Zum Matterhornunglück vom 14. Juli 1865

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Von Heinrich Dübi und Paul Montandoli.

Im Berliner Tageblatt vom 23. August 1929 rügt Fred Hildenbrandt an unserer Arbeit vom vergangenen Juni in « Die Alpen », dass wir Karl Haensels sogenannten Tatsachenroman « Der Kampf ums Matterhorn » nicht mit Namen erwähnten — ihn nicht ausdrücklich ausnahmen in unserm Protest gegen gewisse Veröffentlichungen und Filme, welche die Geschichte des Matterhorns eigenmächtig entstellen und dem Andenken der Beteiligten dadurch schaden.

Unsere Arbeit war eine auf Grund des Whymperschen Berichtes ausgeführte, kritische Untersuchung des Unglücksfalles, ein Versuch der Ehrenrettung des alten Taugwalders. Dies besonders durch eine plausible Erklärung, warum er sich mit dem schwächsten Seil — er hatte wohl nur dieses zur Hand — an seinen Vorgänger anbinden musste. Unser Artikel machte keinen Anspruch auf vollständige Erwähnung der vielen, nach Whymper über die Katastrophe erschienenen Literatur. Haensels Buch haben wir nicht erwähnt. Da es nun aber verlangt wird, wollen wir uns mit demselben beschäftigen.

Im allgemeinen bestreiten wir nicht die Befugnis des Romanschrift-stellers, eine derartige Katastrophe dichterisch zu verwerten, wahren uns aber das Recht, jeden solchen Versuch auf seinen Wert zu prüfen. Über die Berechtigung des Ausdruckes « Tatsachenroman », den der Autor seinem Werke mitgibt, kann man verschiedener Ansicht sein. Die naiven Leser, das grosse Publikum, werden zweifellos an die Lektüre gehen in der Überzeugung, dass nun alles, was sie lesen, sich auch wirklich so zugetragen hat. Ein alpines Fachblatt wie « Die Alpen », das allerdings in seiner letzten Aprilnummer eine kurze, auf die Begleitworte des Verlegers sich basierende, freundliche Würdigung des Buches brachte, hat nun aber die Pflicht, die Abweichungen hervorzuheben, welche zwischen der dichterischen Darstellung im Werke und dem wirklichen Tatbestand existieren. Dies schon deshalb, damit nicht für das Matterhorn, wie seinerzeit für die erste Besteigung des Mont Blanc, sich Legenden bilden, die dann nicht mehr auszurotten sind. Das grosse Publikum liest eben viel eher ausgeschmückte Sensationsromane als, im vorliegenden Falle, die knappe Darstellung des Dramas in der Urquelle, den Bericht des Augenzeugen Whymper in seiner « Besteigung des Matterhorn ».

Die überschwängliche Berliner Empfehlung des Haenselschen Buches legt immer von neuem Gewicht darauf, dass die ganze Darstellung unbestech-licher Wirklichkeit entspreche, ausschliessliche Sachlichkeit sei, dass « keinerlei ungewisse Stimmungen formuliert werden », dass der Roman sich genau an die historischen Vorgänge halte usf.

Wir haben uns hier nicht zu beschäftigen mit dem dichterischen Wert des Buches und halten es dem Autor jedenfalls zugute, dass er den guten Geschmack hatte, es nicht durch Einschiebung einer erotischen Nebenhandlung pikanter gestalten zu wollen. Der Dichter hat sich auch in gewissem Masse an die historisch niedergelegten Tatsachen gehalten. Anderseits aber liess er seiner Phantasie viel und oft die Zügel schiessen, und gegen diese Erfindungen legen wir als Alpinisten Verwahrung ein. Einzelnes konnte sich so zutragen, wie er es darstellt, ist aber nicht Tatsache. Anderes steht in direktem Widerspruch mit Whympers genauen Mitteilungen. Alle diese Ausschmückungen und Hinzufügungen müssen abgelehnt werden. Wir greifen eine Anzahl derselben heraus:

Whymper war keineswegs einzig verantwortlicher Oberkommandierender, wie ihn Haensel stetsfort darstellt, sondern sagt ausdrücklich, Hudson ( der viel ältere der beiden ) und er hätten alles gemeinschaftlich angeordnet.

Die berichtete Art der Verhandlungen mit dem Vater Taugwalder, der Streit mit ihm betreffs Mitnahme seines « weinenden » jüngsten Sohnes und betreffs der Seile usw. sind grösstenteils Erfindung. Whymper spricht nirgends von Steigeisen, die, entgegen seinem Wunsch, im Schwarzseedepot zurückgelassen wurden. Erfunden ist, dass Croz die Umgehung hoch oben in der Flanke zuerst « verdammt lustig » fand, später aber « barsch und grob » wurde, dass die Platten « im Empor und Hinab vollkommen lotrecht » waren, dass die Besteigung dort « fast abgebrochen wurde », dass « jeder Meter Höhe ein Pfund Fleisch kostete », dass im Schnee Whymper dem Croz überlegen war. Die Reihenfolge im obersten Teil ist unrichtig angegeben. Desgleichen, dass auf dem Dach des Hornes zwischen Croz und Whymper ein Wettklettern « auf allen Vieren » einsetzte und dass auf der Spitze « Hadow am ganzen Leibe zitterte und Hudson schluchzend in die Arme fiel ». Whymper und Croz sollen gemäss Haensel dort in « Raserei der entzündeten Körper » verfallen sein. Der « Urgesang des Hasses gegen die Nebenbuhler, die Wut über die Widersacher », nämlich über die Italiener unten auf dem Breuilgrat, äussern sich im Roman in Zurufen Whympers und Croz ', bis sie « Schaum vor dem Mund » hatten. Schon beim Aufstieg wird berichtet, dass diese beiden « manchmal in Verrenkungen aushielten, die ohne ihre Besessenheit nicht zu ertragen gewesen wären » und dergleichen Übertreibungen mehr. Das intim-roman-tisch-sentimentale Verhältnis zwischen Whymper und Douglas, die « einander auf dem Gipfel umarmten », des letzteren Todesahnungen sind Phantasie. Ebenso, dass die ganze Gesellschaft auf dem Gipfel « Rock, Hemd, Schuhe und Strümpfe auszog » und dass Hadow « keine Nägel mehr auf den Sohlen hatte ».

Hudsons Widerspruch betreffs des Anseilens beim Abstieg ist unrichtig. Gleichfalls unbewiesen ist, dass Taugwalder, nachdem er sich mit dem schwächsten Seile an Douglas gebunden hatte, seinem Sohn und Whymper das zweite, stärkere Manilaseil zurückliess. Dies wäre ein Beweis seiner Schuld — er hatte aber vermutlich nur ein Seil auf sich, das schwache. Das stärkere trug höchstwahrscheinlich von Anfang an Taugwalder Sohn, der sich damit dann an Whymper festband. Erfindung ist auch, dass Whymper dem Croz beim Abstieg über die kritische Stelle zurief: « Croz, halt! Ich wünsche nicht, dass Sie die Kräfte Hadows so offensichtlich unterschätzen... halten Sie Abstand », wie auch die nachfolgenden Stellen: Hadow schloss die Augen, schwankte und glitt aus... Hudson machte einen Sprung rückwärts, um von der spiegelglatten Platte weg in rauhen Fels zurückzukommen, aber auf halbem Wege erreichte ihn der Ruck des Seiles. Er wurde rücklings umgeworfen. Douglas hatte keinen rettenden Einfall, er warf den Kopf nach Whymper herum und stürzte dann... usw.

Whymper, der nachher einzig die Haltung nicht verlor, wäre nicht « ohne Mitwirkung der Taugwalder ein wehrloses Opfer der unter ihm lauernden Schwere geworden », und er sagte keineswegs nach der Katastrophe zu Taugwalder: « Unser Leben ist jetzt wertvoll, denn wir haben viel zu rechtfertigen. » Die Überlebenden erreichten nicht in drei Stunden den Zeltplatz, um dann noch weitere drei Stunden abzusteigen, sondern sie biwakierten um 9 1/2Uhr abends in einer Höhe von 13,000 Fuss = 3900 m. Woher der Autor den « märchenhaften Reichtum » der Hadows hat, ist unerfindlich.

Ans Komische grenzt die Mitteilung, dass Whymper vor der Tour « eines seiner Skizzenblätter... und den hartgespitzten Koh-i-nor ( 1865 !) hervor-nahm und zeichnete », wie auch, dass beim Aufbruch zur Besteigung dem Hadow 200 ( sic ) hartgesottene Eier aufgeladen wurden und dass dann unterwegs für den armen Mann mit einem Papierfeuer heisser Wein fabriziert wurde, usw., usw.

Irreführend und frivol karikiert ist schliesslich manches, was über den Hotelier Seiler und den Untersuchungsrichter Clemenz vorgebracht wird.

Im Gegensatz zu diesen Erzeugnissen einer dichterischen Phantasie gehen wir mit dem Autor durchaus einig, wenn er erklärt, Whympers Darstellungen seien « von überzeugender Klarheit und Folgerichtigkeit, voll Wahrheitsfanatismus ». Wir gehen noch weiter und sagen: « Die Besteigung des Matterhorns » von Whymper ist nach wie vor die einzige klassische und in allem wahre Darstellung des Kampfes um den Berg. Sie ist die ergreifendste Beschreibung der Katastrophe. Dieses Buch und nur dieses soll dem jungen Bergsteiger in die Hand gegeben werden.

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