Das zürcherische Oberland

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Erklärung zum Hörnlipanorama.

Von A. Bosshard ( Sektion Winterthur ).

Für die Bewohner der flacheren Gebiete im Kanton Zürich sind die Berge im Quellgebiete der Töß gleichsam das.zürcherische Hochgebirge, und wenn ein Knabe mit seinem Vater oder bei einer Schulreise einmal auf den Bachtel oder aufs Hörnli gekommen ist, so wird er, wieder zu Hause angelangt, nicht genug erzählen können von der schönen Aussicht, die er genossen, von den tiefen, waldigen Schluchten und den grünen Weiden, die er gesehen. Aber nicht nur der Knabe oder der Erwachsene, der noch nie höher gestiegen als auf den Hügel im Gemeindsbanne, um Holz zu fällen, sondern auch der Clubist, dem kein Berg zu hoch ist, wird gerne zur Abwechslung umherstreifen in unsern Bergen, wenn er wirklicher Naturfreund und nicht bloß ein prahlsüchtiger Gipfelstürmer ist. Und wem im Winter nicht genug Schnee fällt in der Ebene, der wird solchen im Quellgebiet der Töß zur Genüge finden, es lassen sich da gefahrlose Wintertouren ausführen, ohne Angehörige in Angst und Sorge zu versetzen oder gar sich selbst und andere seinetwegen in Lebensgefahr zu bringen, denn überall finden sich bewohnte Hütten und gefällige Menschen, die im Notfalle ein gastliches Obdach gewähren.

Gewiß fast jedermann wird eine schöne Alpenansicht allem andern vorziehen, und eine solche bieten vom Plateau von Brütten ( 642 m ) an bis hinauf zum Bachtel eine Menge von Punkten, denn durch den Einschnitt des Kemptthales, des breiten, flachen, einst vom alten Westrhein gebildeten Glattthaies und des Zürichsees kann der Blick frei und ungehindert zu unsern schneebedeckten Häuptern dringen.

Schon drunten in den zwei erstgenannten Thälern sind es die Alpen, die den landschaftlichen Reiz der Gegend erhöhen, in noch größerm Maße geschieht dies auf der Straße, welche die Dörfer auf dem südwestlichen Abhänge des Oberlandes verbindet, die Kirche von Russikon A. Bosshard.

gehört wohl zu den schönst gelegenen der Nordostschweiz. Steigt man noch vollends auf die Höhen, so hat man fast überall mehr oder weniger ausgedehnte Rundsichten; vom Säntis bis zur Blümlisalp sind es die Alpen, im weitern der Jura, der Schwarzwald und der Höhgau, die aus der Ferne ihren Gruß herübersenden. Anmutige Thäler, stattliche Dörfer, Weiler und besonders zahlreiche Höfe im gebirgigeren Teil verleihen der Gegend ihr eigenartiges Gepräge, dessen Zierde die glänzenden Spiegel des Pfäffiker- und Greifensees sind, nebst diesen wird dann noch ein Teil des Zürichsees sichtbar auf den Höhen gegen den Bachtel hin.

Dieser wird oft der zürcherische Rigi genannt, wenigstens für das ztircherische Oberland trifft diese Bezeichnung zu, der Blick auf die drei genannten Seen und die Alpen ist wirklich bezaubernd schön. Infolge seiner Lage in der Nähe der großen industriellen Ortschaften Wald, Rüti und Wetzikon ist er, wenigstens bis jetzt, der besuchteste. Nicht minder schön im großen ganzen, aber nicht so leicht zugänglich und daher auch viel schwächer besucht, ist die Scheidegg ( 1247 m ). Hier ist der alpine Charakter schon recht ausgeprägt, der Vordergrund wechselt ab mit grünen Weiden und düstern Wäldern.

Eine recht typische Gipfelform, wie sie in der ungestörten Nagelfluhzone und speciell in dieser Gegend öfters vorkommt, hat der nahe Hüttkopf. Dieser ist eine dreiseitige, nackte Pyramide, die sich besonders im Winterkleide schön präsentiert. Im hintern Thurgau werden diese Pyramidengipfel „ Kapfu genannt, der schönste derart ist der „ Hunzen-bergerkapf ", dieser ist schon mehreremal mit Kartoffeln und Getreide bepflanzt worden, indem man um denselben mit dem Pfluge spiralförmig herumfuhr.

Die Aussicht auf dem Hüttkopf ist beschränkt, aber höchst interessant, besonders für den Geologen, denn es ist wirklich lohnend, einen Blick in die tiefen Thäler der Töß mit ihren beiden Hauptquellarmen, welche den bewaldeten Tößstock umspülen, senden zu können. Dies sind reine, relativ junge Erosionsthäler. Hier kann man sich überzeugen, mit welcher Gewalt der wilde Fluß sich sein Bett in die wagrechten Nagelfluhschichten eingegraben hat. Auf 450 m Vertikaldistanz vom Hüttkopf bis hinunter in das Tößbett bleibt das Gefälle immer gleichmäßig von ungefähr 32°, so auch am Tößstock. Man verspürt nicht gerade Lust, ins tiefe Tobel hinunter zu steigen, um jenseits am Schnebelhorn wieder emporzuklimmen, lieber macht man einen Umweg und besucht bei dieser Gelegenheit noch die Kreuzegg im Toggenburg, Rechts am Wege zum Scheideggwirtshaus ist die Nagelfluh bloßgelegt, es finden sich Gerolle von der Größe eines Kindskopfes vor, eine Erscheinung, die man weiter unten im Tößthale in der Nagelfluh der Tertiärformation nie antrifft, also ein Beweis, daß die Gerolle gegen die Alpen hin an Größe zunehmen, während sie, in umgekehrter Richtung fortschreitend, immer kleiner werden; bei Kyburg erreichen sie meistens nur noch die Größe einer Nuß, dagegen treten dort schon mächtige Sandsteinbänke auf, die gegen den Rhein zu die Nagelfluh immer mehr verdrängen, um in der Nähe derselben in die Meeresmolasse überzugehen. Ganz dasselbe Bild zeigt uns heute noch die Töß, im Oberlaufe grobes Gerolle, im Mittellauf feineres Geschiebe mit Sand und zu unterst meist nur noch Sand und Schlamm.

Eine einsame und verlassene Gegend, immerhin nicht ohne malerische Stellen, treffen wir zwischen dem Welschen- und Schwarzenberg und dem Tößstock, an letzterem sollen schon Gemsen geschossen worden sein und jetzt noch solche in strengen Wintern hie und da gesehen werden. Den einen Hauptquellarm, die Vordere Töß, überschreitend, gelangen wir links am steilen Abhänge des Welschenberges vorbei zum Kamm ( 1000 m ), der Wasserscheide zwischen der Hintern Töß und dem Mühlebach, welcher, das liebliche Goldingerthal durchfließend, bei Schmerikon in den obern Zürichsee mündet. Welch verschiedene Wege müssen doch diese zwei Gewässer begehen, die so nahe bei einander ihren Ursprung genommen, sich erst weit unten bei Koblenz im Rheine wieder vereinigen können.

Auf den Ebel emporgestiegen, halten wir einmal Umschau. Gegen Westen öffnet sich der Blick in das Thal der Hintern Töß, links davon erhebt sich 4er Welschenberg, aufden uns zugekehrten Seiten steil abfallend und auf derjenigen des Goldingerthales die sogenannten Riginen bildend, wie sie am Speer, Hirzli, Rigi und andern dislozierten Molassebergen beobachtet werden können. Hier sind nämlich die Schichten nicht mehr horizontal gelagert, wie am Bachtel, Hüttkopf, Hörnli u. s. w., sondern fallen sanft gegen Nordwesten ein. Rechts des Mühlebaches sind die Abhänge bedeutend steiler und im Charakter wesentlich verschieden von denjenigen der linken Seite » Das Goldingerthal ist ein Isoklinalthal, d.h. beide Abhänge haben gleiche Schichtlage. Der Kamm vom Ebel über den Welschenberg zum Schwarzenberg ist ein Isoklinal-kamm, ebenso derjenige, der sich von der Tweralp über den Schwamm zum Köbelisberg hinzieht, nur sind hier die Schichten schon bedeutend steiler aufgerichtet.

Werfen wir einen Blick auf die Dufourkarte ( Blatt IX ), so wird uns sofort auffallen, daß ungefähr östlich der Grenze zwischen den Kantonen Zürich und St. Gallen in der Thalbildung eine gewisse Gesetzmäßigkeit herrscht, die kleinern Flüsse und Bäche haben sich nicht mehr wie im zürcherischen Oberlande ihren Lauf beliebig gewählt, sondern es ist ihnen gleichsam durch die Faltung der Gesteinschichten der Weg vorgeschrieben worden; Thäler und Kämme laufen hier parallel mit der großen Antiklinale, welche sich vom Genfersee her über Lausanne, Escholzmatt, Trogen, Berneck hinzieht. Größere Flüsse, wie die Thür, haben sich allerdings quer zu den Gebirgsketten eingeschnitten.

Vom Ebel aus kann man die Trümmerhalde der Kreuzegg schön übersehen. Sehr treffend nennen sie die. Bewohner dieser Gegend den „ abgebrochenen Bergu. Im Frühjahr 1845, berichtete mir ein Augenzeuge, Herr Spörri, Wirt auf Schnebelhorn, sei viel Schnee gefallen, so daß es fast zur Unmöglichkeit wurde, aus den Häusern zu gehen. Daraufhin seien warme, sonnige Frühlingstage eingetreten, so daß der Schnee täglich um einen halben Fuß schmolz, was eine allzu große Durchwässerung des Bodens zur Folge hatte. Am Gipfel der Kreuzegg lösten sich nun pfeilerförmige Nagelfluhblöcke ab und rutschten langsam den Berg abwärts, so drei bis vier Tage lang; täglich sollen um die hundert Personen dem interessanten Naturscbauspiel beigewohnt haben. Auch vor 150 Jahren soll ein Teil der Kreuzegg gegen das Liebinger-, ein anderer gegen das Goldingerthal hinunter ngerittentf sein. Nicht weit von hier, oberhalb Kopfrain, ereignete sich ( nach Aussage dortiger Bewohner ) ein Bergschlipf, drei Häuser wurden verschüttet und zwei Personen kamen ums Leben, der von der Tweralp herkommende Bach sei zu einem kleinen See gestaut worden, dem aber bald wieder Abfluß verschafft werden konnte. Es war eine Schicht Nagelflub, die ins Rutschen geraten war. Qbschon die Vegetation die Blöcke wieder bekleidet hat, ist die Stelle des Bergsturzes noch gut zu erkennen. Die Felstrttmmer am nordwestlichen Das zürcherische Oberland.

Abhänge der Kreuzegg sind noch kahl, und zwischen denselben befindet sich spärliches Nadelholz. Fast könnte man sich in den Bergsturz von Goldau versetzt glauben, wenn man durch das Trümmerfeld zur Kreuzegg empor schreitet. Durch eine prächtige Aussicht wird man dort für die Mühe belohnt; um jedoch einen bessern Einblick in das obere Thurthal zu haben, muß man sich noch zu einem kurzen Spaziergang auf den Tweralpspitz bequemen. Dieser ist mit 1335 m die höchste Erhebung zwischen Thür und Töß und verdient seinen Namen vollkommen. Das Alpenpanorama ist schon ziemlich verschieden von dem auf dem Bachtel, der Blick ins Lintthal ist freier, Speer, Churfirsten und Säntis erscheinen schon nahe. Übersichtlich erscheinen vom Tweralpspitz aus die Isoklinal-thäler und Kämme des Nagelfluhgebietes in der Richtung gegen Herisau. Der nordwestliche Abhang ist immer der flachere, umgekehrt tritt dieses Verhältnis jenseits der schon genannten Antiklinalen ein, dort fallen die Schichten nach Südosten ein, um abermals emporzusteigen und nach und nach in immer kompliziertere Falten überzugehen. Auch am westlichen Abhänge der TweralpQueralp, da twäris, sagt man im zürcherischen Oberland und Toggenburg statt quer ) sind Spuren eines frühern Felsbruches und Felsrutschung zu entdecken, überhaupt ist diese Erscheinung in dieser Gegend häufig anzutreffen, so befindet sich im Walde zwischen Krinau und Lichtensteig auf wenig geneigtem Terrain ein ganzes Feld von Felsblöeken, jeder ist mit einer Tanne gekrönt. Ebenso weist der Querka.mm, der von der Kreuzegg nach der Schwindelbergerhöhe ftthrtf « tliche solcher Felsrutschungen auf. Allzu große Durchnässung und Erweichung des Bodens war wohl die^ Ursache dieser Felsbewegungeti.

Wir sind nun fast zu weit ins St. Gallefgebiet hineingelangt und wollen wieder zurück ins Zürcher Oberland. Freunde von Alpenspeisen können sich im Kreuzegg Wirtshaus um einen Franken einen Fenz kochen lassen und Liebhaber alpiner Trachten werden hier an Sonntagen die Sennen, treu dem alten Brauch, eine rote gestickte Weste mit silbernen Knöpfen tragen sehen.

Über den oben genannten Querkamm, dem Verwitterung und Erosion schon einige tiefe Einschnitte beigebracht haben, gelangt man in IV2 bis 2 Stunden zum Schnebelhorn, mit 1295 m der höchste Berg des Kantons Zürich. Am Dägelsberg, auf der St. Gallerseite bei etwa 1200 m Meereshöhe, befindet sich das Goldloch. Es ist dies ein in die Nagelfluh ge-grabener Schacht, zuerst geht 's einige Meter horizontal, dann 12 m senkrecht hinunter, wieder einige Meter horizontal und zuletzt noch 6 m in die Tiefe. Die Sektion Bachtel hat vor einigen Jahren diese sonderbare Höhle ausräumen und mit eisernen Leitern versehen lassen. Nach der Tradition sollen vor 100—150 Jahren, Urkunden liegen keine vor, ein Herr Heidegger von Zürich nach den einen, nach andern Venetianer hier nach Gold gegraben haben. Was diese Schatzgräber bewogen haben mag, gerade an dieser Stelle ihr Glück zu versuchen, kann niemand mit Bestimmtheit sagen, gefunden wurde jedenfalls nichts von Bedeutung, unten im Schachte ist dieselbe bunte Nagelfluh vertreten wie am Eingange.

Das Schnebelhorn liegt ungefähr an der Grenze der ungestörten und der gehobenen Holasse, eine Lagerungsstörung ist kaum zu beobachten, da der Übergang nur ein ganz allmählicher ist, eine feste Grenze läßt sich nicht ziehen. Was auf eine Veränderung der Scbichtlage schließen läßt, ist der oben erwähnte Unterschied in der Thalbildung, welcher am besten auf dem Schnebelhorn zu beobachten ist. Unzweifelhaft ist das Liebinger-thal, eines der schönsten und lieblichsten im Toggenburg, schon ein Isoklinalthal. Das Schnebelhorn selbst weist nicht mehr ganz den Typus « einer Kivalen jm ztircherischen Oberland auf, es ist ein Mittelding zwischen Molassegipfeln, bei denen keine anderen Faktoren als Verwitterung und Erosion die Formen gestaltet haben, und solchen, wo die Faltung der Gesteinsschichten als dritter Faktor die Gestalt bedingt hat. In seiner Eigenschaft als Aussichtspunkt kann das Schnebelhorn mit den schon besprochenen in vielen Beziehungen wetteifern, an malerischen Reizen übertrifft es alle, leider wird der Blick nach dem zllrcherischen Hügellande und seinen Thälern durch die Warte und nach Nordwesten durch das HÖrnli etwas beschränkt. Dieses erscheint von hier aus als ein ziemlich spitzer Kegel, direkt darüber hinaus erblickt man noch die grüne Kuppe des Schauenberges.

Senkrecht zur Streichung der dislozierten Molasseschichten und parallel dem Oberlaufe der Töß zieht sich die Hörnlikette vom Schnebelhorn an zum Hörnli hin, die einzelnen Gipfel an Höhe allmählich abnehmend. Zahlreiche düstere Schluchten, mit schauerlichen Erosionskesseln, von senkrechten, vom immerwährend herabträufelnden Wasser geglätteten Felsen gebildet, drücken diesem Gebiete den Stempel der Wildheit auf. Im Charakter wesentlich verschieden ist 4as landschaftliche Bild, das wir auf der Toggenburgerseite haben. Wir begegnen hier nicht mehr diesen wilden Schluchten, die Erosionsthätigkeit ist eine viel geringere, daher auch die sanftem, gleichmäßigem Gehänge, und doch sind hier die Lagerungsverhältnisse der Molasse auf beiden Seiten dieselben. Vom Hörnli aus können wir diese Erscheinung auch genau verfolgen, im Flußgebiete der Thür haben wir die sanftem Formen als in demjenigen der TÖß, die Ursache liegt wohl im größern Gefälle der letztern, infolgedessen größere Stoßkraft des Wassers, tieferes Einschneiden und größere Denudation in den Quellgebieten.

Von Mühlrüti im Toggenburg führt in mehreren Krümmungen eine Kunststraße über die Hulftegg nach der Station Stäg der Tößthalbahn. Die Straße ist in den 50er Jahren mit großen Kosten erbaut worden, da sie, besonders auf der Seite gegen das Tößthal hin, vielfach in die Felsen gesprengt werden mußte. Die Paßhöhe beträgt etwa 50 m oberhalb dem Wirtshaus zum Sennhof 955 m, es ist dies die tiefste Einsattelung zwischen Hörnli und Schnebelhorn. Von hier aus kann das Hörnli in einer leichten Stunde erstiegen werden; am Wege dahin steht der alte verwitterte Dreiländerstein, wo die drei Kantone Zürich, Thurgau und St. Gallen zusammenstoßen.

In seinen Grundformen ist das Hörnli als eine unregelmäßige, vierseitige, abgestumpfte Pyramide zu betrachten. Durch tiefe Thäler und Schluchten von den schon angeführten Bergen getrennt, kann seine Lage als eine vollständig freie bezeichnet werden, auf seiner Kuppe genießt man daher eine unbegränzte, ausgezeichnete Fernsicht. Weist auch die nächste Umgebung nicht die malerische Abwechslung auf, wie z.B. das Schnebelhorn, entzücken das Auge nicht zu unsern Füßen die glänzenden Spiegel von Seen, so erscheinen desto eher die in duftigem Blau strahlenden Alpen mit den weißen Firnen über die grünen Matten und dunkeln Wälder hinweg in bezauberndem Kontraste. Auf keinem Berge der Ostschweiz mit dieser geringen Höhe und leichten Zugänglichkeit, von der Station Stäg der Tößthalbahn in einer Stunde zu ersteigen, wird man die 4rei Hauptgebirgstypen so schön übersehen können wie vom Hörnli aus. .Vom Pfändter bei Bregenz bis zum Stockhorn fesselt das Auge der prächtige Alpenkranz, als Fortsetzung dea Kettengebirges erscheint der Jura vom Cb^sseron Wa zum Lägen », den Typus des Plateaugçbirges vertritt 3er Schwarzwald, und draußen im Norden präsentieren sich in malerischer Gruppierung die Kuppen des Höhgau. Über diese hinweg schließt die schwäbische Alp den Horizont ab, wie auch der Banden zum Tafeljur* gehörend. Worden da » Hörnli statt bewaldete Berge schimmernde Sôà* umsäumen, dann kennte es Mi Recht der Rigi der Nordostschweiz ge* nannt werden. Der schweizerischen Landesvermessung diente dasselbe to » jeher als trigonometrischer Punkt erster Ordnung, ebenso für die internationale Gradmessung. Im August 1893 hat Herr Dr. Messerschmidt Wer geweilt, um diesen so wichtigen Punkt astronomisch festzulegen, docfr wird dies nicht von ewiger Dauer sein, denn auch am Hörnli nagt der Zahn der Zeit. Dea Westabhang hat die Verwitterung zu einer 250 m hohen Felswand umgestaltet, diese, von zahlreichen Runsen durchzogen, die Nagelfluhköpfe mit Rasen und Bergföhren geziert, verleiht dem Hörnli seine charakteristische Gestalt, an der es> besonders bei Abendbeleuchtung und klarer Luft, weit unten im Schwarzwald mit bloßem Auge zu erkennen ist. Die Bewohner der Umgegend nennen diese Felsen „ Güblea^ weiter unten, in der Gegend von Turbenthal, heißt man sie „ Rissinen " ( Risi ), dies sind zwar mehr Schutthalden, Abrutschflächen, da das Bindemittel der Gerolle bedeutend lockerer ist als am Hörnli, zudem sind in jener Gegend die Mergelschichten vorherrschend. Am Hörnlifelsen, wie auch in den felsigen Schluchten der Umgebung, wachsen Alpenrosen, die jedöefa nicht gut ahne Seil gepflückt werden können. ( Siehe die botanische* Notizen im Anhang .) v Studiert man an Hand des Panoramas die Terrassen rechts der Scheidegg und die des Hüttkopfes, so wird sofort die überraschende Ähnlichkeit derselben auffallen, sie sind noch alte Zeugen eines ehemaligen Flußlaufes, jedenfalls floß die Töß zu einer nicht gut bestimmbaren Zeit einst hier oben, sie mußte demnach ihr Quellgebiet gehabt haben, wo jetzt keine Berge mehr sind, wenn nicht gar in den Alpen selbst. Nach und »ach hat sie sich dann vertieft, bis auf das Niveau des jetzigen Fisehen-thals hinunter. Auch das Jonathal, von Gibs weil an abwärts gegen Wald zu, kann von der Töß gebildet worden sein. Herr Professor Heim vermutet, daß dieses Thai durch Rtieksenkang entstanden sei, zu der Zeit, wo auch die Bildung unserer größeren Seen vor sich ging. Später hat sich dann die Jona ihr Bett in dieses alte Thal selbst eingeschnitten. Weder die Jona noch der Fischenthalerbach haben ein Quellgebiet, wie es in normalen Verhältnissen vorkommt, bei keinem dieser Flüsse kann mm von einem Hintergrund des Thales sprechen. So hat sich die Töß, nachdem ihr das alte Quellgebiet abgeschnitten war, ein neues gesucht. Die beträchtliche Regenmenge, welche im waldigen Tößstockgebiet niederfällt, das Schneewasser im Frühling, das manchmal bis Ende Mai anhält, haben, es dem jungen Flüsse ermöglicht, so rasch sich sein Bett einzufressem Bas zur cher ische Oberland.

275; Von Stäg an aufwärts trägt dieser den Charakter eines Oberlaufes. Fortwährend gräbt er sich sein Bett tiefer ein, eine Menge Stromschnellen und einige hübsche Wasserfälle, mit großen, ausgehöhlten Erosionskesseln, finden sich vor. Arnold Escher von der Linth hat Marken anbringen lassen und infolgedessen konstatieren können, dass diese Wasserfälle in 20 Jahren etwa 9—12 m rückwärts wandern. Wer die Mühe nicht scheut, dichtes Gestrüpp zu durchbrechen, Felsblöcke zu überklettern und Wasserfälle zu umgehen, der mag der Töß bis zu ihren Quellen folgen, denn zu hinterst in den Thälern hat sich diese in lauter Wasserfälle aufgelöst, das Gefälle ist ein ganz beträchtliches. Die Quellen der Töß liegen auf St. Gallerboden, diejenige der Hintern Töß liegt ungefähr 1130 m über Meer, diejenige der Vordem etwa 100 m höher; bei der Tößscheide, nachdem sie den Tößstock umflossen, vereinigen sie sich in einer Höhe von 794 m. Noch vor etlichen Jahren wurde das Holz geflößt, durch Sprengungen beim Bau einer Straße fielen aber viele Felsblöcke in das Flußbett, seitdem wird nun alles Holz per Achse und Schlitten zu Thal befördert. Zahlreiche Kutschungen und Felsstürze, die jedes Frühjahr stattfinden, machen den Unterhalt der Straße ziemlich kostspielig.

Im Mittellaufe, von Stäg an abwärts, hat der Fluß weniger mehr die Tendenz, sich einzuschneiden. Früher beschrieb er große Serpentinen-bogen innerhalb der Thalsohle, dabei links oder rechts die Gehänge unterspülend, so daß ein Nachrutschen und eine Verbreiterung des Thales stattfand. Oft hat sich die Töß durch Geschiebeablagerungen, wie dies jetzt noch zu beobachten ist, den Weg selbst versperrt, bei Hochwasser dann die schönsten Wiesen und Äcker beschottert und großen Schaden A. Bosçhard.

angerichtet, dies besonders in den Jahren 1876 und 1878. Jetzt muß sie ihren Wechsellauf innerhalb fester Dämme halten. Bei Turbenthal, wahrscheinlich noch vor der letzten Vergletscherung, gesellte sich zu ihr die Thür. Diese, bevor sie bei Wyl durch eine Moräne des Rheingletschers abgelenkt worden, hat das tief eingeschnittene Thal von Turbenthal nach Bichelsee ausgespült. An der Ostseite des aussichtsreichen Schauenbergs läßt der steile Abhang mit den „ Rissinen " ein größeres Thal vermuten.

Eine Bluse, ähnlich denjenigen im Jura, findet sich zwischen dçm Bruderwald und Alt-Toggenburg ( St. Iddaberg ). Die Murg hat hier diese zwei Berge von einander getrennt; wie man auf dem Panorama ersehen kann, ist der Westabhan^>i4èjslÂltVToggènMi^Jziemlich sanft und mit Wald bewachsen, der Abbang des Bruderwald dagegen ist steil und felsig, eine Erscheinung, die auch im Jura vorkommt. Das Hörnli selbst ist: eni großartiger Zeuge von der erodierenden Thätigkeit des Wassers, isi es doch noch als ein sonderbarer Rest von einer ehemaligen Boehebene in der Urzeit stehen geblieben. Noch vieles ließe sich aber dieses und jenes schreiben, doch wird es das Beste sein, wenn die wertem Olub-genossen das ztircherische Oberland^ mit seinem angrenzenden Gebiete einmal in natura ansehen, sie werden es alle gewiß viel schöner finden, als wir es zu schildern vermochten.

Nachstehende Notizen über die alpinen Pflanzen des zürcherischen Oberlandes verdanke ich der Gefälligkeit von Herrn Prof. Dr. C. Schröter 7in Zürich.

Daa ztircherische Oberland ist botanisch besonders dadurch interessant, daß es eine Anzahl von Alpenpflanzen beherbergt, die auf diesem weit vorgeschobenen Posten wohl als Überbleibsel aus der Gletscherzeit, als glaciale „ Relicten " aufzufassen sind.

Oswald Heer sagt darüber * ):

„ Die artenreichste Alpenkolonie begegnet uns im obera Tößthal, in der Umgebung des Hörnli und Schnebelhorns, indem uns hier 74 Gebirgspflanzen mit 40 alpinen Arten begegnen. In den schattigen feuchten Gebirgsschluchten blüht die gewimperte Alpenrose ( Rhododendron hirsutum ), das gelbe Alpenveilchen ( Viola biflora ), das blaue AIpen-Mulgedium ( Muh gedium alpinum ) und die zierliche Tozzie ( Tozzia alpina ); an den Felsen des Hörnli ( bei Allenweid ) die Aurikel ( Prirnula Auricula ) und ein Steinbrech ( Saxifraga Aizoon ), auf den Bergweiden der großblumige Enzian ( Gentiana acaulis ), der Bergranunkel ( Ranunculus montanus ), die wohlriechende Nigritella {Nigritella anustifoliaj, die goldfarbene Crépis ( Crépis àurea ) und das goldfarbene Fingerkraut ( Potentilla aurea ); aber auch die Bartsia ( Bartsia alpina ) und das niedliche Alpenglöcklein ( Soldanella alpina ), das dunkelblaue Alpen Vergißmeinnicht ( Myosotis alpestris ) und die schneeweiße Dryas fehlen da nicht; ja am Schnebelhorn überrascht uns « ogar die Zwergweide ( Salix retusa ) und der Felsenehrenpreis ( Veronica saxatilis ), die wir sonst nur in den höhern Alpen zu sehen gewohnt sind.u Seitdem Heer obiges niedergeschrieben, sind noch einige weitere Alpenpflanzen in diesem Gebiet entdeckt worden. Rektor Rob. Keller von Winterthur hat auf dem Schnebelhorn ein unscheinbares alpines Mastkraut ( Sagina Linnaei ) gefunden; die prächtige fleischrote Heide ( Erica 0 Eröffnungsrede bei der 48. Jahresversammlung der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft in Zürich ( 1864 ). Verhandlungen der -schweizerischen naturforschenden Gesellschaft Zürich 1865, Seite 10.

carnea ) wurde am Schnebelhorn von Kägi, am Altenstoll und an der Straße von Fägschweil ( Rüti ) nach Mettlen ( Wald, dort in Menge ) von Benz konstatiert; die großglockige Scheuchzer'sche Glockenblume [Campa-nula Scheuchzeri ) fand sich auf dem Schnebelhorn ( Dr. R. Keller ) und auf der Schwindelberger Höhe ( Culmann ) 1 ).

Andere bemerkenswerte Bürger der Flora des Oberlandes sind:

Dentaria polyphylla, die vielblätterige Zahnwurz, eine Kreuzblütlerin mit hellgelben Blüten, im ersten Frühling blühend; sie findet sich auf den meisten schattigen Höhen der Allmann- und Hörnlikette über 900 m, und wächst auf dem Bachtel massenhaft. Es ist eine Waldpflanze des Nadel-holzgürtels, eine seltene Pflanze der Schweizerflora. Nach Christ hat sie „ ihr Centrum in den feuchten Schluchten des obern Toggenburg, strahlt von da aus bis zum Bachtel und Hörnli im Kanton Zürich, bis zum Urnerboden und Matt im Kanton Glarus, bis ob Thusis im Kanton Graubünden. Östlich vom Rheinthal fehlt sie, sie erscheint erst wieder südlich der Alpen und in Croatien. "

Ein Bastard zwischen dieser Art und der Dentaria digitata wurde bei Bauma gefunden.

Pleurospermiim austriacum, eine mächtige, bis 2 Meter hohe Doldenpflanze, an der Töß und am obern Tößstock bei 700—800 m wachsend, die in der Schweiz nur hier, in den Appenzeller Kalkalpen, im Thurgau, am Monte Generoso und Simplon vorkommt; es ist eine osteuropäische Art, die hier nördlich der Alpen ihre Westgrenze erreicht.

Pirola media, ein seltenes Wintergrün, das in der Nordschweiz ganz sporadisch auftritt.

Der Bachtel ist ausgezeichnet durch seinen Reichtum an Bergpflanzen und Farnkräutern; von Bärlappgewächsen z.B. finden sich da Lycopodium selago, annotinum und clavatum; im Laupen-Wald am Batzberg auch das ganz seltene Lycopodium complanatum ( von Benz entdeckt ). Von Laub-farnen sind am Bachtel zu erwähnen: Phegopteris polypodioides, Dryopteris, Robertianum, Blechnum spicans, Asplenium viride, Polystichum spinulosum und montanum.

So zeigt sich uns das zürcherische Oberland als ein pflanzenreiches Gebiet der Molasse-Vorberge mit deutlichem alpinem Anstrich.

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