Winterwald

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Von Clemens Schildknecht.

Es dämmert schon, kaum halb 5 Uhr. Und ich stehe noch oben auf dem Bergrücken, bei einer Hütte, allein. Verlassene Spurenstränge ziehen talwärts. In einer Stunde kann auch ich unten sein, denn meine Brettchen gleiten gut, der Anstieg ist mühsam genug gewesen. Ich habe dadurch wohl eine halbe Stunde verloren. Aber ich muss mich ohnehin in der Wegzeit etwas verrechnet haben.

Im Laufe des Nachmittags haben leichte Schleierwolken den Sonnenschein mehr und mehr geblasst. Der Neuschnee ist von den Tannen gefallen. Nun lässt ein gleichmässig fahler Überzug die Dämmerung verfrüht aufkommen. Spute dich! Den letzten Bissen Vesperbrot im Munde, fahre ich ab, den Spuren nach. Der Ski muss schon recht brüchig gewesen sein, denn der Sturz war gar nicht so wuchtig. Ich werde das dem Nebenangestellten sagen, der mir die Ski kürzlich verkauft hat. An ein Zusammenflicken ist nicht zu denken; der Ski ist in der Mitte entzwei. Ich hätte neue kaufen sollen, nicht gebrauchte. Nun werde ich, so gut es geht, auf dem andern weiterfahren müssen. Ich bin noch Anfänger, es geht nicht gut. Fünf Meter, manchmal etwas mehr, dann liege ich wieder. Das viele Emporschaffen ermüdet, und ich bin doch vom Aufstieg her schon ordentlich müde. Die kostbare Zeit entrinnt, und erschreckend rasch nimmt die Dunkelheit zu. Die Spuren ziehen sich in den Tann hinein. Da hockt sie schon schwarz, die Nacht. Ich strenge die Augen an, soviel ich vermag. Die Spuren teilen sich. Ich kenne mich da nicht aus. Nur möglichst bald hinunter! Also folge ich der abfallenden. Zweige schlagen mir ins Gesicht. Ein Stamm pufft mich heftig in die rechte Schulter. Ich falle hangabwärts; ein Haufen Schnee rutscht nach. Endlich kann ich die Bindung lösen. Das Herausarbeiten aus dem Schneegrab ist eine gewaltige Arbeit. Unmöglich, so weiterzufahren — ist ja auch gleich, es war so mühselig. Und ich war doch schon so müde.

Setz dich, iss und besinn dichNur zehn Minuten ausruhn, es ist ja doch schon dunkel. Über mir kohlschwarzes Geäst. Kein einziges Sternlein. Ein Restchen Birnweggen und einen Apfel greife ich aus dem Rucksack hervor. Ja, sonst habe ich weiter nichts Essbares bei mir. Es hätte keinen Sinn, sich auf die Skispur zurückzuarbeiten und zu Fuss ihr zu folgen. Ich sänke doch ein bis über die Knie. Der Schlaf beginnt, meinen müden Körper zu überschleichen. Aber ich darf nicht schlafen, unter keinen Umständen, nicht sitzen bleiben, das wäre der Tod — erfrieren. Halt, in der Seitentasche des Rucksacks muss noch ein Fläschchen stecken mit etwas Kognak. Dem Gewicht nach zu schliessen, reicht er noch für zwei Schlücke. Einen darf ich mir jetzt schon gestatten. Nun geradenwegs abwärts.

Nur immer abwärts! Aber verflucht finster ist es jetzt geworden! Ich muss mich durch die Schneemassen hinabzwängen, die Stöcke in der einen Hand, die Ski auf der andern Schulter. Manchmal sinke ich mit einem Bein in eine Vertiefung ein. Der Schnee liegt locker auf dem Boden; der viele Neuschnee von vorgestern ist auf apern Boden geworfen worden, den früher gefallenen Schnee hatte der Föhn bis weit hinauf wieder ausgewaschen. An den Schuhen haben sich Klötze festen Schnees angesetzt. Ich kann sie nicht wegschlagen. Das Taumeln ist schwer anstrengend. Wie leicht hatten doch die Muskeln heute morgen gespielt, als ich durch denverzauberten Winterwald dahinzog. Jetzt jeder Schritt eine besondere Willensanstrengung. Und nach zehn Schritten schon bin ich jeweils wieder so ermüdet, dass ich stillstehen muss. Dann wieder vorwärts. Ich schwitze. Ist es wohl kalt? Die Hand schürft an rauhen Stämmen. Wie lange werde ich noch so aushalten müssen? Da sinke ich mit einem Bein in ein Loch ein bis zur Hüfte. Das Freimachen erfordert wieder viel, viel Kraft. Ich habe Herzklopfen. Nach zwei Schritten sinke ich nochmals so tief ein. Es wird ein morscher Baumstrunk sein. Ich bin so müde, die Augen fallen zu. Die Ski stecke ich hier in den Schnee ein, den ganzen und den gebrochenen. Ich werde zufrieden sein, wenn ich mich überhaupt noch durchbringe. Warum musstest du gerade heute brechen? Nun wäre ich schon lange wieder bei den Menschen. Wann werde ich wohl daheim sein? Nein, nicht daheim, in dem fremden Zimmer in der fremden Stadt. Gewaltsam muss ich die Augenlider hebenalles schwarz. Wie arm sind die Augen ohne Licht! Der Wald muss sehr dicht sein.

Wie spät mag es wohl sein? Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so viel auszuhalten vermöchte. Nadeln ritzen meine Hand — Stechpalmen. Zweige stossen mir ins Gesicht — Gestrüpp versperrt den Durchgang. Vorwärts! Du musst. Plötzlich gibt der Schnee nach. Ich rutsche. Eine Masse Schnee rutscht mit. Ich liege auf den Knien. Es muss eine Böschung gewesen sein. Ich bin so furchtbar müde, so müde wie noch nie in meinem Leben. Soll ich liegen bleiben? Der Schlaf übermannt mich. Lange kann es so nicht mehr weitergehen. Und doch, in Gottes Namen wieder weiter!

Da ein Knistern, ziemlich nahe, ein Geräusch wie Flügelf lattern — es wird ein aufgescheuchtes Vöglein sein. Wieder die grosse schwarze Stille, nur der schwere Atem und das Herzklopfen, so als ob ich es von aussen hören würde.

Wie lange habe ich mich nun schon abgemüht? Die Schneehöhe hat noch nicht abgenommen. Wo bin ich eigentlich? Es wird noch weit, sehr weit sein bis ins Tal, bis zu einem gebahnten Weg. Wenn ich jetzt in einen Spiegel blicken könnte, wie sähe ich wohl aus? Wenn mir jetzt ein Mensch entgegenkommen würde — oh, wieviel ist ein einziger Mensch doch wert!

— Wieder eingesunken bis an die Lenden. Ich muss lange stehen bleiben. Meine Knie schwanken. Ich kann nicht mehr.

Meine Kräfte sind erschöpft. Ich fühle mich wie ein entleertes Gefäss. Der Puls hämmert hart am Hals. 0h, nur schlafen! Herrgott, ist es möglich, so müde zu sein? Ist das die Todesmüdigkeit? Nur noch die paar Schritte bis dorthin, wo es scheint, als ob sich Stämme abheben würden. Oder ist es Täuschung? Dann, in Gottes Namen, will ich mich dir übergeben, seliger Schlaf — du Bruder des Todes.

So ist es dein Wille, dass mein Leben in dieser Einsamkeit und Finsternis ende, schon auslösche, kaum einundzwanzig Jahre. Wie wird der Tod sein? Was war mein Leben? Ach, was weiss der Mensch am Morgen, wo er am Abend sein werde! Nun ist der grosse Abend für mich so früh hereingebrochen.

Mutter, Mutter, du wirst mich verstehen, du hast mich immer verstanden. So gut wie du war niemand zu mir. Und ich bereite dir so grossen Kummer — vergib mir!

Sie werden ihr Urteil fällen: Er war selber schuld — sie, die in hellen, warmen Gaststuben sitzen, beim rotleuchtenden Wein, die Zeitschriften gemächlich durchblättern und sich an den Bildern aus dem Winterwald vergnügen — was wissen sie vom Winterwald!

Er war selber schuld. Ich habe mich niemandem anschliessen können, ich habe hier noch keinen Skigefährten gefunden. Und zudringlich sein konnte ich nicht. War es wirklich unverantwortlich, allein zu gehen? Durfte ich nicht wenigstens sonntags mir gehören, nach der geistigen Knechtschaft die lange Woche hindurch? Aus der Stadt hinaus, über den Nebel, in Sonne und Schnee.

Ein anderer wird in der Kanzlei die Statistik fertigstellen, die ich vorgestern begonnen — meinetwegen, die Arbeit ist langweilig genug. Bald wird ein anderer auf meiner Maschine schreiben. Wie bald werde ich ganz vergessen sein!

Das Leben wird weitergehen, da drunten, als ob es nie zu Ende ginge — so wie auch ich dahingelebt — und auf einmal steht der Tod da.

In der Speisehalle wird morgen mein Platz leer bleiben. Übermorgen wird man das Serviettentäschchen mit meiner Nummer nicht mehr bereitlegen, und ein anderer wird sich an meinen Platz setzen. Doch das Mädchen, das mich stets bedient hat, wird nicht so hart urteilen.

Die kleine Frau wird am Morgen mein Bett unberührt vorfinden. Was wird sie dann tun? Bis zum Mittag warten? bis zum Abend? Und dann?

Da droben im Bergtal die schöne Bauerntochter, der ich heute vormittag, als ich sie unterwegs eingeholt, das schwere Paket eine weite Strecke getragen habe, sie wird mein Schicksal wohl auch vernehmen. Am Scheidewege hatte sie mir ein Geldstück als Trägerlohn angeboten, etwas zögernd, und als ich es ablehnte, ist sie errötet. Sie zeigte mir noch mit der Hand den Weg. Sie war der letzte Mensch, mit dem ich gesprochen. Ich glaube, dass sie gut von mir denken wird.

Nesi, Nesi, nie mehr werde ich neben dir sitzen auf der Bank vor deines Vaters Haus, daheim, und deinem Gitarrenspiele zuhören, dem Liedchen, welches du zuerst spielen gelernt, für mich — wenn i komm, wenn i komm... Wenn du wüsstest, liebes Kind, wo ich jetzt bin.

Mutter, nun werde ich an Weihnachten nicht heimkommen. Sei nicht traurig; bald, bald werde ich den Vater wiedersehn. Weisst du noch, als er mir von seinem Sterbebette aus Geld reichte, ich solle Kirschen kaufen gehn — damals war ich noch dein kleiner Knabe —.

Vater im Himmel — wenn ich vor Deinem Angesicht erscheine — ich kann es doch nicht ganz verantworten — ich hätte mich nicht allein so weit, in eine unbekannte Gegend begeben sollen. Um Deiner Gnade willen rechne mir mein leichtsinniges, hochfahrendes Selbstvertrauen, meinen Eigensinn nicht so schwer an. Vater —.

Was ist das? Wo bin ich? Ich gleite langsam ab, wie über eine schräge Mauer — doch gleich fühle ich harten Boden unter mir. Eisige Nässe dringt an die Knie, durch die Schuhe. Da haben sie den Bach verbaut! Wohl mit Stauungen, die stellenweise viel tiefer sind. Nein, nicht hier zugrunde gehen! Wie wenn in einem entleerten Gefäss die zurückgebliebenen letzten Tropfen zusammenrinnen, so sammle ich das Restchen Kraft, um den Rand der Wuhre zurückzugewinnen, dann noch wenige Schritte weiterzudringen, seitwärts, um dem Bereich der Verbauungen zu entkommen — zwei, drei, Stämme — da, merkwürdig, im gewöhnlichen Abstand folgt keiner mehr. Über hohen finstern Bäumen ein ganz schwacher Schimmerhauch. Das muss der Widerschein der Stadt sein. Bin ich in einer Waldüchtung? Es ist, als ob sich der Schimmer nach beiden Seiten weiterzöge wie ein breiter Streifen. Vor mir aber eine dunkle Wand. Einer ebenso dunklen Wand bin ich entstiegen. Die Schneehöhe hat plötzlich nachgelassen, doch nur einen halben Schritt breit. Aber seitwärts — Spuren! Spuren — Fussstapfen! Herrgott im Himmel, Dir sei Dank! Hier muss ein Weg sein. Endlich, endlich! Es scheint, als ob es nach links etwas abwärts ginge. Nun werde ich mich doch noch zurechtfinden. Aber zunächst muss ich mich setzen, ich bin so unsäglich müde, die Beine tragen mich nicht mehr.

Meine Kraft ist zu Ende. Ich muss ausruhn — nur zehn Minuten wenigstens, auf dem Rucksack — nicht schlafen — mich etwas erholen nach dem langen, langen Kampf. Nachher weiter — ein Schlücklein Kognak hab'ich ja noch — jetzt bin zu müde — zuerst ein Weilchen ausruhendann weiter — nicht schlafen — Kognak — weiter — weiter — heim — WeihnachtLeise, leise nimmt der unbestimmte Schimmerhauch zu. Der Schein fängt an, sich rötlich zu färben. Dann beginnen die Strahlen zu wärmen. Immer mehr nimmt der Schein zu. Er ist wieder gelblich — weiss. Er dringt durch den Wald, vom obern Ende des Weges her. Es ist so schön zu schauenDiamanten glitzern im Schnee — regenbogenfarben — wunderbar — schöner als ein Sonntagsmorgen. Die grosse Helle erströmt den Waldweg hernieder — näher — immer näher — die Augen fassen sie nicht mehr — die Sonne, die Sonne — das Licht.

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