Winterbegehung (Erste) des Peutereygrates am Mont Blanc

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Zum Andenken an Emil Meier, gestorben 13. August 1950 Brouillardgrat-Mont Blanc Mit 3 Bildern ( 24-26Von ^ Hm ( Wiesendangen ) Geisterhaft fingert der starke Lichtkegel einer Stirnlampe durch das mit Blankeis ausgekleidete Couloir hinauf. Die Eissplitter, die von meiner wild arbeitenden Eisaxt in das Strahlenbündel des Lichtes spritzen, leuchten auf wie Sternschnuppen, ehe sie ins gähnende Dunkel der Eisgasse verschwinden. Enger und steiler wird unser Weg, für Zeit- und Distanzbegriffe haben wir kein Empfinden mehr. Unser Denken ist durch das erstrebte Ziel: « Hinaus zur Biwaktonne », ganz in Anspruch genommen. Beharrlich klebt der Lichtkegel an einem senkrechten, im Lichte schimmernden Eisabbruch, oben von schwachem Mondlicht gesäumt. Das bedeutet die Grathöhe! Mechanisch arbeitet mein vorzüglicher Bhend-Pickelhammer, dann bohrt sich meine Linke tief in den Gratschnee, und mit einem letzten trotzigen Schritt setze ich den Fuss auf den Tour-Ronde-Grat.

Mit einer grimmigen Verwünschung auf den Lippen entsteigen meine beiden Freunde Otto Gerecht und Emil Meier dem dunklen Schlund. Lustlos und die gesamte Bergsteigerei verwünschend, kämpfen wir uns dem tiefverschneiten Grat entlang. Suchend irrt unser Licht am Kamm herum. Es geht gegen Mitternacht; die Säcke drücken ganz bedrohlich, und es will mir scheinen, als ob wir nicht vom Flecke kommen. Dann versperrt uns unvermittelt ein mächtiger Klotz den Weg. Hier ist unser Latein zu Ende, und ich weigere mich, auch nur einen einzigen Schritt weiterzugehen. Vorwärts huscht unser Licht über den Grat hinweg. Etwas hinter uns bleibt es an einem Schneebuckel hängen, dann wird ein schmaler Blechstreifen sichtbar. Verdammt! Beinahe hätten wir auf dem Dach der Biwaktonne übernachtet!

Ein Sonnenstrahl dringt durch die Türlücke in unsere Behausung ein. Wir treten auf die winzige Plattform vor unserer « Schachtel », und, befangen von der urgewaltigen Schönheit dieses Bergwinkels, verharren wir längere Zeit in wortlosem Staunen.

Nach einem Frühstück, das, gemessen an den Umständen, geradezu « fürstlich » zu nennen ist, verlassen mich Otto und Emil, um für den morgigen Tag den besten Zugang zur Aiguille Blanche zu rekognoszieren. Ich, als Zurückgebliebener, lasse mir unsern grossen Plan zum x-tenmal durch den Kopf gehen. Der gestrige Tag war im allgemeinen programmgemäss verlaufen, doch hatte er grosse Anforderungen an uns gestellt, und so sehr ich mich auch anstrenge, gelingt es mir nicht, aus meinen Erinnerungen eine Parallele für etwas Ähnliches zu finden. Wir hatten Praz-de-Fort am Karfreitag um 3.45 Uhr verlassen, den Col de Ferret überschritten und waren bei glühender Hitze Richtung Entrèves gezogen. Dann war der Aufstieg zum Col du Géant gefolgt, und über den Col des Flambeaux hatten wir den hintersten Winkel des Géantgletschers erreicht. Hier liessen wir die Ski zurück. Das Bivacco Fisso an der Fourche de la Brenva hatten wir also nach einem Marsch von gut 30 km und ca. 5000 m Höhendifferenz erreicht.

Lange Stunden sitze ich unter der Türe unserer kleinen Hütte und lasse das gewaltige Bild der Mont-Blanc-Ostseite voll und ganz auf mich einwirken. Nach links zu schliesst der Peutereygrat das überwältigende Bild ab, und mit einer kaum zu überbietenden Prägnanz erheben sich seine scharfen Konturen gegen den blauen Winterhimmel ab.

Die Alpen - 1954 - Les AlpesS Drüben am Col Moore - dem klassischen Eisanstieg zur Brenvaflanke - tauchen zwei Bergsteiger auf. Es sind meine Freunde. Sofort setze ich unsern Primus in Gang, und als die Kameraden hungrig bei mir eintreffen, offeriere ich ihnen eine dicke Suppe, gebratenen Speck und vom köstlichen Nass.

Otti und Emil sind sehr zuversichtlich und guter Stimmung, sie äussern sich lobend über die vorgefundenen Verhältnisse. Gegen Abend verbringen wir eine Stunde damit, die Säcke zu packen, und bis wir damit fertig sind, haben sie wiederum fürchterliches Ausmass angenommen, was uns veranlasst, nochmals von vorne anzufangen. Was übrig bleibt, schnüren wir mit einer Reepschnur in ein solides Bündel - etwa in der Grösse eines Rucksacks - und werfen es, begleitet von wilden Rufen, die 250 m hohe Eiswand auf den Géantgletscher hinunter.

200 m unterhalb unseres Skidepots, genau in unserer Aufstiegsspur, bleibt das Bündel liegen.

Ein unruhig flackerndes Licht weckt mich aus tiefem Schlaf. Als ich genauer hinsehe, gewahre ich Otti, der, am Boden kauernd, den Primus « bearbeitet », welcher nun doch gewisse « Altersbeschwerden » aufzuweisen beginnt. Trotz des zeitweise streikenden Kochers sind wir schnell fertig, und als wir unsern Adlerhorst verlassen, ist es genau 2 Uhr. Dank der guten Stufen von gestern sind wir in erstaunlich kurzer Zeit auf dem Brenvagletscher. Am Bergschrund umgeht Emil vorsichtig die Stelle, an der er gestern einen « Taucher » gemacht hatte. Der Schnee ist beinhart gefroren, und zusammen mit unserm Bundesgenossen Mond, der unsern Weg trefflich beleuchtet, schreiten wir hinüber zum Col Moore. Der jenseitige Hang, hinunter ins westliche Becken des Brenvagletschers, hat uns ob seiner Verhältnisse in die beste Laune versetzt, was zu so früher Stunde nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist! Obwohl der Gletscher stark verschrundet ist, hemmen nirgends grössere Hindernisse unser forsches Tempo. In den grossen Séracs bildet sich ein phantastisches Spiel von Licht und Schatten, und wir gefallen uns darin, unsere eigene Projektion von abenteuerlich verzerrten Formen zu betrachten. Aus dem weissen Mondlicht gelangen wir in den mächtigen Schatten der Aiguille Blanche. An deren östlichem Sockel gibt uns der Gletscher freie Bahn, und wir gelangen auf einen Eisbuckel, von dem wir den nun folgenden Abbruch überblicken können. Ein erstaunter Ausruf von Otto lässt uns halten; er deutet mit dem Pickel auf ein schmales, äusserst steiles Couloir, dessen Ende wir in der Dunkelheit nicht wahrnehmen können. Nach kurzer Beratung erscheint uns diese Rinne geeignet, unsern Abstieg zur alten klassischen Ostroute der Aiguille Blanche 1 um 400 Höhenmeter abzukürzen. Um 4.20 Uhr überschreiten wir den Bergschrund, um in der Rinne Fuss zu fassen. Dieselbe ist mit gutem Hartschnee ausgekleidet, und trotz des enormen Neigungswinkels kommen wir dank der Steigeisen ohne Stufenschlagen aus. In ruhiger, gleichmässiger Gangart kommen wir Seillänge um Seillänge vorwärts. Während ich so an der Spitze vorwärtsstrebe, durchpulst mich eine grosse Zuversicht und Dankbarkeit meinen Seilgefährten gegenüber. All die grossen Fahrten der letzten Jahre tauchen leuchtend vor mir auf, oft ging es hart auf hart, aber immer konnten wir uns zusammen durchringen. Und jetzt stehen wir wieder am Beginn einer neuen grossen Fahrt, die uns wiederum ein unvergessliches Erlebnis bringen wird, und im felsenfesten Vertrauen auf unsere Seilschaft blicke ich frohgemut den kommenden Dingen entgegen.

Unser Couloir verliert sich in steilen, vereisten und verschneiten Felsen. In der Morgendämmerung erblicken wir links ein schmales Schneefeld, das uns, soweit unser Blick reicht, gut und rasch in die Höhe bringen wird. In tiefem Pulverschnee gehen wir hinüber, und bei wachsender Steilheit, die ab und zu eine Stufe erfordert, steigen wir hinaus in den prächtigen 1 Güssfeldt mit Rey, Klucker und Ollin, 14.16. August 1893.

jungen Tag. Freudig stellen wir fest, dass wir uns schon auf der Höhe der Brèche nord der Dames Anglaises befinden. Wir finden den berüchtigten Ruf der Brenvaseite der Aiguille Blanche bestätigt und weichen dem brüchigen Felsen nach Möglichkeit aus. Ein System von Rinnen und Felsen benützend, nähern wir uns langsam der eisschimmernden Kuppe der Blanche. Der Schnee wird nun zusehends härter, und des öftern sehen wir uns genötigt, Stufen zu schlagen. Ein mächtiger, zwischen senkrechten Felsen eingekeilter Eiswulst gibt uns längere Zeit zu schaffen, und sobald wir denselben hinter uns haben, dünkt uns die Temperatur um einige Grade wärmer. Über brüchige, ausgeaperte Felsen klettern wir dem Südgrat der Blanche entgegen. Dort, wo derselbe in den Vierkant der Eiskalotte untertaucht, machen wir die erste längere Rast. Der Primuskocher scheint sich seiner guten Erziehung wieder zu erinnern und schnurrt fröhlich sein altes Lied. Ein glanzreicher Tag steht über den winterlichen Bergen. Eine durchlöcherte Nebeldecke, die schon seit gestern konstant in 3000 m Höhe steht, gibt ab und zu einen Blick in die Täler frei. Losgelöst von den Sorgen der Menschen schlürfen wir unsern Tee und freuen uns des schönen und wilden Lebens der Berge.

Stufenhackend erkämpfen wir uns die Spitze der Aiguille Blanche, die aus blankem, hartem Wintereis besteht. Der Nebel im Tal hat sich aufgelöst, und der Tief blick ins prachtvolle Tal der Dora Baltea ist eines der grossen Zugstücke des Peutereygrates. Der Anblick über die Fortsetzung unseres Weges begeistert uns allerdings weniger! Schon am Morgen, beim Aufstieg an der Ostflanke, hatten wir einen Blick vom obern Teil der Gipfelwand des Mont Blanc de Courmayeur erhascht und hatten geglaubt, dort Eis zu sehen. Wir hatten jedoch gehofft, dass nicht die ganze 500 m hohe Schlusswand aus Blankeis bestehen würde. Doch was wir jetzt sahen, machte uns fast starr. Alles Eis und nochmals Eis, selbst der prachtvoll geschwungene Verbindungsgrat zur Pointe Jones hinüber bildete eine messerschafe Eisschneide. Otti findet als erster die Sprache wieder und kommentiert die sich bietende Sachlage mit einigen Dialekt-kraftausdrücken.

Um 12 Uhr verlassen wir den gefürchteten Gipfel. Zwei Seillängen haben wir es noch mit einem Schneegrat zu tun, dann betreten wir Eis. Tausend Meter hoch fliehen die Flanken in furchterregender Steilheit auf die Gletscher hinab. Die Pointe Güssfeldt schenken wir uns. In stundenlanger Arbeit hacken wir uns einen Weg bis zur tiefsten Gratsenke vor der Pointe Jones. Klirrend rasseln die Eissplitter gegen den Brenvagletscher hinab. Das Eis ist hart und spröde und verlangt sorgsame Pickelarbeit, trotzdem brechen oft grosse Splitter heraus, und so verursacht eine Stufe manchmal doppelte Arbeit.

Der Abstieg von der Pointe Jones hinunter zum Becken des Col Peuterey ist im obern Teil gänzlich ausgeapert, und unten reissen zwei gähnende Bergschründe klaffend ihre Mäuler auf.

In den steilen Felsen, die den Col westlich begrenzen, klettern wir zwei Seillängen hinunter. Über die brüchige mittlere Wandstufe seilen wir ab und können dann ohne Schwierigkeiten zum Sattel hineinqueren.

An dieser klassischen Paßstelle erscheint der Horizont etwas eingeengt. Auf drei Seiten stösst der suchende Blick auf wilde Couloirs und gegen Himmel strebende Wände. Die Südwand des Mont Blanc gewährt von hier aus einen überwältigenden Anblick. In einem einzigen Satz erhebt sich der riesige rote Pfeiler aus dem Frêneygletscher zum Vorgipfel des Mont Blanc de Courmayeur.

Unsere Route liegt im Schatten, und es kostet einige Überwindung, von der sonnigen Rast die kalte, vereiste Wand des Eckpfeilers anzugreifen. Dickes, schwarzes Wassereis bedeckt die Platten, und armdicke Eiszapfen hängen manchmal an den widerspenstigen Felsen. Wir nehmen die Steigeisen und gewinnen nur langsam an Höhe. Es ist merklich kälter geworden, und unser Seil ist stocksteif gefroren. Wir folgen dem Weg des geringsten Widerstandes, ge- langen dadurch aber zu weit nach rechts und müssen in einer schwierigen, vereisten Traverse wieder zu unserer alten Anstiegsrichtung zurückkehren. Wir dominieren endlich wieder die Aiguille Blanche. Stolz und zufrieden blicken wir auf unsere Spuren hinunter, die an der schwindelnden Gratschneide entlang hinüber zur Pointe Jones führen. Langsam entsteigen wir der vereisten, feindseligen Wand und nähern uns der Schulter des Eckpfeilers. Ein eisiger Wind kommt auf und verkündet den baldigen Einbruch der Dämmerung. In den Tälern erkennen wir die ersten Lichter, und allmählich verblasst ein glanzvoller Tag über dem eisigen Haupt des weissen Berges. Auch wir drei, hart am Leib des gewaltigen Mont Blanc, machen Feierabend. Dass wir hier auf 4242 m Höhe keine so behagliche Nacht verbringen werden, brauchen wir einander nicht erst klarzumachen, aber ohne deswegen Stoiker oder Anhänger eines « Rheuma-Klubs » zu sein, nehmen wir die langen, kalten Nächte gerne in Kauf. Ich möchte keine einzige dieser Nächte in der erstarrten Hochwelt des winterlichen Gebirges hergeben, es sind bleibende Erlebnisse schönster Kameradschaft und kostbare Erinnerungen im Kranze unseres Bergerlebens.

Um etwas Schutz vor dem eisigen Winde zu suchen, verkriechen wir uns in eine enge Felsspalte, in der wir zur Not mit angezogenen Knien sitzen können. Wie üblich übernimmt Otti die Kocherei, und da er den Kocher nicht aufstellen kann, klemmt er denselben, wie schon so oft, zwischen die Knie; auf diese Weise wird halbe Nächte lang Tee und Kaffee fabriziert. Das Verlangen nach fester Nahrung ist nicht sehr gross, und eher aus Gewohnheit und Zeitvertreib knabbern wir Schokolade und braten dünne Speckscheiben an der Benzinflamme. Gegen Morgen wird die Kälte fast unerträglich. Besonders Emil, der mit seinem Körper das dem Winde zugekehrte Loch verstopft, leidet sehr darunter. Dafür hat er aber den Vorteil einer ständigen Zufuhr frischer Luft. Langsam, unendlich langsam sickert Morgenlicht durch unseren Spalt. Wir schlottern und klappern wie ausrangierte Schreibmaschinen. Um 6 Uhr kriechen wir mit erstarrten Gliedern aus unserm Bau heraus und begrüssen dankbar die ersten Sonnenstrahlen, die ihren Weg zu uns gefunden haben. Während die Sonne die Berge in ein Meer von Licht, Glanz und Wärme taucht, verspüren auch wir wieder den alten Schwung und Drang nach Gipfelluft. Wir binden die Steigeisen um und steigen die wenigen Schritte zum Grat empor. Wie eine scharfe Schneide aus Blankeis leitet er in einem eleganten Bogen zur Gipfelwand des Mont Blanc de Courmayeur hinüber. Rechtsseitig klebt guter, solider Altschnee in Manneshöhe unter der Gratkante. Wir benützen die Kante als Handgriff, und so bewegen wir uns mehrere Seillängen über den Abgründen des Brenvagletschers. Als uns der Neigungswinkel der Tritte zu gross wird, schwingen wir uns auf den Grat selbst hinauf. Mit zunehmender Steilheit verflacht sich die Schneide und verliert sich schliesslich in der blau schimmernden Wand. Das Eis ist hier für winterliche Verhältnisse ausgezeichnet, und wir spüren das sichere Greifen der Steigeisen. Um uns die endlose Hackerei durch die 500 m hohe Wand zu ersparen, liebäugeln wir mit den schönen trockenen Felsen, die die Wand gegen die Innominataseite begrenzen. Hackend queren wir hinüber. Nach einer guten Stunde stehen wir am Fusse des rotbraunen Granites.

Wir verstauen die Steigeisen und stossen die Pickel in den Tragring der Rucksäcke. Nach der anstrengenden Eisarbeit der letzten Stunden vermittelt uns die Kletterei höchsten Genuss. Langsam wächst die Tiefe unter uns. Der Picco Luigi Amedeo - von dem sich der Brouillardgrat absenkt - dient uns als Höhenmesser, und ab und zu blicken wir hinüber, um den Gewinn abzuschätzen. Bei abnehmender Steilheit verliert der Fels seine guten Eigenschaften, und mühsam quälen wir uns über brüchiges Zeug in eine Schneerinne, in der es sich einige Seillängen ganz gemütlich steigen lässt. Emil ist das ganze 50-Meter-Seil ausgelaufen und er bedient, auf einem mächtigen Felsblock kauernd, seine Filmkamera; er brüllt unverständliche Worte zu uns herüber. Kurze Zeit später entsteigen Otti und ich pustend der Rinne und lassen uns neben unserm Freund auf dem Block niederfallen. Sofort konstatieren wir auch den Grund seines Gebrülls: wir befinden uns jetzt eine gute Seillänge unter der berühmten Gipfelwächte des Mont Blanc de Courmayeur!

Unser Block hängt wie ein Schwalbennest an der schwindelerregenden Steilflanke. Kaum ein zweites Mal auf unserer irdischen Wanderschaft werden wir im Winter hier oben sitzen, darum verlängern wir unsere Atempause in eine ausgiebige Rast. Ungehindert schweift hier der Blick hinaus über ein sonniges, bergiges Land.

Hinter unsern Rücken leitet eine zierliche Eisschneide zum Saum der Wand. Sie ist steiler und schärfer als alles, was wir bis jetzt angetroffen haben, doch hat sie den Vorteil, dass wir, ohne uns in ein Kräftemessen mit der berüchtigten Wächte einlassen zu müssen, direkt auf den Gipfel emporsteigen können.

Mit wilder, nicht zu beschreibender Freude lasse ich meinen Pickel ins Eis sausen. Klirrend spritzen die Eisbrocken vom funkelnden Stahl, was Emil zwingt, die Filmkamera in die schützende Hülle zu versorgen. Dann - eine letzte Stufe, und zur Begrüssung überschüttet mich der Gipfel mit einer Ladung Schneestaub. Rasch entsteigen auch die Freunde der Wand. Eben will ich meinen Sack abstellen, doch da schickt uns Emil, der vorher mit dem Filmen etwas zu kurz gekommen ist, zum Rastplatz zurück, damit er das Ganze von oben auf den Streifen bekommt. Zur naturgetreuen Wiedergabe darf ich meine schöne Stufenleiter mit einigen Zwischenstufen verunstalten. « Damit man die Splitter sieht », erklärt Emil.

Als wir uns nach einer Zigarettenpause wieder gegen den Hauptgipfel in Bewegung setzen, ist die Sonne bereits wieder ein Stück von ihrer Mittagshöhe zurückgewichen. Wer von dieser Seite zum Gipfel des weissen Berges emporsteigt, hat schon allerhand geleistet und wird den breiten, felsendurchsetzten Rücken zum Hauptgipfel hinüber nicht im Sturmschritt unter die Füsse nehmen, ansonsten die Atmungsorgane etwas in « Unordnung » geraten könnten.

Schön ordentlich und gesittet setzen wir Tritt für Tritt, und nachmittags um 14.40 Uhr stehen wir oben auf dem Haupt des Monarchen, 37 Stunden nach Aufbruch vom Bivacco Fisso am Tour-Ronde-Grat.

Eng beisammen hocken wir im Firn des Gipfels. Unser grosses Glücksgefühl vermag auch ein schneidender Südwestwind nicht zu beeinträchtigen. Grosse, scharf begrenzte Kumuluswolken erstrahlen in blendender Helle am blauen Himmel. Über den Bossesgrat gehen wir hinunter zur Vallot-Hütte. Dort brauen wir uns unsere Spezialsuppe, die, zusammen mit dem unvermeidlichen Speck, imstande ist, selbst den grössten Ansprüchen zu genügen. Derart frisch gestärkt und frohen Mutes traben wir im Lichte der Abendsonne in drei Stunden zum Gare des Glaciers hinunter.

Mit einem wahren Wolfshunger setzen wir uns dort hinter den Küchentisch, und mühelos vertilgen wir je ein Nachtessen in doppelter Auflage.

Am folgenden Tag kehrten wir über den Col du Midi und Col du Gros Rognon zu unsern Ski zurück. Ein beginnender Wettersturz treibt uns zur höchsten Eile. Schnell holen wir unser « Fallschirmpaket » und befreien die eingefrorenen Latten mit dem Pickel aus ihrer eisigen Umklammerung. Wie wir uns die Steigung des Col des Flambeaux hinaufmühen, fällt heulend und brausend der Sturm über uns her. So schnell wir können, vornübergebeugt und verbissen, eilen wir weiter. Wir erreichen eine alte, harte Spur, das Gelände wird flach, und einige Minuten später schmettert der Sturm die Türe der Seilbahnstation am Col du Géant hinter uns ins Schloss.

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