden ist. Heute trennt uns aber jenseits eine 30 m tiefe Wand von dem stark abgesunkenen Firn und zwingt uns, die Ski abzuseilen. Im Vergleich zur Karte haben sich die Gletscherbecken allgemein stark vertieft, so dass aus dem erwarteten « Flachrennen » ein Auf und Ab wird. Im letzten Abschnitt der Überquerung des Laresgletschers in südlicher Richtung nehmen die Verwehungen die scheusslichsten Formen an. Endlich stehen wir am N-Fuss des Care Alto, 3465 m, dessen etwa 200 m hoher Gipfelaufbau ohne Ski bewältigt werden muss. Nach Überkletterung einiger Tonalitblöcke setzt von W her ein Firngrat an, der auf ein kurzes Stück zum Hacken zwingt und sich nachher zum Vorgipfel zurücklegt. Als Hauptgipfel wächst eine schwertförmige, etwa 30 m hohe Felsplatte daraus heraus, die heute teilweise rechts im Schnee umgangen werden kann ( dreieinhalb Stunden von der Hütte ). Wie ein Leuchtturm überragt unser Standpunkt das Nebelmeer mit der darin versinkenden, abebbenden Alpenfaltung. Leider ist uns der Blick in die italienische Tiefebene verwehrt. Dafür entschädigen uns die Österreicher und Südtiroler Alpen. Sogar die Walliser Riesen sind mit dem Feldstecher im fernen Dunst erkennbar.

Natürlich bietet der Rückweg über die gedehnten Firnwellen skifahrerisch wenig. Der Passo di Cavento, den wir diesmal benützen, ist auf der O-Seite von einem kompakten Drahtverhau « geschmückt », im übrigen jedoch weniger mühsam als der Passo di Lares. Zweieinhalb Stunden brauchen wir in die Hütte zurück. Ein Schluck Tee und einige Bissen! Dann geht es weiter über den Mandronegletscher hinab zur linken Randmoräne und dieser entlang auf gutem Schnee zur Seenplatte bei der Mandronehütte ( ca. 2400 m ). Hier hat schon die Sonne ihr Werk begonnen, grosse Löcher in die Schneedecke gerissen und das erste Grün hervorgezaubert. Gerne hätten wir uns der Lust zum Verweilen an diesem anmutigen Ort hingegeben. Aber ein letzter heisser Wiederansteig auf den Passo di Presena steht bevor. Neun Tage strenger Fahrt in den Beinen und klebriger Schnee unter den Ski hemmen unsern Schritt. Dazu kommt weiter oben noch eine zwar zwerghafte, aber immer noch eklige Form von Büsserschnee. Eine lange Rinne führt zunächst zum Lago Scuro, von wo aus drei Übergänge ins Val Camonica zurück offenstehen: der Passo del Lago Scuro, der Passo del Maroccaro und der Passo di Presena, alle ungefähr 3000 m hoch. Der letztere ist für Ski am ehesten zu empfehlen, da er mit diesen ohne Unterbruch begangen werden kann.

Bei tief einfallenden Sonnenstrahlen stehen wir auf der Cima di Presena und nehmen Abschied von den verklärten Schneegefilden des Adamello-gebiets, die mit zwei grossen Gletscherzungen in das schatten- und dunsterfüllte Mandronetal hinablappen. Zermürbend wegen des Windharschs ist die nun folgende Abfahrt über den. von der Sonne abgeschirmten Presenagletscher zum Passo di Monticello ( auch Passo di Paradiso genannt ), 2573 m. Ohne Gegensteigung fällt er in einer schroffen Felswand gegen Norden ab. Die Ski müssen abgezogen und es muss etwa 50 m zu Fuss links abgestiegen werden. Unversehens tauchen wir in das unterdessen bis auf 2300 m aufgestiegene Nebelmeer ein. Zum Bruchharsch kommt nun noch schlechte Sicht. Alte Spuren sind uns daher sehr willkommen, um uns durch die Steilhänge nach rechts zu leiten. Um 19 Uhr — fünf Stunden nach Aufbruch von der Hütte — gewinnen wir den noch tief verschneiten Passo del Tonale, der die frühere Grenze zwischen Italien und dem Südtirol bildete.Verschiedene Hotels, welche vom regen Autoverkehr während der warmen Jahreszeit zeugen, machen uns die Wahl schwer. Auf unsern Telephonanruf erscheint schon nach dreiviertel Stunden unser Taxichauffeur wieder, um uns heimzuführen. In nächtlicher Fahrt, zunächst zwischen hohen Schneemauern, gelangen wir über Ponte di Legno nach Edolo, wo wir über Nacht bleiben. Einer der prächtigen italienischen Autocars führt uns vor Anbruch des nächsten Tages über den Apricapass ins Veltlin nach unserm Ausgangsort Tirano zurück.

Der etwas beschwerliche letzte Teil unserer Fahrt, der Verdruss über den im allgemeinen unerfreulichen Schnee verblasst vor der Grosse und Schönheit des Erlebens in einer Landschaft, die jeden Tag neu war und unsere Erwartung in einer steten Spannung hielt. An die Walliser, Berner und Urner « Haute Route » reiht sich diese italienische Höhenwanderung, die nach Belieben noch ins Presanellagebiet ausgedehnt werden kann, würdig an.

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