Zwei Gratwanderungen im Adulagebiet

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Ein Kleeblatt von St. Galler Clubisten, die Herren A. Ludwig, A. Tobler und der Schreiber dieser Zeilen, lenkte seine Schritte nach einem langen, aber höchst genußreichen Wandertag in der Medelsergruppe am Abend des 5. August 1898, nachdem schon eine milde Nacht mit ihrem Sterngefunkel hereingebrochen war, dem lieblich im obersten Teil des Bleniotales eingebetteten Olivone zu.

Am folgenden Morgen um 4 Uhr 20 Min. traten wir bei wolkenlosem Himmel schwerbepackt — trugen wir doch die nötigen Vorräte für eine mehrtägige Tour im Adulagebiet in unsern Rucksäcken — den weiten und beschwerlichen, aber äußerst lohnenden, hie und da gemachten Aufstieg zum Rheinwaldhorn an. Steil hinauf zu den Heumähdern von Compieto, dann fast eben in leichter Wanderung durch das liebliche, blumen-duftende Carasinatal bis Piotta bummelnd, stiegen wir von da zuerst ostwärts die steilen Hänge zum Brescianagletscher hinan, dann über die gewaltige Moräne, hierauf, den hohen, scharfen Moränenkamm verlassend, nochmals über Rasen und kleine Felsstufen in fast nördlicher Richtung auf den nördlichen Teil des Brescianagletschers selbst, unter dem Grauhorn vorbei zum Adulajoch und von dort, bei teilweise mühsamer Schneewaterei über den Grat zum Rheinwaldhorn ( 3398 m ). Trotzdem im Verlaufe des Nachmittages Wolken aufgestiegen waren, die uns manchen Gipfel verhüllten, war die Aussicht, namentlich nach Norden, von der Tödigruppe bis zum Calanda und zur Scesaplana, eine wundervolle in der warmen Abendbeleuchtung, so daß wir über eine Stunde auf der herrlichen Hochwarte verweilten.

Auf dem gewohnten Abstiege über die Lentalücke und den äußerst holperigen Paradiesgletscher erreichten wir abends 8 Uhr 20 Min. die ersehnte Zapporthütte.

Den folgenden Tag, Sonntag den 7. August, galt es die Ersteigung des Güferhornes, und zwar auf einem etwas ungewohnten Wege, nämlich direkt über den Ostgrat. Wieder wölbte sich ein wolkenloser Himmel über das Land; doch von den beiden vorhergehenden strengen Wandertagen etwas hergenommen, verließen wir die Hütte erst um 7 Uhr 5 Min. In fast genau nördlicher Richtung erklommen wir über die steilen Rasen-und Felsbänder den Grat, der östlich zum Hochberghorn ( 3003 m ) führt, und in leichter, flotter Kletterarbeit den ungeschlachten Gipfelblock dieses Eckpfeilers. Ein ungemein freundlicher Talausblick auf das Rheinwaldtal mit seinen Dörfern bis gegen Sufers hinaus, eingerahmt einerseits durch das Tambohorn und die Surettahörner, anderseits durch die wilden Splügener Kalkberge, sowie ein fesselnder Fernblick auf die Bernina- und Disgraziagruppe waren der reichliche Lohn für unsere geringe Mühe.

Nachdem wir von 9 Uhr 10 Min. bis 9 Uhr 30 Min. die köstliche Rundsicht genossen, ging 's wieder zurück und in fast müheloser herrlicher Gratwanderung, wobei uns eine außerordentlich reiche, wunderliebliche Hochgebirgsflora entzückte ( Eritrichium nanum, Androsace helvetica und glacialis, verschiedene zwergartige Gentianen, die niedlichsten Silene-und Saxifragapölsterchen etc. ), zum unbedeutenden Salahorn ( 2988 m ). Die weitere Gratwanderung in westlicher Richtung bot nun mehrfach Gelegenheit zu frischer, anregender Kletterei; namentlich ein drohend gespaltener Turm, den wir schon beim gestrigen Abstieg vom Rheinwaldhorn mit einigem Bedenken gemustert, schien ernstliche Schwierigkeiten bereiten zu wollen; doch der treffliche Fels erlaubte wider Erwarten ein verhältnismäßig leichtes Überschreiten.

In der tiefsten Gratlücke, am Fuße des eigentlichen Güferhorngrates, die aber im Gegensatz zur Zeichnung auf der Karte ( topogr. Atl., Bl. 505 ) ganz eng ist, hielten wir von 11 Uhr 45 Min. bis 12 Uhr 10 Min. Rast. Anstatt von hier aus die schwierigen Felsen des Ostgrates des Güferhorns anzugreifen, versuchten wir den Aufstieg unmittelbar rechts ( nördlich ) daneben über den steilen, aber in günstigem Zustande befindlichen Schneehang, der auf der Kanalseite bis zum Ostgrat reicht, respektive den Ostgrat bekleidet, und die Sache ließ sich über Erwarten günstig an; eine zweite Etappe führte über Geröll und Felsstufen des Ostgrates; dann folgte eine kurze, aber scharfe Firnschneide, die unter ungünstigen Umständen ernste Arbeit verursachen könnte, hierauf nochmals eine längere Felspartie und zum Schluß ein kurzer Gang über die Schneekuppe des Gipfels ( 3393 m ), den wir um 1 Uhr 30 Min. erreichten. Wir hatten vom Salahorn aus mit Einschluß einer Rast von 25 Minuten in der tiefsten Gratlücke nach dem Turm 2 Stunden und 35 Minuten gebraucht. Dieser Aufstieg dürfte wohl touristisch neu sein, wenigstens fanden wir ihn in der Literatur nirgends erwähnt; die ganze Gratwanderung von der Zapporthütte respektive vom Hochberghorn aus bietet einen hohen Genuß und bei günstigen Schneeverhältnissen keine nennenswerten Schwierigkeiten.

Den Abstieg bewerkstelligten wir zuerst wieder in gleicher Weise über den Ostgrat bis zur tiefen Gratlücke, dort aber bogen wir rechts, südlich, auf einen steilen Schneehang, über den wir etwa 120 Meter abstiegen, worauf wir die Bänder und Rasenhänge des Südabhanges in raschem Laufe sozusagen in gerader Linie gegen die Clubhütte hin verfolgten und auf diesem kürzesten Wege schon um 3 Uhr 40 Min., d.h. in 1 Stunde und 25 Minuten vom Güferhorn aus gerechnet, die Hütte erreichten.

Eintretendes schlechtes Wetter mit Regen, Schnee und erbärmlicher Kälte ließen uns an den beiden folgenden Tagen nichts Bemerkenswertes ausführen; erst am Mittag des drittfolgenden Tages konnten Ludwig und ich ( Tobler mußte an diesem Morgen unweigerlich wegen Militärdienst den Abstieg ins Tal antreten ) bei aufheiterndem Himmel einen kleinen Abstecher auf La Loggia ( 3077 m ) machen, die wir vom Passo del Cadabbi zum Vogeljoch bei eisigem, mark- und beindurchdringendem Nordsturm traversierten; weitere Pläne wurden an diesem Tage durch den geradezu unausstehlichen Wind unerbittlich vereitelt.

Eine glanzvolle Wanderung sollte uns am folgenden Tage, dem 11. August, für die ausgestandenen Strapazen in der primitiven Zapport -hütte reichlich entschädigen. Auf uns jetzt bekanntem Wege an der Gemskanzel vorbei erreichten wir das Vogeljoch, von wo aus wir die Gratwanderung bis zum Zapporthorn versuchen wollten. Auf leichter Wanderung, bei wundervollster, klarster Fernsicht auf das unermeßliche Gipfelheer vom Mont Blanc und Gran Paradiso im Westen bis zum Ortler und Adamello im Osten, während der Blick südwärts nach Biasca, zum Zusammenfluß von Brenno und Ticino und an zwei Stellen in die blaue lombardische Tiefebene hinuntertauchte, überschritten wir Baretino, Cramorino, den Vogelberg, das Rheinquellhorn und den Poncione della Frecione. In den Felsen des Baretino suchten wir eine Zeitlang Schutz vor dem beißend kalten Winde, der uns auch an diesem Morgen unbarmherzig umsauste und erst am Nachmittag sich etwas legte. Auf dem Cramorino bauten wir, namentlich auch um uns etwas zu erwärmen, einen Steinmann; den auf dem Vogelberg schon vorhandenen vergrößerten wir eifrigst, während wir dagegen den auf Poncione della Frecione errichteten, prachtvollen zylindrischen Ingenieur-Steinmann nur bewundern konnten. Diese Erhebung steht nicht, wie die topographische Karte zeigt, auf dem Hauptkamm vom Rheinquellhorn zum Zapporthorn, sondern gehört schon dessen Südsporn zwischen Malvaglia und Calancatal an. Zwischen Vogelberg und Rheinquellhorn überschritten wir ohne alle Schwierigkeiten den Kamm der jähen, prächtig glänzenden Schneewand, die wir vorher von der Zapporthütte aus und auf der Wanderung zum Güferhorn bewundert hatten. Mehr Zeit als dem Spaziergang über diese Graterhebungen widmeten wir auf den Spitzen selbst dem Genuß der entzückenden Rundsicht, verweilten wir doch auf dem Vogelberg allein 1 Stunde und 20 Minuten; so kam es, daß wir, da wir doch den Baretino schon um 8 Uhr 30 Min. erreicht hatten, Poncione della Frecione erst um 1 Uhr 30 Min. verließen.

Doch nun hinüber zum trotzig und kühn winkenden Zapporthorn, dessen zerhackter und zersägter Verbindungsgrat gar nicht einladend aussah. Zuerst verfolgten wir den Schneegrat gegen Punkt 3138 hin; ehe wir diesen vollständig erreichten, schlugen wir uns auf schmalem Bande in die südöstliche Wand, wobei zwei steile Schneecouloirs mit aller Vorsicht zu überschreiten waren. Ein Stück weit setzten wir hierauf die hier mäßig schwierige Gratwanderung teils über Firn, teils über Felsstufen fort; später aber zogen wir es vor, wieder in die Südwand zu treten, was uns wieder ein schmales, abschüssiges Band bei aller Vorsicht gestattete; so gelangten wir auf den obersten Teil des kleinen Firnfeldes, das südöstlich direkt unter dem Gipfelturm des Zapporthornes eingebettet liegt und auf der Karte die Buchstaben nZappu(orthorn ) trägt. Während die ersten Ersteiger des Zapporthornes, Herr Calberla mit Gg. Trepp, 1872, das Horn von dieser Seite für unzugänglich hielten, deshalb südlich umgingen und vom Mucciagletscher aus über den Ostgrat aufstiegen ( „ Über Eis und Schnee ", Bd. III, pag. 53 ), griffen wir nun den kühnen Zahn in der obersten, innersten Ecke dieses Firnfeldes, nördlich vom ersten „ p " des Wortes Zapport auf der Karte an. Namentlich der untere Teil der jähen Mauer erheischte eine scharfe, exponierte Kletterei bei oft sehr spärlichen und hohen, aber festen und zuverlässigen Griffen an dem ungemein großblockigen Gestein. Nach Überwindung dieser Wandstufe, wobei wir einmal beim Ausschnaufen tief zu unsern Füßen auf dem Gletscherchen einige Gemsen ganz in unserer Nähe sich fröhlich tummeln sahen, gewannen wir bald den eigentlichen Westgrat; hier gestaltete sich die Sache nach und nach etwas weniger anstrengend und aufregend, da die Steilheit doch etwas abnahm; über gutgriffige Felsköpfe und einzelne Schneeflecken dahin eilend, erreichten wir um 4 Uhr 10 Min. die heißersehnte Spitze ( 3149 m ) mit ihrer mächtigen Wächte gegen Norden. Von der Poncione della Frecione hatten wir im ganzen 2 Stunden und 40 Minuten gebraucht; 1 Va Stunde bis zum Gletscherchen und 1 Stunde und 10 Minuten zur Bezwingung der Gipfelpyramide.

Es erfüllte uns mit freudiger Genugtuung, auf diesem neuen Aufstiege den stolzen Gipfel bezwungen zu haben; wie wohl jeder Besucher der Zapporthütte, so hatten auch wir von dort aus die gewaltige Nordwand des Berges mit ihrem schimmernden, bläulichen Firnpanzer und die trotzige Zackenkrone seines Westgrates immer wieder bewundernd betrachtet; von jenem Standpunkt aus gesehen, bietet das Zapporthorn eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Lauterbrunner Breithorn. Wiederholt wurde seither dieser Westaufstieg mit nicht wesentlichen Abweichungen von den Herren Schoch und Salis, Sektion Uto ( „ Alpina " 1903, Nr. 6 ).

Im warmen Sonnenschein gaben wir uns nochmals eine volle Stunde lang dem Zauber der immer noch ungetrübten, gewaltigen Fernsicht hin; namentlich wurde das Auge gefesselt durch den prächtigen, höchst instruktiven Einblick in die Adulagruppe und in das hierzu in wirksamem Kontrast stehende dunkle, waldige Calancatal. Dann traten wir den gewöhnlichen Abstieg über den Ostgrat zum Mucciagletscher an, der keine Schwierigkeiten bot; über diesen und die Mucciaalp erreichten wir bei der Cantoniera die Straße und um 8 Uhr 30 Min. das freundliche San Bernardino.E. Heimelmann ( Sektion St. Gallen ).

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