Von der Guppenlawine im Kanton Glarus

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Mit 4 Bildern ( 31-34 ) und 2 Skizzen.Von Joit Hösli

( Glarus ).

Das tief in den Alpenkörper eingetalte Glarnerland zählt nicht weniger als 374 Lawinenzüge, deren Schneestürze jedes Jahr beträchtlichen Schaden an Boden und Wald, Brücken und Gebäuden, in geringem Masse auch an Vieh und Menschenleben verursachen.

Wohl die grösste und gefürchtetste « Laui » ist die der Guppenrunse. Die gewaltige Abrissnische des prähistorischen Glärnisch-Guppen-Bergsturzes bildet einen Einzugstrichter, der durch seine übertiefte Muldenlage von etwa VON DER GUPPENLAWINE IM KANTON GLARUS.

1500 m mittlerer Höhe im Rahmen 1200 m steil ansteigender Kalkwände im Winter zum Sammelbecken riesiger Schneemassen wird. Im Frühling jeweilen entledigen sich die fast vegetationslosen Hänge und Schichtterrassen der ungeheuren Lasten, die als mächtige Grundlawinen den korrigierten Runsenlauf als Piste benutzen und weit ins Tal vorschiessen.

Seit dem Jahre 1817, wo die « Löwin von Guppen » ob dem Thon bei Schwanden das Haus der Witwe Zopfi fortriss und acht Menschenleben forderte, sind nie mehr so mäch- tige Schneemengen zu Tale gerissen wie am 20. Februar 1940.

Tagelang fiel strömender Regen in die auf 1000 m Höhe ungefähr 2 m messende Schneeschicht und löste die ungestüme Bewegung aus, die das Runsental auf eine Länge von über 2 km in wechselnder Breite von 100 bis 200 m mit Schneemassen von 10 bis 20 m Mächtigkeit überdeckte. Die Ablagerungen von schätzungsweise 20,000 bis 200,000 Kubikmeter Inhalt blieben bis in den späten Juni erhalten, wo sie dem Föhn, den häufigen Regenfällen jenes Sommers und MM

Übersichtsplan der GuDoenlawine von 2o. B .40.

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Schwendenbesonders der durch eine günstige Exposition bedingten Bestrahlung verhältnismässig frühe weichen mussten.

Ist schon das Ausmass dieser Lawine beachtenswert, so sind es noch vielmehr die Bewegungsformen, die sich am abgelagerten Schneekörper sehen liessen. Aus einer Fülle merkwürdigster Erscheinungen, die sich selten in solchem Reichtum an einer Lawine finden, sollen im folgenden nur die schönsten und eigenartigsten beschrieben werden.

Der aus einer Mündungsschlucht des Guppenkessels hervorgequollene Lawinenstrom prallte zunächst auf den 15 bis 20 m hohen Steilhang einer schmalen Erosionsterrasse, in deren Schutz das sonnige Bergsturzdörfchen Schwändi liegt ( siehe Übersichtsplan ). Unmittelbar nach deren engen Stelle, da wo die Hänge auseinander fliehen und Raum zu einer ausgedehnten Entfaltung bieten, noch vor der Prallzone, fand sich die erste Anlage zur späteren Stromteilung. Eine im Oberlauf nur leichte, mit dem Gefälle aber wachsende Schwelle ( S ), die den sommerlichen Wasserlauf von den Alpweiden scheidet, zeichnete sich durch die Bildung einer Schneeschwelle ab, deren Begrenzungs-flächen lauter Scherflächen waren. Sie zeigten Riefungen und Hohlkehlen ( Abb. 1 ). Merkwürdig war eine dunkle, seitlich und nach oben scharf begrenzte Schurffläche, die unter einer leichten Gefällstörung lag. Sie erschien wie eine flache Kerbe, die durch ein plötzlich stark ansetzendes Hohlmesser erzeugt wird. Der blossgelegte Grund, die nur geringe Mächtigkeit abgelagerten Schnees sprachen für eine geschossähnliche Lawinenbewegung. Besonders auffällig war die geringe Grosse der Schneegerölle, die in der Tiefe der Bahn lagen, während auf der abgescherten Schwelle viel gröberes bis blockiges Material lagerte.

Das Bord ( B ) wurde gänzlich kahl und eishart gescheuert, so dass der Fuss abglitt wie an einer Gletscherwand. Die vielen Erlensträucher vermochte der kräftige Strom nur umzulegen und der Rinde zu berauben, Steine aber, die eine grössere Angriffsfläche boten, wurden gelockert und ausgerissen. Die Wucht des Anpralles, die auch Schnee auf die Rückenfläche des Raines hinaufwarf, minderte die Bewegungsenergie, was eine Stauung zur Folge hatte. Dadurch wurde ein grosser Teil der Lawine über das Runsenbett hinaus nach rechts geworfen, so dass nun plötzlich zwei Stränge nebeneinander und fast unabhängig voneinander dem Tale zuflössen. Diese Teilung wurde dem Dorfe Schwändi zum Glück, wäre doch die Schneemasse für einen Weg zu gross gewesen und hätten ihr unwiderstehlich Häuser und Ställe zu Opfer fallen müssen.

Der linke Ast folgte dem 10 bis 15 m breiten und etwa 3 m tiefen Runsenbett. Seine vordersten, von Wasser durchtränkteren und deshalb beweglicheren Massen erreichten bei einer Weglänge von mindestens 3 km den Talfluss, die Linth, während der Hauptstrom weiter hangwärts in einem Wäldchen zum Stillstand kam. Nach der Mitteilung eines der Runse anwohnenden Bauern soll der Lawine pfeilschnell dahinschiessendes Wasser vorausgegangen sein, das das ausgemauerte Bett zum Bersten gefüllt habe.

Der andere, rechte Stromast nahm anfangs einen parallelen Weg über Alpweiden ( A ) in einem alten Tälchen, durch das noch in historischen Zeiten die Runse zog und plötzlich in einem Winkel von 40 Grad vom rezenten Lauf abbiegt und über die Liegenschaften von Thon und Schwanden nach der Linth zielt.

Der Prall- und Stauzone ( B ) entsprach auf der durch eine bewaldete Rippe gebildeten rechten Flanke eine durch den Rucks toss aufgeworfene 5 m hohe, senkrecht abgescherte Schneewand als getreues Spiegelbild des linksufrigen natürlichen Terrassenbordes. Begünstigt durch die hemmende Wirkung des Waldes hatte sich der lebende Strom selbst ein festes Ufer aufgebaut, das eine Menge Schmutzstreifen aufwies, die wie Stromlinien der Reliefbewegung des Untergrundes gleich liefen. Die Deutung dieser Bänderung als rein äusserliche Zeichnung und Ornamentik ist wenig wahrscheinlich, zeigte sie sich doch auch weiter talwärts ( Abb. 2 ).

Der Wald ( W ) wirkte wie eine Spaltecke und vermochte den Schnee in Richtung des gefällbegünstigten alten Runsenlaufes abzuleiten. Die Gewalt der Bewegung offenbarte sich in den an der Spitze des Keiles gefällten Riesen-buchen, die von den ältesten und schönsten des Landes waren.

Der Boden der sich immer mehr vertiefenden Schneerinne war fast kahl. Nur kleine Schleppen von feinkörnigem Schnee bedeckten streifenförmig den blossen, aber wenig aufgeschürften Untergrund. Durch die Waldspitze ( W ) nach rechts abgelenkt, wuchs die Schneemauer neuerdings über die herrschende Mächtigkeit von 2 m hinaus zu 4 bis 5 m hohen Wällen. Eine leichte Gefällstörung unterstützte die Stautendenz noch wesentlich und wirkte sich wie eine Schanze aus, über die der Schnee in die Luft stiess. Daran erinnerte eine gegen den Strom quer verlaufende Gesimse, die von der Seite in die Tiefe des Grabens zog. Die Steile der Mauern, die in basalen Teilen eine eigenartige Stufung zeigten, ging in allmählicher Rundung in die schon stärker und mit gröberen Gerollen überdeckte Bodenfläche über ( Abb. 3 ). Der Schmutz war hier unregelmässig fleckig angeordnet und trug den Charakter der Oberflächlichkeit. Überhängende Partien wechselten mit unterschnittenen ab, wobei oft schmächtige Lagen in Form linien-hafter Rippen vorragten. Die Höhe der Trogränder nahm im weiteren Verlaufe immer mehr ab, die Talbreite aber zu. Mit dem Aufhören des Waldes fand der seitliche Widerstand ein baldiges Ende. Nur seine Nachwirkung verhinderte ein plötzliches Abbrechen und ermöglichte ein allmähliches Ausklingen und Auseinanderlaufen der Randwälle. Die Ablagerung nahm an Grosse stark zu. Eine schon beträchtlich dicke Schicht nur oberflächlich lockerer Schneekugeln verhüllte den Wiesengrund. Die Formen der Akkumulation überwogen endlich diejenigen des Transportes.

Der Ablagerungsraum zeigte deutlich den unbegrenzten und doch nicht stetigen Übergang. Er war durchaus nicht einheitlicher Gestalt. Traten nun die ursprünglichen Randwälle auseinander und ergoss sich der Inhalt des durch sie begrenzten Tales über freies Feld, so gliederte dieser sich selbst wieder in starrere Flanken und einen beweglicheren Kern, der weiter floss und die gehemmten Seiten stehen liess. So entstand ein neues Tal. Seine begrenzenden Innenflächen fielen aber viel weniger steil und gleichmässig ab, derart, dass ein V-förmiger Querschnitt zustande kam. Die Tiefe des im Dach der Lawine liegenden Tales nahm mit der Stromrichtung ab und strich über den Rücken der vorliegenden Massen in die Luft hinaus ( Skizze ). Man konnte sich des Eindruckes eines Schichtkopfes nicht verwehren, der sich zudem noch durch eine arg verschmutzte Fläche von den liegenden Schneemengen abhob. Die nun folgende mächtige Schneeschleppe, die fast an den Saum der Siedlung Thon gelangte, war von einheitlich massiver Gestalt und stellte als ein im Querschnitt trapezförmiger Schwanz den innersten Kern des Lawinenkörpers dar, der am längsten die Bewegung bewahrte und sich am weitesten vorschob. Die breite Dachfläche wurde gegen das Ende immer schmäler und lief schliesslich in einen Grat aus, von dessen äusserster Spitze VON DER GUPPENLAWINE IM KANTON GLARUS.

der Schnee kegelartig abfiel. Die Oberfläche war ein wirres Trümmerfeld grossknolliger Blöcke ungefügen Baues. Hie und da ragten mächtig aufgestellte Blockriesen über eine einheitliche Gipfelflur. Ihre regelmässige Anordnung verriet mehrere Stauzonen, die derjenigen des noch erhaltenen Schichtkopfes entsprachen. Deutete dessen Unversehrtheit auf eine sanfte Abbremsung, bei der eine einheitliche Decke unbeschädigt blieb, so konnte die Zerrissenheit der untersten Stauzonen nur durch ein ruckartiges Abstoppen begriffen werden, wobei die Schneemassen in zyklopenhafte Trümmer zerfielen. Solche Stosswellen sind an allen Lawinen zu beobachten und dürfen verglichen werden mit den Brandungswellen des Wassers, die sich unter dem Einfluss plötzlich hemmender Faktoren überschlagen und zerbrechen ( Abb. 4 ). Interessant mag noch die Aussage alter Leute sein, die berichten, dass die « Lauf » zu der Zeit, als die Runse noch nicht verbaut war, nur selten so weit ins Tal vorgedrungen sei. Damals sollen grosse Felsblöcke das Bachufer gesäumt haben, die der Lawine hindernd im Wege standen. Und noch ein wirksameres Hindernis hatte früher der grossen Lawine den Weg versperrt, nämlich die kleine Konkurrentin einer Nebenrunse, die gewöhnlich als erste niederging und gleich einer schützenden Mauer ihren Leib quer über den Weg der Guppenlawine legte. Das Einzugsgebiet dieser Tochterlaui wurde aber verbaut, und die Felsblöcke haben in den 90er Jahren für die Bachbauten Verwendung gefunden, so dass die an und für sich segensreichen Wildbachverbauungen im Winter den Lawinen merklichen Vorschub leisten.

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