Wildschneelawinen

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Von E. Hess.

Am 19./20. Februar dieses Jahres fielen im Oberwallis besonders reichliche Schneemengen, wie sie nur ausnahmsweise eintreffen und seit 1918 nicht mehr vorgekommen sind. Der Schneefall begann am Donnerstag, 19. Februar, um 23 Uhr und dauerte ohne Unterbruch bis Freitag, 20. Februar, nach Mitternacht. Es hat also während mindestens 25 Stunden ununterbrochen geschneit, wobei bis 15 cm Schnee pro Stunde gemessen wurden. Bei stündlicher Messung und Addieren der beobachteten Quantitäten erhielt man in Brig die ungeheure Menge von 2,eo m Neuschnee, der durch Setzen auf l,4o m zurückging. Noch bedeutendere Neuschneemengen meldeten das Goms und das .Simplongebiet, während das untere Wallis nur geringe Schneefälle hatte. Auch im Berner Oberland fiel während der gleichen Zeit nicht mehr als 40 cm Neuschnee. Die Zone der grössten Niederschläge erstreckte sich von der Furka ( l,7o m ) bis Visp 1,35 m ), weiter abwärts nahm die Schneemenge allmählich ab, um in Sitten nur noch 25 cm zu betragen. Die Vispertäler zeigten, wie gewohnt, geringere Niederschläge als das Rhonetal. So hatte beispielsweise Zermatt nur 83 cm, Saas-Grund und Almagell nur l,o m Neuschnee. Auch auf der Südseite des Simplon fiel weniger Schnee. In Iselle und Domodossola betrug die Schneehöhe am Samstag, 21. Februar morgens, nur 60 cm. Das Lötschental wies ähnliche Verhältnisse auf wie das Haupttal, Leukerbad dagegen hatte nur 30 cm Schnee, während in Leuk-Stadt 78 cm gemessen wurden. Auch die Seitentäler des Mittelwallis zeigten geringere Mengen als das Oberwallis.

Dass durch diese ausserordentlichen Verhältnisse schwere Störungen im Verkehr eintraten, ist begreiflich. Alle Eisenbahnen des Oberwallis hatten zeitweise den Betrieb eingestellt. Die Schneeräumung im Bahnhof Brig dauerte 7 Tage und 6 Nächte. Zwei Güterzüge waren während dieser Zeit ständig in Betrieb zum Transport des Schnees an die Rhone. Diese Räumungsarbeiten kosteten Fr. 33,000. Die Kantonsstrasse war unterhalb Brig während 17 Tagen für den Motorfahrverkehr gesperrt und volle 8 Tage sogar für Schlitten.

Die Zeitungen meldeten Lawinenverheerungen aus den verschiedensten Gegenden des Oberwallis, wo in normalen Wintern keine Lawinen bekannt sind. Sogar an den untersten Hängen, nahe der Talsohle der Rhone, haben sich Rutsche gebildet, die erheblichen Schaden anrichteten. Dagegen sind viele, regelmässig stürzende und den Bewohnern wohlbekannte Lawinen ausgeblieben.

Die Gebiete zwischen Visp und Mörel, also der Forstkreis Brig, haben am meisten gelitten. Abgesehen von kleinern Rutschungen sind in diesem Kreis innerhalb 10 Stunden, d.h. von Freitag, 20. Februar, 21 Uhr bis Samstag, 21. Februar morgens, 23 grössere Lawinen niedergegangen. Sie zerstörten oder beschädigten 34 Ställe und Scheunen mit Vieh, was einem Schaden von Fr. 100,000 entspricht. Betroffen wurden hauptsächlich die Gemeinden Birgisch, Bister, Eyholz, Glis, Ried-Brig, Thermen, Simplon. Im Goms erlitt VII25 besonders die Gemeinde Grengiols grosse Verheerungen, 28 Ställe und Scheunen wurden zerstört oder beschädigt, deren Wiederaufbau auf Fr. 46,000 geschätzt wurde.

Bevor wir auf die speziellen Verhältnisse des letzten Februar übergehen, mag von Interesse sein, die Schneefälle vom Jahre 1918, die unter ähnlichen Erscheinungen erfolgten, mit den diesjährigen zu vergleichen.

Auf anhaltend milde Witterung des Monats Februar folgten damals in den ersten Tagen März ausserordentliche Schneefälle. Am Samstag, 2. März, morgens setzte Schneefall ein, der bis Sonntagmorgen ohne Unterbruch andauerte. Es wurden pro Stunde bis 20 cm Neuschnee gemessen, und in Brig war in 24 Stunden l,eo m gefallen. Wir haben die damaligen Schneemengen, soweit sie uns bekannt waren, zum Vergleich in die Karte aufgenommen. Die grossen Schneemengen fielen damals auf apern Boden, während dieses Jahr 0,20—l,oo m alter Schnee vorhanden war. Die Schäden, die durch diese ungeheuren Schneemassen verursacht wurden, sind im Oberwallis noch in guter Erinnerung. Die Furkabahn blieb, wie auch dieses Jahr, bei der Nussbaum-brücke stecken, und der letzte Zug auf der Strecke Sitten—Brig musste die Fahrt zwischen Raron und Gampel aufgeben, die Fahrgäste verbrachten die Nacht in den Bahnwagen und im Bahnhof Raron. Auch die Lötschberglinie hatte schwere Störungen. In Brig waren während einiger Zeit sämtliche Zugsverbindungen unterbrochen, und zum Räumen der Bahnlinien musste Militär aufgeboten werden. Zermatt und Saas waren für einige Tage vollständig abgeschlossen. Die Lawinenverheerungen vom Jahre 1918 blieben aber an Bedeutung hinter den diesjährigen zurück. Dagegen waren damals einige Menschenleben zu beklagen.

Es fehlen uns leider genaue Angaben über Schneebeschaffenheit, Entstehung und das Verhalten der Lawinen vom Jahre 1918. Wir konnten nur Anhaltspunkte über die damaligen Schäden erhalten. Nach der Art der Verheerungen zu schliessen, handelte es sich um ähnliche Verhältnisse, wie wir sie im letzten Februar gehabt haben. Es fiel eine grosse Masse leichter, trockener Schnee, der Staublawinen verursachte. Dass es sich um solche Lawinen handelte, zeigt beispielsweise der Bericht über die Reckibachlawine im Binntal, die am 3. März 1918, 18 Uhr, zwischen Kirche und Dorf Binn durchging. Im Briger Anzeiger vom 13. März heisst es darüber:

« Sie kam mit gewaltigem Luftdruck, verschüttete alle Häuser, tapezierte alle Gebäude weiss und stopfte alle Löcher zu. » Nach Aussagen von Einheimischen muss der Schnee vom März 1918 schwerer gewesen sein, als derjenige vom letzten Februar. Daher lässt sich auch erklären, dass damals die Verhältnisse, trotz der grössern Schneemassen weniger extrem und die Schäden geringer waren.

Sehen wir nun, welche Umstände für die Bildung von Schneerutschungen im letzten Februar von besonderer Bedeutung waren.

Die Entstehung der Lawinen ist in erster Linie abhängig von der Masse des gefallenen Schnees, die, wie wir gesehen haben, Ende Februar im Oberwallis ganz beträchtlich war. Eine weitere wichtige Rolle spielte die Beschaffenheit des Schnees.

Das spezifische Gewicht des Neuschnees hängt ab von der Temperatur und den Windverhältnissen. Oberförster Eugster in Brig bestimmte im Oberwallis in mehreren Wintern das spezifische Gewicht für trockenen Schnee während des Fallens zu O,os—0,2. In Brig betrug die Temperatur am 19./20. Februar 0° bis —1° so dass eine normale Dichte, den obigen Zahlen entsprechend, hätte angenommen werden können. Der Schnee zeichnete sich aber durch ausserordentliche Lockerheit aus, es war richtiger « wilder Schnee », der sich fortblasen Hess, von der Schaufel abfloss und beim Durchwaten absolut keinen Widerstand bot. In Brig wurde die Dichtigkeit während des Schneefalles zu 0,02 bestimmt, am Samstag morgen, 21. Februar, nachdem der Schneefall seit etwa 5 Stunden aufgehört hatte, ein gewisses Setzen also schon erfolgt war, zu 0,05. Im Laufe des Vormittags hat die Dichte in Brig infolge der ziemlich hohen Temperatur ( 0° ) rasch zugenommen und betrug am Mittag schon 0,i. Nach dieser Zunahme der Dichte hat die Lawinengefahr abgenommen.

Es handelte sich also um sehr trockenen, leichten Schnee, wie er im allgemeinen nur bei grosser Kälte beobachtet wird. Es muss daher angenommen werden, dass in den obern Luftschichten die Temperatur bedeutend tiefer war als in Brig. Die Höhenstationen meldeten in der Tat an diesen Tagen folgende Temperaturen:

StationenHöheMittwochDonnerstag ùiauonenüber Meerlg Februar 7„,19 Februar 730 Pilatus2068 mhell —12bedeckt6° Gotthard2103 mNebel —11Schneefa119° Jungtraujoch3454 mNebel —22Schneefall —17° Rochers de Naye.. .1980 mhell —12bewölkt9° FreitagSamstagSonntag 20. Februar 73»21. Februar 7322. Februar73o Pilatus Schneefall — 8° bewölkt —4Schnee —10° GotthardSchneefall — 8° bedeckt —5Nebel — 9° .JungfraujochSchneefall —13Schnee —19° Rochers de Naye... bedeckt — 9° bewölkt —6Schnee — 9° Nach den Wetterberichten der schweizerischen meteorologischen Zentralanstalt.

Zu der grossen Kälte in hohen Lagen kam in Brig noch die vollkommene Windstille während des Schneefalles, so dass der Schnee locker auffiel und absolut keine Windpressung erfuhr. Die Kohäsion dieses leichten, zusammenhanglosen Schnees ist äusserst gering und konnte gar nicht gemessen werden1 ).

Das andere Extrem, also sehr hohe Kohäsion, zeigt der windgepresste Schnee mit 375 g Widerstand. Die grosse Kohäsion des windgepressten Schnees zeigt sich beim Abrutschen eines Schneebrettes. Es zerbricht in Stücke, die oft auf lange Strecken, trotz gegenseitigem Anstossen, erhalten bleiben, der « wilde Schnee » dagegen flattert wie Flaum auseinander.

Ein weiteres Moment, das eine nicht geringe Rolle beim Abrutschen des Schnees spielte, war die Beschaffenheit der Unterlage. Der alte Schnee war stark zusammengesintert, glatt und stellenweise sogar gefroren, was das Abrutschen des lockern Neuschnees erleichterte.

Wir haben festgestellt, dass am 19./20. Februar im Oberwallis « wilder Schnee » auf eine glatte Unterlage fiel; zu dem geringen innern Zusammenhang kam noch eine schwache Verbindung mit dem Boden, so dass die denkbar günstigsten Bedingungen für ein Abgleiten vorhanden waren.

Die Wildschneelawinen zeichnen sich, wie Funkhäuser x ) beschrieben hat, durch lautloses Abrutschen der flaumigen Masse aus. Sie gehen nicht mit lautem Knall ab wie Nassschneelawinen. Daher kommt es vor, dass Bewohner eines Hauses eine vorbeigleitende Wildschneelawine nicht merken.

Im Dorfe Birgisch wurden die Bewohner durch die Lawine vom 20. Februar in ihrer Nachtruhe nicht gestört, und man bemerkte den angerichteten Schaden erst am Morgen bei Beginn der Tagesarbeit.

Da die hohe Schneeschicht vom letzten Februar ohne jeden innern Halt war, genügte die kleinste Ursache, z.B. Schneeabfall von Bäumen, um das Abrutschen zu bewirken. Eine begonnene Schneebewegung pflanzte sich unmittelbar auf die hangabwärts liegenden Massen fort, so dass ganze Hänge plötzlich in Bewegung gerieten. Bei Erreichen einer gewissen Geschwindigkeit, über welche wir noch keine Anhaltspunkte besitzen, werden die obersten Schneeschichten durch den der Lawine entgegenwirkenden Luftwiderstand in die Luft gehoben. Und eine Schneewolke, deren Höhe je nach der Geschwindigkeit und Schneemasse variert, drängt die Luft vor sich hin und wirkt beim Auftreffen auf Flächen, wie Häuser, Mauern usw., verheerend. Die Mächtigkeit der gleitenden Schneemassen lässt sich im Wald an den beworfenen Stämmen oder gebrochenen Ästen feststellen.

Der « wilde Schnee » ist ein recht unangenehmer Geselle, der sich nicht an gewohnte Abbruchstellen und Lawinenzüge hält, sondern überall abrutschen kann. Gerade die letzten Vorkommnisse im Oberwallis haben gezeigt, dass in lückigen Waldungen oder auf bestockten Weiden solche Wildschneelawinen losgehen können und, einmal in Bewegung, auch normale, dichte Bestände durchqueren.

Der durch die Bewegung des Schnees gebildete Luftdruck spielt bei diesen Lawinen eine weit grössere Rolle als der Schneedruck selbst. Der « wilde Schnee » bleibt während der Bewegung locker und dringt in die kleinsten Fugen ein.

In Breitenmatt, zwischen Herbriggen und Randa, im Zermattertal, wurden die Häuser von einer Wildschneelawine einige hundert Meter ausserhalb des eigentlichen Lawinenkegels mit Schnee bespritzt und die Bewohner spürten den Schnee in den Stuben.

Stellen sich einer Wildschneelawine keine Hindernisse in den Weg und ist der Hang steil, so dass die Geschwindigkeit gross wird, so kann es vorkommen, dass der leichte Schnee vollständig in die Luft gehoben und in frei-schwebende Schneewolken aufgelöst wird. Wie ein Wasserstrahl in der Luft sich auflöst, kann auch eine Wildschneelawine zerstäuben und sich langsam auf grosser Fläche als feiner Schneefall ablagern. Diese Lawinen zeigen sich als lange Streifen in der Richtung des grössten Gefälles, die plötzlich im Hang aufhören. In den grossen Lawinengebieten des Goms und in Kuhberg-Schwei-fenen in Zermatt konnten diese Streifen Ende Februar beobachtet werden. Wie schon bemerkt, sind Ende Februar im Wallis die gefürchteten, grossen Lawinen nicht gekommen, und die Untersuchungen haben ergeben, dass sie grösstenteils als solche Schneewolken, ohne Schaden anzurichten, zur Ausbildung kamen. So war beispielsweise am 20. Februar der Westteil des Dorfes Obergestelen, der schon öfters von Lawinen vom Obergestelengalen heimgesucht wurde, wegen Gefahr geräumt worden. Es ist aber keine Lawine heruntergekommen, und die Leute haben ausgesagt: « die Lawinen sind in die Luft geflogen und zerstoben, ohne auf den Talgrund zu gelangen ».

Sprecherx ) beschreibt solche in Wolken aufgehende Staublawinen vom Calanda, Funkhäuser erwähnt einen ähnlichen Fall vom Rautispitz.

Während Feuchtschneelawinen durch den gegenseitigen Druck des Schnees zu kompakten Massen von einem spezifischen Gewicht von 0,4—0,8 gepresst werden, behält der « wilde Schnee » eine grosse Lockerheit bei. Der feine Staubschnee wird abgelagert, und man spricht ihn kaum als Lawinenschnee an, wenn nicht herumliegende, gebrochene Äste oder zerstörte Hütten ihn als solchen kennzeichnen würden. Messungen ergaben ein spezifisches Gewicht von 0,i—0,3, was der Dichte eines gewöhnlichen, pulverigen Neuschnees entspricht.

Da sich dieses Jahr Gelegenheit bot, solche Lawinen zu studieren, mögen hier einige typische Beispiele mit den charakteristischen Merkmalen und Terrainprofilen folgen.

Lawine in Gstipf bei Glis ( Brig ). Am Samstag, 21. Februar 1931, 4 Uhr morgens, löste sich in einem lichten Föhrenwald bei 1200 m Meereshöhe am Nordhang des Glishorns eine Wildschneelawine, sauste durch den Wald hinunter gegen den Weiler Gstipf und zerstörte 5 Ställe und Scheunen. Ein Wohnhaus wurde stark beschädigt, doch kamen die Bewohner mit leichten Verletzungen davon. Die Jahrzahl 1760 eines Stalles weist darauf hin, dass wir es hier mit keinem gewohnten Lawinenzug zu tun haben, und die Häuser von Gstipf galten denn auch bis dahin als vollständig lawinensicher.

Wahrscheinlich ist von den Felsen Schnee abgefallen, welcher die unten liegenden Massen ins Rutschen brachte.

Aus dem Längenprofil ersehen wir, dass oben ein mit Föhren bewachsener steiler Hang ist, auf den eine weniger steile Partie mit mehreren flachen Böden folgt, dann kommt ein Steilabsturz zum Teil mit Birken bewachsen und eine ebene Fläche, auf der die Häuser von Gstipf stehen. Im Wald lag 10 bis 20 cm harter Altschnee, auf welchen l,4om « wilder Schnee » gefallen war. Die Gebiete unter der Wasserleitung waren vor dem grossen Schneefall stellenweise aper.

Die Föhren, die höchstens 20 cm Durchmesser erreichen, bei einer Baumhöhe von 6—10 m, in Abständen von 4—10 m auseinander stehen, konnten die Schneebewegung nicht beeinflussen. Jungwüchse sind keine vorhanden. Die Bestände sind durch Weidgang, Streuenutzung und Holzfrevel stark herunter- gekommen und haben heute nur noch einen Holzvorrat von 46-49 m3 pro ha, während sie normalerweise 150 m3 aufweisen könnten.

In den obern Partien ist der Schnee dem Boden entlang durch den Wald hindurchgeflossen, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten. Die Bäume sind durch die Schneebewegung auch nicht erschüttert worden, denn sie behielten ihre Schneelast auf den Kronen. Von 850 m an abwärts hob sich ein Teil des Schnees in die Höhe, eine Säule von 4-6 m bildend und nach unten an Mächtigkeit zunehmend. In Gstipf war das über 10 m hohe Wohnhaus Volken ( Detail-skizze, Nr. 7 ) bis oben mit Schnee beworfen, was auf eine Schneesäule von mindestens dieser Höhe hinweist. Der Birkenbestand am Steilhang blieb unberührt, nur am obern Rand wurden 3 bis 4 Stämmchen gebrochen. Durch das Heben des Schnees in dieLuft wurden an den Föhren Äste abgerissen und die Kronen vom darauflagernden Schnee befreit, was sich als scharfe Linie von den obern schneebedeckten Bäumen abhob.

Die Schneeablagerungen hatten eine Breite von 150 m und eine Tiefe von 200 m. Sie wurden aus zum grossen Teil aus der Luft abgelagertem Pulverschnee gebildet, dessen Dichte an derOberf lache 0,i—0,2 betrug. Das spezifische Gewicht des « wilden Schnees » hat also während des Abgleitens um das Vier- bis Fünffache zugenommen ( von 0,02—O,os auf 0,i—0,2 ).

Über die verursachten Schäden gibt der Detailplan Aufschluss, wir brauchen nicht näher darauf einzugehen. Die verschont gebliebenen Häuser Nr. 7 und 8 zeigen die günstige " Wirkung einer Hangrippe. Sie hat die Lawine geteilt und eine schneefreie Insel hervorgerufen.

Es mag von Interesse sein, die Beschädigungen im Haus Zurwerren etwas näher zu betrachten, sie geben uns ein gutes Bild von der " Wirkung der " Wildschneelawinen. Das " Wohnhaus, ein massiver, zweistöckiger Steinbau, hat dem Druck standgehalten, wurde aber stark beschädigt. Die Lawine kam im spitzen Winkel gegen das Haus, wobei die südliche Hausecke als Keil gewirkt hat, zertrümmerte die gedeckte, auf Backsteinen aufgesetzte Vorlaube und das Vordach und schob Mauerstücke, Hölzer und Fenster neben das Haus. Der Schnee drang durch die Türe in die Küche und in den Schlafraum der Eltern. Zugleich trat er durch das Fenster der Westseite ein, füllte die Stube, in welcher zwei Kinder und die Grossmutter schliefen, durchbrach die Bretterwand, welche die beiden Räume trennte, um sich mit dem aus der Küche eindringenden Strom zu vereinigen. Die Eltern wurden im Bett mit Schnee zugedeckt und wären erstickt, wenn nicht das neunjährige Kind aus der Nebenstube herbeigeeilt wäre und durch Wegscharren des gepressten Schnees den Eltern Luft verschafft hätte.

In den Räumen lag l,so—l,eo m Pulverschnee vom spezifischen Gewicht von 0,2. Die 60 cm dicke Mauer der Westseite wurde durch den Anprall gesprengt und zeigt mehrere 1—2 cm breite Risse.

Neben der soeben beschriebenen Lawine von Gstipf ist eine andere im Tiefgraben heruntergekommen, die sich unten an die erste anschloss und zwei Ställe des Weilers beschädigte. An den Hängen westlich Gstipf sind weitere Lawinen an Orten niedergegangen, die bis jetzt als lawinensicher galten. Die Leute glaubten, unter den ausgedehnten Waldungen vollkommen geschützt zu sein. Die Bestände befinden sich aber in schlechtem Zustand und sind zugleich mit vielen Holzschleifen durchzogen, die für das Abrutschen des Schnees besonders günstig waren. Die Katastrophen vom Februar 1931 werden zur Folge haben, dass der Pflege der Waldungen von Glis künftighin mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Lawine von Schratt-Gamsen. Wir wollen nur kurz auf die Lawine von Schratt-Gamsitfabrik zu sprechen kommen, weil sie ein weiteres gutes Beispiel bietet für das unberechenbare Verhalten des « wilden Schnees ».

Die Lawine hat sich am 20. Februar, 24 Uhr, im lichten und felsigen Föhrenwald von Schratt bei 1200 m Meereshöhe gebildet und ist zuerst durch den Schrattgraben und dann durch den Wald direkt auf das Bureau der Gamsitfabrik gestürzt. Auch hier haben sich seit Menschengedenken nie Schneerutsche ereignet.

Die Bewegung am Hang zeigt nichts Neues. Es wurden auch da nur wenige Bäume im untern Teil gebrochen, dagegen bieten die Beschädigungen am Haus einiges Interesse. Der Schnee rutschte über den steilen, unten gut bewaldeten Hang in den Raum zwischen Stützmauer und Haus, sprengte das Schloss der Eingangstüre und ist durch die geöffnete Türe in den Gang eingedrungen. Statt nun dort direkt gegen die Holztüre hinten im Gang vorzugehen, hat er die Backsteinmauer des Bureaus eingedrückt und die südliche Hälfte des Raumes ausgefüllt. Drei schwere Kassenschränke, welche an der Wand aufgestellt waren, wurden in die Mitte des Zimmers geschoben und das Mobiliar durcheinandergeworfen. Die Fenster und Bureautüren wurden nicht beschädigt, sonderbarerweise blieb auch das Oberlicht der Haustüre vollständig intakt.

VII26 Die Lawinen von Ried und Hockmatten in Grengiols ( Goms ). Besonders grosser Schaden wurde in den Weilern Ried und Hockmatten der Gemeinde Grengiols angerichtet. Zwischen dem Riedgraben und dem Teurschleif sind am 21. Februar 2 Uhr morgens mehrere Lawinen niedergegangen. Die Einheimischen behaupten sogar, der ganze Hang sei in Bewegung gewesen und habe eine einzige grosse Lawine gebildet.

Es lag damals l,5om«wilder Schnee»auf 50 cm dicht gelagertem Altschnee. In Ried befindet sich die Anbruchstelle in einer privaten Weide, bei 1450 m Meereshöhe. Die Lawine floss am Boden über die mit Lärchen licht bestockte Waldweide, durchquerte den Gemeindewald von Grengiols, um auf den darunterliegenden Gütern 8 Häuser zu zerstören. Die Anbruchstelle ist kaum 50 m breit, unten dagegen betrug die Breite der Lawine über 100 m. Der Wald der Gemeinde befindet sich in guter Verfassung mit schönen Ver-jüngungsgruppen von Fichten und Lärchen und einem Holzvorrat von 150 m3 bis 200 m3 pro ha. Das Stärkeklassenverhältnis ist folgendes:

Durchmesser 16—26 cm = 2428—38 cm = 2640 cm und mehr = 50 %.

Trotz dieser verhältnismässig guten Bestockung ist die Lawine durchgegangen und hat nur einige Jungwüchse beschädigt und im untern Teil an alten Bäumen Äste abgerissen.

Beim Austritt aus dem Wald wurden auch die Schneemassen auf der Weide mitgerissen, und es hat sich dann auf der relativ kurzen aber steilen Strecke eine grosse Wucht entwickelt. Beim obersten zertrümmerten Stall blieb eine Kirschbaumgruppe von 8 Stück von der Lawine verschont. Die Hütte unterhalb des Anbruchs nahm keinen Schaden, weil sie in den Hang hineingebaut ist und zudem die Kraft des rutschenden Schnees noch gering war. In den obern Gebieten, an den sogenannten Tossinen, ist in stark ausgeholzten Beständen eine Lawine abgebrochen, die aber auf der darunterliegenden, ebenen Weide von Rieschbeggilägni und im dichten Wald zur Ruhe kam.

Ein weiterer Rutsch von geringerer Bedeutung ist westlich der beschriebenen Stelle losgegangen und hat einen Stall zerstört.

In Hockmatten befindet sich der Anbruch in den obern, steilen und stellenweise sehr lückigen Partien des Gartwaldes, auf einer Meereshöhe von 1700 m. Die Bestockung ist sehr mangelhaft und hat stellenweise nur 100 m3 Vorrat pro ha, die hauptsächlich aus alten, stockfaulen Stämmen bestehen, während die Jungwüchse fast vollständig fehlen. Die untern Teile dieses Lärchen-Fichtenwaldes dagegen sind normal geschlossen und weisen einen Holzvorrat von über 200 m3 auf, der wie folgt auf die Stärkeklassen verteilt ist:

Durchmesser 16—26 cm = 1428—38 cm = 2040 cm und mehr = 66 %.

Nach den abgebrochenen Ästen zu schliessen, hatte die Schneesäule beim Eintritt in den untern Gartwald eine Höhe von 5 m. Nach dem Austritt aus demselben wurde auf einer Weide ein Stall zerstört, dann durchquerte die Lawine noch den Rütiwald, um auf dem Plateau von Hockmatten zwei Ställe zu zerstören und drei andere zu beschädigen. Die Schneeablagerungen gehen bis an die Binna hinunter, und auch da zeigen nur die zertrümmerten Scheunen und Ställe und herumliegende Äste die Katastrophe an. Von einer Geröllbildung war nichts zu sehen. Über den obersten Hütten befindet sich auf einer wenig ausgesprochenen Rippe eine Gruppe Ahorne, denen die Lawine nur einige Äste abriss, während eine Hütte zerstört wurde. Die drei untersten Ställe wurden um O,so—3,o m verschoben. Sie waren bis oben mit Schnee bepflastert, so dass angenommen werden muss, dass dort die Lawine eine Mächtigkeit von mindestens 5-6 m hatte.

Aus dem Teurschleif und von den Hängen östlich davon haben ebenfalls Schneerutsche stattgefunden, die Schaden angerichtet haben.

Das Gebiet zwischen Grengiols und Hockmatten wurde auch im Jahre 1918 durch Staublawinen heimgesucht, der Schaden war aber bedeutend geringer als dieses Jahr. Im Jahre 1888 sollen unter ähnlichen Bedingungen Verheerungen angerichtet worden sein. Damals wurde von einer Lawine aus dem Guslenschleif 13 Firsten zerstört. Irgendeine Gesetzmässigkeit zwischen den drei Katastrophen]ahren lässt sich nicht herausfinden.

Es liessen sich noch viele interessante Wildschneelawinen anführen, aber die erwähnten Beobachtungsobjekte mögen genügen, um das Wesen des « wilden Schnees » zu charakterisieren.

Zum Schluss wollen wir noch kurz auf die Massnahmen, die zur Verhütung derartiger Katastrophen getroffen werden sollten, zu sprechen kommen.

Es wurde festgestellt, dass die Schneebewegungen, wo sie in der Zone des Waldes ihren Ursprung hatten, in lückigen, schlecht bewirtschafteten Beständen stattfanden, nirgends in dichten, gut gepflegten Waldungen. « Wilder Schnee » in Bewegung kann aber, wie wir in Ried und Hockmatten gesehen haben, auch von dichtem Gebirgswald nicht immer aufgehalten werden.

Als bester Schutz gegen das Abgleiten des leichten Schnees in den steilen Abrissgebieten ist zweifelsohne ungleichaltriger, gut bewirtschafteter Wald, mit reichlicher Verjüngung anzusehen. Er bietet Gewähr für das Zurückhalten des beweglichen Schnees. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade die Gegenden, deren Waldungen durch jahrhundertelange übermässige Nutzungen und Weidgang stark mitgenommen sind, von den Wildschneelawinen am meisten zu leiden hatten, während das Goms mit seinen vorratsreichen Wäldern, bei grössern Schneemengen, nur geringe Schädigungen aufwies. Als beste Massnahme wäre also in den heimgesuchten Gebieten die Wiederherstellung der übernutzten Waldungen anzustreben. Dies kann durch Aufheben des Weidganges und der Streuenutzung und Förderung der natürlichen Verjüngung oder Auspflanzung der Lücken geschehen. Besondere Aufmerksamkeit wäre den für Rutschungen äusserst gefährlichen Holzschleifen zu widmen. Durch Anlage von geeigneten Wegen für den Holztransport könnten sie verlassen werden und würden sich durch Auftreten von natürlicher Verjüngung allmählich schliessen.

Auch der vielfach noch rücksichtslose und unkontrollierte Bezug von Holz zur Deckung der Bedürfnisse der Alpbewohner sollte eingeschränkt werden, so dass die Waldungen ständig einen guten Holzvorrat aufweisen. Herunter-gewirtschaftete Bestände können sich nicht in wenigen Jahren wieder erholen, es sind Jahrzehnte nötig, um im Gebirge den Vorrat an Holz zu steigern. Wird beispielsweise in einem Gebirgswald Streuenutzung und Weidgang aufgehoben, so dauert es mindestens 10 Jahre, bis sich die günstige Wirkung fühlbar macht. Die Natur arbeitet langsam, aber ihre Erfolge sind sicher und dauerhaft.

Diejenigen Gemeinden, die noch über normal bestockte Waldungen verfügen, sollten sich dieses Reichtums bewusst werden und darüber wachen, dass das ererbte Gut in bestem Zustand an die nächste Generation übergeben wird. Die andern, die die Sünden ihrer Vorfahren zu spüren bekommen und wieder gutmachen müssen, sollten mit aller Energie vorgehen, um ihren Nachkommen die Wälder in besserer Verfassung zu hinterlassen. Gerade die Gebirgsbewohner verkennen noch zu oft die günstige Wirkung der Wälder. Sie werden in vielen Fällen erst durch Schaden klug.

Ein Terrassenverbau hätte in den erwähnten Fällen wohl wenig Erfolg, indem der leichte Schnee an steilen Hängen darüber hinwegfliessen würde. Solche Beispiele sind uns aus dem Wallis bekannt. Der Bau von grossen Mauern wäre zu kostspielig und der Aufwand stände in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Nutzen.

An den steilen, felsigen Hängen der Lötschbergbahn haben sich die Blockwände aus Eisenbahnschienen und Schwellen von 2,oo—4,oo m Höhe zum Zurückhalten des « wilden Schnees » gut bewährt. Sie wurden nur an wenigen Stellen durch hoch oben am Hang abbrechende Lawinen durchschlagen. Für die erwähnten Lawinen kommen aber solche Schutzmassnahmen, weil zu kostspielig, nicht in Frage, und zudem würden die Gemeinden den Unterhalt dieser Werke kaum übernehmen wollen.

Im weitern liessen sich die Schäden ganz erheblich reduzieren durch gewissenhaftes Aussuchen der Bauplätze und geeignete Bauart der Ställe und Scheunen. In Gstipf hat sich gezeigt, welchen günstigen Einfluss eine Terrain-rippe ausüben kann. Auch in Hockmatten hat die geringe Bodenerhebung, auf welcher die Ahorngruppe steht, einen Stall vor Zerstörung bewahrt. Hügel oder grosse Felsblöcke können ebenfalls eine gute Wirkung haben. Man prüfe daher vor dem Bau genau die Gegend und wähle geeignete Baustellen aus. Im weitern können, wo kein natürlicher Schutz vorhanden ist, künstliche Rippen in Form von Steinhaufen oder Spaltecken geschaffen werden. Sie haben sich gegen Wildschneelawinen bewährt. Die Hütte in Hockmatten, die mit Schneespalter versehen ist, wurde nicht beschädigt, trotzdem sie im Bereich der Lawine lag. Auch in Simplondorf blieb ein Stall mit Spaltecke verschont, während der Telephonmast zerstört wurde.

Seitdem in den Einzugsgebieten der Lawinen Arbeiten zum Verhindern des Abgleitens ausgeführt werden, sind wir von den direkten Schutzvorrichtungen, zu Unrecht, abgekommen. Sie haben in gewissen Fällen ihre Berechtigung und kommen zudem bedeutend billiger zu stehen als Werke in den Einzugsgebieten.

Was nun die Bauart anbelangt, so lässt sich auch da vieles verbessern. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die in den Boden eingebauten Ställe von den Wildschneelawinen nicht erfasst werden konnten. In Birgisch wurde beispielsweise eine auf dem Stall errichtete Holzscheune durch eine Lawine vom 20. Februar weggetragen, während der aus Stein erstellte, in den gewachsenen Boden eingesenkte Stall mit dem Vieh verschont blieb. Bei der Anwendung dieses Bautyps muss allerdings darauf geachtet werden, dass der Holzbau nur auf den Stall aufgesetzt wird und nicht mit demselben, durch Einlassen von Balken in das Mauerwerk, verbunden wird. Dieser aus Stein ausgeführte und in den Boden eingegrabene Unterbau hat zudem den Vorteil, Holz zu sparen, was für die meisten Berggemeinden eine wichtige Rolle spielt. Im weitern liesse sich auch durch die besondere Giebelform den Staublawinen weniger Fläche bieten. Im Goms hat sich eine Bauart besonders bewährt und wird dort häufig angewendet.

Wir können das Kapitel des Haus- und Stallbaues im Gebirge hier nicht erschöpfend behandeln, das Studium der Bautypen wäre eine dankbare Aufgabe, die verdient verfolgt zu werden. Pulverhat für den Alpstallbau interessante Beobachtungen geliefert und darauf aufmerksam gemacht, dass für Alpbauten die Wahl des Standortes, die Stellung des Gebäudes zum Terrain und die Konstruktion Hand in Hand miteinander gehen müssen.

Wie es für die Verbauungen von Lawinen im Abrissgebiet keinen allgemein anzuwendenden Typ gibt, so wird man auch verschiedene Bauarten der Hütten im Gebirge anwenden müssen.

Es sollten in den betroffenen Gemeinden Vorschriften für den Wiederaufbau der Hütten aufgestellt werden. Wenn dies nicht geschieht, wird diejenige Bauart gewählt, die den Besitzer am wenigsten kostet. Da die Gemeinden die Verpflichtung haben, das nötige Holz für den Bau zu liefern, werden Holzställe erstellt, gewöhnlich sogar ohne Fundamentsaushub, die früher oder später einer neuen Katstrophe zum Opfer fallen.

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