Weisshorn, Schalligrat-Nordgrat

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Schalligrat-Nordgrat

Von Margaret Wunsch

Schalligrat-Nordgrat Mit 1 Bild ( 129Basel ) Viele erstklassige Bergsteiger träumen jahrelang vom Schalligrat, und mir ward er einfach geschenkt. Das ist eben mein grosses Glück, dass mir in den Bergen alles auf so wunderbare Weise geschenkt wird. Ich verdanke einem gütigen Geschick die besten Kameraden und Bergführer: Alexander Taugwalder und Theodor Perren. Sie nehmen mich mit, wie könnte ich anders, als ihnen folgen. Unbedingtes Vertrauen und tiefe Liebe zu den Bergen machen mir grösste Fahrten zum glücklichen Erleben. Diesmal ist es Theodor, der mir vom Schalligrat-Nordgrat spricht. Er kennt meine Liebe zum Weisshorn und weiss, dass ich ihm folge, auf welchen Gipfel er mich führt.

So fahren wir denn bei strahlendem Wetter nach Randa und steigen durch den Arvenwald zur Höhe. Ein Weglein führt hinauf, das uns alles Glück und alle Schönheit ahnen lässt. Folgt ihm, und alles Dunkel bleibt weit zurück, frei und froh werdet ihr ein enges, steiles Tal durchqueren. Hohe Halme fliessen in weichen Wellen, in schlanken Zweigen flüstert der Wind. In wilder Romantik öffnet sich eine kleine Felsenschlucht. An niedern Ställen ziehen wir vorbei. Die Alp ist verlassen, denn schon ist es September.

Und schon stehen wir vor der Hütte. Sie gehört uns ganz allein. Still ist der Abend. Lange stehe ich noch auf der kleinen Treppe vor der Tür. Schon ruht das Tal im Dunkel. Dom und Täschhorn stehen wie leuchtende Flammen im Himmel, über Monte Rosa und Lyskamm giesst die Sonne roten Schein und schenkt uns scheidend das grosse, stille Leuchten. Nach einer drückenden Nacht voll unruhiger Träume fällt mir das Aufstehen ungewohnt schwer. Doch endlich stehen wir tief vermummt vor der Hütte. Zermatter Führer hatten uns bittere Kälte auf der Höhe prophezeit. Ein glänzender Sternenhimmel empfängt uns. Der Vollmond versilbert den Gletscher und macht die Laterne überflüssig. Im schimmernden Licht folgen wir der gewöhnlichen Route zum Weisshorn, wenden uns dann nach links und gewinnen über eine Felsbank die obern Firnfelder des Schalligletschers. Gähnende Spalten verleiten uns allzufrüh zum Einstieg in die Felsen. Einem huschenden Schatten gleich bewegt sich Theo in der dunklen Wand. Der Fels ist brüchig und der Einstieg äusserst steil und heikel. Die Wand liegt im Mondschatten, Tritte und Griffe müssen ertastet werden. Aus- brechende Blöcke zwingen uns zum Rückzug auf den Gletscher. Glasklar glitzert das Eis im Mondlicht, tiefe Spalten durchziehen die silbern schimmernde Fläche mit einem Netz dunkler Schatten. Theo findet auf wunderbare Weise einen gekrümmten Weg durch das Spaltenlabyrinth.

Noch liegt die Wand in tiefem Dunkel, als wir durch verwitterten Fels zum Grate steigen. Immer wieder tönt das unheimliche Geräusch sich lösender Steine. Das ist wohl das gefährliche Couloir, das Theos Vater so Kummer macht? Mir ist es so eigentümlich schwer. Ich komme kaum vom Fleck. Theodor mahnt zur Eile, und mir graut vor der Tour. Nach links haltend steigen wir behutsam, wie Katzen, durch die Wand und gewinnen so den Grat knapp über dem Schallijoch vor einem grossen, plattigen Aufschwung. Hier setzen wir uns im Dämmerlicht zur ersten Rast. Soll ich Theodor klagen? Nein, hier gibt es kein Zurück. Wir müssen über den Schalligrat.

Bald packen wir den Grat und stehen im Nu auf dem ersten Aufschwung. Der Fels ist fest, es geht fast von selbst. Hei, wie wird mir wohl! So stürmen wir eine Zeitlang hinauf. Plötzlich wendet sich Theo. Er lacht: « Bald ist das Zeitmanko ausgeglichen, der Nordgrat ist uns sicher. » Auch ihm hat der Morgen etwas Kummer gemacht.

Im sichern, griffigen Fels folgt ein Gendarm dem andern. Herrlich ist der durchwärmte Stein, von der prophezeiten Kälte spüren wir nichts. Wir klettern unaufhörlich und fröhlich. Ein herrlicher Grat. Türme und Zacken, Aufschwünge und Scharten in stetem Wechsel, meist schwierig, doch nie über die Grenze des für mich Möglichen. Leicht wie ein Vogel komme ich mir vor, der da frei und glücklich über den Bergen schwebt. Mitten durch den strahlenden Morgen überklettern wir die Reihe der berühmten Gendarmen, passieren die Mündung des grossen Couloirs und erklimmen den hohen roten Turm am Beginne des letzten Gratdrittels. In zunehmender Steilheit hilft mir Theo beim Ansturm auf die letzten Gendarmen.

Plötzlich stehen wir oben. Der Gipfel dehnt sich weit, sich in drei Schneegrate teilend.

Welches Glück schenken die Berge! Ihr helles Licht begleitet mich durchs Leben und füllt manche Stunde des Alltags mit froher Erinnerung. Wer kennt nicht den fast überirdischen Zauber der Gipfel?

Heute ist das Weisshorn uns allein. Tiefe Stille und unbeschreiblicher Glanz hüllt uns ein. Wir reichen uns die Hände und fassen mit strahlendem Blick die leuchtenden Gipfel. Die Grate glitzern, und in den Wänden schimmert das Eis. Der tiefblaue Himmel wird in der Ferne vom Weiss der Berner Alpen begrenzt, und im Süden stechen unzählige Gipfel aus einem lichtüberfluteten Nebelmeer.

Leichter werden die Rucksäcke für den Nordgrat. Gestärkt zur neuen Tat wenden wir uns nach Norden, da fährt mir der Schreck in die Glieder: ein messerscharfer Schneerücken fällt jäh zur Tiefe. Aber Theo hält mich am straffen Seil, tastenden Schrittes sinke ich langsam hinunter. Mit ausgewählter Vorsicht und schneckenhafter Gemütlichkeit stapfe ich zur Tiefe. Ungeduldig packt mich der verwegene Walliser an den Schultern, schwingt sich elegant an mir vorbei und zieht mich im Sturmschritt am kurzen Seil über den schwindelnden Grat. Das gute Beispiel wirkt, bald schreite ich, alle Abgründe verachtend, munter voran. Es ist fast frech, wie wir da über die Kante schweben, die sich einer Hängebrücke gleich vom Gipfel zum grossen Gendarm zieht.

Doch ein Seufzer der Erleichterung schwebt dankbar gen Himmel, als die vorgestreckten Hände sich wahllos um den ersten Griff klammern. In den Felsen wird pulvriger Schnee von einem bissigen Wind Verblasen. Wir müssen an die prophezeite Kälte denken. Eisige Kälte durchzieht mich, als ich vor einem grossen, senkrechten Riss auf Theos Zeichen zum Nachkommen warte. Dann packe ich den Fels und stemme mich mit Hilfe weniger Griffe durch den Spalt, bis ein verklemmter Block energisch Halt gebietet. Lange taste ich nach einem Griff, doch die kurzen Arme sind dem Überhang nicht gewachsen, ich fasse nur ins Leere. « Theo, halten! » - Endlich greife ich erschöpft ins Seil und winde mich mit letzter Kraft über den Block.

Wir folgen noch etwas dem Grat, queren dann rechts in die Wand, wo Theo in der Tiefe einen Haken entdeckt. Bald gewinnen wir wieder die Höhe eines Turmes, gleiten hinunter in eine Scharte und erklimmen wieder einen Aufschwung. Nochmals entdeckt Theo den rettenden Haken.

Dann führt ein schlanker Schneegrat hinunter zum Weisshornjoch. Theo schreitet fest und sicher voraus und führt mich auch in raschem Ansturm aufs Bieshorn... Da setzen wir uns und geniessen noch einmal die unendlich weite Sicht. Die Sonne spendet herrliche Wärme. Ein Traum wird Wirklichkeit werden; aber noch stehen wir mitten drin.

Nun springen wir wie Kinder den welligen Hang hinunter, stemmen in knappen Bogen schwerelos und vergnügt durch den Schnee, sinken dann knöcheltief ein und stehen plötzlich auf dem Turtmanngletscher. Eine gute Spur führt hinüber zur Tracuit-Hütte. Dort sitzen wir um halb 5 Uhr, und Theo spricht etwas von Fendant. Durchpulst von diesem unvergleichlichen Triebstoff stürmen wir über unzählige Kehren nach Zinal, Theo immer 100 Meter voraus, muss er doch durchs nächste Telephon seiner Frau die frohe Botschaft unserer Rückkehr drahten.

Die Portion Kartoffeln in Zinal will nicht batten, der Magen knurrt dumpfe Begleitung zum Marsch durch die Nacht. Sterne funkeln am Himmel, schwarz stehen Baumsilhouetten auf dunkeln Graten. Durch weit geöffnete Tore schreiten wir in der Romantik Reich. Um 10 Uhr erreichen wir Ayer, folgen mit müdem Blick den stürmischen Tänzen der Einheimischen und legen uns so bald als möglich nieder. Bergzauber erfüllt meine Träume.

Durchs vielbesungene Val d' Anniviers fahren wir dann nach Sion und durch das schöne Nicolaital hinauf nach Zermatt. Ich stehe wie immer draussen auf der Plattform, lehne mich bei Randa weit über die Eisenstangen. Mein glänzender Blick gilt einem spitzen weissen Gipfel.

WeisshornDein Zauber folgte mir ins Tal!

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