Von einer Schweizer Reise im Jahr 1773

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Mitgeteilt von R. Egli ( Herrliberg )

Am 15. Juni 1773 verliess der jugendliche Joh. Rud. Schinz ( 1745-1790 ) mit sieben Begleitern die Stadt Zürich zu einer Reise durch die ganze Schweiz, die bis Ende August dauerte. Sein Gefolge stammte aus alten Zürcher Familien: Heinrich und Jakob Schweizer, Heinrich Landolt, Johannes Troll, Caspar Bodmer, Samuel Hirzel und Caspar Hirzel.

Voran wanderte ein Bedienter, und den Zug schloss ein « Hofmarschall » mit einem unterwegs gekauften Grauschimmel. Es muss ein farbenfroher Zug gewesen sein, der zur Sihlporten hinauswanderte. Der Weg führte über Olten nach Basel, dann kreuz und quer durch den Jura, dann nach Bern, Freiburg, an den Genfer See, durchs Wallis, über die Gemmi ins Berner Oberland, weiter nach Luzern, das Reusstal hinauf, über den Oberalp- und den Panixer Pass ins Glarnerland, nach St. Gallen und an den Bodensee.

Aus der ausführlichen Reisebeschreibung von Schinz, der von 1778 bis zu seinem Tode Pfarrer in Uetikon am Zürichsee war, möchten wir einige interessante Beobachtungen vom Weg nach Engelberg erwähnen, nämlich von der « Engstieralp »:

« In dieser Gegend gibt es wohl die schönsten, grössten und volleibigsten Weibsbilder des ganzen Berneroberlandes.

Es standen da mehrere Sennhütten, in deren einer wir sogleich um Nachtherberge anfragten und endlich noch willig und mit Anerbietung von Hausmannskost und Lagerstätte aufgenommen wurden. Ach mein Gott, seufzten wir alle einstimmig, wo ist itzt das von Haller gepriesene, glückliche Alpenleben? Wo sind itzt die unschuldigen Hütten des bernischen Oberlandes? Alle in seinen Gedichten gepriesenen Schönheiten verlieren sich in einer dreckigen Sennhütte, wo ein armer Reisender nicht einmal eine geräumige Lagerstätte, nicht einen Ort findet, da er sein Haupt hinlege. Ein kalter fieberischer Schauer wandelt mich an, wenn ich an unsere damalige Leibs-und Seelensituation denke! Müde vom immerwährenden Steigen, an den Beinkleidern und Überröcken tropfnass von anhaltendem Regen; von der Nacht in einem armseligen, in Schlamm und Koth halb versunkenen, öden, rauchenden Gadem befallen, in Gesellschaft von Schweinen, des unvernünftigsten Viehs! Kein Stuhl, kein Tisch, nicht der geringste Schatten von Bequemlichkeit; halb verfrierend von der nassen Kälte, halbblind von dem dicken Rauch einer russichten Feuerheerde, ohne LichtUnd dann, und dann, was das wehmüthigste, bemitleidenswürdigste, ohne Lagerstätte! Lasst itzt noch eine heisse Thräne fallen, ihr barmherzigen Mütter, und fraget eure Söhne und freuet euch über sie als neue Geschenke des Himmels, dass sie noch gesund und gesunder als vormals in euren Schoss zurückgekommen sind. Erzählet Ihr es, liebe Freunde, wie so bald das wenige Brot und das kleine Stück Fleisch, welches wir mitgebracht, verzehrt war; wie wir hungerten und uns an der Milch nicht sättigen konnten, wie wir froren und nicht zum Feuer kamen; wie wir abends elender als das Vieh auf einem Schochen verdorbenen Heus Ruhe suchten und sie vor Kälte und Rauch nicht finden konnten; wie eine einzige Decke unser acht decken und wärmen sollte; wie man den Schweinen bei uns mehr Ehre erweise und Rath und That anthue als uns! Erzählet von eurer traurigen Nacht euren Geliebten, und sie werden euch holder sein; euren Kindern, und sie werden sich über nichts mehr klagen; Euch selbst, wenn ihr übellaunig und bei kleinen Verdriesslichkeiten böse seid, und ihr werdet augenblicklich zufrieden und gegen euer Schicksal dankbar sein. » In Grindelwald wurden sie sehr gut aufgenommen. Nach einer höchst erquicklichen Nachtmahlzeit mischten sie sich unter das Volk, « welches uns höflich aufnahm und die frischesten Mädchen zum Tanz anbot. Die meisten von uns nahmen es begierig an und tanzten sich schier die Füsse ab. Ja, zween gingen noch weiter. Sie wurden mit den Mädchen vertraulicher und es war an dem, dass gewisse natürliche Anzüglichkeiten die allerreinste Unschuld und Keuschheit verdrängen und zu seltsamen Gelüsten Anlass geben wollten — da fand man es rathsam und wohlgethan, dem allem mit An-wünschung einer guten Ruhe ein Ende zu machen. »

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