Wandergespräche

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Hans Mürset, Bubikon

Kein Feuerwerk bringt das zustande: In allen Farben strahlen die Lichtpunkte der Tautropfen ihre Echtheit aus. Nur unsere langsam empor-klimmenden Schatten bringen sie für Augenblicke zum Erlöschen. Aber an diesem hellen Septembermorgen stehen selbst diese dunklen Gesellen im Banne des Lichts; sie sind von einem zauberhaften Schein begleitet.

Feine Dampfschwaden bestreichen den Grasrücken, der sich von den obersten Bäumen gegen die Alphütten hinaufzieht. Sie vermehren die Lichtfülle, sie bringen uns die wärmenden Sonnenstrahlen stärker zum Bewusstsein, sie tragen den Geruch der Bergwiesen mit.

An diesem Erleben nehmen alle Sinne teil, und es strömt Kraft in unsere dankbaren Herzen. Dass wir beide heute hier sind, empfinden wir als besonderes Geschenk. Da oben geniessen wir den Augenblick, derweil ringsum Erinnerungen aufklingen und die Zukunft lockt.

Über den Laveygrat grüsst uns das Wildhorn. Ob dir die Eindrücke dieser ersten gemeinsamen Ski-Hochtour noch gegenwärtig sind, muss ich nicht fragen. Der Aufstieg zur Hütte bei hereinbrechender Nacht hat dir Schönheit und Gefahren unserer Berge machtvoll offenbart. Der See war noch erkennbar; er wirkte geheimnisvoll mit seiner aufbrechenden Eisdecke. Später richtete sich dein Blick fast beklommen auf die scholligen Lawinenkegel, die wir überqueren mussten. War es die Plausibilität meiner technischen Erklärungen, oder hat sich einfach meine Überzeugung auf dich übertragen? Jedenfalls bist du meiner zackigen Spur vertrauensvoll gefolgt. Und dann hatte die Hütte die ersehnte Geborgenheit für uns bereit. Die kurze Juninacht genügte zur Entspannung und Stärkung. Das lebensfrohe Spiel der Murmeltiere in der Morgensonne schenkte uns einen weiteren Impuls für den Aufstieg. Der'93 Drang zur Höhe war ohnehin schon mächtig. Er bedurfte keiner mechanischen Nachhilfe! Uns beiden war klar, dass das Gefühl der Harmonie zwischen körperlicher Anstrengung und innerem Naturempfinden durch nichts zu ersetzen ist. War es verwunderlich, dass uns die Gipfelstunde neben staunendem Geniessen auch eine gewisse Unruhe brachte: Die anziehende Firnkuppe im Westen, die Diablerets; man müsste sie nächstens besteigen, bevor sie vom Strudel der Welt erfasst wird. Auf der herrlichen Abfahrt gegen Plan des Roses zeigte sich das Vordringen der Technik bereits als unerbittliche Tatsache: Die Rawil-Stau-mauer war im Bau. Weisst du noch, wie uns dieser Grundkonflikt beschäftigte? Wie wir trotz unserer Ohnmacht innerlich rangen um ein kluges Gleichgewicht zwischen den Energiequellen der-Wirtschaft und den Kraftquellen des wirtschaftenden Menschen?

Die Wildstrubelhütte ermöglichte uns, eine weitere Etappe anzufügen. Der Langlauf über die Plaine Morte war packend. Heranrollende Nebel legten uns nahe, auf den Wildstrubel zu verzichten. Ein Ausweichmanöver über den Räzligletscher zum Ammertenpass bescherte uns eine Fülle von alpinen Reizen. Um von Engstligen in die Talregion zurückzufinden, bedienten wir uns der Schwebebahn. Du fühltest dich darin weniger sicher als auf deinen alten langen Brettern. Aber so war nun einmal dieser Abschluss, und wir fragten nicht lange, ob er zu unseren gestrigen Gedanken passe.

Der Horizont weitet sich. Auch gegen Norden und Osten findet das Auge Stätten gemeinsamer Unternehmungen. Selten solche mit klingenden Namen. Aber unser ausgedehntes Netz an vertrauten Fixpunkten kennt keine Klassierung. Gewiss, wir wollen uns nichts vormachen: Gegenüber den Verlockungen grosser Gipfel sind wir keineswegs immun. Und doch haben sich auch auf halber Höhe unvergessliche Dinge ereignet. Etwa unser Vordringen in die stillen Flanken des Schwarzmönchs, dieses zauberhaften Königreichs der Steinböcke. Oder das weltvergessene Verweilen im Wasserstaub der Holdrifälle. Dort, wo wir uns kaum von den üppigen Heidelbeeren trennen konnten, so dass die Flecken an Hosen und Rucksack später oft unsere Gedanken in jene Regenbo-gen-Sphäre zurückführten.

Dass wir gelernt hatten, das grosse Erlebnis überall zu finden, sollte uns zustatten kommen. Während der langen Pause. Eine gewollte Pause zwar, denn wir hatten nie die Absicht, das Bergsteigen im ersten Rang zu belassen, wenn uns Kinder geschenkt würden. Ist dir unsere Vorfreude noch gegenwärtig? Die deinige kam ja in den Vorbereitungen deutlich genug zum Ausdruck. Die vielen kleinen Dingerchen widerspie-gelten einen solchen Reichtum an Liebe, dass die Berge - obwohl so schön wie je — ihre Reize vornehm zurückhielten. Und in der Tat hätten es auch die stolzesten Gipfel nicht mit jenen Höhepunkten aufnehmen können, die bei der Geburt unserer beiden Kinder erreicht waren. Aber es gab doch ein zusätzliches Leuchten in deinen Augen, als die Ärztin deine Muskelleistung mit derjenigen bei einer Matterhornbesteigung verglich.

In den folgenden Jahren bestimmten Kinderwagen und Kinderbeine unsere Wege. Manchmal auch Kinderlaunen, die sich weder durch Argumente noch mit Hilfe von Lockvögeln umstimmen liessen. Wir hielten es für ratsam, den Wink mit dem Zaunpfahl für andere Probleme zu reservieren. So blieb denn während der Vorschul-zeit die Nähe unser Tummelfeld.

Die Grathöhe ist erreicht. Der letzte Aufschwung hat unsere Atmung merklich beschleunigt. Es tut uns wohl, den Erfolg unseres massvollen Trainings zu spüren. Viele hundert Meter bist du nun aus eigener Kraft gestiegen. Und vor einem halben Jahr? Deine Krankheit hatte dir fast allen Mut genommen. Der Wiederbeginn forderte einen gewaltigen Willensakt. Niemand nahm dir die täglichen Pflichten ab. Und dazwischen zogst du aus in den Kampf ge- gen die Müdigkeit. Unentwegt hast du die Märsche ausgedehnt und die Kinder zum Schritthal-ten angespornt. Die Karte liess dich neue Kombinationen finden. Manchem Alteingesessenen könntest du jetzt über seine Gemeinde Auskunft geben.

Unser Arzt würde sich freuen, uns hier oben zu sehen. Seine Aufmunterung hat uns viel bedeutet. Fast ein Machtwort hörten wir aus seinem Rat, mit allen Mitteln die Voraussetzungen für einen Erholungsurlaub zu schaffen. So sind wir zu diesen unbeschwerten Tagen gekommen, die wir nutzen, indem wir sie dankbar geniessen.

Du meintest oft, ich solle das Bergsteigen deinetwegen nicht unterbrechen. Natürlich hatte diese Einladung etwas Bestechendes. Besonders weil ich mir hätte einreden können, es gehe um die Beruhigung deines Gewissens.

Aber die Gründe für den gemeinsamen Sonntag wogen schwerer. Oder habe ich etwa die Kinder nicht ebenso gewünscht wie du? Wäre es sinnvoll, dann davonzulaufen, wenn das Beisammensein am nötigsten ist? Während sechs Tagen hat der Beruf den Vorrang. Es bleibt ganz wenig Zeit, um die Familie meine Anteilnahme spüren zu lassen. Soll ich am siebenten Tag die Gelegenheit verpassen, einiges wiedergutzumachen? Sind meine alpinistischen Projekte so dringlich, dass ich die frohen Erwartungen enttäuschen darf?

Ich könnte das Wandern nicht mehr Aufbauarbeit nennen, wenn die Nächsten davon ausgeschlossen wären. Nur im Einklang mit der Gerechtigkeit kann die Schönheit dieser Welt wirklich erlebt werden.

Begreifst du jetzt, dass mir das Warten doch nicht so schwergefallen ist, wie du befürchtet hast? Und allein schon der heutige Tag ist Lohn genug dafür.

Auf vorgeschobener Schulter weht die rote Fahne. Zwei Soldaten halten Schiesswache. Artig informieren sie uns über begehbare und gesperrte Routen. Sie scheinen über die ihnen zugewiesene Aufgabe nicht unglücklich zu sein. Während ihre Kameraden weit unten in den Flanken des Berges sich ziemlich kriegerisch gebärden, waltet auf diesem Posten der Friede. Wir schauen, tauschen Panorama-Hinweise, staunen, plaudern, lauschen. Das Bild der Heimat prägt sich ein. Welchem Betrachter müsste es nicht lieb werden?

Der Abstieg auf dem gemächlichen Gratweg gibt dem Auge weiterhin den Blick nach drei Himmelsrichtungen frei. Wir fühlen uns angeregt zum Pläneschmieden. Ganz geschickt wollen wir es machen, um weder uns noch die Buben zu überfordern. Einstweilen wird, wie bisher, zu beachten sein, dass der Berg allein dem quicklebendigen jungen Gemüt keinen genügenden Anreiz bietet. Wie oft diente die Verheissung eines Bee-renplätzchens, eines Schneefeldes oder einer Postautofahrt als Triebfeder.

Auf dem Weg von Wiesen nach Jenisberg war die eindrückliche Zügenschlucht ein wirksamer Helfer, und als dann der steile Aufstieg etwas lange zu werden drohte, überwanden wir das Hauptstück als « Eisenbahn ». Die - ach so mü-denBuben stritten sich nun, wer als Lokomotive den Zug hinaufziehen dürfe.

Wird wohl das Nachhelfen noch lange nötig sein? Da die Leistungsfähigkeit schon gut entwickelt ist, aber gelegentlich der Wille nicht Schritt hält, kann auf gemeinsamen Wanderungen mit anderen, etwa gleichaltrigen Kindern ein gewisser Ansporn beobachtet werden. Auch uns Erwachsenen tut ja eine massvolle Konkurrenz recht gut. Aber die Kräfte dürfen nicht zu unterschiedlich sein, sonst wird der Schwächere entmutigt — oder überanstrengt. Selbst wachsamen Eltern können solche Gefahren einmal entgehen. Und vom stärkeren Kind wäre es auch etwas zuviel verlangt, seine Pferde freiwillig zu zügeln. Wie oft fehlt diese Rücksichtnahme sogar den Grossen!

Wenn dann einmal die jugendliche Entdeckerfreude den Pässen und Gipfeln gilt, hat unser Schlepptau ausgedient. Unsere Aufgabe wird aber schwerer. Wir möchten in unserem bescheidenen Bereich fertigbringen, was der Gat- tung Mensch als Ganzem noch nie so recht gelungen ist: Einsicht und Reife sollten mindestens so rasch zunehmen wie Kraft und Technik. Ohne diese Voraussetzung wäre es kaum zu verantworten, den Kindern die Bergwelt lieb zu machen.

Wir haben gewissermassen auf der Karte die beste Route vorgemerkt, aber die Wirklichkeit wird Überraschungen bringen. Sicher ist, dass sie nicht der Weg der Verbote oder des Zwanges sein wird. Die Zeiten, wo Autorität um ihrer Position willen anerkannt wird, sind vorbei. Hat die junge Generation nicht recht, wenn sie dem hohlen Kommando die Gefolgschaft verweigert? Trotz harten Alltags-Nüssen glauben wir noch immer daran, dass eine Führung, die sich um Überzeugung bemüht und das Beispiel vorlebt, auch in Zukunft gerne angenommen wird.

Die Luft ist noch klarer geworden. Beim Pass wenden wir uns nach Osten. Wir wählen den oberen Weg und folgen den einsamen Alpterrassen. So können wir den Abschied von der Sonne noch etwas hinauszögern. Einige Gräben sind zu queren. Wir müssen für Minuten in den Schatten tauchen, erreichen dann wieder die wärmenden Strahlen. Bei der untersten Hütte neigt sich das Gelände dem Talboden zu. Hier ist der Platz für unseren letzten Marschhalt. Im Streiflicht der untergehenden Sonne schliessen wir unsere Jacken und hüpfen froh ins Dorf hinunter.

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