Am Sertigfall

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Zerklüftet, zerschrunden, grau Gestein, Titanisch getürmt ins Blau hinein.

Über fahlen, jäh fallenden Wänden Die Schieferschichten gebogen, gebuchtet, Steilauf gewürgt, gewuchtet Zu stotzigen Streben von Riesenhänden.

Hoch aus himmeldurchblautem Felsentor Sprüht schäumendes Sonnensilber hervor, Zerfasert, zerfetzt im Geklüfte Und stäubt in die stürmenden Lüfte, Blitzt auf und braust wieder tiefer Gischtglitzernd aus dem Geschiefer.

Rundher die Zinnen tannüberpelzt Und kahle Quadern noch höher gewälzt. Und immer der Felsbau donnerdurchschüttert Wie einst, da die Riesen, den Tiefen enthoben, Unter glutgewitternder Urwasser Toben Vom Bergmark die Stücke gesplittert.

Arnold Büchli.

Die Walliser Fiescherhörner.

Beiträge zu ihrer Erschliessung.

Gross-Wannehorn über den Nordgrat.

Beim leisen Erblassen der Sterne verliessen wir, ein harmonisches Quartett, am 7. August 1922 um vier Uhr die Concordiahütte, stiegen zum Aletschgletscher hinab und richteten unsere Schritte talauswärts gegen den Felsvorsprung von Inner-Schönbühl. Dort vertauschten wir das harte Gletschereis und die mühsamen Moränenblöcke mit sanften Mättchen und Grasplanken, die uns, wenigstens anfänglich, angenehm und mühelos den westlichen Rand des Schönbühlgletschers gewinnen liessen. Längs der Ostseite des Verlänge-rungssporns des Kamm-Südgrates stiegen wir über harten Firnschnee steil empor, bis eine Art Gletscherboden, direkt am Westfuss des Schönbühlhorns gelegen, eine willkommene Abwechslung bot und wir auf sanft geneigten Firnwellen den Gletscher nach Osten überschreiten konnten. Etwas nach 7 Uhr standen wir am Felsrand, direkt unterhalb der Gratlücke zwischen Schönbühl-horn-Westgipfel und Fieschergabelhorn. Der Anstieg zu diesem Sattel — Gabelhornsattel — ist leicht und von kurzer Dauer. Verschiedene Schneezungen ziehen zu den Felsen empor und gehen dann zumeist über in sehr steile und abschüssige Schutt- und Blockfelsenbänder, die von Süden nach Norden sehr steil zum Grat hinaufstreben. Wir wählten den kürzesten Weg, d.h. jenes Band, das direkt an der tiefsten Gratsenkung mündet. Zum Aufstieg gebrauchten wir nicht ganz 50 Minuten. Der Fels ist schlecht. Man klettert am besten unangeseilt und nahe beieinander. Steinschlag ist in den Morgenstunden kaum zu befürchten. Um 8 Uhr standen wir auf dem Sattel ( zirka 3800 m ). Von hier hätten wir leicht in einer Stunde zum Gabelhorn hinaufklettern können. Doch liessen wir diesen ungeplanten Abstecher beiseite und wandten uns nach reichlicher Rast unserm Hauptziel zu. Der von Hans König geforderte leichte Aufstieg auf den Gabelhornsattel dürfte also entsprechend seiner Voraussage gefunden sein, und ich möchte hier einschalten, dass dieser Gabelhornweg als der zwar kürzeste und leichteste, aber auch als der am wenigsten reizvolle gelten kann.

Bei scharfem Westwind und empfindlicher Kälte überkletterten wir vorerst das grosse Bollwerk, das uns von « unserm » Grate trennte. Eine Längsbegehung der beiden Gipfel des Schönbühlhorns ( 3864 m ) muss bei sonnigem, windstillem Wetter ein wahrer Hochgenuss sein. Die anregende Überkletterung der verschiedenen, teils aus Granit bestehenden Türme, die den fast horizontal verlaufenden Grat zwischen den beiden Gipfeln in angenehmer Weise unterbrechen, kam uns willkommen, denn dies trieb das warme Blut in die Gliederspitzen hinaus. Einen prächtigen und wohl selten zu beobachtenden Anblick bot uns das Gross-Wannehorn dar, während wir vom Schönbühlhorn in den südlichen Schönbühlsattel ( zirka 3750 m ) abstiegen. Der steil sich auftürmende, allem Schein nach recht schwierige Nordgrat teilt die ganze Landschaft in zwei scharfe, total verschiedene Hälften. Die Ursache dieser Bildteilung erkannten wir in dem scharfen Westwind, der vom Aletschgletscher her über die steilen Hänge emporjagte und, am Grate angekommen, plötzlich in eine elastische Wolken- und Nebelwand hineinblies. Während nämlich die Westseite unserer Gebirgskette völlig nebelfrei und teilweise von der Sonne beschienen war, steckten die gesamten Osthänge in dicken, quellenden Wolkenballen drin, die am Grenzgrat wie mit dem Messer abgeschnitten endigten. Der von unten nach oben schiessende Wind sog nun, sobald er die Felszone ins Leere hinaus überschritt, einen Teil dieser Wolken an und brachte eine stark rollende Bewegung in die Randzone der sonst träge und unbeweglich daliegenden Nebelmasse. Das Ganze machte den Eindruck, als ob die gesamte Ostseite des Berges in einer mächtig qualmenden Feuersbrunst drin läge. Ein wunderbarer Anblick!

Kurz vor zehn Uhr griffen wir die Felsen des Gross-Wannehorn-Nordgrates an. In drei Absätzen, die von unten nach oben an Steilheit rasch zunehmen, schwingt sich der Grat vom Sattel zum Nordgipfel hinauf. Anfänglich harmlos und leicht, wird der Grat weiter oben recht stotzig und luftig und verlangt vorsichtige und zuverlässige Kletterarbeit. Anton Simmen ging voran. Er benützte vorerst den Schneehang zur Linken, soweit dieser bequem gangbar war; dann stiegen wir in den gutgriffigen Felsen aufwärts. Der erste Gratabsatz wurde rasch und mühelos erklommen. Schnetzer und Rubi, die im Sattel etwas länger gerastet hatten, folgten uns in grossem Abstande. Diese zufällige Massnahme erwies sich etwas später als vorteilhaft, weil der obere Teil des zweiten Grataufschwunges da und dort lose Blöcke aufwies, die wir nun sorglos nach links in den Eishang rollen konnten, wodurch der Weg für die Nachkommenden gesäubert wurde. Wir kletterten stets ziemlich genau über die Gratkante. Trotz des Windes genossen wir diesen Aufstieg in vollen Zügen. Zur Linken eine undurchdringliche, ins Bodenlose fliehende Nebelwand, rechts helle Felsen und Firnhänge und tief unten im Tal die feingeschwungenen Linien und Flächenstreifen des Aletschgletschers. Es kletterte stets nur einer, während der andere sicherte. Manchmal fühlte man sich vom Wind, der einem von unten in die Schenkel fuhr, wie gehoben, und die Klimmzüge liessen sich sozusagen müheloser ausführen. Im obersten Absatz verlangten einige artige Felstürmchen nochmals unsere ganze Aufmerksamkeit, und kurz darauf, es war halbzwölf Uhr, betraten wir den felsigen Nordgipfel des Gross-Wannehorns ( 3905 m ). Unsere Kameraden folgten bald nach.

Nur kurze Gipfelrast, denn es nebelte stark, und der unangenehme Wind liess kein richtiges Ruhegefühl in uns aufkommen. Gerade zur Mittagszeit begannen wir den Abstieg. Zuerst zogen wir zum Südgipfel hinüber und kletterten dann ungefähr auf dem alten Studerschen Pfade über die Südwestwand hinunter. Aus dem obern Drittel der Wand, gewissermassen als Wegweiser dienend, steht ein forscher und morscher Felszahn markant heraus. Man steigt am besten in der Rinne rechts ( n. ) von ihm ab und umgeht seinen Fuss auf der Westseite in südlicher Richtung. Dadurch gewinnt man eine zweite, südlich gelegene Rinne, die einem für das mittlere Wandstück zum Abstieg dient. Die Felsen sind hier sehr brüchig; es droht also grosse Steinschlaggefahr. Ein solch fallender, mehrere Zentner schwerer Felsblock, der einem der über mir gehenden Kameraden in ganz unverschuldeter Weise unter den Füssen abgebrochen war, hätte mich um Haaresbreite erwischt. Er begnügte sich indessen, sein Missbelieben über die Ruhestörung dadurch auszudrücken, dass er mir den Pickelstock in « Hudeln und Fetzen » zermalmte. Im untern Teil der Wand wandten wir uns ziemlich stark nach links. Man ist zu diesem Ausweichen geradezu gezwungen, einesteils, weil die Felsbänderung in diesem Sinne verläuft, andernteils, weil die Rinnen, die man oben benützt, etwa fünfzig Meter über dem Firn in steilen und griffarmen Platten stumpf endigen. Nach einer guten Stunde war die unangenehme und etwas gefährliche, aber nicht schwierige Wand hinter uns. Unsere beiden Kameraden mussten zum Schluss, da sie zu stark in der Fallirne abgestiegen waren und nicht mehr rückwärts gehen wollten, vor unsern aufmerksamen und kritischen Blicken noch eine kleine Kletterprüfung ablegen, die gut bestanden wurde. Der weitere Abstieg über die nur wenig durchweichten Firnhänge des nördlichen Armes des Wannehorngletschers gestaltete sich leicht und mühelos und bot packende Ausblicke: Die scharfen Felszacken des untern Herbrigsgrates bildeten ganz abenteuerliche Vordergrundkulissen zu den prächtig geschwungenen Firnlinien und Gletscherflächen des Jungfrau- und Aletschfirns und ihrer kleinern Zuflüsse. Das Schönste von allem aber war stets die majestätische Ruhe und Gesetztheit des Aletsch. Rasch erreichten wir die Westecke des untersten Pfeilers des Herbrigsgrates, und ein Viertelstündchen später wanderten wir gemächlich auf der körnigen, knirschenden Fläche des Aletsch-stromes. Um 4 Uhr betraten wir wieder die hölzerne Schwelle der gastlichen Concordia.

Fiescher-Gabelhorn über den Nordostgrat.

Gerade so veränderlich und fast wankelmütig wie das Wetter waren wir selbst, zum mindesten ich. Am Tage nach unserer Wannehornfahrt regnete es; dann hellte der Himmel wieder auf. Wir benützten den zwar schönen, aber eisig kalten 10. August zu einer Erstüberschreitung der drei Dreieckhörner. Dann folgte wieder ein Tag mit tiefhängenden Wolkenmassen und Regenschauern, und in der Nacht fuhr sogar ein kraftvolles Gewitter überhin.

Als wir am 12. August um 6 Uhr früh aus schwerem Schlaf erwachten, fegte obenaus starker Weststurm. Wolkenreiter sausten in frisch-fröhlichem Galopp über die Viertausender hinweg und liessen da und dort an einer Spitze langgezogene, steifgespannte Fahnenwimpel flattern. Wir beschlossen die Heimreise, da die Ferien sowieso zur Neige gingen. Wir verstauten daher all unsere Ware sorgfältig in den Rucksäcken und waren nicht wenig erstaunt ob unsern Lasten, die eher einem Auszug als einer Heimkehr entsprachen. Um halbacht Uhr standen wir abmarschbereit vor der gastlichen Tür und waren eben daran, dem Hüttenwart die Hand zum Abschied zu drücken, als in diesem Augenblicke die Sonne so warm und wohlig auf die Felsplattform vor der Hütte schien, dass wir in unserer Absicht wiederum wankelmütig zu werden begannen. Und als Rubi meinte, es sei schade, dass wir gingen, der Tag verspreche Aufhellung und sonnige Mittagstunden, da stürzte unser Abreiseplan ins Bodenlose. Wir legten unsere Säcke, verpackt wie sie waren, beiseite, pumpten uns jenen des Hüttenwarts und eilten rasch von dannen, Richtung: Grünhornlücke.

Wir liefen wie die Wilden, wohl aus Angst, wir könnten uns zu guter Letzt doch nach Jungfraujoch locken lassen. Nach nicht ganz stündigem Aufstiege standen wir in der Lücke. Ein scheusslicher Westwind fegte übers Joch und drohte, uns auf den Fiescherfirn hinabzuwischen. Wir hielten uns kräftig am festverankerten Pickel und atmeten tief. Eine gute halbe Stunde später überschritten wir, Nacken und Hals mit aufgestülptem Kragen und tiefsitzender Hutkrempe schützend, gemächlich die Gipfelkuppe des Weiss-Nollen und betraten etwas nach zehn Uhr die untersten Felsen des Gabelhorn-Nordostgrates. Auf windgeschützter, sonniger Platte ruhten wir ein Viertelstündchen und genossen der köstlichsten Rast. Auch die hinter uns liegende Hetzjagd, die Flucht vor dem heulenden Sturm und der Trotz wider ihn waren Genuss gewesen, nur ganz anderer Art und anders begründet. Hier oben fühlten wir uns jetzt sicher vor jeglicher Versuchung, die Berge in schnöder Art plötzlich und treulos zu verlassen. Wir wussten genau, unsere Heimfahrt könne nur über den Gipfel der Gabel führen. Der Grat und die Wände strebten zwar unheimlich steil und keck empor. Doch was focht uns das an? Der Fels ist griffig und hart. Wir fühlten uns frischer als je, und zudem galt es, eine Scharte auszuwetzen, eine Blösse, die wir vor wenigen Stunden uns selbst gegeben. Ich ging voran, denn ich war es auch, der als erster am frühen Morgen die Fahne auf Halbmast gezogen hatte. Wir Fiescher-Gabelhorn.

benützten zunächst die Felsen auf der Ostflanke des Grates, um uns nicht gleich zu Beginn dem tobenden Winde auszusetzen. Eine Art Rinne führte uns nicht allzu schwer empor. Der Fels ist hier plattig und schiefrig, und die daran klebenden Eisschollen erleichterten den Gang nicht sehr. Doch schien die Sonne gar zärtlich auf unsere Rücken und wärmte Fels und Glieder, dass wir das Unangenehme gern in Kauf nahmen. Nach nicht ganz halbstündiger Kletterei standen wir wieder auf dem Grat, etwa in halber Höhe zwischen dem Joch südlich des Nollen und dem Gipfel der Gabel. Die Ostflanke wird so steil, dass ein Klettern in ihr unnütze Kraftverschwendung bedeuten würde. Also blieben wir auf dem Grat. Zwar rüttelte und schüttelte uns der Wind unbarmherzig, und das Jenseits der Gratkante, das der eisig erstarrten Nordflanke angehörte, war frisch überstreut mit pulverigkörnigem Neuschnee, der Ritzen und Rillen füllte. Doch sieh da! Der Fels hatte Erbarmen mit uns. An Stelle des lästigen Plattengefüges erschien herrlich gestuftes, grossblockiges Granitgestein. Man glaubte sich auf einmal in die Nadeln des Mont Blanc oder an die Zacken des Bergell versetzt. Sofort erwachte der alte Granitgeist in uns, und mit mächtigem Arm und trutzigen Schenkeln holten wir aus und turnten hinauf an der stotzigen Quaderwand, dass darob dem Wind das Heulen verging. Zur Rechten stürzt die Wand in jäher Flucht hinab auf die obere Mulde des Grünhornfirns, und die giftig-grünen Eisbänd-chen, die da und dort die Wand durchziehen, erhöhen noch den Eindruck der Unersteigbarkeit dieser Flanke. Es ist doch gut, dass es auch unersteigliche Wände gibt und Stufen, die unser Können ohne Hilfsmittel nie bezwingen wird. Denn die Lust an der Leistung wächst, im Grunde genommen, doch mit der Überzeugung, dass unser Können in allem begrenzt und beschränkt ist. Im obersten Gratstück wechselt die Felsstruktur abermals. Wir kletterten wieder in Gneis und plattig zerrissenem Gestein. Doch kümmerte uns das nur wenig. Die Spitze der « Gabel » winkte aus nächster Nähe; der Sturm hatte seine Flügel gebrochen und flatterte nur mehr zaghaft in ausklingenden, sterbenden Stössen. Die mittägliche Wärme versprach angenehme Gipfelrast, und der Himmel entblösste sich zusehends von seinem Gewölk. Kurz nach halbein Uhr kamen wir oben an. Von Müdigkeit kaum die Spur, und was noch mehr wert, ein schönes Ziel war erreicht. « Papa Rubi, du hast recht gehabt! Dem rechten Wort zur richtigen Stunde gebührt auch ein Teil des Erfolges! Die Veranlassung zum Umschwung kam — vielleicht ungewollt — von dir; also verdanken wir auch dir einen Teil des Genusses dieser Neufahrt! » Das Auge schweifte vorerst in der nächsten Umgebung umher. Begreiflicherweise fesselte uns am meisten der Anblick des wildzerrissenen Grates von der Gabel zum Kamm hinüber, planten wir doch, darüber abzusteigen. « Potz tausend, der sieht aber kitzlig aus! Den lassen wir für heute lieber bleiben. » Bei dem Neuschnee, der auf den spärlichen Absätzchen lagerte und ihre Eisglasur verdeckte, dünkte uns dieser Abstieg — scheinbar ins Leere — doch zu gewagt. Von oben herab gesehen, sieht eben mancher Grat und manche Wand viel eindrucksvoller aus, als sie oftmals ist. Wir wählten zum Abstieg also den gewöhnlichen Weg, der über den südlichen Teil der Ostflanke des Berges führt und den Ostsporn unten umgeht. Der Weg ist harmlos. Also gönnten wir uns sorglose, reichliche Gipfelrast und genossen die Stunde der Ruhe in vollen Zügen. Es ist doch ein verdammtes Ding, wenn man in gewissen Minuten sportlich, nur sportlich zu denken vermag und den Sportsmann nicht, wie gewünscht, auszuschalten vermag! So ging 's mir auf dem Gipfel der « Gabel ». Stets musste ich hinüberschauen zum Kamm, zu seiner steil abfallenden Nordflanke und zur Ostbastion seines Gipfelaufbaus, derweilen Toni in aller Ruhe und Gemächlichkeit dem Schlafe sich hingab. Ich bin geneigt, zu glauben, dass auch gewisse Sportfragen den Menschen fast besessen machen können, statt dass er majestätisch über den Dingen zu thronen vermag. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, der Sport sei hier kein Ausnahmekind. Gibt es nicht auch besessene Künstler, verschrobene Politiker, einseitige Wissenschaftler und trockengelaufene Philosophen die Menge? So ein bisschen verschroben ist zeitweise jedermann — und da ist es wohl besser, man kaut allein an seinem Schmarren auf einsamer Bergeshöh, als dass man in einer Schar von Mitmenschen seinen Koller breitschlägt.

Kurz vor zwei Uhr brachen wir wieder auf. Den Ostsporn der Gabel und den sich ihm anschliessenden Firnbruch umgingen wir nicht ganz unten, sondern querten die Felsrippe im untersten Viertel und seilten uns über den an ihr sich anlehnenden, kurzen Eishang ab. Diese Abkürzung brachte noch einmal « Leben in die Bude » und ersparte uns zugleich eine lästige Schneestampferei. Um drei Uhr überschritten wir abermals den Nollen, diesmal aber in plumpem Wateschritt; in der vierten Mittagstunde hielten wir wiederum kurze Rast in der Grünhornlücke, und kurz vor fünf drückten wir Vater Rubi in seinem Heim zum zweitenmal heute die schwielige Hand, diesmal nicht als Empfangende, sondern als Gebende.

Bei einbrechender Nacht erwachten die Sturmgeister wieder. Und tags darauf freuten wir beide, Simmen und ich, uns kindisch auf Jungfraujoch an der im Weststurm straff gespannten, knallenden Fahne und an den schalkhaft um wohlgeformte Damenbeinchen flatternden Röcklein.

Klein-Wannehorn. Abstieg über den Distelgrat.

« In den Disteln », an dem südlichen Fuss des Distelgrates, verbrachten wir einen herrlichen Tag hei dem smaragdgrünen Gletscherseelein, umbordet von fetten Grasplanken und weissen Granitblöcken. Reinste Bergeinsamkeit... Und einen guten halben Tag arbeiteten wir an der Errichtung eines bequemen Biwakplatzes, verliessen ihn aber schnöde bei anbrechender Nacht und verzogen zu den Milchtöpfen der Märjelenalp. Wir sagten beide, das unsichere Wetter sei der Grund unseres Wechseins; im Grunde genommen hatte keiner weder Lust noch Liebe, draussen zu nächtigen, sondern wir sehnten uns nach einem dachsichern Heulager. Ich glaube zwar, in dem sorgsam gepolsterten Biwakloch hätten wir mindestens so gut geschlafen wie oben in der alten, zügigen Steinhütte auf den spärlichen Strohhalmen, ohne Decke und Kopfkissen. Nun, als Hauptsache galt, wir schliefen in einer Klause und vertrösteten uns auf das mollige Deckenlager der Concordiahütte.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt gehabt, den Distelgrat im Aufstieg zu bewältigen, von einer Beiwacht « Im weissen Fläsch » aus. Die Unlust zu einem Freilager bewirkte ein Umkehren der Planrichtung. Wir schauten uns also den Distelgrat zuerst von oben an und endigten dort, wo wir anzufangen beabsichtigt hatten. Ohne Zweifel ist die Begehung des Grates im Abstieg das mühelosere und genussreichere Unternehmen als im Aufstieg. Die Fahrt als solche kann leicht, mittelschwer oder sehr schwer gestaltet werden, je nachdem man nur Teile des Grates oder den Grat in seiner ganzen Ausdehnung begehen will. Wir haben die Mitte gewählt, gut drei Viertel des Grates verfolgt und mit Ausnahme einiger schwerer Türme stets die Kante innegehalten.

Die Bergfahrt gelang uns bei besten Verhältnissen und herrlichstem Wetter am 30. Juli 1923. Um vier Uhr früh verliessen wir die Concordiahütte und betraten um halbacht Uhr schon den Gipfel des Klein-Wannehorns. Hier genossen wir in vollen Zügen die herrliche Fernsicht, besonders auf die in blendendem Weiss und dunkelstem Schwarz vom Horizont sich haarscharf DIE WALLISER FIESCHERHÖRNER.

Distelgrat vom Eggishorn gesehen.

abhebenden Zermatter und Saaser Bergriesen. Um halbneun Uhr begannen wir den Abstieg, und abends um fünf Uhr betraten wir froh und munter den grünen Talboden « In den Disteln » mit seinem einzigschönen, kristallklaren Seelein. Es würde zu weit führen, hier eine eingehende Beschreibung des ganzen, über 2 km langen Grates zu geben. Wer Genaueres wissen will, der sehe nach in der « Alpina » 1924, Seite 134. Eine kurzgefasste, mehr allgemein gehaltene Zergliederung mag jedoch am Platze sein. Die Einzelheiten ergeben sich aus der Skizze.

Distelgrat benennt man den mächtigen Ostgrat des Klein-Wannehorns. Der Höhenabstand vom Gipfel zum Fuss beträgt über 1700 m ( von 3717 bis 1900 m ). Seine Südwände sind äusserst steil und hoch; an die Nordseite lehnt der Triftgletscher an, der teilweise bis zum Grat auflagert, an einzelnen Stellen, besonders im obern Drittel, sogar die Gratschneide berührt und aus ihr ein recht willkommenes, Abwechslung bietendes Firngrätchen bildet. Im obern Teil besteht der Fels wohl vorwiegend aus Gneis, weiter unten aus Granit. Der Grat selbst ist in drei Teile gegliedert: zuerst folgt ein oberer Steilabschwung, teilweise aus Firngrat gebildet, bis zu einer tiefeingeschnittenen, markanten Lücke; dann ein richtiger Zackengrat mit mehreren scharfen Einschnitten und wilden Türmen, er endet in Punkt 3085, Distelspitz; zuletzt folgt wieder steiler, abfallender Grat, anfangs leicht, gegen das Ende aber sehr schwierig; er verläuft ziemlich gleichmässig bis zum äussersten Eckpfeiler ( Distelkopf ), von wo er dann in wuchtigem Schwung, oben teilweise senkrecht, auf den Fieschergletscher abfällt. Den ersten und den zweiten Teil haben wir völlig begangen, vom dritten nur das obere Drittel; dann stiegen wir die südliche Wandflucht hinunter, auf von sehr abschüssigen Grasplanken durchsetzten Felsbastionen. Dieses letzte Stück war bei weitem das unangenehmste; es erforderte vollen Einsatz des Willens und ständige Beobachtung des Kameraden. Im zweiten Teil umgingen wir kurz vor der zweiten grossen Lücke die wilden Felstürme links ( n. ); auch im obersten Stück, zwischen dem ersten und zweiten Schneegrätchen, haben wir uns für kurze Zeit in der linken ( n. ) Wandseite gehalten. Der Grat als solcher ist sehr schön, wild, mit grossartigen Tiefblicken. Stets hat man — wenn die Kletterei im Abstieg erfolgt — das Fieschertal und den prächtig geschwungenen Fieschergletscher vor Augen. Es ist ein richtiges Absteigen von sehr hoher Warte in ein sehr tiefes Tal hinunter.

Der Aufstieg von Concordia zum Gipfel des Klein-Wannehorns ist leicht und wenig mühsam. Will man direkt nach Fiesch absteigen, so geht man über das erste, leichteste Gratstück hinab bis zur ersten grossen Lücke, gelangt sodann mühelos durch eine meist mit Schnee gefüllte Rinne auf den nördlichen Arm des Distelgletscherchens, einen harmlosen Schneefirn ob « den Disteln », und weiter hinunter über Schutt und Steilmatten zum « weissen Fläsch », von wo ein kleiner Geisspfad über « Stock » nach Fiesch führt. Der Abstieg dürfte wohl keine fünf Stunden in Anspruch nehmen.

Von einer frühern Begehung des Distelgrates habe ich weder etwas gelesen noch gehört, trotz eifrigem Nachforschen. Die Fiescher Bergführer erklärten mir, dass bei der Verfolgung von Gemsen wohl der eine und andere Jäger den Grat schon betreten haben möge; von einer systematischen, turistischen Auskundschaftung wussten auch sie nichts zu berichten; ebensowenig Rubi, der ja die nähere und weitere Umgebung von Concordia wie seine Hosentasche kennt. Nirgends haben wir Zeichen einer frühern Besteigung gefunden. Nicht einmal Punkt 3085, eine sonst recht markante Felsspitze, trug ein geordnetes Steinhäuflein, dem man den Namen Steinmann hätte geben können. Infolgedessen betrachte ich unsern Abstieg als Neubegehung. Auf alle Fälle war er sehr lohnend und schön.

In später Abendstunde, währschaft ermüdet von der Tagesarbeit, langten wir wieder bei der Märjelenalp an. Eigentlich fühlten wir beide das Mass des Wanderns bis zum obersten Rande gefüllt und sehnten uns sehr nach einem bequemen Ruhebett. Leider gab es dies auf dieser Alp nicht — wir halten ja unsere Erfahrungen schon gemacht. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als weiter zu pilgern. Toni Simmen besass noch genügende Reste von Ausdauer, Geduld und gutem Willen für den weiten Weg zur Concordiahütte; ich begnügte mich mit dem kürzern Abstieg zum Hotel Eggishorn.

Am Tage darauf bummelte ich aufs Eggishorn, dem von alters her klassischen Aussichtberg des Oberwallis, sass dort oben volle vier Stunden und genoss die herrliche Alpenwelt in tiefen Zügen, so in richtiger Ruhe und Sorgenlosigkeit, ohne Hast und Eile und im Bewusstsein, vor mir nur einen gemütlichen Spaziergang zur Concordiahütte zu haben. Solcher Tage bedarf man auch; man geniesst sie aber nur dann so recht, wenn vorher tüchtige Arbeit geleistet worden ist.

Mit dem Distelgrat des Klein-Wannehorns war mein bergsporllicher Ehrgeiz in den Walliser Fiescherhörnern befriedigt und beendet. Wohl gibt es noch einige sehr lohnende Probleme in dieser Gebirgsgruppe; sie sollen andern gehören, solchen, die es verstehen, das Vergnügen an der Natur mit der Freude an der Leistung zu verbinden.

Zusammenstellung der bis jetzt ausgeführten Neufahrten in den Walliser Fiescherhörnern.

Trotzdem in der Literatur die Walliser Fiescherhörner verhältnismässig wenig berücksichtigt worden sind — man findet kaum mehr als sechs Aufsätze und ein gutes Dutzend kleinerer Notizen über diese Berggruppe —, so ist das Gebiet heute doch bereits turistisch so weit durchforscht, dass eine vollständige Zusammenstellung der Anstiege und Abstiege als gegeben erscheinen mag, dies um so mehr, als fast die Hälfte der unten angegebenen Besteigungen in Dübis « Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen » noch nicht verzeichnet ist. I. Faulberg, P. 3244. Erstbesteiger unbekannt.

Westgrat ( 1 ): gute Beschreibung von H. Kœnig, S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 44. Oslgrat ( 2 ): kurze Notiz von J. Dubois, S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 49.

II. Faulbergpass, zirka 3180 m. Tiefste Lücke zwischen Faulberg und Kamm.

Von Norden ( 3 ): H. Marsh und H. W. Topham, 27. Juni 1893. Von Süden ( 4 ): die Nämlichen. Siehe in « Two Seasons in Switzerland » by Herbert Marsh Fisher-Nerwin, London 1895. III. Kamm, 3870 m. Erstbesteiger G. Lammer und A. Lorria, 17. August 1885. Westgrat ( 5 ): Jean Dubois und Christian Rubi, 2. Aug. 1919. Siehe S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 49 und 203.

Westsüdwestrippe ( 6 ): J. Cathrein und Fr. Berchtold, 18. Sept. 1905. Laut brieflicher Mitteilung am 10. Juli 1922 von J. Cathrein an mich.

Westrinne ( 7 ): H. Marsh und H.W. Topham, 29. Juni 1893. Sieheoben. Südsüdwestqrat ( 8 ): G. Lammer und A. Lorria, 17. Aug. 1885. Siehe Alp. Journal 1887, S. 384; Östr. Alp. Ztg. 1885, S. 220; Mitt. d. D. u. Ö.A.V. 1885, S. 194.

/. Variante: J. A. Luttmann, mit Führern A. Gentinetta und F. Biener, 15. Sept. 1892. Siehe Alp. Journal, vol. XVI, 1893, S. 461. //. Variante ( 9 ): Lammer und Lorria, 17. Aug. 1885, im Abstieg.

Siehe oben.

Südwestrinne ( 10 ): im Abstieg von Luttmann, Gentinetta und Biener, 15. Sept. 1892. Siehe oben und auch die Beschreibung von Hans Kcenig, S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 46. Südrippe ( 11 ): W. Larden, mit Führern D. Maquignaz und R. Corry, im Abstieg. 28. Juni 1895. Siehe Östr. Alp. Ztg. 1895, S. 243. Nordwand ( 12 ): H. Lauper, O. Hug, 19. Aug. 1922. Siehe 17. Jahresber. des A.A.C.B.ern, S. 24, und Alpina 1923, S. 126 und 143.

Anmerkung: Man vergleiche zu dieser Zeichnung diejenige auf Seite 78 ( Februarheft ) der « Alpen. » IV. Kammjoch, zirka 3780 m. Lücke zwischen Kamm und Fiescher-gabeJhorn. Erstmals erstiegen von Süden ( 13 ): durch H. Kœnig, E. Paréjas und Hans Rubi, 9. Sept. 1919. Siehe S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 50.

V. Fiescher-Gabelhorn. 3902 m. Erstbesteiger Paul und Charles Montandon, 8. Aug. 1889.

Westgrat ( 14 ): E. Paréjas, H. Kœnig, H. Rubi, 9. Sept. 1919. Siehe oben.

Südgrat ( 15 ): Teilbegehung von P. u. Ch. Montandon, B. Aug. 1889.

Völlige Begehung von Koenig und Kameraden, 9. Sept. 1919.

Südoslflanke ( 16 ): Paul und Charles Montandon, B. Aug. 1889. Siehe S.A.C.J.ahrbuch 1889/90, S. 114.

Nordostgrat ( 17 ): O. Hug und A. Simmen, 12. Aug. 1922. Siehe l7. Jah- resber. A.A.C.B.ern, S. 23, und Alpina 1923, S. 143. VI. Weiss-Nollen, 3609 m.Erstbesteiger:P. u. Ch. Montandon, B. Aug. 1889.

Nordgrat und Überschreitung ( 18 ): die genannten. Siehe oben. VII. Gabelhornsattel, zirka 3790 m.

Von Osten ( 19 ): P. Schucan, P. J. Iklé, A. Pfister und Maurice Crettez, mit Ski, am 14. März 1908. Siehe Dübi: Hochgebirgsführer I I I, 42.

Von Westen ( 20 ): A. Simmen, O. Hug; Chr. Rubi, J. Schnetzer, 8. Aug. 1922. Siehe 17. Jahresbericht des A.A.C.B.ern, S. 20, und Alpina 1923, S. 143.

VIII. Schönbühlhorn, 3864 m, zweigipflig. Erstbesteiger Louis Kurz, A. Barbey, mit Führern Seiler und Albrecht, 13. Juli 1884. Nordgrat ( 21 ): P. Schucan, P. J. Iklé, A. Pfister, M. Crettez, 18. März 1908. Siehe oben. Westgipfel-Südwestrippe ( 22 ): J. Cathrein und V. Bethel, B. Sept.

1911. Briefl. Mitteilung an mich von Cathrein. Westgipfel-Südflanke ( 23 ): Die Nämlichen im Abstieg, B. Sept. 1911. « Tour leicht, aber sehr steinschlaggefährlich; sollte nicht wiederholt werden » ( Cathrein ).

Ostgipfel-Nordostgrat ( 24 ): L. Kurz, A. Barbey, mit Seiler und Albrecht, 13. Juli 1884. Siehe S.A.C.J.ahrbuch 1884/85, S. 145Alp. Journal 1886, S. 479; Gotti. Studer: Über Eis und Schnee, 2. Aufl., Bern 1896, I, 352. Ostgipfel Südgrat ( 25 ): die Nämlichen, 13. Juli 1884. Siehe oben.

IX. Schönbühlsattel, Lücke zwischen Schönbühlhorn und Gross-Wannehorn.

Zirka 3760 m. Erstmals begangen im Abstieg. Westflanke ( 26 ): Kurz, Barbey, mit Seiler und Albrecht, 13. Juli 1884.

Siehe oben.

Variante: Koenig und Kameraden, S.A.C.J.ahrbuch 1919, S. 44 f. X. Gross-Wannehorn, zweigipflig, 3905, 3900 m. Erstbesteigung am 6. Aug. 1864 durch Gotti. Studer, Rudolf Linth, mit Führern Kaspar Blatter und Peter Sulzer.

Nordgral ( 27 ): A. Simmen, O. Hug; Chr. Rubi, J. Schnetzer, B. Aug. 1922. Siehe 17. Jahresbericht A.A.C.B.ern, S 21; Alpina 1923, S. 143. Ostflanke und Ostgrat ( 28 ): G. Studer, R. Linth, mit Blatter u. Sulzer, 6. Aug. 1864. Siehe S.A.C.J.ahrbuch 1865, S. 187.

Ostgrat mit Betretung von P. 3515 ( Gipfel des Triftgrates ) ( 29 ): Siehe S.A.C.J.ahrbuch 1891/92, S. 470.

Südwestwand ( 30 ): Studer, Lindt, mit Blatter und Sulzer, im Abstieg, 6. Aug. 1864. Siehe oben.

XI. Klein -Wannehorn, 3717 m. Erstbesteiger: S. Taylor, W. H. Gladstone. C. S. Parker, mit Führern F. Schwick und J. Tännler, am 23. Aug. 1866.

Die Besteigungsgeschichte des Klein-Wannehorn, im besondern jene seines etwas unregelmässig gestalteten Südwestgrates, ist ziemlich unklar und verwickelt. Dieser Südwestgrat beginnt in der flachen Lücke nordöstlich von P. 3330, der einen orographisch selbständigen, wenn auch unbedeutenden Gipfel bildet und von W. Young den Namen Senfspitze erhalten hat. Die Unklarheit rührt von zwei Umständen her: erstens weist dieser Grat in seinen untern zwei Dritteln zwei gewaltige Zacken auf — Young benannte sie die Hummerscheeren —, die besonders von Südosten als selbständig wirkende Gipfel imponieren, nordwestlich jedoch sehr nahe des Grates auf Firnhängen umgangen werden können; zweitens hat keine der Partien, die an diesem Südgrat ihr Glück versucht haben, denselben richtig und vollständig begangen, sondern ist immer mehr oder weniger frühzeitig südlich der zweiten, nördlichen Scheere nach links ( Westen ) ausgewichen und hat die Klein-Wannehornbesteigung über die leichten Firnhänge seiner Westflanke und seinen leichten Nordgrat vollendet. Der Südwestgrat ist demzufolge bis jetzt erst in seinem untern Drittel begangen worden. Die besteigungsgeschichtlichen Aufzeichnungen lauten daher folgendermassen :.

Nordgrat ( 31 ): kurzer, leichter Grat; erstmals begangen von Taylor, Gladstone, Parker und Führern Schwick und Tännler, am 23. Aug. 1866. Siehe Alp. Journal 1865/66, S. 411; Gotti. Studer: Über Eis und Schnee. 2. Aufl., I, 350.

Westflanke ( 32 ) ( d.h. Südarm des Wannehorngletscher ) und Nordgrat: teilweise begangen von den Partien Taylor ( s. oben ), Withers, Young und Williamson ( s. unten ). Erste vollständige und schriftlich festgelegte Begehung von A. Simmen und O. Hug. Siehe Text.

Ostgrat ( Distelgrat ) ( 33 ): O. Hug und A. Simmen, am 30. Juli 1923.

Variante ( 34 ): Ostgrat mit Abstieg nach Süden von der ersten grossen Lücke: W. Allemann und Rob. Hæfeli, am 12. Sept.

1923 ( laut persönl. Mitteilung von Herrn Allemann an mich ).

Südgrat: nur teilweise begangen im untern Drittel bis und mit erstem Gratturm ( südliche Scheere ) von:

a35 ): J. J. Withers, Gifford Ransford, mit Führern Heinrich Zurflüh und Melchior Anderegg, 8. Sept. 1893. Siehe Studer: Über Eis und Schnee, 2. Aufl., I, 351, und H. Dübi: Hochgebirgsführer III, 43.

b36 ): W. und H. Young, mit Führern Jos. Lochmatter und Clemens Ruppen, 3. Aug. 1904. Siehe Alp. Journal 1904/05, S. 323; S.A.C.J.ahrbuch 1904/05, S. 296; Dübi, III, 44.

c ) O. K. Williamson, H. Fux, 23. Juli 1921. Alp. Journal 1921, S. 166.

Südwand ( 37 ): begangen im untern, südwestlichen Teil, von W. Allemann und Rob. Hæfeli, am 12. September 1923 ( persönl. Mitteilung von Herrn Allemann ).

XII. Distelspitze, P. 3085 ( 38 ): Erstbesteigung und West-Südbegehung von O. Hug und A. Simmen, 30. Juli 1923.

XIII. Senfspitze, P. 3330 ( 39 ): Erstbesteigung von W. u. H. Young, mit Führern J. Lochmatter und Cl. Ruppen, 3. Aug. 1904. Siehe oben.

XIV. Strahlhörner, Punkte 3279, 3104, 3061, 3080, 3053,3030(40 ): Erst- besteigung: Miss Maye Bruce, A. Sloman, mit Führer J. Eisig, 6. Aug. 1912. Siehe Alp. Journal 1912, S. 463; S.A.C.J.ahrbuch 1912, S. 244.

Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich ohne weiteres, was an Neufahrten in den Walliser Fiescherhörnern noch übrigbleibt. Mit Ausnahme von einer bis zwei sind sie aber alle als schwierig bis sehr schwierig einzuschätzen. Der noch ungelöste Aufstieg vom Kammjoch auf den Kamm bietet zwar kurze, voraussichtlich aber schwere und ausgesetzte Kletterei. Unmöglich ist die Sache aber keineswegs. Als aussichtslos dagegen halte ich die Besteigung des Fiescher-Gabelhorns über seine Nordwand. Ich bin allerdings gewohnt, in der Voraussage über die Möglichkeit einer Besteigung vorsichtig zu sein — ein Blick in die bestehende Bergliteratur gibt uns hier allerlei Überraschungen, indem manches bergsteigerische Problem doch und manchmal gar nicht zu schwer gelöst wurde, trotzdem es anfänglich, und à distance betrachtet, als unmöglich bewertet wurde —, aber diesbezüglich glaube ich doch, dass die Möglichkeiten dieser Besteigung äusserst bescheidene sind. Dagegen gibt es am Grossen Wannehorn noch mehrere Neufahrten, die dem ernsthaften Bergsteiger schöne Arbeit, Genuss und Erfolg sichern. Der gute Kletterer wird seine Kunst durch die Bezwingung des Herbrigsgrates, besonders im letzten Aufschwung zum Gipfel, beweisen können, während der Eistech-niker an der Nordostrippe seinen Pickel nach Herzenslust schwingen kann. Auch der Triftgrat erwartet noch seinen ersten Besucher, und der Südgrat ( Verbindungsstück vom Grossen zum Klein-Wannehorn ) ist bis heute scheinbar noch unbegangen geblieben; von weitem erscheint er genussreich und nicht schwer, vielleicht aber könnte es doch Überraschungen absetzen. Am Kleinen Wannehorn sollte endlich der Südwestgrat erledigt werden. Die eigentliche Südwand dagegen ( besser Südostwand ) bildet ein Problem eigener Währung. Wer sie angreifen will, sollte unbedingt vorher Erkundungen vornehmen, denn der einzuschlagende Anstieg wird voraussichtlich etwas gewunden verlaufen. Ohne Zweifel aber ist die Bezwingung dieser ganzen Wandflucht vom Schönsten, was sich der Techniker und Taktiker wünschen kann; und auch in bezug auf landschaftliche Reize darf diese Plattenwand ruhig an die Seite der Mont Blanc-Aiguilles gestellt werden. Ein guter Schlafplatz besteht ja jetzt « In den Disteln », denn die Zweitbesucher desselben, Hæfeli und Allemann vom A.A.C.Z.rich, haben ihn weiter ausgebaut, so dass er heute wohl als leidlich bequem gewertet werden darf.

Zum Schlusse gebe ich doppelter Hoffnung Ausdruck: erstens, dass die Walliser Fiescherhörner von den Bergsteigern besser berücksichtigt werden; sie verdienen es, denn sie sind schön; zweitens, dass bald jene Bergsteiger erscheinen, die obige Anregungen in Taten umzusetzen gewillt sind.

Oskar Hug.

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