Wanderungen am Aetna

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Von Dr. A. Baltzer.

Bei der Rückfahrt von der nördlich von Sicilien gelegenen Insel Lipari hatte ich den eigenthümliehsten und schönsten Anblick des Aetna, des höchsten unserer

* ) Den Aetna in dieses Jahrbuch einzuführen, dürfte ein oder dem anderen Clubgenossen bedenklich erscheinen; giebt es doch keinen grösseren Gegensatz als unsere Alpen und die italienischen Yulkane! Doch gerade darum mag es erlaubt sein ausnahmsweise eine Bergwelt von anderer Form, Zusammensetzung und Entstehung zu behandeln, um dadurch die einheimische in desto klareres Licht zu setzen.

Hie und da wurde benutzt der klassische Aetna-Atlas von " W. Sartorius von Waltershausen; ferner „ der Aetna " von Prof. GL vom Rath; „ der Aetna in den Jahren 1863 bis 1866 mit besonderer Beziehung auf die grosse Eruption ton 1865 " von O. Sylvestri, im Auszug übertragen von Prof. Gr. vom Rath. Es kam mir jedoch mehr darauf an die eigenen, wenn auch lückenhaften Eindrücke zu schildern, als eine Zusammenstellung alles Bekannten zu geben. Die beigegebenen Abbildungen sind Originalien; das Kärtchen. ist nach der italienischen Generalstabskarte angefertigt.

europäischen Vulkane. An der kleinen Marine des vom Castell überragten Städtchens Lipari brandeten die Wogen eines Südoststurms mit solcher Gewalt,, dass wir nur mit Mühe im draussen haltenden Dampfer uns einschiffen konnten. Noch war Alles in Dunkel gehüllt, als das Schiff bei Gegenwind schwer arbeitend und stampfend seinen Curs gen Messina nahm. Es war Anfang November. In blassen, charakterlosen Umrissen lag die sicilianische Küste im Morgengrauen vor uns. Eine hoch, fast gespenstig emporragende Masse, undeutlich mit den Wolken sich verbindend, muss dem Vulkan angehören. Da erscheint plötzlich der erste Sonnenstrahl im Osten und wie durch Zauberschlag verändert sich die Scene. Scharf tritt an jener grossen Masse eine Contour nach der anderen hervor, die einzelnen Theile des 3313 m hohen Kolosses sondern sich. Ueber das umgebende niedrige Bergland erhebt sich der Unterbau des Vulkans als breiter, abgestumpfter, sanft ansteigender Kegel. Diese Basis erscheint nach oben geradlinig abgeschnitten. Sie macht etwa auch den Eindruck eines breiten Walles. In Wirklichkeit befindet sich auf der Höhe des letzteren ein regelmässiges Plateau. Ihm ist die noch circa 270 m höhere Spitze aufgesetzt. Sie besitzt ebenfalls Kegelform und eine mächtige Eauchsäule deutet die nie ganz ruhende Thätigkeit des Vulkans an. So weit der Berg sichtbar wird ( seine unteren Gehänge verstecken sich hinter Vorbergen ) ist er mit Schnee bedeckt. Nur der oberste Kraterrand erscheint dunkel, weil die ausströmenden heissen Dämpfe und die innere Wärme den Schnee zum Schmelzen bringen. Fast überirdisch erscheint das Ganze, denn ein breiter Wolkenstreifen liât sich unten quer vorgelegt und die Schneefelder reflektiren ein eigenthümlich gelbes Licht.

Wohl sah ich letzteres auch an der Berninagruppe, als ich bei " Sonnenaufgang auf dem Adamello stand; aber hier am Aetna war es goldig, was den Eindruck hervorbrachte, als sei der Berg in schimmerndes, vom inneren Feuer leuchtendes Erz gehüllt — es war ein unvergleichlich schöner und herrlicher Anblick. Italien ist das Land der Gegensätze. Den drastischen Vordergrund zu diesem erhabener Naturschauspiel bildeten mit Ketten paarweis .aneinander gefesselte, stumpfsinnig auf dem Boden des Verdeckes sitzende Züchtlinge von Lipari. Dort hat die italienische Regierung in den verfallenen Häusern des Castells ein paar hundert verkommene Individuen ( Helfershelfer von Briganten, junge Taugenichtse und sonstigen Abraum der Menschheit ) untergebracht, .giebt ihnen eine kärgliche Löhnung und überlässt sie im Uebrigen ihrem Schicksal. Sie werden nicht zur Arbeit angehalten — Niemand giebt ihnen solche — sie starren von Schmuz und sind der Bevölkerung ein Gegenstand des Hasses und der Verachtung. Die vor mir Sitzenden wurden eines Mordes wegen nach Messina gebracht.

Werfen wir noch einen Blick rückwärts. Dort liegen die Vorposten des Aetna, die aeolischen Inseln. In wechselnder Gestalt ragen sie aus der tief indigoblauen Meerfluth, deren Wogen jetzt eben mit weissschäumenden Säumen gekrönt sind, empor. Bald sind

Hier vereinigt sich zauberhafte Natur, der Reiz der Sage und Geschichte mit naturwissenschaftlichem Interesse. Besonders zieht Stromboli mit dem regelmässigen, doppel-schultrigen Kegel die Aufmerksamkeit auf sich. Immerfort stösst sein Krater Rauch und Steine aus.l ) Hierher versetzten die Alten den Sitz des Windgottes Aeolus-und hier sollte nach mittelalterlichen Vorstellungen der Eingang zum Fegefeuer sein. * )

Doch zurück zum Aetna, gegen den alle diese-kleinen Vulkane wie Pygmäen erscheinen. Nicht von allen Seiten macht er den soeben geschilderten grossartigen Eindruck. Als wir uns zu Schiff Catania näherten sahen wir ihn von der Südseite. Damals schien er mir fast unbedeutend, ich schätzte ihn auf höchstens-7000 Fuss. Diese Täuschung rührt von der umfassenden? Basis her, auf der er sich erhebt. Sie ist im Ganzen kreisförmig; ihr Durchmesser von Nicolosi nach Randazzo beträgt circa vier deutsche Meilen in gerader Linie; der Abfair ist daher ein sehr allmäliger. Weil der Berg viel weiter vom Beschauer entfernt liegt, als es den Anschein hat, erscheint seine Höhe gering. Dazu kommt auf der Südseite der Mangel der Vorberge, die dem Auge als Massstab für die dahinter liegenden Höhen dienen könnten, wie etwa von Zürich betrachtet der hohe Rhonen für die Hochalpen.

* ) Deutlich hörten heimkehrende Kreuzfahrer das Jammern der im Fegefeuer gequälten Seelen, die die Mönche von Clugny um Fürbitten für ihr Seelenheil angehen liessen. Daher soll die Feier des vom Abt Odilo von Clugny 993 eingeführten Allerseelentages stammen.

Innerhalb der sicilianischen Bergwelt ist der Aetna unbedingt>die bedeutendste und originellste Erscheinung. Mit 3313 ni überragt er weitaus die Sedimentgebirge der Umgebung. Er steht nicht einmal mit ihnen im Zusammenhang, sondern bildet im Osten der Insel eine vollständig in sich abgeschlossene Gruppe.Von vielen Punkten im Inneren der Insel ist sein weit schauender dampfender Centralkegel sichtbar, daher der beste Anhaltspunkt für die Orientirung.

Es liegt etwas Imposantes in der Erscheinung eines solchen Vulkans. Nähert sich ihm von Norden, von Osten her ein Schiff, so stürzen die Fremden auf das Deck, um den Feuerberg zu schauen. Unwillkürlich geht dabei die Vorstellung über das blösse Bild des Berges hinaus und beschäftigt sich mit dem geheimnissvollen Innern desselben. Andere nicht vulkanische Gebirge, z.B. unsere Kalkalpen spielen bei ihrer Bildung eine verhältnissmässig passive Rolle. Ihre Formen entstehen durch Contraktitm der Erdrinde, durch den Druck anderer Massen, durch die Wirkung der Atmosphärilien, des rinnenden Wassers u. s. w. Anders beim Vulkan. Wir trennen bei ihm nicht Ursache und Wirkung, weil sie zu nahe bei einander liegen; der Berg selbst und die Kräfte, die ihn erzeugen, verbinden sich in der Anschauung zu einem lebendigen Ganzen. Der Vulkan schafft sich aus sich selbst heraus. In.Folge ungeheurer Spannungen berstet die Erdrinde. Auf dem Spalt bilden sich Krater, die mit dem Material von Laven, vulkanischen Aschen und Sand Kegelberge aufthürmen. Immer neue geschmolzene Massen folgen den ersten, sie erzeugen Felsen und Abstürze. Lang »

sam wächst der Berg und dehnt seine Glieder nach allen Richtungen aus. Bei Sedimentgebirgen verrathen die in der ganzen Masse derselben vertheilten versteinerten Meerthiere deutlich den wässerigen Ursprung. Diese Massen waren nichts als flacher Meeresboden; form-und gestaltlos haben sie sich abgesetzt, nur dem Gesetz der Schwere folgend. Erst später wurden sie zu Bergen. Der Yulkan ist von Anfang an ein Berg, seine Bestimmung trägt er von vorn herein in sich selbst. Im engsten Zusammenhang mit seiner Bildung steht die Kegelform. Sie ist für'ihn durch und durch charakteristisch, er theilt sie nur mit Seinesgleichen. Bei Sedimentgebirgen ist die Form viel willkürlicher, sie entstand erst als die Masse schon abgelagert war und es wurde noch viel an ihr gemodelt. So ist also der Yulkan weit weniger das Geschöpf von Kräften, die ausserhalb desselben liegen; er ist ein Bergindividuum im vollsten Sinn des Wortes.

Weil Ursache und Wirkung bei ihm einander näher liegen und ihr Zusammenhang deutlicher ist, lässt sich der Prozess des Werdens beobachten. Bei andern Gebirgen entzieht er sich der Anschauung wegen der Langsamkeit ihrer Entstehung.

Dies ist nun wieder einer der Gründe, warum der Anwohner des Yulkans in viel näherer Beziehung zu ihm steht, wie der Anwohner sonstiger Gebirge. Jener weiss viel von seinen früheren Formen, seinen schrecklichen Ausbrüchen zu erzählen; solche Berichte erben sich fort von Generation zu Generation, der Berg hat beim Yolk seine Geschichte. Wenn es im Inneren des Yulkans lebendig wird, ungeheure Kräfte sich entfesseln, Berge von Asche entstehen und vergehen, wenn Ströme geschmolzener Felsen in die bewohnten Fluren sich ergiessen, so entsteht Schrecken und Verderben rings umher;

aber ruhig bauen die Bewohner ihre kleinen Hütten aus Lava wieder auf. Nach kaum 100 Jahren ist der verderbliche Strom der Kultur wieder zurückgewonnen und erzeugt unter italienischer Sonne edle Früchte und einen Feuerwein. Niemand versäume vom Thurm des Benediktinerklosters S. Nicola zu Catania « la Montagna », wie die Sicilianer den Aetna kurzweg bezeichnen, zu beschauen. Man steht im Süden des Berges; noch stundenlang dehnt sich die Ebene bis zum Fuss desselben aus. Sie ist mit älteren und neueren Lavaströmen vollständig bedeckt und doch ein Paradis au Fruchtbarkeit: der Weinstock, die Kastanie, der Mandelbaum gedeihen hier auf dem verwitterten vulkanischen Boden in üppiger Fülle. Immerhin giebt es Ströme, die noch keine Vegetation tragen, sei es, dass sie jünger sind, sei es, dass ihre physikalische und chemische Beschaffenheit sie der Verwitterung gegenüber widerstandsfähiger macht. So der Strom von 1669, welcher, von den am Fuss des Aetna gelegenen Monti Rossi ausgehend, sich gegen Catania hinabwälzte. Beim Kloster S. Nicola wrandte sich seine Hauptmasse rechts, das Gebäude verschonend, vernichtete einen Theil der Stadt und stürzte sich beim Hafen in 's Meer. Seine wilde zerrissene Oberfläche, seine dunkle Farbe stechen grell vom üppigen Grün der Umgebung ab. Ueberhaupt haben die Aetnalandschaften ein eigenthümliches Colorit; das Grün der Oliven, Cactus, Weinstöcke,

Kastanien verfliesst mannigfach mit dem Dunkelschwarz-braun der Laven; die Landschaft ist düsterer und ernster als in nicht vulkanischen Gegenden. Um diese Farben wiederzugeben, muss der Maler andere, ungewohnte Töne mischen.

I. Besteigung des Aetna.

Am 16. Oktober 1873 hatten wir ( Ingenieur Herrmann und ich ) uns zur Besteigung des Aetna nach Nicolosi begeben. So heisst ein Dörfchen am Südfuss des Berges, der Ausgangspunkt der Aetnatouristen.Das Führerwesen ist hier einheitlich organisirt unter Leitung des Herrn Dr. Gemellaro, eines alten Herrn, der die Schlüssel zur hoch oben gelegenen « Casa inglese » verwahrt. Yon ihm ist dalier der Reisende abhängig. Auch hier ist das sogenannte Kehrsystem üblich, d.h. die Führer wechseln nach festgestellter Reihenfolge ab. Dies hatte zur Folge, dass wir einen für geologische Zwecke besonders brauchbaren Führer nicht erhalten konnten, sondern uns mit Giuseppe Anastasio, Peppino genannt, begnügen mussten. Das Dorf mit seinen einstöckigen Hütten macht keinen besonders günstigen Eindruck. Wer wollte es auch den Leuten verdenken, dass sie wenig auf ihre Wohnungen verwenden, da in jedem Moment ein Erdbeben oder ein verheerender Lavastrom sie verwüsten kann. Im Jahr 1669 zer-

*} Das beigegebene Kärtchen reicht nicht weit genug südlich hinunter um Nicolosi zu zeigen.

störte die Lava das Dorf vollständig. Immerhin fanden wir bei Antonio Mazzaglia ein über Erwarten freundliches Quartier und zuvorkommende Behandlung. Im Fremdenbuch waren alle Nationen vertreten; mancher Stossseufzer liess sich da von solchen hören, die das Wetter nicht begünstigt hatte. Yiele riethen überhaupt ganz von der Besteigung ab. Diese Eulenrufe schreckten uns natürlich nicht; wir legten uns mit dem ganzen Gefühl angenehmer Spannung zur Ruhe, welches jedem neuen, anziehenden bergsteigerischen Unternehmen vorhergeht.

Am frühen Morgen zeichnete ich die als Beilage folgende Ansicht des Vulkans von der Südseite. ( Fig. I. ) Auf den ersten Blick sieht man, wie er sich im Aeusseren von unseren Alpengipfeln unterscheidet. Er steht ganz isolirt da und macht nicht den Eindruck von 2615 m Höhe ( über Nicolosi ). Die Gründe dafür sind oben angegeben. Ferner fehlen die Felsabstürze, die unseren Bergen ein so charakteristisches Aussehen geben. Quergliederung, d.h. Wechsel von Terrasse und Wand, ist wenig vorhanden, die Abhänge sind gleichförmig, kontinuiiiich. Längsgliederung, in Gestalt von Längsgräten tritt allerdings z.B. an der Montagnola hervor, aber sie ist nicht in der manichfaltigen Weise entwickelt, wie bei unseren Gneissgipfeln. Dagegen zeigt der Hauptgipfel, sowie verschiedene der kleinen Gipfel im Vordergrund, die für die Vulkane so charakteristische Kegelform. Dass Quer- und Längsgliederung nicht mehr entwickelt sind, erklärt sich aus dem Schichtenbau, aus dem relativ geringen Alter des Berges, aus dem Mangel an Wasserläufen, sowie daraus, dass die durch Erosion entstehenden Furchen von neuer Lava und Asche ausgefüllt werden.

Die Ansicht zeigt ferner eine Reihe kleiner Hügel am Fuss des Berges und höher hinauf. Es sind die sogenannten Adventiv- oder Nebenkrater. Wenn die flüssige Lava-säule im Innern des Berges durch die Spannkraft eingeschlossener Dämpfe emporgehoben wird und sich einen Ausweg sucht, vermag das Gerüste des Berges dem Ungeheuern Druck nicht zu wiederstehen. Denn dieser Druck ist wegen der Höhe um vieles bedeutender als beim Vesuv und anderen niedrigeren Vulkanen. Der Berg spaltet daher an seinem Abhang auseinander und auf der Spalte bilden sich Adventivkegel, d.h. Vulkane im Kleinen, welche Asche und Lava liefern, wie die grossen Krater. Solche sind auf der Zeichnung Serra Pizzuta, Monte S. Nicola, Monte Gervasi, Monte Vetiiro. Jede der Ansichten zeigt solche.Sartorius giebt ungefähr 200 auf seiner Aetnakarte an, sie bilden ein wesentliches Moment in jeder Aetnalandschaft. Ihre Höhe übersteigt einige 100 Fuss nicht; am Häufigsten besitzen sie ebenfalls Kegelform. Oben haben sie meistens einen trichterförmigen Krater, seitwärts eine Rinne durch die die Lava abfloss ( vergl. Monte Grosso im Holzschnitt ). Einige derselben sind durch spätere Eruptionen vergraben worden, so der Monte Salazara durch den Eruptionssand der Monti Rossi von 1669. Noch im Jahr 1865 entstand auf der Nordseite des Aetna eine vulkanische Spalte, auf der sich

.* ) Sehr gut veranschaulicht sie das Kärtchen. Die der Ansicht I. liegen fast alle südlicher, als das Kartellen reicht.

eine ganze Reihe von Kegeln ausbildete; bei der Eruption von 1669, welche die Monti Rossi erzeugte, soll sich eine Spalte bis nahe zum Gipfel des Aetna, ziemlich zwei deutsche Meilen lang, gebildet haben. Man kann noch jetzt an einer « Grotta Palombe » genannten Stelle zum Theil auf Leitern weit in sie hineinsteigen.

Von jeher hat man am Aetna drei Hauptregionen unterschieden. Unten diekultivirteRegion, reich an Fruchtbäumen; der Weinstock waltet vor. Sie geht nicht weit über Nicolosi hinauf, daher das Bild nur noch das obere Ende zeigt. Hierauf folgt die Region vereinzelter Bäume mit immergrünen Eichen, Kastanien, Birken, Fichten. Der Wanderer, der da glaubt in schattigen Wildern der brennenden sicilianischen Sonne entgehen zu können, sieht sich sehr enttäuscht. Auf der Südseite ( vergl. die Ansicht ) finden sich gar keine zusammenhängenden Waldbestände mehr; selbst die einzelnen Bäume werden unbarmherzig von den Köhlern gefällt. Aufsicht und Pflege scheint nicht vorhanden zu sein. Auf den übrigen Seiten des Berges giebt es dagegen noch zusammenhängende Bestände, so z.B. bei Zafferana ( vergl. Holzschnitt Y ). In circa 2100 m Höhe hören die letzten Bäume auf und es folgt die Regione déserta ( die öde Region ), wo fast alles Leben erlischt und die rohen unorganischen Naturkräfte allein das Feld behaupten. Nur Laven und Asche gewahrt man dort, nicht einmal Flechten ( die bei uns auf den höchsten Gipfeln noch auftreten ) finden sich in den oberen Theilen dieser Zone.

Um 9 Uhr setzte sich unsere kleine Karavane in Bewegung.

Sie bestand aus uns beiden, dem Führer, einem mit Vorräthen, Reiseeffekten, Kohle zum Feuermachen beladenen Maulthier und einem Jungen als Treiber. Letzterer sollte mit dem Thier von der Casa inglese noch am selben Tag zurückkehren. Dass wir zu Fuss gingen leuchtete den biederen Bewohnern von Mcolosi durchaus nicht ein. Hier zu Lande reitet Alles; wer es nicht thut, gilt als armer Teufel oder als Sonderling.

Ausserhalb des Ortes watet man durch Asche eine ganze Strecke fast eben weiter. Erstere erweist sich an manchen Stellen als deutlich geschichtet. Dieser Eruptionssand rührt von den schon öfter berührten Monti Rossi her, deren Doppelkegel ( vergl. Holzschnitt III ) wir links liegen lassen. Die ganze nächste Umgebung dieses Berges ist ringsumher bis auf eine halbe Meile mit Asche verschüttet, die im Dorf Nicolosi an einzelnen Stellen 2 m mächtig sein soll.

Rechts liegt das auf der Aetnaansicht verzeichnete alte Kloster S. Nicola.

Ist man durch die Asche hindurch, so steigt man fortwährend über Laven in die Höhe. Die cultivirte Region hört auf. Das Ansteigen ist einförmig, langwierig. Keine Felswände unterbrechen das Einerlei; in gleichförmiger, nicht beträchtlicher Steigung geht es aufwärts. Ueberall Lavaströme, so die von 1537, 1763, 1780. Es ist wahrhaft erstaunlich, welch'un-geheure Massen der Berg ergossen hat. Das Terrain ist so unregelmässig, wie nur möglich: überall gefurcht,, eingerissen, von kleinen Einschnitten durchzogen; niemals aber kommt es zur Bildung eines Thales

oder einer grösseren Schlucht, nie wird man durch den Anblick einer grünen Matte erfreut. Die Nebenkegel, von denen oben die Rede war, sehen wir nun in grösserer Nähe, da der Weg sich zwischen ihnen hindurchwindet. Das nebenstehende Bild ( II ) bei 973 m über Meer gezeichnet, zeigt den Monte Grosso ( 1 ). Man sieht deutlich die " Vertiefung des Kraters und die Stelle, wo die Lava abfloss. Der Kegel ist ungefähr -300 Fuss hoch, seine kahlen Flanken sind namentlich rechts von Eisenoxyd stark roth gefärbt. Hinten erscheint der kegelförmige Gipfel des Aetna.. Vor ihm liegt der kleine ältere Eruptionskegel Monte Frumento ( 3 ), ( vergleiche auch das Kartellen ), rechts Montagnola, die die Kegelform am Wenigsten zeigt. Von ihr aus zieht sich ein wilder Grat, zuerst Schiena del Asino, im weiteren Verlauf Serra del Solfizio benannt, gegen Osten, meerwärts. Jenseits desselben liegt das berühmte Val Bove, von dem später die Rede sein wird. Anziehend ist es hin und wieder von den Laven und Aschen hinweg einen Blick rückwärts zu werfen. Oleich egyptischen Pyramiden thürmen sich weit unter uns die Monti Rossi auf ( vergl. den Holzschnitt III ). Die Eruption von 1669, die diese Kegel aufschüttete, machte durch ihre Lavenströme 27,000 Menschen obdachlos und tödtete viele. Den Hintergrund bildet das tiefblaue Meer, welches in Folge einer eigenthümlichen Gesichtstäuschung den Eindruck einer gewaltigen Mauer macht. Weiter rechts schweift der Blick über die meilenweite, duftige und von Nebeln verschleierte Ebene von Catania. In diesem durch Zeichnung nicht wiederzugebenden Verschwimmen von

18 Ebene, Himmel und Meer lag derselbe Zauber, die feierliche Stimmung, welche der Blick von einem Hochalpengipfel über weite Gebirgszüge, deren Contouren fern im grenzenlosen Räume sich verlieren, hervorbringt.

Dicht vor uns, rechts, zeigt der kleine Monte Rinazzi deutlicher, wie man sich die Mündung der kleinen Nebenkrater des Aetna vorzustellen hat. Man sieht in die schüsseiförmige Kratervertiefung hinein. Der sichtbare hintere Abhang ist höchstens 50 m hoch,, er ist mit einzelnen immergrünen Eichen besetzt. In der Nähe liegt- der Monte Concilio. Wir befinden uns noch in der Baumregion; eine Anpflanzung von Mais zeigte sich noch bei 1078 m.

Nach etwa zweistündiger Wanderung von Nicolosr aus lag unsere erste Station die Casa Bosco ( Waldhütte ) vor uns, wie das Bild IV sie zeigt. Sie liegt in einer flachen Einsenkung, umgeben von einzelnen Eichen und Kastanien. Ueberall schaut Asche und Lava durch die spärliche Vegetation hindurch. Farnkräuter sind am Häufigsten. Die von Lava erbaute Hütte wird wahrscheinlich von Köhlern bewohnt, die in der Nähe die letzten Reste ehemaligen Waldes fällen. Das Wasser der Cisterne ist ungeniessbar. Näher zwar ist uns nun der Aetnagipfel gerückt, aber doch noch wie weit entfernt! Seine Kegelform tritt auch hier deutlich hervor. Rechts liegt Montagnola ( 2)r ans deren spitzer Pyramide im Jahr 1763 ein gewaltiger Lavastrom hervorbrach. Weiter im Vordergrund liegen noch andere Eruptionskegel.

Ein Stück oberhalb der Waldhütte hören die Bäume auf und es beginnt bei nahe 6000 Fuss die Regione déserta ( die öde Region ), der der ganze obere Gebirgstheil angehört.

Das Bild zeigt ihren Charakter. Weder Baum noch Strauch ist zu sehen, dagegen gehen noch einige Pflanzen weiter hinauf, z.B. verschiedene Farnkräuter. Auffällig sind die niedrigen, runden Polster " des sicilianischen Traganths. Wehe dem, der sich darauf niederlässt; unter den grünen Blättchen dieser Leguminose sind scharfe Stacheln verborgen. Ob der Casa inglese fanden wir nicht einmal mehr Flechten. Die reizenden Pflanzenoasen der Hochalpen fehlen, eine Alpenflora existirt am Aetna nicht. Nun beginnt ein langes, einförmiges Aufsteigen die kahle, nackte Hauptflanke des Berges hinan. Sie bildet den weithin sichtbaren Rumpf des Aetna und trägt oben ein unregelmässiges Plateau. Ihm ist der höchste Kegel aufgesetzt, wie das Kamin einem platten Dache. Die Böschung jener Hauptflanke beträgt circa 28 °. Dieser Theil des Weges ist im höchsten Grade einförmig. Die für das Relief des Berges so charakteristischen seitlichen Eruptionskegel verschwinden. Vom touristischen Standpunkt aus wäre eine Partie in den Alpen weit vorzuziehen, da diese dem Auge in der Ferne und Nähe mehr Abwechslung bieten.

Ermüdet bestiegen wir, unserni Vorsatz ungetreu, auch einmal den Rücken des Maulthiers, wo Führer und Junge schon sehr häufig der Ruhe gepflogen hatten. Das arme Thier war indessen trotz aller Kletterfähigkeit so ermattet, dass wir rasch wieder abstiegen, um nicht in denselben Fehler wie die Italiener zu verfallen, die ihre Hausthiere oft in der rücksichtslosesten Weise ausbeuten. Montagnola, vorher so hoch über uns, rückt nun immer näher.

Noch eine steilere Strecke und wir stehen auf dem schwach geneigten Piano del Lago ( Seeebene ) Fig. IV, ein auffälliger Name, wie auch Monte Frumento ( Weizenberg ) für den benachbarten Lava- und Aschenhügel.

Piano del Lago ( vergl. auch das Kartellen ) ist ganz mit tiefer Asche bedeckt, in der man ziemlich mühsam weiter watet. Hier befand sich vor Zeiten ein grösser Krater, dessen Mündung durch Lava und Asche ausgefüllt ist. Den Hügel des Monte Frumento lassen wir links, ebenso ein altes Gemäuer, welches der Führer Castello del Piano del Lago nennt. Eine angenehme Abwechslung bot der Schnee, der etwas unterhalb des Castello begann. Nochmals ging es steiler aufwärts, dann erschienen in der Dämmerung die Umrisse der Casa inglese; wir waren am Ziel unserer heutigen Reise.

Eine eigenthümliche Scene spielte sich nun ab. Da wir uns wegen Zeichnen, Untersuchen der vulkanischen Produkte u. s. w. sehr verspätet hatten, setzte ich stillschweigend voraus, Junge und Maulthier würden mit uns in der Hütte übernachten, um so mehr, als jener den Weg zum ersten Male machte. Dieser Ansicht war aber Peppino nicht. Eiligst verabreichte er dem Jungen ein Brod, gab ihm dann den Schweif des Maulthieres in die Hand und rief Vorwärts! Nur immer festhalten! Das Thier bringt dich sicher nach Nicolosi zurück. Der Junge lamentirte. Eben wollte ich zu seinen Gunsten einschreiten, da — ein Schlag mit dem Stock — und das Maulthier trabte in die Dunkelheit hinein, der Junge krampfhaft den Schweif festhaltend hinten drein — ein tragikomischer Anblick.

Peppino belehrte uns, als wir ihm Vorwürfe machten, das Thier kenne den Weg so gut wie irgend ein Führer. Wegen seiner Sicherheit habe es seiner Zeit die Ehre gehabt den Prinzen Humbert heraufzutragen. Als wir nach Nicolosi zurückkamen hörten wir in der That. dass Thier und Junge glücklich unten angekommen seien.

Die Casa inglese ( englische Hütte ) liegt 2942 m über Meer auf einem zweiten Plateau, höher als das des Piano del Lago. Sie wurde im Jahre 1812 auf Kosten des brittischen Heeres unter Leitung von Mario Gemellaro aus Nicolosi erbaut. Nachdem sie durch Schneedruck und Erdbeben sehr baufällig geworden war, gab die Aetnabesteigung des Kronprinzen Humbert im Jahre 1862 Veranlassung zu ihrer Restauration. Damals war die ganze Signoria von Catania auf den Beinen, man bot sämmtliche Führer und Reitthiere von Nicolosi auf, die Hütte selbst war mit Teppichen ausgelegt. Heute waren solche Luxusgegenstände nicht vorhanden, die Hütte hatte ganz den Anstrich alpiner Clubhütten. Wichtiger als der prinzliche Aufenthalt war der des Hrn. Sartorius, der hier mit seinen Begleitern während 3 Monaten die obersten Aetnaregionen studirte. Einige seiner für die geologische Geschichte und Entwicklung des Berges wichtigen Resultate werde ich später anführen. Für den Aetnabesteiger, namentlich wenn er geologische Zwecke verfolgt, ist die Hütte ganz unschätzbar. Denn ihm ist ein solches Obdach noch nothwendiger als dem Touristen und Topographen, weil er auf kleinem Raum oft tagelang seine Aufnahmen und Untersuchungen verfolgen muss. Jede alpine Clubhütte ist daher ein nicht genug zu schätzendes Hülfsmittel für die Wissenschaft;

im Hochgebirg wäre eine geologische Aufnahme ohne dasselbe fast unmöglich.

Bald prasselte mit Hülfe der mitgeschleppten Kohlen ein lebhaftes Feuer im Kamin und nachdem wir uns an feurigem Aetnawein und sonstigen Vorräthen erlabt, wurde es uns behaglich zu Muthe. Die einstöckige Hütte hat 3 Abtheilungen, der unten abgebildeten Casa Bosco ist sie ganz ähnlich. Die Wände sind solid, aus Lava erbaut und mit Mörtel gut verstrichen. Die hölzernen Bettstellen liegen zu je 3 übereinander wie in den Kasernen; es sind, wenn ich nicht irre, ihrer neun. Statt Matrazen dienen Strohmatten, welche dem Heu wohl vorzuziehen sind, da sie nicht so häufig erneuert zu werden brauchen. Auf dem einfachen aber reinlichen Lager schliefen wir besser als in manchen Albergos der Ebene, wo man sofort von Schaaren blut-dürstiger Insekten ( geflügelten und ungeflügelten ) überfallen wird. Schon die Abwesenheit der Zanzaren ( Stechmücken ) war ausserordentlich wohlthuend. Peppino unterhielt das Feuer fast die ganze Nacht. Hierin war er thätig und unverdrossen, in anderen Stücken dagegen ziemlich träge.

Wie freuten wir uns auf den Genuss der berühmten Aetnaaussicht und wie schmählich wurden wir enttäuscht! Was sahen wir am anderen Morgen ( dem Jahrestag der Schlacht bei LeipzigGraue Wolken, das Lava- und Aschengebiet der Umgebung in schmutzig schwarzer, abschreckender Färbung! Wo ist das unendliche Meer, der blaue Himmel, die Ebene mit ihren üppigen Fruchtbäumen! Ein einziges Mal wurde durch einen Riss der Wolken das Meer sichtbar.

Missmuthig krochen wir ins Stroh zurück, die Temperatur ausser und in uns war unter 0°. Später wurde es nicht besser, doch war es mir wenigstens möglich die nähere Umgebung der Hütte kennen zu lernen und selbst den Hauptkegel zu besteigen.

Das Aschenplateau, an dessen Rand die Casa inglese liegt, war ebenfalls ehemals ein Krater. Sartorius hat ihn nach seiner Form den elliptischen genannt. Man sieht noch an wenigen Stellen seine Ränder, im Uebrigen ist er ausgefüllt.2 ) Ueber ihn ragt nun noch der jetzige höchste Krater und Gipfel des Aetna 370 m hoch empor. Die Böschung des Kegels beträgt circa 33°. Er besteht hauptsächlich aus Asche und Schlacken, Lavaströme ergiessen sich nur selten aus seinem Krater.

Der Sturm peitschte die grauen Regenwolken hin und her, als ich mit dem Führer den Kegel hinaufkletterte um wenigstens einige Handstücke zu sammeln. Der grimmigen Kälte wegen nahmen wir wollene Decken um. In der Nähe der Hütte befinden sich schön geschichtete Lavabänke, ferner einige linear angeordnete Fumarolen.3 ) Weiter oben liegen eine Reihe zum Theil über 1 1/2 Cubikmeter grosse, gelb, grüngelb und röthlich gefärbte Blöcke umher. Sie wurden durch die Gewalt der gespannten Dämpfe aus dem Hauptkrater herausgeworfen und sind durch Säuredämpfe stark zersetzt. Auch rundliche und längliche vulkanische Bomben, die, im halbweichen Zustand aus dem Krater geschleudert, im Herabfallen Kugelgestalt annahmen, bemerkt man, mit Lavafetzen vermischt. Ueber diese lockeren Massen steigt man ziemlich mühsam empor.

Endlich langten wir am südöstlichen Kraterrand an. Nebel hüllte uns ein. Er wurde noch durch die Dämpfe einer Anzahl kleiner Fumarolen vermehrt, die die weiche Erde des Randes bedeckten. Oft waren wir ganz von solchen Wasserdampfausströmungen eingehüllt, die keine Spur von Säure enthielten. Sie erwärmten. uns und hatten allen Schnee weggeschmolzen. Manchmal tauchte nördlich von uns das mit 3312 m bezeichnete Hörn aus dem Gewölk hervor, es liegt höher als die Einsenkung in der wir standen. Die Höhe der letzteren betrug mit dem Aneroid gemessen 3230 m, jenes Hörn überragte uns daher um 82 m. Unter ihm im Krater arbeiteten geräuschvoll 2 grössere Fumarolen wrie die Gebläse eines Hochofens.

Welch'wunderbarer Anblick muss es sein, wenn, man von hier bei klarem Wetter ein Panorama geniesst,. dessen Durchmesser 56, dessen Umfang 180 Meilen betragen soll. Man sieht Sicilien als Insel, Calabrienr den Meerbusen von Tarent, Malta, den Hafen von Messina, die liparischen Inseln.

Gegen. Mittag brachen wir von der Casa inglese auf, um in südöstlicher Richtung in 's Val Bove hinabzusteigen. Kaum waren wir aber eine Viertelstunde von der Hütte entfernt, so brach plötzlich ein Hagelwetter über uns herein und der Nebel umhüllte uns-dichter wie zuvor. Das Beste wäre gewesen zur Hütte zurückzukehren, es machte indessen Niemand den Vorschlag. Ich wollte trotz dem Wetter den Abstieg nach Val Bove versuchen, der Führer sträubte sich aus Leibeskräften dagegen. Hier wäre ein schweizerischer Führer von Nöthen gewesen; Peppino schien nicht im Stande im Nebel den Weg zu finden und machte eine abschreckende Beschreibung von den Abstürzen Val Bove zu.

Ich fügte mich, da mir die Gegend ganz unbekannt war und wir wandten uns in südlicher Richtung Nicolosi zu. Die Hagelkörner wirkten so schmerzhaft, dass wir Gesicht und Hände verhüllen mussten. Herrmann verwandte dazu seinen preussischen Militärmantel, ich eine wollene Decke. Im Laufschritt ging es vorwärts. Wir kamen bald aus dem Hagel-strich heraus, aber nun begann ein wolkenbruchartiger Regen, wie ich ihn selten erlebte. Stromweis fliesst das Wasser vom Himmel. Meine wollene Decke wurde mir von der Nässe so schwer und hinderlich, dass ich, schon anderweitig bepackt, zurüekblieb. Peppino bekümmerte sich nicht im Mindesten um mich und zeigte nur das Bestreben die eigene Haut möglichst schnell in 's Trockene zu bringen. Er war ein munterer, schnell-füssiger Bursche, immer lustig und guter Dinge, allein einer schwierigeren Lage gar nicht gewachsen. Da ich nun den ganz undeutlichen Weg im Nebel bald verloren hatte, blieb nichts übrig als durch Lavaströme und erweichte Asche mich hindurchzuwinden, etwa so wie wenn man durch ein grosses Karrenfeld im Regen und Nebel sich allein den Weg suchen muss. Dies gelobte ich mir aber, den Peppino exemplarisch zu strafen und zwar an seiner verwundbarsten Stelle — dem Trinkgeld. Der italienische Führer legt darauf einen ganz besondern Werth, daher auch die vielen Ausdrücke, wie « mancia, per bevere, buona mana, da bere, bottiglia, fumata » u.a. Während der ganzen Reise ist die Phantasie namentlich jüngerer Führer damit beschäftigt und es fehlt, nicht an Versuchen, dem Keisenden einen möglichst hohen Betrag als glaubwürdig und berechtigt hinzustellen.

Glücklicherweise ersparte mir mein Freund Herrmann weitere Rachegedanken und Unannehmlichkeiten in aetnaischer Lava. Er zog, als Peppino, ohne zu hören, wie von einer Tarantel gestochen, immer weiter eilte, endlich seinen Revolver und bedeutete ihm energisch, jetzt müsse gewartet werden. Ein Schuss leitete mich auf die richtige Spur und nach einiger Zeit gelang es mir, mich mit den beiden wieder zu vereinigen. Peppino's Strafe beschränkte ich darauf, ihm für einige Zeit die nasse wollene Decke aufzubürden, worauf er meinte, er begreife jetzt, dass ich mit einer solchen nicht habe grosse Sprünge machen können. Führer wie ihn trifft man noch manche in Italien. Sobald es donnert und blitzt bemächtigt sich ihrer die Furcht. Sie können der Natur nicht Aug'in Auge sehen, sondern sind durch eine Menge abergläubischer Vorstellungen von ihr getrennt. Deshalb lief Peppino als das Wetter kam, davon, wie wenn der Teufel und sämmtliche Aetnakobolde ihn schon beim Schopf hätten.

Was lässt sich noch über den Rückweg sagen! Nichts ist trauriger als eine Aetnalandsehaft im Regen. Laven und Asche, die im Sonnenschein oft einen eigenthümlich warmen Ton haben, sahen furchtbar öde aus, tief sanken wir ein im erweichten Boden. Im traurigsten Zustand langten wir in der Casa Bosco an. Hier am prasselnden Feuer trockneten wir Kleider und Schuhe, hinterliessen den abwesenden Köhlern für Benutzung von Holz und Heerd ein Trinkgeld und gingen dann in der Baumregion noch vollends hinab.

Als wir Nicolosi in Sicht bekamen, wandten wir den Blick noch einmal zurück. Der Aetnagipfel war hinter einer Wolkenwand verborgen, über uns jagten dunkle, zusammengeballte Wolkenmassen dahin; aber zwischen ihnen leuchtete bereits der blaue Himmel und die Sonne warf grelle Streiflichter auf die Eruptionskegel und Lavaströme. Wie vermag doch ein einziger Sonnenstrahl eine kalte, todte Landschaft im Handumkehren zum lebenvollsten Bilde umzugestalten!

Zum Schluss einige praktische Bemerkungen. Wer den Aetna besteigen will, braucht sich, sofern er nur gut zu Fuss ist, weder vor Schwierigkeiten noch vor zu grossen Kosten zu scheuen. Doch ist der Weg sehr weit und ermüdend; von Nicolosi bis zum Gipfel 9—10 Stunden. Für Touristen ist die Partie nur bei zuverlässigem Wetter rathsam. Wer in der Casa inglese übernachtet, hat die Chancen des Sonnenunter-und Aufganges, gewiss eines der grossartigsten Naturschauspiele. Die Kosten belaufen sich für den Führer auf Fr. 7 1/2 für den Tag, auf Fr. 5 wenn man ihn mehrere Tage benutzt. Hierzu kommt noch der Betrag für Proviant und Maulthiere.

II. Tal Bove.

Wer Val Bove, das grosse Aetnathal, nicht besucht hat, kennt den Aetna nicht, es giebt nichts Seltsameres als diesen tiefen Einschnitt in 's Innere des Gebirges,

der uns gleichsam die Eingeweide des Vulkans, seinen geologischen Bau, enthüllt und bloslegt.

Die Frage, wie ein Berg im Innern beschaffen sei, wird anderwärts wohl nur von Wenigen aufgeworfen. Die äussere so manichfache Form, die Fülle dessen was an der Oberfläche dem Auge sich bietet, beschäftigt die Phantasie vollauf. In unseren Kalkalpen ist es schwierig den reichen Faltenwurf den die Gesteinsschichten bilden, zu verfolgen und seine Regeln festzustellen. Im Tal Bove dagegen ist das innere Gerüst des Berges so prachtvoll entblösst, dass wie von selbst sich Jedem eine Reihe von Fragen aufdrängt. Diese vielleicht noch warmen Laven, die wir überschreiten, sind vom Berg geboren, sie unterscheiden sich im Bovethal nur unwesentlich von dem Basalt genannten Gestein. Man würde sie im vorliegenden Fall so nennen, wenn es nicht zweckmässig wäre, Alles was thätige Vulkane produziren, was geschmolzen als Strom sich ergossen hat, unter dem Collektivnamen « Lava » zusammenzufassen. Das erste Betreten eines solchen erhärteten Gesteins-stromes ist so unvergesslich wie das erste Begehen eines Gletschers. Woher stammen diese ausserordentlichen Lavamassen? Sind sie Theile des feurigflüssigen Erdkerns selbst oder liegt der Schmelzraum in geringerer Tiefe? Niemand weiss es, aber staunen müssen wir vor solch'gewaltigen Naturkräften, die Berge vor unseren Augen aufthürmen. Viel unmittelbarer tritt uns bei thätigen Vulkanen der Bildungsprozess der Berge entgegen. Aus dem vulkanischen Schlund brechen von Zeit zu Zeit Lavaströme hervor und ungeheure Mengen von Asche, Sand und Steinen werden in die Luft geschleudert.

Alle lagern sich auf dem Mantel des Berges ab und bilden Schichten. Zu Hunderten sehen wir in Val Bove wechselnde Lagen von Lava, Asche und vulkanischen Conglomeraten. Indem sie sich im Lauf von Jahrtausenden aufhäufen wächst der Berg in die Höhe.Verglichen mit dieser Energie sind unsere Alpen todte Blöcke, an denen nur Wasser und die gasförmigen Bestandteile der Atmosphäre ihr einförmiges Spiel treiben. Der Anwohner eines thätigen Vulkans lernt in der kurzen Zeit seines Lebens mehr von der Entstehung der Berge als anderwärts an den aus Wasser abgesetzten Gebirgen ein ganzes Volk in Jahrhunderten.

Das kleine Dörfchen Zafferana ist der Ausgangspunkt für Val Bove. Es liegt an der Südostseite des Aetna ( vergl. das Kärtchen ). Am 19. Abends traf ich daselbst mit Peppino ein, mein Reisegefährte Herr Herrmann war nach Catania zurückgekehrt. Ich hatte Peppino beibehalten, weil ich von den andern Führern nicht viel Besseres erwartete, auch hoffte ich ihn in einigen Punkten noch erziehen zu können. In Zafferana fiel es mir auf, dass er nicht einmal das dortige Wirthshaus kannte, für einen italienischen Führer ein schlechtes Zeichen. Als wir es erfragt, erklärte die Besitzerin ( welche jenen noch nicht entdeckten Verbindungsgliedern zwischen menschlicher und thierischer Race anzugehören schien ) für Essen müssten wir selbst sorgen; doch wollte sie kochen, was wir brächten. Peppino anerbot sich sofort für Fleisch, Maccaroni, Brod und Früchte zu sorgen, was ich ihm etwas allzu vertrauensvoll überliess. Unterdessen schaute ich mir den Ort etwas näher Baltzer.

an. Er ist ein echtes Aetnadorf. Die Hauptstrasse ist schnurgerade, die Häuser sind klein, einstöckig wegen der Erdbeben. Das Baumaterial ist Lava, weiss übertüncht. Die Dächer sind flacher als bei uns, mit gewölbten Ziegeln bedeckt. Nur wenige Häuser haben zwei Stockwerke und den Luxus eines Balkons, mit eisernem, geschweiftem Gitter. In den bessern Häusern sind die Decken der Zimmer hoch und gewölbt. Auf den ebenfalls mit Lava gepflasterten Strassen treibt sich in der Regel ein lebhaft schwatzender, lustiger Menschenschwarm umher, anders wie in Alpendörfern, die manchmal wie ausgestorben scheinen. Die Frauen tragen weit herunterreichende, den Kopf und die ganze Gestalt einhüllende Tücher, welche ihnen ein nonnen-haftes Aussehen geben. Im Ganzen sieht man es dem Ort fast überall an, wie abhängig die Bewohner von den in der Nähe schlummernden vulkanischen Kräften sind. Nach diesen richten sie die Lage ihrer Wohnungen ein, die verderblichen Lavaströme liefern ihnen das Material dazu und auf dem verwitterten vulkanischen Boden gedeihen ihre Früchte.

Unser Weg führt uns von Zafferana in nordwestlicher Richtung. Der Charakter des Gebirgs ist hier ein wesentlich verschiedener von dem der Südseite, man vergleiche nur die Ansicht I des Aetna von Nicolosi aus mit dem beistehenden Holzschnitt V. Hier tief eingeschnittene Thäler wie S. Giacomo ( S. Jacopo ) ( I ) und Cava secca ( 2 ), dort nur flache Rinnen; hier üppige Kastanien und Eichenwald, dort überhaupt kein zusammenhängender Wald. Das Grün der Waldung macht einen ausserordentlich angenehmen, heiteren Eindruck

und wird durch das Düstere der Lavaströme nur gehoben. Das Jakobsthal ist besonders tief eingeschnitten und verdankt jedenfalls einer vulkanischen Spalte seine Entstehung, die später durch Erosion noch erweitert wurde. 4 )

In diesem Thal entspringt eine der wenigen Aetna-quellen an der Grenze einer Tuffschicht. Wir überschritten die Leitung derselben, welche die umliegenden Dörfer mit Wasser versieht. Sie ist ein nicht mit Gold aufzuwägender Schatz für die Bewohner. Das andere Thal, Cava secca genannt, ist weniger tief eingeschnitten. Links davon hängt über den Plateaurand, wie die Abbildung es zeigt, der Lavastrom von 1792 herab. Seine schwarzen, drohenden Massen umschliessen einige grüne Oasen. Auch an den Abhängen des Monte Fiore Cosimo im St. Jakobsthal bemerkt man Ströme.

Unser Weg führte uns nicht in das Jakobsthal hinein, sondern an ihm vorbei. Etwas nach 7 Uhr erreichten wir den colossalen Lavastrom von 1852, der hinten im Val Bove entspringt, etwa eine halbe Stunde breit ist und bis zu unserm Standpunkt eine Länge von 4000 m besitzt. Man geht am Rande des Stroms längs dem etwa 40 Fuss hohen Wall hin. Derselbe bildet ein Gewölbe, dessen schalige Seitentheile man zur Rechten hat. Man könnte bei Betrachtung dieses Gewölbchens glauben, man befände sich in den Alpen oder im Jura. 5

Zuweilen machen wir einen Abstecher vom Weg. Die Lavawälle rechts und links bieten einen eigenthümlichen Anblick, es ist ein vulkanisches Seitenstück zu einer Gletscherpassage. Manchmal sind wir ganz von Lava umgeben, die dicken weissen Dampfwolken im Hintergrund deuten dann an wo der Vulkan arbeitet.

Nicht lange so ändert sich die Scenerie, wir stehen am Rand des Val Calanna und haben einen eigenthümlichen Blick vor uns. Das Thal hat die Configuration - eines alten Kraters; es ist rundlich, im Norden und besonders im Süden von steilen Felsen eingerahmt. Im Osten, wo wir uns befinden, öffnet sich der Kessel. Im Westen stürzt über einen circa 200 m hohen Absatz ein Lavastrom in mehreren Armen herab. Der rechte Arm ist der breitere, der linke hat zwei seitliche Ausläufer. Man nennt den Sattel den Salto della Giumenta. Welch'ein furchtbarer Anblick muss es gewesen sein, als diese Ströme sich über ihn hinunterwälzten, was zuletzt im Jahre 1852 geschah. 6 ) Bis in die Mitte des Kessels wurde die Lava durch die Gewalt des Sturzes vorgeworfen, dann blieb sie stehen und verschonte den noch übrigen Theil der grünen Flur.

Es begann zu regnen. Wir flüchteten in die am Eingang des Val Calanna stehende Hütte. Der Besitzer, ein Kohlenbrenner, gesellte sich bald zu uns, überliess uns aber bereitwillig die einzige Bequemlichkeit, eine Lage Stroh, zum Rasten. Er prophezeite schlechtes Wetter und hatte darin nur zu sehr Recht.

Auf der Nordseite des Thales liegt ein unregelmässiger, felsiger Kopf, der Monte Calanna. Sein Gestein ist vielfach von Gängen durchzogen. Ihn umgingen wir, rechts stark ansteigend und folgten dem Saum der Lava, wo sie sich an den Monte Calanna anlehnt. Leider brach nun plötzlich dicker Nebel herein,

der uns von allen Seiten einhüllte. Peppino erging sich in allerhand Deklamationen, die Nothwendigkeit der Umkehr zu beweisen. Mir wollte es scheinen, als sei ihm der Weg nicht mehr recht klar, denn wir befanden uns ohne Spur eines solchen mitten in der Lava. Sie umgab uns von allen Seiten mit ihren zackigen, geborstenen Klippen. Da nun auch der Regen wieder begann, so gab ich nach; wir kehrten um, fanden uns glücklich zum Weg zurück und krochen unter ein niedriges Strohdach, welches Köhler zum Schutz gegen das Wetter sich angelegt hatten. Ich nahm die Karte hervor, um mich zu orientiren. Wir befanden uns offenbar in unmittelbarer Nähe unseres Zieles, des hinteren Val ßove.Von seiner grossartigen Wildheit, seinen merkwürdigen geologischen Phänomenen hatte ich viel gehört. Sollte ich nun an der Schwelle wieder umkehren. Nein! rief es in mir, trotz dem Wetter, trotz allen oratorisclien Anstrengungen Peppinos. Der Bursche Tvusste offenbar im Nebel den Weg nicht zu finden und je mehr Tage ich brauchte, desto grösser wurde seine Bezahlung. Nach landesüblicher Gewohnheit hielt er mir lange Reden, um mich zur Umkehr zu bewegen, die ich jedesmal mit einem gleichmüthigen « non ca-pisco » beantwortete. Endlich erklärte ich ihm, dass, wenn ich heute nicht nach Val Bove käme, ich überhaupt darauf verzichten und ihn schon heut entlassen würde. Das wirkte! Peppino war nun plötzlich entschlossen vorwärts zu gehen, nachdem er eine halbe Stunde lang das Gegentheil behauptet hatte; aber wie den Weg finden? In dieser wirklichen Verlegenheit nam uns unerwartete Hülfe. Ueber den Rand des

19 felsigen Absturzes gegen Val Calanna tauchte plötzlich eine kräftige Gestalt auf mit gebräuntem, gutmütliigem, von einer Fülle schwarzer Haare eingerahmtem Gesicht.

Ueber den Rücken trug der Bursche ein Fell; dies und die blanke Axt gaben ihm ein wildes, martialisches Aussehen. Leicht hätte man ihn für einen Banditen nehmen können. Doch entpuppt er sich bald als einer der Kohlenbrenner. Er ist bereit uns nach Val Bove zu führen, wo wir in einer Strohhütte auf dem nackten Erdboden allenfalls übernachten könnten. Unverzüglich brachen wir nun auf. Der Nebel hing gleich einem dichten Mantel über uns. Er dämpfte das Tageslicht zur unbestimmten Dämmerung herab. Die dunkle Lava machte das Bild noch düsterer, sie-schien sich, wenn einmal der hin und her wogende Nebel sich öffnete, stundenweit zu erstrecken. Der Weg stieg eine Zeit lang an. Dann sahen wir auch zur Linken die wilden Klippen der Serra del Solfizio, welche das südliche Gehänge der Val Bove bildet. Auf fast ebenem Boden gingen wir weiter. Nach einiger Zeit erblickten wir rechter Hand mitten in der Lava stehend ein Strohhüttchen wie bei uns zu Land Obst-hüter sie errichten. Diese « Pagliaros » dienen den Hirten zum Schutz, so lang sie ihre Herden hier hinten hüten und vertreten die Schlupfwinkel, die sich Schäfer und Gaisbuben in den Hochregionen der Alpen errichten. Jetzt waren sie verlassen. Weiter hinten sollte noch ein besserer Pagliaro stehen. Wir entliessen unseren Köhler und ich kletterte mit Peppino über einen kleinen Hügel, der von der Serra Solfizio etwas in 's Thal vorspringt. Jenseits desselben zeigte sich unser Nachtquartier, welches auch auf dem beistehenden Holzschnitt einen Platz gefunden hat.

Mit Benutzung eines Felsblockes sind Lavastücke zu einer kreisförmigen Mauer aufgebaut. Darauf erhebt sich von Sparren gestützt das kegelförmige Strohdach. Oben ist es mit Steinen beschwert, damit der Wind es nicht fortnimmt. Durch die vordere Oeffnung in den Bau einfahrend sieht man nichts als den nackten Boden, auf dem noch einige vertrocknete Farren umherliegen. Eine alpine Sennhütte ist comfortabel mit diesem Pagliaro verglichen. Zunächst bauten wir einen Heerd und zündeten Feuer an, zu dem sich genügendes Material zwischen der Mauer und dem Strohdach der Hütte befand. Wo nun. aber das Wasser zum Kochen hernehmen? Was hätte ich hier nicht für eine jener sprudelnden Quellen klarsten, frischesten Wassers gegeben, wie man sie in den Alpen findet! Hier in der öden Lavawüste schien kein Tropfen sich finden zu wollen, obgleich es geregnet hatte. In dieser Noth verfiel Peppino auf die kluge Idee Steine mit vertiefter Oberfläche aufzusuchen. In ihnen hatte sich das gefallene Regenwasser gesammelt. Nachdem wir an einigen dieser Naturbecher unseren Durst gelöscht, schöpften wir, von einem Stein zum andern wandernd, das Wasser aus den Höhlungen in unseren Kochapparat hinein; bald war ein Mocca hergestellt, der unsere Lebensgeister neu erregte. Mochte es nun draussen regnen, der Regen diente nur dazu unsere Steinbecher neu aufzufüllen, den Humor konnte er uns nicht rauben. Peppino war ungemein rührig, dienstwillig und machte manche seiner früheren Sünden wieder gut. Er war unermüdlich im Herbeischaffen und Trocknen YOn Holz, Wasserholen, Feuerunterhalten.

Schliesslich überliess er mir sogar für die Nacht seinen Mantel. Dass diese Nacht nicht sehr angenehm war lässt sich denken; wie anders wäre man in einer schweizerischen Club- oder Sennhütte versorgt gewesen! Hier pfiff der Wind durch die Fugen der Steine und während er die eine Körperseite erkältete, wurde die andere vom Feuer beinah gebraten. Nur durch viertel-stündiges Umdrehen des Körpers liess sich eine ungefähre Mitteltemperatur erzielen. Zum Glück liess das Strohdach wenigstens den Kegen nicht durch. Es wäre gewiss erwünscht, wenn im Interesse der vielen Besucher von Val Bove ein einfaches Asyl zum Schutz gegen Wetter und Wind errichtet würde.

Der Morgen dämmerte als Peppino mich weckte und freudig verkündete es sei ein Glanztag. Und in der That als ich aus dem Bau herausschlüpfte lag Val Bove in all seiner eigenthümlichen Pracht vor mir. Die Ueberraschung war um so vollständiger, als ich gestern des Nebels wegen gar nichts hatte sehen können.

Val Bove ist ( wie aus dem beigegebenen Kärtchen ersichtlich ) ein tiefer Einschnitt in die östliche Flanke des Aetna. Er geht von der Peripherie des Berges bis beinah in 's Centrum. Die Länge beträgt von Milo, einem kleinen Dörfchen am Ausgang, bis zum letzten Hintergrund beinah eine deutsche Meile in gerader Linie. Die grösste Breite beläuft sich auf 4000 m d.h. beinahe eine Stunde. Zwischen dem Berg Pomiciaro ( Zoccolaro ) und dem Ziegenfelsen ( Kocca capra ) ist das Thal nur 2350 m breit.Es ist mit Recht eines der merkwürdigsten Thäler der Erde genannt worden.

Zu beiden Seiten stürzen schroffe Felsmauern in dasselbe ab, die rechtseitige heisst in ihrem Haupttheil Serra del Solfizio, die linke Serra délie Concazze. Die Bezeichnung Serra ( Säge ) bezieht sich auf die starken Einschnitte. Diese Serren sind nicht von besonderer Höhe und bestehen aus alten Laven, Conglomeraten, Tuffen u. s. w. Den Hintergrund bilden die hohen Abstürze der centralen Masse des Aetna. In den ganzen Alpen wüsste ich kein Thal, welches eine solche mauerartige Einfassung und eine breite flache Thalsohle dieser Art besässe ( vergl. das Kärtchen ). Die erwähnten Serren erheben sich zwar bis zu einigen hundert Metern Höhe über die Thalfläche, sie bedingen indessen nicht allein die dem Thal eigenthümliche wilde Grossartigkeit. Dieser Eindruck wird weit mehr bedingt durch die ungeheuren Lavamassen, welche das Thal seine ganzen Länge und Breite nach ausfüllen. Die Serren dienen nur als Rahmen, als Folie der Lava; das ganze Thal ist nichts als ein grossartiger Lavabehälter, wie es wohl wenige gibt. Die Thalsohle erscheint nicht wie bei so vielen alpinen Thälern kielförmig, indem

j Val Bove zerfällt ( vergl. das Kärtchen ) naturgemäss in zwei Theile, einen unteren unregelmässigen und einen oberen. Beide sind durch einen mehrere 100 Fuss hohen Absatz, der von Monte Pomiciaro nach der Serra délie Concazze sich, hinüberzieht, getrennt. Der obere Theil bildet einen grossartigen Kessel, dessen südliche Hälfte, Trifoglietto genannt, von besonderem Interesse ist. Im unteren Theil befindet sich das genannte Val Calanna, sofern man es als einen Theil des Val Bove betrachten will.

die beidseitigen Flanken sich nahezu berühren, sondern flach und wie schon bemerkt sehr breit und im hintern Theil wenig geneigt. Schrankenlos schweift daher der Blick über die Lavafelder hinweg. Der Grundton des Bildes ist düsterer Ernst; kein " Wald, keine grünen von Viehherden belebten Weiden, kein blauer Seespiegel mildert diese Stimmung.

Die zwei kleinen Ansichten geben eine ungefähre Vorstellung von Val Bove. Die eine ( VI ) zeigt links im Vordergrund unser Pagliaro und einen Theil der Serra del Solfizio. Ihre schroffen Abstürze sind von Quer Schluchten durchbrochen und treten daher coulissenartig hervor. Die Vegetation beschränkt sich auf einige einzelne Eichen, Flechten und die kugelförmigen Basen-kissen von Astragalus ( rechts der Hütte ).

Im Hintergrund sieht man die Abstürze des centralen Theiles vom Aetna. Die Bauchsäule bezeichnet die Stelle des Hauptkraters, dessen Kegel selbst nicht sichtbar ist. Links befindet sich Piano del Lago, jenes Plateau, von dem man auf dem Bild indessen nur den östlichen Band bemerkt. Darunter bemerkt man die Art der Schichtung des Vulkans. 7 ) Man sieht wie er aus vielen wechselnden Lagen weicherer, gelblicher Tuffschichten und härterer alter Lavabänke ( Dolerit ) besteht, die im Lauf der Jahrtausende allmälig viele tausend Fuss hoch aufgethürmt wurden und die verschiedenen älteren und neueren Ausbruchsstellen mantelförmig umgeben. Da die Lagen bald härter, bald weicher sind, so entsteht durch Verwitterung eine Bandstruktur, ähnlich wie in den Kalkalpen.

Der andere Holzschnitt ( VII ) zeigt die nördliche

Einfassung des Val Bove, die schon genannte Serra délie Concazze. 8 ) Sie schliesst links mit der Roeca ab, deren Längsgräte mit Schnee bedeckt sind.

Das Bild giebt ferner eine ungefähre Vorstellung von den ungeheuren Lavamassen, die das Thal erfüllen. Sie gehören zum Theil dem Strom von 1852 an; im Hintergrund dem von 1811. Auch ein Theil des Thalabschlusses gegen den Hauptkegel ist links gegeben und zwar der, der auf dem anderen Bilde fehlt. Beide Ansichten ergänzen sich daher. Ueber dem hohen von der Rocca in südlicher Richtung verlaufenden

Die Lava desselben ist heller wie; die von 1852 im Vordergrund.

Dr. Antonio Mercurio zu Giarre hat einen Bericht über die Eruption von 1852 veröffentlicht, aus dem das Folgende nach der Uebersetzung vom Rath's entnommen ist.

« In der Nacht vom 20. zum 21. August um 1 Uhr ertönte ein dumpfes, unterirdisches Donnern. Die Erde-erbebte, so dass in Folge der Erschütterungen viele-gewaltige Steine von den hohen, jähen Serren herab-rollten. An der Serra Gianicola und in deren nächster Umgebung bildeten sich siebzehn zum Theil lange-Spalten und Oeffnungen, aus denen schwarzer Rauch und glühende Steine ausgeschleudert wurden. Das Meer zog sich vom Strande zurück, erhob sich dann fluthend und kehrte wieder zu seinem gewöhnlicher* Stande zurück. Das Donnern des Berges dauerte zwei Tage, liess dann nach, um von Neuem zu beginnen. Von jenen Spalten in der Serra Gianicola stellten die höher liegenden den Auswurf von Asche und Steinen ein, während die Eruption sich auf difr tieferen beschränkte. Nun öffneten, sich in der VaL Bove zwei grosse Schlünde, etwa 1 Miglied. M. ) von einander entfernt; der eine unmittelbar am FusseT ein wenig nordöstlich von der Serra Gianicola, der andere nordwestlich vom Monte Calanna. Dieser letztere warf nur glühende Steine aus, jener ergoss Lava. In wenigen Stunden nach Beginn des Lavafliessens war das weite Thal ein Feuersee. Der Strom erreichte den Fuss des Zoccolaro. Dieser Berg bot ein merkwürdiges Schauspiel dar;

während zweier Tage wurden seine Grundfesten erschüttert; nach jedem Stoss erhob sich eine Staubsäule und gewaltige Blöcke stürzten zur Tiefe. Nach zehn Tagen intermittirender Bewegung stand die Lava auf der ganzen Linie Zafferana-Milo. Während der ersten Tage der Eruption stiess der Gipfelkrater Dampf- und Rauchmassen aus, welche den ganzen Berg verhüllten. Durch diese Finsterniss hindurch sah man von Zeit zu Zeit ein vom Gipfel ausgehendes Leuchten. Der ganze Horizont von Giarre war durch Aschen verfinstert, welche mit Regengüssen niedergeführt wurden. So wurde die Vegetation weithin beschädigt. Am 21. August fiel ein Regen, welcher Schwefelsäure9 ) enthielt und die Blätter schwärzte und verbrannte. Mit abnehmender Intensität dauerten die Eruptionserscheinungen fort, so dass man mit Rücksicht auf die Menge des ausgestossenen Materials dem Ende der Katastrophe entgegensah.

Da ertönten plötzlich am 7. September neue und heftigere Donnerschläge. Ein neuer Schlund öffnete sich unmittelbar neben dem ersten an der Gianicola und stiess Lava aus, welche mit grösser Schnelligkeit sich durch Val Bove wälzte und bis Milo herabstürzte. Am 8. September Morgens erschien die Flur von Giarre plötzlich weiss. Nach Mercurios Untersuchung war dieser weisse Ueberzug Chlornatrium ( vielleicht mit Soda gemengt ?). Mercurio bezeugt, dass die glühenden Blöcke, in welche der Lavastrom bei Milo zerfiel, mit einer Rinde von Chlornatrium überzogen waren. Solche Steine mit einer Salzrinde bewahrte Mercurio lange auf, während die Regengüsse sehr bald diese Rinde von den Blöcken der Lavaströme auflösten.

Am 14. September neue Detonationen, welche den Ausbruch eines dritten Kraters unmittelbar neben jenen beiden verkündeten. Die Laven erfüllten den nördlichen Theil der Val Bove, stürzten nördlich der Rocca Musarra herab über die Lava von 1811 und verwüsteten, nachdem sie bis zur Regione cultivata vorgedrungen, viele Fluren, welche bisher unversehrt geblieben. Die armen Bewohner von Milo sahen sich aufs Neue bedroht. Doch stand auch dieser Strom, bevor er die Häuser des Dorfes erreicht hatte

Der letzte Krater dieser Eruption öffnete sich am 27. Oktober und ergoss Lava in intermittirender Weise bis gegen Ende Januar 1853. »

Man nennt den oberen ebenen, mit Laven und Asche erfüllten Theil des Val Bove, der zwischen der Serra del Solfizio, Gianicola und dem Berg Pomiciaroliegt das Trifoglietto ( vergl. Kärtchen und Fig. VI ). Wir gingen in die Mitte desselben vor, um einen Ueberblick des grossartigen vulkanischen Circus zu erhalten. Diese stundenweite Lavawildniss übersteigt an wilder Grossartigkeit noch bei Weitem das Atrio des Vesuvs. Vor sich hat man Laven in allen Formen, theils solche, die, zerbrochen und zertrümmert, in ganz unregelmässigen Bruchstücken aufeinander gehäuft sind — man hat sie mit Eisschollen verglichen — theils solche, deren Oberfläche wenig unterbrochen ist. Die Masse der letzteren

* ) Der Nomenclatur und Schreibweise liegt in dieser Arbeit die italienische Generalstabskarte zu Grunde.

war zähflüssiger; sie bildet merkwürdig gekrümmte, bauchige Gestalten, ihre Oberfläche gleicht auch wohl zusammengelegten Tauen ( vergl. Holzschnitt XV ). Aehnliche Formen erhält man, wenn man dicken Honig oder zähes Pech ausgiesst oder flüssigen Schwefel schnell in kaltem Wasser oder Schnee abkühlt.

Mehr für den Geologen von Interesse, aber doch auch wesentlich den landschaftlichen Eindruck bedingend, erscheinen die sogenannten Gänge ( vergl. Fig. XV, pag. 319, Fig. VII an der Serra delle Coneazze und Fig. VIII—XI ).

Bei den vulkanischen Ausbrüchen wird der Gebirgskörper in verschiedenen Richtungen zersprengt. In den entstandenen Spalten steigt die flüssige Lava empor und füllt sie aus. Eine solche Spaltenausfüllung nennt man einen Gesteinsgang. Er bildet eine Gesteins-platte, welche das Gebirg meistens durchsetzt, seltener parallel den Schichten als Lagergang auftritt. Auch in den Alpen treten Gänge auf, mancher Clubist hat vielleicht schon auf seinen Wanderungen solche gesehn. Sie sind dort aber wohl zum grösseren Theil auf anderem Wege entstanden, indem von unten, seitwärts oder oben mineralische Stoffe in Lösung ihren Weg in die Klüfte fanden und sich dort absetzten. Dergleichen Gänge nennt man Mineralgänge.

Mineralgänge, welche nutzbare Erze enthalten, werden bergmännisch ausgebeutet, so im Wallis Eisen-, Kupfer-und Bleierze. Die Aetnagänge haben nun zwar kein praktisches Interesse, aber man betrachtet sie doch mit Vergnügen wegen ihrer Zahl, Schönheit und weil sie so deutlich verrathen wie sie entstanden sind, was Baltzer.

bei anderen nicht der Fall ist. Die nebenstehenden Holzschnitte zeigen Gesteinsgänge des Aetna, welche

Fig. VIII. Gangbündel an der Serra del Solfizio.

Fig. IX. Gangverzweigung der Serra del Solfizio.

Fig. X. Sich oben vereinigende Gänge an der Serra del Solfizio.

Fig. XL Stück des Ganges a der Fig. X, von der Seite gesehen.

bald einander parallel laufen ( Fig. VIII ), bald unten ( Fig. IX ), bald oben ( Fig. X ) sich vereinigen; sich auch wohl rechtwinklich durchkreuzen, wo dann der durchsetzte Gang der ältere, der durchsetzende der Aetna.

jüngere ist. Einen complicirten Fall, wo sehr verschiedene Gangverhältnisse auftreten, zeigt Fig. XV, pag. 319. ( Näheres über die abgebildeten Gänge siehe Anmerkung 10 ). Die Dicke dieser Gänge, ihre Mächtigkeit ( wie der Geognost sich ausdrückt ) steigt bis zu 20 m. Siehe Anmerkung n ).

Offenbar erstrecken sich diese Gangplatten weit in den Berg hinein bis zum Heerd der Eruption. Könnte man alle Lava- und Aschenschichten, die den Körper des Aetna bilden entfernen, so würden diese Gänge als grossartig complicirtes Gerüst zurückbleiben.

In Fig. XII ist der Versuch gemacht, ein solches Gerüst ( Gangcentrum ) einfachster Art perspektivisch darzustellen.

( i ) bezeichnet die Oberfläche des Kegels. Vorn ist ein Stück aus dem Kegel herausgeschnitten und die ( die Masse des Berges bildenden ) Schichten sind in der Mitte entfernt, um die strahlig gestellten, von einer centralen Axe ausgehenden vorspringenden Gänge zu zeigen.

Je nach der Natur der ursprünglichen Spalte sind die Gänge verschieden. Man sieht solche, die sich oben ( 4 ) und solche, die sich unten ( 5 ) gabeln. 3 ist geschlängelt, 2 stark ausgeschnitten. Die beiden Seiten dagegen sind im Längsschnitt dargestellt, um die mantelförmig von der Axe des Vulkans abfallenden Schichten zu zeigen. Sie bestehen aus festeren Lavabänken ( 7 ) und losen Massen ( 6 ).

Das Ganggerüst des Aetna ist viel complicirter wie der eben besprochene Fall. Es besteht nicht wie man vermuthen sollte aus Kippen, die alle aus einem Mittelpunkt herkommen. Die Spalten, welche von Lava ausgefüllt wurden, laufen nicht alle vom jetzigen H a u p t k r a t e r und dem Verbindungskanal desselben mit dem Innern der Erde aus. Das Centrum des Yulkans, der Hauptkrater, war nicht immer an derselben Stelle, er wanderte. Ob jeweilen nur ein Centrum auf einmal thätig war oder mehrere gleichzeitig, bleibe dahingestellt. Damit eröffnet sich uns ein sehr interessanter Blick in die innere Architektur des Berges. Was man davon weiss, verdankt man Sartorius von Waltershausen, dem gründlichsten Aetnakenner.

« In hundert Gängen und Schichten, welche durch vorhistorische Umwälzungen jetzt dem Beobachter eröffnet sind, lässt sich die Geschichte unseres Vulkans so entziffern, wie die Geschichte egyptischer Könige an den durch Hieroglyphen bedeckten Graniten der Tempel und Obelisken » ( Sartorius ).

Drücken wir noch etwas deutlicher aus, wie dies möglich ist. Stellen wir uns den Heerd oder das Centrum einer Eruption vor, so werden bei stattfindenden Erschütterungen alle Spalten so geworfen, dass sie von diesem Centrum radial nach der Peripherie hin verlaufen ( Fig. XTl ). Aus den Spalten entstehen durch Ausfüllung mit Lava die Gänge. Es wird nun möglich sein, aus der Richtung einer Anzahl von Gängen an der Aussenseite des Berges auf die Lage dieses Centrums zu schliessen. Sartorius hat die Richtung der Gänge genau bestimmt und sie in seine grosse Aetnakarte eingezeichnet. Er kam zu dem Schluss, dass es mehrere Centren gegeben haben müsse. Die Richtung der Gänge liess sich auf 3 Centren beziehen. 12 ) Alle zu einem Centrum gehörigen Gänge laufen verlängert auf einen Mittelpunkt zusammen. Eines dieser Centren befand sich im Hintergrund des Val Bove in der Ebene des Trifoglietto ( von der in Fig. VI ein Stück abgebildet ist ), innerhalb der Lava von 1792. Wo jetzt ein tiefes Thal ist, befand sich, damals ein hoch auf-gethürmter Kegel mit einem Krater, dessen Rand nach Sartorius angenähert 2525 m hoch gewesen sein mag. Ein weiterer Beweis für das Vorhandensein des alten Trifogliettokraters liegt darin, dass die jetzigen noch erhaltenen Schichten von einem Punkte nach allen Seiten hin abfallen, welcher Punkt eben die Lage des ehemaligen Kraters angibt. Dies stimmt zu der Regel, dass um eine vulkanische Axe herum die Schichten mantelförmig gruppirt sind. 13 )

Wie mag das grosse Aetnathal Val Bove entstanden sein? So fragt man sich unwillkürlich, wenn man sich die äusseren Formen dieser gewaltigen vulkanischen Thalbildung klar gemacht hat.

Werfen wir an der Hand von Sartoriiis einen kurzen Blick auf die Geschichte des Vulkans.

Der Aetna hat bei seiner Entstehung tertiäre Schichten durchbrochen, ist also jünger wie diese. Ferner treten an der Ost- und Südseite ( z.B. bei der Inselreihe der Cyclopen ) in der Grundlage des Berges Dolerite und Basalte auf, welche älter sind als der Aetna. In unbekannter Tiefe unter dem Berg müssen Granitmassen die Wandungen des vulkanischen Schlotes bilden, da der Aetna solche ausgeschleudert hat. 14 )

Eine ausserordentliche Anzahl von zum Theil sehr heftigen Eruptionen war nothwendig, um die Massen von Laven, Schlacken und Aschen aufzuschichten, die den Körper des Berges bilden. Denn er entstand aus dem bei den Eruptionen zu Tage geförderten Material, welches sich nach und nach ( schon in vorhistorischer Zeit ) um die verschiedenen Eruptionsstellen herum anhäufte. Thukydides und Diodor sprechen bereits von Aetnaeruptionen. Man nimmt an, dass alle 6 —10 Jahre ein Ausbruch stattfindet.

In den Anfang der Entwicklung des Vulkans fällt die Bildung einer grossen Längsspalte etwa in der Richtung Nordnordwrest. Auf dieser Spalte bilden sich gleichzeitig oder nach und nach mindestens 3 Centren der vulkanischen Thätigkeit aus. Zu einer Zeit befand sich ein Haupteruptionskrater wie oben erwähnt im Trifoglietto, wo jetzt stellenweise Herden weiden. Insofern als die hauptsächlichsten Eruptionskanäle auf der grossen erwähnten Längsspalte liegen, ist der Aetna « eine nah aneinander gerückte Y ulk an reihe.

Kings um diese Hauptpunkte entstanden aber Hunderte der früher erwähnten Adventivkrater. Jene treten zu diesen daher in das Verhältniss von Centralvulkanen; zusammen bilden sie Vulkangruppen. Der Aetna ist daher eine eigenthümliche Verbindung von Keilien- und Gruppen-vulkanen zu einem topographischen Ganzen.

Val Bove wurde gleichsam vorgezeichnet durch den anfänglichen Längenspalt; aber derselbe hat noch bedeutende Formveränderungen erlitten. Ursprünglich kann er nicht eine Breite von stellenweis beinahe « iner Stunde gehabt haben. Die Erweiterung geschah durch Kraterbildung ( wobei nach und nach grosse Stücke aus dem Bergkörper herausgesprengt wurden ) und Einstürze. So entstand an Stelle des Hintergrundes von Val Bove der grosse Trifogliettokrater. Er verhält sich geradeso zu Val Bove, wie die kleinen hufeisenförmigen Krater der Adventivkegel zu ihren Abzugsrinnen. Der Trifogliettokrater muss nun .zu wiederholten Malen Einstürze gehabt haben, dadurch erklärt sieh der heutige grossartige, weite Kessel. Diese Einstürze wraren wichtige Ereignisse in der Geschichte des Aetna. Man kann sie sich vielleicht in folgender Weise erklären. Der alte Trifoglietto* krater lieferte fort und fort geschmolzene Gesteinsmassen aus seiner Tiefe, die als Ströme abflössen und die ursprüngliche Spalte des Val Bove ausfüllten. Dadurch entstanden unter dem Trifoglietto Hohlräume. Endlich brach das morsche Gerüst ( besonders auf der Ostseite ) zusammen und die Kraterhöhlung gestaltete sich zum kesseiförmigen Abschluss des Thales. Die

20 Trümmer dieser Einstürze sind unter den Lavaströmen » verborgen, die die Unebenheiten ausglichen und die jetzige im Trifoglietto ganz ebene, flache Thalsohle erzeugten.

Der jetzige höchste Kegel des Aetna ist der jüngste* der Centralkegel, jedoch liefert er nur spärliche Lava-da dieselbe in der Regel ehe sie so hoch gehoben wird, seitwärts ausbricht. Er besteht vorzugsweise aus losem Material und ist eigentlich ein kleinerer Aufbau auf einem unter ihm liegenden älteren und grösseren Krater, den er mit seinen Eruptionsprodukten ausgefüllt hat.

Die jüngsten Neubildungen am Aetna erfolgen so, dass bald da bald dort Spalten sich werfen, auf denen Eruptionskegel sich aufsetzen. Durch diese entleeren, sich Lavaströme, Aschenmassen, welche neue Schichten über den schon vorhandenen Mantel des? Gebirges, liefern. Findet eine Eruption durch den jetzigen Central-krater statt, so ändert auch die Gipfelform. In den Jahren 1835—1853 änderte sie nach Sartorius dreimal vollständig. Der letzte Ausbruch fand im Jahr 1865 auf der Nordseite des Berges statt, wo eine mächtige Spalte entstand, auf der eine Reihe kleiner Krater sich bildete.

Sollten einmal neue Einstürze ähnlich denen des-Yal Bove erfolgen und die Lage des jetzigen höchstem Theiles dadurch verschoben werden, oder sollte ein neues Centrum sieh bilden, so würde die Configuration des Berges eine wesentlich andere werden. An den Vulkanen, wo wir es mit heftig und verhältnissmässig schnell wirkenden Kräften zu thun haben, sehen wir daher besser wie in den Alpen, dass die Form der Berge wandelbar ist.

Vergegenwärtigen wir uns nun nochmals das über die alten Krater, über die Gänge und ihre Richtung Gesagte; ferner die Folgerungen, die man daraus für die Geschichte des Berges ziehen kann, so wird man wohl wenig Standpunkte anführen können, wo man bessere Belehrung über Gebirgsbau erhielte, als in der Mitte des Trifoglietto.

Wir gingen von hier zu den Kratern von 1852 ( vergl. Ansicht VII ). Peppino meinte zwar da führe kein Weg hin, aber ich wusste, dass Aetnaführer das Ueberschreiten der Lava nicht lieben. In der Schweiz gibt es ja auch Führer ( besonders unter den berufsmässigen und patentirten ), welche sich ihre Aufgabe möglichst bequem zu machen suchen. Daher sagte ich zu Peppino, wenn kein Weg vorhanden sei, wollten wir einen solchen suchen. Wirklich kamen wir ohne Schwierigkeit unter der Serra Gianicola durch am Fuss der erwähnten Krater an, zu welchen wir ein Stück hinabsteigen mussten. Zwischen beiden Kratern ( vergl. Ansicht VII ) kletterten wir aufwärts und dann vom zwischenliegenden Sattel zum Rand des westlichen Kegels ( 1 ) hinan. Seine Höhe fand ich zu 252 m über unserem Nachtquartier im Trifoglietto. Der Krater ist ein regelmässiger, circa fünfzig Fuss tiefer Trichter, mit ganz spärlicher Dampfentwicklung an der Nordwestseite und vielen rothen Schlacken. Bereits hatten sich einzelne Grasbüsche in ihm angesiedelt. Am äussern Abhang fand ich schöne Projectile d.h. Auswürflinge des Kraters ( vulkanische Bomben ) mit eigenthümlich Baltzer.

gedrehten Formen. Sie erhalten dieselbe, wenn sie im glühenden, halbweichen Zustand durch die Luft gewirbelt werden. Nach den Berechnungen von Sartorius und Peters werden solche bis 2500 Fuss über den Rand des Centralkraters emporgeschleudert. Einige dieser Bomben sind nebenbei abgebildet; sie erreichen lxj% bis 2 Fuss Länge; andere sind rundlich oder oval. Der andere Krater ( 2 ), zu dem wir ebenfalls hinüberkletterten, ist grösser, felsig im Innern und besitzt

noch einige Fumarolen ( Dampfausströmungen ) am West- rand. Beide Krater sind auf der Karte von Sartorius noch nicht angegeben.

Da das Wetter sich wieder drohend gestaltete, so drängte Peppino zum Aufbruch und wir wateten eilends den mit Asche bedeckten Abhang des Kegels hinunter. Auf eine nähere Besichtigung der Serra delle Concazze, wo sich eine Reihe interessanter Punkte befindet, musste verzichtet werden, denn schon fielen einzelne Tropfen.

Ueber den Weg erhob sich eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns. Ich wollte auf der linken Thalseite nach Giarre, Peppino auf der rechten nach Zafferana zurück.

Für mich sprach der Umstand, dass wir uns schon auf der linken Seite befanden. Peppino fürchtete aber den Weg nicht zu finden und da mir selbst die Gegend ganz unbekannt war so gab ich nach. Wir steuerten also quer durch die Lava hinüber nach dem rechten Ufer.

Bald waren wir so von Nebel eingehüllt, dass man kaum 20 Schritt weit sehen konnte. Mühsam mussten wir uns durch Klippen und Schluchten hindurch winden, über Hügel von Lava hinwegklettern, etwa so wie wenn es sich in den Alpen darum handelt ein grosses Karrenfeld zu durchkreuzen. Es war nicht zu verwundern, dass wir aus der Geraden herauskamen und unmerklich in die entgegengesetzte Richtung geriethen. Als der Nebel sich etwas hob, befanden wir uns richtig wieder nahe dem linken Ufer. Der Fehler war nicht mehr zu ändern. Stundenlang mussten wir uns noch durch die Lava von 1852, 1819 und 1802 hindurcharbeiten, meine Schuhe geriethen in einen traurigen Zustand; Oberleder und Sohlen hingen nur noch an wenig Punkten zusammen. Endlich kamen wir oberhalb Giarre heraus, es war mir zu Muthe, wie wenn man aus tiefem Schacht zu Tage fahrend das Licht erblickt. Peppino nahm die Gastfreundschaft eines kleinen Gutsbesitzers in Anspruch, der uns freundlich aufnahm. Noch stolperten wir lang auf steinigen Feldwegen in der Nacht umher, endlich leuchteten die Lichter des Städtchens Giarre durch die Dunkelheit. Hier übernachteten wir im Albergo Aetna. Ich reiste am andern Morgen auf der Eisenbahn nach Catania.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die letzte Thätigkeit des Aetna. Schon oben wurde die Eruption von 1865 erwähnt. Sie hat in Sylvestri, Prof. zu Catania einen ebenso objektiven als gründlichen Erforscher gefanden. Hören wir wie er eine Episode dieser Eruption schildert.* )

« Am 30. Januar 1865 fühlte man am nordöstlichen Gehänge des Aetna zwei Stösse, zu Mittag und um 4 72 Uhr. Gegen Abend begann der Boden wieder zu beben und blieb fast in beständiger Bewegung, welche von dumpfem, unterirdischem Rollen begleitet war. Die Bewohner von S. Giovanni, S. Alfio und andern Dörfern und Gehöften traten aus ihren Wohnungen heraus. Um 10 x\-i Uhr Nachts ein neuer, stärkerer Stoss und wenig später erleuchtete ein blendendes Licht die Basis des Monte Frumento. Bis 4 Uhr Morgens dauerten die Zuckungen des Bodens, dann hörten sie allmählig auf und machten sich später nur in dem beschränkten Bezirk bemerkbar, welcher eben der Schauplatz der neuen Eruption werden sollte.

« Das blendende Licht und der starke Stoss waren für Jeden das sichere Zeichen der Eruption und in der That, sofort brach aus einer langen Spalte, welche am Fuss des Monte Frumento ( am Nordhang des Aetna ) sich öffnete, und unter Wolken von Rauch und dem Auswurf von Sanden, Schlacken, grossen Blöcken, mit

* ) Einen Auszug aus Sylvestris an wissenschaftlichen Beobachtungen reichem Werk gab Gr. vom Rath im „ Neuen Jahrbuch für Mineralogie. " Ihm ist das Folgende entnommen.

schrecklichen Donnerschlägen ein Strom feuriger Lava hervor. ' In einem weiten Halbkreis von wohl 100 Kilometer, von Catania, Acireale, Giarre, Taormina, Franco-villa, Randazzo aus, sah man auf einer ragenden Ge-birgskante jenes helle Licht von erglühenden Laven, bereits verstärkt durch den Brand eines grossen Fichtenwaldes. Auf jenem Umkreise hörte man starke und Mufige Knalle, welche den Boden erbeben machten. Die Bewohner der am meisten bedrohten Orte eilten auf 's freie Feld und nahmen mit höchstem Eifer ihre .Zuflucht zu religiösen Uebungen, als einzige Rettung vor drohendem Verderben. Schaaren von Büssenden sammelten sich zu langen Prozessionen, erstiegen um -das Feuer zu beschwören mit den Heiligenbildern die Bergeshänge, geführt von dem schrecklichen unterirdischen Gebrüll.

« Ein anderes ergreifendes Schauspiel boten die Landleute dar, gegen deren Aecker und Hütten die Lava vorrückte. Nachdem sie ihre Vorräthe, so weit möglich, in Sicherheit gebracht, glaubten sie der drohend sich herwälzenden Lava einen Damm ent gegenzusetzen, indem sie, dem Schütze ihrer Heiligen vertrauend, ihr kleines Besitzthum mit den blumengeschmückten Bildern derselben umgaben. Doch das Feuer schritt vor, verbrannte ihre Felder, ihre Häuser. Die Familien lagen auf den Knien im Gebete, doch die feurige Masse ergriff sie; sie stürzten, wurden begraben um nie wieder sich zu erheben. »

Dieser ergreifende Bericht beweist wie wenig bei der sicilianischen Landbevölkerung die Einsicht in die den Naturgesetzen innewohnende Nothwendigkeit gereift ist.

Es ist derselbe in seinen Folgen verhängnissvolle Irrthum, der bei Erdbeben die Leute in die Kirchen, treibt, die über ihnen zusammenbrechen, sie unter ihren Trümmern begraben.

In psychologischer Beziehung merkwürdig ist esr dass die Leute zwar die Vorräthe in Sicherheit brachten, dann aber ihre eigene Person dem Verderben aussetzten. Der Glaube an die Protektion der Heiligenr deren fast jeder grössere Ort einen anderen besitzt, war im Anfang weniger gross, steigerte sich aber mit dem Herannahen der Gefahr und erstickte die ruhige Ueberlegung, welche doch zur Sicherung der eigenen Person für alle Fälle gerathen hätte. Es handelte sich um ein Hauptbesitzthum, das Haus, dies durfte und konnte der Ortsheilige nicht zu Grunde gehen lassen. Es handelte sich ferner um die heimatliche Scholle, für die der Aetnaanwohner dasselbe tiefe Gefühl der Anhänglichkeit besitzt, wie der Alpenbewohner der den von Felsstürzen bedrohten Ort nicht verlässt ( vergL Felsberg bei Chur ).

Es liesse sich noch Manches anführen zum Beweis-wie weit die Volksbildung in vielen Theilen Italiens noch zurück ist, wie tief dort die Kluft ist zwischen dem Gebildeten und dem gemeinen Mann. Passirte es doch dem Schreiber dieser Zeilen auf der Insel Ischia, dass abergläubische Bauern ihn festhalten, ja todtschlagen wollten, weil sie glaubten er führe in seinem geologischen Tornister Cholerapulver « polvere della maladia » zur Bruimenvergiftung mit sich.

Es ist die ethische Aufgabe der Naturwissenschaften, solche irrige Vorstellungen zu zerstören. Selbst die Schrecken, die ein Vulkan um sich her verbreitet und die die Phantasie in 's Schrankenlose ausdehnt, werden auf ihr richtiges Mass zurückgeführt, je mehr es gelingt die Gesetze der vulkanischen Thätigkeit, die Vorboten der Ausbrüche u. s. w. kennen zu lernen und richtig zu beurtheilen.

Auch die Geologie hat ihren Antheil an der grossen Mission, den Menschen wahrhaft frei zu machen, indem sie ihn zum bew'ussten Erkennen des grossen Naturganzen und seiner Stellung darin hinleitet..

Anmerkungen.

1 ) Neuerdings haben ebenfalls Auswürfe von Aschen und Steinen auf der Insel Vulcano, deren Krater seit langer Zeit nur schwach rauchte, stattgefunden. Nach gefälligen Mittheilungen des Direktors der Fabrik auf Vulcano begann die erhöhte Thätigkeit am 7. August 1873 zunächst mit stärkerem Ziehen der Fumarolen. Am 8. September fiel auf der ganzen Insel eine weisse Asche. Bis zum 19. Oktober wiederholten sich die Aschenfälle. An diesem Tage erfolgte eine Eruption mit Auswurf von Bomben. Einmal war der Aschenfall so dicht, dass man auf 80 Schritt nichts mehr sah. Die Eruptionen erfolgten rliytmisch. Zuerst beobachtete man während 5—7 Minuten erhöhte Fuma-rolenthätigkeit, sie begann nach einer Pause von Neuem heftiger. Gewöhnlich beim dritten Mal wurden unter Knallen und Hollen Steine ausgeschleudert.

Das Innere des Kraters, sowie der ebene Rand desselben waren mit Steinen ganz übersäet. Sie gefährdeten die Arbeiter, welche aus dem Krater das Material zur Gewinnung von Borsäure, Schwefel und Salmiak heraufholen. Die Umsicht des Direktors, welcher einen andern Weg nach dem Krater anlegen liess, verhinderte ernstliche Unglücksfälle. Noch am 1. November fiel etwas Asche. Die Arbeiter erhalten täglich 1/2—l*f% Fr., wohnen in den Höhlungen eines bei der Fabrik liegenden Felsens und — striken nicht.

2 ) Das am Besten erhaltene Stück ist der im Nordwesten des Gipfels gelegene circa 1200 m lange alte Kraterwall bei P. Lucia der Karte. Die Länge der grossen Axe dieses Jiraters betrug van Südost nach Nordwest 4150 m, die der kleinen Axe 3000 m. Der mehr südlich gelegene, alte Krater des Piano del Lago hatte einen Durchmesser von 2600 m.

3Darunter versteht man Dampf- und Gasaus-strömungen aus vulkanischen Spalten und Löchern. Man bemerkt sie nicht nur an der Wandung, dem Rand und dem Boden des Kraters, wo sie dem Herd der vulkanischen Thätigkeit entstammen, sondern auch auf den noch nicht ganz erkalteten Lavaströmen. Am unteren Theil des Stromes von 1865 beim Monte Arsi bemerkte ich im November 1873 noch an 30 Wasserdampf produzirende Fumarolen. Alle Kraterfumarolen liefern zusammen die grosse Dampfsäule des Vulkans. Das Brausen, Zischen und Pfeifen erinnert an den Lärm einer Maschinenfabrik oder einer Anzahl Lokomotiven, die gleichzeitig ihren Dampf entlassen. Der Ton entsteht durch Reibung des Dampfstroms am Gestein des Fumarolenausgangs.

Nach der Stärke des Dampfstroms, der Richtung der Oeffnung, der Beschaffenheit des Randes und der Mündung ( glatt, eckig, porös u. s. w. ) ist der Ton ein verschiedener. Die Bestandtheil der Fumarolen, ihre chemischen Metamorphosen sind zu manchfaltig, um hier angeführt werden zu können. Besonders häufige Produkte sind " Wasserdampf, Salzsäure und schweflige Säure. An den Rändern der Fumarolen bilden sich oft lebhaft gefärbte Anflüge und Ueberzüge von Sauerstoff- und Chlorverbindungen verschiedener Metalle.

4 ) Es ist in gerader Linie etwa 1700 m lang. Seine Sohle wird von schwarzem, feinkörnigem Basalt gebildet, der beim Wasserfall nach Sartorius Trachytfragmente einschliesst. Ausserdem beobachtet man Dolerit, Trachyt, Tuffe und Conglomerate.

5Fig. XIV zeigt eine eigenthümliche Gewölbebildung, gleichsam ein der Länge nach aufgesprengtes Gewölbe. Der Lavastrom, der es erzeugte, befindet sich auf der Nordseite des Aetna und stammt von der Eruption von 1865. Früher befand sich hier eine tiefe Schlucht « Cola vecchio » genannt. In dieselbe stürzte der abgebildete Lavastrom und füllte sie vollständig aus> wie das Bild zeigt. Der Strom erstarrte bald oberflächlich, aber unter der erstarrten Decke floss noch flüssige Lava weiter. Dadurch entstand ein tunnel-förmiger Hohlraum. Später brach die Decke in denselben herunter. So bildete sich das offene Gewölbe. Der Boden des Tunnels ( 3 ) ist mit den Bruchstücken der zertrümmerten Decke erfüllt. Solche Lavaströme,

Baltzer.

die unter bereits erhärteten Gewölbdecken eine Zeit lang weiter flössen, sind am Aetna ziemlich häufig. Man bemerkt in der Abbildung deutlich zwei Lava- ströme, 1 und 4. Die sichtbare Mächtigkeit des ersteren beträgt circa 40 Fuss. Die Breite des ganzen Stromes mag etwa 240 Fuss ausmachen. Die Höhe des Holzschnitts entspricht in Wirklichkeit einer Höhe

J2ALTIEP ) det.

von circa 350 Fuss. Unten fängt der Strom bereits an sich mit Vegetation zu bedecken. Er setzt abwärts noch weiter fort. Die beiden Flügel des Gewölbes sind mit Lavafragmenten bedeckt, der linke ( 2 ) zeigt unten einen Ueberzug von Schlacken. Seitwärts befindet sich ein kleiner Lavastrom ( 6 ), der vorn eine charakteristische Stirn besitzt, welche gedoppelt ist.

Erhält ein Gebäude den Stoss derselben, so stürzt es ein und die Lava schreitet darüber hinweg.

6 ) Auch die Lava, die dem Krater von 1819, hoch oben östlich der Casa inglese, entsprang, stürzte hier herab.

7 ) Unter dem Rand von Piano del Lago fallen die Schichten dem Trifoglietto zu, weiter unten dagegen vom Trifoglietto ab. Es rührt dies daher, dass hier zwei vulkanische Kegel zum Theil ineinander hinein gebaut sind. Die ersterwähnten Schichten gehören dem Krater des Piano del Lago, die anderen dem Trifogliettokrater an.

8Die Serra delle Concazze ist reich an Gängen, welche links ( westlich ) nach West und N. N. W. weiter rechts nach S. W. und W. S. W. streichen ( vergl. Ansicht VII ). Das Gestein der Gänge ist von hellerer Farbe, wie das der Lava- und Aschenbänke, die von ihnen durchsetzt werden.

9 ) Die Schwefelsäure stammt von der schwefeligen Säure her, aus welcher sie sich in Beisein von Wasser und Luft bildet: SO2 -f PI2 0 -f 0 = H2 SO4.

10 ) Zu Fig. VIII: Mehrere einander parallele circa K N. W. streichende Qänge ragen mehr oder weniger aus dem Nebengestein hervor. Dieses besteht aus festeren Lavabänken c. und lockern Massen c1 a Seitentheil, b Stirn des Ganges.

Zu Fig. IX: Zur Erklärung dieses Ganges ist eine Spalte anzunehmen, die nach oben sich gabelte und dann mit Lava injicirt wurde. Die Höhe des Pfeiles beträgt 50 Fuss.

Zu Fig. X: Befindet sich in einer Seitenschlucht oberhalb unseres Pagliaro, etwas unterhalb der Rocca del Corvo. Die beiden Gänge -vereinigen sich oben, beide sind zwei Fuss mächtig. Die Höhe des abgebildeten Felsens beträgt 70 Fuss. Gang a. streicht N. N. O. und fällt steil in den Berg ein. Er ist geschlängelt, wie es nach Sartoriiis auch an Phonolith-gängen der Rocca sotta la terra vorkommt. Er besitzt eine eigenthümliche Klüftimg, die in Fig. XI dargestellt ist. Durch ein System von Klüftchen ist der Gang in lauter parallelopipedische Stücke getheilt, die häufig deutlich gebogene Flächen zeigen. Die einzelnen Prismen sind oft aneinander verschoben. ( Siehe links unten ).

Nach Injection und tlieilweiser Erhärtung des Ganges müssen noch Bewegungen des Nebengesteins stattgefunden haben, wodurch die Absonderung der Gangmasse und die Verschiebung ihrer einzelnen Theilchen erzeugt wurde. Das Nebengestein ( Fig. XI, c ) ist ein Conglomérat, welches aus fest miteinander verkitteten Brocken älterer Lava besteht.

Fig. XV zeigt ein complicirtes Beispiel von der Serra del Solfizio, unterhalb von unserem Pagliaro, bei dem in 's Trifoglietto vorspringenden Hügel. Zwei Felsmassen sind hier durch eine Schlucht getrennt. Der Felsen rechts ist circa 130, der links 180 Fuss hoch. Beide bestehen aus vulkanischem Conglomérat, welches links deutlich geschichtet ist. Es besteht aus porösen Lavabrocken, von einem röthlichen Cément zusammengehalten. Die Schichten fallen massig in den Berg ein und streichen ungefähr Nordost. Die Gänge Aetna.

sind theils Lagergänge, theils durchsetzen sie das Conglomérat und sind steilgestellt. Bei 1 bemerkt man zwei sich kurze Zeit schleppende Gänge in Form einer Scheere. Ebenso bei 2, nur dass sich die Gänge wieder näheren und so eine Art Schichteinschluss bilden. 3 ist ein oben plötzlich abbrechender Gang, der vielleicht

Trifoglietto.

mit 4 ( wenn gleich nicht sichtbar ) zusammenhängt. Er ist an 100 Fuss hoch und fällt ungefähr nach Nord bis Nordnordwest. Der Gang 7 streicht nach Nordwest. Besonders bemerkenswerth ist der Gang 6. Er ist unten 5 Fuss mächtig, circa 40 Fuss hoch und bildet ein ziemlich complicirtes Gangkreuz.

Die seitlichen Abzweigungen ( 5 ) machen den Eindruck als seien sie von der Hauptspalte her injicirt, also mit dem Hauptgang gleichzeitig. Oben kommen sie auf beiden Seiten vor, unten nur auf der linken und hören nach einiger Zeit auf äusserlich sichtbar zu sein. Im Innern können sie deswegen immer noch fortsetzen. Die horizontalen Bänke können Lagergänge, zum Theil aber auch alte Lavaströme sein, die Unterscheidung ist schwierig. Wenige horizontale Gänge lassen sich äusserlich sichtbar mit Muttergängen in Verbindung bringen, die Mehrzahl scheint sich auszukeilen. ( 8 ) Sie als alte Lavaströme aufzufassen hindert andererseits wieder der Mangel einer Schlackendecke, sowie der Umstand, dass sie näher dem Muttergang häufig breiter sind, entfernter davon sich ausspitzen. Auch die geringe Mächtigkeit spricht dagegen, man müsste denn annehmen diese Ströme seien durch den Druck darauf abgelagerter Massen in noch halbweichem Zustand ausgewalzt und verdruckt worden. Dass die Gänge so vielfach unterbrochen sind rührt auch manchmal von Verschiebungen her; wir haben hier die Wandung des alten Trifogliettokraters vor uns, die häufigen Erschütterungen ausgesetzt war. Nicht alle Lagergänge sind eingezeichnet. Im Vordergrund befindet sich schön ausgebildete basaltische « Fladenlava » ( ohne Leucite ). Die Ver. muthung es möchten die Fladenlaven vorzugsweise Leucitophyre sein, erleidet am Aetna zu viele Ausnahmen, um festgehalten werden zu dürfen.

Zu Fig. XVI. Gänge der Somma ( Vesuv ), in der Gegend des Fusses der Punta Nasone, vom Atrio del Aetna.

Oavallo aus gesehen ( zur Vergleichung ). Die Gänge links sehen eigenthümlich baumstrunkartig oder ähnlich Baumwurzeln aus, rechts stehen sie rippenartig hervor und haben stark entblösste Seiten. Das Nebengestein besteht vorwaltend aus Sommatuff mit einzelnen festeren Leucitlavabänken. 1 ist ein Hauptgang: circa 7 Fuss mächtig, durchsetzt er mehrere andere und hört oben äusserlich auf sichtbar zu sein. Wahrschein-

lich setzen solche Gänge nach einwärts fort wie der Gang 7 und die Gänge in Fig. IX. 2 ist durch 1 verworfen, beide bilden ein Gangkreuz; 2 streicht ungefähr nach Süd und ist in der Mitte eigenthümlich gekrümmt; 2 und 3 vereinigen sich weiter oben und laufen eine Strecke weit nebeneinander hin; bis zu 5 sind sie deutlich getrennt. Sie bilden mit 4 und 5 ein merkwürdiges Gangkreuz. 4 durchsetzt 2, ist also jünger wie 2, dagegen älter wie 3. Das

21 Verhältniss von 6 zu 3 und 2 ist undeutlich.

6 ist ein Stück weit äusserlich nicht sichtbar, setzt aber weiter oben fort. Der Gang 7 verläuft zickzackförmig und streicht ungefähr SSO.

11 ) Das Ganggestein ist häufig Dolerit, auch Trachyt,, Grünstein, Phonolith. Die Schichten der Thalwände und des grossen Aetnakegels sind alte ( vorwiegend basaltische ) Laven, Conglomerate und Tuffe.

Der mächtigste Grünsteingang an der Serra Gianicola ( vergl. Fig. VI ) ist 22 m mächtig. An dieser Serra beobachtet man sehr verschiedene Aetnagesseine,. an der Basis die ältesten ( trachytische Conglomerate ). Die Gänge dieser Serra bestehen aus Grünstein und Dolerit.

12 ) Sartorius unterscheidet ein Grünsteincentrum,. ein Dolerit- und ein Phonolithcentrum, je nach der Art der betreffenden Ganggesteine und der Gangrichtung. Das Grünsteincentrum liegt im Trifoglietto innerhalb der Lava von 1792, die anderen weiter nordwestlich. Das Phonolithcentrum ist älter als das Doleritcentrum. Die 3 Centren liegen in einer geraden Linie, welche Nord 36° 48'W .verläuft. Ausnahmen von der theoretisch zu erwartenden Gangrichtung kommen vor, da die Spaltung, der Ungleichartigkeit der Gesteine halber, nicht geradlinig .erfolgte. Kurze und entfernt liegende Gangstücke oder Spalten darf man für die Bestimmung der Centren nicht benutzen. Diese Centren waren früher gewiss auch äusserlich an der Oberfläche des Berges sichtbar, sind aber nun durch fortgesetzte Aschenauswürfe und Lavaströme unkenntlich gemacht.

13Die Begrenzung des alten Trifogliettokraters ist ungefähr durch die Serra Solfizio, die unteren Gehänge der Serra Gianicola, Monte Calanna und Rocca Musarra gegeben.

14 ) Dolerite und Basalte bilden an den Cyclopen-inseln, östlich des Aetna, das Liegende eines tertiären Thoiies mit Petrefakten. Sie senden viele Gänge in den Thon hinein, der von ihnen gehoben wurde. Ihre Hebung ist also nach Ablagerung des Thones erfolgt, fällt aber noch vor die Bildung der ältesten Laven. In ihrer Masse und auf den Kluftflächen enthalten sie schöne Analcime.

Dass der Aetna zeit- und theilweise zur Tertiärzeit vom Meer umgeben war ist gewiss, da wir in seinen Umgebungen in diesen Meeren abgesetzte Schichten finden. Sie enthalten die Fauna derselben. Doch war der Aetna keine vollständige Insel, sondern hing wohl auf der Nordwestseite mit *dem dortigen Sandstein-gebirgskranz zusammen.

IL

Abhandlungen.

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