Wie sich Rätoromanisch und Deutsch in Graubünden mischen

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Von Manfred Szadrowsky.

Einer der führenden Schweizer Romanisten sagte mir einmal, nirgends sonst gebe es eine so starke gegenseitige Durchdringung zweier Sprachen wie die von Rätoromanisch und Deutsch in Graubünden; viel weniger ausgiebig sei zum Beispiel die Sprachmischung an der deutsch-welschen Grenze im Bernischen und Freiburgischen.

Die Rätoromanen Bündens entbehren eben schon seit vielen Jahrhunderten eines Zusammenhangs mit einem weitern gleichsprachigen « Hinterland »; auch Deutschbündnern fehlt da und dort die Verbindung mit Sprachgenossen. Es besteht kein Zweifel: solche « Isolierung » schwächt die Widerstandskraft gegen Einflüsse von Seiten andersredender Nachbarn und Mitsiedler.

Besonders massgebend für die unvergleichlich fruchtbare Sprachmischung in Bünden ist dies: Fry Rätien war und ist eine staatliche Einheit von einer Tradition und Stärke, wie wir sie an andern Orten nicht finden.

Es ist in Kürze zu sagen, wie sich auf dem Bündnerboden zum alteinheimischen rätoromanischen Volkstum das deutsche gesellt hat.

Schon vom 9. Jahrhundert an brachte die politische und kirchliche Verbindung Rätiens mit dem Deutschen Reich starken deutschen Einfluss von Norden her. Am stärksten wurde er in der Zeit der Feudalherrschaften im 12.14. Jahrhundert: die Feudalherren selbst und ihr Gefolge waren meistens Deutsche. Es gab auch eine ärmere Schicht deutscher Bauern, die sich durch Rodung kleine Güter schufen ( das schliesst man aus Flurnamen ). Vier bis fünf Jahrhunderte lang lebten in der Herrschaft und im Bündner Rheintal nördlich von Chur Romanen und Deutsche nebeneinander und durcheinander. Sprachgeschichtlich ist besonders wichtig, dass keine « Verdrängung » des romanischen Volkstums und der rätoromanischen Sprache durch Deutsche und Deutsch stattfand, sondern eben Vermischung, die freilich im Lauf der Jahrhunderte in diesen Gegenden zum friedlichen Sieg des Deutschtums führte.

Ein andersartiger alemannischer Sprachstrom kam in die höher gelegenen Bündnertäler, die von Romanen nicht oder nur dünn besiedelt waren. Er ist seit dem 13. Jahrhundert im Rheinwald urkundlich nachweisbar, setzte aber schon früher ein, was neue Forschung für das Bündner Oberland bewiesen hat. Die Feudalherren riefen zu kriegerischen Zwecken und für Bergbau-arbeiten deutsche Walliser herein. Wo diese Walser sich niederliessen, im Rheinwald, in Avers, Vals, Obersaxen, Safien, Davos, da hatten sie von Anfang an die Mehrheit und waren die Bevorrechteten: « Die Rechtsgeschichte der freien Walser der Ostschweiz » von Erhard Branger ( 1905 ) und die « Rechtsgeschichte der Landschaft Rheinwald » von Peter Liver ( 1937 ) geben Aufschluss darüber. Freilich haben sie sich dann ausgebreitet an Orte, die schon stark von Romanen besiedelt waren, zum Beispiel Prätigau.

Zu rätoromanischen Einflüssen war und ist auch in den walserischen Berg-;älern Anlass genug durch Nachbarschaft und Verkehr und die häufige Zweisprachigkeit der Leute.

Mancherlei romanische Züge konnten die Walsermundarten schon aus dem Wallis mitbringen; der rätoromanische Einfluss in Graubünden verstärkte dergleichen und fügte Neues hinzu.

Zudem konnten sich verschiedene deutsche Bündnermundarten gegenseitig beeinflussen, zum Beispiel rheintalische und walserische.

Wir richten unser Augenmerk besonders auf rätoromanische Züge der alemannischen Bündnersprachen, daneben auch auf deutsche Züge im Rätoromanischen und werden oft eine Wechselwirkung feststellen können.

Dankbar nenne ich als reiche Quelle das Schweizerische Idiotikon, ferner ein paar Namen, welche die Fachleute ohne weiteres an die Werke und Abhandlungen erinnern werden, die ich als Hilfsmittel, auch zu eigenem Suchen und Sammeln, benutzt habe: Bachmann, Schuchardt, v. Planta, Brandstetter, Jud, Lutta, Bohnenberger, Brun, Meinherz, Hotzenköcherle. Über rätoromanische Angelegenheiten habe ich bei den besten Kennern, v. Planta, Pult, Schorta, Vieli, Rat holen dürfen. Die rätoromanischen Formen sind die des Surselvischen, falls sie nicht genauer bezeichnet sind.

Ein Geschenk der Rätoromanen sind zum Beispiel die von allen rauh-halsigen « Unterländern » bewunderten feinen Laute, die man in Chur und nordwärts für das alemannische ch spricht: nicht Chur, sondern Khur, nicht mache(n ), sondern mahe(n ), e(n ) Khaafi-Khaheli i(n ) der Khuhi. Bachmann hat diesen Tatbestand erklärt durch Lautersatz im Munde der Rätoromanen. Als diese in der Herrschaft und in Chur anfingen, deutsch zu sprechen, ersetzten sie die ungewohnten alemannischen Laute durch ihnen geläufigere. Der Lautersatz vollzog und vollzieht sich natürlich nicht durch ein bewusstes, absichtliches Ersatzschaffen, sondern unbewusst, unabsichtlich durch die « Artikulationsbasis ». Dazu kam freilich ein Nachahmen der romanisch-deutschen Sprechweise durch deutsche Zungen, ein unabsicht-liches und auch absichtliches Nachahmen: Deutschbündner kamen den zum Deutschen übergehenden Rätoromanen entgegen, indem auch sie auf romanische Art aussprachen. Solches Eingehen auf die Sprechweise desjenigen, der die Sprache sich aneignet, auf die Besonderheit seiner Aussprache, lässt sich ja immer wieder beobachten. Und besonders ist zu sagen: der Nachwuchs, die Jugend übernimmt die Sprechweise der Umgebung, auch falls die Eltern noch wenig oder gar nicht darauf eingegangen sind.

Ganz entsprechenden Lautersatz hört man denn auch täglich aus dem Munde deutschredender Bündnerromanen, und ähnlicher Ersatz tritt in deutschen Lehnwörtern des Rätoromanischen zutage: aus striiche(n ) wird im Surselvischen strihar mit blossem Hauchlaut. Auch im Anlaut tritt diese Erleichterung ein: aus Chante, « Kanne », Cheigel, « Kegel », Chätzer, « Ketzer », Chasper, « Kaspar » wurde honta, heigl, hazzer. Hasper. Vor Mitlauten schwand auch der Hauchlaut noch ganz: aus den Personennamen Christ und Chlaus wurde Hrist und Rist, Hlaus und Laus, aus Chruog, « Krug », Chriide, « Kreide » entstand ruog, rida. Man kann beobachten, dass Romanen sich den c/i-Laut allmählich aneignen und dann auch falsch anwenden, durch « Überentäusse-rung » der ihnen eigentlich gemässen Sprechart: en cheissa Tak, « ein heisser Tag »; romanische Schüler schreiben etwa Freicheit, Wilchelm.

Bündner sprechen Wörter wie Zanga, Zunga, Finger, Hunger ohne Angleichung des g an den Nasenlaut, dies im Gegensatz zum grössten Teil des Wallis, offenbar unter dem Einfluss des Rätoromanischen, das eben in solcher Lautverbindung zwei deutlich getrennte Laute hat.

Die Herrschäftler und Churer sagen Waagä, « Wagen », laade(n ), « laden », Boodä, Böödä, « Boden, Böden »; die durchgehende Dehnung alter kurzer Selbstlaute in offener Silbe erklärt man ebenfalls durch romanische Einwirkung: die Romanen, gewohnt in offener Silbe Länge zu sprechen, dehnten im Deutschen überall die alten Kürzen in solcher Stellung. Auch bei den Waisern in Mutten ist die Dehnung durchgeführt: baaden, « baden », Eesel, « Esel », Naagel, « Nagel ».

Sprachmischung veranlasst allenthalben Bildung von Zwielauten. Das Rätoromanische zeigt eine sehr starke Neigung dazu, unter seinem Einfluss auch das Walserdeutsche, besonders im spät deutsch gewordenen Schanfigg: dort sagt man sogar schreibe ( n ), gleich, Leisabet, Hous, Höüscher mit Zwielauten für alemannische einfache Längen: schriibe(n ), gliich, Liisabet, Huus, Hüüser.

Die Walsermundarten zeigen auffallende Verstärkungen: Gapla, « Gabel », Naalla, « Nadel », Wakner, « Wagner », räkne(n ), « regnen », Bässma, « Besen », fräffle(n ), « freveln », und ebenso ohrenfällige Schwächungen: de(n ) Hued lüf{e(n ), « den Hut heben », er gäid uuf, « er geht hinauf », de(n ) Rüg aap, « den Rücken hinab ».

Beide Vorgänge weist auch das Rätoromanische auf, auch in Lehnwörtern, zum Beispiel nacla aus Nägeli, « Nelke ». Die Annahme einer Beziehung zwischen Walserisch und Rätoromanisch drängt sich wiederum auf.

Selbstlaute in Vortonsilben werden im Rätoromanischen häufig zu a, so auch im Bündnerdeutschen: en kcharjoose(r ) Tropf, « ein kurioser Tropf », es ischt kchamood, « es ist bequem », auch in ganz neuen Fällen wie Matoor, « Motor ».

Es liessen sich überhaupt neben den regelmässigen Erscheinungen eine Menge nicht so durchdringender Einflüsse aufweisen.

Für en Stupf sagt man in Graubünden fast allenthalben en Schkuff, und das Zeitwort lautet schku ff e ( n ) anstatt stup f e(n ): für pf ist ff eingetreten: das ist der rätische Ersatz der Lautverbindung pf, wie etwa in Farer aus deutsch Pfarer.

Damit sind eine Reihe von Lauterscheinungen erwähnt, bei denen Sprachmischung umgestaltend gewirkt hat. Sie kann aber auch erhaltend wirken oder Altes wieder herstellen.

Romanische Lautung hat die altdeutsche Endung a gestützt in Formen wie ds aalta, « das alte », in Mehrzahlformen wie Steina, Taga. Die volle Endung ist erhalten, weil die Bündner überhaupt den sogenannten « reduzierten Vokal » der Endungen, zum Beispiel auch in Fällen wie dienä, « dienen », folgä, « folgen », durch einen leibhaftigen Vokal ersetzen, der dem a nahesteht und eigentlich den Rätoromanen angehört: aus alemannischem Jumpfere ( mit reduziertem Vokal ), « Jungfrau », Hudere, « Fetzen » wurde bei ihnen giumfra, hudra und bei den Deutschbündnern Jumpfara, Hudera.

Um Erhaltung und Verstärkung altdeutscher Eigenart durch romanischen Einfluss, schon im Wallis und auch in Graubünden, handelt es sich zum Beispiel bei der walserischen Aussprache Jisch, « Eis », böösch, « böse », Füksch, « Füchse », Taksch, « Tages ». Diese Lautgestalt erscheint im ganzen Süd-streifen deutscher Mundarten: romanische Sprechweise hat da die urdeutsche Aussprache des s-Lautes, der mit dem sc/j-Laut verwandt war, bewahrt. Es gibt auch ganze Wortformen, die durch fremden Einfluss erhalten oder eingeführt worden sind, zum Beispiel er war ( im Berner Oberland er was ). Sonst sagt man allenthalben im Schweizerdeutschen: er ist g'sii(n ). In Graubünden hört man mitten unter währschafter Mundart Sätze wie: zu ünscherer Zut war 's nid so! Das war en guete(r ) Ma(nn)l Das war Eine(r )! Eine erhaltene Altertümlichkeit mag das in den Gebirgsmundarten zum Teil sein; in Chur, in der Herrschaft sind aber die Romanen für dieses war verantwortlich: sie haben es wohl aus der deutschen Amtssprache und aus der neuhochdeutschen Schriftsprache übernommen.

Erhaltender und umgestaltender Einfluss betrifft auch den Satzbau.

Ein zur Satzaussage gehörendes Eigenschaftswort stimmt mit dem Beziehungswort überein, weist eine Endung auf: de fr ) Stall ist aalte ( r ), d'Chua ist aalti, ds Huus ist aalts, « der Stall, die Kuh, das Haus ist alt », d' Hüüscher sind aalti, « die Häuser sind alt », dia Chanta sind kein Rappe(n ) wäärda, « diese Kannen sind keinen Rappen wert », d'Chua gäid lammi, « die Kuh geht lahm ».

Da ist altdeutsche Fügungsweise gestützt und erhalten worden durch romanische. Natürlich ist dabei das altdeutsche Mass überschritten worden. Auf der andern Seite zeigt auch das Rätoromanische ein Hinausgehen über das Altherkömmliche, nämlich Unterscheidung einer prädikativen und einer attributiven Form beim männlichen Eigenschaftswort: in um grond, « ein grosser Mann », aber quel um ei grands, « dieser Mann ist gross ». Planta hält das für eine Berührungserscheinung.

Ähnliches ergibt sich bei der germanistisch-romanistischen Abwägung der Tatsachen beim Artikelgebrauch.

Christe(n ) häd g'säid, Peeter ist cho(n ), Urscheli ist daa: so heisst es bei den Davosern, Prätigauern, Schanfiggern ( wie auch in Teilen des Berner Oberlandes ) im Gegensatz zum gesamten süddeutschen Sprachgebrauch und auch dem schweizerdeutschen Ohr zur Verwunderung, also Vornamen ohne Artikel, übrigens auch Familiennamen: Lälg häd g'säid, Ambüel ist cho(n ). Warum gehen ein paar hochalemannische Mundarten diesen eigenen Weg? Genauer: warum sind sie beim altdeutschen Brauch geblieben? Auch da haben die Romanen gewirkt, und auch da haben sie eine Gegenwirkung erfahren: die Rätoromanen herwärts des Albula setzen sozusagen allgemein zu den Vor- und Geschlechtsnamen den Artikel, während das Engadin die Namen ohne Artikel gebraucht.

Ein buntes Gewebe aus Altdeutschem und Nachgeahmtem stellt sich dar, wenn man die Hilfszeitwörter betrachtet, übrigens auch da wieder auf der andern Seite deutscher Einschlag im romanischen Gewebe.

Cho(n ), « kommen » für « werden » teilen die Deutschbündner mit den Wallisern und andern Hochalemannen: dr Hobelbaach ist daa g'machte(r ) cho(n ), « die Hobelbank ist da gemacht worden »; Mir chunt d'Bnkkä nimme puuni, « heuer wird die Brücke nicht mehr gebaut »; ds Gras chunt rüpfs, « das Gras wird reif ». Die Sinnentwicklung « kommen-werden » hat sich schon innerhalb der deutschen Sprache angebahnt; entscheidend war aber für das Durchdringen und Dauern solcher Anwendung von cho(n ) schon im Wallis romanischer Einfluss und in Graubünden rätoromanischer: im Bündner Romanischen wird das Passiv fast ausschliesslich durch Verbindung des Mittelwortes mit dem Hilfszeitwort vegnir, « kommen » gebildet: la casa vegn vendida, « das Haus wird verkauft ».

Bei der Beurteilung der Zusammenhänge ist ein Einfluss des Deutschen, des Walserdeutschen besonders, auf das Rätoromanische sehr zu beachten: das Rätoromanische bildet die Zukunft mit vegnir, « kommen », dies im Gegensatz zu andern romanischen Sprachen ( z.B. Italiener und Franzosen verwenden « haben » ), und zwar, wie Fachleute des Rätoromanischen versichern, nach dem Vorbild der deutschen Hilfszeitwörter chon, werden: jeu vegnel a turnar a casa, « ich werde nach Hause zurückkehren »; el vegn a scriver ina brev, « er wird einen Brief schreiben »; damaun vegnin nus ad ir a spass, « morgen werden wir spazieren gehn ». Es handelt sich also um wechselseitige Einflüsse, wie in vielen andern Erscheinungen.

Übrigens brauchen Rätoromanen etwa, wenn sie deutsch sprechen, werden im Sinne von « kommen ».

Kurzum, es besteht auch hierin in Graubünden ein rechtes Geflecht aus romanischen und deutschen Wort- und Satzgestalten und Vorstellungsweisen.

Eine andere walserische Passivumschreibung bedient sich des Für-worts sich: am Sonntag steht man nicht früh auf, wil-schi(ch ) denn doch gärn em bitz uusruebet, « weil dann doch gern ein bisschen ausgeruht wird »; daa tued-schi(ch ) albig z'lütschel, « da wird jeweils zu wenig getan »; es sötti-schi(ch ) daa emmaal g'höörig ruummen, « da sollte einmal gehörig geräumt werden »; das Holz ischt sunnengeends ( von rechts nach links spiralfaserig, wenn man die rechte Hand an den Stamm legt ), das schindlet-schi(ch ) guet, « das spaltet sich gut in Schindeln, lässt sich gut spalten ». Übergang von medialer und reflexiver Bedeutung zu eigentlich passiver ist nun freilich ein verbreiteter Vorgang, auch in germanischen Sprachen ( besonders im Nordischen ). Aber es ist sicher nicht ohne Belang für die erwähnte Walserfügung, dass gerade im Rätoromanischen an Stelle des Passivums eine reflexive Fügung gebraucht wird: il romontsch seplaida el Grischun, « das Romanische wird in Graubünden gesprochen »; quei plaid sescriva aschia, « dieses Wort wird so geschrieben »; quei tractat selegia sco ina novella, « diese Abhandlung wird wie eine Novelle gelesen, liest sich wie eine Novelle »; ei sedi che ti veglies ir eli'America, « es wird gesagt, dass du nach Amerika gehen wollest ». Darüber hinaus häufen sich im Rätoromanischen Fälle wie sebugnar, « baden », neben transitivem bugnar, « netzen ». Das wird auch bei deutschen Lehnwörtern gehandhabt: senizziar, « Vorteil ziehen aus etwas », wird aus deutschem nützen gebildet, und in Avers und im hintern Prätigau nach romanischem Vorbild er hed-schi(ch ) g'chneuwet, « er ist niedergekniet », tue-di(ch ) chneuwe(n ), « knie nieder ».

Ma(n ) bliibt schlächt, « man befindet sich schlecht », är bliibt nid guet debit, « er steht, stellt sich nicht gut dabei », sagen Walser. Dieses Ausdruckes edienen sich auch Rätoromanen, wenn sie deutsch reden, zum Beispiel Leute am Heinzenberg: i(ch ) blübe guet, « ich befinde mich wohl ( wenn ich im Kuhstall mein Lager habe ) »; am Morge(n ) bliib-i(ch ) besser, « am Morgen ist mir zuträglicher ( wenn ich Milchkaffee anstatt frischer Milch trinke ) »: im Rätoromanischen würde dies mit star ausgedrückt, und dieses Zeitwort hat eben auch die Bedeutung « bleiben ». So kommt denn auch walserisch staan im Sinne von « bleiben, sein » vor, auch schon im altern Schrifttum für « zu Hause bleiben » die Wendung daheimet stan: das entspricht genau dem surselvischen star a casa.

Vertauschungen von « haben » und « sein » in der Perfektumschreibung rühren in Graubünden zum Teil von der Unsicherheit her, die sich bei Deutsch-lernenden geltend machen muss, zum Teil ist das romanische Muster augenscheinlich: doo ist min Vatter noch g'läbt: el ei vivius Bei den Vorwörtern kann wiederum altdeutscher Brauch durch rätischen Einfluss gestützt und erhalten bleiben, zum Beispiel walserisch a(n ) Bett gaa(n ), « zu Bette gehn », a(n ) Bett sii(n ), « zu Bette sein », im Bett gaa(n ), « zu Bette gehn ». In « Die Alpen », 1936, S. 420 ff. ist davon die Rede gewesen und auch von der Verwechslung und Vermengung des « wo » und « wohin »: i(ch ) woon da uuf, « ich wohne da hinauf », ds Schuelhuus ist uf dem Egg oop g'stellt, « das Schulhaus ist auf diesem Egg hinab gestellt »: al sta via Ramosch, « er wohnt in Remüs hinüber ». Bei dieser Vermengung des « Intralokalen » mit dem « Translokalen » nach rätoromanischem Muster zeigt sich deutlich, wie auch die innere Sprachform von fremden Einflüssen heimgesucht wird, das heisst die besondere Art, mit welcher in einer Sprache die Dinge und ihre Verbindungen untereinander erfasst werden, und dass wirklich bleibende Einwirkungen von syntaktischer Art festzustellen sind.

Auch die Wortfolge im Satze lässt romanische Neigungen erkennen: Über de(n ) Vilan ist häre(n ) g'wallet d'Wätter-Bränte(n ), « über den Vilan ist der Wetternebel hergewallt »; er sünderet ab ds Gueta vom Bööse(n ), « er sondert das Gute vom Bösen ab ». Man « will » offenbar die Satzaussage nicht unterbrechen durch einen eingeschobenen Satzgegenstand oder durch eine Ergänzung, auch nicht Satzgegenstand und Aussage durch Bestimmungen: wenn en Stäi(n ) chäämi troulende(r ), « wenn ein Stein rollend den Abhang herunter käme »; är ist chofn ) stibelnde(r ), « er kam wackligen Ganges »; schi hät-mi(ch ) dir-prungen brällendi, « sie hat mich hinübergebracht als laut Weinende ». Es ist schwer zu sagen, ob Einflüsse oder nur Unsicherheiten wirken: Tue nit stupfen ti(ch ), « stich dich nicht »; wo der Buep seh khä hänt, « damals, als sie den Buben bekamen »; schi hat d' Hiischi den bald ne(n ) g'nunn, « sie hat ihnen die Spielsachen bald weggenommen ».

Im Rätoromanischen wird häufiger als sonst in romanischen Sprachen der Satzgegenstand nachgestellt: cun segiattinar on-igl amblido de dar da magler agi utschel, « über dem Zanken haben sie vergessen, dem Vogel zu fressen zu geben »; cun la perschuader è la donna lavada, « nach langem Zureden ist die Frau aufgestanden ». Nach Jud ist dabei das Alemannische mitbeteiligt.

Nicht nur umgestaltend oder erhaltend, sondern sogar schöpferisch kann sich fremder Einfluss am einheimischen Sprachgut betätigen.

In den deutschen Bündnermundarten gibt es eine stattliche Anzahl Wörter mit dem Anlaut Sk- ( gesprochen Schk- ), zunächst Lehnwörter aus dem Rätoromanischen: Sküüse(n ) sind Ausreden, Ausflüchte ( engadinisch s-chüsa ); in Sküssioon gaa(n ) heisst fallieren ( rätoromanisch scussiun ); en Skrogg ist ein Schurke ( rätoromanisch scroc, italienisch scrocco ); Skalpér heisst Meissel, Stemmeisen ( rätoromanisch scalper ).

Ein solches Wort kann aus einem rätoromanischen oder italienischen und einem deutschen Wort gemischt sein: e(n ) Skäna, « lange, dünne Kuh » aus einem italienischen Mundartwort, das dem italienischen schiena, « Rückgrat » entspricht, und deutsch Schine(n ), Schäne(n ), « Unterarm, Unter-schenkelknochen, Holzschiene zu steifen Verbänden », althochdeutsch scina, scena.

In andern Fällen ist der Kern rein deutsch: bündnerdeutsch Ska f f ä, « Schrank » ist aus rätoromanischem scaffa entlehnt, dieses selber aber entlehnt aus althochdeutschem scaf, « Holzgefäss » — entlehnt zu einer Zeit, da altdeutsches sk noch nicht zu seh geworden war, also scaf noch nicht zu Schaf, das heisst vor dem 11./12. Jahrhundert, wie etwa auch rätoromanisch scaffir, scazzi, scella aus althochdeutschem scaf fan, « schaffen », scaz, « Schatz », scella, « Schelle ».

Der Umweg über ein romanisches oder romanisiertes Wort ist aber keineswegs unumgänglich. Im Bündnerdeutschen selber wachsen Formen mit diesem Anlaut Sk aus Wörtern mit Anlaut G heraus. Das geht so zu:

Im Rätoromanischen stehen sehr oft Formen mit anlautendem s- neben solchen ohne s-: scavar neben cavar, « aufgraben », scarpar neben carpar, « zerreissen », sgrischur neben grischur, « schrecken », so auch deutschbündnerisches, ursprünglich rätisches Skil f er neben Gli f er, « kleiner Schneefall, dünne Schneedecke », Skrii f la neben Gru f la, « Preiselbeere ».

Durch solche Entlehnungen aus dem Rätoromanischen und sonstige sprachliche Mischung in zweisprachigen Gebieten hat dieser Anlautwechsel auch ins deutsche Sprachgut übergegriffen und sich da sprachschöpferisch ausgewirkt: zum Beispiel zum Zeitwort gaffen ) im Sinne von « klaffen, offen stehen » hat sich ein skaf fe(n ) mit « prothetischem » s gesellt: es tuet skaffe(n ), « es klafft »; zu gudere(n ), güdere(n ) ein bündnerisches skudere(n ), « eilig, verworren sprechen, aufbegehren » und sküttere(n ), « klatschen » samt Sküttera, « Klatschbase »; zu Gutz, « Schwall, Strahl einer Flüssigkeit » ein bündnerisches Skutz; zu Geifer, « Geifer » ein bündnerisches Skeifer.

Der umgekehrte Vorgang lässt aus Wörtern mit anlautendem sk- Wörter mit anlautendem k oder g wachsen: en Skorrä ist ein Wurzelstumpf, ein knorriges Stück Holz; das Zeitwort skorre(n ) bedeutet « hervor- oder empor- ragen »: was skorret daa uusser? « was ragt da heraus? » Das ist das althochdeutsche Zeitwort scorreen, auf rätischem Boden entlehnt. Nach dem Muster von Paaren mit jenem Anlautwechsel, scavar: cavar, Skiifer: Gufer, wurde zu diesem Zeitwort skorre(n ) eine Nebenform gorre(n ), « emporragen » hinzugebildet, scheinbar ein Fremdling ohne Heimatschein und Bürgerrecht.

Dieses bündnerdeutsche Zeitwort ist also aus altdeutschem Sprachgut entsprossen, ist deutsch gestaltet — verdankt aber sein Dasein einem rätoromanischen Anlautwechsel.

Es entstehen durch Mischung merkwürdige Wortbildungsmittel.

Die Walser haben Verkleinerungs- und Koseformen auf -ti, wie Näbelli, Löffelti, Hügelti, Töbelti, « Nebelchen, Löffelchen, Hügelchen, Töbelchen ». Für dieses -ti findet man keinen Anschluss im Deutschen; romanisch ist es auch nicht. Es ist eine Suffixverbindung aus romanischen und deutschen Bestandteilen. Die Entstehung kann man sich folgendermassen ausmalen:

Romanische Diminutive auf -ett,etta, zum Beispiel Ortsbezeichnungen wie Alpetta, Acletta, Furcletta, wurden von Waisern nicht mehr als Diminutive verstanden und gemeint, darum von ihnen und übrigens auch von Romanen selber aufs neue verkleinert mit dem alemannischen -li ( das zum Beispiel die Emser tatsächlich durchweg auch ihren romanischen Wörtern anhängen ). So entstand zum Beispiel ein Alpétli, mit deutscher Betonung Alpetli, mit Umstellung Alpelti. Da lag dann wiederum eine unmittelbare Beziehung auf Alp nahe: dann mutete -etli,elti als Suffix an und konnte auch bei andern Wörtern seinen Dienst tun: Tannetli, Buebelti, Meitelti, « Tännchen, Büblein, Mägdlein ». Das -etli,elti empfanden Ohr und Herz wohl als recht « typisch » kosend, verzierend, verzierlichend. Aus solchen Wörtern entsprang auf verschiedene Weisen das -ti: es Näbelti, « Nebelchen », es Wälti, « Weilchen ».

Entscheidend, tonangebend, schöpferisch war der Ursprung eines Suf-"ixes -etli durch Verbindung des deutschen -H mit romanischem -ett, vielleicht auch des deutschen -i ( Chatzi, Chappi, « Kätzchen, Käppchen » ) mit romanischem -elett,alett, italienischem -elletto.

In Ems ist « der kleine Bub » il buebétli. Ein paar Beispiele sollen noch zeigen, wie die Rätoromanen in Ems das alemannische -li an romanische Wörter hängen: die Familie Raget hat den Übernamen Ragétli; das Ei heisst il kokli, eine kleine Wiese il prauli, eine kleine Kuh ( besonders zum Spielen ) la vakeli, das Schwein, eigentlich Schweinchen, il tsikeli; das Adverb sulétli jedeutet « allein », murls sulétli, « ganz allein », empâuli, « ein wenig ».

Kose- und Verkleinerungsformen führt man gerne frisches Blut zu, auch fremdes.

Auch Verstärkungen bedürfen immer wieder der Auffrischung.

In Graubünden wird der bare Tüüfel, « der leibhaftige Teufel », verstärkt zum bärentigä Tüüfel, oder es ist einer en bàrénliga Lugner, Lump, Narr, es bàréntigs Chalb. Mit « Ende, vollendet » hat das nichts zu tun. Im Rätoromanischen, auch im Puschlav und im Norditalienischen, werden Eigenschaftswörter mit einer ursprünglich partizipialen Endung -ent,ento verstärkt, zum Beispiel bonento anstatt buonissimo, novento anstatt nuovissimo, im Puschlav nov nouent, « nagelneu », calci caldent, « siedendheiss », in Ems sclarenti, « ganz hell ». Mit solchen Formen ist das -ent ins Bündnerdeutsche gewandert und hier durch angefügtes -ig heimischer und selbständiger geworden. Der Ton widerspricht noch jetzt der gewöhnlichen Betonung deutscher Zusammensetzungen: bàréntig. Nach Mustern wie bàréntig, vìléntigi Maal, « sehr viele Male », verstärkte man auch ein schon verstärktes muus-allei(n ) zu muusentig-allei(n ); anstatt vìléntigi Maal sagte man auch einfach entigi Maal, anstatt chleì(n)éntig auch entig chlei(n ), es entig chleis Meitji, « ein ganz kleines Mädchen », und damit hatte man ein fast oder ganz selbständiges entig im Sinne von « sehr, ganz » — ein bündnerdeutsches Adverb aus einem romanischen Verstärkungssuffix, das auf eine Partizipialbildung zurückgeht. Sicher eine merkwürdige Geschichte! Man möchte mit den Emsern erstaunt ausrufen: Min entigä Läba!

Eine Suffixverbindung aus deutschen und romanischen Bestandteilen, auf rätischem Boden gewachsen, soll noch genannt werden: das Romontsche übernimmt aus dem Deutschen das Wort Bettler, bildet daraus mit einheimischem Suffix -aglia ein bettleraglia, « Bettlerpack », hängt dann die Verbindung -eraglia an entlehntes Schelm und schafft schelmeraglia, « Schelmen-pack ».

Es liegt auf der Hand, dass dergleichen Wortbildungen ihre werbende Kraft und sogar ihren Ursprung zum guten Teil Gefühlswerten danken.

Auf solche stösst man denn auch immer wieder, wenn man die im Bündnerdeutschen geläufigen Lehnwörter aus dem Rätoromanischen mustert.

Freilich sind in vielen Fällen ganz einfach Wörter und Sachen gemeinsam übernommen worden oder bewahrt geblieben, etwa auf den Sachgebieten der Land- und Alpwirtschaft, so Wörter für Pflüge: Felwdanä ( im Schams flianga ), Chriek ( rätoromanisch crie ), oder für Speisen und Speisezeiten: Maränt, « Vesperbrot » ( rätoromanisch marenda ), ds chlii(n ) Martini, « Abendmahlzeit »; Gerichte, etwa Suppen wie Formitins ( rätoromanisch f urmentins ), auch Püllä, « Brei » ( rätoromanisch buglia ).

Vieli hat den starken deutschen Einschlag in den Ausdrücken des Mühlen-betriebes in Romanischbünden gezeigt, der besonders daher rührt, dass die Müllerei in Graubünden seit dem 16. Jahrhundert von zwei Kulturstrassen her, Rhein und Inn, unter alemannischen und bayrischen Einfluss zu stehen kam. Da wimmelt es denn von deutschen Eindringlingen wie riarsteka, « Rührstecken », lauter, « Laufer », spendelstok, « Spindelstock », fluk, « Flugmehl », und Mischgebilden wie truka da frina, « Mehltrog ».

Als Gegenstücke, aber ebenfalls Zeugen der Wechselbeziehungen auf diesem Sach- und Lebensgebiet erscheinen in Walsermundarten rätische Wörter für Getreide- und Mehlarten und Verwandtes: Jutta, « Gerste, Graupe » ( rätoromanisch giutta ), Grischschä, « Kleie » ( rätoromanisch crestga ), Pällä, « Spreu » ( rätoromanisch paglia ).

In der Familie ist nicht selten gemischte Benennung der Angehörigen sachlich begründet genug.

Die Walser in Obersaxen, wo Ehen zwischen Waisern und Rätoromanen häufig sind, brauchen Tat, « Grossvater », und Tatlä, « Grossmutter », ( entlehnt aus rätoromanisch tat und tatto ) nur dann, wenn rätische Grosseltern vorhanden sind und in Gegensatz zu den deutschen gestellt werden sollen: diese heissen Eeni, Aanä, ds Aani. Vater und Mutter sind der Atti und d'Mumma: Ätti deutsch, Mumma rätisch; das deutsche Muatter lebt nur im Sinne von « Gebärmutter ».

Die romanischen Oberländer sagen für Vater bap, für Grossvater tat, für Urgrossvater ur-dt, für Ururgrossvater sf ur-dt — mit seltsamen Mischungen aus Rätisch und Deutsch.

Sachlich begründet ist das Lehnwort auch dann, wenn kein einfaches, eindeutiges Wort vorhanden ist: Fischender heisst bei Waisern kurz und bündig der vorübergehend angestellte Gehilfe des Hirten ( aus rätoromanisch vischander ); Fadûschgel ist altes Gras, das über den Winter stehen geblieben ist ( rätoromanisch vaduscat ).

E(n ) Kaneerä ( aus rätoromanisch canera ) ist ein mutwilliger Lärm, eine Prahlerei, nicht schlechtweg Lärm, sondern eine bestimmte Art, die samt dem Gefühlswert im Deutschen nur schwer, allenfalls durch Umschreibung wiedergegeben werden kann.

Skatlelä ( rätoromanisch scatta ), anstatt Schachtlä, braucht man zum Beispiel in Klosters nur in herabsetzendem Sinne, etwa für eine Blechbüchse, die einer mit den Füssen ummer-spärzt — also kein Luxuslehnwort.

Ausdrücke für Tätigkeiten und Vorgänge, die stark auf Empfindung und Gefühl wirken, besonders solche von lästiger, unangenehmer Art, haften bei zweisprachigen Leuten oder drängen sich anderssprachigen Volksgenossen auf: plunte(n ), « poltern » ( rätoromanisch spluntar ), pitske(n ), « kneifen » ( rätoromanisch pizziar ), persäüe(n ), « massregeln, prügeln » ( engadinisch bersagliar, « angreifen » ), zerschwäkke(n ), « zerquetschen », mit deutscher Vorsilbe aus rätoromanisch smaccar; es gäid in Krüschschä, « es wird zu nichts, wird zu klein » ( rätoromanisch crestga ); z'Malüürä gaa(n ), « zugrunde gehn »: rätoromanisch ir a ( la ) matura, vermischt mit z'Grund gaafn ).

Gefühlsbetont sind auch Wörter wie aléeger, « frisch, munter », pas, « welk, matt »: ds Hau isch passes, d'Chua ischt passni; skars, « knapp, kaum »: wir sind skars mid-em Hau; ferner Wörter für « Eile »: walserisch Preschschä ( rätoromanisch prescha ); für « Wagnis »: das ischt e(n ) groossi Reskä ( rätoromanisch resca ); für « Stichelei »: walserisch Tukkä ( rätoromanisch Lucca ); für « lästiges Drängen »: är häd' tiiret, er welli gaafn ) ( rätoromanisch trer, dritte Person el lila ); für « stossen, zurückstossen »: dä(n ) will-i(ch ) schon ) z'ruck-tschässe(n ) ( rätoromanisch tschessar ); für « hinken »: tschoppe(n ) ( rätoromanisch ir zops ); für « Grimassen »: Tschiirä, das rätoromanische tschera, « Miene », also im Deutschen mit Entwertung; schmänesse(n ), « Grimassen schneiden » ( rätoromanisch smanegiar ).

Verlockend sind natürlich auch Schimpfwörter wie Baldnder, « Schwätzer, Säufer » ( rätoromanisch palander ), Patif, « dummer Kerl » ( engadinisch patüjla, « Scherz, Narrheit », patüfler, « närrisch werden » ). Die Rätoromanen haben dafür den deutschen Lump übernommen, wie denn überhaupt dergleichen Kraftausdrücke sich hüben und drüben beliebt machen, auch herabsetzende, tadelnde Tierbezeichnungen, zum Beispiel bei Waisern Tschänk ( rätoromanisch Ischanc ) für ein schlechtes, unansehnliches Schaf, Matsch für ein Rind oder eine Ziege mit abgeschlagenen Hörnern ( rätoromanisch mut, « abgestumpft » ).

Gerade solche Wörter wie Tschänk, Mutsch, auch schmänesse(n ), « Grimassen schneiden », erfüllen ihren Zweck auch durch den Klang, so auch das ebenfalls aus dem Rätoromanischen entlehnte Tschut, « Schaf », Tschutli, « Lamm ». Ein Lockruf für die Ziegen, bei den Romanen wie auch bei Waisern, ist Sila, Sila! Der Ruf dient zugleich als Hauptwort zur Bezeichnung des Tieres.

Zurufe, Ausrufe, Beteuerungen, Flüche, Grüsse gehören zum ohrenfälligsten Sprachgut, ausserdem zum gefühlsbetonten: man gibt dergleichen nicht preis bei Sprachwechsel, nimmt aber jederzeit Neues hinzu.

Usse gää wer!, « jetzt gehen wir! » sagt der Obersaxer: das ist rätoromanisch ussa, vielleicht vermischt mit altdeutschem unz, « bis » ( im Berner Oberland usse, « unterdessen » ).

Die romanischen Oberländer haben Wohlgefallen gefunden am B'hüet di(ch ) Gott der Deutschbündner und sagen selber auch piatigot, als Gruss auch esses huslis, das heisst sind-ir husli, « seid ihr fleissig », beim Zutrinken printgas, das heisst ich bring-ech's.Schluss folgt. )

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