Das Pommat und die deutsche Sprachgemeinde Bosco im Tessin

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die deutsche Sprachgemeinde Bosco im Tessin

Von Dr. A. Bähler ( Sektion Biel ).

Die eigentümliche Erscheinung der deutschen Sprachgemeinden am Südfuße der penninischen und lepontischen Alpen ist schon zu wiederholten Malen der Gegenstand eingehender Forschung und Schilderung, sowohl in geschichtlicher als in sprachlicher Beziehung, gewesen, so daß die Litteratur über diese Materie sehr reichhaltig geworden ist. Vor allem sind es die deutschen Gemeinden Gressoney und Alagna, sowie Macugnaga am Südfuße des Monte Rosa, und nicht weniger das Pommât, sämtliche im italienischen Staatsgebiet liegend, welche, vermöge ihrer leichten Zugänglichkeit, in erster Linie Berücksichtigung gefunden haben, währenddem die einzige deutsche Sprachgemeinde im Kanton Tessin, das Dorf Bosco, deutsch Gurin, zu hinterst im Thal der Rovana, einem westlichen Zufluß der Maggia, in weitern Kreisen noch wenig bekannt geworden ist. Es mag daher am Platze sein, über diesen abgelegenen und weltvergessenen deutschen Erdenwinkel in welschen Landen auch im Jahrbuch des S.A.C. einige Mitteilungen niederzulegen, um so mehr, da das diesjährige Jahresfest des Alpenclubs eine stattliche Zahl von Mitgliedern aus allen Teilen der Schweiz am lachenden Ufer des Ceresio vereinigen dürfte, und diese Zeilen vielleicht den einen oder andern veranlassen, bei dieser Gelegenheit den deutschen Sprachgenossen in Bosco einen kurzen Besuch abzustatten, welcher ihn auf keinen Fall gereuen wird.

Wenn Bosco bis jetzt nicht mehr bekannt geworden und touristisch noch wenig besucht worden ist, so liegt in erster Linie der Grund dafür in seiner abgelegenen, relativ schwer zugänglichen Lage. Der einzige Zugang auf schweizerischem Gebiet, auf welchem der Besuch des Ortes sich am leichtesten ausführen läßt, führt von Cevio im Maggiathal auf gut unterhaltenem, vor kurzem erst erstelltem Fahrsträßchen über Linescio, der Heimat unserer Kastanienbrater, durch das Thal der Rovana nach dem hochgelegenen Cerentino, wo sich das Thal links nach dem bergsturzbedrohten Campo und Cimalmotto und rechts nach dem einsamen Alpenthälchen gabelt, in dessen hinterster Mulde, auf schlechtem Fußpfad in zwei bis drei Stunden erreichbar, in einer Höhe von 1506™ unser Ziel Bosco, umgeben von grünen Alptriften, hohen Felswänden und zackigen Gräten, versteckt liegt. Aus dem italienischen Antigoriothale kann der Ort auch nur auf beschwerlichen Pässen und wenig begangenen Pfaden erreicht werden, und zwar führen von Foppiano, deutsch Unterwald, dem letzten Ort des italienischsprechenden Antigoriothals, woselbst die deutsche Sprache des Pommats und die italienische Sprache des untern Tocelaufes sich begegnen, in östlicher Richtung, zwei touristisch selten, aber von Schmugglern häufig begangene Pässe, ins schweizerische Gebiet nach Bosco hinüber. Dem linken Ufer des Balmbaches folgend, führt östlich über die Alpen Balm und Boden ein Pfad zur vordem Furka hinauf und in südöstlicher Richtung über die Krameggalp, am klaren See gleichen Namens vorbei, über den Grenzgrat der Krameggpaß. Beide Pfade führen von Unterwald in sechs bis sieben Stunden nach Bosco. Von Staffehvald, dem untersten Dörfchen des deutschsprechenden Pommâtes oder Formazzathales führen in gleicher Richtung zwei Wege hinüber; der eine über die Alp Staffel und südlich über einen Ausläufer des Marchenspitzes, die Alp Boden rechts unten lassend, zur vordem Furka ( 2322 m ) oder von der Staffelalp östlich hinauf zur hintern Furka ( 2422 m ) zwischen dem Wandfluhhorn und dem Marchenspitz, welcher Weg etwas länger und mühsamer ist als der erste. Bevor wir nun auf Bosco selbst zu sprechen kommen, mögen einige Notizen über die deutschen Sprachgemeinden jenseits der Alpen zur Orientierung am Platze sein.

Die Besiedelung der Hochthäler jenseits des vergletscherten Grenzwalles, der das Wallis von Italien trennt, durch deutsche Kolonisten, fällt nachgewiesenermaßen mit jener Zeit des 11., 12. und 13. Jahrhunderts zusammen, als das Oberwallis durch die Expansionskraft und Kolonisations-fähigkeit seiner Bewohner der Ausgangspunkt weitgehender Völkerverschiebungen im Gebiete der Alpen wurde und die „ freien Walser " aus dynastischen Motiven nicht nur in naheliegende Gebiete verpflanzt, sondern auch zur Ansiedlung in entlegeneren Gegenden veranlaßt wurden. Die Ansiedlung „ freier Walser " im Vorarlberg, im Rheinthal u. s. w. sind bekannt; ebenso daß Lötscher, d.h. Lötschthaler als Kolonisten in den hintern Grund des Lauterbrunnenthaies, nach Murren, Gimmelwald und Wengen, sowie an den obern Lauf der Kander versetzt worden sind. Aus ähnlichen nachbarlichen, dynastischen Interessen fand zu Folge geschichtlicher Tradition zwischen dem piemontesischen Grafen Gottfried von Biandrate und den ihm verschwägerten Freiherren von Gestelenburg die Besiedlung des, übrigens nicht unbewohnten, obern Anzascathales durch wallisische Kolonen statt, auf welches Ereignis eine Urkunde vom Jahr 1250 hinweist. Auf diese Weise wurde Macugnaga von Saas aus über den Monte Moro, der im Mittelalter zu Handelszwecken einen sehr bedeutenden Übergang nach Italien bildete und damals gut unterhalten war, dauernd besiedelt. Bei zunehmender Vermehrung und größer werdendem Bedürfnis nach Weideplätzen wurde der Turlopaß überschritten und in Alagna zu oberst in der Val Sesia fester Fuß gefaßt, von wo über den Col d' Olen mit den über den Theodulpaß und die Cimes Blanches ins Thal der Lesa hinüber gekommenen wallisischen Landsleuten in Gressoney die Verbindung bald hergestellt war. Auf diese Weise werden auch von Macugnaga aus die Dörfer Rima im Sermenta- und Rimella im Mastal-lonethal von deutschen Wallisern besiedelt worden sein. Ähnlich lagen die Dinge im Formazzathal, welches mit dem Wallis über den Griespaß eine verhältnismäßig leichtere Verbindung hatte, als dem Lauf der Toce nach in das welsche Antigoriathal, von welchem es durch eine äußerst wilde und schwer gangbare Schlucht als Thalsperre getrennt war. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ( im 12. Jahrhundertdeutsche Oberwalliser, über den Griespaß kommend, von jenen ergiebigen Alptriften in der Val Formazza Besitz genommen haben, und von da über die hintere und vordere Furka in den Thalkessel von Bosco gelangt sind, wobei nicht ausgeschlossen ist, daß auch unten, dem Lauf der Tosa nach, mit sprach-und stammverwandten Landsleuten in den Nebenthälern Verbindung und Verkehr gesucht wurde. Denn deutsche Ortschaften erstreckten sich bis in die nächste Nähe des Langensees, wie: Ornavasso, dessen Zusammenhang mit Naters im Wallis ich als bekannt voraussetze. Doch ist die deutsche Sprache in jenem Orte heutzutage verschwunden und wird im Anfang unseres Jahrhunderts daselbst ausgeklungen haben. Von Preßmelch ( Pietre Gemelle ), heute Riva in Val Vogna zu oberst in der Val Sesia, berichtet uns der Chronist Sebastian Frank nach Tschudi im Jahre 1539, daß es ein großes, deutsches Kirchspiel sei, und ebenso wird von einem Mailänder Diplomaten 1550 Migiandone, südlich von Domo d' Ossola, ausdrücklich als Deutsch bezeichnet. Südwestlich vom Pommât und vom Engpaß Foppiano liegt hoch oben am westlichen Thalgehänge, fern von jeglichem Verkehr, Saley, italienisch Salecchio, wo noch heute ein verstümmeltes Deutsch gesprochen wird. Ebenso in Ager, italienisch Agaro, zu welchem man von Saley westwärts über einen hohen Bergrücken gelangt, und dessen Thalbach in fast unzugänglicher Schlucht zur Devera und, mit dieser, weiter südlich zur Tosa fließt. Diese beiden Orte sind unseres Wissens noch höchst selten oder in letzter Zeit gar nicht mehr besucht worden, so daß es für Clubgenossen, die jene Gegend alpinistisch durchforschen, eine dankbare Aufgabe wäre, sich zu überzeugen, ob die deutsche Sprache daselbst überhaupt noch gesprochen wird.

Wie wir aus diesen Ausführungen sehen, ist die Zahl der Ortschaften, in welchen auf italienischem Sprachgebiet unsere Sprache eine mehr oder weniger kräftige Existenz fristet, größer und das deutsche Sprachgebiet jenseits der Alpen ausgedehnter, als dies auf den ersten Anblick den Anschein hat. Nach der italienischen Volkszählung von 1885 ( siehe Dr. A. Baragiola, II canto popolare a Bosco o Gurin, p. 13, Cividale, 1891 ) beträgt die deutschsprechende Bevölkerung 5927 Seelen, wovon auf das Thal von Gressoney 2453, auf Alagna, einschließlich Rima und Rimella, 1929, auf Macugnaga 765 und auf das Pommât, einschließlich Saley und Ager, 780 kommt. Zählen wir dazu noch unsere schweizerische deutsche Sprachgemeinde im Tessin, Bosco, die uns hier vor allem aus interessiert, mit 358 Seelen, so kommen wir auf eine Zahl von deutsch sprechenden, von Alters her eingesessenen Bewohnern jenseits der Alpen, welche die 6000 gegenwärtig überschreitet. Es ist naheliegend, daß in allen diesen zerstreut voneinander liegenden Orten und Thalschaften, die dazu meistens durch hohe Gebirgszüge voneinander getrennt sind, die deutsche Sprache nicht überall mit der gleichen Kraft und Intensität fortlebt. Am günstigsten sind dafür die Bedingungen in Gressoney und im Pommât und ebenso in Bosco, währenddem in Alagna und Macugnaga der italienische Einfluß sich mehr und mehr geltend macht. Beträchtlich zurückgegangen ist, laut eingezogenen Erkundigungen, die deutsche Sprache in Rima und Rimella, trotzdem im letzten Census in diesen Ortschaften noch 1034 deutschsprechende Bewohner angeführt werden. Saley und Ager müssen wir wohl für die deutsche Sprache als verloren betrachten,1 ) auch wenn daselbst heute noch ein für uns schwer verständlicher Dialekt gesprochen wird.

Alle diese deutschen Sprachinseln von gleicher und annähernd gleichzeitiger Herkunft finden die Grundbedingung ihrer Jahrhunderte langen Weiterexistenz nicht nur in den politischen und geschichtlichen Verhältnissen, die für ihre Fortdauer auch von Vorteil sein mochten, sondern auch in hervorragendem Maße in ihrer geographischen Lage. Abgesehen von der relativen Abgeschlossenheit dieser Dörfer, vermöge ihrer Abgelegenheit und den schwierigen Kommunikationsverhältnissen, finden wir überall, daß an jenen Orten jenseits des trennenden Grenzkammes das Deutsche bis auf heute sich erhalten hat, wo die Verbindung mit dem sprachlich angestammten Mutterland, wenn auch über hohe und mühsame Pässe, sich leichter bewerkstelligen ließ als thalauswärts, wo die Natur in Form von schwer zu überwindenden Thalsperren und Schluchten ein schwieriges Hindernis gesetzt hat, und demnach der Zuzug und Verkehr aus dem deutschen Oberwallis sich verhältnismäßig leichter bewerkstelligen ließ, als mit dem italienischen Unterland, auf welches man doch naturgemäß angewiesen war. Diese geographischen Momente sind ein wichtiger Punkt in der Alpenethnographie, und viele Verschiebungen von Völkern, sowie Sprachen im Alpenlande lassen sich auf diese Weise erklären. Über diese vielseitige ethnographische Zersplitterung in den Gebirgsländern kann uns die anthropogeographische Untersuchungsweise, wie sie z.B. Ratzel in seinen „ Grundzügen der Anwendung der Erdkunde auf die Geschichte " niedergelegt hat, Aufschluß geben. Diese stehen nun zwar in striktem Gegensatz zu den Bestrebungen der Irredenta Italia, welche aufs leidenschaftlichste die Meinung vertritt, die geographische Grenze Italiens sei in der über den Brenner und Gotthard laufenden Höhenlinie gegeben. ( Neumann, die deutschen Gemeinden in Piémont. Freiburg i. B. 1891. ) Wir sind mit unsern Ausführungen als Einleitung etwas von unserem Thema abgekommen und müssen den Leser freundlichst ersuchen, das Ziel unserer Reise, Bosco, auf Umwegen zu erreichen.

Die schönen Augusttage des vorigen Sommers benützend, hatte ich, in Begleitung meiner Frau, von Saas-Fee aus über den Monte Moro die deutsche Sprachgemeinde Macugnaga am Südfuße des Monte Rosa besucht und mich überzeugt, mit welcher Hartnäckigkeit die deutsche Sprache, trotz allen Anstrengungen, die italienischerseits gemacht werden, dieselbe zu unterdrücken, fortlebt. Wir hatten auf einer genußreichen Fußwanderung von Macugnaga aus das Thal der Tosa durch die landschaftlich hervorragende Val d' Anzasca erreicht und im alten Dum, Domo d' Ossola, dem Hauptort dieser verlorenen, ehemals schweizerischen Besitzung, den Plan gefaßt, der interessanten Val Formazza, deutsch Pommât, vorerst einen Besuch abzustatten. Es war eine prächtige Wanderung im thaufrischen Morgen durch die herrliche, landschaftlich in hervorragender Weise bemerkenswerte Val Antigorio, durch welche bis nach Foppiano ( Unterwald ) ein recht gut unterhaltenes Fahrsträßchen führt. Einer der hervorragendsten Punkte auf dieser Strecke ist die Brücke über die Devera-schlucht bei Baceno, des sogenannten Orrido di Baceno, wo in tief eingerissener Felsenschlucht die eingeengte Devera sich schäumend und tosend durch den finstern Höllengrund der Felsen den Ausgang sucht. Gar zu gern hätte ich dem oberhalb Rivesco an den Felsen wie ein Adlernest klebenden Dörfchen Saley und dem dahinter liegenden Ager einen Besuch gemacht, doch die Zeit war zu vorgerückt, wenn wir noch unser heutiges Ziel, das Hotel an den Tosafällen, erreichen wollten. Wir mußten notgedrungen den von hier aus noch fünfstündigen Marsch zurücklegen, denn in allen Dörfchen des Formazzathales ist für Unterkunft von Touristen keine Gelegenheit geboten. Wir hatten auch diesen Marsch durch das prächtige Gelände in keiner Weise zu bereuen.

Bei Unterwald hört das Fahrsträßchen auf und mit demselben auch die italienische Sprache. Trotzdem der Ort neben seiner italienischen Bezeich- nung, Foppiano, noch diesen deutschen Namen trägt, so scheint das Deutsche dort nicht mehr gesprochen zu werden. Daß man sich aber nun dem deutschen Sprachgebiet nähert, beweist uns das allgemeine Auftreten deutscher Namen für Ortsbezeichnungen, Berggipfel und Fluren etc. Gleich hinter Foppiano beginnt die großartige Schlucht durch den sogenannten Greselberg, an der schäumenden Tosa aufwärts, in das oberste Gebiet dieses Wasserlaufes, in die Val Formazza.

Es war schon gegen Abend, als wir unsere Wanderung aufwärts fortsetzten. Der gut gepflasterte Saumweg führt gleich bei Unterwald auf das linke Ufer der Tosa über und von hier steil durch den von imposanten und himmelhohen Felsen eingesäumten Engpaß empor. Hier hatten wir Gelegenheit, die ersten Pommaterinnen zu begegnen, zwei junge Mädchen, die, schwer beladen, den gleichen Weg hinanstiegen und uns auf unsere Fragen in leichtverständlichem Walliser Dialekt ohne viel Gezier Eede und Antwort standen. Ihre Tracht ist ungemein kleidsam; rotes Kopftuch, farbiges Mieder, dunkler Rock, dann wohl als Eigentümlichkeit des italienisch-nachbarlichen Einflusses reichlich Schmuck, wie Ohrringe, Halsketten etc. Es war ein Bild zum Malen, als die beiden schlank gewachsenen Gestalten weiter oben auf der obern Geschener-brücke, welche in kühnem Bogen die in wildem Wasserfall in den finstern Schlund herabstürzende Tosa überspringt und einen Muttergottes-Bildstock trägt, sich vor unsern Augen so scharf und deutlich abhoben. Umgeben von einer Aureola, die als Regenbogen durch die letzten einfallenden Strahlen der untergehenden Sonne hervorgerufen wurde, kontrastierte dieses anmutige und zugleich durch die Wildnis der Umgebung ernste Bild um so mehr. Dieser Engpaß ist eine so scharf ausgeprägte geographische Grenze, daß wir in demselben den Hauptgrund der Erhaltung der deutschen Sprache im Formazzathal erblicken können, welches bis zur Stunde über den unbeschwerlichen Griespaß eine leichter zu begehende Verbindung mit dem Wallis hat als nach dem untern Thalausgang durch den wilden Engpaß, wo im 15. Jahrhundert von den Eidgenossen, bei den Zügen ins Eschenthal, zu wiederholten Malen hart gekämpft wurde.

Man ist aufs angenehmste überrascht, beim Verlassen der Schlacht den Blick in das liebliche Thalgelände des Pommât schweifen lassen zu können, das sich nun plötzlich vor uns aufthut. Die deutsche Gemeinde Pommât zieht sich von hier mit ihren einzelnen Gehöften und zerstreuten Weilern wohl über vier bis fünf Stunden aufwärts bis zur Höhe des Griespasses ( 2456 m ), wo man am Südrand des Griesgletschers die Wasserscheide und die Grenze der Schweiz überschreitet. Es senkt sich von hier südwärts, von der Tosa durchströmt, in vier deutlich ausgeprägten Thalstufen abwärts, auf welchen kleine Weiler, Alpdörfchen und Häusergruppen Platz gefunden haben. Von denselben werden die obersten: Bettelmatten, Morast, Kehrbächi nur im Sommer, die mittlern „ auf der Frutt " bis gegen Weihnachten und die auf der untersten und bedeutendsten Thalstufe das ganze Jahr bewohnt. Das Hochthal ist beiderseits von hohen Gebirgszügen und Gipfeln eingerahmt, die mitten in der italienischen Nomenklatur deutsche Namen tragen: Marchhorn, Kastelhorn, Hirelihorn, Wandfluh, Sternen-horn, Marchenspitz und Sonnenhorn im Osten; Rothorn, Thalhorn, Banhorn, Ofenhorn im Westen. Die steilen Seitengehänge erlauben eine eigentliche Ansiedelung kaum, doch liegen in einigen schwer zugänglichen Nebenthälern einzelne Alpen, wie: Staffel, Überbach, zum Sand, zum Steg.

Die Geschichte der deutschsprechenden Bevölkerung dieses interessanten Thales weist, wie schon oben bemerkt, ebenfalls ins Wallis hinüber. Zum erstenmal findet das Pommât Erwähnung im Jahr 1210, wo Guido von Rhodez von Kaiser Otto IV. mit Pommât und einigen Orten des Ossolathales belehnt wurde. Um 1250 ging dieses Lehen an die Herren von Castello über, die auch in Val Antigorio und Val di Pedro begütert und bis 1266 Meier von Visp waren. Die Besetzung vom Val Formazza mit Deutschen ist wohl von diesen Castello ausgegangen.

Wie am Monte Rosa, haben sich die Walliser an der Tosa als ausgezeichnete Kolonisten bewährt und durch ununterbrochenen Verkehr über den Griespaß mit der Heimat, ihre Sprache und sozusagen auch ihre Nationalität bis heute kräftig zu erhalten gewußt. Die heutige Bevölkerung des Pommats mag nach der letzten Zählung 658 Einwohner betragen, die sich im innern Verkehr ausschließlich der deutschen Sprache bedienen, trotzdem die Schule schon seit langem italienisch und ebenso Predigt und Christenlehre verwelscht sind. Der Dialekt ist für uns Schweizer leicht verständlich und weicht im wesentlichen nicht von dem der Ober-Walliser ab, und in den Leuten lebt, wie ich mich zu wiederholten Malen durch Anfragen überzeugen konnte, noch kräftig das Bewußtsein fort, daß ihre Ahnen aus dem Wallis eingewandert sind und ihre Vorfahren einst ebenfalls Schweizer, wenn auch nur Unterthanen waren. Mit dem benachbarten Wallis wurde von jeher Verkehr gepflegt; ja, bis zur Vollendung der Gotthardbahn zogen aus dem Pommât über den Griespaß und die Grimsel noch regelmäßig Säumer mit italienischen Produkten ins Berner Oberland. Die alte Thalverfassung vom Pommât vom Jahr 1486 mit ihrer Landsgemeinde am 1. Maisonntag, ihrem Ammann, Statthalter, Weibel, ihren strengen Niederlassungsbe-stimmungen etc., bestand nicht nur während der Zeit, als das ganze Thal der Tosa bis zum Lago Maggiore, mit größern Unterbrechungen, ein Unterthanenland der Eidgenossen war, nämlich von 1410 bis 1515, sondern auch unter der Mailänderlierrschaft und unter Savoyen, an welches das Thal 1748 gekommen war. Ja, die letzten Selbständigkeitsrechte fielen sogar erst 1837. Ein Blick auf die Karte genügt uns, um zu zeigen, wie verhältnismäßig tief das italienische Gebiet im Eschenthal und Pommât in das schweizerische Territorium hineingreift, und wie zu richtiger Zeit durch ein gemeinschaftliches Verständnis und Einvernehmen zwischen den ao den ennetbirgischen Landerwerbungen interessierten Orten diese nun wohl für immer verlorene schweizerische Eroberung bleibend in unser Staatsgebiet hätte einverleibt werden können.

Von Staffelwald, dem ersten Dörfchen des Pommats, führte uns der Weg, wohl bei zwei Stunden lang, durch den ebenen und später sanft ansteigenden Thalgrund, der von der Tosa, die sich von ihrem schweren Fall etwas erholt und besänftigt hat, ruhig durchflössen wird. In kurzer Aufeinanderfolge reihen sich die verschiedenen Häusergruppen aneinander. Die erste nach Staffelwald heißt: „ Bei der Küchen ", „ Alla chiesa " oder „ An der Matten ", mit schöner Pfarrkirche und stattlichen Häusern, die in ihrer Bauart, wie im ganzen Pommât, eine glückliche Vereinigung des steinernen Unterbaues mit Holzbau darbieten. Reichlicher Blumenflor schmückte trotz der Höhe von über 1200 m die kleinen mit runden Scheiben gefaßten Fenster, und mannigfache Schnitzerei giebt Kunde sowohl einer gewissen Behäbigkeit der Bewohner des Thaies, als auch des Sinnes für ein schmuckes Heim. Bald folgt „ Tuffwald ", wo man vom rechten auf das linke Ufer der Tosa übergeht; dann „ Zum Wald " und, nicht weit davon, „ Zum Steg ", AI Ponte, wo das Thalarchiv in steinernem, fest vergittertem Turm noch heute aufbewahrt wird. Es war Feierabend, und viel Volk saß nach gethaner Heuarbeit noch unter der Thüre und antwortete zutraulich und leichtverständlich, sobald man sich mit ihm in ein Gespräch einließ. Bei der Häusergruppe „ Zur alten Schmiede " zeigte man uns das alte, vergitterte, nun aber nicht mehr benutzte Thalgefängnis, über dessen Eingang die Jahrzahl 1569 eingegraben ist. Es folgten nun die Weiler „ Im Brennen " und „ Gurflen " und, weiter ansteigend, „ Fruttwald " und „ Unterfrutt ", wo der Weg steil die Thalstufe hinaufsteigt, die auf die Ebene der Frutt führt. Die Gegend ist hier wieder alpiner geworden. Das liebliche Alpenidyll der vielen Dörfchen ist verschwunden, und über Felsgeröll und lawinenzerzausten Tannenwald führt der steinige und holperige Saumpfad steil hinan. Schon von weitem hört man den Donner der sich über den Felsen in prächtigem, ungeteiltem Fall herabstürzenden Tosa, und bald zeigte sich auch dieses großartige Naturschauspiel trotz der bereits eindunkelnden Nacht unsern erstaunten Blicken. Der Tosafall gehört, was Mächtigkeit und Höhe betrifft, zu den herrlichsten Naturschauspielen dieser Art, und wir hatten während des langsamen Emporsteigens Gelegenheit, seine Fülle und Pracht und die aufgewirbelten Staubwolken im aufgehenden Mondschein, wie von Silberglanz Übergossen, zu bewundern.

Lange schon hatten uns die Lichter des hart am Abgrund des Tosafalles erbauten Bergwirtshauses gastlich heruntergeleuchtet, und wir waren nach 41/astündigem Marsch von Foppiano herauf herzlich froh, im guten Gasthause „ zur Frutt " verdiente Einkehr halten zu können.

Zuvorkommende Wirtsleute, die ihren deutschen Namen Zertannen vergeblich in das italienische Zertania umgewandelt hatten, gaben sich alle Mühe, unseren Wünschen gerecht zu werden, mit Speise und Trank die etwas gesunkenen Lebensgeister zu erfrischen. Ich erkundigte mich nun sofort nach einem Übergang nach Bosco, vernahm aber, wie ich erwartet hatte, daß nur die hintere und vordere Furka nach diesem Dorfe führen und wir zu diesem Zwecke den gleichen Weg bis Staffelwald zurückzulegen hätten, was zugleich den Verlust von cirka 500 Metern an gewonnener Höhe bedeutete. Wir trösteten uns aber mit der Aussicht auf ein gutes Nachtlager, worin wir uns auch nicht getäuscht sahen. Auch hatten wir den Genuß bevorstehend, das soeben durchwanderte interessante Gelände am Morgen noch einmal in umgekehrter Richtung durchstreifen zu können. Der Knecht des Wirtshauses, ein munterer Pommater von cirka 24 Jahren, war bereit, uns nach Bosco bis auf die Paßhöhe zu begleiten. Er behauptete zwar, selbst noch nie in Bosco gewesen zu sein, kannte aber die Gegend einigermaßen, da er als Führer öfters den Basodino, sowie die Bocchetta di Maggia wiederholt besucht hatte. Doch hatte ich ihn im Verdacht, des hier landläufigen Schmuggeins nicht unkundig zu sein, und besonders das Boskeser Gebiet eingehender zu kennen, wie es sich auch später herausstellte. Wir wanderten also des andern Tages wohlgemut den gleichen Weg wieder abwärts, ohne uns weiter aufzuhalten, bis nach Staffelwald. Von hier führte der Pfad in östlicher Richtung zuerst über fette Alpwiesen und dann steiler, als kaum sichtbarer Fußpfad, durch Lärchenwald und Unterholz empor zu den zerstreuten Hütten der Alp Staffel, die wir von Abfrutt nach dreistündigem Marsch erreichten. Hier schloß sich unserer Partie ein zweiter junger Pommater, blondhaarig und mit blauen Augen, an, der weiter oben zwei verstiegenen Schafen nachgehen wollte. Die Gesellschaft dieser zwei jungen Burschen bot mir nun eine gute Unterhaltung, indem dieselben mir während des langen Marsches vieles über ihre Heimat mitteilen konnten, das ich sonst nicht erfahren hätte. So vernahm ich, daß die meisten jungen Bursche als Maurer auswandern, aber immer wieder in die alte Heimat zurückkehren, an welcher sie mit großer Anhänglichkeit hangen. Ebenso würden sie zur Leistung des Militärdienstes nicht zu den Alpini, die in ihren heimatlichen Bergen garnisonieren, eingereiht, sondern in die Linienregi-menter bis weit hinunter in Italien gesteckt. So hatte einer von ihnen in Palermo und Messina als Soldat gestanden. Im übrigen bleibe alles im Thal und habe man wenig Verbindung nach außen, sogar mit dem benachbarten Bosco pflege man wenig Verkehr, trotzdem die Boskesen schon zu wiederholten Malen herüber zum „ Dorfen " gekommen seien. Das „ Fensterlen " ist in Pommât auch bekannt, und die Volkslieder „ In einem kühlen Grunde ", „ Steh'ich in finst'rer Mitternacht ", „ Der Jäger in dem grünen Wald " werden in Pommât gesungen wie bei uns zu Land. Ein prächtiger Blumenflor, der die mit Geröll durchzogene Alp bedeckte, gab mir Anlaß, mich nach einigen Blumennamen zu erkundigen. „ Unserer Frauen Augen " nennt der Pommater in sinniger, poetischer Weise das Vergißmeinnicht. Immer steiler zog sich der Pfad in die Höhe bis in den Kessel unterhalb dem Wandfluhhorn und dem Marchenspitz. Von hier führt nun geradeaus, den kleinen Obersee in seinem versteckten Winkel rechts liegen lassend, ein Pfad hinauf zur obern Furka ( 2422 m ) und an den südlichen Abhängen des Strahlbannes hinunter nach Bosco, der andere aber, rechts abbiegend, über eine Einsattelung eines nordwestlichen Gratausläufers des Marchenspitzes zur Paßhöhe der vordem Furka ( 2322 m ). Wir zogen diesen etwas weitern Weg vor, weil er weniger mühsam sein soll als derjenige zur hintern Furka. Wir mußten uns beeilen, da der Himmel sich bewölkt hatte, und Nebel und Wolkenfetzen bereits paßaufwärts uns einzuhüllen drohten. Unser Pommater konnte seine Schafe nicht finden, und ich hatte nichts dagegen, daß er uns noch ein Stück weiter hinauf begleitete. Wir strebten nun aufwärts, um ja noch vor Losbrechen des sich zusammenziehenden Unwetters die Grenzhöhe zu überschreiten. Wir hatten kaum den letzten Aufstieg zur Einsattelung zu dem schon erwähnten Ausläufer des Marchenspitzes erreicht, als das Unwetter mit Blitz und Donner und prasselndem Regenschauer losbrach, und wir mit Mühe die Höhe des Grates erreichen konnten. Hier wußten nun unsere Burschen vom Schmuggel her Bescheid, indem sie uns in der Nähe eine Felsenspalte wiesen, in welcher wir uns, so gut es eben ging, bergen konnten. Unterdessen hatte der Regen einem gewaltigen Hagelwetter Platz gemacht, das bald in Schneegestöber überging, so daß in einer halben Stunde bis weit hinunter alles mit Schnee bedeckt war. Hagel und Schnee lag vor unserer Höhle wohl 20 cm. hoch. Wir warteten geduldig auf die Besserung des Wetters, die dann auch nach einiger Zeit eintrat. Tief unten hatten wir die Alp „ Im Boden ", deren armseligen, einem Steinhaufen ähnlichen Hütte wir die italienischen Grenzwächter, vor dem Unwetter Schutz suchend, zustreben sahen. Wie wir so in unserer Höhle dem Unwetter zusahen und ohne viel zu sprechen unseren Gedanken nachhingen, dachte ich unwillkürlich an jene österreichische Brigade, die im Kriegsjahre 1799 bei schon vorgerückter Jahreszeit unter General Strauch mit Sack und Pack diesen Paß ebenfalls überschritt, um sich bei Locamo mit den Russen zu vereinigen.

Nachdem das Schneegestöber, der Nebel und die Wolken sich verzogen hatten, setzten wir unsern Marsch über die steile und glatte Geröllhalde weiter und erreichten nach einer halben Stunde die Paßhöhe der Vordem Furka ( 2322 m ), auch Krinerfurka genannt. Ein Mäuerchen, das vor den Hängen des Marchenspitzes gegen den Ritzberg sich hinzieht und von einem Wassertümpel begrenzt ist, bildet die Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Die Aussicht ist nicht hervorragend, aber doch bemerkenswert sowohl nach Westen als nach Osten, wo sich nun zu unsern Füßen, im Gegensatz zum steilen Abfall der Pommaterseite, der grüne Thalkessel von Bosco aufthat mit seinen fetten, prächtigen Alptriften, seinen zerstreuten Sennhütten und dem Ziel unserer Reise, dem Dorfe Bosco, dessen große Kirche weit unten in der Tiefe durch den treibenden Nebel heraufgrüßte.Von italienischen Finanzwächtern, Par-latandi, wie sie in Pommât genannt werden, war nichts zu entdecken. Sie saßen wohl unten in der Alphütte „ Im Boden " am trocknenden Feuer. Hier entließen wir unsere beiden Begleiter, die mit einem herzlichen „ Lebet wohl !" sich von uns verabschiedeten. Wir aber beeilten uns, unter ein schützendes Obdach zu kommen, da das Wetter sich wieder zu verschlimmern drohte, und stiegen die sanften Rasenhänge der Schaf-lager und die grünen Alpenwiesen zur Großalp hinunter, die ihren Namen mit Recht trägt, da über zwanzig steinerne Hütten regelrecht ein kleines Dörfchen bilden. Der Himmel hatte sich unterdessen wieder etwas aufgehellt, und wir konnten von der Großalp aus einen guten Überblick über den Thalkessel von Bosco gewinnen. Uns gegenüber hatten wir den scharfgezackten Grat, der im Großhorn ausgipfelt und über den östlich ein Pfad über Pian Croselo und, westlich davon, ein noch häufiger benutzter Übergang über die Alp und den Passo Quadrella nach dem bergsturzbedrohten Campo und Cimalmotto hinüberführt. Das tief unten liegende Bosco, dessen weiße Kirche uns als Wegweiser diente, suchten wir zu erreichen, indem wir pfadlos zuerst über Alpen, dann durch Lärchengehölz steil zum Thalgrund hinabstiegen. Wir hatten etwas zu viel rechts gehalten und erreichten denselben beim sogenannten Schwarzen Brunnen, von wo ein holperiger Thalweg uns dem Dorf zuführte, das höchst regellos und willkürlich an den westlichen Abhang eines Hügels hingebaut ist. Wir hatten bis jetzt noch niemand begegnet, und hatten einige Mühe, uns in dem straßenlosen Wirrwarr der Scheunen und Ställe zurechtzufinden, bis wir unterhalb der Kirche den Dorfbrunnen entdeckten, an welchem die beschäftigten Mädchen und Frauen nicht wenig erstaunt waren, von dieser Seite hinunter fremdes Touristenvolk einziehen zu sehen. Auf unsere deutsche Frage nach einem Wirtshause erbot sich ein kleines Mädchen sofort in der gleichen Sprache, uns hinzuführen, was bei der Unkenntnis des Orts und beim Fehlen jeglicher Dorfgasse für uns von einiger Schwierigkeit gewesen wäre. Das Wirtshaus der Geschwister Bronz war unter Führung der kleinen Anna Maria Zumstein bald gefunden, und wir waren nicht wenig erstaunt, die niedrige, mit Lärchenholz getäfelte und mit einem großen Lawezsteinofen versehene Wirtsstube von Mädchen und Frauen besetzt zu finden, welche sich daselbst, wie es schien, zu einem ergiebigen Nachmittagsschwatz eingefunden hatten. Die Wirtin Cecchina Bronz, eine lange, dunkel gekleidete und klug ausschauende Frauengestalt, erbot sich sofort, ihr Möglichstes zu thun, um uns logieren zu können. Ja, wir waren überrascht, zu vernehmen, daß ein Herr Professor Z. aus Porrentruy hier schon seit Wochen Gast sei und wir also Gesellschaft hätten. Man ist nicht wenig erstaunt, in diesem abgelegenen Alpendörfchen eine deutschsprechende und so zutrauliche Bevölkerung anzutreffen, die -unsere Sprache in leicht verständlichem Dialekt spricht und mit einem nicht geringen Maße von Mutterwitz und Schalkhaftigkeit ausgerüstet ist. Ja, sie sind nicht auf den Mund gefallen, diese Boskeserinnen, und wissen schlagfertig Red' und Antwort zustehen. Wir hatten unsere helle Freude an diesem Volk -lein, als wir abends auf dem warmen Ofen der Wirtsstube dem Treiben von Groß und Klein, welche die fremden deutschsprechenden Miteidgenossen sehen wollten, zuschauen konnten. Wer beschreibt aber unser Erstaunen, als in später Stunde bei Sturm und Regen zu Fuß von Cerentino herauf zwei Damen aus Locarno anlangten, um in Bosco Sommerfrische zu beziehen. Ja, Cecchina Bronz kann stolz sein auf den Ruf ihres Hauses.

Es war eine interessante und sehr lehrreiche Unterbrechung, die unsere Fußwanderung durch den Aufenthalt in Bosco erfuhr, und wir hatten Gelegenheit, so gut es die Zeit erlaubte, uns über die Lebensgewohnheit, Sitten und Gebräuche dieses seit Jahrhunderten vom ursprünglichen deutschen Sprachstamm abgesprengten Zweiges zu erkundigen, wobei nicht genug hervorgehoben werden kann, mit welcher Bereitwilligkeit Groß und Klein auf meine oft zudringlichen Fragen Auskunft gab.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die deutsche Einwanderung in den mit Alpen und dunkeln Tannenwäldern besetzten Thalhintergrund Al Bosco über die vordere und hintere Furka aus dem Pommât erfolgt ist, als dieses den wallisischen Kolonisten nicht mehr genug Raum gewährte, und der niedrige Übergang über die Furka der Flutwelle der Auswanderung ein leicht übersteigbares Hindernis bot. Der Zeitpunkt dieser Besitznahme des Thalkessels von Bosco durch Leute aus dem Pommât dürfte demnach in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu setzen sein. Die älteste Urkunde im gut geordneten Gemeindearchiv, das im Gemeindehaus in sicherem Kasten aufbewahrt wird, stammt aus dem Jahr 1253, wonach durch einen Minoritenmönch Gerardo aus Locamo den Heiligen S. Giacomo und Christofero in Bosco die noch gegenwärtig stehende Kirche gestiftet wurde. In der nämlichen Urkunde verspricht ein Heinrich Burkardt als Vorgesetzter der Gemeinde Bosco im Namen seiner Mitbürger diesen beiden Heiligen ewige Devotion und Dankbarkeit, ein Versprechen, das die Boskesen bis heute gehalten haben. Ein Pergament aus dem Jahr 1474 giebt Kunde von Alprechten, die früher an Leute in Pommât belehnt waren und nun der Urkunde zufolge in Besitz von Bosco übergegangen sind. Das Gemeindearchiv von Bosco zählt bei 143 Urkunden und befindet sich in geordnetem Zustand. Die Sichtung dieser Zeugen historischer Vergangenheit des abgelegenen Heimatdörfchens hat sich Professor Janner in Locarno und später auch der deutsche Schulverein in Zürich in verdankenswerter Weise angelegen sein lassen. Die meisten Urkunden sind lateinisch oder italienisch abgefaßt, nur wenige aus dem vorigen Jahrhundert in deutscher Sprache, und betreffen meistens Gemeindesachen, Prozeß- und Bußstreitigkeiten aus der Zeit der ennetbirgischen Landvögte in Cevio und Locarno. Trotzdem diese Urkunden weit hinauf reichen, geben sie uns doch keinen definitiven Anhaltspunkt über den Zeitpunkt der Einwanderung und die Herkunft der ersten Besiedler. Der Zusammenhang mit dem benachbarten Pommât ist aber so in die Augen springend, daß es dafür gewiß keiner historischen Beweisführung bedarf. Zudem sind sich die Bewohner von Bosco noch heutzutage ihrer Abstammung aus dem Pommât bewußt, und bezeichnen als Ort ihrer Herkunft „ Unterwald " und „ An der Matten ". Diese Bezeichnung hat irrtümlicherweise bei frühern Autoren, sowie Besuchern von Bosco die Meinung hervorgerufen, als stammten die Leute von Bosco aus Unterwaiden und Andermatt, welche beide Bezeichnungen nicht zu verwechseln sind mit Unterwald, Foppiano und „ An der Matten ", Alla chiesa, d.h. „ Bei der Küchen ", wie der Hauptort des Pommâtes genannt wird. Der Kirche und der Religion sind die Boskesen von jeher zugethan, und die große bemerkenswerte Kirche, die zu verschiedenen Zeiten namhafte Vergrößerung erfahren hat, legt Zeugnis ab von dem religiösen Sinn und Eifer der Bevölkerung. Sie ist, wie schon oben bemerkt, den Heiligen Jakob und Christoph geweiht, besitzt aber in den Reliquien des heiligen Theodors, dessen Leib in einem verzierten Altarschrein aufbewahrt wird, einen noch bedeutenderen Gegenstand der Verehrung. Ob die Verehrung des hl. Theodors, des Nationalheiligen des Wallis, in Bosco mit der ursprünglichen Stammesangehörigheit zu jenem Land in einem Zusammenhang steht, wage ich nicht zu behaupten, denn der Cultus des hl. Theodors ist, nach Professor Muoth, in Bünden z.B. viel älter als das Erscheinen der Freien Walser. Immerhin scheint mir das Auftreten des Walliser Heiligen in Bosco ein nicht zu unterschätzendes Moment in der Beurteilung der Frage der Herkunft zu sein. Unfern der Kirche liegt der Begräbnisplatz, wo schmucklose Kreuze die letzte Stätte der Heimgegangenen bezeichnen und durchwegs mit deutschen Inschriften versehen sind. Bemerkenswerter Zierrat in der Kirche, vergoldete Schnitzereien belehrt uns, daß dieser Beruf im Dorfe ausgeübt wird, wie denn auch thatsächlich Holzschnitzler und Vergolder aus Bosco in den benachbarten Thälern und darüber hinaus das dekorative Bedürfnis für kirchliche Zwecke zu befriedigen suchen.

Die Auswanderung der jungen Leute aus dem Heimatort richtet sich hauptsächlich in die deutsche und französische Schweiz, aber auch nach Frankreich und Kalifornien, wohin in letzter Zeit manche als Jahrtuch des Schweizer Alpenclub. 34. Jahrg.16 Maurer ausziehen und mit dem Erwerb immer wieder ins einsame Alpenthal zurückkehren, dem sie eine große Anhänglichkeit bewahren. Die Folge davon ist auch, daß man in Bosco, trotz seines ärmlichen Aussehens, wenn auch nicht Wohlhabenheit, doch eine, für dortige Verhältnisse, gewisse Behäbigkeit antrifft, welche nicht nur der erträglichen Alpwirtschaft und Viehzucht, der Hauptbeschäftigung des Thaies, zu verdanken ist. Außer der Hauptkirche besitzt Bosco etwas unterhalb des Dorfes noch eine Kapelle, „ unserer lieben Frau zum Schnee " geweiht, zu welchem Heiligtume im grünen Lärchenwald alljährlich am 5. August gewallfahrtet wird. Die Feste der Heiligen S. Giacomo und Christoforo, sowie des heiligen Theodor und Maria Himmelfahrt sind für die abgelegenen Bewohner des verlorenen Dörfchens Licht- und Glanzpunkte, welche das Einerlei ihrer primitiven Lebensweise angenehm unterbrechen. Bei diesen Prozessionen und Bittgängen hat man auch Gelegenheit, die eigentümliche Boskesertracht zu sehen, die für Frauen und Mädchen in dunklem, bis über die Brust hinaufreichendem Tuchrock und heller, langer Schürze und schwarzem, rot eingefaßtem Mieder besteht. Um den Kopf gebunden schlingt sich ein grellfarbiges Taschentuch. Dazu ist die Gestalt verhüllt durch einen weißen Überwurf, den „ pannolino ", der in der Val Maggia und seinen Seitenthälern noch vielerorts bei kirchlichen Anlässen von den Frauen getragen wird. Die Kapelle der Muttergottes zum Schnee wurde errichtet zur Erinnerung an einen verheerenden Lawinensturz, der vom Großhorn herunter in der Nacht vom 7. Februar 1794 den westlichen Teil des Dorfes verschüttete, wobei nicht weniger denn 43 Personen ums Leben gekommen sind. Diese Zerstörung eines Teiles der Ortschaft hatte zur Folge, daß die neuen Häuser außerhalb des gefahrdrohenden Lawinen-bereiches an den Hügelabhang östlich hinauf erstellt wurden und man am alten Platz nur die Ökonomiegebäude, Ställe und Scheuerlein stehen ließ. Die bewohnten Häuser sind, mit einer einzigen Ausnahme, entweder ganz aus Stein oder wenigstens mit steinernem Unterbau erstellt, währenddem der reine Holzbau nach Walliser Art nur noch in Ställen und Stadeln zu finden ist, so daß von den stelzbeinigen Walliser Häuschen, von denen Hardmeyer in seiner Monographie über Locamo und seine Thäler spricht, wenig mehr wahrzunehmen ist. Das älteste Wohnhaus des Ortes besteht ganz aus Holz, währenddem die meisten mit Ausnahme des Giebels solid aus Stein aufgeführt sind. In den Stadeln und Scheuerlein sehen wir dagegen unverkennbar die Anklänge an das Walliser „ Mazot " mit seinen steinernen Tragplatten. Die Hauptbeschäftigung der Boskesen ist selbstverständlich Alpwirtschaft und Viehzucht, während Ackerbau vermöge der hohen Lage des Ortes eine untergeordnete Rolle spielt. Seit einigen Jahren ist von einer Zürcher Firma die Seidenweberei eingeführt und sind zu diesem Zweck einige Webstühle aufgestellt worden, wodurch für die Mädchen und Frauen ein sicherer, wenn auch nicht lukrativer Verdienst geschaffen ist. Das ganze Dörfchen zählt 358 Bewohner und 94 Firsten, die regellos untereinander um die Kirche und weiter hinauf an den mit Lärchen bewachsenen Hügel in größter Willkür, hie und da von kleinen Gärtchen getrennt, erbaut sind. Wie schon gesagt, existiert keine eigentliche Dorfgasse, so daß es Mühe macht, sich in dem Wirrwarr zurecht zu finden. Das Gemeinde- und Schulhaus fallen vor allem aus in die Augen; an der Thüre fand ich das Amtsblatt angeschlagen zu jedermanns Einsicht und zum Durchblättern bereit, gewiß eine Verfügung, die einen Vorteil hat gegenüber unserer Einrichtung, wo jedes Wirtshaus verpflichtet ist, das Amtsblatt zu halten, und der Bürger zu dessen Einsichtnahme zum Wirtshausbesuch gezwungen wird. Nun kommen zwar die Guriner nicht in Verlegenheit, zu viele Wirtshäuser besuchen zu müssen, da nur ein bescheidenes Etablissement dieser Art, den Geschwistern Bronz gehörend, besteht. Die Osteria, die vor Jahren der den frühern Besuchern Gurins wohlbekannte, alte Vergolder Della Pietra ( Zumstein ) hielt, existierte bei meinem Besuche nicht mehr, ist aber, wie ich vernommen, vor kurzem wieder eröffnet worden.

Wenn uns nun auch die alten Urkunden Boscos keine Nachrichten geben über den Zeitpunkt der deutschen Einwanderung und der Verbreitung der deutschen Sprache, so sagen uns die deutschen Lokalbezeichnungen, die, rings umgeben von italienisch benannten Thälern, Gebirgszügen und Gipfeln schon uralt eingewurzelt sind, von der weit zurückliegenden Zeit der deutschen Einwanderung. Wir finden im Westen Boscos Gipfelbezeichnungen, wie: Sonnenhorn, Ritzberg, Marchenspitz, Wandfluh und Hirelihorn und ebenso finden wir auch ausschließlich deutsche Alpen und Flurnamen, wie: Im Strahlbann, Großalp, im Bann, Wolfstaffel ( ital. curt de luv ), Rütinen, Sonneberg, im Sternen, Staffel, zum schwarzen Brunnen, Kleinhorn, Großhorn u. s. w. Solche deutsche Bezeichnungen verlieren sich sofort und machen der italienischen Nomenklatur Platz, sobald man den Grat und Höhenzug, der vom Wandfluhhorn nach Osten zum Pizzo Orsalietta sich hinzieht, übersteigt. Ebenso hört jede deutsche Bezeichnung auf, sobald man den Alpkessel von Bosco über den vom Sonnenhorn zum Großhorn streichenden Grat verläßt und in das Thal von Campo hinuntersteigt. Eine Ausnahme macht wohl das ziemlich weit in südlicher Richtung, westlich von Ornavasso liegende ( 2086 m ) hohe, eine schöne Aussicht bietende Eyehorn, das noch heute auf den italienischen Karten, trotzdem es schon weit unten in italienischem Gebiete liegt und ringsum von italienischen Bezeichnungen umgeben ist, seinen deutschen Namen bewahrt hat, als letzter Überbleibsel des frühern deutschen Urnaväsch. Nach unten, d.h. dem Thalbach entlang, der sich unterhalb Cerentino mit der vom Cimalmotto und Campo herkommenden Rovana vereinigt, hören die deutschen Flurbezeichnungen auf, sobald man das nördlich vom Wolfstaffel herunterziehende Tobel überquert hat, wo man sich wieder ganz im italienischen Sprachgebiet befindet. Von Corino, der am Ausgang des Thaies von Bosco am südlichen Abhang sich befindenden kleinen Gemeinde, wird das weiter hinten in dichtem Lärchenwald versteckte Dörfchen den Namen Gurin erhalten haben, dessen sich seine Bewohner untereinander ausschließlich als deutsche Bezeichnung ihres Dorfes bedienen, während für die italienisch Sprechenden unten im Thal der Maggia die Leute dahinten „ im Holz, al Bosco " waren. Diese beiden Namen haben sieh bis heute erhalten, aber, wie schon bemerkt, unsere Sprachverwandten „ hinten im Holz " bezeichnen ihre Heimat in deutscher Sprache ausschließlich mit Gurin. Über die Geschlechtsnamen Gurins geben die Taufbücher der altern und neuern Zeit interessanten Aufschluß. Man sieht daraus, daß viele Geschlechter im Dorfe selbst nicht mehr existieren und ausgestorben sind, aber durch Auswanderung anderswo in der deutschen Schweiz sich noch kräftig erhalten haben. Solche in Gurin nicht mehr existierende Geschlechtsnamen sind: Amplatz, Amstutz, Andermatten, Bühler, Burkardt, Forrer, Imboden, Jauch, Leu, Martin, Matz, Morand, Peter-michel, Pfiffer, Salzmann ( Salino ), Scherli, Tangol, Weiß, Wißmann ( Bianco, Albino ), Zumbrunnen und Zumbühl. Noch fortbestehende Geschlechter in Bosco sind die: Bronz, Elzi ( oder Helsen, erinnert an das Helsenhorn ), Janner ( früher Janneher ), Roth ( Rossi ), Schneider ( Sartori ), Thomamichel ( Tomamicol ), Zumstein ( della Pietra ). Zumstein und Roth befinden sich auch drüben im Pommât. Ja wir finden das Geschlecht der Zumstein sowohl in Macugnaga als in Gressoney, wogegen die verbreiteten Pommater Geschlechtsnamen, wie: Schillig, Mattli und Zertannen in Gurin nicht vorkommen. Da der tägliche Verkehr mit ihren tessinischen Mitbürgern, sowie alle staatlichen Einrichtungen die Leute von Bosco zwingen, sich, außerhalb ihrer Heimat, der italienischen Sprache zu bedienen, so hat die Tessiner Regierung von jeher darauf gehalten, daß der Schulunterricht italienisch erteilt wird. Doch seitdem durch die Publikationen Hardmeyers über Bosco die Aufmerksamkeit des deutschen Schulvereins in Zürich, sowie anderer sich für die Erhaltung dieser deutschen Sprachenklave interessierender Kreise auf sich gezogen haben, wird von dieser Seite der Gemeinde Bosco ein jährlicher Betrag zu dem Zweck verabfolgt, der dortigen Schuljugend, unbeschadet der staatlichen italienischen Schule, durch einen dortigen Lehrer deutschen Unterricht erteilen zu lassen. Der deutsche Lehrer, Seraphin Schneider ( Sartori ), ein junger, aufgeweckter Mann aus dem Dorfe, giebt sich die größte Mühe, sein verantwortungsvolles Amt richtig zu versehen und hat auch die Genugthuung, daß, von der naturwüchsigen, barfüßigen Schar von Blondköpf-chen bis zu den 17- und 18jährigen Burschen und Mädchen, die deutsche Schule fleißig und mit Erfolg besucht wird. Der Gottesdienst ist deutsch, ebenso die Beichte, und die Guriner sind, wie schon bemerkt, ein frommes, gottesfürchtiges Völklein, welchem der kirchliche Kultus zum unumgänglichen Lebensbedürfnis geworden ist. Sie hatten auch meistens das Glück, Pfarrherren aus der deutschen Schweiz zu bekommen. Ein früherer Pfarrer in Bosco war aus dem Kanton Aargau gebürtig, der vorletzte aus Flüelen. Bei meinem Besuche dagegen war das Amt des Seelenhirten verwaist, und der Pfarrer von Cerentino kam während dieser Zeit zuweilen nach Bosco, um Predigt abzuhalten. Trotzdem kein Pfarrer im Dorfe ist, geht doch alles schon morgens früh vor Beginn der Arbeit in die Kirche zum Gebet, und Sonntags, versicherte man mir, sei das Gotteshaus so stark mit Andächtigen gefüllt, wie wenn ein Pfarrer da wäre. Am Allerseelenabend, sowie auch in der Silvesternacht, da läuten die Glocken der Kirche von Bosco die ganze Nacht hindurch und erschallt ihr Ton an den hohen Felswänden des Großhorns, und den umgebenden Bergen wieder, während das abgelegene Dörfchen durch Lawinenstürze und hohen Schnee von der Welt abgeschlossen ist. Am Neujahrsmorgen zieht die junge Mannschaft, geistliche Lieder singend, von Haus zu Haus, wie denn überhaupt der Gesang, der geistliche sowohl wie der weltliche, in Bosco eine eigenartige und selbständige Pflege gefunden hat. Wenn in langer Winterszeit Weg und Steg von hohem Schnee bedeckt sind und Lawinen und Steinschläge donnernd thalauswärts jeden Verkehr unmöglich machen, so finden sich abends Mädchen und Burschen abwechslungsweise bald hier bald dort zur Spinnstube zusammen, um sich bei Unterhaltung, Spiel und Gesang die langen Winterabende zu verkürzen. Bei diesem Anlaß wird auch der Gesang und die Poesie gepflegt.

Wie das deutsche Volkslied überall dahin den Weg gefunden hat, wo die deutsche Sprache klingt, so auch nach dem abgelegenen Bosco, das durch seine in die Fremde, vorzugsweise in die deutsche Schweiz, auswandernden aber immer wieder in die Heimat zurückkehrenden jungen Leute mehr oder weniger Fühlung hat mit dem was draußen vorgeht. So sind denn auch fast sämtliche deutsche Volkslieder und Anderes mehr nach Bosco gekommen und dort als rührendes Zeichen der Anhänglichkeit an die deutsche Sprache, so gut es eben ging, mit dialektischen Ausdrücken vermischt, niedergeschrieben worden. Solche handschriftliche Liedersammlungen existieren mehrere im Dorf, die eine davon von der Hand einer Apollonia Sartori, eine zweite von einem Joseph Thomamichel, der Sappeur benannt, eine weitere von Johann Roth, von Angelina Sartori etc. aufgezeichnet. Selbstverständlich sind diese Lieder nicht eigenes Produkt, sondern Reproduktionen, aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, von geistlichen Liedern, Volksliedern, Verschen und Strophen, wobei ab und zu auch eigene Reimereien untergelaufen sein mögen.

Es ist interessant, zu sehen, was für Gesänge und Lieder nach diesen Aufzeichnungen die jungen Leute Gurins in Leid und Freud bewegt und womit sie ihrer Gemütsstimmung Ausdruck geben. Es sind eine große Dr. A. Biïhler.

Anzahl der auch uns bekannten Volks- und Liebeslieder, sowie Gesänge religiösen Inhalts, und wir wollen uns darauf beschränken, einige typische derselben im Wortlaut anzuführen, wie sie schon Baragiola in seiner oben genannten Abhandlung mitgeteilt hat.

Aus päpstlichen Kriegsdiensten stammt wohl der Vers:

Rom ist ein'scheni Stadt, Wo schon manker drin wonet hat. Da hert man pfeifen, Trumbetiren, Da missen wir all marschiren Ins Remische nideri Land, u. s. w. und wird wohl den erwähnten Sappeur Thomamichel zum Verfasser haben, aus dessen Aufzeichnungen noch ein Lied im Bänkelsängerton zu erwähnen ist, das die Leiden und Greuel der französischen Invasion im Jahr 1798 zum Inhalt hat.

Ach wie snel thut auch versvvinde Ach wie eilet dieses Jar, 0'ihr meine lieben Bruoder, Denket, was darin geschah.

In den acht und neinzig Jahren Zeiget uns der Frihling an, Daß eine Zersteernng ist entstanden In den Städten und auf Landen.

Da die walchen Velcher Einmarschiren in das Land, Hört man in den Nachbarschaften Nichts als Jammer, Mord und Brand.

Die aus Göthe bekannten Verse: lauten nach Boskeser Lesart:

Und ich will es nicht fergessen Und auch melden noch drei Ort Uri, Sweiz un Underwalden Streiten dort bis in den Tott, u s. f.

Bei der Kirche in Underwalden Siehet man das Spektakel noch, Wo flerhundert Weibspersonen Dert ir Leben missen lan.

Kein Pardon war nicht Vorhände Hilft den alle Bitte nicht, Muessen wir jetzt alle sterben, 0 du traurige Geschieht, u. s. w.

Kleine Blumen, kleine Blätter etc.

Kleine Blumlein, kleine Bieter Fleichten wir mit leichter Hand, Guder Jingling, Frilingsgabner. Frilingsgabner, ja Gabner Wanden oif das Rosenband.

Nun fährt dieses Liebeslied folgendermaßen weiter:

Alle Leite, die Dich hassen, Sagen dis und jenes mir, Sie segen All, ich soll Dich lassen, Ja lassen Und soll mein Herz nit schenken Dir.

Aber ich hab schon geschworen Dir oif ewig treu zu sein. Dich hab ich mir auserkoren, Ohne Dir kan ich nicht sein.

Pflanze Du oif meine Grabe Eine Blume, Fergis mein nicht. Wie wir zwei geliebet haben, Ja geliebet haben, Weiss Niemand dann Du und ich.

Gehst Du einseht bey em Montscheine Meines Grabes Higel zu, Aber merke, niemals weine, Aber merke, niemals weine, Ja weine. Sonscht fersterst Du meine Rue.

Apollonia Sartori.

Bosco, den 5. Febbrajo 1882.

Etwas modern zugeschnitten und nach Art ähnlicher Vaterlandslieder bearbeitet ist das Lied aus der Sammlung der Angelina Sartori, das den Titel führt: Tessin, mein Heimatland, und mit folgender Strophe beginnt:

Nennt mir das Land, so wunderschön, Das Land, wo ich geboren bin, Wo himmelhoch die Berge stehn Und Mannskraft wohnt bei schlichtem Sinn:

Es ist das Land an der Rovana Strand, Es ist Tessin, unser Heimatland.

u. s. w., und mit den Worten schließt:

Nennt mir das Land, nach dem zurück Es stets den Sohn der Berge zieht, Wenn er mit thränumflortem Blick Im Geist die ferne Heimat sieht: Es ist das Land an der Rovana Strand, Es ist Bosco, unser Heimatland!

Gewiß das einzige deutsche Vaterlandslied im Tessin.

Es ist selbstredend, daß alle diese aufgezeichneten Lieder, Gesänge, Strophen und Reime nicht in der typischen Guriner Mundart niedergeschrieben sind, sondern mit schriftdeutschen und dialektischen Ausdrücken vermischt, und dazu orthographisch höchst fehlerhaft. Doch besitzen wir ein Beispiel unverfälschter Guriner Mundart wie sie noch heute gesprochen wird in Form einer Erzählung aus Boccaccio's Deca-merone, die von einem Guriner, Joseph Sartori, aus dem Italienischen in die Guriner Mundart übersetzt und von Pfarrer Elzi in Bosco durchgesehen und verbessert worden ist. Wir finden diese Sprachprobe veröffentlicht in: Papanti, I parlari Italiani in Certaldo alla festa del V. centenario di G. Boccaccio, Livorno 1875, sowie ebenfalls in Baragiola's oben erwähntem Werk. Der Anfang dieser Erzählung lautet wörtlich folgendermaßen:

„ In die ersta Zittii, wia der Kinig fa Cipri ( an Isulu fam mittilandiscia Mer ) het dia heilagu Orti arobrut fa Gottifrè Buglione, ( a Held fan da Wolfartru in da Krizgarzittu ) ist bigagnud das as noblists Wib fa Gas-cogna zum Heiliga Grab ist ga wolfartru, un wia-sch ist zrugchu, un am andarst in Cipri ganga, isch ufum wag fa ufarschanta mannu eslu-masig behandluti worda. Zwib oni Trost un mit Globtnis ist zum Kinig ga z'clagun, aber d'Lit hin zu eru gseit da-sch aba d' Arbat far-liara, de der Kinig fiara as schlachts un as fis un as wening guts Leba. "

Diese wenigen Worte genügen, um uns zu zeigen wie die Mundart von Bosco beschaffen ist, und Vergleichungen mit ähnlichen Sprachproben aus Pommât, Macugnaga und Gressoney weisen, von einigen Abweichungen abgesehen, deutlich auf gemeinschaftliche, sprachliche Abstammung. Wir haben schon oben gezeigt, auf welche Weise diese Gemeinde durch Jahr- hunderte sich in ihrer sprachlichen Eigenart hat behaupten können. Wenn auch im allgemeinen das Gebirge sonst trennend und hindernd wirkt, so wirkt es in diesem speciellen Falle erhaltend, so daß die Abgeschlossenheit in diesem für fremde Menschen und fremde Einflüsse schwer zugänglichen Alpenthale altvaterisches Wesen in Tracht und Baustil, in Gemeindeordnung und Sprache, in Sitten und Gebräuchen durch lange Zeiträume hindurch hat bewahren und eigenartige Entwicklung hat befördern können. Währenddem Macugnaga durch den schwer zu überwindenden Querriegel des Märjen thalauswärts abgeschlossen ist und auch im Thal der Lesa in Gressoney ähnliche orographische Verhältnisse sich vorfinden und vor allem aus in der Schlucht von Foppiano durch den Greselberg eine solche natürliche Grenzscheide in ausgesprochenster Weise geschaffen ist, so treten solche Hindernisse thalauswärts von Bosco nicht in so hervorragendem Maße zu Tage. Der miserable und schlechte Fußpfad, der Bosco mit Cerentino verbindet, kann nicht als schwer zu überwindendes Hindernis angesehen werden, durch welches dem Vordringen der italienischen Sprache thalaufwärts Halt geboten wurde. Das ganze Thal von Bosco, besonders in seiner untern Partie, ist äußerst wild und wenig fruchtbar. Lawinenzüge und Bergstürze legen genügend Zeugnis ab von der Unwirtlichkeit dieser Gegend, wodurch von jeher kein großes Verlangen zur Besitznahme jenes verlorenen Erden -winkeis gezeitigt worden sein mag. Dazu kommt noch ein anderer Vorteil. Der Boden und die Naturgewalten zwingen den Bewohner von Jugend an zu angestrengter Arbeit. Jeder Schritt, den er thut, ist mühsam und schwierig. Der Nahrungserwerb, die Erhaltung des nötigsten zum Leben wird nur ermöglicht durch unausgesetztes anstrengendes Schaffen und Ringen, durch unablässiges Kämpfen gegen die wenig spendende Natur. Das kräftigt aber und stählt den Körper und den Geist. Der Aufenthalt in der scharfen Gebirgsluft härtet ab und macht die Leute tüchtig und gesund an Leib und Seele. Die Mädchen und Frauen aus Bosco, denen der schwerste Teil der Arbeit obliegt, welche die ausgedehnte Alpwirtschaft und der primitive Feldbau an den steilen sonnigen Hängen mit sich bringt, sind ein sprechender Beweis dafür. Mit bewunderungswürdiger Ausdauer und Kraft schaffen sie dazu noch die schweren Lasten von Cevio und Cerentino für den Unterhalt ins Dorf. Wir wollen bei dieser Gelegenheit auch nicht unsere Vermutung verschweigen, daß nämlich ein schöner Teil der Kaufmannsgüter, die auf den kräftigen Mädchenschultern ins Dorf getragen werden, über die italienischen Grenze den Weg finde. Die Pommater sind häufige Gäste in Bosco.

Es waren genußreiche und lehrreiche Stunden, die wir in dem.ab-gelegenen Alpdörfchen zubrachten, und mit aufrichtiger Freundschaft schieden wir von der aufgeweckten, sympathischen Bevölkerung und von unsern Wirtsleuten, die es sich nicht nehmen ließen, uns noch eine kurze Strecke das Geleit zu geben. Durch prächtiges Lärchengehölz führt der Weg thalauswärts an den zwei Kapellen vorbei, durch Wiesen, Äckerlein und Kartoffelfelder, ist aber in sehr vernachlässigtem Zustand; ein miserabler Fußweg, der stellenweise fast aufhört und steil die Thalstufe hinabführt, die den Kessel von Bosco, das nun bald unsern Augen entzogen ist, nach unten abschließt. Wir begegneten einigen Frauen und Mädchen, die, mit Tragkörben und Sicheln versehen, an die Arbeit gingen und mit Lachen und Scherzen uns eine glückliche Reise zuriefen. Das Thal verengert sich, die Lärchenwälder sind durch Lawinenzüge, sowie die Spuren eines noch nicht so alten Bergsturzes verwüstet. Aber munter und klar springt das Thalgewässer an unserer Seite, prächtige Kaskaden und Wirbel bildend. Bei einer Säge begegnen wir einem Fischer, der mit der Angelrute den rotgesprenkelten Bewohnern des Gebirgbaches nachstellte. Unser deutsche Gruß wird italienisch beantwortet. Wir haben die deutsche Sprachgrenze überschritten und befinden uns wieder in welschen Landen. Es fiel mir auf, wie klar und farbentief der Thalbach seine Fluten dahinwälzte. Trotzdem in der Nacht gehörig Regen niedergegangen war und sich auch in den obern Lagen Gewitter entladen hatten, war das Wasser so klar und so frisch, von dunkelblau bis meergrün ohne die geringste Trübung. Diese Erscheinung fiel mir weiter unten auch bei der Maggia auf, die doch ein noch ausgedehnteres Sammelgebiet besitzt. Unterhalb dem Dörfchen Corino, das links oben mit seiner kleinen Kirche und seinen weißen Häusern heruntergrüßt, wechselt man auf einer Bogenbrücke das linke mit dem rechten Ufer und gewinnt nun allmählich den Vorsprung, der das aussichtsreiche Cerentino mit seiner weithin sichtbaren Kirche trägt, und von wo sich das Thal der Rovana in seine beiden Arme, den von Bosco und den von Campo teilt. Die Aussicht von Cerentino auf das tief unten liegende Thal ist ganz hervorragend, und die hoch oben auf einer Terrasse gelegene Dorfkirche ist nicht nur wegen ihrer schönen Lage, sondern auch wegen ihrer Architektur bemerkenswert. Cerentino besitzt einige ansehnliche Häuser, wahre „ Palazzi " mit Loggien und Arkaden, die, wie mir schien, von Sommerfrischlern bezogen waren. Hier beginnt auch das Fahrsträßchen, das nach Cevio hinunterführt. Es scheint aber wenig benutzt zu werden, da das Gras dem spitzen Schotter in reichlicher Fülle entsprießt, was mir erst weiter unten erklärlich war, da die Straße stellenweise noch nicht fertig erstellt ist. Von Cerentino zieht sich ein Fahrsträßchen in das von der Rovana durchströmte wilde Thal von Campo, dessen zwei Dörfer Campo und Cimalmotto von hier in 2-3 Stunden zu erreichen sind. Wie schon bemerkt, sind beide Ortschaften in bergsturzbedrohter Lage, so besonders Campo, dessen Untergrund dazu noch in allmählichem Rutschen in die tiefe Rovanaschlucht begriffen ist, so daß die meisten Häuser verschoben und zerrissen sind. Wie lange wird es noch dauern, bis die traurige Kunde einer Katastrophe, wie wir sie in Elm und kürzlich in Airolo erlebt haben, aus diesem anmutigen Thal zu uns herausdringt? Durch prächtige, geradezu riesenhafte Kastanienhaine führt uns ein Fußpfad steil hinunter. Bald erreichten wir das armselige Dörfchen Collinascio, das, zwischen Felsblöcken gebettet, von Kastanienbäumen beschattet, in einem Kessel unten an der Rovana liegt und dessen mit Moos bewachsene Steindächer einen troglodytenartigen Eindruck machen. Aus Collinascio gebürtig war jener Pietro Morettini, der als armer Pflasterbube in die Fremde zog, und es in Frankreich unter Ludwig XIV. zum Festungsbaumeister brachte. Unter Morettini's Leitung wurde im Jahre 1708 das Urnerloch durchbrochen, eine für die damalige Zeit und die zur Verfügung stehenden Hülfsmittel gewiß bemerkenswerte Leistung, sowie 1710 die Meyenschanze ob Wassen angelegt. Bei Linescio wird die Vegetation noch südlicher. Die ersten Reben schwingen sich von einem Haus zum andern, ja sogar über die Straße, und Kastanienbäume entwickeln sich in üppiger Fülle. Dafür ist auch, wie schon bemerkt, Linescio die Heimat unserer Kastanienbrater. Außerhalb des Dorfes beginnt der Blick sich zu weiten. Tief unten zeigt sich das von der Maggia in mäanderhaften Windungen durchströmte, aber auch gehörig verheerte Maggiathal, umgeben und begrenzt von steilen, tief zerrissenen und schluchtenreichen Bergzügen. Das Sträßchen führt hoch oben in dem nun vorspringenden Thale weit hinaus, von wo die Aussicht immer ausgedehnter wird. In unzähligen Windungen und Kehren senkt sich die Straße allmählich in die Tiefe, und trotzdem der Straßenkörper schon seit Jahren fertig erstellt und dem spärlichen Verkehr übergeben ist, so ist der scharfkantige, granitene Schotter noch sehr wenig verarbeitet und verebnet, eine harte Probe für den Fußwanderer. Wir hatten die Absicht, in Bignasco Standquartier zu nehmen und von dort der Val Bavona noch einen Besuch abzustatten. In Cevio vernahmen wir zu unserem Leidwesen, daß das Hôtel du Glacier geschlossen und demnach ein Aufenthalt daselbst nicht wohl möglich sei. Wir mußten dieses Projekt für ein andermal versparen. Gar zu gern hätte ich meine Schritte in das benachbarte Ba-vonathal hineingelenkt, das von Touristen noch selten besucht wird, doch mit Unrecht! denn es soll reich sein an großartigen, imposanten Naturscenen von scharf ausgeprägtem eigentümlichem Charakter, eine Perle der Tessiner Thäler. Die Kunstjünger der Brera in Mailand haben denn auch schon längstens dieses alpine Kleinod ausfindig gemacht, und Motive aus der Val Bavona finden sich auf manchem Gemälde verewigt.

Alle Anzeichen waren vorhanden, daß ein Umschlag der Witterung zu erwarten sei, und in der Val Maggia, sei 's in Cevio oder sei 's weiter hinten, sich einregnen zu lassen, hatte wenig Verlockendes an sich. Zudem hatte unsere Fußreise hier ihr Ende gefunden, da wir von Saas Fee bis nach Cevio eine schöne Strecke über Berg und Thal durchwandert hatten. Wir zogen es daher vor, uns dem eidgenössischen Postwagen anzuvertrauen, der uns noch gleichen Tags nach Locarno bringen sollte.Viel landschaftliche Schönheit bietet die Fahrt thalauswärts nicht gerade, wenigstens in dem obern Teil des Maggiathales nicht, da das wilde Bergwasser den Thalgrund gehörig verheert hat. Bemerkenswert ist der Soladinofall, der sich rechts, unweit von Someo, voll und prächtig eine mächtige Felswand hinunterstürzt. In Maggia, das dem Thal seinen Namen gegeben hat, war kurzer Aufenthalt. Es war Aushebung gewesen in Locarno. Die jungen Leute kehrten bändergeschmückt, johlend und Lieder singend in ihre Thäler zurück. Evviva Svizzera! ganz wie bei uns. Den Glanzpunkt auf der Fahrt, ein landschaftliches Bild hervorragenden Ranges, ist die Stelle bei der alten Römerbrücke, dem Ponte Brolla, wo sich die blaugrüne Maggia durch harte Felsen in tiefer wildzerrissener Schlucht durchgefressen hat, um weiter unten, gebändigt und eingedämmt, durch ihr großes Delta in den Langensee zu fließen. Prächtig ist der Blick in das sich nun öffnende Gelände der Pedemonte mit seinen vielen Dörfern und hellen Glockentürmen, von denen der Abendwind den Schall der Vesperglocken und Carillons zu uns herüber trug. Das Thalgelände der Pedemonte wird von der Melezza durchströmt, die sich unfern des Ponte Brolla mit der Maggia vereinigt. Die sonnige Lage der drei Dörfer Tegna, Verscio und Cavigliano, die vielen schönen Gebäulichkeiten, die weißen Campanilen, von denen hauptsächlich derjenige von Intragna an Höhe alle anderen überragt, das meridionale Gepräge der ganzen Landschaft, die nun beim Sonnenuntergang vom rötlichen Duft des südlichen Landschaftszaubers übergössen war, sowie ein erster verlorener Blick auf die im Abendsonnenschein erglänzende Fläche des Lago Maggiore — das war wieder einmal ein Bild, das man fühlen und empfinden mußte, und das zu schildern meine schwache Feder nicht fähig ist. Und weiter und weiter geht 's in unaufhaltsamen Trab, bei der Kirche San Antonio, deren Freitreppe das Stelldichein zur Heimkehr der Val Maggiesermarktleute bildet, an Villen und Gärten vorbei. Schon grüßt uns von oben herab die kühn geschwungene Loggia der Madonna del Sasso, und nicht mehr lang und wir rumpeln und rasseln durch die engen Straßen Locarnos zum Posthof, wo wir dem eidgenössischen Vehikel mit Sack und Pack entsteigen.

In einem echt italienischen Ristorante Locarnos thaten wir uns bei einem mit richtigem Sachverständnis zusammengesetzten Pranzo gütlich, froh von Herzen, so herrliche Tage verlebt, so prächtige Gegenden durchwandert, so interessante Länder und Leute kennen gelernt zu haben. Und wie wir all die schönen Bilder, die wir erschaut, die herrlichen Eindrücke, die wir empfangen, noch einmal in munterem Gespräche vor unseren Augen vorbeiziehen ließen, so waren wir dankbaren Gemütes in der Anerkennung des Wortes: „ Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite WeltAber nicht nur per Eisenbahn und Fuhrwerk, sondern wie es unsere Väter thaten, auf Schusters Rappen, leichten Beutels, frohen Herzens. Solche Wanderung bietet Genüsse so eigener Art und ist für später ein unerschöpflicher Born der schönsten Erinnerungen, daß ich zum Schluß jeden dazu ermuntern und ihm zurufen möchte: „ Mach's nach !"

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