Wie sich Rätoromanisch und Deutsch in Graubünden mischen

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Von Manfred Szadrowsky.

Zurufe, Ausrufe, Beteuerungen, Flüche, Grüsse gehören zum ohrenfälligsten Sprachgut, ausserdem zum gefühlsbetonten: man gibt dergleichen nicht preis bei Sprachwechsel, nimmt aber jederzeit Neues hinzu.

Jeden Augenblick hört man auch vom Deutschbündner sein magdari im Sinne von « vielleicht, ungefähr, allenfalls »: Das war magdari z'probiere(n )! Da sind magdari zwölf Stuck; magdari jetz, « gerade jetzt ».

Diesem Wort kommt sein behäbiger Lautkörper zustatten, dem ebenso beliebten ma! im Sinne von « aber » seine Kürze samt Klanglichkeit, allen derartigen Wörtern natürlich auch die Häufigkeit: das ischt próppi guet, « das ist fürwahr gut » ( aus dem Rätoromanischen und auch unmittelbar aus dem Italienischen ); próppi häiss isch ietz!, « fürwahr heiss ist 's jetztI » Die Rätoromanen ihrerseits schieben unser schweizerdeutsches halt, das erklärende, begründende, bekräftigende halt, es ist halt doch schö(n ), in ihre Rede: quei ei halt in um perdert, « er sei doch eigentlich ein geschickter Mann ».

Im Sinne von « Obacht! Achtung! aufgepasst! » rufen die Oberländer adatg! Das ist rätoromanisch ad mit deutschem Acht verbunden, dabei die Lautfolge cht durch tg ersetzt. Für « sehr » brauchen sie zun aus deutsch b'sunder ( s ). Sie sagen auch baul-baul, das ist bald-bald.

Ein rätoromanischer Ausruf des Erstaunens, des Zweifels, der Ungeduld lautet sehe tgeil, mit dem Ton auf dem zweiten Wort, und ebenso betonen Walser ihren gleichbedeutenden Ausruf so was !? Man vermutet mit Recht einen Einfluss oder eine Wechselwirkung im Ton.

Die Betonungsverhältnisse ganz im allgemeinen lassen in Graubünden die romanische Einwirkung erkennen. Das Rätoromanische hat Betonung der Endsilben ( die nach Abfall der lateinischen Endungen entstanden sind ). Das Alemannische kennt im allgemeinen einen ziemlich starken Ton auf der Stammsilbe; ihr gegenüber treten die andern Silben zurück. In der Herrschaft aber wird die Stammsilbe nur schwach betont: das beruht auf einer Mischung der beiden Betonungsweisen. Das Deutsche verlangte den Starkton auf der Stammsilbe; die Leute waren aber vom Romanischen her gewohnt, meist die Endsilbe zu betonen. Darum sprachen sie die deutschen Wörter nun so, dass sie wohl die Stammsilbe betonten, die übrigen Silben aber nicht allzu sehr zurücktreten liessen.

Die Klangwirkung entlehnter Wörter kann durch Umformung gesteigert werden, und volksetymologische Umdeutung gesellte sich dazu, so bei einer bündnerischen Bezeichnung des gefleckten Molches: aus inna da quatter pezzas, « Vierpfötler », wird bei Deutschbündnern Gwatterpiezli, Quatter-Peetschi, Quader-Quetschi, Quater-Quetsch, Kwatertatsch, Gwaggä-Peetschi, Wätter-Peetschi; im hintern Prätigau sagen die Alten Wasser-Queegschi, die Jüngern Wasser-Peetschi, und weil Peetschi auch Koseform zu Peter ist, wird in Felsberg schliesslich ein Wasser-Peeterli daraus. Wer sähe diesem unschuldigen Wasser-Peeterli seine romanische Herkunft an!

Bei der Übernahme fremden Sprachgutes tritt unter Umständen Lautersatz ein, so bei den Deutschbündnern für das palatalisierte g der Romanen ( bei diesen lautet es dj ): aus rätoromanisch pagiar, « sühnen », wird ein ver-gröbertes patsche(n ) oder pasche(n ), « Frieden schliessen »; oder jener ungewohnte Laut verliert die palatale Färbung ganz und wird durch k ersetzt: aus rätoromanisch metga wird Mika, « Semmelbrot », aus cauvitg, « Dorfmeister », wird Kawik; oder es tritt konsonantisches i(j ) ein: aus rätoromanisch Gieri, « Georg », wird Järi, aus Gilli, « Julius » wird Juli.

Derselbe Vorgang, die « Entpalatalisierung », ist übrigens auch in den Randgebieten des Rätischen bekannt: in Ems bei Chur sagt man zum Beispiel kiern anstatt tgiern, « Horn »: das ist wiederum deutscher Einfluss auf das Romanische.

Das rätoromanische moullierte l gibt man in Deutschbünden durch einfaches l wieder: rätoromanisch gliet wird zu Littä, « Wasserstein ».

Umgekehrt verfahren die Romanen mit deutschen Lehnwörtern: aus « Linde, Leute » machen sie glienda, glieud und palatalisieren « Gasse, Gast » zu giassa, giast.

Eine Wechselbeziehung macht sich auch im Verfahren bei a und ä geltend. Im Walserdeutschen ertönt oft für romanisches a ( helles a ) das überoffene ä: rätoromanisch parla ( r ) lautet in Obersaxen pärlä, « unaufhörlich schwatzen », rätoromanisch pala(r ) ( engadinisch palér ), « schälen » in Obersaxen palla, « von Spreu befreien », rätoromanisch tschanc lautet dort Tschänk, « unansehnliches Schaf ».

Das Gegenstück zu diesem Lautersatz ist a für ä in Wörtern, die das Rätoromanische aus dem Deutschen entlehnt hat: die Hanfbreche, walserisch Brächa ( mit überoffenem ä ) heisst im Surselvischen braha; wärche(n ), « arbeiten », erscheint als barhar, Chätzer, « Ketzer », als hazzer: romanischer Sprachgewohnheit ist eben der überoffene ä-Laut ganz fremd.

Die Walser also hören im romanischen hellen a ihr überoffenes ä, die Rätoromanen im walserischen ä ein a, die Avner haben solches ä auch in den Lehnwörtern Bäppa und Mämma, « Vater, Mutter ». Sicher beruht auf dieser walserisch-romanischen Wechselbeziehung die Namensform Bandicht, Pandegg, die in Valendas neben Bandicht, « Benedikt », steht; schon im Davoser Spendbuch aus dem 16. Jahrhundert heisst ein Benedicht Gemober auch Benedikt Geruober.

Auch sonst mischt sich in das Entlehnte etwas Einheimisches hinein. In Obersaxen gibt es ein Eigenschaftswort äschper, « munter », aus rätoromanisch asper, « rauh ». Die Bedeutung « roh, barsch, ungeberdig, böse » hat im Prätigau die Zusammensetzung un-äschper; da ist offenbar dem Lehnwort das deutsche verstärkende un- vorgesetzt worden ( wie etwa in un-täppisch, « tölpelhaft », un-gross, « sehr gross » ).

Übernehmen Rätoromanen deutsche Wörter mit der Vorsilbe un- ( in verneinendem Sinne ), dann ersetzen sie sie durch das einheimische mal-: aus un-husli(ch ), « unökonomisch », machen sie mal-husli, aus un-lidig, « ungeduldig, empfindlich », wird malidi, aus un-luschlig, « schmutzig, eklig », malusti, aus unredli(ch ), « unredlich », malrecli. Für « Unglück » sagen sie dis-cletg. Die Vorsilbe uus- wird durch das etwas anklingende s- ( aus lateinisch dis- ) ersetzt: us-nütze(n ) heisst bei den Romanen snizziar, us-narre(n ), « verhöhnen », wird zu snarriar.

Walser sagen: er het-schi(ch ) g'schappet, « er hat sich davongemacht »: da vermischt sich mit rätoromanisch scappér ( oder italienisch scappar ) eine deutsche Wendung wie « sich davonmachen ».

Solche Kreuzungen gestalten auch gelegentlich ein einzelnes Wort um: aus Schtaddal, « Deichsel », und Schkaddal ist durch Kreuzung die Form Kschtaddal entstanden unter Einfluss deutscher Wörter wie G'stell ( Kschtell ).

Entlehnte Zeitwörter erhalten etwa eine verdeutlichende deutsche Vorsilbe: aus rätoromanisch smaccar machen die Obersaxer zer-schmäggä, « zerquetschen » ( nach ganz deutschen Vorbildern wie zer-brächchä, zer-rittä, « zerbrechen » ); aus rätoromanisch muover bilden die Walser er-müüferä, « mucksen » ( nach Fällen wie er-wäikkä, « sich rühren » ), ferner ver-müüferä ( nach Vorbildern wie uer-rodä, das ein verstärktes rodä, « rühren, regen » ist ).

Hüür sind d'Chüa doch grad uus-g'schaneti hei(m)-cho(n ), das heisst abgemagert », sagt man im Prätigau. Darin steckt rätoromanisch schanar ( schinar, schiner ), « enden, verscheiden », mez schind, « heruntergekommen, geschwächt, erschöpft ». Die Prätigauer verstärken das Wort durch vorgesetztes uus- ( nach Vorbildern wie uus-g'hungeret ). Der Infinitiv uus-schane(n ) kommt kaum vor ( auch der erwähnte rätoromanische ist nicht wirklich nachweisbar ). In Vals und im Rheinwald lebt ein Zeitwort schmullje(n ), « zanken, aufbegehren »; im Rätischen gibt es ein Zeitwort smuldir, gesprochen schmuldjir ( aus lateinisch maledicere ). Vom Mittelwort smuldjet ist, wie Planta festgestellt hat, die Entlehnung ausgegangen: aus smuldjet wurde g'schmulljet, und eine Grundform schmullje ( n ) entstand erst nachträglich. Oder die dritte Person der Einzahl wird tonangebend für ein Lehnwort: für « schreien » gibt es ein rätoromanisches Zeitwort scargnir; die dritte Person lautet el sgregna: aus dieser entspringt in deutschem Mund ein Zeitwort schkränjen; man braucht es in Mutten von Burschen, die am Samstag jauchzend und johlend das Dorf durchziehen.

Fremdes Sprachgut wird durch einen heimischen Ausgang besser eingebürgert. Aus dem rätoromanischen sezen haben die Obersaxer Setzei, « Zusenn » gemacht und ihn durch den Ausgang in die deutsche Wortgesell-schaft eingereiht. Uber-Tirner, « Überschwelle an der Türe », zu rätisch turn ( lateinisch tornus ) scheint den deutschen Sachbezeichnungen auf -er angenähert, ebenso Gäscher für einen Teil des Webstuhls, rätisch cassa. Aus rätoromanisch ogna ( Gebäck ) haben die Obersaxer eine Alpspeise Onjis bereitet, offenbar mit Umbildung nach Braatis und dergleichen.

Gegenstücke vom rätischen Boden liessen sich häufen. Aus entlehntem Schniderin machen die Romanen snadrina mit einheimischem Suffix -ina ( das sich in Paaren wie cusrin: cusrina, « Vetter, Base », anbietet ). Oder es hilft zur Einbürgerung einfaches -a: aus Schnittlä, « Obstschnitz », wird Schnettla. Darnach leisten sich die Romontschen sogar ein solches Femininum zum entlehnten Buob: buoba, « Mädchen », neben buob; ein Zeitungs-angebot « Schuhe für Knaben und Mädchen » lautet: calzérs per buobs e buobas.

Nicht nur solche Umbildung ist möglich, sondern auch Neubildung mit bodenständigen Bildungssilben. Zum entlehnten Laana, Loona, « halbwollenes Zeug » ( rätoromanisch mezza launa ), auch « Weiberrock », bildet man im Prätigau mit deutschem Suffix ein Eigenschaftswort laanin; Laanis ist Mischel-tuch ( mezza launa !), d's Laanana « Leintuch ». Zur Spuma, « Braut » ( rätoromanisch spusa ) gesellt man den Spüüsli(n)g, « Bräutigam ». Neben Schlonjä, « Kauharz » ( rätoromanisch schlonja ) stellt der Obersaxer ein Zeitwort schlonjä, « Kauharz oder Tabak kauen », neben zops, « hinkend », ein Zeitwort zoppä, « hinken ».

Der Romane seinerseits bildet zum entlehnten suber, « sauber », ein Abstraktum subradad, « Reinheit, Reinlichkeit », und zum Zeitwort subriar, aus deutsch suubere(n ), süübere(n ), ein Abstraktum subriament, « Reinigung », zum entlehnten stolz das Hauptwort stolzadad, zu redli(ch ) das Hauptwort redliadad, « Redlichkeit », zum sehr früh entlehnten scaf fir, « schaffen », das Hauptwort scaf f iment, « Schöpfung »; Friiheit ersetzt er durch Frietat. Der Ausdruck spanne(n ), « auf ein Mädchen warten », dringt auch in die Sprache der romanischen Jugend ein: Vast tu a far il spannen? oder vast tu a spannar? « gehst du spannen? » und schon ist ein Abstraktum daraus entsprossen: Ruf üda cun quaist spanöz!, « hör auf mit dieser Spannerei ». Zum entlehnten Eigenschaftswort truli ( aus truurig ) bildet er ein Umstandswort truliamein. Ina dunna malnizeivla ist eine verschwenderische ( unnütze ) Hausfrau: der Kern des Wortes ist deutsches -nütz; das un- von unnütz ist durch mal-ersetzt, und der Ausgang ist die echt romanische Bildungssilbe -eivel.

Bilden die Romanen deutsche Zusammensetzungen nach, dann stellen sie die Glieder um: « Türe » heisst esch, « Stube » stiva und « Stubentür » esch-stiva; aus Rossnagel, « Kaulquappe » wird guotta-cavagl; tgau-mogns, « eigensinnig » ist umgestelltes Schlegel-Chopf.

Ein Gegenstück dazu: nach dem Muster der zahllosen romanischen Geschlechtsnamen wie Caluori, Caveng, Cahannes, die mit ca, « Haus », gebildet sind, entstand der Familienname Cahanscha: der wurde verdeutscht zu Hanschenhuus ( in Obersaxen ) mit einer für die deutsche Zusammensetzung unerlässlichen Umstellung.

Der Übergang in die andere Sprache bringt etwa Geschlechtswechsel mit sich. Aus dem männlichen Bogä, « Bogen », ist im Rätoromanischen ein weibliches Wort la boga geworden, aus dem Grabä, « Graben », la graba, natürlich nach den zahlreichen Erbwörtern auf -a. La trost aus männlichem Trost erklärt sich durch das gleichbedeutende consolaziun; il schan ( männlich ) für Schand durch das Geschlecht von turpetg. Wörter wie Gatti ( n)g, Prattig ( Kalender ), Meini(n)g erscheinen im Rätoromanischen mit dem Ausgang -i, gatti, pratti, mein i, und werden männlich, da die einheimischen Bildungen auf -i männlich sind.

Für das rätoromanische amblaz, das männlich ist, haben Walser ein weibliches Wort Amblaaza, « Lederstrick zur Befestigung der Deichsel am Joch »; der Geschlechtswechsel erklärt sich aus dem vorwiegenden Gebrauch der Mehrzahl ( der Strick wird zweifach oder vierfach genommen ): d' Am-blaaze(n ).

Der Artikel wird ( bei Lehngut noch leichter als sonst ) zum Wortkörper gezogen. Eine Art Pflug und die Pflugschar heissen Araader und mit an-gewachsenem romanischem Artikel ( im Schanfigg ) Laraader; die Wagenachse Aschü und mit r aus dem deutschen Artikel der: Raschii.

Die Johannisbeere heisst in Walsermundarten Su f(f)ä. Wie die Bezeichnung entstanden ist, hat vor kurzem Jud gezeigt. Die Walser entlehnten rätoromanisch l' atsova; sie deuteten das als la tsova; in tsu f ä konnte das t als weiblicher Artikel d(ie ) aufgefasst werden: dann erschien Suf ti als Name.

Entlehntes kann auch sonst falsch aufgefasst werden.

Die Wendung im Perfäkt sii(n ), im Perfäkt cho(n ) braucht der Prätigauer für « in Verlegenheit sein, in Verlegenheit geraten ». Sie beruht auf der romanischen lasciar imperfect, « in Verlegenheit lassen »; das Eigenschaftswort imperfect wurde aber als Vorwortverbindung im Perfekt aufgefasst. Das Missverständnis hat zum Übergang in eine andere Wortart geführt.

Gegenstücke sind Chätzer und Narr als Eigenschaftswörter im Surselvischen: ina hazra scala, « eine sehr grosse Treppe », ina mattatscha narra, « ein törichtes Mädchen ». Es gibt eben im Schweizerdeutschen Zusammenhänge, in denen Narr und Chätzer wie Eigenschaftswörter aussehen: man sagt en Narre ( n)-Bueb gerade wie en tumme(r ) Bueb, und es heisst es Chätzers-Loch gerade wie es unmässigs Loch.

Man spannt gleichbedeutende Wortgestalten aus beiden Sprachen zusammen zu gemischten Doppelgespannen, zum Beispiel bei den Rätoromanen für « Eifer » zel e if er, für « Strafen » strofs e caslitgs, für « Streit » span el débat; bei schan e spot, « Schand und Spott » ist nur das e romanisch.

Die Walser im Prätigau brauchen die Fügung liber und loos, « der Verpflichtung los »; zum Beispiel ein Hirte, der ausgehütet hat, ist liber und loos; schi händ-en liber und loos g'gänn. Der Stabreim hält das gemischte Paar einträchtig zusammen wie das ganz einheimische ledig und loos. Es ist beizufügen: liber braucht man im Prätigau nur in diesem einen Sinn: « von Verpflichtung frei »: är het 's libers, « er hat es ( das Gut ) schuldenfrei ». Sicher war es bei Verträgen zwischen Deutschen und Romanen nützlich und notwendig, den wichtigen Begriff in beiden Sprachen auszudrücken: über und loos im Prätigau, liber und frü bei den Rätoromanen des Oberlandes.

Deutsch und Romanisch konnten noch enger verwachsen. G'rad, « eben, soeben », und güst ergaben das in Avers sehr lebendige chatüscht, « gerade, gerade so ». Aus Praadä, « Wiese », dem rätoromanischen prada, und Wis wurde Praadä-Wis. Eine panada, « Brotsuppe », heisst bei Deutschbündnern Panaadä-Suppä.

Man zieht nicht ungern ein bodenständiges Wort wieder zu Ehren, nachdem es den Weg durch fremden Mund gemacht und dort einen ver- lockenderen Klang bekommen hat. Unter den Obersaxer Speisen steht ein Vertéms, ein Fleischgericht, besonders Gemspfeffer, und dieses sonderbare Geköch ist nichts anderes als ein deutsches « Verdampftes », das die Walser von Obersaxen sich aus der romanischen Küche in romanischer Zubereitung, das heisst Lautgestalt, haben auftischen lassen. Der September ist dort denn auch der Vertéms-Maanet oder der Vertémer. Pitsch petsch machchä, « unter Zusammenschlagen der Hände bitten », sagen die Obersaxer den Rätoromanen nach; die selber haben die Wendung der deutschen Zunge abgelauscht. Aus deutschem meinen haben die Romanen sminar gemacht, und von ihnen haben es die Obersaxer zurück entlehnt als schminä, « denken, glauben ». Sie haben auch ein Zeitwort härmeniärä, härmenliärä, « lärmen », eine Ableitung aus surselvisch hermer, das seinerseits nichts anderes als deutsch Chrämer ist.

Über den Weg der Entlehnung kann man sich täuschen! Die Walser-landschaft Obersaxen hat eine Menge rätischer Orts- und Flurnamen, und zu diesen ( oder vormals zu den « etrurischen » ) rechnete man früher auch die schönen Hofnamen Misanengia, Miranigia, Kiranigia. Planta stellt sie aber überzeugend zu den im frühen Mittelalter häufigen Namen auf -iningos,iningas, und damit gesellen sich diese Namen in die vertraute Sippschaft der Ziisliga, « Leute mit dem Familiennamen Zi(n)sli », Tscheurigen Alp, « Alp der Tschöri », also zu einer urdeutschen Namenbildung1 ).

In ganz deutschen, bodenständigen Wörtern und Wendungen kann sich Rätoromanisches verbergen, im deutschen Sprachkörper eine romanische Seele stecken.

Jud hat schöne Beispiele für diese Tatsache ans Licht gezogen. Die Ohreule heisst bei den Deutschbündnern, überhaupt bei den auf altroma-nischem Boden ansässigen Deutschsprachigen — und nur bei diesen — Geissler, weil sie bei den Bündner Romanen caurè, « Ziegenhirt », genannt wird. Die Alemannen haben einfach dem romanischen Wort einen deutschen Mantel umgeschlagen. Nur den bündnerdeutschen Mundarten ist ferner der Ausdruck eigen: d' Alp lade(n ) und entlade(n ): sie ahmen das rätoromanische cargar alp, scargar alp nach. Ein drittes Beispiel: die hauptwörtliche Ausdruckweise der het Chltzel, « dieser hat Kitzel », anstatt der adjektivischen « der ist kitzlig » ( Mutten, Davos ), beruht wahrscheinlich auf einer Nachahmung der rätoromanischen far sguozchas. Ein viertes Beispiel ist das Zeitwort hitze(n ), « Mittagsrast auf einem möglichst zügigen, kühlen Grat der Alp halten » ( vom Vieh ); das ist wahrscheinlich die deutsche Übertragung eines rätoromanischen Ausdrucks, surselvisch caumar, « Mittagsrast halten an einem schattigen Platz » ( aus griechisch-lateinisch cauma, « Hitze » ), vielleicht ein deutschschweizerisches Bedeutungslehnwort aus dem Frankoprovenzalischen aus der Zeit der ersten Fühlungnahme des Alemannischen mit dem Romanischen des Oberwallis ( 8.9. Jahrhundert ).

Ganze Redensarten sind manchmal nichts anderes als ein bisschen verdeutschte Fremdlinge.

Für « Taufzeugen zu gewinnen suchen » sagen Davoser und Prätigauer mit dem Petsch getan, wie die Engadiner ir cul patsch; « aus dem Dienste laufen » drücken Walser durch die Wendung aus: mit der Brokka gaan ( mit dem Milchkübel ): das ist eine bei den Romanen des Oberlandes sehr verbreitete Redensart. Er macht schi(ch ) fürt, va(n ) Loch, « er macht sich aus dem Staube », entspricht der romanischen Wendung as far our da la fora, « sich aus dem Staube machen ». Der Ausdruck das isch-mer breit wie lang, « das ist mir gleichgültig », hat in Graubünden sicher eine Beziehung zur romanischen Stabreimformel lung sco lad. Bi der Spiine(n ) hui(n ) und bim Zapfe(n ) la(n ) gda(n, ) « im kleinen sparen und im grossen geuden », ist einem rätoromanischen ( und italienischen ) Sprichwort nachgebildet: tgnair da spin'e lascher ir da cueun. Ich bin uf däm!, « ich habe diese Ansicht », stammt aus rätoromanisch jeu stun sin quei. Uf-mache(n ) für « testieren, vermachen » entspricht rätoromanisch far si ( im Romanischen ist nach Pult die Wendung ursprünglich ). Deutschbündner sagen en Spiss, en Schine ( n ) faahe(n ) oder nan, « einen Splitter unter die Haut bekommen », weil man im Romanischen clapa(r ), « fangen », braucht.

Me(n ) mues en bitz im Vórtel sün heisst in Avers « man muss ein bisschen Vorräte haben »: im Romanischen sind eben « Vorteil » und « Vorrat » verbunden in der Wendung nus essen danvonz, eigentlich, « wir sind voran ».

In Bündnermundarten ( wie in andern Gebirgsmundarten ) darf man frässen nicht ohne weiteres als grob empfinden: me(n ) mues fürs Frässe(n ) sorge(n ); ässe(n ) und frässe(n ) sind gar nicht scharf getrennt. Da kann Altdeutsches fortleben; es ist aber kaum ohne Belang, dass im Surselvischen ( nicht im Engadin ) nur das eine Wort maglia(r ) von Menschen und Tieren gebraucht wird.

Romanischer Einfluss verursacht allerlei Anwendungen des Zeitworts machen: er hät-ne g'machet uus telefoniere(n ), « er hat ihn veranlasst, hinaus-zutelephonieren »; wenn 's schööni Taga machet, « wenn 's schöne Tage gibt »; wenn 's trochä machet, « wenn 's trockenes Wetter ist »; auch Verwechslungen zwischen machen und tuen: das sett-me(n ) de(n ) Lüäte(n ) chlaar tue(n ), « das sollte man den Leuten klarmachen ».

Gerade Wörter so allgemeinen Sinnes und Gebrauches werden durcheinander geschüttelt, so auch alltägliche Binde-, Umstands-, Beziehungs-, Fürwörter.

Ar ist sövil lang im Dienst g'si(n ); sövil längs ist ds Alphoorä: solcher Gebrauch von sövil im Sinne von « so sehr » wurzelt in altdeutschen Ge-brauchsweisen von vil, ist aber gefördert worden durch rätoromanisch taunta, « soviel », « so gross ».

« Nichts » und « keines » werden vermischt: es nützt ekchäis nüt, « nichts hilft »; däne(n ) ist kchäis z'schlächts, « denen ( den italienischen Mähdern ) ist nichts zu gering » ( zum Stehlen ): die Rätoromanen brauchen eben häufig « nicht », wo man im Deutschen « kein » sagt, zum Beispiel « ich habe nicht ( buca ) Äpfel »; daher rührt Unsicherheit und Verwechslung im Deutschen.

Unter den Bindewörtern hat im Bündnerdeutschen dass um sich gegriffen, zum Beispiel in Fällen, in denen sonst im Schweizerdeutschen wo sich festgesetzt hat im Sinne von « als »: das-i(ch ) do g'hüet hän, « als ich da Hirte war »; auch in der Fügung « soviel ich weiss »: dass i(ch ) weiss, ist das nie g'schee; auch für « bis »: es cha(n ) nid lang goo(n ), dasser chund; für « wenn »: im März, dass der Tak länger chunt. Das Wuchern des Bindewortes dass rührt vom Wuchern des rätoromanischen eia her.

Recht bunt ist das Durcheinander besonders im Bereich der Vorwortfügungen.

Manche Störung ist da einfach der Unsicherheit im Gebrauch der Vorwörter zuzuschreiben, die bei Sprachmischung selbstverständlich ist.

Lehrreicher sind die Fälle offenkundiger, nachweisbarer Übertragung; und solche lassen sich in Menge aufweisen: schi trinke(n ) in dru ( zu dreien ) en Fläsche(n ), schi schloo f en in zwei anstatt « zu zweien »: im Rätoromanischen gilt nur en; i(n ) dem Walter, « bei diesem Wetter »: romanisch en oder cun; är häd-me e(n ) Buech in de(n ) Chopf g'worf fe(n ), « er hat ihm ein Buch an den Kopf geworfen »: romanisch en; a(n)-me Zut häd-me(n ) gar kchäi-mee(r ) Anke(n ), « in einer Zeit hat man gar keine Butter mehr »: romanisch allura; die Frau sagte etwas « beim Eintreten », uf der Tür, wie im Romanischen ( uf der Schwellä mag mit im Spiele sein ); är joolet von alle(n ) Chrefte(n ), « aus allen Kräften », in Avers wie im Romanischen; ich ha(n ) kchäi Wunder vo(n ) der Musik, « ich habe nicht viel Lust nach Musik »; bündnerdeutsch ma(n ) g'hiüi un mit Häue(n ), « man fiele um beim Heuen », mit staa(n ) ii(n)-schlaafe(n ), « stehend einschlafen » entspricht der rätoromanischen Fügung cun sta.

Eine(n ) mit Rueb laa(n ), mit Frid laa(n ), « einen in Ruhe lassen », gilt nicht nur im Bündnerdeutschen, sondern auch im altern Schweizerdeutschen und im Altdeutschen; das entsprechende rätoromanische ( la)schar cun paus kommt sonst in romanischen Sprachen nirgends vor: da ist mit grosser Wahrscheinlichkeit deutscher Einfluss auf das Rätoromanische anzunehmen.

Vieli hat eine Sammlung rätischer Vorwortfügungen, in denen sich deutscher Geist geltend macht: zum Beispiel sin la staziun, « auf dem Bahnhof » anstatt alla staziun; sin Pastgas, « auf Ostern »; er studiert « auf oder an der Universität » drückt man etwa mit sin oder vid aus anstatt all; man bezieht etwas « aus Italien »: ord Italia anstatt dall; gefallen « aus einer Höhe von zehn Metern »: ord in altezza anstatt d' in altezza; « aus diesem Grunde »: ord quest motiv anstatt per quest motiv; er mues lache(n ) ab dem Herr verführt zur romanischen Wendung rir giud il signiur.

Nur bündnerromanisch ist dergleichen möglich und eben unter deutsch-bündnerischem und überhaupt deutschem Einfluss.

Noch ein paar Beispiele für deutsche Seele in romanischem Leib!

Das Zeitwort udir, « hören », hat die Bedeutungen « angehören »und « ziemen » vom deutschen g'hören übernommen: udir ensemen, « zusammengehören ».

Auch bei pudér, « können », haben sich Anwendungen zugesellt, die aus dem Schweizerdeutschen stammen. Wir brauchen mögen unter anderem im Sinne von « können » und « bewältigen »: er mag-ne(n ), « er bewältigt ihn »: darum verwenden Rätoromanen ihr Zeitwort « können », eben pudér, auch

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