Zwölftausend Steinböcke stammen aus St. Gallen

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Steinböcke stammen aus St. Gallen

Hans Amann, St. Gallen

1 1515 wurde im Kanton Glarus der letzte Steinbock erlegt.

37 Die Überschrift wird stutzig machen und an Jägerlatein erinnern. Es ist zwar eine unumstössliche Tatsache, dass die Ostschweizer Metropole in einem voralpinen Hochtal auf rund 700 Meter über Meer liegt. Dass aber in St. Gallen die Wiege der heute wieder im gesamten Alpenraum lebenden Steinböcke stand, wird vielerorts trotzdem verwundern. Und doch, ohne St. Gallen, genauer gesagt ohne den Wildpark , gäbe es in unserem Lande keinen einzigen Steinbock mehr.

Fundstücke aus der Interglazialzeit ( vor 180000 Jahren ) und der Altsteinzeit ( 50000 bis 10000 Jahre vor unserer Zeitrechnung ) beweisen, dass der Steinbock schon damals in den Alpen, aber auch im Mittelland lebte. Im Mittelalter waren die Bestände bereits stark dezi-miert1. Die letzten Steinböcke sichtete man im Bündnerland um 1650. Zwischen 1750 und 1800 verschwanden dann im Berner Oberland, und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Wallis, die letzten Tiere.

Wohl waren Klimaschwankungen und Veränderungen in der Vegetation, aber auch die Zunahme der Schaf- und Ziegenbestände in den Alpen für diese Entwicklung mitverantwortlich. Einmal mehr war es aber vor allem der Mensch, der rücksichtslos gegen die Tiere vorging. Verbesserungen der Schusswaffen und ihrer Zielgenauigkeit führten dazu, dass sie auf immer grössere Distanzen erlegt werden konnten.

Lange Zeit galt der Steinbock zudem als ( lebende Apotheke ), und fast aus jedem Teil seines widerstandsfähigen Körpers wurden scheinbar ( heilkräftige Tränklein> und Salben gegen allerlei Krankheiten und Gebresten gewonnen und daraus Geld geschlagen. Wun-derdoktoren priesen das Steinbockblut, um Harnsteine zu lösen, das zerriebene Horn und sein Herz sollten die Manneskraft erhöhen, das winzige Herzknöchelchen wurde als glück-bringendes Amulett um den Hals gehängt, und sogar die bohnenähnliche Losung sollte gegen Ischias oder Blutarmut helfen.

Wen wundert es da, dass dem Steinbock, dem Lieferanten von solchen Wundermitteln Oben:

Vom Wildpark

Unten:

Die drei Kitzen, welche 1906 aus dem Gran-Paradiso-Natio-nalpark illegal in den Wildpark

und von Wildfleisch, die Ausrottung drohte? Sie wurde um 1850 leider auch Tatsache.

Der Bundesrat erliess dann 1875 das eidgenössische Jagdgesetz, das in Artikel 15, Absatz 4, auch die Wiederansiedlung des Steinwildes in den Schweizer Alpen ins Auge fasste.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts unternahmen Mitglieder der Sektion Rätia des SAC im Bündnerland einen ersten Anlauf, den Steinbock wieder anzusiedeln, aber verschiedene Einbürgerungsversuche schlugen fehl.

Die letzte europäische Kolonie lebte im Jagdgebiet des italienischen Königs Viktor Emanuel II. Ihm und seinen Nachfolgern gebührt der Dank, den Alpensteinbock am Gran Paradiso im Valle d' Aosta, südlich des Grossen St. Bernhard, vor der völligen Ausrottung bewahrt zu haben. Die Tiere wurden in diesem privaten Jagdreservat der italienischen Könige allerdings unter strengster Aufsicht gehegt, und jede Ausfuhr war ausdrücklich und unter Strafe verboten.

Zwei St. Galler, Dr. med. Albert Girtanner und der Hotelier Robert Mader, hatten sich nun zum Ziel gesetzt, mit allen Mitteln zu jungen, blutreinen Steinböcken und Geisskitzen zu kommen, um diese dann im Tierpark

In dieser Situation konnte nur noch ein Pira-tenstück in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zum Ziele führen! Mit Gewährsmännern aus dem Wallis sowie italienischen Wilderern und Schmugglern gelang es, vom Aostatal her drei 3-4 Wochen alte Tiere ( zum stolzen Preis von Fr.800. pro Stück ) über die Grenze zu bringen. Dabei wurden die ( Wilddiebe » durch Schweizer Zollorgane gestellt und mussten noch eine Zollbusse für die Einfuhr bezahlen.

Das Böcklein und die zwei Geisslein brachte man Ende Juni 1906 in den Tierpark ob St. Gallen, wo sie zunächst mit der Milchflasche aufgezogen wurden. Hier sollten sie den Grundstein für die ( Rückeroberung ) der Alpen bilden, sich vermehren und schliesslich genü- gend Nachkommen für die Wiedereinführung von Steinwild in unseren Alpen liefern.

Ihnen folgten weitere 31 Tiere auf legalem Wege. Auch sie wuchsen trotz anfänglichen Schwierigkeiten, aber dank sorgfältiger Pflege, gut heran. Damit war die Verwirklichung des kühnen, verschiedentlich als reine Illusion verspotteten Gedankens, den Alpen das Steinwild zurückzugeben, in greifbare Nähe gerückt. Bereits 1909 stellte sich im Tierpark der erste Nachwuchs ein.

Am B. Mai 1911 kam der grosse Tag, an dem man die ersten fünf in St. Gallen aufgezogenen Jungtiere ins hinterste Weisstannental im St. Galler Oberland transportierte und darauf zum erstenmal in den Schweizer Alpen rein-blütiges Steinwild aussetzte.

Der Bund hatte die Rolle des Käufers dieser Tiere übernommen, und die Wildparkkommis-sion war bereit gewesen, diese zu ihren Selbstkosten abzugeben.

In der Folge vermehrte sich der Bestand im Wildpark ( Peter und Paub rasch, und weitere Aussetzungen konnten vorgenommen werden. 1914 war St. Gallen sogar in der Lage, auch den Wildpark am Harder bei Interlaken mit Tieren zu beliefern. Von hier aus fand das Steinwild wiederum eine weitere Verbreitung.

Heute, rund 70 Jahre nach der ersten Aussetzung schätzt man den Steinwildbestand in den Schweizer Alpen auf ungefähr 12000 Stück - die grösste Kolonie am Piz Albris bei Pontresina zählt allein 1000 Steinböcke -, und Der künstliche Felsen im Tierpark

Der im Tierpark « Peter und Paul> Ebenso ungewöhnlich wie die Geschichte der ( St. Galler Steinböcke ), ist auch die Entstehung der bis zehn Meter hohen künstlichen Felsen im Wildpark, über die der Weg zur Wiedereinführung dieses äusserst empfindlichen Steinwildes führte. Der Zürcher Löwen-bildhauer Urs Eggenschwiler hatte die vier prächtigen Betonfelsen in den Jahren 1902-1914 mit grossem Geschick erstellt. Sie wirken wie echte Kalksteinformationen, obwohl sie aus einem mit Drahtgitter bespannten Gerüst aus Balken und Brettern bestehen, über das man Beton in naturgetreuen Felsformen modelliert hat. Im Innern blieben damit Hohlräume für Ställe und Futterplätze frei.

Im Sommer 1947 stürzte bei einem Föhnsturm mit mächtigem Gepolter ein Teil des grossen Steinbockfelsens ein, glücklicherweise ohne Schaden für Menschen und Tiere. Es musste für den Wiederaufbau eine solide Stützkonstruktion mit Stahlrohren geschaffen werden.

Die ungewöhnlichen Anstrengungen im St. Galler Tierpark, den herrlichen Steinbock zu erhalten, sühnen damit auch das Unrecht, das der Mensch durch die Ausrottung diesem majestätischen Alpentier zugefügt hatte.

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