Vor Tagesanbruch

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Annelise Rigo, Leysin

119 In der grossen, gut besetzten Hütte sind wir die einzigen, die so früh aufstehen. Allerdings neigt sich die Nacht noch kaum dem neuen Tag zu. Beim Morgenessen, das uns der Hüttenwart am Vorabend auf einer Tischecke bereitgestellt hat, sind wir noch ganz vom Schlaf befangen. Ohne Hast bereiten wir uns vor: Seil, Pickel, Stirnlampe...

Wir schliessen die Hüttentür hinter uns mit dem Gefühl, eine sichere Zuflucht zurückzulassen, um ins Unbekannte einzutauchen. Kräfte der Nacht umgeben uns: das Gewicht ihrer Dunkelheit, beängstigende Leere und -nach dem geschlossenen Raum der Hütte -unendliche Weite, die Masslosigkeit einer Welt ohne Grenzen. Nichts hält unseren Blick bei seiner schwindelerregenden Flucht zu den Sternen auf. Die Sterne - endlich etwas, an dem wir uns halten können! Sie sind alle da, fern, aber tröstlich, Wegmarken im bedrohlichen Schwarz der Nacht. Während wir diese grenzenlosen Weiten durchqueren, lässt uns ein leichter Wind frösteln. Doch nach wenigen Minuten erwärmt uns der Marsch wieder, nur auf der Gesichtshaut spüren wir, wie frisch die Luft ist. Im Schnee: Die Spuren, die gestern von so vielen gezogen wurden, sind etwas chaotisch; wir suchen unsern Weg darum mehr oder weniger an ihrem Rand. Der Schnee ist hart und trägt gut. Vor uns die Strahlenbündel unserer beiden Lampen; sie vertreiben kaum die Dunkelheit. Wir dringen immer weiter vor. Der Weg ist monoton auf diesem schwach geneigten Hang, der erst nach sehr langer Zeit steiler wird. Uns umgibt der Rhythmus der Schritte, der Rhythmus des Atems, der Rhythmus unserer Gedanken, wir gehen eingewiegt von dieser Regelmässigkeit. Im Schein unserer Stirnlampen ziehen wir unsere Spur in der Nacht, bewältigen Meter um Meter, Minute um Minute, bezwingen auch die Stille, wenn der Schnee unter unsern Füssen stöhnt, der Schnee wiedergefundener Spuren.

Wie lang dieser Aufstieg in der Dunkelheit ist! Die Zeit scheint stillzustehen, und unsere Schritte - immer dieselben, immer wieder ein weiterer - scheinen denen eines Automaten zu gleichen, der läuft, ohne voranzukommen. Wir steigen und steigen weiter aus den Tiefen der Nacht zu jenem Ungewissen Licht da oben, wir spüren, dort werden wir dem Dunkel entkommen. Denn der Himmel, so vieler Schwärze überdrüssig, beginnt sich von Osten her zu verändern. Bald werden die Farben wie- dererstehen, zögernd noch werden sie den Morgen ankünden. Jetzt zeichnet sich am Horizont wie ein Scherenschnitt die Silhouette der Berge ab. Inzwischen ist der Hang steil, und er scheint noch lang. Doch man ahnt das Ende, diesen ersten Gipfel etwas zu unserer Rechten. Nach und nach tauchen die verschneiten Grate, die Umrisse der Berge aus der Finsternis auf. Über uns hat sich der Himmel wieder gewandelt. Er wird rosa, rot, orange. Mittlerweile wird der Schnee heller, die Kontraste verstärken sich. Noch einige zehn Meter, einige Schritte - wir sind auf dem Gipfel!

Von dieser Höhe aus umfasst unser Blick das ganze Gewoge der weissen und blauen Gipfel. Näher bei uns, noch im Dunkel, rücken auf dem Gletscher einige Seilschaften vor.

Weisshorn vom Alphubel Hier oben, im Licht der aufgehenden Sonne ist gut träumen. Doch trotz seiner 4134 Meter ist dieser Gipfel für uns nur ein Sprungbrett, von hier aus brechen wir zu jenem andern dort oben, fast in Reichweite, auf. Der Tag bricht an. Vor uns liegt ein langer und schöner Julitag. Und vor uns liegt ein verschneiter feiner und luftiger Grat: der Nordgrat des Weisshorns.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

Inhalt 121 Jürg Alean, Bülach Firn und Eis in grossen Höhen 134 Toni Fullin, Flüelen Erinnerungen an einen herrlichen Bergtag 137 Andreas und Claudine Mühle-bach-Métrailler, Zufikon Tungurahua - Chimborazo -Quilotoa 144 Otto Gebhardt, Zürich Bergsteigen in Ecuador 149 Erich Vanis, Wien Cima Vermiglio - Direkte Nordwand 153 Gody Gut, Stäfa Skispuren in den Pyrenäen 161 Michel Strobino, Hérémence Die Nacht der Hirsche 166 Claude und Yves Remy, Lutry Klettern in Jordanien Herausgeber Redaktion Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee; Helvetiaplatz 4, 3005 Bern, Telefon 031/43 3611, Telex 912388.

Publikationenchef CC St. Gallen, 1986-1988 Hans-Peter Lebrument.

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Druck und Expedition Stämpfli + Cie AG, Postfach 2728, 3001 Bern, Telex 911987, Postscheck 30-169-8.

Erscheinungsweise Monatsbulletin in der zweiten Monatshälfte, Quartalsheft in der zweiten Hälfte des letzten Quartalsmonats.

Bei der Erstbegehung der Westwand des Djebel AI Khazali ( heutige Schreibweise: Jabal Al-Khazali ) Photo: C. und Y. Remy 175 Jean Michel, Neuchâtel Der Dolent über den Ostgrat 177 Otto Zumstein, Basel Hüttenzauber 178 Karl Springenschmidtt, Elsbethen ( A ) Die Prüfung des Seraphin Schnegg Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement nicht möglich ): Schweiz, jährlich Fr. 42., Ausland, jährlich Fr. 58..

Quartalsheft einzeln für SAC-Mit-glieder Fr. 1 -, für Nichtmitglieder Fr. 10.; Monatsbulletin Fr. 2..

Allgemeine Angaben Adressänderungen: auf PTT-Formular 257.04. ( Mitglieder-Nr. beifügen !) Inhalt: Die Beiträge geben die Meinung des Verfassers wieder. Diese muss nicht unbedingt mit derjenigen des SAC übereinstimmen.

Nachdruck: Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung der Redaktion gestattet.

Zugeschickte Beiträge: Beiträge jeder Art und Bildmaterial werden gerne entgegengenommen, doch wird jede Haftung abgelehnt. Die Redaktion entscheidet über die Annahme, die Ablehnung, den Zeitpunkt und die Art und Weise der Veröffentlichung.

Beglaubigte Auflage: 71 176 Exemplare.

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