Was bedeutet für Sie die Bergmalerei?

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W. F. Burger, Kunstmaler ( Rüschlikon, Sektion Uto ).

Diese Frage wurde mir gestellt, doch möchte ich eine Umstellung und Vereinfachung dieser Frage geben, damit aus dem Nachfolgenden gleichzeitig ein allgemeiner Begriff daraus ersichtlich wird. Ich möchte vielmehr fragen: Was ist Bergmalerei?

Es gibt keine ausschliessliche, eindeutige Bergmalerei. Dass Berge viel von Malern als Motiv für ihre Bilder gewählt wurden, geht aus der ganzen geschichtlichen Entwicklung der Kunstgeschichte seit dem Mittelalter hervor. Jedoch wurde nie eine Form der spezifisch reinen Bergmalerei gebildet. Das rein künstlerische Problem, Berge in malerischer Form darzustellen, gehört zur ganzen Landschaftsmalerei.

Man wird erstaunt sein, zu vernehmen, dass die gewaltigsten und markantesten Bergbilder nicht von Alpinisten oder sportlich tüchtigen Bergsteigern geschaffen wurden, sondern von wirklichen Malern im allgemeinen Sinn des ausübenden Künstlers. Nicht das Bergsteigen bewirkt allein die Erfassung und Gestaltung eines Bergmotives, sondern der Maler, dessen Künstlerauge aus dem Reichtum des ganzen Naturbildes sein persönliches Motiv herausholt. Dabei kann naturgemäss die Form und Erscheinung eines schönen Berges für ihn gerade so stark zum Erlebnis werden wie eine prächtige Baumgruppe in der Ebene oder eine charaktervolle Figur, ein Akt oder eine starres Objekt, wie ein Fels oder ein architektonisches Bild. Es ist aber nicht allein sein Motiv, das ihn zwingt, seine Wahl für ein Bild zu treffen, sondern vor allem die Erscheinung des Ganzen, der « Moment », in welchem sein Motiv sich befindet. Das Darstellen von Bergen oder Berg-motiven ist eine absolut künstlerische Angelegenheit und hat nur in dem Masse Beziehung zum Bergsteigen, als der Standort für das Wahlmotiv örtlich sehr unterschiedlich sein kann. Ob der Künstler nun vom sichern Gelände aus sein Bild aufbaut oder aber von einem gefährlicheren Standpunkt, an steilem Hang oder von einem exponierten Grat, hängt ganz von seiner Motivwahl ab.

Genaue Kenntnisse, Erfahrung und Gewandtheit im Bergsteigen sowie die mannigfaltigen Phasen und Erlebnisse auf Bergtouren werden sein Wissen um den Berg bereichern und die gemachten Beobachtungen sein Auge schärfen. Auch Stimmungen und Eindrücke werden für ihn von grösster Bedeutung sein. Doch wird der Maler, der zugleich Bergsteiger ist, sich jedesmal entscheiden müssen zwischen Bergsteigen und künstlerischem Schaffen in dem Falle, wo er ein rein künstlerisches Werk beginnen will. Seine Hingebung zu dem vor ihm liegenden Objekt, das Werk, das er beginnt, verlangt dann gebieterisch seine ganze Konzentration. Alles Sportliche, wenn für ihn noch so verführerisch, muss er beiseite lassen. Die künstlerische Die Alpen — 1942 — Les Alpes.26 Betätigung muss sich ganz frei und ungestört entfalten können, solange er an seiner hohen und schönen Aufgabe arbeitet. Er ist dann mit seinem ganzen Wesen allein der Kunst verpflichtet und widmet sein Schauen und Empfinden, seine Kräfte und sein Können diesem einen Ziel: ein Bild zu schaffen. Nur so kann er dem schwierigen Problem « Berg » entgegentreten.

Der Nicht-Bergsteiger, der als Maler und Landschafter allen Motiven seiner Wahl im Tal oder in den Bergen ohne weitere körperliche Anstrengung begegnet, wird seinen Standpunkt so bequem wie möglich wählen, vorausgesetzt, dass sein ausgewähltes Motiv nach seinem persönlichen Wunsch und Willen gut sichtbar ist. Hodler, den wir gewiss als urwüchsigsten Meister von Bergbildern kennen, hat meines Wissens keine hohen Berge bestiegen. Seine Standorte, von denen er seine Berglandschaften malte, waren meist gut zugängliche Stellen wie z.B. die Ebene am Silvaplaner See, die Schynige Platte, Murren, Breitlauenen, Wengen, Villars s. Ollon, Montana, Signal de Chexbres und viele andere mehr. Immer entstanden wuchtige und persönlich geschaute, formensichere Berggestalten, die sein geniales Künstlerauge so frisch und geistvoll gesehen hat, als ob er sein Leben lang näher mit den Bergen verbunden gewesen wäre.

Giovanni Segantini hat die Berge so sehr als reale Gebilde erfasst, dass viele seiner herrlichen Gemälde ohne diese vor der Natur gemalten Bergformen gar nicht auszudenken wären, so sehr waren sie mitbedingt in den Raum der grossen Kompositionen.

Abschliessend soll damit nur betont werden, dass das Erfassen und Malen von Bergbildern keineswegs eine exklusive — einseitige Veranlagung bedingt. Im Gegenteil — weil eben das Bergbild nur auf Grund des künstlerischen Sehens erfasst werden kann und die Ausführung vom Temperament und Können des Künstlers abhängig ist, gehört die Bergmalerei zum ganzen Gebiet der Landschaftsmalerei.

Das überwältigende Raumgefühl, die aufstrebenden, aufbauenden Formen unserer schönsten und erhabensten Bergtypen, wie auch der Tiefblick in die Täler zwischen hohen, herrlichen Gebirgsformen und nicht zuletzt « das ferne, stille Leuchten » sind Erscheinungen unserer grossen Bergwelt. Sie bilden die Einheit und Zusammengehörigkeit der reichen Aufgabe in der Landschaftsmalerei.

Diese Feststellung macht keinen Abstrich im persönlichen Sehen und Erleben des Bergsteigers, nur widerlegt sie gewissermassen die Auffassung, dass ein « Berg»maier auch zugleich ein « Berg»steiger sein müsse.

Die hohe Aufgabe und das Verlangen, der Alpenmalerei neue Schöpfungen zuzuführen, können nur in rein künstlerischer Absicht gelöst werden, die nicht vom eigentlichen Bergsteigen abhängig ist.

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