Von Elm mit Ski über Martinsmaad zum Ofen und Piz Grisch

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Von Leo Kunde.

Elm. « Die Seile her, wir wollen sehen, wie sie sind », sagt Führer Schaub und untersucht die Dinger. Hans hat ein Stück von 30 m, der Leo ebenfalls soviel, dazu noch viel Lawinenschnur. Der Führer selbst hat 40 m, ein Bund von Abseilschlingen bildet den Rest. Man weiss es nicht, vielleicht muss dieses oder jenes Stück für immer in den Wänden bleiben, bis es von selbst zerfällt und nicht mehr ist.

Die Pickel sind im Rucksack gut verstaut, doch drohend ragen ihre Spitzen aus den Hüllen. Die Ski werden aufgeschnallt, quer auf den Sack, sie müssen balancieren, wohl an die 30 Kilo wiegen unsere Säcke. Schon sind wir auf dem Marsch — so müssen Schmuggler gehen. Wir drücken uns um eine Ecke und sind befreit vom Dorfe, wir sind schon fort, weit fort. Dort oben steht das erste Ziel: die Hütte Martinsmaad.

Rasch geht der Weg an uns vorbei. Vor uns erschallen Schläge. Die Eimer sind im Wald, sie fällen Holz. Es sind die wetterfesten Mannen, sie schauen uns an, und eine Weile hört man nichts von Schlägen. Wir grüssen freundlich, zurück kommt nur ein Grinsen. Zwei Grinsen sind sich hier begegnet, das eine war von uns — es war bestimmt Das andere zeigte Schadenfreude. Er zeigt mit seinem Finger an den Kopf, der Mann dort mit der Axt in seiner schwielig groben Hand, um nachher mit der Faust auf seiner Stirn zu drehen. Wer ist verrückt? Er meint nur uns, doch lachend eilen wir dem ersten Ziele zu.

Die Schlucht ist rechts. Man sieht auch ganz hinunter. Links sind die Wände schroff und steil. Ein schmaler Weg im Winter, es ist ein Band mit Brücklein über Runsen. So geht es bis zur Niedern, der Tschingelalp. Wir sind schon da, bei diesen kleinen Häuschen, es ist noch früh, wir waren schnell, grad wie im Sommer Die Ski werden angeschnallt, die Säcke sind nun leichter. Mit Spass und Witz, so geht 's zur ersten exponierten Stelle.Vereist soll dort die Runse sein, ein Lauizug. Im Sommer sei ein Drahtseil da, für die Turisten. Ganz junger Schnee, er wird zerpflügt mit unsern Brettern. Wir sind allein, für uns, mit uns.

« Schau dort », sagt Hans, der Max ruft auch, « eine Gems ». Es sind doch viele, wir zählen zwölf. Sie sind nicht scheu, auf gleicher Höhe stehen sie wie wir, sie weichen nicht.

Es ist zu steil, die Bretter müssen fort von unsern Füssen. Der Schnee weicht bei jedem Schritt. Steigeisen werden angeschnallt. Wir seilen an. Die Bretter sind am alten Ort, quer auf den Säcken. Wir sind bereit. Nur Hänschen braucht so lange. Wieso denn nur? Er greift in alle Taschen seines Die Alpen — 1937 — Les Alpes.1 Sackes. Er sucht und findet — drei Sterne hat das Ding auf seinem Bauchder Leo zieht den Korkenzieher, und alle konsultieren ihn, den Kognak, den Hänschen fand.

Es geht in die vereiste Runse. Der Schnee ist locker, leicht und neu, er hat sich mit der Unterlage nicht verbunden. Vorsicht ist mehr als nötig, man sieht den Landungsplatz weit unten. Ganz langsam geht der Führer vor. Wir sichern ihn, wir drei. Er braucht mehr Seil, der Leo muss dem Führer nach, dann kommt der Hans, der Max muss mit. Die Sicherheit ist null, die Sicherungen fraglich. Die Zeit vergeht, gesprochen wird fast nichts. Sehr mühsam wird der Weg gebahnt, und wie auf Eier treten Füsse. Die spitzen Eisen greifen manchmal nicht. Doch Schaub kann sichern, hat nun Stand, wir kommen nach. Zwei Stunden brauchten wir, es ist schon 11 Uhr morgens. Wir sehen die Hütte, die gesuchte. Sulzboden heisst man diesen Ort; nur noch das letzte, steile Stück, und wir sind dort, am ersten Ziele.

Max geht nun vor, er ist ein grosser Pfader. Eine kurze Rast. Wir kommen ins Gebiet der grossen « Laui », Sulzbodenlaui nennt man sie. Sie ist gefürchtet. Ihr entrinnen ist nur Glück. Der Schnee ist eklig. Harsch wechselt ab mit tiefen, weichen Massen, vom Wind gehäuft. Es geht, es muss, wir wollen. Schaub ist nun wieder vorn, gesprochen wird kein Wort, die Laui könnte kommen, man weiss es nicht. Heraus aus diesem Zug, wir alle trauen nicht, dort in die Wand nach rechts, der Grat zieht sich fast bis zur Hütte. Die Uhr zeigt halb 2. Wir machen schnell. Wir wollen doch noch vorarbeiten für den andern Tag, die Stufen schlagen in der Wand vom Grisch. Es ist sehr kalt, der Wind heult um die Gipfel, und alle Gräte, Kämme, Höhen tragen Fahnen. Die Fahnen sind aus Schnee. Es ist so schön. Doch vorwärts müssen wir, hinauf zu unserm Ziele, zur Martinsmaad. Nur langsam geht 's. Der Stein ist schlecht und faul, das faule Zeug vereist, die Griffe fehlen. Wir sind nun drin in dieser Wand. Der Schaub braucht Seil, Leo muss vor, Schaub findet keinen Stand, wir alle müssen vor. Die Eisen an den Füssen finden keinen Halt, die Finger krallen sich um jedes Steinchen. Die Augen halten sich an allem fest. Wenn einer rutscht, dann ist es aus. Die Sicherungen sind so faul wie das Gestein, so faul wie dieses dünne Eis, so faul wie dieser Zuckerschnee, als wäre er vom Zuckerbäcker.

Sie sollen niemals recht behalten, die Mannen aus dem Wald mit ihren schwielig groben Händen. Die Martinsmaad wird erreicht. Und wieder geht 's ein Stück, es geht auch höher. Die Beine werden müde.Kein Ecklein ist zu finden, nicht ein Moment der wirklich sichern Ruhe. Auf unserm Rücken drückt die Last, die Last der Säcke mit den Ski. Bald stösst man links, bald wieder rechts mit diesen quer gepackten Brettern an. Nur ein Moment, ein kleiner Stoss von links, von rechts, und die letzte Sicherheit, das Gleichgewicht ist auch vorbei. Man klammert sich, man saugt sich in die Wand. Ein Blick auf beide Seiten — fast um die Ecken zu den Brettern — ein Blick aufs Seil, ob 's wohl noch reicht. Der Pickel ist auch nirgends zu verklemmen, man schlägt und schlägt, er hält auch nicht. Ein Zug, ein Drücken — ganz langsam rutscht man wiederum nach oben. Die Uhr zeigt 4 Uhr nachmittags. Wir sind noch in dem letzten Stück. Man sieht zurück, man sieht hinunter, zuunterst liegt wohl Elm. Die Reibung unserer Kleider kann noch halten, denn alles muss sich dienlich zeigen. Der Führer kann nun endlich sichern, wir atmen auf, bald sind wir alle auf dem Grat. Nun geht es rasch, es geht sehr schnell, die Muskeln müssen sich entspannen. Der Leo turnt schon obenaus, der Hans, der Max — sie auch. Eine kurze Rast. Wir müssen vor, nun geht es gut, das obere Seil — Max hat es schon erfasst. Die Eisen werden abgeschnallt, die Ski an. Wir haben sie, die Martinsmaad, wir haben sie im Winter. Die Uhr zeigt halb 6 Uhr abends. Nun schnell hinein, der Wind, die Kälte, schnell, schnell hinein ins Haus.

Der Führer nimmt die Tür in seine Hand und macht den Schritt, wie wenn er hier zu Hause wäre. Er ist es auch, doch nützt es nichts, die Türe will nicht wanken. Wohl ist sie auf, nur ganz versperrt im Innern durch Schnee und Eis. Der Leo drückt und schiebt, er muss es ja verstehen, er ist vom Bau. Ein Ruck, es geht — es geht doch nicht, der Pickel ist gebrochen. Schaub sucht den Weg, und Max ist ihm behilflich, die Leica hängt um seinen müden Hals. Es ist gegangen — durch das Fenster, schon sind wir drin. Der Wind und auch die Kälte, sie wüten drin wie draussen.

Ein Fenster ist vom Sturm zertrümmert. Viel Schnee hat 's in die Stube geblasen. Es wird geräumt, geflickt, geheizt, gekocht, und jeder überbietet sich im Schaffen. Der Schnee schmilzt langsam in den Pfannen. Am Fenster stehen Kerzen, in Matt will man wissen, ob wir es doch erreichten, man sieht die Hütte von dort unten. Sie wissen 's nun und sind vorerst beruhigt. Die Suppe dampft und Kognaktee ist auch bereit. Die Gipfelflaschen werden leer und leerer. Wir mussten das Gewicht vermindern, es ging nicht so. Die Füsse sind erwärmt, die Finken wirken wohlig warm. Der Führer sagt: Wir werden 's leisten. Wir sind die rechten Mannen für das Horn im Winter. Um 2 Uhr früh soll Tagwacht sein, um 3 Uhr der Marsch beginnen. Der Wecker ist schon aufgezogen, der Hans kocht vor für morgen.

Die wundervolle Nacht, die Nacht der Sterne und des Mondes. Der Wind heult und rüttelt, die Hütte quietscht. An dicken Seilen ist das Haus verankert, der Wind soll demnach öfters hier so hausen. Rings sind die Berge tief im Schnee. Wir sehen alles, alles wie am Tag. Die Gipfel rauchen, und immer neu wirkt dieser Rauch, der Rauch vom Schnee. Es heult, als wollte es niemals besser werden. Wir sagen nichts, wir wissen 's schon, so wird es am Morgen auch noch sein.

Wir sind im Haus. Schon eingewickelt in die Decken, wir frieren nicht. Fast an die minus 30 Grad im Schatten mag es draussen vor der Hütte sein, im Schatten des schönen, sauber klaren Mondes. Im Schlafraum ist es auch unter Null. Man sieht den Atem gut, als wollte er zu Eis erstarrt beim Fallen dann zu Boden klirren.

Schon schrillt die Uhr. Im Monde glänzt das Ding wie frisch gereinigt. Im Herde kracht 's und knackt 's, es brennt, der Führer war der Feuer-macher. Die Suppe dampft, die ganze Bude riecht davon, der Tee wird warm und wärmer. Fein wird die Hütte aufgeräumt.

Es heult der Wind, wir müssen doch hinaus. Die Ski sind schon an den Füssen. Die Säcke drücken wie am Tag vorher. Sonntag ist 's, vor 3 Uhr früh. Der Tramp geht los, die Knochen werden sich schon fügen. Wir sind am Grat, der Führer voran. Zu steil, um mit den Brettern hochzukommen Wir schnallen ab. Der Führer bohrt die Wächte an. Es stäubt, der Wind trägt uns den Schnee entgegen. Man kann die Mannen nicht erkennen. Gespenstisch kämpft der Führer an der Wächte mit Schnee und Wind. Gleich ist er oben, wir folgen ihm nach. Schaurig schön war dieses Bild. Dann kommt ein anderer zur Kante, um geisterhaft ins Nichts zu schwinden. Ganz hinten jammert Max, er will dieses Bild festhalten. Es geht doch nicht, kein Licht, kein Licht. Er soll sich doch das nächste Mal um Christbaumkerzen kümmern. Vor uns stehen Piz Grisch und Ofen. Rechts müssen wir, dort in die Wand, die eisig durch die klare, kalte Nacht zu uns herüber flimmert.

Die Schritte reihen sich, ganz ruhig ziehen wir unsere Bahn. Hier ist noch nie ein Mensch im Winter aufgestiegen. Steil wird die Spur, wir wechseln ab. Und näher rückt die Wand vom Grisch. Sie stösst uns ab, sie will uns nicht, wir fühlen es. Die Augen sind auf diese Wand gerichtet, nun sind wir dort. Es geht doch nicht. Es ging halt nicht. Vor uns liegt noch die Ofen-runs, sie führt zum Ofenloch hinauf, vielleicht. Nur los. Die Ski müssen weg, quer liegen sie auf unsern Säcken, da wo sie doch die meiste Zeit auf dieser Fahrt gelegen haben.

Steil ist die Runs, ein mächtig grosser Lauizug. Wir gehen am Rande dieses Zuges hoch. Der Schnee ist schlecht. Bald Harsch, bald tiefe Pulver-löcher. Dann Felsen, Platten ohne Griffe. Bald kann man stehen auf dem Schnee, dann wieder ist man schon versunken. So geht es stundenweit hinauf. Die Hälse werden lang und länger, der Rucksack drückt, die Riemen schneiden ein. Der Morgen kommt, die einsam schöne Pracht. Der Wind lässt nach, die Sonne ringt um jeden Gipfel. Wer möchte dieses nicht erlebenEs wird nun steiler. Schon müssen auch die Hände in den Schnee, sie krallen ihn, den Harsch, den Pulver. Fast senkrecht stehen wir in dieser Wand. Die Zeit verstreicht, wir sollten ja schon längst oben sein, dort oben an der Sonne. Unangeseilt und ohne Eisen an den Füssen erreichen wir den ersten, grossen Felsen. Wir ruhen aus. Hier sind wir sicher momentan, auch Steinschlag kann uns nichts anhaben, es sei denn, dass der ganze Hang zu Tale fährt. Max macht den Akrobaten, er turnt in dieser Wand von Schnee, als war'er niemals anderes gewohnt. Er knipst uns hier beim frühen Schoppen. Ein Skistock fährt davon, er saust und saust, schon ist er weg. Gleich folgt ein Handschuh nach, er fällt so schwer wie Stein, ganz hart war er vom Frieren. Wir trauern nicht, wir wollen diese Dinge auch nicht holen. Das Sausen liegt uns nicht.

Ein letztes Stück noch bis zum Ofen. Es ist ganz unbeschreiblich steil. Wir schaffen 's noch, wir haben 's schon, wir sind heraus aus dieser steilen Runse. Die Ski sind an unsern Füssen, wir laufen, laufen, endlich Sonne. Jetzt sind wir in der Mulde zwischen Ofen und Piz Grisch. Ein bisschen Ruhe, etwas essen. Die Uhr zeigt 11 Uhr vormittags, so spät!

Es ist so still, ganz still um uns. Nur Berge, Berge. Unendlich schön ist alles um uns her. Wir sind so still. Wir müssen, müssen vorwärts gehen.

Auf, zum Einstieg in das Tschingelhorn. Der Führer zieht, wir kommen nach. Noch ein Grat, da steht es nun vor uns: das Ziel, das Tschingelhorn. Es ist verschneit, wie unter einem Tuch begraben, zum Greifen nahe ist es da.

Der Führer schaut, er lässt das Horn nicht los, es ist kein Berg, es ist der Berg, er ist in diesen Berg verliebt. Und dann — die Worte kommen ganz bestimmt. Unmöglich ist 's, unmöglich — die kleine Runde brummt es ihrem Führer nach. Wir sind zu früh, vielleicht zu spät. Die Masse Schnee drängt uns zurück. Auch Dynamit hilft nichts! Zu viel von diesem weissen Zeug, es nennt sich Schnee.

Wir schauen — schauen, einfach nichts zu machen. Doch warte nur, du Berg, du siehst uns wieder. Wir machen kehrt. Den Ofen haben wir und auch den Grisch, das Tschingelhorn kommt auch daran, nur heute nicht. Ein Rastplatz nimmt uns wieder auf. Der Führer rollt das Seil zusammen, er schaut nicht links, er schaut nicht rechts, er ist für sich, für sich allein.

Was nun? Zurück zur Martinsmaad? Unmöglich! Durch die Lawinenzüge? Nein. Der Schnee ist weich, die Sonne ist nun dort, wir sausen nicht mit Schnee und Eis zutal.

Nach Flims? Und dann? Das Geld, das Auto, alles, alles ist in Elm. Die Post, die Bahn, sie kosten Geld. Woher die Kraft? Wir pumpen halt. Von wem, von wem?

Nach Flims I Das Dynamit, es wird verschossen, schon jagt es Massen auf von Schnee. Hörst du 's, du Berg, du Tschingelhorn, wir kommen wieder I Wundervoll diese Fahrt. Der Schnee ist gut auf der Seite gegen Flims. Wir fahren scharf, wir fahren Schuss und steil; die Tschingelwut, sie liegt in unsern Brettern. Die Segneshütte ist schon da. Und bald auch Flims. Im Bellevue wird der Pump lanciert. Er sitzt! Sie fahren los, die vier, nach Elmi Wenn nicht das Tschingelhorn, so doch Piz Grisch und Ofen von Elm und über Martinsmaad.

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