Von Genua bis ins Basislager

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VON ERNST SPIESS

Am frühen Morgen des 15. April beginnen die Räder zu rollen. Im Osten, Norden und Westen der Heimat wird für mehr als drei Monate Abschied genommen, und dann bricht man nach Süden auf, fernen Zielen entgegen. In Genua besteigt die Schar Schweizer Alpinisten am Abend den « Conte Biancamano », das prächtige Schiff der italienischen Südamerikalinie. Kräftiges Schaukeln im Golf von Marseille bewirkt bei einigen der Kameraden für eine Zeitlang eine ungewohnte, verdächtige Ruhe und Zurückhaltung. Doch als es so weit ist, dass Neptun die Äquatortaufe in Angriff nehmen kann, ist alles wieder gross im Schwung. Nach der vierzehntägigen Überfahrt gelten die ersten Schritte auf dem neuen Kontinent den märchenhaften Buchten um Rio de Janeiro. Doch auch mit der für diese Breiten typischen Tendenz zum « vivere pericolosamente » machen wir bereits Bekanntschaft. Mit einem noch gut abgelaufenen Taxizusammenstoss beginnt es und sollte bald dramatischer kommen. Auf dem Fluge von Rio nach Lima wird schon bald nach dem Start plötzlich die Druckkabine der DC-6 leck, und mit einem Schlage erfüllt dichter Nebel die Kabine. Doch auch diesmal läuft alles glimpflich ab, wenn auch die Maschine zur Reparatur zurückgeflogen werden muss. Im zweiten Anlauf glückt dann der grosse Sprung über den Kontinent, obwohl - wie Ernst Reiss als gewissenhafter Flugzeugmechaniker bald feststellt - der Benzintank unter dem flammenden Auspuff offengeblieben ist. Auf solche Weise wird mit allfällig noch vorhandenem « Helvetischem Kleinmut » beizeiten aufgeräumt. So landet am 3. Mai in Limatambo ein abgebrühtes Team von dreizehn Weltreisenden voll Unternehmungslust. Sie alle werden von Botschafter Dr. Berger und einigen weitern Peruschweizern spontan und herzlich empfangen.

Als vierzehntes Mitglied bin ich schon zwei Tage früher im Direktflug von Paris angekommen und habe die ersten Hiobsbotschaften entgegengenommen. Das Schiff mit unserem Material ist erst am 29. April im Hafen von Callao, nahe bei Lima, eingelaufen und die anschliessenden Feiertage bewirken das übrige, so dass daran noch kein Finger gerührt werden konnte. Dabei ist der peruanische Zoll für seine Unberechenbarkeit bekannt. Eine frühere Expedition soll schon ganze drei Wochen auf die Auslösung ihrer Bergsteigerausrüstung gewartet haben. Wir hatten beabsichtigt, diesem Umstände durch frühzeitige Einschiffung des Materials Rechnung zu tragen. Doch im letzten Moment wurden unsere Pläne gründlich über den Haufen geworfen, als der italienische Passagierdampfer sich weigerte, unsere Butagasbehälter und die Zündhölzchen zu laden. In letzter Minute musste der ganze Stapel von Kisten nach Antwerpen umgeleitet werden. So ist es an und für sich ein Glück zu nennen, wenn unsere Ausrüstung bereits in den peruanischen Gewässern herumtreibt.

Die Wartezeit bringt uns einstweilen kaum in Verlegenheit. Vor uns liegt eine neue Welt, die es zu erforschen gilt: Lima. Schon die Fahrt in die Stadt zum Hotel ist ein echt südamerikanisches Erlebnis. Rasant und scheinbar gesetzlos einerseits, mit unerschütterlicher Geduld aber anderseits wickelt sich der Verkehr ab. Da wird kaltblütig beidseitig vorgefahren, nach links geblinkt und gleichzeitig nach rechts abgezweigt und was der Scherze mehr sind. Der Arm des Chauffeurs pendelt meist ausserhalb des Fensters, manchmal, um Bremsen anzuzeigen, manchmal, um Einkäufe zu tätigen; denn kaum steht der Wagen für einen Augenblick still, zwängen sich überall und ungehindert Strassenverkäufer durch. Schaut man etwas um sich, so stellt man fest, dass alles, was noch vier Räder hat und Benzin konsumiert, sich unter dem Deckmantel « Auto » fortbewegt. Der Rest wie Bremsen, Motorhaube, Schutzbleche, Licht und dergleichen ist Nebensache, Rost hingegen ein obligater blinder Passagier. Daneben fehlen aber auch die letzten Modelle nicht. Kurz gesagt, ein Dorado für schweizerische Fahrzeugkontrolleure! So richten sich auch die Preise der Taxis nach dem gebotenen Komfort und sind dementsprechend meist niedrig.

Wie die Prinzen im Märchenland fühlten wir uns im Hotel Crillon. Herr Direktor Bezzola aus Zernez lässt es uns « non-paying-guests » in seinem ausgezeichnet geführten Hause an nichts mangeln. Im Moment geht gerade der Rohbau des eleganten Neubaues mit einundzwanzig Stockwerken für weitere 900 Betten der Vollendung entgegen. Herrlich ist der Blick von der obersten Terrasse über das ganze, weite Gelände der Stadt. Da und dort stechen aus den alten baufälligen Dutzendhäusern moderne mächtige Prunkbauten heraus, Geschäftshäuser vor allem, aber auch monumentale Regierungspaläste. Eine Anlage von seltener Geschlossenheit bietet sich dem Auge auf der Plaza de Armas. Ringsum ist der weite Platz mit dem Springbrunnen durch Bauten in schönstem spanischem Kolonialstil abgeschlossen. Da steht die Kathedrale, an sie schliesst sich der bischöfliche Palast mit den wundervollen geschnitzten Baikonen an. Die etwas zurücktretende Residenz des Präsidenten lässt den Blick zum nahen Hügel von San Cristobal frei. Zur Feierabendstunde belebt sich das Zentrum der Stadt um die Jirón Union derart mit Leuten, dass diese Hauptstrasse für den motorisierten Verkehr ganz gesperrt werden muss. Doch auch die weitere Umgebung der Stadt sehen wir uns an, Miraflores, das Villenquartier, den Badestrand an der nahen Küste, menschenleer, trotzdem es jetzt im Mai kaum 5° kälter ist als in der Badesaison. Die Elektrizitätsgesellschaft von Lima fährt mit uns zu ihren Wasserkraftanlagen im Hinterland der Stadt. Eine kleine Gruppe versucht, eher notdürftig ausgerüstet - da unser Material noch immer im Zoll liegt -, zusammen mit einem ansässigen Schweizer einen Fünftausender in der Nähe. Sie kehren jedoch mit brummenden Köpfen bald wieder um, denn die Höhe fordert ihren Tribut: eine Autofahrt von Meereshöhe auf 5000 m hinauf mit anschliessender Tour ist nicht sehr bekömmlich.

Verschiedene Regierungsstellen müssen wegen der geplanten wissenschaftlichen Arbeiten begrüsst werden. Die Sociedad Geografica de Lima lädt zu einem Cocktail ein. Dieses Gremium hochstehender, geographisch vielseitig interessierter Persönlichkeiten nimmt an unserem Projekt regen Anteil und hält auch mit guten Ratschlägen nicht zurück. Ein weiterer Abend ist einer Zusammenkunft mit dem Club Andinista Cordillera Blanca gewidmet. Farbbilder aus der Schweiz und aus Peru bringen uns bald in lebhafte Gespräche, soweit das die sprachlichen Kenntnisse erlauben. Wie viel schwerer haben es doch diese wenigen Idealisten in diesem Lande als der SAC. Von einer Bergbegeisterung kann gar keine Rede sein. Im Gegenteil, Fels, Eis und Schnee werden wo immer möglich gemieden. So muss es schon als grosser Erfolg gebucht werden, dass bereits eine erste Klubhütte eingerichtet werden konnte. Der unvergessliche Abend beim Schweizer Botschafter gipfelt in der Eröffnung des Hausherrn, unser Material habe den Zoll passiert.

Nun kommt Bewegung in die Haufen, denn mittlerweile hat unser Projekt doch Form angenommen. Das Ergebnis der letzten Erkundigungen war zwar eher dürftig und oft widersprechend, und die ergatterte Karte mehr als bescheiden. Vor allem über das letzte Wegstück zur Panta herrscht noch völlige Unklarheit, weshalb ein Vortrupp gebildet wird. Dieser soll, nur mit dem Notwendigsten ausgerüstet, auf dem schnellsten Weg Vilcabamba erreichen und von dort die Suche nach einem geeigneten Basislager aufnehmen. Ruedi Schatz zieht den längern Anmarsch längs des Kamms der Gebirgskette dem kürzeren Weg durch das Vilcabambatal vor. Dieser führt durch ein Malariagebiet und ist ausserdem durch einen Eisenbahnerstreik bedroht. Auf der Südroute sind ihm hingegen bereits 70 Maultiere für den Marsch über vier bis fünf Pässe von mehr als 4500 m zugesichert. Hier führt auch der letztes Jahr von den Engländern nach langer Suche erkundete Anmarsch ins Puma-sillogebiet durch, welches der kleinern Gruppe vorbehalten ist. Innert 24 Stunden ist der Erkundungstrupp auf die Beine gestellt. Kurz vor dem Abflug nach Cuzco stösst zu Hans Thoenen, Charles Terrier, Jean-Jacques Asper und Franz Anderrüthi noch der aus Huaràs herbeigerufene Träger Eugenio Angeles. Die fünf sind von wechselhaftem Glück verfolgt. Zuerst muss sich unser Doktor von einem ungelernten peruanischen Landtierarzt eine Einspritzung gegen Ischias gefallen lassen, die allen Bedenken zum Trotz Wunder wirkt. Mit den Reittieren kommen sie dann rasch vorwärts, sind jedoch, nahe am Ziel, bei miserabelstem Wetter tagelang zur Untätigkeit verurteilt, da nebliges Wetter keine Übersicht und Erkundigung erlaubt.

In Lima erwarten wir andern täglich, bald stündlich die versprochenen Camions. Doch sie nehmen sich Zeit. Endlich, am zwölften Tage nach der Ankunft in Lima, kommt Bewegung in die schweren Seekisten. Spätabends werden sie bei flackerndem Kerzenlicht unter Ächzen und Stöhnen von Dutzenden von Armen aus dem vergitterten Lagerraum auf die Ladebrücken von zwei grossen Fords gehisst. Am frühen Morgen des 15. Mai könnte die Fahrt losgehen. Doch zuerst muss noch wiederholt Benzin getankt, dann gefrühstückt, Luft gepumpt, müssen Düsen gereinigt, Zigaretten gekauft und dergleichen mehr erledigt werden. So haben wir bis Mittag keine 60 km auf der schönen, asphaltierten Carretera del Sur, der Küste nach Süden folgend, zurückgelegt. Wir würden überall am Abend rechte Hotels vorfinden, hat man uns versprochen. Als es schon bald gegen Mitternacht geht, erreichen wir endlich Nazca. Aber auf die Frage nach der Unterkunft weichen unsere Fahrer aus. Sie möchten lieber weiter, um in der Kühle der Nacht die erste Passhöhe zu erklimmen. Wir schicken uns in das unbequeme Nachtlager auf den holpernden Kisten. Noch ahnt keiner von uns, dass das nur die erste von drei ebenso ungemütlichen Nächten sein wird. Kaum einen Kilometer ausserhalb des Städtchens geht die Strasse unvermittelt in eine Art Sand- und Felswüste über. Zwischen Blöcken und Löchern zieht eine rauhe Spur dahin und windet sich bald in die Höhe. Erdrutsche haben ganze Trichter aus der Fahrbahn gerissen und müssen in gefährlichen Manövern passiert werden. Der Gegenverkehr ist glücklicherweise schwach, bringt aber jedesmal etwas Nervenkitzel. Unser Chauffeur trägt nicht vergebens ein Frottiertuch um den Hals! In der dritten Nacht spüren wir mit unsern zerschlagenen Gliedern nicht einmal mehr, dass das Rattern der beiden Camions nach Mitternacht aufhört. Ein Brief Ruedis heisst uns hier wenden, ein kleines Stück Weges zurückfahren und in Mollepata, einem prächtig gelegenen Bergdorf an der Route zum Salcantay, abzuladen. Auf den tausend Kilometern ohne Unterbruch, querfeldein, auf der Hauptstrasse Perus, haben wir einiges gesehen: Küste mit Scharen von Pelikanen, Wüste mit Dattelpalmen, Schnee und Eis, Korn- und Bananenfelder, Lamas und Viamas, zerlegte Benzinleitungen und gebrochene Achsen, und...

Im malerischen Schulhof von Mollepata muss nun Stück für Stück unserer umfangreichen Ausrüstung zu Maultierlasten zusammengestellt werden. Am Morgen des Aufbruchs ins Gebirge stehen von den versprochenen siebzig Tieren erst deren elf vor dem grossen Tor und warten geduldig auf ihre schwere Aufgabe. Natürlich behaupten die Maultierführer, die Arrieros, bei jeder Last aufs bestimmteste, sie sei zu schwer. Was nützt es, wenn wir die einzelnen Bündel demonstrativ mit dem kleinsten Finger aufheben oder mit der Federwaage kontrollieren, allein massgebend scheint die Einbildung des Arrieros zu sein, und die unbestechliche Waage ist bereits nach einer halben Stunde einfach nicht mehr auffindbar. Je später es wird, desto wilder wird die Schlacht um jedes Kilo, und nachdem das 51. Tier bergauf enteilt ist, verbleiben noch 13 Lasten, darunter sämtliche wissenschaftlichen Instrumente von grossem Wert, aber keine Tiere mehr.

Ziemlich auseinandergerissen erreicht die Kolonne den Lagerplatz ob der Pampa Soray ( 3900 m ). Nicht alle können bereits am ersten Tag mit dem beträchtlichen Tempo der Mulas bergauf Schritt halten. Im Abendlicht erhaschen wir gerade noch einen ersten Blick von der imposanten Eiswand des Salcantay ( 6271 m ), dem höchsten Gipfel der Cordillera Vilcabamba. Es sollte aber auch der letzte sein, denn am folgenden Morgen hält uns dichter Schneefall zurück. Auch am dritten Tag ist alles in Nebel gehüllt, als wir die Puerta de Salcantay ( 4570 m ) überschreiten. Tags darauf regnet es in Strömen. Pflotschend stapfen wir auf dem schlammigen Pfad durch den triefenden Wald talaus. In Colpapampa wenden wir uns nach Westen, flussaufwärts der Puerta de Yanama ( 4650 m ) zu. Alles ist froh, in Totora endlich die durchnässten Kleider ablegen zu können. Die Puerta im Schneetreiben glücklich hinter uns, stossen wir gegen Abend des folgenden Tages in Yanama auf eine Schar betrunkener Einheimischer. Sie feiern gerade « Sanctissima Cruz » auf ihre Weise. Indem wir ihnen die verbliebenen Flaschen Bier abkaufen, bewahren wir sie vor Schlimmerem! Hier trennen wir uns von den Kameraden der Pumasillo-Gruppe. Bei der Materialverteilung stellen wir erleichert fest, dass unterwegs nichts « verloren » ging. Die Bezeichnung jeder einzelnen Last und die tägliche Kontrolle vor dem Aufbruch hatten sich doch gelohnt. Ernst Reiss, Erich Haitiner, Seth Abderhalden und Franz Anderrüthi, zusammen mit zwei Trägern, wenden sich hier nach Norden und erreichen in einem Tagesmarsch über Paccha das herrliche Gletschertal von Pucapuca am Fusse des Pumasillo.

Ruedi Schatz dagegen folgt mit der Hauptmacht den Spuren des Vortrupps zur Panta und Camballa. Die Befürchtung, dass sie wegen schlechten Wegen weit nach Norden ausholen müssen, hat sich bestätigt. Über den wenig begangenen Choquetacarpo-Pass ( 4640 m ) erreichen sie längs einer alten Inkaroute in Huancacalla das Vilcabambatal. Im Hauptort des Tales stossen sie auf die vorausgeeilten Kameraden, und am 11. Tag des beschwerlichen Marsches kann weit oben im Camballatal an der Laguna Negrococha das Lager errichtet werden. Doch als das Wetter endlich bessert, stellt man fest, dass man von der eigentlichen Basis des Berges noch einen ganzen Tagesmarsch entfernt ist. Wieder müssen Mulas angeworben, aufgebastet und nochmals über zwei hohe Pässe geführt werden, bis jedermann fühlt: Hier am Fusse der gewaltigen Nordwand der Camballa sind wir am Ziel.

Am Morgen des Aufbruches von Yanama waren in Eilmärschen noch die letzten Tiere mit den Instrumenten zu uns gestossen. Die Arrieros weigerten sich aber, weiterzugehen. Ja, als Ruedi Schatz ihnen zumutete, die Auszahlung zu quittieren, da packten sie einfach ihre Bündel und zogen ohne einen Centavos von dannen. So blieb Peter Fricker, der inzwischen eifrig seinen geologischen Studien oblag, und mir nichts anderes übrig, als uns in Geduld zu üben, bis wieder eine Karawane auf die Beine gestellt war. Was Wunder, dass wir erleichtert einen Jauchzer in den weiten Gletscherkessel am Camballa schickten, als plötzlich das bunte Lager unserer Kameraden hoch oben im Tale von Purcay zu unsern Füssen auftauchte. So fand ein Anmarsch, der in den ganzen peruanischen Anden seinesgleichen suchen dürfte, sein glückliches Ende.

IN DEN BERGEN DER CORDILLERA VILCABAMBA

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