Der Bergsturz der Diablerets

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Von F. Becker ( Section Tödi ).

Der Bergsturz der Diablerets Ueber den Bergsturz der Diablerets ist schon viel geschrieben worden und doch ist seine Geschichte heute noch eine lückenhafte. Meine kurzen Mittheilungen sollen auch nicht den Zweck haben, diese Geschichte zu vervollständigen und Widersprüche in den Erzählungen darüber zu heben, sondern mehr auf die Ursache des Sturzes, auf seinen Verlauf und die dabei zu Tage getretenen Erscheinungen sich beziehen. Deßwegen habe ich auch nicht in den Gemeinde- und Staatsarchiven nach Notizen und Berichten geforscht, sondern mehr an Ort und Stelle den Verlauf der Katastrophe zu erkennen gesucht. Veranlaßt bin ich dazu worden durch die Ereignisse in Elm und die verschiedenen Erörterungen, welche dieselben in geologischen Kreisen hervorgerufen. Es war da in erster Linie interessant, zu erfahren, ob auch an den Diablerets die gleichen merkwürdigen Erscheinungen aufgetreten sind, wie in Elm, und wie der Bergsturz heute, nach 133, resp. 168 Jahren aussehe. Daraus ließe sich etwa schließen, ob und wie lange das Gelände von Elm wilde Steinwüste bleiben werde.

Wer heute auf dem Wege von Sitten über Avent und den Pas de Cheville nach Bex wandert, marschirt volle zwei Stunden in dem Gebiete des Bergsturzes; er ist überrascht von dem stellenweise noch so frischen Aussehen der Schuttmassen, als ob sie erst vor wenigen Jahren sich da abgelagert hätten. Noch liegen Erde und Steine durch einander auf den großen Felsblöcken, wie es heute in Elm der Fall ist; nur spärliche Vegetation hat sich eingenistet, kümmerlicher Wald, Lärchen und Tannen und Gestrüpp. Kleinere und größere Wasseransammlungen, die sich noch nie entleert hatten, die zum Theil wieder von unten gespiesen werden, zeigen sich überall; Bäche, die aus dem Schutt hervorquellen und wieder versiegen, morastige Stellen und Schlamminseln. Namentlich im obern Theile des Sturzes liegen die Stein« noch so rauh und unverwittert da, wie nach dem Sturze selbst; das sieht alles noch so frisch aus, wie ehedem, und Jahrhunderte werden wohl darüber gehen müssen, bis auch da eine Vegetationsdecke sich gebildet. Der Natur dieses Kalkgesteins entsprechend bilden sich an der Oberfläche der Felstrümmer eher Karren, als daß sich einiger Pflanzenwuchs ansetzte. Größere Bezirke sind durch Schlamm und Geschiebe bedeckt, welche die Bäche von den Diablerets wänden heruntergebracht, namentlich gegen den See von Derborence zu, analog wie sich diese Erscheinung auch in Elm vollzieht ( Mooserruns ). Ferner zeigen sich Strecken geschundenen Bodens, wo die dahersausende Trümmermasse den vorhandenen Humus abgestoßen, um ihn vor sich und seitlich abzulagern.

Das Gesammtbild des Sturzes ist das des Stromes und der Lauine. Ganz genau wie in Elm haben wir hier die Analogie zwischen den Erscheinungen, welche die schnellsten Bewegungen großer Massen in der Natur, wie die eines Bergsturzes, und die langsamsten, wie die eines Gletschers, hervorrufengroße Massen ohne genügenden innern Zusammenhang weisen immer in der Bewegung die Erscheinungen des Strömens auf. Ebel in seiner „ Anleitung, die Schweiz zu bereisen " spricht auch ausdrücklich in seiner Beschreibung des Bergsturzes der Diablerets von einem „ Steinstrom " und das springt auch Jedermann sofort in 's Auge. Es bestätigt das glänzend die Richtigkeit der Ausführungen Professor Heim's über den mechanischen Verlauf des Eimer Bergsturzes gegenüber der Erklärung des Geologen A. Rothpletz in München, dessen Theorie des „ Abfliegens der Massen " bei den Diablerets geradezu als Phantasterei erscheinen müßte.

Wie in Elm einmal, so ist bei den Diablerets der Steinstrom drei, beziehungsweise vier Mal abgelenkt und gestaut worden. Ich verweise dabei auf die beigelegte Karte. Einmal ist die Trümmermasse über den Grat nördlich des Chevillethälchens „ hinausgeschossen " und da gegen links abgelenkt worden; dann prallte sie ab an dem Grat von Verouet her, sowie gegenüber an dem Fuß der Felsen unter Montbas. An beiden Orten sieht man noch sehr deutlich und vollständig scharf die Grenze des Anpralles, so weit der alte Wald zusammengeschlagen ist. Die dritte, resp. vierte Ablenkung fand statt, wo die Bäche von Derborence und Gode sich treffen. Dort wird der Strom schmal und folgt dem Thalgrund bis hinunter nach Besson. Höchst charakteristisch ist die Anordnung der Schuttmassen nach Längswällen, wie Seitenmoränen eines Gletschers, namentlich um die scharfe Ecke östlich des Sees von Derborence herum. Dort ist links des Weges diese Moräne scharf ausgeprägt; kein Stein liegt nur einige Fuß von den andern und alle sind so steil geschichtet, daß es künstlich oder durch einen Gletscher nicht besser angeordnet werden könnte. An der gleichen Ecke biegen sich auch diese Längswälle, während im großen Schuttfelde mehr unregelmäßige Haufen herumliegen. Doch auch dort finden wir den Wald vorherrschend nach Längsstreifen angeordnet, entsprechend dem pflug-artigen Aufwühlen und moränenartigen Ablagern des von oben heruntergestoßenen Humus.

Die gesammte vom Bergsturz durchfahrene Fläche beträgt circa 5 km2, während der Schutt selbst, soweit er sich eben abgelagert hat, 2,2 km2 bedeckt. Rechnen wir bloß 25 m durchschnittliche Deckungshöhe, was eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist, so ergibt sich eine Schuttmasse von 50 Millionen Cubikmeter, d.h. ungefähr das Fünffache des Eimerschuttes. Die Länge des Stromes von seinem Anfang an beträgt 5,7, die größte Breite 1,5 km. Die Neigung vom Ende des Sturzes bis zu oberst an dem Anbruch ergibt sich zu 20 °. Es ist das etwas mehr als bei andern Bergstürzen von dieser Ausdehnung; Schuld daran ist das mehrmalige Anprallen und Ablenken, wobei sich die Kraft gebrochen. Bei 15° Neigung wäre der Schuttstrom 7,5k m. lang geworden.

Daß der Schuttstrom nicht noch länger geworden, als er eigentlich ist, hat auch seinen Grund darin, daß er eben nicht in einem Male, sondern in zwei Malen sich gebildet hat. Es fanden nämlich zwei Hauptstürze statt; der eine am 25. September 1714, der andere 1749. Der erste verschüttete 15 oder 18 Personen, über 100 Stück Rindvieh ( die meisten Bewohner waren mit ihrem Viehstand wegen der beunruhigenden Erscheinungen am Berge schon vorher abgezogen ) und 120 Hütten. Der zweite Sturz deckte noch weitere 40 Hütten, die weiter unten standen, und staute den Bach von Derborence zu einem See. Um's Leben kamen dabei fünf Berner, die in einer Sage, zwei Stunden unter Cheville, allzu sorglos gearbeitet. Das muß der größte Sturz gewesen sein. Natürlich stürzten vor- und nachher kleinere und größere Partien ab, wie wir auch an einem Morgen des Jahres 1882 an der Stelle des Bergsturzes lebhaften Steinfall beobachteten, während alles ringsumher in vollständiger Ruhe lag.

Fragen wir uns noch nach der wahrscheinlichen Ursache des Sturzes oder der Stürze — denn solche gab es viele, außer den zwei großen, entsprechend den Sagen von den Schlachten zwischen den Walliser- und Waadtländerteufeln — so finden wir dieselbe in dem geologischen Bau des Diableretsmassivs. Dasselbe verdankt seine Höhe und Form dem Uebereinanderschieben der Gesteinsschichten, und die Faltungen sind an vielen Stellen sehr deutlich sichtbar. ( Vide Karte Maßstab 1: 50,000, Blatt Diablerets. ) Schon bevor ich das geologische Profil durch den Bergsturz kannte, das mir durch Herrn Professor Renevier freundlichst mitgetheilt wurde, glaubte ich aus dem innern Bau der Felsmassen zu erkennen, daß das Knie einer Gesteinsfalte dort entblößt gewesen sein mußte, dem der feste Fuß und Halt gefehlt und das wie eine Schale sich von einer andern Schicht abgelöst hat und abgebrochen ist. Nach den Angaben von Herrn Professor Renevier biegen an jener Stelle wirklich die Schichten scharf um, wobei auch der innere Zusammenhang des Gesteins selbst gelockert worden ist. Wir beobachten ja bei ähnlichen Biegungen im nämlichen Gestein an andern Orten ein vollständiges Ablösen der einzelnen Gesteinslagen, so daß oft weite Zwischenräume und Klüfte entstehen. Die Schichten, die sich an der Abbruchstelle wie Schalen übereinander gelegt, mit der convexen Seite nach Außen, verloren nun entweder durch stärkeres Verwittern ihres Auflagers oder vielleicht durch die Einwirkung des von oben durch die Klüfte eindringenden Wassers ihren Halt und stürzten zu Thal.

Dicht neben dem besprochenen Bergsturz beobachten wir noch einen andern, vorhistorischen: die Hügel von „ les hauts cropts " ( Karte Maßstab 1:50,000 ) sind die Schutthaufen eines Bergsturzes, der von der „ Tête ronde ", resp. aus der Nische zwischen den Punkten 3043 m und 3217 m herausgebrochen ist. Auch dort treffen jene scharfen Biegungen, jene „ gequälten " Schichten deutlich zu Tage.

Wenn die bösen Geister im Innern der Diablerets wieder zu rumoren beginnen, mögen sich dann die Hirten von Vozé und La Comba auf die Strümpfe machen; dort ist noch eine Ecke, östlich des Baches, gerade ob La Comba, die auch noch einmal herunter will. Der Vorgang würde dabei der sein, daß auch einige Zeit vorher sich ein Krachen im Innern des Berges hören ließe, herrührend vom Ablösen und Abbrechen der Schichten, vom Zerreißen, bis die ganze Masse sturzbereit ist. Geht es aber so lange, bis den heutigen Geologen die Zähne nicht mehr weh thun und die Lehren aus dem Bergsturz in Elm wieder in allen Kreisen gründlich vergessen sind, dann wird auch dort wieder die Stimme der Natur ungehört verhallen und der ungläubige Mensch inne werden, daß er nicht immer so klug ist, wie er sich wähnt. Wenn wir uns noch schließlich fragen über die Zukunft des verschütteten Eimer Thalgrundes, so können wir der Hoffnung leben, daß es auch dort wieder einmal grün werde; an den Stellen allerdings, wo die trockenen Felsen obenauf liegen und der allfällig noch vorhandene Humus durch das Regenwasser noch mehr hinuntergespült wird, kann es noch lange gehen. Jedenfalls verwittern die Eimerschiefer leichter als die Kreidekalke der Diablerets; doch sind auch sie nicht günstig für die Vegetationsbildung. Ausdauernde Arbeit, wie sie schon längst begonnen, und die richtigen Mittel werden es aber dazu bringen, daß die Todesstätte wieder zu einer freundlichen wird und unsere Nachkommen nur noch aus den Erzählungen erfahren, wie es dort einmal ausgesehen, was aber Nächstenliebe und rege Thätigkeit zu wirken vermochten.

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