Von Truns durch das Somvixertal zur Greina

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Ing. W. Derichsweiler ( Sektionen Piz Terri und Uto ).

Von Das Herz des Bündner Oberlandes, der Surselva, ist sowohl geographisch wie historisch die alte, ehrwürdige Ortschaft Truns, romanisch Tron, daher auch oft Trons genannt. Sie hat ihren Namen vom benachbarten Pontegliasbache ( romanisch drun = Wildbach ) erhalten. In dem für die Geschichte des Bündner Oberlandes, besonders für Truns, Somvix und Brigels wichtigen Testament des Bischofs Tello, 766, wird Truns als Taurontum erwähnt. Als 843 und 919 das Oberland auch zu Deutschland und dem Herzogtum Schwaben geschlagen wurde, kam östlich von Truns die Grenze zwischen den Zehnten Tuverasca ( vom Flimserwald bis Rinkenberg ) und Cadi ( casa Dei = Gotteshaus = Kloster Disentis ) zu liegen. Während die Bezeichnung TuverascaHügelland ) heute nicht mehr gebräuchlich ist, ist der Namen Cadi noch allgemein üblich. Truns liegt, wenn man von Ilanz kommt, am Eingang der bis zum Oberalppass reichenden Cadi. Gegen 1050 kam dann erst der Name Surselva ( supra silvani = ob dem Flimserwald ) als Bezeichnung für das ganze Oberland auf. Die Cadi wird unterteilt in Sursassialla und Sutsassialla. Sassialla sind Felsen am Ausgang des Ruseiner Tobeis.

An einem Sommerabend war es, als wir in Truns die Rhätische Bahn verliessen und in Gedanken an verflossene Zeiten unsere Schritte zur St. Annakapelle hinlenkten, hinter welcher die Brigelserhörner im letzten Abendrot leuchteten. Erquickend wehte der Gletscherwind vom Pontegliasgebiet herab und rauschte leise in den Blättern des Ahorns, ihm zuraunend und flüsternd, wie einst, vor fast 500 Jahren, unter dem Ahnen des jetzigen Ahorns der erste Freiheits-bund in Rhätien geschlossen wurde, wie sich Abt, Grafen und Ammänner von Talschaften des Oberlandes, Herren und Gemeinden, zu einem Bunde gegen das Faustrecht und die Unsicherheit des Verkehres zusammenschlossen. Sie schwuren: « Nus lein esser e restar buns amitgs e fideivels Confederai, schi ditg sco quolms e vais stattan, assister in lauter cun veta e rauba, tiara e glieut per schurmetg dil dretg, della pasch, della via e dil liber trafic; lein schurmiar scadin en ses dretgs, segi niebel ne nonniebel, reh ne pauper; lein encurir giustia avon dretg e bucca culs pugns. » ( Wir wollen sein und bleiben gute Freunde und treue Verbündete, solange Grund und Grat besteht, einander beistehen mit Gut und Blut, Land und Leuten durch Schirmung des Rechts, des Friedens, des Weges und des freien Transites; wollen schirmen einen jeden in seinen Rechten, sei er adlig oder nicht adlig, reich oder arm; wollen Gerechtigkeit suchen vor dem Recht und nicht mit den Fäusten. ) Von Truns durch das Somvixertal zur Greina.

Da wurde Truns am 16. Mai 1424 die Wiege der rhätischen Freiheit, das Bündner Rütli. Weiter erzählt der Gletscherwind, wie man dann Jahrhunderte lang unter dem Ahorn öffentlich zu Gericht sass, Tagung hielt ( 1527 « das ich zu Truns öffentlich zu gericht gesessen bin uss be-velchnus ( Befehl ) der haupt hern und gemeines Puntz » ), ähnlich wie in Ortschaften Deutschlands unter der Dorflinde. Ja, eine Urkunde von 1630, jedenfalls von einem fi i --J-V deutschen Schreiber verfasst, lässt eine Tagung stattfinden « Troni sub tilia ad S. Annae sacellum », d.h. zu Truns unter der Linde bei dem Heiligtum der St. Anna. Und noch so vieles anderes weiss der Gletscherwind dem Ahorn zu erzählen. Das hat er im Vorbei-streifen von den Brigelserhörnern, vom Cavestrau grond, Crap grond und dem Piz ner gehört, denn diese wissen alles, schauen sie doch seit uralten Zeiten von oben tief in alle Winkel und Ecken hinein, Zeugen der Dinge, die da einst geschehen sind. Und als dann 1799, nach der unglücklichen Schlacht bei Reichenau, die Franzosen auf den Ahorn schössen, da blutete er vor Schmerz, weil die Oberländer ihre Freiheit verloren hatten.

Treu breitet er seine schützenden Äste über einen schlichten Denkstein aus, welchen die Oberländer dem Dichter ihres Nationalgesanges errichtet haben. Anton Huonder ausDisentis-Segnes war es, welcher sterbend 1867 seinen Landleuten das schwermütige«A Trun sut ilg ischi » ( Zu Truns unter dem Ahornhinterliess.

Wandern wir die Strasse aufwärts in das Dorf hinein. Es ist, als müsste nun die behäbige Gestalt des « Vater Giger » an der Treppe des Hotel Tödi, eines alten Patrizierhauses, erscheinen wie früher, vor Jahren, als noch keine Bahn fuhr, als hier der Postwechsel war, und als die « das Oberland rauf und das Oberland runter » fahrenden Lastwagen mit Säcken voll Mehl, Korn, Mais, Kastanien, mit Fässern voll roten und damals noch billigen Veltliners bei Giger ihre übliche Rast machten. Das ist alles vorbei. Vater Giger, ein guter Freund der Bergsteiger, stieg in höhere Gefilde. Die Fuhrleute, junge und alte, braune und schwarze Burschen, die rote Nelke am Filzhut, die Brissago ewig im Mundwinkel, ausser wenn sie ein Glas Veltliner hinuntergössen, mussten sich meist ein anderes Arbeitsfeld aussuchen, denn nun bewältigt die unterhalb Truns durchfahrende Bahn den grössten Teil des Güterverkehrs. Truns ist mit benachbarten Ortschaften und Höfen, wie Caltgadira, Carlatscha, Campliun, Darvella, wo nun wieder prähistorische Gräber aufgedeckt wurden, Flutginas, Gravas, Lumneins, Tiraun und Rinkenberg ( romanisch Zignau ), zu einer zirka 1250 Seelen zählenden Gemeinde zusammengeschlossen, welche im Siegel den St. Martin zu Pferd führt, wie er mit dem Schwert den Mantel teilt, um eine Hälfte dem Bettler zu geben. Die Umschrift lautet: COMMUNITATIS TRONENSIS ST. MARTIN.

W. Derichsweiler.

Die Bevölkerung treibt meist Landwirtschaft, jedoch befindet sich dort auch eine grössere Tuchfabrik, in der aus der Wolle der Oberländer Bergschafe das bekannte Bündner Tuch hergestellt wird. Aber noch immer wird das Bündner Tuch zur eigenen Kleidung stellenweise im Winter selbst gesponnen und gewebt. Sind doch die Trunserinnen als filunzas ( Spinnerinnen ) weithin bekannt gewesen. Vor langen Jahren erschien einmal unter der Ruine der Burg von Rinkenberg ( das Geschlecht der Herren von Ringgenberg wird schon 1283 urkundlich erwähnt ) einigen Mädchen aus Truns eine weisse Frau von übernatürlicher Schönheit. Sie breitete drei weisse fazzaletts ( Tüchlein ) vor sich aus, legte auf eines einen Goldgulden müntener ( Oberländer ) Währung, auf das zweite einen Blutzger ( kleine Scheidemünze ) und auf das dritte Wolle ( launa ) zum Spinnen. Nun lud sie die Mädchen ein, eines der drei Geschenke zu nehmen. Diese griffen nach der Wolle. Deshalb verlieh die gütige Fee allen Trunserinnen die Geschicklichkeit, rasch und gut zu spinnen. Nur am tscheiver ( Fastnacht ) darf man weder Hanf noch Wolle spinnen, sonst fressen es die Mäuse. Auch am St. Katharinatag darf die Spinnerin das Rad nicht berühren, sonst zerbricht es.

Schreiten wir weiter aufwärts im Dorf. Da liegen links, auf dem kleinen Kirchhof und in der Kirche, also unweit voneinander, zwei Geistesheroen, deren Namen eng mit Truns verbunden sind, der Bergsteiger und naturkundige Pater Placidus a Spescha und der Trunser Nationalrat Prof. Dr. Caspar Decurtins, welcher zuerst einzelne Schriften des Paters herausgab, der Schöpfer der Rätoromanischen Chrestomathie. Gegenüber steht das stattliche Rathaus, der frühere, 1674 von Abt Adalbert gebaute « Hof », dessen Sitzungssaal mit den Wappen der Landrichter des oberen Bundes geschmückt ist, den Rest des Stammes des alten Ahorns und eine Kapelle birgt. Der Abt Nicolaus Tyron, ein Trunser, baute 1587 das erste Rathaus, in welchem von der Zeit an der früher in Disentis abgehaltene Bundestag tagte. 1590 kam er einmal mit einigen Freunden zur Sitzung, aber die versammelten Oberländer, mit ihrem Oberhaupt uneinig, hatten die Türe abschliessen und bewachen lassen. Unser wehrhafter Abt aber verjagte die Wache, schlug die Türe ein und setzte sich auf seinen Platz, was den andern so imponierte, dass die Beratung ruhig und ordnungsgemäss fortgeführt wurde. Zwei sich nach entgegengesetzter Richtung erstreckende Täler ermöglichen, von Truns aus direkt in das Berggebiet einzudringen. Zunächst das Pontegliastal mit der Pontegliasklub-hütte, und dann die Val Zafragia. Ersteres Gebiet hat uns Dr. Weber in seinem Aufsatz im Jahrbuch 1907 « Auf der Rückseite des Tödi » eingehend geschildert, und letzteres unser Sektionsgenosse Gabriel in der Alpina 1914, Seite 233.

Weiter wandern wir auf der Strasse, unter dem hochgelegenen, eine schöne Aussicht bietenden Caltgadira hinweg. Da oben in Caltgadira ( Chiltgadira ) steht eine weit ins Land berühmte Wallfahrtskapelle, Maria della Glish ( U. L. Frau vom Licht ). Da muss nun auch früher eine Druckerei sich befunden haben, denn auf Büchern, z.B. vom Jahre 1690, befindet sich der Mitglied der Somvixer Aufdruck: squicciadas a Thronts tier Nossa Donna della Glish.

Compagnia de mats. SAC 57 statt, welche aus der Cadi, der Gruob, aus dem Lugnez und auch aus dem Unterland viel besucht wird. Bei diesem Fest tritt dann auch die Somvixer Knabenschaft ( Compagnia de mats ) mit ihrem Hauptmann ( capitani ) in ihrer eigenartigen Montur zur Verschönerung des Festes auf. Beinahe hätte während des Krieges auch diesen, in manchen Orten des Oberlandes noch bestehenden « bewaffneten und uniformierten » Scharen ihr letztes Stündlein geschlagen, aber besonders Nationalrat Dr. Alois Steinhauser sei. ( S.A.C. Piz Terri ), der leider auf einer politischen Mission in Paris an der Grippe starb, trat mit seiner ganzen Macht und mit Erfolg für die Beibehaltung dieses alten und schönen Volksbrauches ein. Unter Campliun durch, mit weiter Ausschau ins Tal hinein, wandern wir nach Rabius am Ausgang der gleichbenannten Val. Dass deren Wildbach, die Rabiusa, wüten kann, hat sie noch vor kurzem durch Hinabsendung einer Mure bewiesen, welche viel Schaden an Land und Gebäuden anrichtete.

Nun sind wir schon in der Gemeinde Somvix, die sich aus den vier Ortschaften, ilgs squadras genannt, Rabius, Somvix, Surrhein und Compadials zusammensetzt, wozu noch einige Höfe, wie Reits und die hochgelegenen St. Benedetg und Laus, kommen. Das kleine Somvix, welches wir bald erreichen, ist eine der lokalgeschichtlich interessantesten Ortschaften des Oberlandes.

Da wurde noch 1823, in der Karwoche, ein altes Passionsspiel unter Mitwirkung aller Zuschauer in den Gassen unter freiem Himmel aufgeführt, welches deshalb eigentümlich ist, weil es sich vollständig der alten Oberländer Gerichtspraxis anpasste. Kaiphas war der Präsident und wurde « Reverendissim Signiur Pressident » angeredet. Er warf viel mit romanischen Sprichwörtern um sich, z.B. « Pertgei chel vaia in Krizer, schi bein chel fus in svizer » ( Wer den Kreuzer nicht ehrt, ist des Guldens nicht wert ) und « Tgi cha la ventira, meina la spussa a Casa » ( Wer den Wagen hat, fährt die Braut heim ). Annas war der Superintendent und stellt an Christus, der als mächtiger und einflussreicher Volksführer und Volks-verführer angeklagt ist, die Frage: « Di, ami, tgi tei ha faig Doctor e Meister da nossa sontgia lescha da Diu? » ( Sag, Freund, wo hast Du Deinen Doktor und Meister in unserem heiligen Gottesgesetz gemachtSo geht die Handlung über den von einem Weibel vorgeführten Angeklagten in Klage, Antwort, Replik und Duplik weiter, und allerhand mögliche Strafen werden vorgeschlagen. Zum Schluss wird Christus « nach Bundesrecht » zum Tode verurteilt, weil er auch « die Ruhe der Bünde » störe. Dann zogen unter dem Geläute aller Glocken die « Juden » in bunter Kleidung und schrecklich bewaffnet mit Hellebarden, Spiessen, Säbeln, Flinten, Pistolen, Herodes und die Priester hoch zu Ross, zum Calvarienberg, einem Hügel beim Dorfe, wo die Kreuzigung dargestellt wurde; echt volkstümlich, der damaligen Zeit und Volksanschauung angepasst. Chr. Caminada, der Verfasser von « Bündner Glocken » und « Bündner Friedhöfe », hat vor kurzem ganz kurz angeregt, dieses Passionsspiel wieder auferstehen zu lassen.

Auf eine grosse Anzahl bedeutender Männer und alter Geschlechter weist das in sehr gutem, geordnetem Zustande befindliche Archiv der Gemeinde Somvix hin. Da stammen zunächst zwei Disentiser Äbte aus derselben, nämlich Jakob Bundi, 1593-1614, der vor seiner Abtwahl eine Pilgerung nach Jerusalem unternommen hatte, und Anselm Huonder, 1804-1826. Dann war das ritterbürtige Adelsgeschlecht deren von Lombris dort schon 1231 sesshaft. Ferner viele Land-richtergeschlechter, wie Jacun, de Cajacun, jetzt Cajacob; Saphoja; Berchter, W. Derichsweiler.

-'»* Q-'Q^ümiiiiiuiiiiiimJ " ( O. r jetzt Berther; Meissen ( schon 1425 ) und Bundi. Auch gemeine f reye Geschlechter waren in Somvix sesshaft, wie die Arpagaus; Baselga; de Caver-düras; Caviezel; Duff ( CaduffPlazi, jetzt Caplazi und Deplazes; de Thuor; d'Wall und andere. Zu diesen kamen dann noch alte Gotteshausleute wie Barchair; Gockel ( siehe Wappen am Haus östlich des Gasthauses zur Krone, hinter dem BrunnenGurschiller, jetzt Curschellas; Merkly; Neschutt; Ney; Patrison; Rengin; Saltair; Schuppina: Steffen; Tschient; Weber; Dortella usw., wie man erkennt, zum Teil alemannischer Zuzug zum romanischen Stamme. Aber kein Name ist dort wohl so berühmt geworden, wie der Name Meissen, zuTisentisLantshapt"-velt in5-vnd-d">zeitlantir.r1- !. ii1 und zwar durch die Person des Landrichters Nicolaus Meissen ( Maissen, Meyssen, Meis ).

Kommt man von Rabins aus die Strasse herauf, so fällt einem vor der hochanstrebenden Kirche zur linken Hand ein nun tiefer als die Strasse liegendes, mächtiges Steinhaus mit einem Schiessscharten aufweisenden Turm und eisenvergitterten Fenstern auf, das leider durch ein nicht zu ihm passendes, neueres Dach verunziert ist. Über dem an der Westseite befindlichen romanischen Portal mit schwerbeschlagener Holztüre ist ein Wappen mit einem Stern eingemeisselt und die Inschrift: Ao 1675. NICOLAVS. MEISSEN. ALT. LANT. ZV. TISENTIS. LANTSHAPTM VELTLINS. VND. DER. ZEIT. LANTR. DES. L. 0. G. B., d.h.: Im Jahr 1675. Nicolaus Meissen. Alt Landammann zu Disentis, Landeshauptmann im Veltlin und zur Zeit Landrichter des löblichen, oberen, grauen Bundes. Hier wohnte einer der mächtigsten, frömmsten und doch rücksichtslosesten Männer des Oberlandes, dessen Charakter man nur aus der rauhen Zeit beurteilen darf, welcher er angehörte. 1621 ward Clau ( Nicolaus ) von armen Eltern geboren, tat Hirtendienste und schwang sich durch sein stattliches Aussehen, seinen harten Bündnerschädel und durch seinen zügellosen Ehrgeiz hinauf bis zu den höchsten Stellen. Zwar waren die Mittel, welche Clau hierzu auf Anraten seines geistigen Freundes, des in politischen Ränken wohl erfahrenen Canonicus und späteren Domdekan Mathias Sgier, welcher von Ruschein stammte und im Tavetsch Pfarrer war, benutzte, nicht gerade die saubersten. Häscher wurde er zuerst im Veltlin, trieb Geld ein, gleichgültig, ob berechtigt oder unberechtigt, holte sich von einem gequälten « Untertan » eine Dolchnarbe an der Stime, welche er in Zukunft durch eine in die Stirn fallende Haarsträhne ( siehe Bild ) verdeckte. Dann wurde er berüchtigter Cappo ( Hauptmann ) der Sbirren ( Häscher ) und kehrte mit einem Leibgurt schwer voll Geld, hoch zu Ross, nach Somvix zurück. Das wurde ihm seinerzeit noch nicht schlimm angerechnet, machten es doch viele Bündner so und geschah die Bereicherung ja nur auf Kosten der Veltliner Untertanen. Nun aber, zu Ansehen gelangt und mit dem damals schon nötigen Geld versehen, warf sich der junge Meissen, von Sgier beraten, auf die einheimische Politik, und es gelang seinen Freunden, den Bauernsohn 1656 in Disentis gegen den Junker von Castelberg zum Mistral ( Landammann ) auszuspielen, so dass er mit dem roten Mantel, Schwert und Siegel versehen nach Somvix heimkehrte. 1663 wurde er Landrichter des oberen Bundes. Doch das hatte ihn viel gekostet, und er wollte ja doch immer reicher werden. So geht er bald zu einem neuen Beutezuge, diesmal aber als mächtiger Landeshauptmann, ins Veltlin zurück. 1667 kehrt er reich, aber von den Veltlinern mit Fluch beladen, in seine Heimat zurück, bringt zu seinem persönlichen Schütze zwei Sbirren mit und beginnt nun seine eigenen Landesleute zu bedrängen. Die schönste Alp, Crap ner, liess er sich von der Gemeinde schenken. Widersacher wurden verbannt oder von den Sbirren heimlich beiseite geschafft. Seine Mitbürger zwang er ferner, ihm in Frondienst das Steinhaus, ein « Herrenhaus », zu bauen, spendete dafür aber 300 fl. und 300 Mass Veltliner für den Bau eines neuen Kirchturmes, der jetzt noch besteht. Sein Wohnort müsse den höchsten Kirchturm haben. Aber die von ihm unterdrückten Mitbürger wandten sich mit der Zeit von ihm ab. Mehrmals wurde er in Disentis in contumaciam mit schweren Geldbussen belegt. Da floh er nach Chur zu seinen Freunden, dem Domdekan Sgier und dem Bischof Ulrich Demont ( Bild siehe Jahrbuch 48, Seite 77 ). Seine Magd, eine Vrinerin, wurde vom Volk aus Rache als Hexe enthauptet. Nochmals zog Meissen mit 200 Bewaffneten zur Land-gemeinde nach Disentis, um mit Gewalt sich wieder einzusetzen, aber seine Feinde hatten 1800 Bewaffnete gegen ihn aufgeboten, so dass er ohne Erfolg nach Hause zurückkehrte. Am 9. Februar 1677 wurde nun das Urteil über ihn gesprochen: « Es ist erkhennt, dass Er Meysen von obig dato innerhalb zehen tag sich von Ge-meindt undt dero underthannen Landen absentieren, undt sein lebenlang ver-bandisiert sein solle. Ihn fahl Er aber innerthalb gemelter zehn tage dieses Urthel nit wurde stattgeleistet haben, so solle Er dannthin wo Er auf — oder in unserer Gemeine undt underthannen — landen über khurz oder lang gefunden werden möchte, vogelfrey gemacht und erkhant sein, und diejenige, die mit seinem haubt oder einem glaubwürdig Schein oder Zeugniss, dass Es ihme umb das leben gebracht, erschinnen würt, solle von hiesiger obrigkeit fl. 400 taxa zu empfangen haben. » Einsam und verlassen reitet der Flüchtling, von Haus und Hof vertrieben, gen Chur, aus seinem Gebetbuch vor sich hinbetend. Da fallen drei Schüsse, und zu Tode getroffen sinkt der verstossene, rhätische Dorfkönig vom Pferd in den Staub. Drei Schüsse waren es, meldet die Volksüberlieferung, einer von einem Veltliner, der zweite von einem Somvixer und der dritte von einem Anhänger der Franzosenpartei, welche gegen ihn die Ligia de cadeinas, den Kettenbund, gegründet hatte. Umsonst sind alle Bemühungen seines Freundes Sgier, einen Rachezug in Chur heraufzubeschwören. Ein diesbezügliches Protokoll der Stadt Chur lautet folgendermassen:

« Hierüber ist ordiniert, weil es ein weitläufig Handel abgeben und causieren möcht, dass man es allglich stillschweigend verbleiben lassen, und fernerhin nicht hierin stören solle. Jedoch mit diesem anhang, dass gem. Stadt an dero freyheit, rechten und Gerechtigkeiten hierdurch in kein weiss noch weg nit prejudiciert sein solle. » Und doch war Meissen trotz alledem ein wohltätiger und frommer Mann. Durch den Pfarrer Jacob Spescha in Somvix liess er 1669 alle alten Urkunden und Dokumente der Gemeinde in ein noch im Archiv befindliches Buch kopieren. Auch liess er auf seine Kosten eine Wasserleitung für die Gemeinde erstellen. Zudem W. Derichsweiler.

stand er gemäss den Kirchenbüchern in vielen Familien als Pate, war also nicht unbeliebt. Der Bau des noch bestehenden Kirchturms zu Somvix ist oben schon erwähnt, und dass er 1670 das Tenigerbad erwarb, neu aufbaute, die noch heute dort stehende Kapelle bauen liess und reich beschenkte, werden wir später sehen. Seinem Freunde und geistigen Ratgeber, dem Domdekan Mathias Sgier, ging es später auch schlecht. Im Streite um die Herrschaft Rhäzüns zwischen dem Kaiser Leopold ( 1674-1678 ) und Johann Heinrich von Planta wurde Sgier kaiserlicher Vertreter, rief das Volk zur Rebellion gegen die Familien Planta und Travers auf, wurde aber zuletzt in Reichenau mit seinen Anhängern gefangen genommen Nur sein Stand als Geistlicher rettete ihn vor dem Tode. So wurde er aus dem Domkapitel ausgeschlossen, zu einer Geldbusse von 5000 Gulden verurteilt und verbannt. Er starb im Elend. Aber im Volk sind diese beiden, über ihre Mitmenschen so bedeutend hervorragenden Männer noch jetzt wohl bekannt, und zwar eher in gutem als in schlechtem Andenken. Hierzu haben wohl sehr die mehr als frühere Beschreibungen über dieselben ins Volk gedrungene Novelle « Der Landrichter » und die Cumedia sursilvana « Clau Maissen », beide von P. Maurus Carnot, beigetragen. Letztere, in rätoromanischer Sprache, wird jetzt im Winter in der Somvixer-gegend vom Volke oft gespielt. Aber nur wenige wussten, wie diese beiden Männer ausgesehen hatten Nun sagt Dr. Decurtins sei. in seiner Doktordissertation 1876: « Der Landrichter Maissen », er habe ein Ölgemälde von ihm.

Eine Nachfrage bei Frau Nationalrat Dr. Decurtins in Truns ergab dann, dass sich in ihrem Privatbesitz zweiÖlgemälde von Meissen und eines von Sgier befinden. In entgegenkommender und zu ver-dankender Weise wurden mir dieselben leihweise zur Reproduktion zur Verfügung gestellt. Aber sie waren infolge ihres Alters in so schlechtem Zustande, gedunkelt und beschädigt, dass eine photographische Reproduktion nicht mehr möglich war. So liess ich denn nach dem am besten erhaltenen Bilde von Meissen und nach demjenigen von Sgier durch meinen Bekannten A. Hopf, Zürich, Federzeichnungen herstellen, von welchen dann die diesem Aufsatz beigegebenen Abbildungen stammen. Nach Inschriften auf beiden Bildern sind dieselben im Jahre 1664, jedenfalls von einem südländischen Maler, hergestellt worden, als Meissen 44 und « Schgyer » 43 Jahre alt waren. Werden die Originale nicht restauriert, so werden sie nach fachmännischem Urteil in einigen Jahren völlig zerfallen.

Von Truns durch das Somvixertal zur Greina.

Steigen wir einmal neben der St. Johann dem Täufer geweihten Kirche — welchen Schutzpatron die Gemeinde auch in dem in der Initiale dieses Aufsatzes wiedergegebenen Siegel führt, welches ich zuerst an Urkunden von 1770 vorfand — den rauhen, steinigen Weg hinauf nach St. Benedetg ( 1276 ). Das ist der Mühe wert, denn einerseits ist dies eine alte Kultus- und Kulturstätte, anderseits hat man von dort sehr schöne Tiefblicke ins Vorderrheintal hinauf und hinab. Noch steht die alte, mit einem Lawinenbrecher versehene Kapelle bei einigen stattlichen Wohnhäusern. Bei derselben stand früher, 1252 noch, die Burg Castiliun. Deren Gebäude werden wohl später zu einer Art Pfrundanstalt benutzt worden sein, wo vornehme ( nobiles ) Männer und Frauen in gottgefälliger Musse als Oblaten getrennt lebten, und zwar auf Kosten des Klosters Disentis, welchem sie aber vorher ihr ganzes Hab und Gut vermachen mussten. Dieses « Collegium Devoto rum Summovici » wird 1284 als « nuper erectum » ( kürzlich gegründet ) beurkundet und bestand bis Mitte des 16. Jahrhunderts. Als Insassen wurden 1284 u.a. De Runcal ( Derungs ) und De Plazes genannt. Interessant ist ein paradoxer Schiedsspruch aus dem Jahr 1327 in Anständen zwischen dem Abt in Disentis und dem Kaplan der Anstalt. Nach diesem durfte der Kaplan jährlich, nach eingeholter Erlaubnis des Abtes, « auch wenn er sie nicht erhalten sollte », sich während zwei Monaten absentieren, d.h. Ferien machen. Der Glückliche!

Doch nun hinaus aus dem Mittelalter zur Gegenwart, sind wir doch noch immer auf dem Wege zum Som- vixertal. Auf steilem Fussweg steigen wir von Somvix hinab zum Erlen- gebüsch am Rhein. Diese weit ausgedehnten Erlenareale sind für das Talbecken von Truns von wesentlicher klimatischer Bedeutung, wie unser verstorbenes Ehrenmitglied Prof. Dr. K. Hager im Jahrbuch 53, Seite 135, auseinandergelegt hat. Aber wir hätten, von Chur kommend, eigentlich gar nicht nötig gehabt, bis nach Somvix hinauf zu wandern. Historische Erinnerungen zogen uns dorthin. Von Rabius, der Bahnstation für das Somvixertal von Chur her, geht schon eine Fahrstrasse und auch ein Fussweg durch die Erlen zur Brücke über den Rhein und zur kleinen Ortschaft Surrhein, am Eingange des Somvixertales. 1579 hatte Surrhein seinen heutigen Namen noch nicht, man sprach nur von den « nachpuren, welchen enenthalb dem Rin beguet sind ».

Die prächtig ausgebaute, weithin leuchtende Kirche mit dem schönen Mosaikbild des St. Placidus an der Frontseite, welche fast zu gross erscheint für die kleine Ortschaft, dürfte wohl der Mitwirkung des Geschlechtes des jetzigen Bischofs von Chur, der Schmid von Grüneck, ihr schmuckes Aussehen zu verdanken haben.

Dieses Geschlecht wurde 1544 vom deutschen Kaiser geadelt, und die Wappen-schlange, welche man an vielen Häusern, z.B. an solchen in Ilanz und am Obertor dort findet, ist auch in den Wetterfahnen des Kirchturms vorhanden. Drei Glocken birgt der Turm, in den wir einmal, da sein Eingang unten verschlossen war, mit einer Leiter von aussen her einstiegen. Die kleinste wurde von Theodosius und Peter Ernst in Lindau 1660, die mittlere von Jos. Grasmayer in Feldkirch 1855 gegossen, und die grosse, St. Maria, St. Placidus, St. Sigisbert und St. Franziscus gewidmet, trägt auf den Beschlägen die beiden Inschriften: 16. M. C. A. d. 98 und 16. M. joh. h. G. E. G. 69. Ferner weist der untere Rand den Spruch auf: « A fulgure et tempestate, a peste, fame et bello libera nos Jesu Christe » ( Von Blitz, Unwetter, Pest, Hunger und Krieg befreie uns, Jesus Christus ). Zwei einfache, aber saubere Gasthöfe bieten dem Wanderer Unterkunft. Die « Greina » der rührigen Frau unseres Sektionsgenossen Maissen und der « Piz Terri » unseres Sektionsgenossen Plazi Deplazes. Öfters habe ich abends auf der Bank unter der Gemeindetafel gesessen, ohne Rock, Kragen und Weste, die « Schwienehändlerspfiefe », wie man meine kurze Weichselrohrpfeife mit Holz-kopf nannte, in Brand und liess die idyllische Ruhe auf mich wirken. Vor der Kirche ist der Cadruvi, der Platz, auf welchem die Männer Sonntags nach der Kirche ihre Gemeindeversammlung, ihr Cadruvi, abhalten. Eine ausserordentlich lange Bank ohne Rückenlehne, aus einseitig abgeflachten Holzstämmen hergestellt, ladet die älteren Leute zum Sitzen ein. Jetzt ist sie Turngerät der 3—4 jährigen Buben. Sie laufen barfuss, nur in Hose und Leibchen, auf ihr auf und ab. Die Schuhe haben sie ausgezogen und liegen daneben. Der Herr Pfarrer kommt aus der Kirche, geht in sein heimeliges braunes, von grünem Laubschmuck halb-verdecktes Holzhäuslein und erscheint dann, auch mit einer « Schwienehändlerspfiefe » in seinem schönen Obst- und Gemüsegarten, bald nach dem Wetter ausschauend, bald nach der Gasetta Romontscha, die doch heute kommen muss, bald seine kleinen Bienenhäuschen inspizierend — otium cum dignitate. Weit schweift der Blick über Rabius da oben. Ein Pfiff durchdringt die Stille, das Züglein schlängelt sich aufwärts. Es ist ganz schön, nun elektrisch zu fahren, aber dass letzthin in Schnaus-Strada die elektrische Lokomotive einfach streikte und wir wieder abwärts nach Ilanz hinabrollen gelassen wurden, um dort den nächsten Zug ab Chur abzuwarten, ist mir beim alten Dampfrösslein noch nie passiert. Nun kommt ein Städter daher. Er will noch ins Tenigerbad, denn er knöpft Krawatte und Kragen ab, kennt also die vor ihm liegende Steigung. Der offizielle Postwagen, ein Leiterwagen mit einem einzigen Rösslein, schwer bepackt mit neuen, modernen Koffern und alten, vollen Säcken in friedlichster Eintracht, verschwindet langsam ebenfalls im Eingang zum Tale. Frauen und Kinder gehen, das blaue Rabattbüchlein in der Hand, zur neben der Kirche liegenden Assoziun purila consum, depot Surrhein. Längst sind die Buben schon heimgerufen worden zur tscheina ( Abendessen ) und zum letg ( Bett ), aber ein Paar Schuhe liegt noch immer bei der Bank. Mag es ruhig liegen bleiben, das nimmt kein Unberechtigter weg. Nun kommt Vieh heim; die Geissen mit vollen Eutern, die Kühe und das Galtvieh langsamen Schrittes mit friedlichem Muh. Ein Dreikäsehoch treibt eine Heimkuh vor sich her, verstohlen nach mir schielend, ob ich auch seine Wichtigkeit und Würde bewundere. Alles das und noch mehr sieht man auf dem Bänklein vor dem « Piz Terri ». Da habe ich auch einmal an einem 1. August gesessen, als die Höhenfeuer aufflammten, und es dünkte mich dort in der Stille schöner und ergreifender als beim buntesten Lampionumzug und der best einstudierten Festrede.

Ein frischer Morgen ist angebrochen. Zwischen dem Pfarrhaus und der Kirche verfolgen wir das ansteigende Fahrsträsschen aufwärts. Grosse, weisslich-graue und fettig erscheinende Steinplatten lehnen an den Häusern an. Das sind dort gebrochene Specksteinplatten, aus denen seit uralten Zeiten die Oberländer ihre Stubenöfen zusammenbauen. Während des Krieges wurde von auswärtigen Kreisen her versucht, dieses Produkt anstatt wie bisher im Handbetrieb maschinell im Grossbetrieb auszubeuten, den Speckstein zu zermahlen, und kleine, elektrische Öfen aus ihm zu bauen. Aber nun ist dieser Grossbetrieb, wie manches andere Kriegsunternehmen, dort wieder verlassen worden, denn die bei Surrhein zum oberen Bruch führende Bahnanlage liegt verwaist da. Bald steigt der in mürben, aber eine üppige Vegetation erzeugenden Senzitschieferfels eingeschnittene Weg steiler an, an den Kehren freien Rück- und Tiefblick gewährend auf das breite, vollständig versandete Wildbett des Somvixerrheines, welcher seine nach Westen in den Vorderrhein gezogene Kurve je nach seinem Stande und seiner Wildheit vergrössert oder verkleinert. Bei einem Felsausschnitt deutet ein Kreuz daraufhin, dass der Weg nicht immer so bequem war, wie er es zurzeit ist, und dass er auch seine Opfer forderte. Ehe das Fahrsträsschen vorhanden war, führte ein steiler Pfad durch eine Felsstufe aufwärts und kam oben bei einer nun nicht mehr vorhandenen Kapelle, St. Adalgot, in Portas ( lateinisch porta = der Eingang ) auf die Höhe der dortigen Terrasse. Nach Placidus a Spescha sei dieser Weg 1614 gesprengt, und das Tal daraufhin erst ständig bewohnt worden. Jetzt zieht der Weg steil ansteigend der Flanke entlang, allen Falten einwärts und auswärts folgend, gegenüber dem grossen Felsbruch von 1881, unterhalb Portas durch, so dass man letzteres erst rückwärts schauend gewahr wird. Diese Felsstufe bestimmte Chr. Latour, bei seiner Deutung der Ortsnamen im Testament des Bischofs Tello, 766, die Angabe: « super Falariae gradum onera sex » als « über der Felsstufe in Wall soviel Bergwiesen, als 6 Manneslasten Heu ergeben » und so auf das Somvixertal zu deuten. Letzteres heisst tatsächlich in Urkunden allgemein « Wall » ( 1478, Urkunde betreffend die Durchfahrt mit dem Alpvieh auf die Alpen Auschgal [Naustgel] und Falatza [Valesa] « durch die gadenstadt in Fais [Wall] in Rendiert ». 1580 das bad im Wall ). Das ist die allgemeine romanische Bezeichnung val = Tal. Und die älteste, im Winter allein noch ausser dem benachbarten Portas bewohnte Ansiedelung des Tales heisst jetzt noch « Val ». Auch haben wir oben gesehen, dass sich eine Somvixer Familie d'Wall nannte, also wohl jedenfalls aus dem Tal kommend. Erst 1659 fand ich die Bezeichnung « in Valle Summovi-cense » vor. Placidus a Spescha gibt später mehrere Bezeichnungen für das Tal an, nämlich: Val Tenigia, Tenitg, Val Surlaival ( Tal über dem Tal ?).

In Val ( 1212 ), das jetzt im Winter noch von drei Familien bewohnt ist, während in Portas nur noch eine Familie überwintert, kehren wir in der kleinen Wirtschaft von Monn-Wenzin ein, um in der kühlen Stube bei einer Flasche Bier, einem Glas Veltliner oder Kaffee uns aufzufrischen. Den Besitzer kann ich als Träger empfehlen. Er hat mir schon einige Male Ballast zur Greina auf- und abgetragen und kennt die dorthin führenden Wege. Gegenüber dem Wirtshaus steht eine Kapelle, St. Petrus und Paulus sowie St. Margretha geweiht, welche 1695 gebaut sein soll, nach Placidus a Spescha aber erst 1723 eingeweiht wurde. Schon vor 12 Jahren hatte ich zu den beiden Glocken hinaufgeschaut, begierig, zu erfahren, welche Inschrift sie trügen. Es war aber von niemandem diesbezügliche Auskunft zu erhalten. Jedoch die Trauben waren mir selber bisher zu sauer gewesen. Während man nämlich in Kirchen innen im Glockenturm mehr oder weniger sicher zu den Glocken steigen kann, hängen diese bei derartigen Kapellen meist in luftigen, den unzuverlässigen Schindeldächern aufgesetzten Türmchen, sind also von innen nicht erreichbar. Aber darf man dasjenige, was man im Fels gelernt hat, nicht auch einmal an einem alten Schindeldach probieren? Monn setzt eine Leiter aussen an das eine Ende des Giebels, welche aber unterhalb desselben schon endet. Die Schuhe ausgezogen und aufwärts! Nun rittlings auf den Dachfirst hinauf und auf demselben bis zum Türmchen weiterrutschen, mit Händen und Beinen Reibung erzeugend, sich so weiterschiebend. Das ist leicht gesagt, aber die uralten Schindeln haben eine Unmenge von Splittern, und von jeder ragen alte, rostige Nägel halbzollweise vor. Bei jedem Vorwärtsrutsch bleiben die Strümpfe an den Nägeln hängen, so dass man sich bald rechts, bald links befreien muss. Das Türmchen wird, allerdings unter Hängenlassen von viel Wolle, dennoch erreicht. Nun langsam, vorsichtig aufrichten, denn die Inschriften gehen rings um die Glocken herum. Das Resultat ist: Die kleine Glocke hat die Inschrift: AVE. MARIA. DOMINVS. TECVM. 1715, und die grosse trägt den Spruch:

MEIN. STIM. WERDT. IR. HÖREN ZV. DEM. GEBET. WERDT. IR. EVCH. KEHREN.

Sie ist ohne Jahreszahl, jedenfalls jüngeren Datums. So, nun unter Überwindung der gleichen Hindernisse sich rückwärts schiebend wieder zum äussersten Punkt des Dachgiebels. Dann mit dem Oberkörper flach auf den First sich legend, die Arme breit auf die beiden abfallenden Seitenflächen des Daches andrückend, denn die alten Schindeln bieten keinen einzigen sicheren Griff, und sich nun, mit den Beinen nach der obersten Leitersprosse tastend, in der Luft pendelnd, langsam ins Ungewisse herablassen, bis man glücklich mit einem Fuss Fühlung mit der obersten Sprosse genommen hat. Das hätte ich mir früher niemals träumen lassen, dass ich in meinen alten Tagen noch Kapellendächer erklettern würde.

Mit der Notiz sicher in der Tasche, am Brunnen gekühlten Händen und « durchbrochenen » Uberstrümpfen kann es nun weitergehen. Offener wird das Gelände. Tief unten schäumt in enger Felsschlucht der Somvixerrhein, so tief, dass man nur dann und wann ein kleines, gischtendes Stück von ihm zu sehen bekommt. Jenseits steigt eine stotzige Wand auf, ganz mit Tannen besetzt. Es wundert einen, dass die Bäume an so schräger Halde noch so eng beisammen und so schön senkrecht nebeneinander stehen können. Ganz oben, an schmalem, steilem Grasband, klebt eine kleine, fast schwarz verbrannte Hütte. Das ist Reufla, das nur von oben abwärts, von St. Brida her, zugängig ist. Rechts aber, auf unserer Seite, ist der Hang milder, und einzelne Hütten und Stadel schauen von oben herab. Unter Clavadials durch, von wo man einen wunderschönen Rückblick auf Val, Rabius, die Brigelserhörner, Biferten sowie die Stgeina de Glievers hat, kommen wir bald in einen parkartigen Wald. Spaziergänger lassen uns schon ahnen, dass wir uns nun in der Nähe eines Kurortes befinden.

Von Truns durch das Somvixertal zur Greina.

Nun stehen wir in einer grossen Lichtung im Walde, an welche sich gegen Westen mit Stadel besäte Alpenwiesen zur Garvera hinaufziehen. Schade, dass die Erbauer des grossen Waldhaushotels sich nicht von heimatschutzlichen Motiven bewegen liessen, der Nordfront des Hotels den Eindruck eines glatten Steinkastens zu nehmen. Ist doch die Südfront desselben durch seine zahlreichen Holzgalerien und Veranden dem Auge angenehmer unterteilt. Wie eigenartig sticht von diesem Bau das schwarze, uralte Holzhäuschen neben dem Springbrunnen ab. Aber das muss man den Erbauern lassen, sie haben einen der schönsten Punkte des Tales für das grosse Waldhaus und seine Dépendance, das kleine Waldhaus, gewählt. Auf einem über der Rheinschlucht vorspringenden Fels steht es da oben wie ein Schloss, mit herrlichem Ausblick, talauswärts bis zu den Brigelserhörnern, taleinwärts auf den Talabschluss, welcher links von der Cavelgruppe und rechts von der Gaglianera- oder Vialgruppe flankiert ist, während in der Talsohle das Band des Somvixerrheines stellenweise aufblitzt. In der Mitte schaut der Piz Terri über die Greina herunter. Für Kurgäste, welche der Ruhe, der gesunden Waldluft und der Erholung wegen, wozu bekanntlich auch ein ausgezeichnetes Essen gehört, in die Berge gehen, sind diese beiden Hotels sehr zu empfehlen. Jedoch mögen sich Rucksacktouristen bei Überfüllung des unter der gleichen Direktion stehenden alten Tenigerbades durchaus nicht abhalten lassen, in einem der Waldhäuser zum Übernachten einzukehren. Sie werden hier nicht, wie es leider in einigen grösseren Hotels an Fremdenindustriezentren noch immer geschieht, über die Schulter angesehen. Sektionsgenosse Stanislaus Caplazi, Vater, der geistige Gründer der Sektion Piz Terri, da er seinerzeit zuerst den Vorschlag machte, im Bündner Oberland eine eigene Sektion zu gründen, und sein Sohn, Florin Caplazi, ebenfalls Mitglied der Sektion, beide selbst Bergsteiger, bringen diesen Touristen dasselbe freundliche Willkommen, dieselbe Fürsorge entgegen wie den mit vielen Koffern anreisenden Kurgästen.

Wir wandern das Fahrsträsschen weiter, etwas absteigend, durch den Wald, auf einer Holzbrücke über den Valesabach und stehen bald in einer kleineren Waldlichtung vor dem altberühmten Tenigerbad ( 1270 ) mit seiner heilsamen, bittersalzhaltigen Gipsquelle, die munter unter einer alten Kapelle Maria della new ( Maria zum Schnee ) hervorspringt. ( Bild siehe Jahrbuch 46, S. 124. ) Vom Surrhein hat ein wackerer Gänger, ohne Rasten einzurechnen, zirka 1 % Stunden hierhin zu steigen.

Igl Bogn, das Bad, wie die Einheimischen dasTenigerbad nennen, ist eines SAC57 der ältesten im Bündnerland und hat eine sehr interessante Geschichte, wes- W. Derichsweiler.

halb es sich verlohnt, hierauf dieselbe einzugehen. Die Volkssage erzählt, die Urner seien zuerst in das Tal eingedrungen. Bekanntlich wohnten nach Muoth in alten Zeiten Deutschsprachige im obersten Teil des Oberlandes, im Tavetsch, welche später von Romanen friedlich verdrängt wurden. Griff doch auch die geistliche Gewalt des Klosters Disentis bis ins Urserntal hinein. Von dort seien auch einige ins Somvixertal vorgedrungen und hätten die Quelle entdeckt. Urkundliche Belege hierfür fand ich nicht. Zuerst wird das nur von Einheimischen benutzte Bad im Jahre 1580 urkundlich erwähnt. Caspar Cunrad Vielli erwarb damals « das bad im Wall von gemeinen nachpuren von Somvix » zum ewigen Erblehen mit der Verpflichtung, denen von Somvix das Bad zu erhalten und zu wärmen, « wan ihrer 8 persohnen zusammenkommen umb ein krützer ( Kreuzer ) tag und nacht und die frömbden umb 2 krützer ». Dann soll er ihnen « den gross kässen ( Kessel ) samt anderer ristung » leihen. Sie mussten aber selber wärmen. Auch soll Caspar « ein stuben daruf erhalten ». Die Stube war ein aus rohen Balken gezimmerter, kleiner Bau, von dem weder Näheres noch Abbildung gefunden werden konnte. So blieb das Bad in dem primitiven Zustand bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Da kaufte der oben erwähnte Landrichter Meissen das Bad der Gemeinde Somvix ab und liess an Stelle der alten Stube ein für die damalige Zeit stattliches Badehaus aus Holz mit SAC 57 einer geräumigen Speisestube seine Von diesem zweiten Bau sind uns zwei Abbildungen erhalten. Die eine ist in der linken, unteren Ecke des Altar-bildes der Kapelle, welches St.Brigitta ( Brida ), die Beschützerin des Viehs, darstellt. Die andere ist eine Bleistiftzeichnung von J. Müller-Wegmann, dessen reichhaltige Sammlung als Eigentum der Sektion Uto in der Zentralbibliothek in Zürich verwahrt wird. Letztere Skizze ist auch im Jahrbuch 10 ( 1874/75 ) als Einschaltbild wiedergegeben. Die alten Veteranen des S.A.C., wie J. Müller-Wegmann, H. Zeller-Horner und A. Hoffmann-Burkhart, haben in dem Meissenschen Bau noch übernachtet und schildern ihn 1874 als ein baufälliges, altes Holzhaus, dessen schwärzliche Holzfassade sich ganz bedenklich der Strasse zu neige. Man bade in ausgehöhlten Baumstämmen, welche dann durch 6 in den Fussboden eingelassene, hölzerne Tröge ersetzt wurden. Heisses und kaltes Wasser laufe durch offene, hölzerne Kännel zu. Der Besitzer J. P. Wieland habe im Sinne, 1875 neu zu bauen, wenn auch das projektierte Fahrsträsschen gebaut werde ( Jahrbuch 10, Seite 120, 153 und 180 ). Die Betten und die Verpflegung seien aber gut. Der erste Steinbau wurde jedoch erst 6 Jahre später errichtet.

Interessant ist es, dass Meissen, welcher das Bad am 1. Juni 1674 eröffnete, eine Fremdenliste und eine Aufzeichnung anfertigen liess, was jeder dort ver- speiste. Dieses « Rechen Buoch dess Ussgebens und Innemens, wie auch der Zerungen dess badtss, sampt der notierung aller persohnen, so Anno 1674 darin gewesen, und wie lang ein jede Persohn solches gebraucht hat » ist uns erhalten. So interessant diese erste Fremdenliste und Speisekarte des Tenigerbades ist, es würde doch zu weit führen, sie hier wiederzugeben. Die Gäste waren meist Einheimische, besonders Klosterbrüder, hat doch auch der Disentiser Abt Adalbert de Medel-Castelberg ( 1655-1696 ), der erbittertste politische Gegner des Landrichters Meissen, eine Kur mit gutem Erfolg dort gemacht, was einen Pater veranlasst haben soll, ein lateinisches Loblied auf das Bad zu dichten. Auch Frauen waren damals schon zur Kur dort. Interessant ist die Speiseaufzählung zu Mittag und Abend, von welcher nachstehend einige Kostproben folgen mögen: Zu Mittag gab es an den ersten fünf Tagen:

1. ein Panaden ( Suppe aus Brot mit Eiern darin ), 2 Trinkayer und Zwetschgen, 2. ein Suppen von einem ay, ein par Trinkayer, brootsuppen und Zwetschgen, 3. Fleisch, Gerste, frisch foressen und schnitz, 4. ein Ayersuppen, brootsuppen und frisch foressen, 5. ein ay lind gekocht und brodt, mehr ein wenig geschlagen flugetss ( Mehlspeise ähnlich den Spätzli und Bizockels ).

Als Nachtmahl gab es:

1. ein suppen von Ayer, frisch foressen, kalbfleisch und ein wenig braten, spmütsch ( vielleicht Gemüse ), 2. ein suppen von einem ay, ein wenig ankhenbröckhlin mit einem ay und ein ferbadetermit einem ay, 3. ein Panaden, linde ayer und Zwetschgen, 4. ein suppen von einem ay, frisch foressen, ferbaden und bratis.

Man sieht, dass es dort, bei den « paun palus », wie man scherzhaft die Oberländer wegen ihres harten Brotes mit rissiger Kruste noch nennt, damals schon ganz schmackhafte Leckerbissen gab. Erst wurde unter Diät das Wasser 4 Tage getrunken und dann mit dem Baden begonnen.

Gleichzeitig mit dem Badehaus liess Meissen die Kapelle Maria della new bauen und versah sie mit reichem Inventar. Ein silberner Kelch und gestickte Messgewänder mit dem Sternwappen von Meissen waren vor nicht langer Zeit noch dort. Noch befindet sich hinter dem jetzigen ein altes Altarantipendium aus gepresstem und bemaltem Leder, wie sie zur Zeit Meissens in den Kirchen und Kapellen allgemein üblich waren, deren aber nur wenige bis zur Gegenwart erhalten sind. Da musste es mich nun auch interessieren, festzustellen, ob wohl auch eine der Glocken noch von Meissen stamme. Also über das Schindeldach in das luftige, nur auf einem vertikalen Stützbalken fussende, käfigartige Türmchen und nachgeschaut. Hinweisend auf das Bad ist die Inschrift der grösseren Glocke, welche die Jahreszahl 1670 trägt, also auch von Meissen stammt. Sie lautet:

0. MARIA. GOTTESMVTTER. REIN. HEIL. VNS. ALLEN. GROS. VND. KLEIN.

Die kleinere Glocke ist aus dem Jahre 1728 und trägt die Inschrift: B. V. M. LIBERA. NOS. AB. OMNI. MALO. PER. INTERVENTIONEM. JESV. CHRISTE. MDCCXXVIII, d.h. « Glückselige Jungfrau Maria, befreie uns von allem Übel durch Fürsprache bei Jesus Christus ». Von dieser Glocke sagt Placidus Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 57. Jahrg...

i202..,;... W. Derichsweiler.

a Spescha, dass sie einem Christ. Hans de Curtins Carigiet gehöre, und, wenn das Bad niedergerissen oder nicht mehr betrieben werde, an ihn zurückfallen müsse; dafür durfte er und seine zwei Kinder lebenslänglich gratis baden. Nach Meissens Tod kam das Bad an seine Erben und später in den Besitz von Familien Tgetgel, Spazin und Chicher. Auch der originelle Quacksalber Janik von Truns, der noch als Wunderdoktor in der Erinnerung des Volkes fortlebt, soll kurze Zeit dort gehaust haben. Zu Placidus a Speschas Zeiten ( 1814 ) war Statthalter Martin Chicher Besitzer des Bades. Dieser wollte es aber verkaufen, und nun machte Placidus dem Stift Disentis den Vorschlag, das Bad zu kaufen, ihn in Val als Kaplan einzusetzen und ihm die Verwaltung des Bades zu übergeben. Man ging aber nicht hierauf ein. So wurde das Bad am 20. Mai 1823 um 500 fl. mit allen Rechten, Liegenschaften, Mobiliar, Kapelle und Glocke an Johannes de Mont von Truns, einen Neffen des Paters, verkauft. 1881 wurde der erste Steinbau, der älteste Teil des Gebäudekomplexes des Tenigerbades, von Alexander Cagienard gebaut. Der darauffolgende Besitzer, Caplazi, ein Verwandter seines Vorgängers, erwarb das Bad 1882, liess die Vergrösserungsbauten herstellen, so 1892 die Veranda, 1896 den Speisesaal und zweiten Stock und verkaufte das Ganze 1911 an die zuerst als Konkurrentin aufgetretene Waldhaus A. G. Somvixertal, welche dadurch erst das Recht erhielt, auch den altberühmten Namen « Tenigerbad » und die Quelle unter der Kapelle sowie letztere zu benutzen. Caplazi liess dann noch in der letzten Zeit die nach dem Bau einmal hinzugekommenen Verschalungs-bretter am Türmchen wieder entfernen. Sie sind auf der Zeichnung von Müller-Wegmann noch angedeutet. Hierdurch kommt nun die ursprüngliche, viel feinere Architektur des Türmchens wieder zur Geltung.

Aber auch auf andern Wegen, mit Gegensteigung, kann das Tenigerbad vom Bergwanderer erreicht werden. So von Disentis aus auf dem Wege zum schönen Laussee ( Bild siehe Jahrbuch 48, Seite 62 ), steil hinauf zur aussichtsreichen Alp Con und nun direkt hinunter nach Val oder nach Clavadials. Oder von Curaglia ( Medels ) über die Alp Soliva, die Garvera ( 2371 ) und durch die interessante Valesaschlucht zum grossen Waldhaus. Oder von Ilanz her in zweitägiger Tour über Obersaxen mit Übernachten in Meierhof und, die Val Zafragia und die Val blaua querend, über Alp Nadeis und St. Brida. Dieser Weg ist jedoch mehr als Heimweg vom Bad ins Unterland zu empfehlen, und ich werde ihn daher am Ende dieser Abhandlung näher berühren. Einen Zugang mit höherer Gegensteigung bietet von Obersaxen ( Meierhof ) aus die Val gronda, Fuorcla Val gronda ( zirka 2770 ), mit Abstieg über die Alp Gargialetsch. Über Einzelheiten und Zeiten aller Übergänge sowie Bergbesteigungen gibt der Clubführer des S.A.C., Bündneralpen, Band II, genaue Auskunft.

Das Tenigerbad ist der Stützpunkt für eine Anzahl schöner Bergtouren, wie Piz Muraun ( 2899, 4%—5 Stunden ) auf markiertem Wege, Piz Nadeis ( 2793, 4 Stunden ) und Piz Miezdi ( 2742, 3% Stunden ), Piz Cavel ( 2944, 4% Stunden ) und Piz Rentiert ( 2759, 4 Stunden ).

Ferner war und ist zurzeit noch das Bad der Ausgangspunkt für Wanderungen und Touren im Greinagebiet, da die Sektion Ticino S.A.C. ihre auf der Tessiner Alp Monterascio an der Greina gelegene Unterkunftshütte wegen allzu unliebsamen Verhaltens der dortigen Personen ( siehe Alpina vom 15. Oktober 1921, Seite 182, und vom 5. November 1921, Seite 222 ) aufgeben musste. Das ist schade, denn wir hatten vor zirka 10 Jahren dort zu zweien eine zwar primitive, aber doch freundlich gewährte Unterkunft bei der alten Theresa gefunden. Vom Tenigerbad aus liegt aber das Greinagebiet zu weit. Man muss zirka 2 Stunden durch das Tal weiter laufen, bis man erst einmal anfangen kann, zur weitläufigen Hochebene der Greina steil aufzusteigen, von der man dann, nach zirka 2 weitern Stunden erst, die über derselben sich auftürmenden Hochgipfel in mehreren Stunden erreichen kann, so dass z.B. eine Terribesteigung vom Tenigerbad aus mehr als 7 Stunden beansprucht. Die Medelserhütte kann für Besteigungen von der Greina aus nicht in Betracht kommen, da der Greinaboden von dieser Hütte aus nur in halbtägigen Touren mit bedeutender Gegensteigung erreichbar ist, also noch umständlicher als vom Tenigerbad aus.

Der Name « Greina » wird zuerst in einer Urkunde vom Jahre 1182 als « culmen de Agrena » ( lateinisch acer = Ahorn ) erwähnt. Warentransit hat sie nie gedient, da die Aufgänge vom Somvixertal und von der Val Blenio ( Sostoschlucht, Scaletta ) hierfür zu schwierig waren. Ein Auftrieb von Vieh auf die Alpen der Greina von Süden her geht aus Urkunden von 1205 und 1253 hervor, in denen bestimmt wurde, die mangelhaften Brücken in der Val Camadra sollten verbessert werden, ut bos, vacca et cabalus transeat ( damit Stiere, Kühe und Pferde hinüber könnten ).

Es war schon lange die Frage aufgeworfen worden, ob man nicht an der Greina eine Clubhütte bauen solle. Placidus a Spescha schreibt 1820: « Um die Überfahrt ( Wanderung ) über die Greina zu erleichtern, müsste auf deren Anhöhe ein Bergspital erbaut werden, ausserdem für die Surselver eines im Hintergrund des Tenigiathales. » 1898, im Gründungsjahr der Oberländersektion Piz Terri, war auch von dieser das Projekt theoretisch schon behandelt worden. Im Clubhüttenplan wurde 1912 ein Projekt « Terri » unter Nr. 113 als Bau zweiter Dringlichkeit vom C C eingezeichnet, aber erst am 30. Mai 1920 wurde in der Generalversammlung der Sektion Piz Terri endgültig beschlossen, an der Greina eine Clubhütte zu bauen und sie dem Andenken an unser verstorbenes Ehrenmitglied, Prof. Dr. P. Hager, zu widmen. Nun wurden die Vorarbeiten durch eine Baukommission Vorgenommen, die Finanzierung praktisch durchgeführt und der wohlbegründete Antrag um Subvention mit den ausführlichen Plänen unseres Sektionsmitgliedes Architekt Karl Gabriel, Waltensburg, zurzeit Professor am Technikum in Burgdorf, im Januar 1922 dem C. C. eingereicht, so dass das Gesuch auf der Delegiertenversammlung 1923 zur Abstimmung kommen dürfte.

Es war am 29. Juli 1920, als Mitglieder unserer Baukommission, nämlich Baumeister Richard Coroy, der bekannte Brückenbauer ( Baugerüste von Langwies, Pérolles und an der Bagdadbahn in Kleinasien ), Fidel Huonder, der Schreiber dieses und als Gast mein Freund Fritz Gloggengiesser ( Uto ), der im Oberland als häufiger Gast unter dem romanisierten Namen « Culazens » bekannter ist, vom Oberalpstock kommend, im Tenigerbad beim Veltliner sassen. Wir wollten den andern Tag zur Greina aufsteigen und einige in engere Auswahl genommene Plätze auf ihre Eignung zu einem Bauplatz prüfen. Früh morgens zogen wir weiter ins Tal hinein, hinab zur Brücke über den Somvixerrhein beim Chalet Vial und « rechtsrheinisch » fast eben weiter, unter Rhun durch, über die Alp Valtenigia, wo eine Lawine grossen Schaden an Wald und Gebäuden angerichtet hat. Da wir aber nicht rechtsrheinisch, den Frontschapfad, sondern « linksrheinisch » W. Derichsweiler.

aufsteigen wollten, überschritten wir die oberste Brücke des Rheins und verfolgten unter der Ziegenalp durch den Pfad, welcher über die Brücke beim Lavazbach gegen Encarden führt, bis hinter die Wasserfälle ( 2 Stunden ). Dort zieht sich eine mit einem schroff gegen die Wasserfälle abstürzenden Felskopf beginnende grüne Rippe aufwärts gegen die Greina hin. Diese Rippe bildet die westliche Begrenzung der Felsschlucht des Baches und eine Aufstiegsmöglichkeit zu Greina. Einstweilen verfolgen wir unten den Pfad weiter, noch zirka 15 Minuten, bis dorthin, wo ein Felsriegel von der grünen Flanke der Rippe herabkommt, in der Höhe von zirka 1700 Metern. Da führen zuerst undeutliche Pfadspuren, die sich später zu einem ausgetretenen, steilen Pfad vereinigen, auf ein kurzes Felsband und dann mühsam eine Steilstufe hinan. Hierauf geht es über und an Felsköpfen entlang auf eine Schulter der Rippe hinter dem erstgenannten, neben Prof. Dr. P. Karl Hager sei. als Bergsteiger.

Aufnahme von W. Derichsweiler.

dem Wasserfall liegenden Felskopf, etwa beim s der Bezeichnung Encardens der Karte. Dieser, zirka % Stunde Steigung verlangende Teil des Aufstieges ist am steilsten, stellenweise etwas exponiert, besonders beim Abstieg, aber für den sicheren Bergsteiger sehr anregend. Placidus a Spescha stieg am 7. August 1820 hier hinauf und nennt die Rippe « einen Bergrücken, der mühsam zu ersteigen war ». Von dem Sattel hat man einen Einblick in die Schlucht ob der Wasserfälle, * in welcher der Bach einige Katarakte bildet und noch spät im Sommer von Lawinenschnee überdeckt ist. Nun führt uns ein guter Geisspfad aufsteigend auf einen ersten begrasten Buckel ( 20 Minuten vom Sattel ), von welchem man zuerst einen Ausblick auf das obere Ende der Schlucht, auf Greina Carpet, auf den Hügel Muletg la Greina und auf den ihm hinterlagerten Crest la Greina ( P. 2400 ) hat; aber es ist noch weit bis dahin. Der Rippe weiter folgend, stellenweise auf schmalem Pfad in der Westflanke, geht es dann über einen zweiten Buckel ( 10 Minuten ) und auf einen dritten aufwärts ( 15 Minuten ), welcher ein ausgetrocknetes Seeli trägt. Hinter dem dritten Buckel fällt ein scharf eingeschnittenes Tobel steil zur Schlucht hinab. Wir müssen also noch höher steigen, um über den Anriss des Tobeis zu kommen, bis wir auf einem Teil der Rippe stehen ( 15 Minuten ), welcher höher als der Muletg la Greina liegt, und von dem man nun zuerst eine Abstiegsmöglichkeit zum Carpetbache erkennen kann. Über eine Geröllhalde, Spuren folgend, einige Seitenbäche, welche vom Greinagletscher kommen, überschreitend, gelangen wir zum Bach hinunter und steigen von ihm in zirka 4 Minuten auf den Muletg la Greina hinauf. Man braucht also vom Tenigerbad bis hierher zirka 4—4 y2 Stunden.

Das war der Punkt, welchen wir hauptsächlich im Auge hatten, und seine Eignung für den Stand einer Clubhütte ergab die weitere Untersuchung. 4% Stunden von der letzten Stützstation und 6% Stunden von der letzten Bahnstation ist gerade recht. Auch ist der Aufstiegsweg keine Landstrasse, erfordert vielmehr derbes, benageltes Schuhwerk und Erfahrung im Bergsteigen, unterstützt also den Zweck der Clubhütte, verhindert Massenandrang mit Kind und Kegel. Lawinen-sicher würde die Hütte oben auf dem Hügel stehen, nach bar. Messung zirka 2150-2160 m hoch und, was auch sehr wichtig ist, fliessendes Trinkwasser ist auch im heissesten Sommer in zirka 4-5 Minuten in Hülle und Fülle zu schöpfen. Auf dem Blatt « Greina », Nr. 412 des Siegfriedatlas, liegt der Platz westlich des Schluss-s des Namens Pleunca de sterls und ist durch eine braune, in sich geschlossene Kurve dargestellt. Mit ganz geringer Gegensteigung erreicht man, den Crest la Greina ( P. 2400 ) an der Westflanke umgehend, die Hochebene der Greina selbst, von welcher also der Punkt etwas abseits, geschützt liegt.

Am meisten fesselte uns die Aussicht von diesem Punkte nach Norden. Über die tiefe Schlucht und über unsere Anstiegsrippe schweift der Blick zum Tenigerbad und über dasselbe hinaus, über das ganze Somvixertal mit seinen Seiten-kulissen hinab bis auf die Sohle des Vorderrheintales. Als Hintergrund reihen sich aneinander Düssistock, Cambriales, Scheerhorn, Piz Gliems, Stgeina de Glievers, Stockgron, Gliemspforte, Tödi-Rusein, Glarnertödi, Piz Urlaun, Piz ner, Bündnertödi und Biferten, eine stolze Kette. Besonders ergreifend ist dieses Bild am späten Nachmittag und Abend, wenn die Vialgruppe schon ihren schweren Schatten auf das hintere Somvixertal wirft, der Hüttenplatz und die Bündner-Glarner-Grenzkette aber noch im warmen Sonnenschein liegen. Im Osten schaut der felsige Kopf des Piz las Palas ( P. 2800 ) über seinen bis tief in die Schlucht tauchenden geröllbesäten Mantel hinüber, an welchem der Frontschapfad sich hinzieht. Daneben die Kerbe ist der leicht gangbare Diesrutpass, welcher nach Vrin führt, und welcher der Sonne früh morgens schon den Zutritt zum Hüttenplatz freilässt. Auf den Diesrutpass sind A. Balestra ( Piz Terri ) und Schreiber im Frühjahr einmal im weichen Schnee von Vrin her hinaufgestampft, um zu sehen, wie die Schneeverhältnisse am projektierten Hüttenplatz waren. Die Spitze des Hügels war schon am ausapern, während der höhere Crest la Greina noch ganz im Schnee steckte. Ein direkter Übergang zum Platze wäre möglich, mit Ski um den Crest la Greina herum sicher, ein Abstieg ins Somvixertal aber zu gewagt gewesen. Im Westen hängt der Greinagletscher von der Medelsergruppe hinab, steigt der felsige Piz Pleunca de sterls mit seinem Vorkopf, dem Piz Tenji, welch letzterer das ganze Somvixertal beherrscht, über grosse Geröllhalden auf. Und gegen Süden ist der Hügel durch den Crest la Greina geschützt, welcher in 20 Minuten ersteigbar ist und einen orientierenden Ausblick über die Hochebene der Greina bis in die Tessinerberge bietet. Während der Crest von Norden etwas steil aufsteigt, fällt sein langer, breiter Bummelgrat sanft bis zum Boden der Greina, bis fast an die Tessinergrenze hinab, einen schönen Spaziergang bietend.

Lange haben wir am Bauplatz gesessen, konnten uns nur schwer von seiner schönen Aussicht trennen, gingen dann um den ganzen Crest la Greina herum, um auch einige Punkte auf der Hochebene der Greina selbst zu prüfen, stiegen zum Diesrut auf, prüften noch von weitem die Lage eines Punktes im Muteunsattel und eilten dann nach Vrin hinab, wo wir bei Chr. Soler die altbekannte, freundliche

der Sektion Piz Terri

Aufnahme fanden. Wir waren einstimmig der Ansicht, dass nur dieser Platz auf dem Muletg la'Greina in Frage kommen könne. Eine am 28. Juli 1921 beim schönsten Wetter dorthin unternommene Sektionstour brachte auch den übrigen teilnehmenden Mitgliedern die Überzeugung, dass dies der richtige Punkt für eine Clubhütte sei.

Vier Gruppen von Bergen würde eine Hütte dort zugänglicher machen, mehreren schönen Aussichtsbergen, welche jetzt jahrelang unbesucht bleiben, einen häufigeren Touristenbesuch zuwenden und Verbindungen von Gipfelbesteigungen mit Übergängen als Tagestouren ermöglichen, welche bisher der langen Zugänge wegen und mangels einer Nachtunterkunft nicht unternommen werden konnten.

Da ist zuerst die Cavelgruppe, welche noch viel zu wenig besucht wird. Vom Hüttenhügel steigen wir einige Meter hinab, dringen dann wieder aufwärts am linken Ufer der Schlucht entlang nach Osten, wo wir bald einen Schafpfad finden, welcher uns hoch über die schwarze, felsige Abbruchstelle des Crest la Greina und abwärts zur Absturzstelle des Greinabaches in die Schlucht, beim P. 2235, bringt. Hier heisst es den Greinabach überwinden, was oft seines hohen Wasserstandes wegen nur mit Durchwaten möglich ist. Eine einfache Brücke aus einigen Baumstämmen wäre hier angebracht. Dann geht es den gut sichtbaren Pfad hinauf zum Diesrutpass. Nun steigt man zuerst über Rasenhänge, dann über Geröll und zuletzt durch Felsen in die Einsattelung zwischen dem Piz las Palas ( P. 2800 ) und dem Piz tgietschen ( 2858 ) und besucht zuerst den ersteren, steigt dann zurück über den Grat auf den letzteren. Vom Piz tgietschen gehen wir auf dem bisher gebräuchlichen Aufstiegswege abwärts zur Fuorcla de Ramosa ( 2650 ), welche man auch aus dem Sattel 2585 unter Umgehung des Piz tgietschen auf seiner Ostseite erreichen kann. Von der Furkel können wir nach Osten über die Alp Ramosa und Puzatsch die Poststation Vrin erreichen und durch das Lungnez zur Bahnstation Ilanz wandern. Oder man steigt von der Furkel nach Westen dem Bach entlang zur Schäferhütte 1844 und ins Somvixertal hinab oder von der Schäferhütte über den Frontschapfad wieder zum Hüttenplatz hinauf.

Ist man aber einmal in der Fuorcla Ramosa, so empfiehlt es sich, in 3/4 Stunden leicht zum höchsten und aussichtsreichsten Gipfel dieser Gruppe, zum Piz Cavel ( 2944 ), aufzusteigen, dessen Teilpanorama das Jahrbuch 48, Seite 69, in einer Federzeichnung des leider zu früh verstorbenen Carl Meili brachte.Vom Piz Cavel erreicht man in leichtem Abstieg die Fuorcla de Cavel ( 2536 ) und kann nach Osten durch die Val Miedra Lumbrein im Lungnez oder nach Westen die Alp Cugn und entweder steil abwärts direkt das Somvixertal beim idyllischen Il Rhun oder in prächtiger Höhenwanderung über die Alp Gargialetsch das Tenigerbad erreichen. Wer an den beiden bzw. drei Gipfeln nicht genug hat, kann noch weiter von der Fuorcla de Cavel auf dem Grat über den leichten Piz dil Cugn ( 2677 ) auf den P.2850 steigen und, zwischen diesem und dem Piz Zavragia ( P.2817 ) die Fuorcla Val gronda überschreitend, durch die Val gronda Obersaxen erreichen. So lassen sich in dieser Gruppe Tagesbesteigungen von und zur Hütte zurück sowie insbesondere lange Gratwanderungen ab der Hütte ins Tal unternehmen. In der Terrigruppe ist dies ebenfalls der Fall. Wandern wir wieder zum Diesrutpasse hinauf und wenden uns dann nach SO, so gelangen wir an einen steilen, schwarzen Kopf, den Piz Stgier ( P. 2713 ). Sektionsgenosse J. Mätzler und ich haben im Sommer 1921 einmal mehrere Tage zu Vermessungen am projektierten Bauplatz in der kleinen Schäferhütte ob dem in der Karte nicht gezeichneten Seeli zwischen dem Muletg und dem Crest la Greina, in der « Villa Stoffel », kampiert, welche nach dem alten Schafhirt daselbst genannt ist. Da wollten wir auch den Piz Stgier, welcher so prächtig zum Hüttenplatz hinüberschaut, vom Pass aus erobern, aber ein Zwischenfall ( Loslösung eines Blockes ), welcher noch glücklich ablief, setzte dem Unternehmen ein Ende. An diesen von uns seither um so mehr als « Dunkler Punkt » bezeichneten Gipfel, schliesst sich ein langer Grat an bis zum Piz Summuot, welcher gar nicht so ohne sein dürfte, obwohl er stellenweise breit erscheint. Vielleicht ist er auch unschuldiger, als er aussieht. Den Piz Summuot ( 2736 ), ebenfalls ein schöner Aussichtsberg, erreicht man auf leichterem Wege von dem Canaltal her. Dazu steigen wir vom Hüttenplatz entweder in 20 Minuten auf den Crest la Greina und bummeln seinen Südgrat hinab, oder wir umgehen ihn auf der Westseite und gelangen mit geringer Gegensteigung dem Eingang des Canaltales gegenüber auf die Hochebene der Greina. Durch das Canaltal können wir dann den Piz Summuot leicht ersteigen oder über die untere Canallücke und über die Alp Blengias nach Vrin wandern, über die obere Canallücke und Alp Diesrut ebenfalls Vrin erreichen ( Rundtour: Hütte-Piz Summuot-obere Canallücke-Zamuor-Diesrutpass-Hütte ) oder zwischen Piz ner und Piz de Canal auf den Güdagletscher steigen, welcher zum Piz Terri, Piz Güda, Piz ner und Piz de Canal führt. Freund Mätzler brauchte 1921 einmal mit unserem Caspar Derungs von der « Villa Stoffel » aus durch das Canaltal bis zum Terrigipfel ohne Eile zirka 3% Stunden, Rasten eingerechnet.

Aus diesem Gebiet kann man nach allen Seiten absteigen, nach Vanescha, Vrin, Ilanz, nach Monterascio, Olivone und mit Gegensteigung — ein diese ver-meidender Übergang wird noch gesucht — die Vaneschalücke erreichen und zur Lentahütte der Sektion Bodan im Lentatal wandern ä i...;-. :..,: -.< Eine dritte Gruppe von Bergen, welche bisher fast nur unsern Tessiner Clubgenossen bekannt war, die Coroi-Marumogruppe, wird durch eine Greinahütte auch dem Programm aus dem Norden kommender Bergsteiger einverleib-bar. Von der Hütte könnte man in einem Tage über die Coroilücke oder den Nordostgrat den Piz Coroi ( 2782 ) ersteigen, zum Piz Marumo ( 2788 ) hinüberwandern, welcher einen wunderbaren Tiefblick in das Bleniotal und auf Olivone bietet, und nun über den Greinaboden zurück zur Hütte oder über die Scaletta in die Val Camadra und nach Olivone absteigen, von wo man mit dem Automobil Acquarossa und mit der elektrischen Bahn Biasca, eine Station der Gotthardbahn, erreichen kann.

Die vierte Gruppe, welche die Hütte zugänglicher machen würde, ist die östliche Medelsergruppe, welche auch Gaglianera- oder Vialgruppe genannt wird. Es ist richtig, dass neben der westlichen Medelsergruppe die östliche von der Medelserhütte der Sektion Uto an der Fuorcla de Lavaz erreichbar ist und auch seit Bestand dieser Clubhütte gegen früher viel mehr besucht wird. Aber eine unangenehme Sache ist dabei die Wahl der Abstiegsroute. Will man zur Medelserhütte zurück, so muss man, wenn man z.B. die prächtige Grattour Valdraus-Gaglianera-Vial unternommen hat, umständlich unten um Vial, Gaglianera und Valdraus herum zurück, um den Lavazgletscher wieder zu erreichen und dann vom Fusse desselben die bekannte beträchtliche Gegensteigung zur Hütte mit in Kauf nehmen. Deshalb verbindet man diese Grattour meistens mit einem Abstieg zur Greina und nach Olivone. Um aber die Greina des langen Abstieges wegen ( 3166 bis 893 m ) möglichst nahe dem Passo crap zu erreichen, wird, man kann sagen fast regelmässig, die Grattour beim Vial, dem höchsten Punkt, abgebrochen und nicht über Piz Greina ( P. 3145 ), Piz Pleunca de sterls ( 2989 ) und eventuell Piz Tenji ( P. 2786 ) vollendet. Dies dürfte aber eine Clubhütte auf dem Muletg herbeiführen, da sie dann den natürlichen Endpunkt der ganzen Grattour bildet. Aber auch ein leichter Übergang würde die Medelserhütte mit der Greinahütte verbinden, der über den Lavazgletscher und die Fuorcla de Lavaz sura ( P. 2742 ) unter eventueller Mitbesteigung des Piz Medel oder Piz Valdraus.

Die Hütte würde ein fehlendes Glied in einer Hüttenkette bilden, welche eine schöne Ferienreise ermöglichen würde.Von Disentis zur Medelserhütte, über Piz Medel oder die Gaglianerakette zur Greinahütte, von der Greinahütte über Piz Terri und Vaneschalücke zur Lentahütte, über das Rheinwaldhorn zur Zapporthütte und über den St. Bernhardino ins Tessin.

Möge also unser Hüttlein bald subventioniert werden, worauf sofort mit dem Bau begonnen wird.

Es gibt auch noch andere Wege, um vom Tenigerbad auf den Hüttenplatz zu gelangen. So bin ich im Jahre 1911 einmal mit dem alten Toni Bundi sei. und dem Führer Fidel Huonder direkt die Felsen von Encarden hinaufgestiegen ( Jahrbuch 48, Seite 63 ). Ja, der alte Tat Bundi liegt nun auch schon unter der Erde. Er, der in seiner Jugend und bis ins späte Mannesalter der beste Führer und ein ausgezeichneter Gemsjäger war, dem nie in den Bergen ein Unfall zugestossen ist, verunglückte durch einen Fehltritt unten im Tale. Am 12. Juni 1922 ging der 84jährige Mann, welcher sich immer noch etwas Arbeit machte und seinen Humor auch im hohen Alter nicht verloren hatte, von Disentis nach Confions hinab, wo sich Medelserrhein und Vorderrhein verbinden. Hier wollte er Suppen- kräuter sammeln. Dabei gleitet er aus und fällt in den schäumenden Rhein. An seinem Namenstage, dem 13. Juni, wurde der Tote von Tavanasa, wo der Rhein ihn erst freigab, unter grosser Beteiligung von Männern aus Disentis, Somvix, Truns und Brigels nach Disentis zurückgebracht. Hinter seiner Bahre ging unter den am tiefsten Leidtragenden sein Sohn, der Führer Nikolaus Josef Bundi aus Disentis.

Tat ( Grossvater ) Bundi, wie er allgemein genannt wurde, aus Val im Somvixertal stammend, dessen Bild durch eine Federzeichnung von Carl Meili das Jahrbuch 48 brachte, hatte uns damals zum Stollen in Encarden geführt. Inzwischen fand ich in einer Urkunde Bericht darüber, dass im Somvixertal früher Bergbau mindestens versucht wurde. « 1659. Abbas Jacobus unacum senatu et Commu-nitate Metallorum fodinas in Valle Summovicensi sitas ad annos centum et unum elocavit Benedicto Contrin Provinciae quaestori pro annuo censu. » ( Abt Jakobus, der Gemeinderat und die Gemeinde verleihen dem Quästor der Provinz, Benedict Contrin, die Metallgruben, welche im Somvixertal liegen, auf 101 Jahre zu einem jährlichen Zins ) Der Aufstieg über Encarden diente damals nur Sonderinteressen und ist nicht empfehlenswert.

Ein anderer Zugang zum projektierten Hüttenplatz ist der Frontschapfad. Ich vermeide hier mit Absicht den Namen « Greinapassweg », denn es ist nur ein schmaler Pfad vorhanden, stellenweise allerdings tief ausgetreten, stellenweise aber auch nur durch die jetzt gute Markierung erkennbar, aber keine Passtrasse. Man sollte diesen Pfad nur mit gut benagelten Schuhen und zum ersten Male nicht allein gehen, besonders aber nicht bei Nebel und Nacht. An Naturschönheiten aber ist er reich. Näheres über ihn enthält der Clubführer, Bündner Alpen, II. Man verfolgt ihn unter dem Piz las Palas durch bis Camona und übersteigt dann, jenseits des Baches nach Westen zurückbiegend, den oben erwähnten schwarzen Felsabbruch des Crest la Greina, um auf Schafpfad den Hüttenhügel zu erreichen.

Als Signur Culazens, der bien amitg, und ich zwischen den vielen Regentagen in der zweiten Hälfte des Juli 1922 einmal einen schönen Tag erwischten, gingen wir vom Tenigerbad taleinwärts, um zu untersuchen, ob man zwecks Vermeidung grösserer Gegensteigung nicht Hüttenbaumaterial durch die Schlucht selbst hinaufschaffen und gleichzeitig einen Zugang herstellen könne. Den Frontschapfad stiegen wir auf bis zur Schäferhütte 1844, denn auf jeden Fall muss man auf dieser Seite oberhalb der beiden nebeneinander in dieselbe Felskehle sich herabstürzenden Wasserfälle des von der Fuorcla de Ramosa kommenden Baches und des Greinabaches durch. Diese Stelle heisst « Frontscha ». Der Name hat aber nichts mit Frankreich, welches im Romanischen auch so heisst, zu tun. Der Anblick des Falles des Ramosabaches, welchen man hier von einem Rasenkopfe aus gut überschauen kann, bestätigt, dass hier dasselbe Wort wie « Froda » vorliegt, welches ursprünglich einen Längseinschnitt in einem Baume bedeutete, aus dem Saft hervorquillt, das aber in äusserst treffender Weise vom Volke, jedenfalls von Jägern oder Hirten, auf Felskehlen übertragen wurde, durch welche Wasser herabkommt. Oft haben wir in frühern Jahren auf dem Frontschapfad ein altes, kleines Männchen getroffen, den Wurzelgräber. Wenn er vor uns den Pfad hinabsprang, fast ganz verdeckt von seinem grossen, bis über den Kopf ragenden Sack mit Enzianwurzeln, so sah es aus, als liefe der Sack allein, habe zwei kurze Beine und einen mit einem Handstock versehenen Arm. Da haben wir uns wundern müssen, mit welcher Sicherheit trotz seiner Eile der schwer bepackte Mann mit seiner Bürde den rauhen und steilen Pfad hinabkam. Nun ist er auch schon gestorben. Aber nicht in den Bergen ist er verunglückt. Der trockene Enzian hat ihm nichts angetan. Dagegen soll er in der Ebene verunglückt sein.

Anstatt hinter den Wasserfällen den Frontschapfad weiter aufwärts zu verfolgen, stiegen wir in die Schlucht hinab. Früher mag dort ein gut gangbarer Pfad gewesen sein. Nun muss man aber stellenweise mit beiden Händen zugreifen, was Lastträgern nicht immer möglich ist. Noch ein Stück weit drangen wir dem Bach entlang vor. Da ermöglichte uns eine mächtige Schneebrücke, der Rest einer Lawine, den Übergang über den Bach. Oben hoch hing in einer Felsnische ein überhängender Lawinenblock eingekeilt, unter welchem abfallende Eisblöcke Séracs bildeten. Spalten im Schnee trugen dazu bei, dem Ganzen ein glaziales Aussehen zu geben. Von diesem Miniaturgletscher konnten wir den weitern Verlauf der Schlucht bis zum Muletg überschauen und erkennen, dass man ohne Gegensteigung mit einigem Handanlegen am or. linken Hang bis zur Greina gelangen kann. Vielleicht lässt sich hier der alte Pfad wieder herstellen. Ist der Bach noch ganz mit Schnee bedeckt, könnte man auf diesem vollständig durch die Schlucht gehen, aber die Hänge sind zeitweise steinschlägig und lawinengefährlich. Nachdem wir so genügend orientiert waren, wollten wir wieder heim und beschlossen, direkt den östlichen Hang hinauf auf die grüne Rippe zu steigen. Anfangs ging es gut. Bald aber wurde der Hang steiler und immer steiler, so dass das Steigen, zuerst im hohen Gras, dann im Fels, bald in eine exponierte Kletterei überging, wobei wir durch unsere Photographenrucksäcke nicht gerade unterstützt wurden. Endlich standen wir, der eine rechts, der andere links beim zweiten Buckel hoch oben auf der Rippe, von wo wir dann auf dem gewöhnlichen Wege zum Tenigerbad zurückkehrten.

Schon früher hatte ich einmal allein beim schönsten Wetter den Heimweg vom Tenigerbad über St. Brida nach Rinkenberg und Truns gemacht, ausser dem Photographenapparat und dem Stativ eine Wechselkassette im Rucksack, wohlgefüllt mit 12 landschaftsdurstigen Platten. Aber beim ersten Wechseln auf St. Brida versagte die Kassette schon, und nun nützten mir alle meine Platten trotz des schönsten Wetters und der schönsten Landschaftsbilder nichts. Als nun 1922 unsere nassen Ferien zu Ende gingen, die Gipfel in tiefem Neuschneekleide glänzten, die Alpen jedoch schon wieder schneefrei waren, beschlossen Gloggengiesser und ich, über St. Brida, Alp Nadeis und Obersaxen bis nach Ilanz zu wandern. Vom Tenigerbad erreichten wir auf gut markiertem Waldwege, dann über Alpen die zuletzt erst sichtbar werdende, einsam hoch oben stehende, alte Kapelle von St. Brida ( 1940 ), welche innen Reste einer Stuckdecke im Barockstile zeigt. Es ist dies die zweithöchst gelegene Kapelle des Bündner Oberlandes. Nur die Kapelle von Frunt zwischen Vals-Platz und Zavreila liegt mit 1995 m etwas höher. Ein wunderbares Panorama, besonders der Medelsergruppe von der Garvera bis zur Greina, erschliesst sich dem Blick. Nach Osten wanderten wir stundenlang fast immer in der gleichen Höhe über die Alp Nadeis hinweg, später dann etwas aufwärts, oberhalb des Abrisses der Val blaua durch zwischen Gestrüpp und Alpenrosen zur obern Hütte ( 1924 ) der wilden Val Zafragia. Milch gab es keine, da nur etwas Galtvieh oben war. Dann überschritten wir den Bach und wanderten auf holperigem, steinigem Pfad, durch wilde Tobel, wo das vorher- gehende Unwetter den Pfad ganz weggeschwemmt hatte, dann wieder zwischen grünen Wiesen voller Männertreu bis zum Culm de Criedi ( 1597 ). Während dieser Wanderung schweift der Blick stets hinüber zu den Bergen der Nordseite des Vorderrheintales, zur Pontegliasgruppe und zu den Brigelserhörnern. Stellenweise werden sogar die Dörfer der Talsohle sichtbar, so einmal Truns. Dann haben wir, hinter dem Walde durchgehend, einen breiten Fahrweg entdeckt, welcher, von der Alp Zafragia kommend, uns bis nach Hantschihaus ( 1237 ) in Obersaxen hinunterführt. Es war schon 5 Uhr nachmittags geworden, und wir waren schon zirka 12 Stunden unterwegs, hatten es allerdings gemütlich genommen und viele photographische Rasten gemacht. Da wir nun gedachten in St. Martin ( 1344 ) zu übernachten und das Wirtshaus hoch oben neben der weithin ausschauenden Kirche steht, so arbeiteten wir uns noch den zirka 100 m hohen Stutz hinan. Aber o wehe! Das einzige Zimmer war vorausbestellt von einem Ilanzer, der sich sein dortiges Jagdrevier einmal ansehen wollte. Nach einiger Erfrischung also weiter, hinab, hinauf, wieder hinab und wieder hinauf nach Meierhof ( 1287 ), wo wir gegen 7 Uhr ankamen und bei den Geschwistern Henny im « Meierhof » eine freundliche Aufnahme bei Kerzenschein erfuhren, denn das Elektrische streikte gerade. Meierhof, als Poststation « Obersaxen » genannt, hat ein modernes Aussehen, da es im Jahre 1915 fast vollständig abbrannte und dann wieder neu aufgebaut wurde. Sommertouristen kommen hier weniger durch, jedoch dient Meierhof im Winter oft Skifahrern aus dem Unterland als Stützpunkt für Mundauntouren und zur Besteigung des Piz Titschal. Meierhof ist die Endstation der von Ilanz heraufkommenden Personenpost. Wir liessen aber diese am andern Morgen allein fahren und, wohl ausgeruht, bummelten wir auf der Strasse in schöner Höhenwanderung zwischen gut bebauten Feldern, Wiesen, durch zahlreiche kleine Ortschaften, tief unter Neukirch durch, an der Ruine Moregg vorbei nach Flond. Es war noch früh am Tage, und wir hätten die Table d' hôte in Ilanz noch erreichen können, aber wir blieben lieber hier oben. Bei der gemütlichen Mutter Darms in der Post wurde uns auf der Veranda ein Mittagessen aufgetragen, zusammengesetzt aus einer grossen Anzahl Stierenaugen, Bindefleisch, Käse und Brot nebst Veltliner, dann Kaffee, Kirsch und Brissago, und dieses Diner mundete uns in der guten, frischen Luft da oben ausgezeichnet. Erst nach Stunden ging es weiter hinab nach Ilanz.

Die Schönheit des Obersaxer Gebietes, welches von Waisern bewohnt wird, erweckte in mir den Wunsch, einmal längere Zeit dasselbe durchstreifen und einen Einblick in seine jedenfalls reichhaltige Geschichte tun zu können.

Aber erst sollte die Clubhütte an der Greina stehen.

Benutzte und empfehlenswerte Literatur.

( Siehe auch Jahrbuch 46, S. 135; 48, S. 95; 50, S. 106; 52, S. 49; 54, S. 117. ) 1816 Spescha, Placidus a; Project dil bogn ( in Rätoromanischer Chrestomathie von Dr. C. Decurtins ). Spescha, Placidus a; Strada sur la Greina ne sur il Locmanier, Manuskript im Archiv des Stiftes Disentis. 1866 ff. Condrau, Placidus; Calender Romonsch. Muster ( Disentis ).

1878 Decurtins, Dr. Caspar; Das Somvixer Passionsspiel.

1879 Decurtins, Dr. Caspar; Landrichter Meissen, Monatsrosen. 1884 Decurtins, Florin; Das Tenigerbad im Somvixertal. Rern.

1898 Muoth, J. C; Die Talgemeinde Tavetsch. Bündner Monatsblatt.

1911 Carnot, P. Maurus; Clau Maissen. Cumedia sursilvana. Muster.

o. J. Carnot, P. Maurus; Der Landrichter. In « Bündnerland ». Hochdorf.

1912 Niggli, P.; Die Chloritoidschiefer des nordöstlichen Gotthardmassives ( Som- vixertales ). Bern.

1915 Bieler, K. A.; Die Herrschaft Rhäzüns und das Schloss Reichenau. Chur.

1915 Caminada, Chr.; Die Bündner Glocken. Zürich.

1915 Curti, P. Notker; Alte Kirchen und Kapellen im Oberland. Bündner Monatsblatt.

1918 Caminada, Chr.; Die Bündner Friedhöfe. Zürich.

1922 Vincenz, P. A.; Die Burgen Fryberg und Ringgenberg bei Truns. Bündner Monatsblatt.

Archiv der Gemeinde Somvix, Gasetta Romontscha, div. Nummern.

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