Vom Rettungswesen im Winter

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Von Victor Simonin

Mit 6 Bildern ( 46—51Bern ) Es ist erstaunlich, immer wieder festzustellen, dass es nicht selten sogar gute Alpinisten gibt, die keine Ahnung haben vom Rettungswesen. Man kann zwar Verständnis dafür aufbringen, dass der vielbeschäftigte moderne Mensch seine spärlich bemessene Freizeit ganz dem Vergnügen und der Entspannung widmen will und nicht viel übrig hat für Dinge, die er als nebensächlich beurteilt. Wie gross wird aber seine Verlegenheit sein, wenn ihm oder einem Kameraden einmal ein Unfall zustossen sollte und er die einfachsten Handgriffe zur ersten, oft entscheidenden Hilfe nicht kennt. Wenn auch gesunder Menschenverstand es einem Bergsteiger ermöglichen sollte, das eine oder andere, sicher aber nur Unzulängliches für einen Verunfallten zu tun, so ist es doch beruhigend, die Gewissheit zu haben, dass man wirksame Hufe bringt, indem man die nötigen Kniffe kennt und einem die Arbeit trotz kalten Fingern und schwierigen Verhältnissen leichter und rascher von der Hand gehen wird.

Ich möchte mit folgenden Zeilen versuchen, anhand von praktischen Fällen, wie sie jeder Tourist einmal antreffen kann, das Interesse am Winter-Rettungswesen zu wecken, nicht in Form eines umständlichen systematischen Lehrgangs, sondern nur durch Hervorheben der wichtigsten Tatsachen.

Wenn wir uns als Wintersportler nur auf den markierten und kontrollierten Pisten im Bereich der Bergbahnen tummeln, brauchen wir uns über das Rettungswesen nicht viel Gedanken zu machen. Hier ist - oder sollte wenigstens alles organisiert sein. Schwebe- und Sesselbahnen, Kur- und Verkehrsvereine unterhalten in der Regel einen speziellen Rettungsdienst ( Pistenkontrolle ), der dem Verunfallten die erste Hilfe vermittelt und den Abtransport rasch und sachgemäss zum Arzt oder in den Spital anordnet. Anders verhält es sich aber, wenn wir - weitab von den Massenabfahrtsstrecken - auf unberührten weissen Gefilden oder gar im Hochgebirge unsere Schwünge ziehen. Jede menschliche Betätigung birgt nun einmal Gefahren in sich, und auch das Skifahren ist davor nicht gefeit; wir mögen so vorsichtig sein, wie wir wollen. Schon mancher, der alle noch so wohlgemeinten Warnungen mit einem « mir passiert nichts » abgetan hat, musste dies zu seinem Leidwesen erfahren.

Der Unfall braucht ja nicht unbedingt uns oder unsern Tourenkameraden zu treffen; vielleicht hat eine andere Partie, mit dem gleichen Tagesziel, Pech, vielleicht werden wir sogar von weither um Hilfe angegangen. In den Bergen gilt ein ungeschriebenes, vom Gewissen diktiertes Gesetz, dass alle untereinander Kameraden sind, dass es infolgedessen Pflicht eines jeden ist, einem in Not geratenen Unbekannten zu helfen, unbekümmert um Stand, Klubzugehörigkeit, Selbstverschulden, auch wenn bei besten Verhältnissen vielleicht eine Tour deswegen abgebrochen werden muss.

Sei es nun am Morgen oder am Abend, bei Sonnenschein oder Sturm, wir haben in erster Linie die Gesamtlage zu überprüfen, um dann richtig, bestimmt und schnell zu handeln. Haben wir es nur mit einem einzigen Verletzten zu tun, so ist natürlich alles bedeutend einfacher als z.B. bei einem Lawinenunglück, dem mehrere Personen miteinander zum Opfer fallen können und zum Teil oder samt und sonders vermisst unter den Schneemassen liegen. Befinden sich mehrere Helfer einem einzigen Verletzten gegenüber, so gibt es nichts zu überlegen: wir müssen und können den Versehrten bis zur nächsten Unterkunft transportieren. Das gleiche gilt meistens auch, wenn ich allein mit einem Verunfallten bin. Schlimmstenfalls, z.B. im Hochgebirge bei drohendem Nachteinbruch, kann es einem zustossen, ein Biwak vorbereiten zu müssen.

Viel schwieriger ist die Lage zu beurteilen, wenn mehrere Personen verletzt oder noch nicht geborgen sind. Allgemeine Regeln können hier nicht aufgestellt werden. Ist man allein und der Verunglückte von der Lawine bedeckt, so darf man keineswegs kopflos davonfahren, um Hilfe zu holen. Manches Menschenleben hätte gerettet werden können, wenn der vom Unfall Verschonte daran gedacht hätte, dass er auf dem Lawinenfeld rufen kann und vielleicht Antwort erhält, dass er die Schneeoberfläche sofort genau nach Gegenständen und allenfalls herausragenden Körperteilen absuchen soll. Verlaufen diese Bemühungen erfolglos, so soll der Helfer mit einem Skistock, von dem er Schlaufe und Schneeteller abmontiert hat ( Patentskistöcke, die mit einem Handgriff in Sondierstangen umgewandelt werden können, sind im Handel erhältlich ), oder einem Ski dort sondieren, wo er den Verunglückten vermutet. Erst wenn auch dies nicht zum Ziel führt, muss auf der Unfallstelle alles markiert werden, was für die Suchaktion der nachfolgenden Rettungsmannschaft wichtig sein kann. Dies gilt zuerst - und das vergisst man leicht - für das Lawinenfeld selbst; denn es können ähnliche in der Nähe entstanden sein, sodann für die Einfahrtspur und den Punkt, wo das Opfer den Augen seines Begleiters entschwunden ist. Wichtig ist, dass man der Rettungsmannschaft die Unfallstelle genau beschreiben kann, damit diese bei Sturm und Kälte nicht stundenlang suchen muss. Es gilt also, sich im Gelände genau zu orientieren. Sehr vorteilhaft ist es, die Route, auf der man Hilfe holt, so gut als möglich zu markieren oder auf der Karte eine Skizze davon einzutragen oder anhand derselben zu erstellen. Wer Hilfe holt, muss sich trotz dem Bestreben nach grosser Eile vor Augen halten, dass es noch wichtiger ist, unfallfrei ins Tal zu gelangen.

Sind mehrere Helfer zur Stelle, so übernimmt der erfahrenste die Leitung; dabei wird sich ohne weiteres derjenige durchsetzen, der durch klare und ruhige Anordnungen sein Wissen unter Beweis stellt. Wenn weitere Hilfe aus dem Tal nötig ist, was sich nach den ersten, oben geschilderten Massnahmen zeigt, so sendet er wenn möglich zwei Mann mit einem ausführlichen und genauen, nötigenfalls schriftlichen Bericht zur nächsten Siedlung. Dieser Bericht soll die Unfallstelle und die Ausdehnung und Art der Lawinen bezeichnen, Auskunft geben über die Anzahl der Verletzten oder Verschütteten, die Zugangsmöglichkeit, das vorhandene Rettungsmaterial und die Anzahl der am Unfallort zurückgebliebenen Helfer. Er soll des weitern angeben, welches Material, wieviel zusätzliche Mannschaft benötigt wird und ob auch Lawinenhund und Arzt erforderlich sind. Je genauer die Angaben, desto besser kann der Rettungsobmann die Lage überblicken und seine Massnahmen anordnen. Auch hier ist oft von Vorteil, wenn die zu Tal fahrenden Leute ihre Route markieren, besonders wenn die Sicht bei Nebel oder Sturm schlecht ist. In den wenigsten Fällen kann diese Alarmpatrouille ja zu einer entfernten Unfallstelle zurückkehren.

Während der Rettungsposten aufgeboten wird, setzen die Zurückgebliebenen ihre Nachforschungen auf dem Lawinenfeld mit improvisierten Sonden fort. Sobald ein Lawinenhund eintrifft, ist den Anordnungen des Hundeführers sofort Folge zu leisten und ihm jede gewünschte Unterstützung zu gewähren. Er allein weiss, wie und wann er seinen Hund mit Erfolg einsetzen muss.

Die leichte, praktische Aluminium-Lawinenschaufel mit abnehmbarem Stiel, wie man sie in der Armee verwendet, und die zusammenlegbare Lindenmann-Sondierstange, welche beide leicht im Rucksack verstaut werden können, leisten in einem solchen Unglücksfall unschätzbare Dienste. Aus diesem Grund sollten sie bei keiner grösseren Tour fehlen, besonders wenn eine solche im Verband durchgeführt wird.

Einem Verletzten ist sofort die erste ärztliche Hufe zu geben. Dies ist leider oft leichter gesagt als getan. Hier nützen weder guter Wille noch Eifer und Körperkraft, sondern nur Kenntnisse, Übung und Erfahrung. Vielleicht können wir zur Not einen Wundverband anlegen, ein Bein behelfsmässig schienen. Aber wie viele wissen, wie und wann bei einem Lawinenopfer die künstliche Atmung anzuwenden ist, was mit dem allgemein Unterkühlten zu geschehen hat, wie ein Verletzter mit Wirbelbruch zu transportieren ist? Auch wenn wir keine Zeit haben, einen Samariterkurs zu besuchen, so gibt es immer wieder einen Schlecht-wetter-Sonntag, um eines der guten Lehrbücher über Unfallhilfe ( ich erinnere an das klassische Handbuch von Dr. P. Gut ) zu studieren.

Oft vernachlässigt wird der Kälteschutz des Verletzten. Begreiflich, dass Helfer wie Opfer ihr Augenmerk vor allem auf ein gebrochenes Glied richten, jedoch nicht merken, dass ein anderes vielleicht bereits am Erfrieren ist. Natürlich kann der Bewusstlose seinen Helfern auch nicht sagen, dass er am ganzen Körper kalt hat.

Ist ein sofortiger Transport aus irgendeinem Grund nicht möglich und in der Nähe keine Unterkunft, so muss eine solche als Biwak für die Verletzten und ihre Helfer hergerichtet werden. Meist wird es dabei sehr kalt oder gar dunkel oder stürmisch sein. Auch hier ist derjenige im Vorteil, der etwas vom Biwakbau versteht. Wieviel Zeit und Kraft kann er sparen, wenn er genau weiss, wie er die Sache am besten anpackt, weil er es geübt oder wenigstens genau gelesen hat! Je nach Schneehöhe und Lage wird er eine Schneehöhle ausgraben oder ein Iglu erstellen.

Ein Luzerner Alpinist hat einen Ballon in Igluform konstruiert, den man aufbläst und mit Schnee ummauert. Lässt man die Luft ab, so sackt er in sich zusammen, und der Unterschlupf, den man nur noch ausbauen muss, ist bezugsbereit. Diese Erfindung ermöglicht es, mit einem Minimum an Schnee, ja sogar solchem von schlechter Beschaffenheit, eine Behausung zu erstellen. Zwar werden die wenigsten Partien eine solche Ballonhülle mitführen, doch gehört sie zur Ausrüstung einer Rettungskolonne.

Die Beförderung des Verletzten von der Unfallstelle zum Arzt ist wohl die wichtigste Tätigkeit des Helfers bei einem winterlichen Unfall. In den wenigsten Fällen wird der Verunglückte getragen werden müssen; der Schnee erlaubt uns, Rettungsschlitten zu benützen. Im voralpinen Gelände benützen die Bauern je nach der Gegend verschiedenartige Schlitten für ihre Transporte. Diese Geräte eignen sich im allgemeinen auch für Verletzte. Können whin der Nähe Schlitten auftreiben, so müssen wir diese Möglichkeit ausnützen, auch wenn wir vielleicht gerne einmal unsere Improvisation ausprobieren würden. In erster Linie kommt eben der Verletzte, den wir möglichst rasch in ärztliche Obhut bringen müssen. Es ist besser, den Einheimischen fahren zu lassen, der sein Gerät kennt. Die Schlitten eignen sich zwar nicht für Weichschnee, doch befindet man sich meist im Bereich gebahnter Wege. Ist der Schlitten zu kurz, so muss er mit den Ski des Verletzten verlängert werden.

Weitab von den menschlichen Behausungen ist der Retter völlig auf sich selbst angewiesen und wird sich dann glücklich schätzen, wenn er je etwas gehört hat von improvisierten Rettungsschlitten mit zwei bis drei Brettchen, etwas Draht, den Fellen, Lawinenschnur usw. Eine ganze Werkstatt braucht man ja nicht mitzuschleppen; aber wie leicht sind 2-3 m Draht, ein Bohrer und ein gutes Sackmesser, und wie froh kann man darüber sein! Diese Hilfsmittel genügen, um mit ein wenig Geschick einen Rettungsschlitten zu-sammenzubasteln. Damit diese Verrichtungen rasch gehen und der Schlitten widerstandsfähig wird, braucht es allerdings Übung und immer wieder Übung. Im Verband oder auf Hochtouren nimmt man eine der guten Halbimprovisationen oder « Skiverschraubungen » - wie man sie in Österreich nennt - mit. Bei der Voll- wie bei der Halbimprovisation ist es wichtig, dass man von Anfang an haltbar und starr baut. Diese Schlitten müssen meistens einen grossen Druck und Zug aushalten, und es ist weder für den Helfer noch für den Ver- letzten angenehm, wenn unterwegs, nachdem alles Material kalt und nass ist, der aus-einandergefallene Schlitten neu hergerichtet werden muss.

Bei dieser Beförderungsart liegt der Verletzte tief und ist schlecht geschützt gegen Kälte, Nässe und Schnee. Er muss deshalb möglichst gut eingepackt und unterwegs befragt und beobachtet werden. Sehr vorteilhaft ist es, wenn man ihn, bevor er auf den Schlitten gelegt wird, in einen sogenannten Tragsack aus starkem Segeltuch stecken kann. Unsere östlichen Nachbarn haben mit diesen Säcken im Sommer und Winter bei jeder Transportart sehr gute Erfahrungen gemacht. Wahrscheinlich werden sie bald auch unsere sogenannten Leichensäcke in den Rettungsstationen und Hütten ersetzen.

In den Hütten des SAC und des SSV, heute sogar oft weit oben in den Bergen an kritischen, gut sichtbaren Stellen viel befahrener Routen deponiert, findet man den bekannten roten Kanadierschlitten. Seit einigen Jahren hat der SSV den Skiklubs solche Schlitten zur Verfügung gestellt, damit die Bestände im Gelände vergrössert werden können. Der Kanadier hat viel bessere Fahreigenschaften und bietet dem Verletzten einen wesentlich bessern Schutz als die beste Improvisation. Die Handhabung des Schlittens ist einfach und lässt sich leicht erlernen. Mitunter fehlen Deichsem; sie müssen dann mit den Ski des Verletzten improvisiert werden. Kleine Kniffe, wie das Niederdrücken der bogeninnern Deichsel in der Kurve, das Belasten des vordem Teils zum Bremsen im Pulverschnee oder das Heben des Kopfteils zum Bremsen auf der harten Piste, eignet man sich rasch an. Die Standorte der Schlitten sind vielfach auf der Rückseite der neuen Skikarten des SSV vermerkt. Es mag in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass entlang der bekannteren Skirouten SOS-Telephone aufgestellt sind, die zum Herbeirufen von Hilfe sehr wertvoll sein können.

In Deutschland und Österreich hat man einen Metallrettungsschlitten konstruiert, der sich bewährt hat und sicher auch bald in der Schweiz zu sehen sein wird. Der Schlitten hat die Form eines Boots, an dessen Boden und Seitenflächen als Schutz und zwecks Erzielung einer bessern Führung Gleitschienen angebracht sind. An beiden aufgebogenen Enden können Deichseln befestigt werden. Um den Bootschlitten, kurz « Akja » genannt, besser transportieren und tragen zu können, ist er in zwei Teile zerlegbar; jeder Teil wiegt samt Deichsel 6-8 kg, ist also etwas schwerer als der Kanadier, der aus einem Stück nur 10 kg wiegt. Die « Akja » entspricht wie der Kanadier den Anforderungen, die man an ein solches Rettungsgerät stellen muss, nämlich gute Fahreigenschaften in jedem Schnee, leichte Handhabung, tief liegender Schwerpunkt, gute Lenkbarkeit dank den starren Deichsem, geringes Gewicht. Der Verletzte findet in den Seitenwänden einen bessern Schutz gegen Schnee und Nässe als auf dem Kanadier. Nachteilig ist der Umstand, dass Metall ein guter Kälteleiter ist. Das Opfer muss deshalb vor allem auf eine gut isolierende Unterlage gebettet werden. Sehr zweckmässig ist die Aufbiegung der beiden Enden an der « Akja », wodurch es möglich wird, in beiden Richtungen zu fahren. Es brauchen somit in schwierigem, steilem Gelände oder bei schlechtem Schnee keine Bogen gemacht und der Schlitten braucht nie mühsam um 180° gedreht zu werden. Da die « Akja » schmäler ist als der Kanadier und hinten und vorn feste Deichseln besitzt, ist das Queren eines Steilhangs kein Problem wie mit dem Kanadier, der immer die Tendenz hat, zu kippen. Auf aperem Gelände, wie z.B. im Frühjahr in den untern Lagen, kann dieser Schlitten dank der robusteren Bauart bedenken- und mühelos über steile Grashänge gezogen werden. Sehr schätzenswert sind auch einige Zusatzgeräte wie die eingebaute Beinstütze zum Fixieren eines gebrochenen Gliedes oder aber das leicht durch eine Klemmvorrichtung montierbare Einrad, das ermöglicht, den Verletzten auf schmalem Gebirgspfad oder auf der Strasse rollend weiterzubringen, wo ein Kanadierschlitten getragen werden müsste.

Der SSV gab in den letzten Jahren den Skiklubs in den alpinen Regionen auch eine Art Leichtmetallschlitten, « Suomi » genannt, ab. Er ist einfach gebaut und leicht und wird vor allem dort aufgestellt, wo der Kanadier aus Holz, den Witterungseinflüssen ausgesetzt, Schaden leiden würde.

Bei allen winterlichen Transportmitteln, sei es nun eine einfache Improvisation oder ein raffinierter Metallschlitten, muss man sich merken, dass sie nur mit möglichst starren Deichsem leicht, sicher und gefahrlos gehandhabt werden können. Zum Ziehen benützt man Stricke, da die Improvisation einen zu grossen Zug an den Deichseln auf die Dauer kaum erträgt und bei den Fertigfabrikaten ein zusätzlicher Bodendruck entstehen würde, der als Bremse wirkt. Ob die Bedienungsmannschaft die Ski anbehalten soll oder nicht, hängt von ihrem Können, dem Schnee und dem Gelände ab. Meistens werden die Ski einen grossen Vorteil bieten; aber die Sicherheit des Opfers kommt vor der Schnelligkeit. In jedem Fall muss der Verunfallte am Schlitten derart befestigt werden, dass er mit ihm gleichsam ein Stück bildet. Es empfiehlt sich, im schwierigen, steilen Gelände einen Mann zur Sicherung mit dem Gerät zu verbinden, damit es nie herrenlos werden kann.

Fast alle Verletzten können kopfvoran befördert werden; unumgänglich ist dies bei Beinbrüchen, damit bei der Abfahrt die von vorn kommenden Stösse nicht auf die Bruchstelle übertragen werden. Steilhänge werden am besten senkrecht genommen, wobei die Rettungsmannschaft zu Fuss geht und den Schlitten an einem Bergseil hinunterlässt. Eine gute Bremswirkung erzielt man mit einer quer zur Lauffläche befestigten Reepschnur. Die Knoten müssen vor solchen Manövern im steilen Gelände geprüft werden, sofern sie nicht von Anfang an schon tadellos gemacht waren. Auch ist darauf zu achten, dass nicht alte, verlegte Seile verwendet werden, die Schrauben, Haken oder andern Befestigungen für das Halteseil nicht locker sind oder das Holz morsch, was bei Rettungsschlitten, die unzweckmässig aufbewahrt werden oder bei jedem Wetter im Freien stehen, gerne vorkommt.

Gegensteigungen sind mit jedem Schlitten sehr aufreibend. Am besten wird er Seillänge um Seillänge emporgezogen. Bei Tiefschnee muss ein Mann den Vorderteil des Schlittens etwas heben. Wenn möglich sollte ein Mann hinter dem Schlitten hergehen, um ihn zu sichern und während der Atempausen am Zurückgleiten zu hindern. Bei Lawinengefahr ist an Steilhängen grosse Vorsicht am Platz, weil oft mehrere Personen miteinander die Schneeunterlage belasten.

Das Rettungswerk kann sehr hart und zeitraubend sein. Man tut deshalb gut daran, seine Kräfte einzuteilen. Was nützt der beste Helfer, wenn er durch die schwere körperliche Anstrengung, der er nicht gewachsen ist, nach wenigen Stunden erschöpft ist! So wie man den Verunfallten pflegt, ihm zu essen gibt und ihn vor Kälte und Strahlungsschäden schützt, dürfen wir auch unserm Körper sein Recht zukommen lassen. Das gehört zu den Spielregeln der Kräfteökonomie.

Schliesslich ist es auch gar nicht unwichtig, wie man sich dem Patienten gegenüber verhält. Es wurde schon erwähnt, dass der Unfallort denkbar ungeeignet ist, um über Schuldfragen zu diskutieren. Wir müssen Rücksicht auf das Opfer nehmen, dessen Gemütsverfassung begreiflicherweise gedrückt ist. Zum guten Gelingen der Rettung gehört es, dass wir alles versuchen, um die Moral des Verunglückten zu heben. Wir dürfen ihm ruhig, auch wider besseres Wissen, eine Rosabrille auf die Nase setzen und ihn sein Elend und seine Schmerzen durch das Opium von Illusionen vergessen lassen. In keinem Fall ist es nötig und gut, vor dem Verletzten Erörterungen über das Wie und Ob anzustellen. Nur das sichere Können, die überlegte, zweckmässige Arbeit, die Ruhe und gute Laune des Helfers üben die zu erstrebende besänftigende Wirkung auf den Verunfallten aus.

Praktisches, rasches und richtiges Helfen ist die edelste Bergkameradschaft. Dazu braucht es mehr als nur Mut und Opferwillen, nämlich ein Minimum an theoretischer und praktischer Vorbereitung und ruhiges Blut. Das Bewusstsein, dass man einem Menschen in Not und Gefahr helfen konnte, beglückt; eine abgebrochene Tour reut uns nicht. Wir haben etwas gelernt, und mit Stolz und Befriedigung denken wir später an ein solches Erlebnis zurück.

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