Von den Wäggitaler Bergen.

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Vom Bergantlitz und seinem Bau.

Erst durch das grosse Stauwerk ist das Wäggital allbekannt geworden; ich aber liebte schon seine Berge, bevor der Plan zum Riesenbau in klugen Technikerhirnen keimte. Dem Jüngling mit immer schwindsüchtigem Beutel ragte die Firnwelt noch viel zu hoch; indessen schied mich zum guten Glück nur eine Fahrtstunde vom Schwyzerdorf Siebnen, dem Einfallstor in die schönste Voralpenlandschaft.

Zürichsee, Linthtal, Klön- und Sihltal umgrenzen unser Wandergebiet, und die wilde Aa durchrauscht es von Süden nach Norden. Ausserordentlich wichtig wurden seine tief zerscharteten Höhen für die Erkenntnis des Alpenbaues. Schon Alfred Escher von der Linth, dann Albert Heim und Burckhardt durchstreiften eifrig forschend die hintersten Winkel; doch Arnold Heim erst und Oberholzer erkannten die « Deckennatur » der Gruppen.

Des Vorder-Wäggitals schmale Querfurche erschliesst uns freilich die wenig gestörten Mergel-, Sandstein- und Nagelfluhschichten der gestauchten Meeresmolasse. Wechsellagernd finden wir dort teils kalkige, teils tonige Bänke vermischt mit verkitteten Buntgeröllen. Urzeitströme lagerten sie im einstigen Mittellandseichtmeer ab.

Viel verwickelter zeigt sich uns der Schichtbau im hintern Wäggital. Dort brandeten einst jene Felsenmassen, die, von Südosten her überschoben, im dritten Erdgeschichtabschnitt den Alpenriesenleib auftürmten. Legen wir in ein dickes Tischtuch übereinander vier breite Falten, indem wir die tiefern Umbiegestellen treppenartig vorstehen lassen, dann bilden wir roh den Schichtenverlauf im Innertalergebirge nach. Der Erdforscher nennt diese Tischtuchfalten die « oberen helvetischen Decken » und erkennt in jeder der vier Bergketten eines der überschobenen Stücke.

Nun liegen jedoch die Faltendecken des Gebirges nicht wagrecht wie unser Tischtuch. Im rechten Winkel zum Faltenwurfe steigen sie an von Westen nach Osten, aufstrebend zu einer Idealkuppel, die einst überm Schildgebiet sich erhob. Längst sind die überragenden Teile dieses Gewölbes abgewittert. Wie die Schalen einer durchschnittenen Zwiebel tauchen nun von Westen nach Osten die tieferen Schichten der Uberschubdecken unter den höheren hervor.

Die Wäggitaldecken bestehen überdies, im Gegensatz zu dem schönen Tischtuch, nicht nur aus einer einzigen Stoffart. Aus den verschiedenaltrigsten Kalken, vom Malm bis herauf zur jüngsten Kreide, setzt sich ihr Gestein zusammen. Oft lagert die Schichtenreihe verkehrt, oder einzelne Glieder sind zerrissen, ausgequetscht und weithin versetzt. Den sonst nicht einfachen Bau verwirren zudem noch unzählige Nebenfalten.

Wurzellos ruht die ganze Geschichte dem Jüngern Grundgebirge auf und bildet so einen scharf begrenzten, durchaus selbständigen Voralpenblock.

Kraftvoll durchfurchen die Einzelzüge dieses alte Gebirgsantlitz. Die Wiggis-, Räderten- und Fluhbergkette entsprechen den südnordstreichen-den Kanten dreier Überschubdeckenlappen, die ein rundes Jahrhundert-tausend aus plumpem Urgewölbe schlug.

Im Kamm der Sihltalberge bricht der oberste Decklappen plötzlich ab. Vom Schwarzstock, 2202 m, dessen Kieselkalkwände jäh der Pragelmulde entsteigen, streicht der kühne Zackengrat nordwärts. Er gipfelt im Lauiberg-Doppelbuckel, 2053 und 2062 m, im Fläschberg-Dreikant, 2074 m, im Blasseli-Zacken, 2034 m, im Wänni- Schild, 2002 m, in der spitzen Ganthöhe, 1971 m, im First, 1917 m, und Turner, 2071 m, und endet schliesslich in der Schrattenkalkkrone des Fluhbergs. Dort, am Wändlispitz, 1973 m, und Diethelm, 2095 m, biegen die dicken Kreidebänke in kraftvollem Schwünge nach unten um, ein mächtiges Stirngewölbe bildend.

Unter dieser obersten Decke, im Osten der tiefen Schweinalppassfurche, taucht der zweite Decklappen hervor und schwingt sich auf zur Räderten-kette, der gegliedertsten Gipfelreihe der Gruppe. Der Ochsenkopf, 2181 m, ein Felsenkegel, ist ihr eindrucksvoller Südpfeiler. In der liegenden Falte seiner Südostwand erblicken wir ein Riesenscharnier, das den Oberschenkel der Rädertendecke mit dem gequetschten Unterschenkel des Fluhberg-Drusberg-Lappens verbindet. Dem Ochsenkopf schliesst sich der Muttriberg an, 2295 m. Mit dem Räderten, 2214 m, einer schroffen Bergfeste, bildet er ein Flachgewölbe. Dann folgt der Lachenstock, 2028 m, ein Längsgrat. Einer überhängenden Nebenfalte gehören drei luftige Gipfel-brüder, Zindlen, 2091 m, Rossälplispitz, 2098 m, Brünnelistock, 2150 m, an. Fünf weitere Spitzen: Hohfläsch, 2080 m, und Scheinberg, 2050 m, Bockmattli, 1930 m, Tierberg, 1998 m, und Bärensoolspitz, 1835 m, setzen zusammen das zerborstene Rädertenstirngewölbe zusammen.

Auch die Rädertendecke bricht plötzlich ab. Unter ihren Ostabstürzen steigt als dritter Deckenlappen die Wiggiskette ans Tageslicht, verwachsen mit dem obern Glied vermittels eines weitern Scharniers, der Scheyen-Gumenstock-Wiggis-Falte. Im Rautispitz wölbt sich die Wiggisdecke. Dann sinkt sie zur Oberseemulde ab und schiebt im Fridlispitz-Riseten-Gratzug eine schmalgebaute Stirne nach Norden.

Als unterstes Glied der Uberschubdecken sitzt dem Molassegrundgebirge ein unterbrochener Klippenwall auf. Seine wichtigsten Höhenpunkte sind: der Grosse und Kleine Auberg, 1697 und 1645 m, der trotzige Köpf 1er, 1895 m, der schmale Brückler und die wilden Wagetentürme, 1754 m. In diesem nördlichsten Kreidezug mit magerem Malmkern dürfen wir wohl eine abgesprengte Einzelfalte vermuten. Von ihr gestaucht, erhob die Molasse sich zu den Vorgebirgsnagelfluhkämmen des Schwantenhornes, 1470 m, Blankenstockes, 1678 m, und der hübschen Hirzlispitze, 1644 m.

Als Schmiermittel dienten beim Überschuhe die weichen Flysch- und Eocänschichten vom Anfang des dritten Erdzeitalters. Zwischen den härteren Kreidedecken wurden sie überall eingequetscht. Da sie leicht verwittern, haben in sie die Mulden und Joche sich eingesenkt; so das breite Innertal, die Oberseewanne, der Längeneggpass, das Schweinalpjoch sowie die Sättel der Scheidegg und Fläschlihöhe.

Etwas eintönig erscheinen dem Auge des Vordertales Molassegebiete. Nur starre Buntnagelfluhfirste beleben zuweilen ihre bewaldeten Höhen, die nicht gewölbt oder zierlich gefältelt, sondern lediglich schief aufgestaut sind. Rasch schneiden sich die Wasserläufe in die weichen Sandsteine und Mergel ein. So entstehen zwar flache Rücken, aber auch scharf gesägte Bachrunsen mit rutschigen Gehängeanrissen.

Ganz anders die Innertalerberge! Wie einst des Nordens Barbaren-stämme einstürmten auf die erschlaffte Kulturwelt, so drängten die Süd-gesteine nach Norden, die ausgeglichene Hügellandschaft ursprünglicher und wilder gestaltend. So trennt, einer Riesensperre vergleichbar, der nördlichst vorgedrungene Kalkwall das Vorder- vom Hinterwäggital. Seine fluss-durchsägte Klippenmauer überragt wie eine bleiche Küste des dunkleren Molassemeeres zu Köpfen und Rücken versteinerte Wogen. Erst hinter dieser Querschranke lagert das überschobene Kettengebirge.

Dort herrscht die obere Kreide vor, besonders häufig der Schrattenkalk, ein hellgrauer, dichter und rauher Stein. Kühne Firste und Gipfelklötze panzert er mit gewaltigen Tafeln. Seine Platten und Geisterzacken schimmern unheimlich in stiller Mondnacht.

Scharfe Spitzen und Schneiden kennzeichnen den dünn gebankten Kieselkalk. Im Vergleich zu seinen zierlichen Zacken und vornehm geschweiften Graten wirken die Schrattenkalkhäupter oft klotzig und plump. Etwas Düstres ist ihm allerdings eigen, und da seine Schichten leicht verwittern, häufen sich unschöne Riesenschutthalden am Fusse der mächtigen Wände an.

Doch nicht nur landschaftlich unterscheiden sich die einzelnen Gesteine; sie sind auch recht verschieden zugänglich. Als ziemlich harmlos dürfen vor allem die Molassevorberge gelten. Etwas Vorsicht erheischen nur die Nagelfluhköpfe einzelner Firste. Bei Nässe werden auch die versumpften Wälder und Weiden ungemütlich.

Die Schrattenkalkfelsen der Innertalberge sind zwar ausgesprochen plattig, aber dicht gefügt und haltbar. Sie bieten sichere Griffe und Tritte. Nur die glatten Plattenschüsse vermeide der weniger Geübte.

Gefährlicher zeigt sich der Kieselkalk. Locken auch seine dünnbankigen Schichten mit einer Menge von Bändchen und Stufen, so ist doch den brüchigen Wänden und Zacken unter keinen Umständen zu trauen. Allein der Erfahrene und Gewandte wandelt ungestraft auf den schwindligen Schneiden!

Maifahrt zum liirzli.

Entschliessest du dich, nach langer Frist eine Jugendgeliebte wiederzusehen, dann rechnest du damit, sie vom Zahne der Zeit mehr oder minder benagt zu finden. Als ich jedoch nach zehn Jahren wieder dem Hirzli sehnsüchtig entgegenfuhr, da ward ich gewiss, es werde vor mir seine alten Reize frisch entfalten.

Fast hatte ich wintersüber verlernt, wie und warum man zu Berge steigt. Mir stand nur ein Genuss fürs Gemüt im Sinn, und das Herz ging mir auf, als ich Niederurnen im rosigen Maienblust durchschritt. Ich vergass den Alltagsdruck und Harm. Die lahmgewordene Willensfeder schnellte frisch-gestählt empor, und ein neuer Adam wanderte den Bergpfad zum Morgenholz hinan.

0 Wanderglück, im Höhenwald zu steigen, wo der Weg sich zwischen den Graublöcken schlängelt, während die Sonnenkringeln lautlos über den felsigen Boden tanzen! Wie wonnig ist 's, mit jedem Schritte dem Himmelsblau sich ein bisschen zu nähern und, ungehemmt von Mauern und Hecken, nach jeder Minute freier ausblicken zu können.

Der Urnerbach begrüsst mich, munter sprudelnd. Auch diesen Tunicht-gut musste man seinerzeit fesseln. Nun hüpft er gar sittsam im steinernen Stufenbette, ohne den Menschlein fürder bedrohlich zu werden.

Gegen 9 erst bin ich vom Talgrund aufgebrochen. Kein Wunder, wenn in praller Sonne mein Winterfett schmilzt und mir unaufhörlich als Schweiss am Körper niederrinnt. Endlos scheint der Steilhang aufzustreben, und doch ist kaum eine Stunde entschwunden, als ich, um eine Felsecke biegend, die Morgenholztriften grünen sehe. Überm Bache träumt das Basler Ferienheim dem kommenden Sommer und seinen Gästen entgegen. Ein Blumenhügel lockt mich zu einsamer Rast. Wettertannen recken sich daneben, breitschattig, urwüchsig und wahrhaft herzerfreuend, gar nicht zu verwechseln mit ihren steifen Brüdern im wohlgepflegten Forst des Mittellandes.

Fast ebenhin wandere ich hernach dem Weiler Bodenberg entgegen und entgegne fröhlich den vom Weidhang herunter jauchzenden Hüterbuben.

Bei der Säge hinten endet der Bummel, und steiler geht es rechts empor, vorbei an einzelnen Hütten und Gaden, die wettergebräunt am Sonnenhang stehen.

Wohltuend federt der kurze Frühjahrsrasen. Rosig leuchten im fahlen Grün die Blütendöldchen der mehligen Primel, und Enziansternchen überstrahlen des Maienhimmels sattes Blau. Gar sorgsam trete ich zuweilen auf, um meine kleinen Blumenfreunde, die Boten des Lenzes, nicht zu gefährden.

Von Zeit zu Zeit aber muss ich anhalten, um hineinzuwundern in die Berglandschaft im Hintergrund des Hädiloches. Ruhevoll schimmern die Häuschen drunten am Bache. Dahinter baut sich dunkel der Bergforst auf. Graue Schutthalden und Streifen flimmernden Schnees leiten hinauf zu den lichtüberfluteten Mauern, über denen die Felsenzinnen der Köpfenstock-Wagetengruppe sich türmen. Ach, hätte ich mein Malgerät bei mir — ich wette, das Hirzli bliebe heute unbestiegen.

32 Noch jäher bäumt nun der Hang sich auf. Fürwitzig gucken rauhe Nagelfluhbänke aus seiner von Wettern zerrissenen Rasendecke. Die zähen Bergtannen indessen umfassen mit Wurzelklammern das Felsgestein, und abenteuerlich gestaltet recken sie Arme und Köpfe den Wolken entgegen.

« Kuckuck, Kuckuck », schmettert es lustig vom Wipfel der allerhöchsten Fichte. Ich ahme neckend den Lockruf nach, erstaunt, in dieser Voralpenhöhe dem Tiefwaldsänger zu begegnen.

Eilig durchmesse ich den Steilwald, den die Karte hier nicht verzeichnet. Doch urplötzlich öffnet sich vor mir das Kesselchen der Blankenalp, überhöht und prächtig abgeschlossen von den rötlichen Klippen des Blanken-stockes. Um die Hütten schmiegt sich noch Winterschnee. Droben beim Quellbrünnlein dagegen lacht schon der mattenlichte Frühling. Seiner Botschaft zu lauschen, raste ich nochmals und mir ist, aus der Alpenstille ringsum ströme meiner verlangenden Seele neue Daseinsfreude zu.

An diesem stillen Orte trennt sich mein Pfad vom Aufstieg zum Blankenstock. Eine Wegtafel hoch oben an der Halde weist zum nahen Hirzli empor. Noch ein Waldstreifen nimmt mich auf. Auch ihn verschweigt mein sonst so geschwätziges Kärtchen. Mir kann 's ja nur recht sein, noch ein Weilchen im Schatten zu wandern. Allerlei sinnend schlendre ich den schwach ansteigenden Felspfad entlang, hin und wieder Altschneeflecken querend. Da rauscht es über meinem Haupt: ein Auerhahn schwingt sich mit kräftigen Schlägen hinter schützende Tannen. 0 fürchte dich nicht, Balzbruder, du scheuer! Mein Stock und ich, wir sind keinem Mäuslein gefährlich.

Behaglich geht es nun schräg hinauf zum Sattel im Osten des Blanken-stockes. Die Hirzlispitze erscheint plötzlich als schlankgeformter Rasenkegel. Eine Wegspur zieht daran hinauf; ihr folgend betrete ich freudig wieder den lichtumspielten Luginsland.

Winter im Molasseland.

Mit Rauhfrost, Nebel und Schnupfen zieht der Winter in die Grossstadt ein. Träge spannt sich die Hochnebeldecke tagelang ob den Mauern und Türmen, während die Höhensonne den Schnee auf Gipfeln und Jochen prächtig vergoldet.

Nun ziehen die Schneeschuhläufer alle mit geschulterten Brettern ins Bergrevier. An vielgepriesenen Höhenorten sammeln sie sich gleich Mückenschwärmen, die Alpenstille durch Schreien und Johlen entweihend. Kein Wunder, wenn der bescheidene Bergfreund verstimmt einsamere Gegenden sucht, wo ihn weder neuzeitlicher Firlefanz noch Sportswut zum Verzweifeln bringt.

Solche Zufluchtsorte bietet dem geruhsamen Fahrer das Wäggital. Kaum wird sich im Winter der Fremdenstrom in seine freundlichen Winkel ergiessen. Wen aber bescheidene Abfahrten freuen, wen es reizt, wenn Wald und Fels und Matten ihn wechselseitig hindern und fördern, der begleite uns einmal in Gedanken ins winterliche Wäggital.

Die Leuchte eines Januartages erlischt hinter wallenden Nebelmauern. Dunkelnden Tiefen entführt uns die Bahn. In Siebnen, die breite Landstrasse verlassend, schlendern wir auf Nebenpfaden zwischen Einzelgütern am Stockberg hinauf. Beim Weiler Bügeli biegen wir in den Schübelbacher Fahrweg ein. Er geleitet uns zum Gehängeabsatz hoch über der Wäggitaleraa. Die schmucken Häuser von Eisenburg schauen von hier aus fröhlich ins Waldtal nieder. Über ihren Giebeln träumt die Geisternacht im Schmuck der Sterne. Wie Märchen entschweben die Himmelslichter den Rätseltiefen des ewigen All.

Unser Strässlein erweist sich als Lug und Trug. Es schrumpft zum Holzer-und Viehweg zusammen und zieht sich ohne fühlbaren Anstieg talein am Gehänge hin.

Die Landschaft träumt. Vom finstern Grunde rauscht fremd und frostig die Aa herauf. Umrisse verschneiter Gipfel entragen dem waldumdüsterten Hintergrund. Der Köpfenstock erhebt sein Kalkhaupt, bleich wie ein ver-schlafener Wächter.

Nun steigt der volle Mond herauf. Neugierig zündet er hinein in die Riesen-kehlen der Aubrignordwand. Auch dem Fluhberg leuchtet er ins Gesicht und lässt die schneeige Zipfelmütze des Bergesalten fröhlich glitzern.

Erst dort, wo sich Aa und Trebsbach vereinen, beginnt der Pfad zu steigen. Am sanften Mattengehänge des Trebstals überschreiten wir zahlreiche Seitenbächlein. Hier — zwischen 800 und 900 m Höhe — flimmern uns die ersten Schneeflecken des späten Winters blass entgegen. Der Schneeschuhläufer findet da sonst bei besseren Verhältnissen günstige Felder.

Beim Schwenden endlich tauchen wir in den wahrhaften Trebstalurwald ein. Wohltätige Finsternis verhüllt seine Schrecken. In Sumpfboden und Moränenlehm ist der schmale Hohlweg eingeschnitten, und rieselndes Schmelzwasser hat seinen Grund in einen gelbbraunen Teig verwandelt. Bis über die Knöchel sinken wir ein. Vorstehende Äste müssen uns helfen, über diese « Dreckschleife » hinaufzukommen. Nur die oberste Strecke des Marter-pfades ist von einsichtsvollen Seelen mit festen Holzprügeln eingedeckt worden. Kotbespritzt und schimpfend enttauchen wir dem « anhänglichen » Hochwaldgürtel, aufatmend, als uns nach dreistündigem Wandern die Weide der Gelbbergalp empfängt. Eine der Hütten auf freiem Hügel, 1182 m, nimmt uns auf für den Rest der Nacht.

Nach tüchtigem Feuern schlafen wir ein, ohne den Mangel eines genügenden Rauchabzuges zu bedenken. Atemnot und Kratzen im Halse wecken uns zum Glück, bevor der Rauchnebel unsere Lungen völlig vergiftet hat. Wir taumeln ins Freie, schnappen nach Luft, und ein greuliches Husten und Niesen stört das feierliche Schweigen der Nacht.

Der funkelnde Sonntagmorgen verlockt uns, in aller Frühe schon aufzubrechen. Schneeverlangend klimmen wir höher; doch selbst bei 1200 m täuscht uns noch des trägen Winters Tücke. Schneefrei, mit braunen Gräsern bestanden, erheben sich vor uns die sanften Lehnen; nur in den Mulden züngeln Streifen gefrornen Schnees herab. Zu Fuss, mit geschulterten Brettern, übersteigen wir Höcker, Rücken und flache Runsen.

Das Gehänge erhebt sich in sanften Wellen, soweit die Schiefer vorherrschen. Über 1400 m aber unterbrechen Buntnagelfluhklippen reizvoll des Sandsteins graugelbes Einerlei.

So landen wir denn auf der Lauihöhe, einem der drei Gipfelbuckel des überzahmen Schwantenhorns, 1452, 1472 und 1455 m. Wie blitzen unsre Augen, als sie ost- und nordwärts unerwartet die schönsten Pulverschnee-flächen erspähen! Auf eilig angeschnallten Brettern versuchen wir die ersten Schwünge.

Auch im Sommer ist hier gut sein. Frei ragt das Schwantenhorn über die Wälder, deren Rauschen doch nahe genug noch heraufklingt. Nicht immer muss ja geklettert sein. Wer wochenlang sich abgeschafft hat, der blicke von da geruhsam hinunter ins blau verduftende Hügelland. Wie ein grüner Teppich weitet sich vor ihm das Gaster; die Höfe im Grunde winken so freundlich, und glänzend dehnt sich die Riesenklinge des Zürchersees.

Heute freilich juckt 's uns in den Füssen. Das nahe Melchterli, 1490 m, grüsst im Südosten. Bald zeichnen unsre Hölzer scharfe Spuren auf seinem schneeigen Walfischrücken.

Im Vorbeihuschen sehen wir nordwestwärts noch die Felsabstürze des Lachner- und Melchterlistockes, 1423 und 1385 m. Ihre waldgespickten Kuppen vermögen den Berggänger freilich kaum zu reizen.

Den Zutritt zum Melchterligipfel verwehren uns Schneewehen, Tannen und sparrige Büsche; doch fröhlich brechen wir uns Bahn und stehen unversehens auf der Spitze. Auch der schmale, tannengekrönte Südgrat macht uns im Abstieg etwas zu schaffen; dann aber rutschen wir vergnüglich hinüber zum breiten Feldrederligrat, 1535 m, wo die Wässerlein sich 's überlegen, ob sie ins Trebstal oder Hädiloch abschwenken wollen. Auch gesteins-kundlich stehen wir auf einer Grenze; denn die Flyschsandsteine des Rückens trennen den überschobenen Köpfenstockkalk von der Molassenagelfluh.

Nach dem Seitensprung zum Feldrederli ist unser Höhendrang vorerst befriedigt. Hinunterschiessend zur Mussalp erspähen wir einen schneefreien Fleck, ein fahlgrünes Inselchen, umbrandet von den strahlenden Wellen des Winterschnees. Da geniessen wir, was unsre Rucksäcke Herrliches bieten. Um uns zittert die sonnige Luft. Auch in uns wogt und schwingt ein Frohgefühl, geboren aus Sonnenpracht und Tatenlust. Wir haben den Stadtmenschen abgestreift und fühlen uns — um mit Friedrich Ratzel zu sprechen — als ein einfaches Stücklein Erdoberfläche.

Jedoch die Stunde des stillen Empfangens, des wunschlos sich Hingebens gleitet vorbei. Der Willensstrom, zeitweilig erschöpft, beginnt aufs neue in uns zu kreisen. Er spornt uns an, das letzte Hochziel des Sonnentages anzupacken. Dem Blankenstock gilt 's, dem höchsten Kamm der Wäggitaler Molasseberge, 1678 m. Mutwillig springt vor uns sein Westgrat empor. Er höhnt uns: Lasst nur die Bretter drunten und naht mir hübsch bescheiden zu Fuss. Diesen Wink beherzigend klimmen wir in den Sattel zwischen Melchterli und Blankenstock hinauf. Eine Lust ist 's, von dort aus hinanzuturnen über die oft ganz unvermutet aus dem Unterholz tauchenden Nagelfluhköpfe. Über den dachigen Südhang klettern mutig die Tannen gratan. Die Nordflanke jedoch stürzt jählings ab, und erst am Fuss ihrer senkrechten Wändchen haften wieder Knieholz und Fichten, die zähen Wurzeln im wandernden Bergschutt verklammernd.

Eine Stunde lang wechseln Schneewehen und Fels. Dann aber erscheinen die Gipfelklötze, roh, wie von Riesenhand aufgetürmt, und wir rasten auf ihrem rasengepolsterten Rücken.

Mit einem Gefühl, als ob die Umwelt heute unser eigen wäre, erfassen und umfassen wir, was Hübsches sich von da aus erspähen lässt.

Ungefüge zerklüftet schwingt sich der Ostgrat zum benachbarten Hirzli hinüber. Nur Schwindelfreie mögen ihn überklettern; gewöhnliche Sterbliche benutzen ein Felsband, das sie am Nordfuss der Nagelfluhköpfe in das Grat-joch hinabführt, von wo man bequem zum Gipfelsteinmann ansteigt.

Unvergessen bleibt uns der Ausblick west- und osthin vom Blankenstock: In gleicher Flucht mit den heute bestiegenen Kämmen stehen im Osten Speer und Kronberg, im Westen Rossberg und Rigi am Himmel. Nicht nur der zusammenfassende Geist, nein, auch das scharfe Auge erkennt in den gleichmässig einfallenden Rücken deutlich eine Riesenwoge der Meeresmolasse, aufgestaucht durch den Druck der von Süden her überschobenen Kalkgebirge. Auch die mächtige Stirn dieser Überschubdecke tritt uns eindrucksvoll gegenüber in der Zackenmauer der Wageten-Köpfenstockkette.

Vom Bilde ergriffen steigen wir zaudernd in den Sattel und zu den Brettern zurück; dann aber sausen wir holterdiepolter an den sanften Hädilochlehnen hinunter. Vorbei an den Hütten der Mettmenalp, später die Hochwaldlücken durchschlängelnd, flitzen wir gedankenschnell nach Bodenberg im flachen Grund des Tälchens.

Im Morgenholz schultern wir die Bretter wieder und traben munter talwärts gen Niederurnen. Noch vergoldet die Abendsonne das Schlössli, die Wirtschaft auf der niedersten Hirzligratnase, wo bis zum blutigen Sempacherkriege die Burg Windeck dem Ansturm der Glarner trotzte.

Frühe Dämmerschatten sinken schwermütig hernieder aufs flache Land. Über die Wiesen am Linthkanale geistern Nebelgespinste empor. Uns aber leuchten noch lange die Augen, und mit glückerfüllten Herzen fahren wir der Heimat zu.

Neujahr am Fridlispitz und Riseten.

Dem Wandersmann, welcher zum Walensee pilgert, winken im Westen kühne Zinnen. Kalkbleich entragen sie den Wäldern, verwegen, wie Nibe-lungenrecken, den Eingang ins Glarnerländchen betreuend. Schon manches Mal lockten sie mich vergebens, doch morgen will ich Neujahr auf ihren schmalen Firsten feiern.

Oberurnen empfängt uns verwundert zu nachtdunkler Stunde; doch die Nagelschuhtritte der Ruhestörer verhallen auf dem steinigen Schlittweg, welcher bei der Kirche westwärts abzweigt. Beruhigt schöppeln die Spiess-bürger weiter, indessen wir über den Bachschuttkegel und später an Wald-oder Wiesenlehnen zu den Berggütern Brände und Schwendi aufstreben.

Im Ungewissen Sternlicht tappen wir über einen Flachrücken, den Ostausläufer der Köpfenstock-Wagetenkette. Rechts gähnt das Hädiloch, links träumt ein gleichgerichtetes Muldentälchen. Eigentlich müsste der Fälletenbach auch den Unterteil dieser Rinne durchsprudeln, doch hat er beim Tschingel droben keck den nur wenig hohen Bergsporn durchrissen, um geradewegs durchs Hädiloch nach Niederurnen hinabzustürmen.

Bei den Hohlweghütten links hinauf querend tauchen wir in den Zimmereggwald ein. Ferner und tiefer rauscht der Wildbach. Über uns gähnt eine Lücke im Kamm, der vom Fridlispitz osthin herabsteigt. Dort hinauf lockt der steile Tann, und unser Bergpfad folgt ihm getreulich.

Durch Baumlücken blinkt die Ebene empor. Dort unten geht 's jetzt lustig zu; denn Hunderte von Lichtlein funkeln lebhaft zwischen Feld und Ried. Mir ist, als spiegelten sich Sterne in einem klaren Alpensee.

Die Heimat der Gestirne aber — der Himmel über uns — hat sich verdüstert. Noch unwirklicher werden die Baumumrisse. Die Fridlispitz-nordwand droht hernieder wie ein gewaltiges Nachtgespenst.

Plötzlich erhellt sich schwach der Boden; wir sind, die Grenze des Schnees überschreitend, fast unvermerkt vom Herbst in den Winter gestiegen. In Flecken zuerst, dann in grösseren Flächen flimmert das geisterhafte Weiss. Starr, als ein Bahrtuch, deckt es das schlummernde Leben. Eiszapfen, meterlange Gebilde, hängen steif vom Felsenrand, indessen des Rauhreifes Spitzengewebe festlich an Zweigen und Sträuchern blitzt. Tiefe Weihe und feierliche Ruhe sind dem erstarrten Bergforst eigen. Wohl blinkt aus der Tiefe herauf der Alltag, gleichsam aus hundert Augen flackernd. Hier oben jedoch, im Märchenlande, herrscht der Urwelt Winterfrieden.

Der Zickzackpfad bringt uns fast mühelos in den breiten Sattel am Fridlispitz, dessen Südabfall wir gemächlich umziehen wie weiland die Gänse das Kapitol. Bald sticht aus dem Schnee ein schwarzes Etwas — das oberste Hüttlein der Sonnenalp, 1300 m. Da drinnen feiern wir Neujahr, ohne Lärmen, ohne Gelage, doch seelisch gehoben und stillvergnügt. Zum Freuen braucht 's wenig, wenn das Gemüt zusammenklingt mit der Bergwelt einfacher Grosse.

Am Neujahrmorgen flockt es flaumenleicht vom grau verhangenen Himmel nieder. Graupeln liegen wie Zuckerwerk auf den zerdrückten Rasenpolstern. Nur stückweise lassen die Nebelschwaden den Ausblick ins Gelände frei. Der Obersee grüsst aus seiner Mulde, doch ein Eispanzer fesselt seine Plätscherwellen.

Wanderfreudig verlassen wir, dem wilden Flockengewirbel zum Trotze, bei den westlichen Hütten der Sonnenalp die wohlgebahnte Schlittwegspur. Beutehungrigen Füchsen ähnlich schleichen wir am Fridlispitznordhang hinauf. Im schweigenden, schneegebeugten Tann wechseln Moospolster mit tiefen Schneewehen. Diese rutschen uns oft tückisch unter den tastenden Füssen weg. In kurzer Zeit lichtet sich der Hochwald. Durch Gestrüpp und Blockgetrümmer bahnen wir uns den Durchschlupf zum felsigen Grat. Unvermittelt stehen wir am Rande des Nordwandabsturzes und freuen uns des Tiefblicks ins flache Gaster, in die Ebene der schnurgerade gedämmten Linth. Was kümmern uns jetzt noch Wind und Schnee! Wir klettern jubel-vollen Herzens über den schmalen Gipfelgrat, den Wächten ausweichend, durch Dickichte von niedern Tannen und Latschen kriechend, wo Sprühregen nassen Schnees oft neckisch unsre heiss gelaufenen Köpfe kühlt.

Wie eine Küstenklippe taucht die freigewehte Rasenkuppe des Fridli-spitzes aus brandenden Nebeln, 1700 m. Bald ist ein sturmgeschütztes Plätzchen gefunden. Seefahrern gleich, die kurz im Hafen rasten, erholen auch wir uns vor neuer Fahrt, zusammengekauert an der Spitze...

Schüchterne Sonnenblicke locken uns hervor aus dem sichern Versteck. Wir übersteigen oder umgehen eine Reihe schief stehender Schichtenköpfe; bis vor uns aus dem Wolkengeflatter eine glatte Felsenstirne sich aufbäumt. Die Riesenkalkplatte des Fridlispitz-Risetenkammes ist hier auf mindestens 200 m Länge von oben nach unten durchgerissen. Die Osthälfte hat sich dabei etwas tiefer gesenkt. So sind nun die Bruchränder senkrecht aneinander verschoben, und die dadurch entstandene Stufe steigt am Grat bis zu 20 m an. Tückisch glatt und vom Schnee überpudert schaut der Abbruch herab.

Trotzdem packt ihn unser Vormann an, am langen Seil von mir gesichert. Auf einem schief hinausführenden Bändchen überlistet er den Kopf eines Überhanges; dann schiebt er sich durch ein Graskaminchen, worauf er, sorglich den Neuschnee wegkratzend, schlangenartig über eine Felsleiste zu den Latschen am Abbruchrande kriecht. Dort verschwindet er, und wir lauschen ängstlich, wie er oben im Gefelse kratzt und scharrt. Erst als der letzte Meter Seil langsam durch meine Hand geschlüpft ist, erschallt, vom Sturme halb verweht, des Gefährten Ruf von der luftigen Kanzel hernieder. Nun « folge ich errötend seinen Spuren »; denn Nase und Fingerspitzen verfärbt mir der Ekelwind. Am nassen Strick, der sich droben verklemmt hat, halte ich mich wie an einem Geländer und klettere mit frosterstarrten Händen zu den sichern Legföhren hinauf. Leichtere Felsstufen führen von dort auf die Höhe, wo mein Vormann wartet. Einen Versuch, den dritten Genossen direkt zur Kanzel heraufzuziehen, geben wir auf, da dem Geseilten plötzlich ernsthaft unwohl wird. Frost und Sturm sowie die nassen Felsen haben ihm allzu stark zugesetzt. Er zieht darum vor, südwärts absteigend den heiklen Abbruch zu umgehen, um weiter vorn wieder zu uns zu stossen.

Wenige Schritte nach Westen bringen uns zur freien Risetenspitze, 1730 m. Sonnenschein umflutet uns dort, während gleich schaumgepeitschten Wellen die Wolkenschwaden ob den Tiefen gischten. Aber die Sonne rastet nicht, bis die letzten Nebel geheimnisvoll zergehen.

Nun blitzen die Glarner Bergriesen herüber, den Hermelin um die Felsen-schultern geschlungen. Nur der Mürtschen verschmäht den weichen Pelz; ungeschützt reckt er sein Felsenskelett dem Wintersturm entgegen. Überm blauflimmernden Walensee schwebt noch ein Doppelkranz von Streifen-wölklein, und auch die Waldhänge des Glarner Grosstals werden von Nebel-wülsten umlagert.

Wir steigen fürbass auf des Riseten höckergesegneter Riesenkante. Es macht uns Spass, ohne jegliche Wegspur durchs Knieholz zu brechen, an Stellen vorüber, deren Steilabbrüche auch ruhige Nerven kitzeln.

Vom waldfreien Westspitzchen spähen wir hinüber ins Bergrund der Wäggitaler Scheidegg. Dort trotzen gar einsam kühne Gestalten: die Mauerkrone der Wägeten, die Plattenflucht der Brücklersüdwand wie auch des Köpfenstocks wildschöne.s Felshorn. Wessen Herz nicht lacht beim Anblick dieser Gesellen, der fühlt den Zauber wilder Bergwelt nicht.

Nach Ankunft unsr;s Kameraden ziehen wir am rasch sich erbrei-ternden Westgrat, dann über Grasstufen und durch Gebüsch hinab zur schneebedeckten Mulde zwischen Riseten und Wägeten. Schon gegen 2 Uhr nachmittags stehen wir vor der offenen Lochberghütte. Ihr umfangreicher Heustock verspricht uns Gutes für die kommende Nacht.

Doch bevor ich mich völlig zur Ruhe setze, wandre ich nochmals hinaus, um den Anstieg zur Wagetenspitze zu erkunden. Mit Siebenmeilenschritten stiefelt ein neues Unwetter aus Westen heran. Ich gelange durch ein langweiliges Schneeloch höher zu schneefreiem Rasen und Fels. Dort werden körnige Grünsandschichten überlagert von Kalken, die eine Menge von versteinerten Münzentierchen enthalten. Mit hellauf lodernder Sammellust suche und klopfe ich im Gestein herum, bis dichter Hagel auf meine Schultern prasselt. Da sehe ich erst, wie Nebelgespenster die Berge mit grauen Fangarmen umklammern. In Stössen brüllt der Sturm heran, und die Umwelt verschwindet im tollen Flockengewirbel.

Im Schneesturm auf die Wägeten.

« Ssss — bumm! » So schreckt es uns aus dem Schlummer. Das Gebälke knarrt. Das Oberlicht erhellt sich. Beim Himmel, was gibt 's? Die mächtige Schneelast ist plötzlich vom Hüttendache gerutscht.

Mit diesem Auftakt mdet die nächtliche Stille. Der Regen, ein scheusslicher Winterregen, trommelt wie besessen auf die Schindeln. Da eilt es mit dem Aufbruch nicht, und erst der aufruhrdrohende Magen treibt uns aus dem Heubett.

Draussen sieht es aus wie in den Tagen der Sündflut. Einer Arche im Schneesumpf gleicht unsre Hütte. Im Brunnentrog plätschert eine gelbbraune Brühe, und imner neue Bächlein sprudeln lustig vom Dachrand herab. Trübsinn drückt unsern kleinen Kreis.

Nach Mittag flockt es weich aus fahrenden Wolken. Im Norden, ob schneeüberzuckerten Weiden, droht eine dunkle Zackenmauer, die Wägeten. Sie lockt mich gewaltig. Ich erschmeichle mir mühsam einen Gefährten; denn den andern steckt schon die Talfahrt im Kopf.

Mit dem einen Getreuen, der mich zudem nur bis zum Einstieg hinauf begleiten will, ersteige ich über die Vortags erkundeten Hänge einen breiten, nach Norden abbrechenden Rasenkamm. Bald stehn wir am Fuss einer überaus kühnen, finsterblickenden Felsenbastei. Einer stehenden Riesenplatte vergleichbar, setzt sie sich fort in einzelnen Türmen, welche nach Westen zu niedriger werden. Ihr " Vorbau — eine wahre Teufelskanzel — springt vor uns ins Bodenlose.

Der Kamerad ruht im Schutz einer ausladenden Fichte. Ich aber forsche nach dem Einstieg, dicht am Wandfuss Latschen und Tannen umkriechend. Ah, dort, zwischen den höchsten Türmen, klafft ein tiefer Riss durch die Wand, unten eng, nach oben breiter, mit einem Klemmblock in der Mitte. Doch ein kurzer Versuch in den glitschnassen Felsen endet mit affenschnellem Rückzug. Hol's der Kuckuck! Die edle Flugkunst möchte ich hier oben doch nicht erlernen.

Westwärts weiterschlängelnd entdecke ich eine tief verschneite Schuttkehle. 0 Glück 1 Sie reicht hinauf in die Lücke westlich vom höchsten Wagetenturme. Bis über die Knie im Pappschnee versinkend wurstle ich mich durch die enge Rinne.

Des Gefährten abmahnende Stimme verstummt; der beginnende Schneesturm hat sie verschlungen. In der Scharte oben umsaust mich satanisch die Windsbraut.

Mit Steigeisenstacheln unter den Sohlen verfolge ich ein Gras- und Schuttband. Längs eines Plattenschusses der Wagetennordwand führt es steil zu einem Riss empor. Dieser trennt zwei glatte Kalkplatten und erweitert sich nach innen beträchtlich. Vermittels eines winzigen Griffchens gelingt es mir, mich hinein- und hinaufzuturnen. Auf die Spalte folgt ein flaches Gratstück, eine wahre Legföhrenwildnis. Dahinter, über einem Sehar-tel, trutzt unbändig der Gipfelturm. Feindselig stehen wir uns gegenüber. Zwischen mir und dem Felsenhaupte lauert gierig der weisse Tod. Tief verschneit sind Griff und Tritt. Der Westwind packt mich ungestüm von der Seite. Rechts bricht die Felsmauer senkrecht ab, links drohen nasse Plattenpanzer, und über mir, bocksteif aufgerichtet, bäumt sich das Gipfelgrätchen empor.

Am Seil gesichert — sein Ende hängt an einer haltversprechenden Latsche — reite ich einige Meter auf dem störrigen Gaul. Dann fasse ich auf der Südseite festen Stand. Über mir hängt ein Block aus dem Grate. Ich prüfe zuerst, ob er fest verklemmt ist. Mit steifen Fingern den Schnee wegkratzend, umkralle ich ihn — ein langer Klimmzug, und ich liege bäuchlings droben. Nun krieche ich über das vereiste Schlussstück zum rundlichen Wagetengipfel, 1750 m.

Ich richte mich auf. Von der heisserkämpften Zinne schweift mein Blick übers wolkenumdüsterteLand. Weiss gepuderte Felsenstirnen, der Sturm und die Nebel grüssen mich. Unmenschlich schön und einsam ist 's hier oben...

Ich höre stürm verwehte Stimmen, irgendwoher aus der Alltagswelt: « Der Kerl ist verrückt! » so raunen sie höhnisch. Ich lächle. In Fels und Wind und Wetter habe ich entbehren und kämpfen gelernt. Ahnt ihr wohl, was das beim Ringen ums Dasein bedeutet?

Ohne Unfall, mit Hilfe des Seiles, turne ich zurück zum Felsenfusse. Pudelnass, aber zufrieden und freudig ziehe ich ein in der Lochbergalp. Den Genossen dort wünsche ich frohe Heimkehr, denn « sie ziehen stumm, ein geschlagen Heer », durch den wieder einsetzenden Regen zu Tal.

Schon dämmert 's. Goldrot züngelt die Lohe. Dampfend beginnen die Kleider zu trocknen. Urbehaglich ist es am russigen Herde.

Voll geniesse ich, was den Furchtsamen versagt bleibt: köstliche, kampf-errungene Feierstille.

Am Brückler.

In finstrer Frühe, bei feinem Sprühregen, verlasse ich die Lochberghütte. Einzelne Sterne funkeln flüchtig durch die vorüberhastenden Wolken.

Im Südwesten stehen Bockmattli und Tierberg, undeutlich vom Himmel abgehoben. Als schwarzes Ungetüm droht gegen Westen die Plattenwand des Brücklerstockes.

Fast ebenhin, eher etwas absteigend, überschreite ich ausgedehnte Weiden. Der Schein des Laternchens durchirrt das Dunkel. Ich quere, die Wegspur verfehlend, kleine Bachrunsen und schneefreien Rasen. Dazwischen lagern nasse Schneestreilen, die mein Vorwärtsstürmen zeitweise bremsen. Froh bin ich, als hintei einem Wäldchen die Hütten der Winteregg auftauchen, 1440 m. Eine düstre Wetterwolke schüttet bald Regentropfen, bald Graupelschauer übers schneegefleckte Hochtal; aber gleich darauf öffnet sich am Himmel ein sammetblau schimmerndes Riesenfenster.

Ich ziehe die Schneekappe über die Ohren und erklimme den Rasenrücken zwischen Brücklcr und Köpfenstock. Vom Sattel zwischen beiden Gipfeln trennt mich nDch eine Felsenstufe. Ein Grasband, dann ein « Damenkamin » geleiten mich unschwer zur freien Höhe. Auf einem schmalen Rasenkamm ersteige ich vollends die Spitze des Brückler, 1773 m.

Nicht nur nach Rom. nein, auch hier hinauf führt eine Reihe bald leichter, bald schwerer Wege. So hätte ich am liebsten von der Wäni aus das breite Nordflankenband durchstiegen; doch der nasse Schnee liess mir das als bedenklich erscheinen. Ebenso lässt sich von den Flühalphütten im Hädiloch aus die Nord wand bezwingen, indem man über die grosse Schutthalde und durch eine steile Felsschl icht klettert, bis die Wegspur am Grasband erreicht ist. Der kühne Ostgrat selbst liesse sich mit Seilhilfe begehen. Vorerst genügt es mir, fast mühelos, ohne Gliederverrenken den Aussichtsgipfel errungen zu haben.

Des Morgendämmeins Farbenspiel endet hinter den grünen Nagel-fluhkämmen. Stahlgrau flirrt der Zürichseespiegel. Darüberhin ziehen Wetterwolken, schwerfällig und schwarzviolett getönt. Nebelfransen flattern wild von ihren wulstigen Riesenstirnen. Am Gesichtskreis aber — o Wunder —7 lacht kornblumenblau der Morgenhimmel, von rosigen Wolkenschäfchen durchschwebt...

All dieses Schöne erfasse ich mit der jubelnden Inbrunst verlangender Jugend. Mich packt 's w:e ein Rausch; in den brausenden Westwind jauchze ich mein Frohgefühl hinaus.

Guten Tag, du prächtiger Bergnachbar! Überwältigend kühn, mitplatten-umpanzerten Schneiden schwingt sich der Köpfenstock zu den jagenden Wolken auf. « Hast du Schneid, dann bezwinge michl » scheint er herüberzuspotten.

Sturmgeschützt hinter grossen Felsblöcken frühstücke ich munter und selbstzufrieden, unbekümmert um Tages- und Weltgeschichte. Nachher schlendre ich südwärts hinunter, bis ich an den stotzigen Halden fast wider Willen ins Laufen gerate So setze ich zuletzt wie ein flüchtender Hase über Rasen, Geröll und Pappschnee hinunter. Im rundlichen Sattel der Scheidegg, 1431 m, erst komme ich fast atemlos zum Stehen. Es verlohnt sich auch, dieses Erdenflecklein, der reizendsten eines, zu betrachten: Ringsum wellt das offene Weidland. Kein Gasthof ungeheuer prunkt auf dem stillen Übergänge. Nur anspruchlose Wanderer rasten hier zu herzerquickender Umschau.

Osthin schlängelt der Schwändibach gemächlich durch saftige Alpenmatten, bis er drunten im schattigen Waldesgrund den träumenden Haslen-see begrüsst. Eine Wegspur leistet dem Wasser Gesellschaft; sie führt über Schwändi, Twing und Stutz nach Näfels ins Glarner Grosstal hinaus. Wen es nach Oberurnen gelüstet, überschreite die Alpen Stadtboden, Winteregg und Lochberg. Auch über die Lücke der Wäni zieht ein Jägersteig ins Hädiloch. Der Risetenwaldgrat entsteigt den Alpmulden wie eine Adlernase einem breiten Gesicht. Daneben ragt die Plattenwand der Wägeten als ein rechter Trotzkopf.

Ich pilgre, etwas ansteigend, südwestwärts, an den Tierbergsteilwänden entlang. Der Jochweg umzieht, die Trebsenalp berührend, weiter unten die runsendurchfurchten Lehnen.

Zu hoch gekommen, fahre ich hurtig durch eine Lawinenrunse ab. Mit Donnergepolter tanzen mir aber die beinhart gefrornen Schneekugeln nach. Erst als mir ein kräftiger Eisball den Schädel streift, entspringe ich erschrocken der gefährlichen Kegelbahn.

Nun ist mir der Weg wieder gut genug. Er zickzackt durch Hochwald. Ahornbäume entstreben kraftvoll dem finstern Tann. Nun geht 's am Nordfusse schreckhafter Klippen über kahle Schutthalden zur Schwarzenegg, dem Nebenjoch zwischen Scheinberg-Bockmattli und Brüschstock, 1490 m, einem richtigen Schneeschuhmugel.

Verräterisch freundlich blitzt die Sonne durch schneeverbogene Fichtenäste. Das feuchte Nebelgrau verfliegt. Warmgoldig leuchtet auf einmal die frostige Bergwelt. Ein Frühlingsahnen klingt durchs Gemüt. Mir ist es, ich müsste die verstummten Herdenglocken wieder hören.

Doch aus dem Westen, wo die letzten Bergwellen im Flachland verzittern, jagen schon wieder des Sturmes Herolde auf gewaltigen Wolken-rossen heran. Nicht lange und das Unwetter rast schlimmer als vordem über die Kämme.

Zwei Stunden später, beim Abstieg vom Bockmattli, entladet sich ein Hochgewitter, wie es die Neujahrszeit nur selten sieht. Zu meinen Häupten blitzt und kracht es. Hartnäckig verfolgt der anschliessende Regen mich hinaus durchs Wäggital. Eingeweicht bis auf die Knochen erreiche ich abends den Bahnhof zu Siebnen.

Köpfenstock.

Es gibt Berge, die uns um so mehr verblüffen, je umfassender wir sie kennen lernen. Gleich Kobolden wissen sie Fratzen zu schneiden. Wild-trotzig und störrisch wehren sie die grosse Masse von sich ab. Solch ein Querschädel ist der Köpfenstock oder « Köpfler », wie er im Volksmund heisst. Er versteht es, nach allen vier Winden hinaus ein verändertes Gesicht zu zeigen.

Dem Erdforscher ist sein Aufbau klar: Auf einem dachartigen Unterbau, dem verwitterten Rest einer Überschubfalte, sitzt ein seltsamer Schratten-kalkklotz. Südwärts hängt er beinahe über, und nordhin umgürten ihn hell- graue Platten. Uns freiich genügt dieser Tatbestand nicht. Hinter einer Laune der Erdgeschichte suchen wir bewusste Eigenart, und wir forschen, bis ein umfassendes Bild unsres Gegenstandes gewonnen ist.

Es lohnt sich, den Köpfenstock einmal im Geiste zu umkreisen. Vom Tierberg aus erblicken wir ihn als zahmen Flachschild mit schüchternem Zäcklein, dessen Platten stückweise dünner Rasen umkleidet. Vom Auberg betrachtet, tritt er uns aber als finstres, kurzes Hörn gegenüber; während er uns im Trebsental wiî ein halbrunder Steilschild entgegenglänzt, da der Westgratbogen sein trotziges « Köpfchen » verbirgt. Die gewaltige Köpfen-stocknordwand hinwieder erschliesst sich uns vom Melchterli aus. Ob ihren Kreidebändern hängt dei'Schrattenkalkgipfelzacken frei wie ein Geisterspuk in die Luft hinaus. Am schönsten zeigt sich indessen der Köpfler vom benachbarten Brückler aus. Sein Ostgrat, der tatsächlich vielfach gezackt ist, scheint sich in einer kühnen Kurve zur edel verjüngten Spitze aufzuschwingen.

Ich liebe derartig vielgestaltige und doch immer eigenartige Wesen, seien es Berge oder Mer sehen...

In einer November nebelnacht suchen wir den Zugang zum Köpfenstock. Hinter der Stelle, wo Trebsbach und Aafluss zusammenrauschen, biegt von der grossen Strassenkehre ein heimlicher Schleichpfad nach Norden ab. Durch de:i steinigen Uferwald schlängelt er sich empor zur freien Alpenwiese auf dem linken Gehängeabsatz des Baches. Widerwärtiges Hundekläffen meldet die Nähe menschlicher Wohnstatt. In den Spitz-wald einbiegend, lernen wir wieder die Schrecken eines feuchten Hochforstes kennen. Hohe Fichtenstemme ragen in neblige Finsternis hinauf. Ein etwas lichterer Streifen im Dunkel verrät uns den breit hinziehenden Pfad. Als ein Schlammbach tritt er uns jedoch entgegen. Wie winzige Inseln, weit voneinander, gucken vereinzelte Steine daraus, von menschenfreundlichen Berglerseelen in die zähe Drecksuppe geworfen. Je schärfer der Fuss nach diesen Brocken zielt, um so sicherer tritt er auch daneben; bis man schliesslich, des Kotes nicht mehr achtend, bespritzt und verzweifelnd weiter-patscht. Plötzlich blicken wir hoffend auf. Bei Mutzenwald am Spitzbergfusse grüsst uns freier Weidebaden. Doch wehe, auch da versinkt man im Sumpf bis zur halben Höhe der Unterschenkel.

Gleichgültig geworden, betreten wir nochmals den vernebelten Trebstal-waldsumpf. Am südlichen Bachhang schleichen wir über Windbruch und Runsen fast endlos dahin. Meist verfault oder eingestürzt sind die Holzbrücklein des Jammerweges. Dieser einsame Forst versetzt uns zurück in feuchtere Urzeittage.

Wir überschreiten schliesslich den Trebsbach und betreten den festeren Untergrund des übersah obenen Kalkgebirges. Nach zweieinhalbstündigem Wandern verlassen wir den Saalwald und treten aufatmend auf die Matten des Ramseli hinaus. Das « Naturfreunde»-Bergheim bietet uns gerne seine kleinen traulichen Räume. Im stillen nehmen wir uns vor, hier im Winter einmal mit Schneeschuhen zu erscheinen, weil dann der Schnee eine glatte Zufahrt ermöglicht...

Über den Bergen lacht die Morgensonne. Sie überschaut ein weites Nebelmeer. Unter der Höhe des Ramseli wogt es silberglänzend, Welle an Welle. Dicht schmiegen sich die einsamen Hütten an den Unterbau des Köpfenstockes. Vom schützenden Hochwaldgürtel umkleidet schiesst sein Westhang jäh empor. Bachrunsen durchreissen das Gehölz. In der zweiten dieser Rinnen steigen wir an. Bald aber erklimmen wir den trennenden Bergsporn und winden uns, einer jähen Pfadspur folgend, in lustigen Zickzacks hinauf. Eine Stunde vergeht, bis wir die Tannenkrüppel im Kampfgebiet der obern Waldgrenze erreichen.

Empor durch die Schlucht! Wir wollen ans Licht! Droben auf einer Felsenschulter sonnen wir unsre klappernden Knochen.

Wie ein Steildach, stückweise mit Platten verkleidet, erhebt sich dicht vor uns die Südflanke. Sie trägt den leicht zugänglichen Vorgipfel. Schon mancher, der « auch schon droben war », hat statt des glatt auf schiessenden « Köpfchens » nur diese zahme Vorhöhe bestiegen, 1823 m.

Auch wir verzichten gerne darauf, den plattigen Unhold von vorne zu packen. Aus der Lücke zwischen den beiden Gipfeln setzt das Nordflanken-schuttband an. Ununterbrochen erstreckt es sich — ein Gemsenlustpfad — bis zur Wäni. Vorsichtig, da Neuschnee das Band überkleistert, queren wir zum Nordostfuss des Kopfes hinüber. Ob uns wird nun eine tiefere Kerbe im Ostgrat des Berges sichtbar. Eine Wandstufe, zwanzig Meter hoch, mit winzigen und verschneiten Griffen, trennt uns noch vom luftigen Ziel. Zähe ringen wir mit den Felsen, einander kräftig unterstützend. Warme Menschenleiber verklammern und stemmen sich aufwärts an eisiger Wand. Hell pfeift die Luft durch ihre Lungen, ihre Muskeln spannen sich bis zum Krampf, und in den starren Fingern brennt der Frost. Wozu das alles? Weil's uns freut! Weil Kampfesfreude uns durchsprüht! Weil dunkle Mächte uns ringen und wagen heissen!

Wir stehn in der Lücke. Die Sonne wärmt uns. Wir blicken uns an mit freudefunkelnden Augen.

Ein Gesimschen in der Südflanke bringt uns zu rasengepolsterten Felsenstufen, die leicht zum rundlichen Köpfenstockgipfel führen, 1895 m. Auf weichem, doch gelbbraunem Spätherbstrasen lassen wir uns vergnüglich nieder. Entzückend, sonnlichtüberflutet dehnt sich um uns das Nebelmeer. Seine Wellen bäumen sich auf wie silberne Rosse; aber machtlos branden sie gegen die Felsenklippen.

Die Köpfenalphütten sind noch zu sehen. Zumeist steigt man von dort herauf. Der von uns gewählte Weg durch die Westflanke ist jedoch doppelt so schön.

Hinunter möchten wir nun nach Osten, darüber sind wir alle einig. Wir könnten natürlich das Nordflankenband bis zum Brücklerjoch hinüber begehen. Zu verlockend aber weist uns die Säge des Ostgrates ihre steinernen Zähne. Ihre lichtumfluteten Kalkplatten schimmern; während drunten am schattigen Schuttband der fingerkältende Neuschnee lagert.

Also frisch geklettert! Langeweile brauchen wir da nicht zu befürchten!

Mitunter wird der Grat breiter, und dürrer Rasen leuchtet auf seinem beidseits jäh abbrechenden Rücken. Dann wieder schnürt er sich zusammen zu einer Kante, auf welcher nur der völlig Schwindelfreie aufrecht schreitet. Stellenweise ist die Grat platte verworfen, und glatte Schichtköpfe starren tückisch dem wagemutigen Menschlein entgegen. Offen anstürmend oder mit listigen Umgehungen besiegen wir diese Hindernisse.

Wo der Ostgrat langsam absinkt, ein Stück oberhalb des Brückler-sattels, schärft sich die Felsschneide unheimlich zu. Links überhängt sie fast gegen das Nordband, und rechts verliert sich der Plattenschuss in der Tiefe des grünen Schwänditales. Vorsichtig reiten wir auf dem Rücken dieses steinernen Riesengaules, um dann, nur dem rauhen Stoffe unsrer Hosenböden vertrauend, ein gänzlich griff- und trittloses Stück des Gratabschwunges hinabzurutschen. An dieser Stelle ist es wohl am besten, gar nicht zu denken, aber gefühlvoll zu bremsen.

Nun wird 's leichter. Latschen umspinnen den Kamm mit ihrem zähen Schlingwerk. Geduldig oder fluchend, je nach Gemütsart, winden wir uns durch die stachlige Wirrnis. Noch vor dem Brücklerjoch ermöglicht eine jähe Rinne den Abstieg.

Zuerst durch Steilwsld, dann am Weidhang wandern wir zur Köpfenalp. Ihre Hütten seitwärts fassend, kehren wir über Rotgrotzen geradenwegs ins obere Trebsental zurück. Schattenwald, Busch und Matten begleiten uns wechselvoll bis zum Ramseli.

Zerkratzt und vom Klettern bös zerschunden, rücken wir wieder ins Berglerheim ein. Hochachtend gedenken wir des Köpflers. Ein Rauhbein ist er. Wer Mut zeigt, gefällt ihm. Den Schwächling und « Nur-Geniesser » aber verweist er strengen Angesichts auf seinen zahmen Nachbar, den Brückler.

Auberg.

Breit wie ein Berneibauer ragt im Vordertal der Grosse Auberg. Voller Eigensucht scheint er das Waldheiligtum des Innertals abschliessen zu wollen. Er hat 's auch getan in uralten Zeiten; aber die Wasser ruhten nicht, bis in den klüftereichen Fels die Stockerlienge eingesägt war. Dank dieser mächtigen Schürf arbeit steht nun der Aubrig allein mit seinem kleinern Bruder. Nur sein gewölbeartiger Aufbau verrät noch den frühern Zusammenhang mit der osthin streichenden Kö pfenstock-Wagetenfalte. Als einfaches Längsschild mit kräftigen Rippen blickt der Grosse Aubrig gen Norden. Nach Osten hin zeigt er ein Felsencreieck, das gewaltig der Stockerlischlucht entsteigt, doch von Süden her grüsst er den Beschauer als begrünte Rasenkuppe.

« Wäggitaler Rigi » nennt das gern übertreibende Volk den Auberg. Freilich steht er ziemlich vorgeschoben; aber mit der wirklichen Rigi darf er sich nicht vergleicher.. Dennoch zieht er viele Bewunderer, selbst Vereine und Schulen in seinen Bann.

Einen derart reich besuchten Gipfel besteige ich gern zu ungewohnter Zeit. Geräuschvoller Frohsinn ist mir zuwider. Er zerstreut und ermüdet, statt die Seele zu neuem Wirken aufzubauen. Aber auch der Aubergspitze sind köstlich ruhige Tage beschieden. Von einem solchen möchte ich erzählen:

Bei Finsternis und feinem Regen bin ich von Siebnen ausgerückt. Schwache Lichtstreifen wirft mein Laternchen auf den Schmutz der breiten Poststrasse. Zu sehen ist nichts. Weil's bergauf geht und der Wildfluss rauscht, so muss ich wohl im Wäggital wandern. Nach anderthalb Stunden tauchen schwarze Hausumrisse vor mir auf. Vordertal ist 's, wie ich vermute. Ich habe genug vom Regen und krieche in einen offenen Wagenschuppen. Mitternacht schlägt die entfernte Kirchuhr. Des Kochers Summen bringt mir allmählich wieder die gute Laune zurück.

Man hat mich gehört. Aus der Stalltüre leuchtet angstzitternd ein steinaltes Mütterlein. Mein lachender Gruss und der brodelnde Teetopf erklären ihr aber den Mitternachtspuk. Aufatmend, mit freundlichen Reisewünschen, zieht sich die Alte ins Haus zurück.

Gegen 2 Uhr bricht der Mond durchs Gewölk. Ich verlasse mein Lager im Leiterwagen. Unstet flimmern einzelne Sterne, und die Aubergnordflanke glüht wie flüssiges Silber.

Wanderfroh quere ich den Flusssteg. Ein niedlich mit Platten belegtes Steiglein führt mich aisgemach bergan. Hütten und Gaden kommen und verschwinden. In den Kehlen, zwischen den hellen Riffen leuchtet blass der Frühjahrsschnee. Tannengruppen rücken näher, der Waldgürtel zwischen Matten und Fels. Das Weglein ist mir im Eifer abhanden gekommen. Bald knirschen Schneeflecken unter mir. Sie schliessen sich zu grösseren Flächen zusammen, und knietief sinke ich oft in verborgene Löcher. Offenbar bin ich viel zu hoch gekommen.

Also hinunter! Die Nordwandschrofen eignen sich nicht zum Nachtwandeln. Im Bergwald gerate ich in ein Wirrwar von gestürzten Stämmen, Blockungeheuern, Sumpflöchern und regenweichen Schneepfützen. Eine arge Irrfahrt beim zitternden Mondlicht! Doch endlich öffnet sich das Gehölz, und ich finde den verlornen Pfad. Er streicht am Waldrand entlang und verbindet Dorlaui- und Ahornlialp.

Der Osten erhellt sich. Zierlich steigt jenseits der Mulde des Kratzerli-baches der Kleine Auberg aus den dunklen Forsten.

Eine teilweise schneefreie Steilrunse lässt mich von der Ahornlialp zum Sattel nördlich einer Vorhöhe ( Punkt 1516 m ) gelangen. Damit habe ich die Westflanke umwandert. Vorsichtig dringe ich nun empor am plattigen Südhang des Grossen Aubergs, denn loser Neuschnee deckt den steilen Rasen. Zuletzt kommt ein Streifen schütterer Tannen, durch den ich leicht und unvermittelt ein Viertel vor 5 Uhr morgens das Kreuz auf dem freien Gipfelkamm erreiche, 1698 m.

Die Bise pfeift. Zuweilen neiden mir fahrende Nebel den weiten Ausblick. Doch über den Kuppen und Sandsteinzacken des Nüssen, des Mutt-und Mützensteins erhebt sich prall und gewaltig der Fluhberge schimmerndes Dreigestirn. Auch die übrigen Innertaler Felsriesen grüssen herüber, und Sonntagsglocken hallen aus der grünen Tiefe.

Nun finde ich Zeit, mir die weitern Zugänge zu meiner Hochwarte auszukundschaften. Von Süden her wird der Aubergrücken wohl am meisten « erstürmt und erschlichen ». Ein Steiglein, abzweigend am Stockerliausgang, schlängelt durch Hochwald und über Grasbänder zum Hangabsatz des Schrähli, 1280 m, empor, um sich dann über die Bärlauialp und zuletzt durch den obersten Steil Waldgürtel zum Gipfelkamm hinaufzuwinden. Viel kürzer aber anstrengender ist es, die Schrofen der Nordflanke durch eine Rinne weg- und steglos zu erklimmen. Im Frühjahr fährt man ohne Bedenken in sausender Fahrt durci das Schneeloch ab.

Nebelhauch vertreib; mich vom Aubrig; aber drunten im Dorlaui zucken aufs neue die Strahlen ans den zerflatternden Wolken. Die Märzenglöcklein an schneefreier Lehne lachen mich sonnenfreudig an, und singend schlendre ich hinunter ins Sonntag stille Wäggital...

— Ein Sommer, ein Winter entschwinden, und wieder wird 's Frühling. Mit einem jungen Gefährten raste ich zum zweitenmal bei Punkt 1516 m am Südwestkamm des Grossen Aubergs. Die Märzensonne meint es gut. Metallisch erglühn die sc tineeumkleideten Mulden.

Auf freigewehtem Ilasenrücken umgehen wir den Alpgrund von Ober-ahornen. Erst hinter Pu:ikt 1432 m müssen wir das oberste Stück der flachen Talschlusswanne queren Wie Butter gibt der Frühjahrschnee nach. Fast schwimmend quälen wir uns weiter, bis wir auf dem tannengeschmückten Südkamm des Kleinen Aubergs festes Land gewinnen.

Am Gipfelfuss, hinter einem Hügel, entdecken wir die auf dem Kärtchen verzeichnete Hütte. Beschaulich thront sie ob der Felsenstufe, dem Sommer entgegenträumend.

Über massig geneig;e Grashalden schlendern wir zur Höhe des Kleinen Aubergs, 1644 m. Kein Menschenlaut, kein Herdengetön unterbrechen des Gipfelchens wohligen Frieden. Nur die steigenden Morgennebel kämpfen mit dem goldigen Sonnenfliinmer. Wie Rauchfahnen wehen sie hinauf ins Blau, im zitternden Luftmeer spurlos verschwindend.

Stunden entschweben in seligem Schauen. Wir wollen und wollen nicht hinunter. Erwartet uns doch der scheusslichste Schneesumpf in der Mulde, welche wir queren müssen. Doch je länger wir warten, desto schlimmer wird es. Auf denn, mitig hineingepatscht. Am Steilhang geht es noch; aber im flachen Grunde erreicht uns das hämische Schicksal.

Kein Lüftchen geht. Die Sonne brennt, als hätte sie Eier auszubrüten. Selbst die Reifen sinke i tief in den Schneebrei. Mein reifenloser Gefährte aber torkelt wie ein Häufchen Unglück, oft halb verschwindend, hinter mir her. Vergeblich versuch; er, an einer Kette von Flüchen sich aufs Festland zu ziehen. Doch still davon! Auch die Frühlingslandschaft hat zu unserm Elend geschwiegen. Auf der Ahornlialp unten werfen wir uns erschöpft und schweiss-übergossen nieder. Die: eine Hütte liegt fast begraben in einem Haufen Lawinenschnee, und jetzt noch zischt es unheimlich droben an den weissen Lehnen. Der Lenz ist hier ein gefährlicher Geselle.

Auf ausgetretenem Weglein wandern wir durch Wald und Weide hinab ins Vordertal.Jakob Hess

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