Der Rhonegletscher in den historischen Quellen

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Heinz J. Zumbühl, Bern

Flächenmässig steht der Rhonegletscher mit 17,38 km2 an 9. Stelle in der Schweiz ( davon sind 16,91 km2 schuttfrei ). Mit einer maximalen Länge von 10,2 km ( und einer mittleren Breite von 2,2 km ) nimmt er den 5. Platz unter den Schweizer Eisströmen ein ( GLETSCHER-INVENTAR 1976: 80/81 B.43.3 ).

Höchster Punkt im Einzugsgebiet ist mit 3629,9 m der Dammastock, die Gletscherzunge endet zurzeit auf 2140 m. Der Gletscher weist ein Eisvolumen von 1,8 x 109 m3 auf und damit eine mittlere Eismächtigkeit von 102 m. In der Mitte des Grossfirns erreicht die Gletschermächtigkeit ihr Maximum von 350 m. Die durchschnittliche Gleichgewichtslinie liegt auf 2950 m.

2. Frühe Erwähnungen des Rhonegletschers im 4. und 16. Jahrhundert In der nur fragmentarisch erhaltenen , einer Küstenbeschreibung des Mittelmeeres in jambischen Trimetern des römischen Dichters Rufius Festus Avienus ( 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts ), finden sich Hinweise auf das Gebiet der Schweiz ( und speziell auf den Rhonegletscher und Dammastock ), die auf weit ältere Quellen zurückgehen. So verarbeitete Avienus in seinem Lehrgedicht eine Beschreibung der Mittelmeerküste, die ein Grieche aus Marseille bereits vor 530 v. Chr. verfasst hatte. Bei der Schilderung 14 Der von sw her gesehene Rhonegletscher mit dem Damma- und dem Galenstock. 1856 stirnte der Gletscher nur ca. 300 m nordöstlich des Hotels ir Gletsch; seitdem und bis 1987 ist der Eisstrom um 2061 m zurückgeschmolzen, so dass heute der Gletschboden und der grösste Teil der Steilstufe eisfrei sind ( Aufnahme: 24. September 1983 ).

Chalberwang.

Karte 2 Moränenwälle und Aufschlüsse im Vorfeld des Rhonegletschers bei Gletsch i D > ,RDA3 | ehem> R0A1 A Thermal-quelleMoränenwall abgetragen Erosionskante ( EK ) der Küste in der Gegend von Massilia ( lat. = Marseille ) kommt dieser auch auf den Rhonelauf, der damals eine wichtige Handelsstrasse gewesen ist, zu sprechen:

Ob in diesem Text von Avienus wirklich vom Rhonegletscher gesprochen wird, ist letztlich eine Frage der Interpretation. Genauere Angaben zur Gletschergeschichte lassen sich mit Hilfe dieses Dokumentes sicher nicht machen. Vorstellbar ist, dass die Gletscherzunge damals in den Talboden hinunterreichte, also

G Gletschboden

//il

y// fn ),

.. V VVR0A4 ehemaliger Eisrand vermutet Gletscherstände A, B frühmittelalterlich oder älter spätmittelalterlich ( 14. Jahrhundert ) Ende 16./Anfang 17. Jahrhundert 17./18. Jahrhundert 1856 Aufschlüsse ( vgl. S. 225-233 ) —»-O ROA1, ROA3-ROA7 R0A2 S. Karte 3 eine grössere Ausdehnung als heute hatte und deshalb bei der Überquerung des Grimsel-und Furkapasses - ihre Überquerung in römischer Zeit ist belegt - als spektakuläres Phänomen gesehen werden konnte.

Den ältesten bisher bekannten direkten Hinweis auf den Rhonegletscher finden wir in der 1547/48 in Zürich erschienenen grossen und wertvollen

Stumpf unternahm im Sommer 1544 eine Alpen- und Schweizerreise, die ihn via Jochpass und Grimsel auch ins Quellgebiet der Rhone führte.2 Auch der Text von Stumpf lässt nur vermuten, dass die Gletscherzunge im Gletschboden endete.

Auf der später, d.h. 1552, noch einmal gesondert von der Chronik herausgegebenen Karte 3 Postglaziale Stände des Rhonegletschers und das Rückschmelzen der Zunge von 1856-1980 Wyssgand

Zwei Jahre nach Stumpf, am 4. August 1546, besuchte der in Basel wirkende Kosmograph, d.h. Geograph, Mathematiker und Astronom Sebastian Münster ( 1489-1552 ) auf einer Reise vom Wallis zum Gotthard ebenfalls den Rhonegletscher. Seine Beobachtungen sind in der 1561 in Basel erschienenen festgehalten:

Wenn wir von der Annahme ausgehen ( s. unten ), dass der Gletscher damals die Eiskalotte im Talboden gebildet hat, so sind beide Werte von Münster wohl zu gering geschätzt, beispielsweise betrug die Breite der Zunge 1874 ca. 500 m ( MERCANTON 1916: Plan N° 3, RO 91 ). Der Hinweis auf die Rhonebrücke sowie die Länge des Gletschers, wo sichtbar sei, machen die Hypothese sehr wahrscheinlich, dass der Eisstrom im Gletschboden endete. Die von Münster benützte Brücke über die Rhone lag damals vermutlich bereits dort, wo sie auch auf zahlreichen Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert zu sehen ist, nämlich bei Gletsch. Nach Le ROY LADURIE ( 1967: 106 ) endete der Gletscher 1546 irgend- wo in ( mittlerer Lage>, d.h. wohl nahe bei Gletsch, möglicherweise zwischen der späteren Zungenendlage von 1856 und 1874.

In einer bisher der Gletscherforschung nicht bekannten Version der Grindelwald-Chronik wird für 1547 ein Vorstoss des Unteren Grindelwaldgletschers belegt.4 Damit wäre auch eine grössere Ausdehnung des Rhonegletschers in dieser Zeit denkbar.

Auf der Karte des bernischen Staatsgebiets von 1577/78 vom Berner Stadtarzt Thomas Schoepf5 sind zwei Quellen, ( Rhodani Föns Prim> und

Der Gletschervorstoss an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, der durch ein 14C-Da-tum ( RO A4 39065 yBP vgl. S.232/233 ) nachgewiesen wird, kann also wegen des Feh-: to« i44>-

RO01.1 J. J. Scheuchzer, August 1705: die älteste kartographische Darstellung des Rhonegletschers ..«£ RO02.1 M. Fuessli, 1707: das äl teste druckgraphische Blatt mit dem Bild des Rhonegletschers lens von aussagekräftigen Dokumenten mit der historischen Methode nicht gesichert werden.

3. Der Rhonegletscher Anfang des 18. Jahrhunderts Vom Zürcher Naturforscher und Stadtarzt Johann Jakob Scheuchzer ( 1672-1733 ) stammen die ersten genauer interpretierbaren historischen Text-, Bild- und Kartendokumente des Rhonegletschers. Er besuchte den Eisstrom auf seiner vom 30. Juli bis 24. August 1705 ( Weber 1984: 92 ) dauernden vierten Alpenreise vom Urserental herkommend, was er im dritten Teil seiner ( Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlands; Enthaltend vornemlich eine ober die höchsten Alpgebirge An. 1705. getahne Reise ) ( Zürich 1708 ) beschreibt:

welchem ein beständiger Bach herfliesset deme bald andere so von anderen Ohrten des Bergs abrünnen sich zugesellen und sich nach einer kleinen halben Stund gegen Abend unter dem Grossen Gletscher verlieren bald aber widerum unter demselben hervor kommen und mit weit mehreren von dem grossen Gletscher selbs kommenden Wasseren des Rhodans Ursprung ausmachet; wie so wol die Gletscher als des Rhodans Ursprünge vorgestellet werden in einer besonderen Tafel. Wir sehen also dass nicht nur die Furke zweyspitzig ist in Gestalt einer Gabel sondern auch doppelt ist der Gletscher und zweyzinlicht der von ihnen herfliessende Rhodan. ) ( SCHEUCHZER, 1708, 3:100 ).

Um die Verhältnisse, nicht zuletzt die Verwirrung um die wahre und falsche Rhone-quelle6 klarzustellen, liess Scheuchzer seinen Hauptillustrator M. Fuessli ( 1677-1736 ) 1707 die Tafel RO 02.1* S. 170 ) ra- ^ ro03 S. Bödmer, um 1706: der von der Seite her gesehene ( grosse gletzer> dieren. Diese älteste Bilddarstellung des Rhonegletschers und der Text ergänzen sich. Mit dem kleinen Gletscher ( Bildlegende G/H ) ist wohl der Muttgletscher gemeint, der grosse Gletscher ( Bildlegende AF ) dagegen ist die heute nicht mehr existierende Eiskalotte des im Talboden endenden Eisstromes. Leider ist die Darstellung zu schematisch, als dass man genauere Aussagen über die Zungenendlage machen könnte. Wenn man von derTher-malrhonequelle ( Legende

Die Bemerkung Scheuchzers, dass der Muttbach nur kurze Zeit unter der Eiskalotte fliesse, d.h. unter derselben hervor-komme, würde dagegen eher auf eine geringere Ausdehnung der Eismassen im Gletscherboden deuten.

Obwohl mit dem ( doppelten Gletscher ), an anderer Stelle ist von einem ( zweyfachen Glettschen die Rede, offenbar der Rhone- und der Muttgletscher gemeint sind, bleibt unklar, ob damit nicht eine aus zwei Zungenspitzen bestehende Eisendlage, so wie man sie beim abschmelzenden Rhonegletscher Anfang der 1880er Jahre sehen konnte, beschrieben wird.

Welche der drei Hypothesen die richtige ist, lässt sich nicht endgültig klären.

Die Radierung von Fuessli ist im Laufe des 17. Jahrhunderts mindestens fünfmal kopiert worden, wobei der Vordergrund ( z.B. an Stelle der Legende ein Weg mit Reisenden ) sowie das Aussehen des Gletschers ( z.B. bei GRÜNER 1760, RO 02.3, eine steile aufgewölbte Eiskalotte ) leicht verändert wurden. Im wesentlichen ist aber immer Fuesslis Perspektive von 1707 beibehalten worden.7 Auch auf der lavierten Originalfederzeich-nung zu J. J. Scheuchzers Schweizerkarte ( RO 01.1* S. 170 ) sind der Mutt- sowie der Rhonegletscher als feiner Haufen halbkugelförmiger Gebilde - die die Séracs der Eisoberfläche schematisierend darstellen - deutlich zwischen den grossförmigen Gebirgspyramiden zu erkennen.

Auf der Karte sind weiter die im Text genannten zwei Rhonequellen eingezeichnet, wobei die mit zwei Linien als Hauptstrom vermerkte Rhone ( samt Muttbach ) aus einem Gletschertor ( eine kleine Kreis- bzw. Höhlen-signatur gestattet diese Interpretation ) zu entspringen scheint. Mit Rotbraun ist auch der in zahlreichen Windungen verlaufende Furka-passweg, der die junge Rhone vor dem Hin-einfliessen des Thermalquellbaches überquert, eingetragen.

Bei der erstmals 1712/13 in Zürich gedruckten von J.J. Scheuchzer sind diese präzisen Details, aber auch der Muttgletscher verlorengegangen, geblieben ist eine vereinfachte Gletschersignatur ( kugelige dunkle Gebilde, vgl. RO 01.21 ). Auf diese Weise sind u.a. auch die beiden Grindelwald-, aber auch die Aaregletscher vermerkt. Es handelt sich hier um den ersten sicher nachgewiesenen Versuch in der Schweiz, Gletscher mit einer relativ klein-massstäblichen Gesamtkarte zu erfassen ( ZUMBÜHL 198O:23, DURST 1971 ).

Fast zur gleichen Zeit wie Scheuchzer, um 1706, hat der später durch seine Verdienste um die Kanderkorrektion berühmt gewordene Samuel Bodmer ( 1652-1724 ) im Marchbuch Nr.2 die Grimselpassregion in Kavaliersperspektive gezeichnet ( RO 03* S. 171 ). Gut erkennbar ist das vedutenartig dargestellte Grimsel-Hospiz mit dem kleinen See zu Fus- sen des Spitel Nollens. Im Gegensatz zu andern Gebirgsdarstellungen Bodmers ( z.B. Grindelwald ) ist jedoch hier die Topographie schwer identifizierbar. Zwischen dem ( von der Form her ist der Galenstock denkbar ) und dem ( Nägelins berg auf dem gletzen ist mit schwachblauer Farbe auch der ( grosse gletzen, wohl der Rhonegletscher, vermerkt. Das Zungenende ist jedoch nicht sichtbar und durch den dem Galenstock ähnlichen Gipfel verdeckt, was allerdings topographisch kaum stimmen kann. Im Talgrund wird gleich zweimal die Rhonequelle erwähnt mit ( Anfang des Wallisland rodan> und ( rodan Anfang im gehren>. Der erläuternde Text RO05 W. Pars, vermutlich 31. Juli 1770: Rhonegletscher und Rhonequelle; die stark zurückgeschmolzene Eiskalotte ( BÖDMER 1706, 2:247 ) illustriert die Federzeichnung: Beim

am Fuss der Steilstufe endet mehr als 1100 m von den Moränen des neuzeitlichen Maximalstandes entfernt.

4, Das abgeschmolzene Zungenende des Rhonegletschers in den 1760er Jahren und der Vorstoss um 1770-1777/81 Es dauert nach Scheuchzer und Bödmer, soweit bis jetzt bekannt, mehr als 50 Jahre, bis der Rhonegletscher wieder in Bild- und Textquellen erwähnt wird. Das Zungenende des Rhoneeisstromes scheint, zwischen 1760 und 1770 ständig abschmelzend ( s. unten ), zuletzt nur die östlichen Gebiete des Gletsch- bzw. Talbodens mit Eis bedeckt zu haben. Beim Text und Bild von Grüner 1760 und 1778 und der Karte von Walser 1768 kann man dies nur vermuten, bei der aquarellierten Zeichnung von Pars ( RO 05* S. 173 ) und dem Ölgemälde von Wüest ( RO 06* S. 176 ) wird dies zur Gewissheit.

In G. S. Gruners

Interessanterweise wird nun in der zweiten, offenbar ergänzten Auflage des , die allerdings unter anderem Titel, nämlich ( Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens ), 1778, also 18 Jahre später, erschienen ist, vom Autor ausdrücklich betont, das Aussehen des Gletschers habe sich im Vergleich mit der Darstellung von Scheuchzer verändert:

Für die Veränderung des Textes sind zwei Hypothesen denkbar:

a ) Das Zungenende schmolz von 1760 bis Anfang der 1770er Jahre stark zurück, was von Grüner oder seinem Informanten beobachtet wird. Bei diesem ( völlig weggeschmolzenen... ganz glatten... Gletscherberg> handelt es sich offensichtlich um die gegenüber früher stark zurückgeschmolzene Eiskalotte des Rhonegletschers im Talgrund. Die Bildquellen von Pars ( RO 05* S. 173 ) und Wüest ( RO 06* S. 176 ) bestätigen die geringe Ausdehnung der Eiszunge.

b ) Im ( Eisgebirge ) von 1760 wird im wesentlichen noch der Gletscherstand zur Zeit von Scheuchzer festgehalten. Inzwischen haben Grüner oder sein Informant bei einem Besuch des Rhonegletschers, vielleicht Ende der 1760er Jahre, Anfang der 1770er Jahre, das markant veränderte Aussehen der Eiszunge registriert. Leider ist auch die Rhonegletscher-abbildung, die GRÜNER ( 1760, 1:198/199, RO 02.3 ) seinem Text beifügt, nicht neu - dies wird von ihm auch ausdrücklich bestätigt-, sondern stammt von F. Meyers aus der Zeit um 1705-1708.

Acht Jahre nach Grüner, 1768, wurde die Walliser Karte des ( Atlas Reipublicae Helve-tiae> ( RO 04 ) von Pfarrer Gabriel Walser ( 1695-1776 ) publiziert.9 Neben dem ( Rhodan Gletscher ) sind die ( Ober Gletscher Alp> ( im Gebiet gegen den Muttgletscher ) und die ( Nider Gletscher Alp> ( südlich des Eisstromes ) namentlich erwähnt. Denkbar wäre, dass der starke Rückgang des Gletschers das Vorfeld für die Alpnutzung freimachte.

Am 31. Juli 1770 ( WlLTON 1979: 32 ) besuchte der durch seine Zeichnungen von einer archäologischen Expedition nach Griechenland und der Türkei bekannt gewordene William Pars ( 1742-1782 ) in Begleitung des Viscount H.J. Palmerston auf seiner Schweizerreise auch den Rhonegletscher. Pars hat die imposante, im Talboden von Gletsch breitgelagerte Eiskalotte des Rhonegletschers vor der Kulisse des kleinen Furkahornes ( links in der Mitte ) und des Blaubergs ( rechts ) dargestellt, als hätte er sie durch ein ( Superweitwinkel-objektiv ) gesehen ( RO 05* S. 173 ).

Die aquarellierte Federzeichnung ( ist in ihrer Schlichtheit und Unmittelbarkeit und in der kühlen Klarheit, mit der sie Eis und Schnee und die Weite der Berge darstellt,... vielleicht das schönste und originellste Blatt der Reihe ) ( WlLTON 1979:21 ).

Der von WNW her gezeichnete Gletscher umfasst als bilddominante Hauptelemente die in eine Treppe von Séracs aufgelöste Eiskaskade über die Steilstufe und die in einer lang-geschwungenen Kurve nach rechts führende Eiskalotte im Talboden. Das Zungenende, weiss bis hellblaugrau koloriert, besteht links aus einer steilen, von Spalten durchbrochenen Eisfront mit einem gewaltigen, zum Teil eingestürzten Gletschertor und rechts aus einem stark abgeflachten, teilweise sogar eingesunkenen, d.h. ausgeaperten, Eiskörper, der möglicherweise, die graue Farbe weist darauf hin, sogar aus Toteis besteht.

Pars unterscheidet auch deutlich eine grau-beige, wohl kaum von Vegetation überdeckte gletschernahe Schuttzone und im unmittelbaren Vordergrund gewaltige, von Gras und Büschen teilweise überwachsene gelbgrün-braune Felsblöcke. Die zahlreichen Hinweise zur Topographie des Vorder-, Mittel- und Hintergrundes ermöglichen eine ziemlich zuverlässige Lokalisierung des Aufnahmestandortes. Vermutlich hat Pars sein Aquarell unterhalb der steilen Einmündung des Untersaas-baches in die Talebene von Gletsch gezeich-net.10 Dies bedeutet jedoch, dass die Gletscherzunge im Vergleich zu den meisten späteren historischen Darstellungen nur eine sehr geringe Ausdehnung im Tal- bzw. Gletschboden aufwies, ähnlich wie wir dies in den Jahren 1875-1881 beobachten können. Gegenüber den Moränen des neuzeitlichen Maximalstandes ( vgl. Karte 2 D ) war die Eisfront am 31. Juli 1770 ca. 1100-1430 m abgeschmolzen. Bei der Genauigkeit der Eisdarstellung - so ist beispielsweise rechts von den Spalten an der Eisfront sogar die aufwärts geschwungene Eisstruktur eingetragen - überrascht auf den ersten Blick das Fehlen von Moränenwällen, die wir später auf den Aquarellen eines S. Birmann minuziös festgehalten antreffen. Der weit zurückgeschmolzene Gletscher liefert aber auch hier eine Erklärung, liegt doch der Aufnahmestandort des Künstlers in diesem Fall weitab von den bekannten Stirnmoränen.

Zu Recht vermutet WEBER ( 1981: 126 ), dass die präzise Darstellung der Eisfront sowie der gut gewählte Blickwinkel vor allem den Anweisungen des Genfer Alpenforschers H. B. de Saussure zuzuschreiben sind, der die beiden Engländer auf ihrer Reise begleitete.11 Ungeklärt ist noch die Frage, ob die auf der rechten und linken Seite gezeichneten Tannen damals wirklich existierten oder als Staffage eingetragen worden sind. Bei C. Wolf ( RO 10.3* S. 178 ) und S. Birmann ( RO 36* S. 200 ) ist die Baumvegetation ebenfalls auf der linken Seite, nicht aber auf der rechten Seite vermerkt. Sofern es sich bei den Bäumen von Pars nicht um eine dekorative Beifügung handelt, würde dies bedeuten, dass der Gletscher schon längere Zeit vorher in dieser stark abgeschmolzenen Position im Talgrund endete.

Aber trotz der hohen Qualität der vorliegenden Federzeichnung sind ihrer Analyse Grenzen gesetzt.

Pars hat zwar den Gletscher im Detail naturgetreu gezeichnet, doch der Superweitwinkel-blick, offenbar ein Charakteristikum der Pars-schen Zeichnungen, kann zu starken Verzerrungen führen und eine Landschaft weitab der Realität ergeben.12 Zudem sind die Skizzen erst nach der Rückkehr nach England zu fertigen Aquarellen umgearbeitet worden.

Vermutlich zwei Jahre nach dem detailreichen Aquarell von W. Pars schuf der Zürcher Landschaftsmaler und Radierer Johann Heinrich Wüest ( 1741-1821 ) auf einer zwölftägigen Reise im November 1772 die Naturstudie zu einem grossen hochformatigen Ölgemälde des Rhonegletschers ( RO 06* S. 176 ). In einer kleinen handgeschriebenen Selbstbiographie berichtet WÜEST ( o.J.: 15 30 ): ( Um diese Zeit [vermutlich 1772] liess mich der englische Lord Strenge [sie] fragen ob ich für seine Rechnung eine Berg Reyse unternehmen würde, um für ihn den Rohnen-Glätscher und andere Prospecte aufzunehmen.)13 Das für den englischen Naturforscher, Archäologen und Kunstsammler John Strange ( 1732-1799 ) gemalte Bild ist nur noch in der zweiten, vermutlich 1772/73 für den Zürcher Seidenfabrikanten Salomon Escher ausgeführten Fassung im Zürcher Kunsthaus erhalten.

Aussergewöhnlich ist das Gemälde in mehrfacher Hinsicht.

Seine grossartige Wirkung verdankt das Gemälde unter anderem der freien, idealisierten Komposition von Gletscher und Himmel. Das im Zentrum stehende Hauptmotiv, die von einer Morgensonne grell beschienene, silbrig-weiss glänzende Eismasse umfasst nur gut den unteren Drittel des Bildes. Der hohe hellblaue Himmel mit den nach feuchter Nacht sich auflockernden, dunkelgrauen bis licht-weissen Haufenwolken übersteigert das rund-geformte Granitgebirge ins Unermessliche.

Aussergewöhnlich ist aber auch der Aufnahmestandort des Malers. Meistens wurde der Rhonegletscher später von seiner Frontseite, d.h. von SW her abgebildet. Wüest dagegen wählte für sein Gemälde einen Standort ca. 130-150 m über dem Talboden am linken südöstlichen Talhang im Bereich unterhalb Schneetole.14 Die Passroute ist durch einen hohlwegartigen Geländeeinschnitt mit einem Träger auf der rechten Bildseite angedeutet. Dank diesem Standort rückt nun der Rhonegletscher kompositionell in die Bildachse, und wir blicken von SSW nach NNE frontal auf die wie ein schäumendes Wellenmeer aussehenden Séracs der Eiskaskade. Der Rhoneeisstrom ist so eingebettet zwischen den Gerstenhörnern ( links am Horizont ), der Ober- ro06 H. Wüest, November 1772: der stark abgeschmolzene Rhonegletscher, eingebettet zwischen Gerstenhörnern ( links ) und Furkahörnern ( rechts ). Der Standort des Malers auf dem alten Furkapassweg, etwa 130-150 m über dem Talboden, und der Blick nach NNE, frontal auf die Eiskaskade, sind ungewöhnlich.

saas ( Felsbuckel links oberhalb der Steilstufe, ungefähr die Nordrichtung angebend ) und den zum Gletscher hinunterführenden Felskämmen des Sidelenhorns sowie des Grossen und Kleinen Furkahorns ( Felsgipfel rechts der Bild-mitte).15 Bedingt durch den wenig geneigten Talboden endet der Gletscher in einer relativ flachen, von zahlreichen Spalten und Eisoberflä-chenbächen durchfurchten Eiskalotte. Auf der linken Seite ist das wie ein stark abgeflachter Keil aussehende, d.h. vermutlich stark ausgeaperte, Gletscherende mit der in grünblau-weiss angetönten Rhone, die aus dem Gletschertor fliesst, dargestellt. Mit etwas Phantasie kann man das Braungrau vor der Eiszunge als Moränenmaterial interpretieren.

Wo aber endete 1772 der Rhonegletscher? Eine topographisch ganz genaue Abgrenzung der Lage des Eisrandes ist natürlich bei diesem Ölgemälde nicht möglich. Erleichtert wird aber eine Analyse dadurch, dass wir den Aufnahmestandort des Malers rekonstruieren können.

Zudem dürfen wir aus der Wiedergabe verschiedener Details schliessen, dass Wüest den Rhonegletscher und seine Umgebung topographisch doch im allgemeinen recht zuverlässig, wenn auch nirgends so präzise wie S. Birmann ( ro 36* S.200 ) abgebildet hat.

Dass das Gletscherende und seine topographische Umgebung wegen der randlichen Lage sich der Bildkomposition unterzuordnen hatten und deshalb teilweise verzerrt wieder- 177 ro07 H. Wüest, November 1772 oder Wende 18./19.Jh.: Der Rhonegletscher endet, bei geringer Ausdehnung, unterhalb der Felsstufe.

gegeben wurden, lässt sich jedoch nicht sicher ausschliessen.

Für eine geringe Gletscherausdehnung spricht das in mehrere unterschiedlich stark auskeilende, d.h. in ausgeaperte, Teile aufgelöste Zungenende ( linke Bildseite ). Im unmittelbaren Vordergrund ist vielleicht sogar Toteis. Eine ähnliche Situation mit zwei Eiszun-genspitzen, einer nordwestlichen auf der Saasbachseite mit dem Hauptabfluss der Rhone und einer südlicheren mit dem Muttbach auf der Schatthangseite ( auf dem Gemälde durch den Vordergrund teilweise verdeckt ), konnte ausgeprägt in den Jahren 1879-1883 beobachtet werden ( Mercanton 1916: PlanN°4, RO 92, vgl. Karte 3 ).

Der aussergewöhnliche, im Vergleich mit den üblichen Zeichenstandorten weit gegen NE an den linken Talhang erhöhte Aufnahmestandort deutet ebenfalls auf einen unerwartet stark zurückgeschmolzenen Rhonegletscher. Mit Hilfe markanter topographischer Elemente ( v. a. Felsbänder, Berggipfel, Kuppen, Gewässer ), die sich sowohl in der Landschaft wie auf dem Gemälde festlegen lassen, sowie Azimut-bestimmungen in der Natur und auf Plänen und Karten ( MERCANTON 1916, LK 1:25000 ) ist die Lage des Gletscherzungenendes von 1772 genauer abschätzbar.

Ein Vergleich im Gelände zeigt, dass die nach Westen, d.h. auf dem Gemälde nach links unten, auskeilende Eiskalotte des Rhonegletschers 1772 an der Oberfläche ungefähr dem Verlauf zuerst einer Felsrippe und dann des Saasbaches gefolgt sein mag. Die auch auf später entstandenen Bilddokumenten ( je nach Gletscherstand und Aufnahmestandort mehr oder weniger gut ) erkennbare Felsrippe beginnt an jener Stelle, wo der Gletscher seine Fliessrichtung von Süden nach Südwesten ändert und zugleich von der steilen Eiskaskade in die flachere Eiskalotte übergeht. Demnach endete der Rhonegletscher 1772 vermutlich ca. 910-1040 m von der neuzeitlichen Maximalstandsmoräne ( D ) entfernt.16 Erst in den Jahren 1875-1878, also mehr als 100 Jahre später, stirnte der Gletscher wieder in diesem Bereich.

Die Physiognomie der Gletscherzunge auf dem Gemälde von Wüest zeigt Aufwölbungen, die wir als erste Anzeichen eines Vorstosses deuten können ( damit gehen wir allerdings an die Grenze der Interpretierbarkeit eines Gemäldes ). Ein Vergleich mit der Pars-Studie ( RO 05* S. 173 ) bestätigt dies; von 1770 bis 1772 war der Gletscher wohl im Mittel ca. 60-290 m ( der Maximalwert von 540 m ist unwahrscheinlich ) vorgestossen.

Bestätigt wird die geringe Gletscherausdehnung auch von einem kleinformatigen Ölgemälde, gemäss rückseitiger Beschriftung

Die steile Eispranke auf der rechten Bildseite hinter der flachen ausgeaperten Zunge deutet vielleicht auf einen zukünftigen Vorstoss des Rhonegletschers ( gleich wie RO 06* S. 176 ). Eine Eiszunge mit zwei Gletschertoren und entsprechend zwei Entwässerungsrinnen ( der Saasbach links, der Muttbach rechts ) im Bild ist auch durch andere Dokumente belegt, z.B. für das Jahr 1884 ( MERCANTON 1916: Plan N° 4, RO 92 ). Die Farben sind ähnlich wie bei der grossformatigen Version, so etwa das Hellblau des Himmels. Anders sind jedoch die Lichtverhältnisse; die von einer schon tiefstehenden, von links bzw. Westen einstrahlenden Abendsonne beleuchteten Gerstenhörner und die Felsen bei Obersaas werfen lange Schatten auf den Rhonegletscher.

Um den spektakulären Eisstrom in den richtigen Proportionen darstellen zu können, hat Wüest auf den beiden Gemälden Staffagefiguren hinzugefügt. Auf der grossformatigen Zürcher Version ( RO 06* S. 176 ) hat sich Wüest selber, inmitten einer Dreiergruppe stehend, als Zeichner in blauem Kleid von hinten und im richtigen Massstab zur Landschaft porträtiert. Die Zweiergruppe mit dem Hund auf dem Gletscher - ist hier vielleicht Lord Strange dargestellt, oder steht der Auftraggeber rechts von Wüest im Vordergrundist proportional noch halbwegs richtig, die Zweiergruppe links vom Gletscher oberhalb Untersaas dagegen sicher zu gross geraten. Auf der kleinformatigen Winterthurer Version ( RO 07* S. 177 ) sind alle Figuren viel zu gross gemalt, besonders krass die beiden Diskutierenden auf dem Gletscher. Der Rhonegletscher wird so zu einem kleinen Kargletscher reduziert! Das Verzeichnen der Staffagefiguren - vielleicht sind die Figuren zum Teil auch erst später gemalt worden - sollte man nicht überschätzen! 17 Sehr wahrscheinlich hat RO 07* S. 177 von Wüest auch als Vorlage gedient für das Titelkupfer zu G. EBELS 1805 ( in der 2. Auflage ) erschienenem Reisehandbuch

Ob das Gemälde RO 07.* S. 177 von Wüest ebenfalls 1772 oder aber später, um die Wende 18./19. Jahrhundert, entstanden ist, wie dies die Aquatinta RO 08.11 bei Ebel vermuten lässt, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Von der Gletscherausdehnung her gesehen wären beide Daten denkbar, wobei wir jedoch der ersten Version ( 1772 ) den Vorrang geben.

Vom Juli bis September 1777 besuchte der französische Mineraloge und bergerfahrene ( Naturaliste Dessinateur ) ( WEBER 1984: 116 ) Alexandre Charles Besson ( 1725-1809 ) die Alpen. Die auf dieser Reise gewonnenen Erkenntnisse hat Besson später in einem bahnbrechenden landeskundlichen Reisebericht, dem ( Discours sur l' histoire naturelle de la Suisse ), im monumentalen Ansichtenwerk ( Tableaux topographiques, pittoresques, physiques, historiques, moraux, politiques, littéraires, de la Suisse... ) von ZURLAUBEN/DE LABORDE 1780 ( 1777-1788 ), ergänzt durch 17 qualitativ hochwertige radierte Ansichten nach eigenen Reisezeichnungen, publiziert.18 Besson hat den Rhonegletscher frontal von einem leicht erhöhten Standort ( heute Meyen-wand-Grimselstrasse ) aus mit einer markant weiss leuchtenden, aber gut strukturierten, von einzelnen Felsblöcken bedeckten Eisoberfläche dargestellt ( RO 09.1* S.179 ). Im Textteil, d.h. im , wird das Aussehen des Gletschers ausführlich beschrieben: ( Des pics & des pyramides de rochers couronnent & entourent les glacières, d' où découlent les glaces qui forment le glacier, son sommet qui est sur une pente plus rapide, où les glaces se fendent plus aisément, est couvert d' aiguilles & de pyramides de glace; le tout donne l' idée d' un superbe amphithéâtre de marbre blanc, dont le poli réfléchit la plus vive lumière. Le glacier resserré vers le milieu par les montagnes & les rochers, s' élargit & forme à son pied une grande masse circulaire arrondie & bombée par-dessus; de larges fentes & des crevasses s' y voient de toutes parts; tout-à-fait au pied, sur le côté gauche, d' où il s' écoule le plus d' eau, il se formoit une voûte de glace. ) ( BESSON 1780: XXVIJ ).

Nicht zu übersehen ist auf der Radierung RO 09.1* S. 17919 ein wohl aus didaktischen Gründen fast übertrieben grosser, die Stirnzone umschliessender Moränenwall. Im Text jedoch unterscheidet Besson drei verschiedene Wallsysteme und beklagt dann auch kritisch das Weglassen dieser das Gletscherwachstum so instruktiv belegenden Moränen.20 Anschliessend diskutiert Besson das Moränenszenario unmittelbar vor dem Zungenende, wie dies in solcher Genauigkeit auf der Radierung nicht ersichtlich ist: ( Différentes enceintes très-remarquables étoient autour du glacier, elles avoient toutes la même forme circulaire du glacier actuel, & lui étoient parallèles. La plus voisine étoit à 34 toises, la seconde à 42, une à 86 & la plus éloignée à 120 toises; le glacier avoit donc diminué, & s' étoit retiré de tout cet espace; car on ne peut s' empêcher de regarder ces enceintes comme les bornes du glacier, & la marque des différens endroits où il s' est arrêté en rétrogradant. ) ( BESSON 1780: XXVIJ ).

Ergänzt und, wie wir sehen werden, kompliziert wird diese Beschreibung des Gletschervorfeldes noch durch eine Distanzangabe des Eisrandes zur ( wahren Rhonequelle>, d.h. der Thermalquelle: ( Environ à trois cents toises en avant & sur le côté du glacier, à gauche au pied du mont Saasberg, en avant du Grimsel, trois sources, à peu de distance les unes des autres, sourdent entre les rochers, se réunissent pour composer un très-petit ruisseau; ce sont les véritables sources du Rhône reconnues & nommées ainsi par les habitans de ce canton. ) ( BESSON 1780: XXVIJ ).

Wo aber endete nach Besson 1777 die Gletscherzunge? Bei einem Vergleich der Zahlenangaben von Besson mit den Plänen von MERCANTON 1916 ( vor allem Plan N° 4 ) bzw. unseren eigenen Überlegungen ergeben sich leider Widersprüche, so dass eine eindeutige Antwort nicht möglich ist. Unklar ist auch, wo genau Besson gemessen hat, an der Stirn oder gegen die Seite hin? Die vier auffallendsten Moränenwälle lagen bogenförmig und parallel zueinander um das Gletscherende herum.

Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, diese Angaben zu interpretieren.

In jedem Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass Wall 1 identisch ist mit der Moräne ( 1602 ) von DUFOUR/FOREL 1870 bzw. MERCANTON 1916 ( vgl. Karte 2 C/D, Vergleichstabelle 67 ) und Wall 2 identisch mit der Moräne F. Vermutlich hat der Gletscher von 1777 bis heute dieses Wallsystem nicht mehr erreicht, d.h. diese Moränen sind älter und seither, abgesehen von der durch die Kanalisie-rung der Rhone und den Alphüttenbau bedingten Abtragung, nicht mehr verändert worden. Dies heisst aber auch, dass Besson die Distanzen zwischen den Moränen zu gering eingeschätzt hat. Deutlich zu sehen ist dies zwischen Wall 1 und 2; Besson gibt eine Distanz von 34 toises oder ca. 66 m an, effektiv beträgt aber der Abstand ca. 130-135 m ( auf der linken Talseite ca. 120 m ).

Aufgrund der Text- und Bildangaben von Besson sind drei ( vier ) verschiedene Zungenendlagen des Rhonegletschers denkbar:

Fall a: Ausgangspunkt ist Wall 2 bzw. F. Die Eisfront lag 168 m nordöstlich davon entfernt, was eine Gletscherausdehnung ( G max. ) von maximal ca. 300 m ( 285 m auf der linken Talseite ) hinter den Hochständen C/D bedeutet. Der Gletscher stirnte dabei ca. 35 m innerhalb der Moränen von 1856.

Fall b: Ausgangspunkt ist die Moräne 3 bzw. der Wall von 1856 ( G ). Die Eisstirn lag in diesem Fall 82 m nordöstlich davon entfernt, was Distanzen zwischen den und dem Gletscher Nach BESSON 1777 Wällen 1-4 Datierung und DUFOUR/FOREL1870, MERCANTON 1916 W allbezeichnung Eigene Hypothese 1988 vgl. Karte 2 WalM 120 toises* 233,9 m ca.

234 m 14. Jh., Ende16./Anf. 17.Jh., Wall C/D Wall 2 86 toises 167,7 m ca.

168 m 17./18. Jh., Wall F Wall 3 42 toises 81,9 m ca 82 m Wall 4 34 toises 66,3 m ca 66 m ( 1 toise - 1,949 m ) eine mittlere Gletscherausdehnung ( G mittel ) von ca. 345 m zu den Hochständen C/D bedeutet.

In beiden Fällen ist die Ausdehnung des Rhonegletschers geringer als 1856. Bei diesem Vorstoss in der Mitte des 19. Jahrhunderts sind auch die Wälle 3 und 4 von Besson überfahren worden, so dass ihre Lage nicht mehr genau identifizierbar ist.

Ein Vergleich zwischen der Radierung von Besson von 1777 ( RO09.1* S.179 ) und der Fotografie von Martens von 1856 ( RO 64.1* S.220 ) zeigt, bei ähnlichem Bildausschnitt und Aufnahmestandort, dass der Gletscher Mitte des 19. Jahrhunderts im Gegensatz zum Vorstoss um 1777 die Silhouette des Kapellenhügels - dort, wo auf der Radierung drei Staffagefiguren stehen - hoch überragte. Bei Besson ist auf der linken Bildseite die markante Felsrippe, nordöstlich des ebenfalls sichtbaren Saasbachfalles, deutlich zu erkennen. Auf der Fotografie von Martens wird dieses Felsband durch die höher liegende Eisoberfläche verdeckt. Allerdings sollen Vergleich und Interpretation nicht zu sehr forciert werden, setzt doch die Technik der Radierung bei RO 09.1* S. 179 den feinen Nuancierungen bei der Landschaftsdarstellung Grenzen.

Fall c: Ausgangspunkt ist die Thermalquelle. Besson schätzte die Distanz zum Eisrand auf

Die Radierung RO 09.1* S. 179 sowie das Ölgemälde von Wolf RO 10.3* S. 178 sprechen eher gegen die Angaben von Besson. Unsicherer ist diese Version auch aus folgenden Gründen: Vom Eisrand ausgehend käme Wall 1 ungefähr dorthin zu liegen, wo heute Wall 1856 sich befindet. Die innerhalb des Vorfeldes noch vorhandenen Wälle C/D und F hätte Besson demnach nicht beachtet, was kaum anzunehmen ist.21 Gemäss Besson endete also die Zunge des Rhonegletschers 1777 ca. 300-345 m bis maximal 510 m hinter den Hochstandsmoränen C/D.

Besson legte aufgrund der eigenen guten Beobachtungen diesen Vorstoss zu Recht auch bereits ins Jahr 1777, trotz der gegenteiligen Angaben einiger Hirten, ( qu'il y avoit vingt ans que ce glacier diminuoit. Il auroit été encore très-intéressant de savoir les raisons de cette diminution, de mettre quelque borne fixe & stable, pour savoir s' il continuoit à diminuer ou plutôt s' il n' est pas actuellement dans son accroissement, comme nous le soupçonnons, d' après ce que nous avons dit. ) ( BESSON 1780:XXVU ).

Bemerkenswert für die Zeit, aber charakteristisch für den Naturforscher ist, dass Besson auch gleich nach den Gründen dieses Vorstosses fragt.

Den Vorstoss konnte Besson auch an einer Seitenmoräne, vermutlich zwischen Muttbach und Belvédère22, beobachten:

Caspar Wolf ( 1735-1783)23 hat ebenfalls den Rhonegletscher porträtiert, vermutlich auf seiner letzten Alpenreise im August 1777, die er zusammen mit dem Berner Naturforscher J. S. Wyttenbach unternommen hat. Die Alpenlandschaften von C. Wolf, d.h. Zeichnungen, Ölstudien, Gouachen und gegen 200 Ölgemälde, die im wesentlichen in den Jahren 1773-1778 entstanden sind, bilden das bedeutendste Œuvre der schweizerischen Alpenmalerei im 18. Jahrhundert. Als ( Landschaften im Vorfeld der Romantik ) gehören sie zu den hervorragendsten Leistungen der schweizeri- sehen Landschaftsmalerei bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Auf der vermutlich am 9. August 1777 in freier Natur entstandenen Ölstudie ( RO 10.1 * S. 178 ) ist frontal die unterschiedlich von weiss bis blaugrau kolorierte Eiskalotte des Rhonegletschers mit den einzelnen Randspalten in Dunkelgrau oder Bleistift vor der Kulisse des zentral gelegenen Grossen und Kleinen Furkahornes vermerkt.24 Deutlich erkennbar sind im Vordergrund drei Moränenwälle und auf der rechten Bildseite, wegen fehlender Vegetation in dunkelgrauer Farbe skizziert, die südliche Seitenmoräne.

Von den Naturstudien ausgehend hat dann Wolf im Atelier künstlerische Gemäldekompo-sitionen geschaffen, « vom Subjekt ausgehende poetische Potenzierungen der Natur ) ( BOERLIN-BRODBECK 1980: 50 ). Die grossformatigen Ölgemälde sind dann oft, manchmal erst ein Jahr danach, an die ursprüngliche Stelle der Aufnahme zurückgetragen und vor der Natur korrigiert worden.25 So ist für den Rhonegletscher die Datierung d 1778> für die Gemäldeausführung verbindlich, nicht aber für die Naturstudie. Diese entstand vermutlich, wie wir gesehen haben, ein Jahr früher wohl am 9. August 177726, entsprechend ist auch die Gletscherausdehnung erfasst. Auf dem Gemälde ( RO 10.3* S. 178 ) stossen die prächtig weissblauen Eismassen zu diesem Zeitpunkt wie eine bedrohliche Eispranke oder eine gigantische Rocaillemuschel diagonal von links oben über die Steilstufe nach rechts unten im Talboden vor. Nach Wyttenbach bildet der wunderbare Gletscher

Wolfs Rhonegletscher, als Gemälde weit über den lokalen Raum und die damalige Zeit hinausgreifend, wird zum Bild der Bedrohung durch das lebensfeindliche Eis schlechthin, zum Symbol der Übermacht der Natur ( BOER-LIN-BRODBECK 1980:50 ).

Dieses Gemälde ist nicht nur eine der eindrücklichsten und schönsten Darstellungen des Rhonegletschers, sondern auch ein Höhepunkt der Wolfschen, ja der Alpenmalerei überhaupt.

Ein Vergleich zwischen Ölskizze und Gemälde zeigt trotz scheinbarer Übereinstimmung gerade im topographischen Bereich deutliche Unterschiede; so wirkt auf dem Öl- gemälde der Gletscher überhöht, heller und letztlich eindrücklicher.

Die Farben des Eises ( intensiv weiss auf der Eiskalotte, hellblaugrau bis grün in den Rand-spaltenbereichen ) sind offensichtlich ideali-siert27, während die Topographie ( etwa die sich von der grünbraunen Umgebung deutlich abzeichnende steile Front des Gletschers ) genau gesehen wird. Mit dieser Mischung von präziser Beobachtung und Überhöhung gelingt es Wolf, den zu jener Zeit beobachteten Gletschervorstoss visuell zu verdeutlichen. Die lichte Stimmung auf dem Bild stammt aber nicht nur vom hellen Gletschereis, sondern ist auch auf die von Wolf komponierte Besonnung der Landschaft von Süden her zurückzuführen. Als Massstab in der Landschaft sind die winzigen Staffagefiguren auf dem vordersten Moränenwall links, wo sich Wolf selber zeichnend zusammen mit seinem Gehilfen porträtiert hat, entscheidend.

Das Aussehen des Gletschervorfeldes mit den drei hintereinandergestaffelten, walfisch-rückenartigen, eindrücklich grossen Stirnmoränen und zwei bis drei Gletscherbächen wird auch im Verzeichnis des Wagnerschen Ge-mäldekabinetts, zugleich ein Werkverzeichnis von C. Wolf, beschrieben:

Dass dieser Text vermutlich von Wyttenbach stammt, geht aus handschriftlichen Notizen Wyttenbachs vom 9. August 1777 hervor, wo inhaltlich im wesentlichen das gleiche gesagt wird.28 Anders als bei Besson, der ebenfalls im Sommer 1777 von einer ( voûte de glace » spricht, vermerkt Wyttenbach, dass die Rhone

Wir kommen damit zu der für uns entscheidenden Frage: Wo genau lag das Zungenende des Rhonegletschers im August 1777? Es geht hier vor allem darum, die dank Besson ja bereits bekannten schriftlichen Angaben nach Möglichkeit durch ein Bild zu verifizieren; durch die Radierung von Besson ist dies kaum zuverlässig möglich. Den Zungenendstand eines Gletschers bei einer Frontalansicht genau zu lokalisieren ist allerdings wegen der visuellen Reduktion der Distanz und beim Fehlen markanter Geländestufen ausserordentlich schwierig. Im vorliegenden Fall gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Die Identifikation der Moränen im Vordergrund.

2. Die topographische Bestimmung des Gletscherrandes auf der linken Bildseite mit Hilfe der markanten Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles, einer Hilfslinie, die uns auch bereits bei Wüest geholfen hat.

Zu 1. Zur Identifikation der Moränenwälle bei Wolf eignet sich neben dem Ölgemälde eine bisher nicht diskutierte Bleistiftzeichnung ( RO 10.2 ), möglicherweise eine überarbeitete Pause, welche die einzelnen Wälle mit wenigen Strichen vereinfachend abgrenzt.

-Wirvermuten, dass es sich bei der relativ grobblockigen Moräne mit den Staffagefiguren links im Vordergrund - dunkel wie im Schatten liegend dargestellt - um Wall F oder die Moräne 2 von Besson handelt.

Beim nächsten, ebenfalls imposanten Wall auf der linken Seite - zwischen Rhone und Gletscher liegend - würde es sich dann um eine Ablagerung im Bereich der 1856er Moräne handeln, d.h. um Bessons Wall 3, 1777 ca. 82 m vom Eis entfernt. Der Eisvorstoss Mitte des 19. Jahrhunderts hat diesen Wall vermutlich teilweise oder ganz überlagert, zum Teil abgetragen, wobei Reste davon durchaus auch heute noch in dieser 1856er Moräne vorhanden sein können ( vgl. S.213 ). Vom Aussehen her, vor allem bei einem Vergleich mit heute, könnte es sich aber auch um den Wall F, d.h. den Wall 2 nach Besson, handeln, was natürlich die Zuschreibung der übrigen Wälle ebenfalls verändern würde. So wäre der Wall im Vordergrund links mit den Staffagefiguren die Moräne von ( C/D ).

- Ganz links, als Moräne nur auf der Bleistiftzeichnung interpretierbar, ist dann möglicherweise Wall 4 von Besson angeführt ( 1777 ca. 66 m vom Eis entfernt ). Zu 2. Die markante Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles auf der linken Bildseite ist bei der Ölskizze in Hellgrau und mit einigen Bleistiftstrichen und beim Ölgemälde in hellbrauner Farbe eingetragen. Ein Vergleich zwi- schen dem Gemälde von Wolf und der Fotografie von Martens von 1856 ( RO 64.1* S.220 ) zeigt, dass der Gletscherrand 1777 offenbar eine geringere Ausdehnung hatte als Mitte des 19. Jahrhunderts. Die auf der Fotografie von Eis überdeckten randlichen Felspartien sind bei Wolf grösstenteils sichtbar. Die aus den Ansichten von C. Wolf zu gewinnenden Informationen zur Gletschergeschichte decken sich weitgehend mit den Angaben von Besson. Danach stiess der Rhonegletscher von 1770 bis 1777, also innerhalb von sieben Jahren, vermutlich mindestens 590 m/750 m, maximal 1130 m, also im Mittel ca. 940 m vor. Dieser Gesamtwert wie auch die über 100 m liegenden Jahreswerte sind sehr erstaunlich.

Bestätigung findet dieser Vorstoss auch auf einem weiteren ausserordentlich interessanten Spätwerk von C. Wolf, im Wagnerschen Katalog von 1779 bezeichnet als

Wolf hat vermutlich ebenfalls im August 1777 auf seiner Reise zusammen mit J. S. Wyt-tenbach29 von einem Standort im Ostkar des Sidelhornes zwischen Husegg und Crüzegg eine sehr skizzenhaft wirkende, dominant grünbraune Bleistift-Ölstudie angefertigt ( RO 11.1 ). Das Ölgemälde ( RO 11.2* S. 185 ) lässt nun diese auf die nüchterne Topographie konzentrierte Skizze im Bildwinkel, in den Farben und vor allem in der Komposition weit hinter sich. Den Vordergrund bildet neben den Staffagefiguren mit dem wieder dargestellten Maler die Grimselpasshöhe mit dem Totensee; links blicken wir in die wolkengrauen Tiefen des Haslitales, rechts zum besonnten Furkapass; sein Zentrum dominieren die gewaltig ner ( links ), Galenstock ( rechts ) und der kaskadenförmig hinunter-mäandrierende Rhonegletscher 185 überhöht wirkenden umwölkten Gerstenhörner und der Galenstock, von wo der weissgraue Rhonegletscher kaskadenförmig nach rechts hinuntermäandriert und ein hellgrau-weisses Schneeband vom Nägelisgrätli girlan-denartig nach links hinunterführt.

Über dieser für Wolf charakteristischen Halbpanoramasicht wölbt sich ein gewaltiger, an Wüest erinnernder, unten lichtblauer, oben von dunkelgrauem Gewölk begrenzter Himmel.

Wolf hat aus der Gerstenhörner-(Damma-stock)-Galenstock-Gruppe, dem Firngebiet des Rhonegletschers, ein in himmlische Höhen aufragendes gewaltiges Gebirgsmassiv gemacht. Mit dieser Verabsolutierung der Gebirgsnatur in seinen späteren Werken 30 führt Wolf gedanklich direkt zu den im 19. Jahrhundert entstandenen Meisterwerken der Romantik, der Landschaftsmalerei von Caspar David Friedrich.31 Obwohl die unterschiedlich grauweissen Wolken die Komposition ideal ergänzen, hat sich Wolf in diesem Punkt vermutlich den Wetterverhältnissen im August 1777 anpassen müssen. Ein Teil der Aussicht wurde durch die aufsteigenden hellgrauen Wolken verdeckt. Schön sichtbar ist dies bereits auf der Skizze, wo westlich bzw. links des Nägelisgrätlis und der Gerstenhörner bereits mit Bleistift Wolken festgehalten sind. So drängte sich wegen fehlender Aussicht eine solche und daraus folgend eine Idealisierung oder Überhöhung der Topographie direkt auf.

Entscheidend für unsere Fragestellung ist jedoch der aus der Hochgebirgsarchitektur langsam herausfliessende Rhoneeisstrom. Wolf lässt den in verschiedenen Weiss- bis Grautönen hell herausleuchtenden Gletscher prankenartig in einer steilen, von zwei dunkelgrauen Randspalten durchzogenen Eisfront im Talboden enden. Im vegatationsarmen, beige-grauen Gletschervorfeld hat Wolf S-förmig mit weissgrauer Farbe vermutlich auch die ausfliessende Rhone gemalt. Der innerhalb der grüngrauen Hänge mit einem dunklen Braun deutlich sichtbar eingetragene Furkaweg ermöglicht eine ungefähre Abschätzung der Distanz zum Gletscherende.

Der Rhonegletscher ist seit 1770/72 sicher vorgestossen; wieviel, lässt sich auf diesem Ölgemälde nicht genau bestimmen. Obwohl Wolf die Landschaft recht naturgetreu abgebildet hat, ist hier der südliche Rand des Rhonegletschers unterhalb Schneetole vermutlich zu stark S-förmig wiedergegeben worden; dies zeigt sich vor allem auch bei einem Vergleich mit der Naturstudie.

Diese Ansicht der Grimselpasshöhe hat später der Wolf-Gehilfe Caspar Wyss ( 1762-1798 ) unter seinem eigenen Namen als kolorierte Umrissradierung ( Todtensee, sur le Mont Grimsel, contre le glacier du Rhone auprès du Mont de la Fourche dans le Valais ) ( RO 11.3 ) herausgegeben. Ebenfalls von C. Wyss stammt das kleinformatige Dosendeckelme-daillon32 ( Rhone Gletscher auf der Furka ) ( RO RO 14 P. J. de Loutherbourg, vermutlich 1787 ( pubi. 1803 ): der rückschmelzende Rhonegletscher; visuell attraktive, jedoch topographisch unzuverlässige Umrissradierung 19 ). Der Eisstrom, kräftig weissblaugrau auf Mausgrau koloriert und mit einem Gletschertor versehen, ist vermutlich seitenverkehrt dargestellt, denn nur so lässt er sich überhaupt als Rhonegletscher identifizieren. Wyss hat möglicherweise wiederum Skizzen und Gemälde von C. Wolf benutzt und dann zusätzlich mit Tannen als Staffage versehen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die klein- ( ì formatige Gouache kaum für die Gletschergeschichte auswertbar, ist jedoch für die damalige ein interessantes Bei-spiel.33 Ende Oktober/Anfang November 1779 reiste Johann Wolfgang Goethe von Genf aus das Wallis hinauf über den Furkapass nach Realp. Wir können uns das Gemälde von C. Wolf ( RO 10.3* S. 178 ) vor Augen halten, wenn wir seine Beschreibung des in dieser Jahreszeit bereits teilweise eingeschneiten Rhonegletschers lesen, die er am Abend des 12. Novembers 1779 in einem Brief an Frau Charlotte von Stein gibt:

( Unsere Führer wanden sich durch die Felsen, um die sich der bekannte Fusspfad schlingt, sehr geschickt herum, obgleich alles überein zugeschneit war. Noch ging der Weg durch einen Fichtenwald, wir hatten die Rhone RO 18 H. C. Escher von der Linth, 16. August 1794: Der rückschmelzende Rhonegletscher vom Sidelhorn aus gesehen; der Horizont wird vom Galenstock dominiert.

in einem engen unfruchtbaren Tal unter uns. Nach einer kleinen Weile mussten wir selbst hinab in dieses Tal, kamen über einen kleinen Steg und sahen nunmehr den Rhonegletscher vor uns. Es ist der ungeheuerste, den wir so ganz übersehen haben. Er nimmt den Sattel eines Berges in sehr grosser Breite ein, steigt ununterbrochen herunter bis da wo unten im Tal die Rhone aus ihm herausfliesst. An diesem Ausflusse hat er, wie die Leute erzählen, verschiedene Jahre her abgenommen; das will aber gegen die übrige ungeheure Masse gar nichts sagen. Obgleich alles voll Schnee lag, so waren doch die schroffen Eisklippen, wo der Wind so leicht keinen Schnee haften lässt, mit ihren vitriolblauen Spalten sichtbar, und man konnte deutlich sehen, wo der Gletscher aufhört und der beschneite Felsen anhebt. Wir gingen ganz nahe daran hin, er lag uns linker Hand.>34 Ebenso wie Besson berichtet Goethe von den Talleuten, die auf ein Abschmelzen des Gletschers hinweisen. Dass den Aussagen der Einheimischen mit Vorsicht zu begegnen ist, haben wir bereits gesehen. Die ( schroffen Eisklippen... mit ihren vitriolblauen Spalten ), die an eine steile Eisfront denken lassen, sprechen auch eher für einen Vorstoss.

Als G. K. Ch. Storr auf seiner Alpenreise 178135 auch den Rhonegletscher besuchte, scheint der Eisstrom immer noch am Vorrük- BO 23 H. C. Escher von der Linth, 12. August 1806: Sidelhornpanorama mit dem erneut kleiner gewordenen Gletscher ( Ausschnitt ) ken gewesen zu sein. Storr berichtet nämlich, der dränge mit so grosser Gewalt herab, dass er

maximaler Wert von 1200 m. In jedem Fall sind solche Vorstosswerte für 11 Jahre sehr erstaunlich.

Trotzdem kann wohl kaum von einem Surge gesprochen werden.36 Das Zungenende des Rhonegletschers lag ( 1777—)1781 vermutlich im Bereich von 1856 oder wenig innerhalb dieser Ausdehnung. Dass die Eismasse diese Werte überschritt, vielleicht sogar Wall F bildete, ist zwar nicht ganz auszuschliessen, aber auf Grund der diskutierten Bildquellen eher unwahrscheinlich.

5. Der abschmelzende Rhonegletscher Zwei Jahre nach Storr, d.h. 1783, besuchte der berühmte Genfer Alpenforscher Horace Benedict de Saussure ( 1740-1799 ) zum drittenmal nach 1770 und 1779 den Rhonegletscher. In den

Die kleinformatige Radierung ( RO 13.1 ) von Marc Théodore Bourrit ( 1739-1813 ), abgedruckt in den 1783 in Genf erschienenen ( Nouvelle description des vallées de glace et des hautes montagnes qui forment la chaîne des alpes pennines & rhétiennes ), zeigt eine allerdings kaum detailliert wiedergegebene, eher abgeflacht wirkende Gletscherzunge aus leicht erhöhter westlicher Sicht ( evtl. vom Kapellenhügel aus ?). Interessant ist trotz der geringen Genauigkeit die linke Bildseite, wo der Saasbach mit dem Wasserfall und der Fortsetzung im Talboden unmittelbar dem NW-Rand der Gletscherzunge entlangfloss. Damit ist sicher bewiesen, dass der Gletscher damals eine relativ geringe Ausdehnung hatte. Ähnlich war die Situation in den 1870er Jahren ( vgl. MERCANTON 1916: Plan N° 3/4, RO 91/92 ).

Dies würde bedeuten, dass die Eisfront ca. 875 m von den Hochstandsmoränen C/D entfernt lag. Dieser Wert ist jedoch im Vergleich zu den übrigen Quellen eindeutig zu gross, d.h. die Radierung ist zuwenig genau für eine präzise Aussage. Leider beschränkt sich Bourrit im Buch auf eine wortreiche Beschreibung der Schönheit und Farben des Gletschers, den er, durch das Vorfeld irrend, auf der linken, dem Furkaweg abgewandten Seite besuchte

Leider gibt Bourrit nicht an, von wo aus er die Distanz zur Eisfront ( ca. 1,2 km ) mit den offenbar damals zwei Gletschertoren gemessen hat. In jedem Fall aber deutet auch diese Angabe wieder auf eine geringe Gletscherausdehnung. Es scheint, dass der Gletscher zur Zeit des Besuches von Bourrit noch am Vorstossen war.37 Leider fehlen in seiner Beschreibung des Gletschervorfeldes weitere detailliertere Angaben über Moränen und Eisrandlage.

Philippe Jacques de Loutherbourg ( 1740-1812)38, in Strassburg geboren, später als bedeutender Bühnendekorateur und Landschaftsmaler in England wirkend, besuchte, möglicherweise in Begleitung des Malers Johann Wäber, in den Jahren 1787/8839 auf seiner Schweizer- bzw. Alpen- neben Chamonix ( Mer de Glace ) und Grindelwald auch den Rhonegletscher.

Die

Dass Loutherbourg die Hangpartien allzu steil einzeichnete, die Schweizer Berge allgemein als zu eng und steil empfand, erstaunt angesichts seiner Vergleichsmöglichkeiten in England nicht. Die riesigen, offenbar teilweise von Schnee und/oder Eis bedeckten Felsblöcke im Vordergrund, wie eine Kette von links nach rechts führend, kann man mit viel gutem Willen und etwas Phantasie als Stirnmoräne ( eine von offenbar damals mehreren ) interpretieren. Ob die Felsen ganz links im Vordergrund, an die sich der Zeichnerlehnt, der Realität ( z.B. Kapellenhügel ) entsprechen oder aber Staffage sind, lässt sich nicht sicher sagen. Eine einigermassen befriedigende Abgrenzung des Gletscherstandes ist bei dieser Frontalsicht und bei der topographischen Verzeichnung der Umgebung ausserordentlich schwierig. Dass der Gletscher 1787 keine allzu grosse Ausdehnung erreicht hat, kann man einerseits aus der zwischen Untersaas und der Eisoberfläche hellbeige herausleuchtenden Seitenmoräne und andererseits aus den braunbeige/grau kolorierten eisfreien Felspartien innerhalb der Rhonegletschersteil-stufe ( die an dieser Stelle eigentlich kaum genau erklärbar sind ) herauslesen. Vorsicht bei allzuweit gehenden topographischen Interpretationen ist allein schon aus stilistischen Gründen zu empfehlen, wenn JOPPIEN 1973 schreibt, Loutherbourgs ( subsequent paintings of... Swiss scenery continue irregularly over the next twenty years. Necessarily, the topographical authenticity adopted in earlier pictures becomes somewhat blurred and gives way to a more stylized depiction of scenery. ) Beim Rhonegletscher ( RO 14* S. 187 ) handelt es sich um ein solch spätes Blatt ( 1803, 16 Jahre nach der Reise in die Schweiz, herausgegeben ). Die Umsetzung von der Zeichnung bzw. dem Ölgemälde in eine Umrissradierung mag ebenfalls zu Vereinfachungen ( für uns zum Teil Verfälschungen ) geführt haben. Es ist deshalb fraglich, ob man aus der wuchtig und relativ steil wirkenden Eisfront einen Vorstoss des Gletschers herausinterpre-tieren darf. Die schriftlichen Dokumente widersprechen dem eindeutig.

Ein Jahr nach Loutherbourg besuchte Christoph Meiners, ( ordentlicher Lehrer der Weltweisheit in Göttingen ), auf seiner zweiten Schweizerreise vermutlich am 10. August 1788 das Vorfeld des Rhonegletschers. Seine teilweise sehr detaillierte Beschreibung in den

( Ich glaube es gern, was die größten Kenner der Schweiz einstimmig versichern, daß der Rhone-Gletscher der schönste unter allen Helvetischen Gletschern sey. Wenigstens übertrifft er alle Gletscher, die ich bisher gesehen habe, nicht nur durch seine Höhe und Breite, und durch die Pracht seiner einzelnen Theile; sondern auch dadurch, daß er sich ganz, und leicht überschauen, und so bequem, als irgend ein anderer besteigen läßt. Der Rhone-Gletscher füllt den ganzen Raum zwischen der Furka, und einer Seite der Grimsel aus, und breitet sich, wie die schiefe Fläche, an welcher er herabhängt, nach unten immer mehr und mehr und zuletzt so weit aus, daß man längs dem Fuße desselben fast eine Stunde gehen muß, bevor man an die Rhone, und an die Stelle kommt, wo man den schmalen Weg am Berge verlassen, und hinabsteigen kann, um den Gletscher in der Nähe zu betrachten. ) ( MEINERS 1790, 3:289/290 ).

Meiners Beschreibung vermag Louther-bourgs Umrissradierung zu ergänzen und zu präzisieren:

( Der Rhone-Gletscher läuft nicht, wie viele andere, in steile und unersteigliche Pyramiden aus; sondern er ist, die Mündungen oder Ausflüsse der Rhone ausgenommen, allenthalben zugänglich, und weit hinauf eben, und gangbar, ungeachtet er nach allen Richtungen hin in mehr, oder weniger lange und breite Tafeln zerschnitten ist. (... ) Das vorderste Eisgewölbe, aus welchem der erste Arm der Rhone herausströmt, war vor kurzem, vielleicht vor wenigen Stunden eingefallen, indem die Trümmer noch fast unversehrt in dem Bette des Flusses lagen, und sich noch nicht einmahl der Anfang eines neuen Gewölbes gebildet hatte. Das andere Eisgewölbe aber, aus welchem der zweyte Arm der Rhone hervorkommt, stand in seiner ganzen Pracht und Größe da. Die Höhe des Gewölbes betrug wenigstens dreyßig Schuhe, und die Dicke der himmelblauen Eistafeln, womit die hohe und weite Oeffnung überwölbt war, wenigstens vierzig, wo nicht noch mehrere Schuhe. In dem Grunde dieses sapphirnen Gewölbes schien die Decke auf gewaltigen Eissäulen zu ruhen, die aber gewiß herabgefallene Eisklumpen waren, welche beynahe bis an das Gewölbe hinanreichten. Noch viel mahlerischer waren die mannigfaltig gestalteten Eismassen, die an und vor dem Eingange der feenhaften Rhone-Höhle gleich zerbrochenen Säulen, oder abgestumpften Pyramiden umherlagen, und den kostbaren Trümmern eines zerstörten Tempels, oder Pallastes ähnlich sahen. ) ( MEINERS 1790, 3:296/297 ).

Meiners geht ausserdem ( mit der grössten Neugier ) auf das Gletschervorfeld, das er als den ( Spielraum des Gletschers ) bezeichnet, auf das Vorrücken des Eises und die Moränenbildung ein, wobei ihm einiges, wie er selber gesteht ( und man realisiert es auch an den Formulierungen ), ein ( Rätsel ) bleibt:

( Wenn nun die Gletscher in einem starken und anhaltenden Winter ungewöhnlich anwachsen; so drängen sie mit ihren vordersten Eismassen alle Felsstücke, Steine, und Sandhaufen, die sie in den vorhergehenden Jahren abgeworfen haben, vor sich hin, und bilden dadurch mehr oder minder hohe Schuttwälle, die bey solchen Gletschern, welche gleich dem Rhone-Gletscher keine unüberwindliche Hindernisse ihrer natürlichen Ausbreitung antreffen, einen halben Cirkel bilden. Solcher halbcirkelförmigen Dämme, die in Savoyen maremmes oder enceintes genannt werden, kann man vor dem Rhone-Gletscher drey bis vier unterscheiden. Der äußerste unter diesen Schuttwällen, der von dem jetzigen Rande des Gletschers am weitesten entfernt ist, nähert sich beynahe dem Gebirge, welches die Natur dem Gletscher entgegengesetzt hat, und ich mußte eine gute Viertelstunde gehen, bevor ich von den ersten Trümmern, welche der Gletscher zur Zeit seines größten Anwachses fortgeschoben, und zurückgelassen hat, an die Mündungen kam, aus welchen die Rhone hervorfließt. Von den altern Trümmer-Haufen haben Regen und Schnee den Graus, oder Sand größtentheils herabgewaschen. Der letzte und höchste Schuttwall hingegen, der nur wenige Schritte von dem jetzigen Rande des Gletschers aufgehäuft war, hatte eine so tiefe Decke von grobem und feuchten Sande oder Kiese, daß ich allenthalben, wo ich hinanstieg, weit über die Schuhe hineinsank. ) ( MEINERS 1790,3:292/293 ).

Fast wie Besson für das Jahr 1777 unterscheidet Meiners 1788 drei bis vier ( halbcirkel- 192förmige Dämme ) bzw. Moränen im Gletschervorfeld. Beim äussersten Wall, er

Fall a ) MEINERS ( 1790, 3:290 ) gibt die Länge des Gletschervorfeldes bzw. die Distanz zwischen dem Aussichtspunkt auf dem Furkaweg und dem Talboden bei Gletsch mit ( fast eine Stunde gehen ) an. Diese Distanz beträgt ca. 2-2,2 km, d.h. eine Viertelstunde würde 500-550 m entsprechen ( eine ( gute> Viertelstunde wohl eher dem letzteren Wert ). Nach diesen Angaben wäre der Rhonegletscher im Vergleich zum Stand von 1777 ( Besson ) mindestens 15-40 m und höchstens 250-275 m zurückgeschmolzen. Entscheidend ist nun die Meinerssche Angabe, wonach der noch frische ( letzte und höchste Schuttwall... nur wenige Schritte von dem jetzigen Rande des Gletschers aufgehäuft wan. Es handelt sich hier kaum um die alljährlich sich bildende Frühjahrsmoräne, sondern um einen grösseren Wall, der sich beim letzten Vorstoss, 1777 oder in den folgenden Jahren ( wann genau ist unbekannt ), gebildet hat. Die allerdings sehr grob geschätzten Angaben von 1788 ( ca. 55025 m von den Hochstandsmoränen C/D entfernt ) stimmen recht gut mit dem Minimalwert von 1777 überein. Danach lag die Eisfront 1788 ca. 15-40 m, nach Meiners ( einige Schritte ) ( 1 Schritt damals als Distanz-mass = 73,3 cm ), d.h. weniger als 15 m vom letzten eisnahen Moränenwall entfernt.

Fall b ) Ein weit stärker abgeschmolzenes Zungenende erhalten wir, wenn wir für ( eine Viertelstunde ) Distanz zu den Maximalwällen die normale Marschdistanz von 1000-1250 m ( d.h.c.a. 5 km/h ) zugrundelegen. Das von J. P. de Loutherbourg für 1787 festgehaltene Aussehen des Gletschers spricht jedoch, auch wenn ein Jahr dazwischenliegt, eher gegen diesen Wert; das gleiche gilt für eine Gegenüberstellung mit Besson von 1777. Sicher ausschliessen können wir den Wert von 1-1,25 km aber nicht.

Meiners besteigt dann den hohen Moränenwall, der dem Gletscher am nächsten gelegen ist, wobei er auf Toteis stösst.41 Zum Schluss aber wird der bereits bei Besson zu findende Hinweis auf das über 20 Jahre andauernde Abschmelzen des Gletschers unkritisch wie- RO 30.2 M. de Meuron, 1816 ( pubi. 1829 ): die vorstossende Front des Rhonegletschers derholt. Sicher befand sich der Gletscher 1788 am Rückschmelzen, wegen der ousserordent-lichen Hitze> in diesem Jahr offenbar besonders ausgeprägt, aber eben erst seit 5-6 und nicht seit 20 Jahren!42 Auf der gouachierten und aquarellierten Kreide-Kohle-Zeichnung ( RO 15.1 ) von Ludwig Hess ( 1760-1800 ) ist in Weiss-Graubraun die abgeflacht auskeilende Eiskalotte des Rhonegletschers, von der südlichen Talseite her gesehen, dargestellt. Die frontal und beinahe in der Mittelachse gesehene Eiskaskade vor dem Sidelhorn am Horizont im Hintergrund sowie, als wichtige topographische Orientierungshilfe, die Erosionskerbe des Saasbaches auf der linken Bildseite bestätigen die aus der Physiognomie des Zungenendes sich ergebenden Vermutungen. Der Eisstrom endet relativ stark abgeschmolzen im Gletschboden.

Die Datierung der Gletscherausdehnung ergibt sich einerseits aus dem kleinformatigen Kupferstich RO 15.2 ( Ursprung dess Rhodan aus dem Gletscher der Furca ), signiert mit

Aussagekräftig und zuverlässig ist für uns vor allem die Zeichnung von L. Hess ( RO 15.1 ) die vermutlich in den späten 1780er Jahren entstanden ist. Sie bestätigt auch die Angaben von Christoph Meiners vom 10. August 1788 über das kontinuierliche Rückschmelzen des Gletschers.

RO32 Lardy, 1817 ( pubi. 1841 ): der vorstossende Rhonegletscher, topographisch wenig zuverlässig dargestellt Sì«. « A'WIKl il MET« fe.mé i'lpri- en IBI "

rM'l.ircjy.

Bestätigung findet die geringe Eisausdehnung des Rhonegletschers auch auf einem 1791 fertiggestellten Relief des Gotthardgebietes ( RO 17.1/2 ) von Charles François Exchaquet ( 1746-1792 ). Auf diesem ( IMHOF 1981: 123 ) ist in der Nordwestecke das Zungenende des Rhonegletschers dargestellt und scheint in nur geringem Masse den Talboden zu bedecken. Leider ist das Werk, wie IMHOF ( 1981: 123 ) feststellt, von höchst unterschiedlicher Qualität; manches, vor allem im Airolo-Gotthardpass-Andermattgebiet, ist vorzüglich dargestellt, ( anderes wieder, z.B. einzelne Randgebiete, freilich noch sehr fehlerhaft ). Da gerade der Rhonegletscher am Rand liegt, ist somit die Lage der Eisfront nur mit grosser Vorsicht zu diskutieren.

Am 16. August 1794 zeichnete der Zürcher Ingenieur und Naturforscher Hans Conrad Escher von der Linth ( 1767-1823 ) von der ( Grimsel Scheideck ) aus den ( Rhodan Gletscher ) ( RO 18* S. 188 ). Hintergrund ( mit Galenstock und Furkahörnern ) und Mittelgrund ( mit detaillierter Séracstruktur im Bereich der Glet-schersteilstufe, Seitenmoräne und Felsen bei Untersaas und Felslineament unterhalb Bellevue ) sind auf der aquarellierten Federzeichnung recht naturgetreu wiedergegeben. Das Zungenende, immerhin auf einem angeklebten Blatt dargestellt und nicht wie auf einer ebenfalls 1794 ( und 1797 ) entstandenen Darstellung des Unteren Grindelwaldgletschers einfach abgeschnitten 44, ist jedoch leider beim Rhonegletscher eher summarisch geraten. Dass Escher45 Einzelheiten vor allem des Vorder-grunds ungenau festgehalten hat, wirkt sich für unsere Fragestellung negativ aus. Trotzdem darf sicher die Aussage gewagt werden, dass das grauweiss kolorierte, stark abgeflacht wirkende Eiszungenende gerade im Vergleich mit dem Grimsel-Kreuzegg-Ge-mälde von C. Wolf ( RO 11.2* S. 185 ) von 1777 zurückgeschmolzen ist. Zwar endet der Gletscher noch im Talboden, doch vermutlich nur wenig westlich der Steilstufe. Dieses markante Rückschmelzen der Gletscher in den 1780/90er Jahren ist auch beim Unteren Grindelwaldgletscher in ausgeprägter Form beobachtet worden ( vgl. ZUMBÜHL 1980: 36-39 Fig. 1 ). Escher bestätigt diesen Befund selber in seinen handschriftlichen Notizen vom 16. August 1794: ( Dieser prächtige Gletscher zieht sich seit mehreren Jahren stark zurück, in dem mehrere Morainen oder Glet-scherumzinglungen ( die aus den von den Gletschern hervorgestossnen Geschieben, die sich in Wälle um sie her aufthürmen, entstehen ) parallel voreinander daliegen, die also das successive Zurückziehen des Gletschers deutlich beweisen: eben so ist auch seit kurzem das schöne Eisgewölbe, unter welchem hervor der Rhodan kam, eingestürzt: immer noch aber ist dieser einer der schönsten Gletscher der in der Tiefe eines Thals gesehen und bequem besucht werden kann. ) ( ESCHER VON DER LINTH 1791/1794, 1:78 192 ).

Leider ist die Geschichte des Rhonegletschers um die Jahrhundertwende kaum zuverlässig dokumentiert. Das Fehlen von Zeugnissen mag nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass nun auch die alte Eidgenossenschaft in den Strudel der politischen Wirrnisse und Kriege in Europa hineingezogen wurde.

Im Gegensatz zu den meisten Besuchern zeigte sich der Philosoph Georg Friedrich Hegel bei seiner Alpenwanderung wenig begeistert vom Rhonegletscher; so schrieb er am 30. Juli 1796 in sein Tagebuch: Der Anblick der Gegend um Gletsch ( übertrifft an Öde und Traurigkeit alles was wir bisher noch sahen).46 Auch die Gletscher waren für ihn eine Enttäuschung: ( Wir sahen heute diese Gletscher nur in der Entfernung einer halben Stunde und ihr Anblick bietet weiter nichts Interessantes dar. Man kann es nur eine neue Art von Sehen nennen, die aber dem Geist schlechterdings keine weitere Beschäftigung gibt, als daß ihm etwa auffällt, sich in der stärksten Hitze des Sommers so nahe bei Eismassen zu befinden, die selbst in einer Tiefe, wo sie Kirschen, Nüsse und Korn zur Reife bringt, von ihr nur unbeträchtlich geschmelzt werden können. Nach unten ist das Eis sehr schmutzig und zum Theil ganz mit Koth überzogen, und wer eine breite, bergabgehende kothige Straße, in der der Schnee angefangen hat zu schmelzen, gesehen hat, kann sich von der Ansicht des unteren Theils der Gletscher, wie sie von fern sich darstellt, einen ziemlichen Begriff machen und zugleich gestehen, daß dieser Anblick weder etwas Großes noch Liebliches hat. ) ( Hegel in Rosenkranz, zit. in WYSS 1985: 196 ).

Dass ein abschmelzender Gletscher weniger attraktiv aussieht als ein vorstossender, ist klar; aber Hegels Enttäuschung gründet tiefer: Für ihn war wilde Natur kein Ursprung ästhetischer Gedanken; genau so war es für ihn unverständlich, dass ein Gletscher das erhabene Gefühl von eigener Freiheit erwecken sollte.

J. G. Ebel, der wohl in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts den Rhonegletscher besuchte, ist in seinem Reisehandbuch wieder ganz anderer Meinung. Nach ihm ( ist der Rhone- oder Furka-Gletscher,... einer der schönsten in den Schweizerischen Alpen ...> ( EBEL 1809, 2:570 ). Entsprechend wählte Ebel eine Aquatinta dieses Gletschers als Titelkupfer ( RO 08.11/12 ). Wie wir gesehen haben ( vgl. S. 180 ), handelt es sich dabei jedoch um eine Kopie eines möglicherweise früher entstandenen Gemäldes von J. H. Wüest. Seine Angabe

Von Hans Conrad Escher von der Linth stammt die erste einigermassen zuverlässig auswertbare Bildquelle im 19. Jahrhundert. Auf der ( Circular Aussicht von der Kuppe des Siedelhorns ) zeichnete er am 12. August 1806 ein 360°-Panorama von 4,42 m Länge, auf dem auch der Rhonegletscher in Grau und Weiss dargestellt ist ( RO 23*S. 188 ). Ein Vergleich der beiden Rhonegletscheraquarelle von Escher von 1794 und 1806 deutet auf ein erneutes Rückschmelzen des Eisstromes. Allerdings ist das Panorama von 1806 stark schematisiert, auch die beiden Aufnahmestandorte sind nicht identisch, so dass Vergleichsaussagen nur bedingt zulässig sind. Eine Gegenüberstellung der Ansicht von 1806 mit heutigen Fotos vom Sidelhorn erlaubt eine allerdings wegen der seitlichen Sicht sehr grob geschätzte Zungenendstandsbestimmung. Danach lag die Eisfront ca. 630-730 m ( oder mehr ) hinter den Hochstandsmoränen C/D, gegenüber 1788 war der Gletscher ca. 80-180 m zurückgeschmolzen. Leider gibt Escher in den Handschriften keine weiteren Details zum Gletscherzungenendstand.47 Erstaunlich gut modelliert sind der Rhonegletscher und seine Umgebung auf einem seit 1978 im Gletschergartenmuseum Luzern stehenden grossformatigen, aus zehn Blöcken bestehenden Relief ( RO 28* S. 189 ) im Massstab ca. 1:38000 des Engelberger Zimmermanns und späteren Geodäten Joachim Eugen Müller ( 1752-1833 ). ( Dieses ausgedehnteste und bedeutendste der unserem Lande erhalten gebliebenen Alpenreliefs ) von J. E. Müller ( IMHOF 1981: 118 ) wird begrenzt durch folgende Örtlichkeiten: Muri/Bern im NW, Weissmies im Wallis im SW, Tarasp im Unterengadin im SE, Pfänder am Bodensee im NE, d.h. es umfasst im wesentlichen die mittleren und östlichen Alpen. Dank verbesserter Modellierung auf Grund neuer Feldbegehungen reicht die Formentreue des Reliefs in einigen Gebieten nahe an heutige Modelle ähnlichen Massstabes heran ( Imhof 1981: 118 ). Dies gilt sicher für das Rhonegletschergebiet, nicht unbedingt aber für die Zungenendlage der Grin-delwaldgletscher48, d.h. wir haben je nach Gebiet grosse Qualitätsunterschiede.

Die nur noch einen relativ kleinen Teil des Talbodens bedeckende, stark abgeschmolzene Zungeneiskalotte und die Sérac-Kaskade des Rhonegletschers sind deutlich herausmodelliert und unterscheiden sich durch das in beigegraublauer, d.h. dunkler Farbe dargestellte Eis mit Oberflächenschutt bzw. Ober-flächenmoränenmaterial deutlich von den in reinem Weiss kolorierten, höher gelegenen Akkumulationsgebieten. Möglicherweise deutete Müller mit einer kleinen Kerbe in der Eiskalotte auf der Südseite ein Gletschertor an. Gut differenziert sind auch das Gletschervorfeld - eine dreieckförmige, graue, vegetationslose Zone mit zahlreichen Entwässerungsrinnen liegt zwischen dem Gletscher und dem grünen, wohl von Gras überwachsenen Gletschboden - sowie die nordwestlichen Seitenmoränen, welche, hellbeige bis grau koloriert, begrenzt werden von dunkelgrünen Grasbändern im Untersaasbereich. Entscheidend ist jedoch, dass J. E. Müller die Erosionsrinne des Saasbaches am nordwestlichen Eisrand mit blauer Farbe eingekerbt hat. Dank dieser Orientierungslinie wird es möglich, die Lage des Eiszungenendes abzuschätzen bzw. zu rekonstruieren.

Da wir den Massstab ( ca. 1:38000 ) des Mül-ler-Reliefs kennen und dank MERCANTON 1916 einen detaillierten Plan ( N° 3, RO 91 ) im Massstab 1:5000 besitzen, ist es mit Hilfe von markanten topographischen Punkten ( z.B. Stelle, wo der Saasbach mit dem nordwestlichen Eisrand zusammentrifft, Schnittpunkt Felsrippe nordöstlich Saasbachfall mit westlichem Rand der Eiskaskade usw. ) möglich, die Lage der Eisfront im Talboden abzuschätzen.49 Die Eisfront des Rhonegletschers endet auf dem J. E. Müller-Relief RO 28* S. 189 ca. 820 m ( mi-nimale/maximale Werte 770-870 m ) von den Hochstandsmoränen C/D entfernt. Damit ist vermutlich der Punkt der geringsten Eisausdehnung zwischen den Vorstossen von 1777/81 bzw. 1818 erreicht. Erst 1872/73 ist der Rhonegletscher wieder so stark zurückgeschmolzen.

Wann ist nun dieses für die Gletschergeschichte bedeutungsvolle Relief entstanden?

Die Biographie Müllers ( DUFNER 1980 ) sowie die Geschichte seiner alpinen Reliefs ( IMHOF 1981: 112-120 ) zeigen, dass wir unterscheiden müssen zwischen der Entstehung des topographischen Grundlagenmaterials und der eigentlichen Anfertigung des Reliefs.

Die Vorlagen, also Azimutscheiben, Panoramen und Kleinreliefs, nach denen Müller das grosse Alpenmodell RO 28* S. 189 angefertigt hat, können aus der Zeit von 1788/1792-1797 stammen, als Müller am ( ATLAS SUISSE par Meyer et Weiss ) arbeitete ( Müllers Name wurde ungerechterweise unterschlagen ). Da Müller später auf eigene Rechnung topogra-phierte und Reliefs anfertigte, ist jedoch geradesogut auch eine Entstehung bis 1812 mög-lich.50 Die Ausarbeitung des Reliefs scheint in die Zeit von 1812 bis 1819 zu fallen ( DUFNER 1980: 36-39 ).

Im Zeichnungsnachlass51 Müllers ist der Rhonegletscher auf drei leider nicht datierten Panoramen vom Sidelhorn und Nägelisgrätli abgebildet. Die zwei relativ unsorgfältig skizzierten Ansichten RO 24 und RO 25 ( auf beiden ist das Zungenende durch den Vordergrund verdeckt ) stammen vielleicht aus der Atlas-SUISSE-Zeit. Auf dem Sidelhornpanorama RO 26, der qualitativ besten der drei Skizzen, wirkt das nun sichtbare Zungenende des Rhonegletschers stark abgeschmolzen, besonders auch bei einem Vergleich mit den Aquarellen Escher von der Linths ( RO 18* S. 188, RO 23* S. 188 ) von 1794 und 1806. Die differenziertere Ausführung, z.B. bei der Aquarellierung der Skizzen, deutet auf eine spätere Entstehung, möglicherweise zwischen 1806 und 1812 ( spätestens 1815 ), hin.52 Es ist gut denkbar, dass gerade diese Skizze neben anderem Material, z.B. einem Kleingipsmodell, als Vorlage für den überraschend detailliert modellierten Rhonegletscher auf dem Luzerner Relief gedient hat. Wegen der relativ hohen topographischen Qualität bei der Eisdarstellung - dies ist leider nicht überall auf dem Relief der Fall ( vgl. Aletschgletscher, Anm. 13ist die Distanz vom Gletscherende zu den Hochstandsmoränen C/D abschätzbar ( ca. 820 m, mini-male/maximale Werte 770-870 m ).

Ein Vergleich mit der Eisrandlage von 1806 ( RO 23* S. 188 ) und 1815 ( Wyss vgl. S. 197 ) und mit dem Verhalten des Unteren und Oberen Grindelwaldgletschers ( ein markant zurückge-schmolzenes Zungenende im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, beim Unteren Gletscher 1808-1814, beim Oberen Gletscher 1803; vgl. ZUMBÜHL 198O:41,65, Fig. 1/2 ) gestattet die Vermutung, dass die auf dem Relief erkennbare Ausdehnung des Rhonegletschers im Zeitraum 1810/1812 ( theoretisch 1805/06 bis 1812/15 ) wohl der Wirklichkeit entspricht.

6. Der Vorstoss des Rhonegletschers von 1810/12bis 1818 Nach MERCANTON 1916 müsste dieser erste Vorstoss im 19. Jahrhundert bei seiner maximalen Ausdehnung ca. 135 m vor den Moränen von 1856 geendet haben. Die allerdings nicht sehr grosse Zahl von bisher bekannten historischen Bild- und Schriftquellen sprechen jedoch eindeutig gegen diese Angaben Mer-cantons. Zu welchem Zeitpunkt der Vorstoss genau begann, lässt sich zurzeit nicht sicher sagen.

Die ersten genauen Angaben aus der Vorstosszeit stammen aus dem Reisehandbuch von J. R. Wyss ( Reise in das Berner Oberland ). Wyss besuchte den Rhonegletscher am 1. August 1815 in Begleitung von Prof. Meisner und beschreibt die Eiskalotte als ( grosse, plattgedrückte Masse welche bey einer halben Stunde breit, und in ihrer Länge sowohl, als ihrer Quere nach von zahlreichen Spalten gleichsam durchfurcht ist ) und sich im Aussehen alljährlich ändert ( WYSS 1817, 2:780 ).

Aufschlussreich ist die Beschreibung des Gletschervorfeldes, das er von Westen herkommend besucht. ( Dem Gletscher uns nähernd, indess wir links einige Sennhütten zur Seite liessen, überraschte uns bald der Anblick von uralten Gandecken, die wir von oben herunter fast gar nicht beachtet hatten. Sie sind freylich nicht eben von ausgezeichneter Höhe, und sind grossentheils übergrast, aber sie machen doch eine namhafte Steinlast aus. Die äussersten lagen ungefähr 800 Schritte hierseits des gediegenen Eises. ) ( WYSS 1817, 2:790 ).

Danach endete der Eisstrom 1815 ca. 800 Schritt ( 1 Schritt = 0,73319 m, also 586,4 m oder ca. 585-590 m ) von den vermutlichen Hochstandsmoränen C/D entfernt. Gegenüber den Angaben von J. E. Müller von 1810/12 wäre der Gletscher also in minimal drei bis fünf Jahren ca. 185-285 m vorgestossen. Die Eisfront endete damit noch ca. 320 m hinter den Moränen des 1856er Vorstosses. Dass der Gletscher kaum am Rückschmelzen, sondern eher am Vorstossen war, bestätigen die ( grösstentheils übergrasten> Moränen.

Gemäss Beschriftung auf dem Bildrahmen ein Jahr später, also 181653, malte der Neuenburger Maximilien de Meuron ( 1785-1868 ) auf einem eher kleinformatigen Ölgemälde den Rhonegletscher ( RO 30.1* S. 193 ) von der linken Talseite unterhalb des Stegs aus. Die an der Stirn von zahlreichen Spalten durchzogene, weisse bis blaugraue Eiskalotte wirkt stark aufgewölbt. Eine genaue Bestimmung der Zungenendlage ist von diesem Standort aus gesehen ausserordentlich schwierig. Drei Punkte sprechen für eine zwar grosse, im Vergleich zu 1856 doch wohl geringere Eisausdehnung:

- Auf der linken Bildseite endet der Gletscher hinter dem aus dieser Perspektive halb überdeckten Kapellenhügel. Bei der sehr wertvollen Vergleichsfotografie von F. Martens von 1856 ( RO 64.1* S.220 ) dagegen scheint der Eisstrom mächtiger gewesen zu sein, das Eis scheint sich weiter gegen links bzw. den Talrand vorgeschoben zu haben, entsprechend ist der Kapellenhügel vollständig von dahinter-liegendem Eis begrenzt. Allerdings ist die Vergleichsaufnahme nicht vom gleichen Standort aus, sondern von der gegenüberliegenden Flussseite aus gemacht worden, so dass eine Gegenüberstellung nur begrenzt möglich ist.

-Vor der Eisfront sind mindestens drei von Vegetation bedeckte, entsprechend grün kolorierte Wälle vermerkt, deren Anzahl und Lage aber nicht genau rekonstruierbar ist.

- Schlussendlich ist auf der rechten Bildseite mit Hellbeige eine vom Eis freigegebene Randmoränenzone angedeutet. Auf der linken Bildseite ragt vermutlich die Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles aus dem Eis heraus.

M. de Meuron hat dann wohl gleichzeitig ebenfalls eine Ansicht des Gletschertores unter einer moosachatdunkelgrün kolorierten, steil und zackig aufragenden Eisfront gemalt ( RO 31.1* S. 193 ). Diese steile Stirnzone darf man als charakteristisches Merkmal eines Vorstosses interpretieren. Die unterschiedliche Physiognomie eines Gletschers bei Vor-stoss- oder Abschmelztendenz zeigt sich auffällig bei einem Vergleich mit dem vielleicht aus etwas grösserer Distanz erstellten Aquarell von S. Birmann von 1824 ( RO 36* S.200 ).

Ein Jahr nach de Meurons Ölgemälde entstand offenbar die Naturstudie zu der Lithographie ( Glacier du Rhône, dessiné d' après nature en 1817 par Mr. Lardy> ( RO 32* S. 194 ), die dem Hauptwerk des Lausanner Geologie-professors und Waadtländer Bergwerksdirektors Jean de Charpentier ( 1786-1855 ), dem ( Essai sur les Glaciers et sur le terrain erratique du bassin du Rhône ) von 1841, beigegeben wurde. Charpentier erläutert und belegt darin als einer der ersten, angeregt durch I. Venetz, die Eiszeittheorie, d.h. den Transport der erratischen Blöcke z.B. im Unterwallis bei Monthey durch den Rhonegletscher. Bei der Bildlegende stellte CHARPENTIER ( 1841: 363 ) fest, dass dieser Gletscher .

Lardy hat den Gletscher fast vom gleichen Standort aus gezeichnet wie ein Jahr früher de Meuron. Bei einem Vergleich der beiden Ansichten gewinnt man den Eindruck, dass bei de Meuron die Eiskalotte stärker aufgewölbt, d.h. eine grössere Ausdehnung hatte als bei Lardy. Dies war jedoch wohl kaum der Fall.

Leider ist die Lithographie nach Lardys Zeichnung topographisch viel zuwenig genau und zudem als Frontalansicht für eine Gletscherstandsbestimmung bei diesen Voraussetzungen kaum zuverlässig verwendbar.

Die dunklen, viel zu gross geratenen Blöcke ( vgl. fünf Hütten links ) vor der Eisfront darf man wohl als Stirnmoräne interpretieren ( die markante Grösse lässt das didaktische Interesse erkennen, ging es doch Charpentier darum zu beweisen, dass der Rhonegletscher in der letzten Eiszeit solche Blöcke bis ins Unterwallis oder sogar ins Mittelland transportieren konnte ). Die relativ grosse Entfernung des Eisrandes zum Kapellenhügel ( auf der linken Bildseite ) bestätigt die Vermutung, dass das Fehlen weiterer Moränenüberreste im Gletschervorfeld kaum der Wirklichkeit entsprach, sondern der topographisch ungenauen Darstellung zuzuschreiben ist. Erstaunlich ist nun, dass diese Lithographie als Hauptbeweis für einen Hochstand des Rhonegletschers im 19. Jahrhundert im Jahr 1818 herangezogen wurde. DUFOUR/FOREL 1870 ( auf ihre Aussagen stützt sich später MERCANTON 1916: 46 ) behaupten dies im Zusammenhang mit der ersten detaillierten Vermessung der Rhoneglet-scherstirn im Jahre 1870: ( Une excellente li- thographie, dessinée d' après nature en 1817, par M. Lardy, nous servira pour la détermination de l' une des moraines... et nous donne, pour le glacier en 1817, une figure correspondant parfaitement à ce que nous pouvons nous représenter, en supposant le glacier refoulant notre moraine de 1818> ( DUFOUR/FO-REL 1870: 681/683).M Die bereits genannte geringe topographische Zuverlässigkeit der Lardy-Lithographie ( RO 32* S. 194 ) sowie weitere historische Dokumente, wie das Aquarell von S. Birmann von 1824 ( RO 36* S.200 ) und der Text von I. Venetz aus dem Jahr 1826, sprechen jedoch gegen die Hypothese eines Hochstandes im Jahre 1818.

Den Vorstoss von 1818 beschreibt CHARPENTIER ( 1841: 302 ) in seinem ( Essai sur les Glaciers ):

Das im Vergleich zu andern Eisströmen auffällig unterschiedliche Verhalten des Rhonegletschers wird dabei ausdrücklich registriert. Über die damalige Ausdehnung des Rhonegletschers wird nur gesagt, dass er ( im Jahre 1819 seine entferntesten Gandecken [Stirnmo-ränen] noch nicht erreicht hat... ) ( KASTHOFER 1822: 298 ). Welche Moränen gemeint sind, ob man aus dem Plural auf mehrere hintereinander schliessen kann, lässt sich nicht sicher sagen.

Versuchen wir die Ergebnisse zusammenzufassen:

Der Vorstoss des Rhonegletschers begann wohl Anfang des zweiten Jahrzehnts, d.h. um 1810/12, und endete bereits 1818, dauerte also ca. sechs bis acht Jahre.

Bedingt ist dieser Vorstoss durch das ausserordentlich gletschergünstige Klima der Jahre 1812-1817, nach PFISTER ( 1984, 1:147 ) ( die gletschergünstigste Periode seit mindestens 1500 ), charakterisiert durch fünf eiszeitlich kalte und nasse Sommer mit Schneefällen bis auf 1000-1500 m in nahezu jedem Monat, kalte Herbste und Frühjahre.

Das Relief von J. E. Müller ( RO 28* S. 189 ), die Angaben von J. R. WYSS von 1815 sowie der Jahreswert 1817/18 ( 45 m Vorrücken ) liefern einigermassen brauchbare Angaben über die Vorstosswerte. Die Zunge des Rhonegletschers stiess 1810/12 bis 1818 im Mittel ca. 420 m ( minimal 320 m, maximal 520 m ) vor.

Es ist somit sehr wahrscheinlich, dass der Rhonegletscher 1818 ca. 80-180 m innerhalb des Vorfeldes oder ( hinter ) den Moränenwällen von 1856 endete oder ca. 215-315 m hinter den Wällen, die DUFOUR/FOREL 1870 und später MERCANTON 1916 auf ( 1818 ) datieren. Dieses Wallsystem F stammt vermutlich von einem zur Zeit nicht sicher belegbaren früheren Vorstoss ( oder mehreren Vorstössen ) im 17./18. Jahrhundert. Der Rhonegletscher hatte vermutlich 1856 - und nicht wie bisher angenommen 1818 - seine grösste Ausdehnung im 19. Jahrhundert. Dies wird bestätigt durch Bild- und Textquellen aus den Jahren 1822-1826, vor allem durch die Darstellungen von H.Triner(RO 34.1* S.194 ) und S. Birmann ( RO 36* S.200 ) sowie die Schriftquellen von Venetz.

7. Die grosse Eisausdehnung des Rhonegletschers zwischen 1819 und 1831/34 und der Vorstoss bis 1856 Vermutlich 182256 schuf der im Urnerland geborene Heinrich Triner ( 1796-1873 ) eine in unterschiedlichen Grautönen lavierte präzise RO36 S. Birmann, August 1824: genaue Darstellung des abschmelzenden Rhone- Karte 4 Moränenwälle und Zungenende des Rhonegletschers am 22. September 1826 nach I. Venetz Moränenwall abgetragen 157 Erosionskante ( EK ) Gletscherstände A, B frühmittelalterlich oder älter C spätmittelalterlich ( 14.Jahrhundert ) D Ende 16. /Anfang 17. Jahrhundert E, F 17/18.Jahrhundert G 1856 Eisrand O gletschers und seines Vorfeldes mit fünf gut differenzierbaren Moränenwällen Karte 5 Moränenwälle und Zungenende des Rhonegletschers im August 1824 nach S. Birmann Moränenwall abgetragen 157 Erosionskante ( EK ) Gletscherstände A, B frühmittelalterlich oder älter C spätmittelalterlich ( U. Jahrhundert ) D Ende 16./Anfang 17.Jahrhundert E, F 17./18.Jahrhundert G 1856 Eisrand Vergleichstabelle des Rhonegletscherstandes nach Samuel Birmann ( Aquarell vom August 1824 ) und Ignaz Venetz ( Text vom 22. September 1826 ) MoränenIgnaz VENETZ, 22. September 1826Höhe der Wälle ( Worographisch linke ( S ) und rechte ( NW ) SeiteMoränenwälle Wälle 1-9 Abstand zwischen den Moränenwällen Wall 1Am weitesten vom Gletscher entfernter 22 Fuss/ Wall, lehnt sich an Felsriegel von Gletsch ca. 6,6 m ( Kapellenhügel ) Wall 2 W1-W2:

45 Fuss/ca. 13,5 m Wall 4 Grösser als Wall 3 W3-W4:

90 Fuss/ca. 30 m Wall 5aGrosser Wall ca. 18 Fuss/ ca. 5,4 m W4-W5:

phisch rechten Seite ( nw ) bis zur Talmitte ca. 1,5 m 240 Fuss/ca. 72 m in 3-4 Wälle auffächert Wall 7/8Wallgruppe, die sich aus einer Reihe un- Anstieg von W6-W7/8:

regelmässig gegeneinander liegender 4 Fuss90 Fuss/ca. 27 m Moränen zusammensetzt ( über Distanz ca.1,2 mauf ( evtl. + Abstand von 360 Fuss/108 m ). Die Moränen bilden >20Fuss/ W7-W8 ) einen Bogen und vereinigen sich mit dem ca.6 m letzten Wall, ohne den Fuss des Berghanges zu erreichen. Hier befindet sich auch das Gletschertor/Rhonequelle ( NW-Seite ) Wall 9 Jüngster Wall. 10 Fuss/ca. 3 m vom Gletschereis entfernt W8-W9:

Nicht eingezeichnet Abgetragen auf S-Seite j Zweiter, dunkelgraugrüner, relativ mächtiger vom S-Hang bis in die Vorfeldmitte erhaltener, einmal durchbrochener Wall ( 1818 ) Moräne von Dufour/Forel 1870 und Mercanton 1916 Vermutlich entstanden im 17/18. Jh.F Distanz Wall 1-Wall 5: Plan ca. 130-135 m Distanz Wall 1-Wall 5: Venetz ca. 125 m Dritter, hellgrüner, im Vergleich zu Wall 5a eindeutig kleinerer Wall Nach Venetz liegt Wall 6 ca. 30-40 m ausserhalb SW der 1856er Moräne. Heute sind jedoch keine Moränenüberreste mehr an dieser Stelle zu finden. Möglicherweise hat Venetz den Abstand zwischen Wall 5 und Wall 6 zu gering angegeben ( effektiv wohl 130-135 m ). Wall 6 lag vielleicht nahe oder innerhalb der 1856 Moräne und wurde damals überschüttet.

Bleistiftskizze des Rhonegletschers ( RO 34.1* S. 194 ), aufgenommen vom Grimselweg wenig oberhalb von Gletsch. Der Eisstrom im Talboden wirkt mächtig stark aufgewölbt. Triner hat an der frontalen Zungenpartie sowie an der rechten Gletscherseite ( unterhalb des Furka-weges ) ein dunkelgraues Band gezeichnet. Vermutlich handelt es sich dabei um ab-schmelzendes Stirn- bzw. Randeis, das stark mit Geschiebe - deshalb die dunkle Farbe -belastet ist und kaum abgrenzbar in die Stirn-bzw. Seitenmoräne übergeht ( vgl. auch RO 80* S. 230 von 1865 ).

Das Gletschervorfeld weist mindestens vier bis fünf graue Wälle, wohl Stirnmoränen, auf, so wie wir dies zwei Jahre später, aber präziser differenziert, auf einem Aquarell von S. Birmann ( RO 36* S.200 ) antreffen. Auch der Aufnahmestandort ist fast identisch. Ein Vergleich der Triner- und Birmann-Blätter mit Fotografien von 1856 zeigt, dass die Ausdehnung des Gletschers 1822 grösser war als 1824, sicher aber kleiner als 1856. Im gleichen Jahr wie Triner, am 22. Juli 1822, hat Johann Conrad Zeller ( 17777-1866 ?) vermutlich von einem etwas höheren Standort am Grimselweg aus ebenfalls einen imposant aufgewölbten Rhonegletscher gezeichnet ( RO 35 ). Obwohl die Bleistiftskizze weniger genau ist als die Darstellung von H. Triner, ist doch deutlich die relativ grosse Entfernung der Eiszunge vom Kapellenhügel - erkennbar im Vordergrund in der Mitte mit den vier Hüttchen - zu sehen. Im Gegensatz zu Birmann vermerkt Zeller beim Eislappen nahe des Untersaasfels-rippens noch Séracs, bei Birmann ist zwei Jahre später diese Zone mehr oder weniger flach. Im gleichen Jahr wie Triner und Zeller, also 1822, hat auch Charpentier den Rhonegletscher besucht und dabei von Anwohnern den Vorstosswert von 1817-1818 erfahren und nachgemessen.55 Vermutlich ebenfalls um 1820 herum entstand die Originalzeichnung zu der Aquatinta ( RO 33.1 ) von Gabriel Lory Sohn ( 1784-1846 ), die nicht genau auszuwerten ist, zumal die Eisstirn durch den Vordergrund verdeckt wird.

Aus den Jahren 1824 und 1826 besitzen wir zwei hervorragende Primärquellen von zwei Zeitgenossen, dem Basler Landschaftsmaler Samuel Birmann ( 1793-1847 ) und dem Walliser Kantonsingenieur und Mitbegründer der Eiszeittheorie Ignaz Venetz ( 1788-1859 ).

Erst Birmanns mit fotografischer Genauigkeit angefertigte Aquarelle und Venetz'prä-zise Beschreibung des Gletschervorfeldes ermöglichen die Aussage, dass der Rhoneglet- scher 1818 wohl kaum seine grösste Ausdehnung im 19. Jahrhundert erreicht hatte, wie dies in der älteren Literatur postuliert wird. Birmann und Venetz liefern zusammen das genaueste Bild des Zungenendes und der Moränensituation bei Gletsch vor den Vermessungen der Gletscherkommission der SNG nach 1874-1915.

Samuel Birmann,

Solche Beziehungen zwischen Künstlern und Naturwissenschaftlern - als weiteres Beispiel könnte man H. B. de Saussure und W. Pars aus dem Jahr 1770 erwähnen - bilden einzigartige Glücksfälle für die Gletschergeschichte.

Mit fotografischer Genauigkeit zeichnete S. Birmann im August 1824 aus leicht erhöhter Position in seinem Skizzenbuch die von zahlreichen Randklüften durchzogenen gewaltigen Eismassen des Zungenendes sowie das Gletschervorfeld ( RO 36* S.200 und Karte 5 S.201 ). Der weiss, hell- und dunkelgrau kolorierte Eisstrom wirkt im Vergleich zu andern Bilddarstellungen ( besonders gut sichtbar beim Vergleich mit den Fotos von F. Martens aus dem Jahr 1856; vgl. RO 64.1*, 65*, 66.1* S. 220, 221, 224 ) relativ stark abgeflacht, d.h. das Eis war zurückgeschmolzen. Gut sichtbar ist dies auf der rechten Bildseite unterhalb des Furkaweges, wo die Eisoberfläche abgesunken ist, aber auch auf der linken Bildseite, wo die Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles aus dem Eis herausragt und ein vom letzten Vorstoss stammender Gletscherlappen, der die zwischen Felsrippe und Hang gelegene RO43 J. R. Bühlmann, 2. Juli 1835: Rhonegletscher; aufschlussreich die Moränenwälle auf der linken Bildseite Entwässerungsrinne überdeckt, zu erkennen ist.57 1856 war die Eisausdehnung in diesem Gebiet bedeutend mächtiger. Am SE-Hang ( auf der rechten Bildseite ) unterhalb , zwischen dem ansteigenden Furka-passweg und den äussersten Moränenwällen, hat Birmann dunkelgraugrüne Buschvegetation eingezeichnet. Hätte nun der Rhonegletscher sechs bis acht Jahre früher, d.h. um 1818, eine markant grössere Ausdehnung gehabt, so wäre dieses Gebiet sicher noch nicht so stark von Vegetation überwachsen, und die ehemalige Eisgrenze müsste noch deutlich erkennbar sein, wie dies beispielsweise auf der Fotografie von E. Edwards 1865 ( RO 80* S. 230 ), acht bis neun Jahre nach dem Hochstand von 1856, zu sehen ist.

Aufgrund eines einzigen Aquarells so weitgehende Aussagen zur Gletschergeschichte zu machen, wäre gewagt, wenn sich die aus- RO45 T. Fearnley, 13. Juli 1835: die Rhonegletscherzunge im Gletschboden, vom Grimselgebiet her gesehen serordentliche topographische Zuverlässigkeit von S. Birmann nicht an zahlreichen andern Gletscherdarstellungen ( Unterer Grindelwaldgletscher vgl. ZUMBÜHL 1980: 44; Rosenlauigletscher vgl. S.244 ) bestätigen würde.

Zwei Jahre nach Birmann, am 22. September 1826, besuchte der Walliser Kantonsingenieur und Mitbegründer der Eiszeittheorie Ignaz Venetz ( 1788-1859 ) den Rhonegletscher und gab in der preisgekrönten Schrift

Welches Bild boten nun die Moränen im Gletschervorfeld dem Beschauer 1824 bzw. 1826? Der sehr genau beobachtende S. Birmann differenzierte 1824 auf seinem Aquarell ( RO 36* S. 200 ) mindestens fünf verschiedene Moränenwälle.Venetz spricht in seiner Beschreibung von 1826 von neun deutlich unterscheidbaren Moränenwällen.59 Bei Birmann ist die am weitesten vom Gletscher entfernte erste Moräne als dunkelgraugrüner, walfischrückenähnlicher Restwall auf der rechten Bildseite ( südöstliche Talseite ) vermerkt. Venetz beschreibt die Fortsetzung des Moränenbogens 1 gegen die linke Bildseite ( nordwestliche Talseite ):

Dieser erste Wall ( der in Wirklichkeit mehrere Wälle umfasst ), nach MERCANTON ( 1916: 51, 52 Fig. 10 ) entstanden, wurde vermutlich an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert und/oder aber im 14. Jahrhundert auf- geschüttet ( C/D vgl. 14C-Daten S. 231/232 ). Der bei Birmann sichtbare Restwall ist beim Ausbau der Furkastrasse und der Seiler Hotels leider abgetragen worden, heute also nicht mehr vorhanden. Die zweite Moräne hat Birmann als dunkelgraugrünen, also sicher von Vegetation bedeckten, relativ mächtigen, vom Hang bis in die Vorfeldmitte erhaltenen, einmal durchbrochenen Wall gezeichnet. Nach Venetz lag dieser Wall 125 m von den äussersten Moränen entfernt. Sehr wahrscheinlich handelt es sich hier um die Moräne < 1818> ( F ) von Mercanton, die jedoch vermutlich bereits im 17./18. Jahrhundert entstanden ist. 1826 lag Wall 5 nach Venetz ca. 225-285 m von der Front des Rhonegletschers entfernt.

Die hell(braun)grüne Farbe der dritten und vierten Moräne bei Birmann verweist auf eine Vegetationsbedeckung, die sich nur nach längerer Zeit, kaum aber seit 1818, hat bilden können. Diese aus zahlreichen unterschiedlich grossen Moränen bestehende Wallgruppe ( 6, 7, 8 nach Venetz ) lag im Bereich der Eiszungenendlage von 1856, wurde also damals teilweise oder ganz überschüttet. Auf eine Moränenüberschüttung aus den 1820er Jahren verweist auch Venetz ( 1833: 32 ):

Wo aber endete am 22. September 1826 der Rhonegletscher? Eine Addition der von Venetz vermittelten Abstandswerte zwischen den Moränenwällen 1 bis 9 bis zum Eisrand hin ergibt 1048 Fuss also ca. 314,4 m ( Mercanton spricht von 320 m ). Bei der Zusammenfassung seines Besuches schreibt jedoch VENETZ ( 1833: 32 ): d' extrémité inférieure du glacier étoit à mille quatre cent huit pieds [1408 Fuss ca. 422,4 m] de la première moraine reconnaissable, que l'on rencontre en montant. ) Der Gesamtwert ist also ca. ein Drittel grösser als die addierten Einzelwerte, es besteht eine Differenz von ca. 100 m.61 Wenn wir die Angaben von Venetz mit den heutigen - allerdings wegen der Flusskorrektur und der Überbau- ungen nur noch teilweise aussagekräftigen -geomorphologischen Verhältnissen vergleichen, so ist der Gesamtdistanzwert 422,4 m zwischen den äussersten Moränenwällen C/D und der Eisfront wohl die zuverlässigere Angabe. Beim Additionswert 314,4 m62 ergeben sich Ungereimtheiten mit der heutigen Moränensituation, weshalb dieser Wert unsicher erscheint.

Wie verhält es sich nun mit der in der Literatur vermuteten Hypothese eines maximalen Hochstandes im 19. Jahrhundert um 1818? ( DUFOUR/FOREL 1870: 681, MERCANTON 1916: 51/52 ).

Folgende Punkte sprechen gegen diese Hypothese:

- Die von DUFOUR/FOREL 1870 und MERCANTON 1916 zur Identifizierung der er Moräne herangezogene Lithographie von Lardy 1817 ( RO 32* S. 194 ) ist viel zuwenig genau.

- Der Rhonegletscher endete 1826 ca. 235-285 m ( 185 m ist wenig wahrscheinlich ) innerhalb des Moränenstandes von Mercanton ( zweiter Wall bei Birmann, Wall 5a bei Venetz ).

Das damalige Klima lässt ein solches Abschmelzen innerhalb von acht Jahren als kaum möglich erscheinen.

- In dieser kurzen Zeit hätten sich zudem vier Moränensysteme bilden müssen ( Wall 6, 7, 8, 9 nach Venetz und Wall II, IM, IV, V nach Birmann ).

- Die an der grünen Farbe gut erkennbare Vegetationsbedeckung auf vier von fünf Moränen sowie an der rechten Hangseite im Bereich der äusseren Moränenwälle fast bis an den Gletscher heran lässt eine Eisbedeckung kurz vorher wenig realistisch erscheinen, müsste doch eine deutliche Grenze zum gerade erst eisfrei gewordenen Gebiet sichtbar sein.

-Verblüffend gross ist auch der Unterschied der Bodenprofile auf der Moräne von 1856 und derjenigen von < 1818> ( F ). Eine neue Arbeit über Sukzession und naturräumliche Gliederung der Vegetation des Rhonegletschervorfeldes ( SCHUBIGER-BOSSARD 1988: 223)63 macht deutlich, dass der zeitliche Abstand von 38 Jahren die unterschiedliche Bodenentwicklung nicht erklären kann, der Wall F also älter sein muss. Erst der Vorstoss von 1856 brachte vermutlich den Maximalstand des Rhonegletschers im 19. Jahrhundert.

Als S. Birmann im August 1824 den Rhonegletscher besuchte, hat er auch die Eismas- sen, an der Oberfläche weiss, in den unteren Teilen dunkelgrau, von der NW-Seite her porträtiert ( RO 37* S.202 ). Gewaltige Spalten türmen sich über dem blaugrauen korbbogenför-migen Gletschertor. Ist die Eisstirn an dieser Stelle relativ steil, wirkt die übrige Eisfront abgeflacht, d.h. die Eismassen schmelzen ab. Die aus dem Eisgewölbe herausfliessenden Wassermassen haben eine braun kolorierte imposante Moräne entzweigeschnitten bzw. abgetragen. Leider ist die Distanz vom Wall zum Eis schwer abzuschätzen.

An den steilen Hängen der linken Bildseite, unterhalb der Tannen, ist die Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles über der abgesunkenen Gletscheroberfläche gut erkennbar. Mit feinem Bleistiftstrich hat Birmann darüber einen Richtung Saasbach seitlich entwässernden, abschmelzenden Gletscherlappen einge-zeichnet.57 30 Jahre später war dieses Gebiet durch die vorstossende, stark aufgewölbte Gletscheroberfläche verdeckt oder lag unmittelbar vor oder unter dem Eis, wie wir dies schön auf den Fotografien von Martens von 1856 sehen können ( RO 64.1*; RO 65*, RO 66.1* S. 220, 221,224 ).

Im August 1824 zeichnet S. Birmann das ( Panorama des Sidelhorns... ) ( RO 38* S.202 ). Es ist vermutlich das zweitletzte der 20 grossen, topographisch ausserordentlich präzisen Gipfelpanoramen64 des Basler Landschafts-meisters, in den Jahren 1811-1824 entstanden, und zeigt den Unteraar-, Oberaar-, und Rhonegletscher. Vor dem Gipfelkristall des Galenstockes am Horizont links hat Birmann auch ( als Nr.70 in der Bildlegende ) den Eisfall und die im Tal liegende Zunge des Rhoneeisstromes abgebildet. Die mit Feder grob strukturierte Eisoberfläche wirkt abgesunken, also abschmelzend. Leider ist das Zungenende durch den Vordergrund des Grimselpasses mit dem Totensee verdeckt.

In den folgenden Jahren schmolz das Zungenende des Rhonegletschers in geringem Masse ab, 1819-1830 ca. 50 m bis maximal 130 m; im wesentlichen blieb jedoch die grosse Ausdehnung bestehen.

In den Jahren 1831-1834 kam es zu einem vorerst schwachen Vorstoss. Davon berichtet der vom Rhonegletscher faszinierte französische Reisende Jean Rey in der Broschüre ( La Source et le Glacier du Rhône, en juillet 1834> ( Paris 1835 ), wobei er sich auf Informationen von Talbewohnern stützt: ( L' hôtelier m'a as- sure que depuis trois ans, le glacier avait recommencé à croître... ) ( REY 1835: 26 ). Dabei sei ein bestimmter, ca. 25 Fuss ( ca. 7,5 m ) hoher neuer Punkt von Eis überdeckt worden. ( Mais l' été de cette année... a apporté de grands changemens dans tous les glaciers de la Suisse et en particulier dans celui du Rhône... ) ( REY 1835: 26 ).

Diese Aussage wird auch von der Klimageschichte bestätigt, gehört doch der Sommer 1834 zu den vier wärmsten in der kalten Periode von 1812-1860 ( gleich warm waren noch die Sommer 1826 und 1859; sie wurden einzig vom Sommer 1846 übertroffen; PFISTER 1984, 1 Tab. 1/30, 123 Fig. 1/22 ). In der Folge verminderte die Eiszunge ihre Mächtigkeit in allen Bereichen mehr oder weniger stark. An der Stelle des Hauptvorstosses von 1831-1834 war nicht nur dieses Eis wieder ganz abgeschmolzen, sondern die Eisfront war um 10 Fuss ( ca. 3 m ) zurückversetzt; auf der linken Seite gegen die Grimsel und den Saasbach schmolz der Eisstrom um 6-8 Fuss ( ca. 2,4-2,8 m).65 Rey liefert auch eine Beschreibung des Gletschervorfeldes mit allerdings eher unzuverlässigen Distanzangaben zwischen den drei markantesten Moränenumwallungen sowie zwischen der Rhonebrücke nahe der Herberge und dem Gletscherzungenende.

Mehr Klarheit erhalten wir, wenn wir die Angaben Reys mit der auf braunbeigem Papier angefertigten Kreidezeichnung

Im Vordergrund in der Mitte sind der Kapellenhügel mit der hier neben den vier alten Steinhütten zum ersten Mal abgebildeten, 1830 neu erbauten Herberge von Joseph An- ton Zeiter ( SEILER 1980: 9/10 ) sowie der Rhonesteg ( den Rey als Ausgangspunkt für seine Distanzangabe zum Gletscherende benützt ) zu erkennen.

Im linksseitigen Gletschervorfeld, d.h. auf der nordwestlichen Talseite, hat Bühlmann mit Bleistift hintereinander sechs Moränen unterschiedlicher Höhe, Ausdehnung und Form ( vom Relikt über den Walfischrücken zum ganzen Wallsystem ) sowie die Geländekante links vom Kapellenhügel skizziert. Obwohl Bühlmann in diesem Fall, gerade im Vergleich mit S. Birmann sowie den frühen Fotos von F. Martens ( RO 64.1 * S. 220 ), die Wälle offenbar topographisch recht zuverlässig erfasst hat, muss man bei einer Auswertung Vorsicht walten lassen. Was für den sehr präzise arbeitenden S. Birmann galt, das gilt nicht unbedingt auch für J. R. Bühlmann. Rey erwähnt in seiner Beschreibung des Vorfeldes nur drei Wälle zwischen Herberge und Rhonegletscherzunge ( dazu noch die Sommermoräne 1834 ); er ist also weniger genau als Bühlmann:

Da es sich bei den Distanzangaben vermutlich um Schätzungen handelt, tauchen bei einem Vergleich mit den heute bestehenden Moränen Schwierigkeiten auf. Wir benötigen deshalb zur Entschlüsselung der damaligen Verhältnisse die Zeichnung von Bühlmann ( RO 43* S.205 ). Die Erosionskante ( vgl. Karte 2 S. 168, EK ) links vom Kapellenhügel liegt im Bereich der Moränen von 1600 und des 14. Jahrhunderts, also vermutlich des ersten Walles von Rey.66 Entscheidend ist nun das markante Wallsystem, das beidseits der Rhone eingezeichnet ist ( auf der Skizze erkennbar als mit Bleistift schraffierter Doppelrücken auf der SE-Talseite, unmittelbar rechts vom höchsten Punkt des Kapellenhügels ) und das als Moräne 4 bei Bühlmann wohl der Umwallung 2 von Rey entspricht. Es handelt sich dabei um die heute noch in ähnlicher Form vorhandene Moräne F, die vermutlich im 17./18. Jahrhundert entstanden ist.

Nach Rey lag 1834 die Gletscherzunge 160 RO47 D. A. Schmid, vor 1830: klassische Frontalansicht des Rhonegletschers toises ( ca. 312 m ) von Umwallung 2 entfernt, was einer Distanz von ca. 450 m zu den Hochstandsmoränen C/D entspricht ( mittlere Gletscherausdehnung ).

Die Angabe von REY ( 1835: 16Le premier pont jeté sur le Rhône est à 250 toises environ [ca. 487 m] du lieu d' où le fleuve s' élance furieux de l' antre de glace qui le retenait captif, et je lui ai trouvé 50 pieds de largeliefert eine maximale Gletscherausdehnung ( Distanz Eisrand-Moränen C/D = 415 m ). Der Steg über die Rhone ist bei Bühlmann eingezeichnet; er lag etwas ausserhalb der historischen Maximalstandsmoränen nahe bei der Zeiterherberge. Eine minimale Gletscherausdehnung ( Entfernung Eisrand-Moränen C/D = 485 m ) liefert die Distanz zwischen Eis und Umwallung 3 von 110 toises ( ca. 215 m ).

Diese Moräne, bei Bühlmann vermutlich Wall 5, ist wahrscheinlich 1818 entstanden und lag innerhalb des Bereiches der späteren 1856er Moräne.67 Vielleicht handelt es sich bei dem Wall auf der Bühlmann-Skizze rechts vom Gletscher-tor68, unmittelbar vor der Eisfront, um den Zeugen des Vorstosses von 1831-1834.

Auf der grossformatigen Bleistiftzeichnung des bedeutenden norwegischen Romantikers Thomas Fearnley ( 1802-1842)69 vom 13. Juli 1835 ( RO 45* S. 205 ) wirkt der vom Grimsel-passgebiet her gesehene Rhonegletscher fast wie ein gewaltiges, in der Bilddiagonale liegendes Schwert. Die Gletscheroberfläche wird durch die beinah ornamental wirkenden Spaltensysteme strukturiert. Der topographisch präzise zeichnende Fearnley registriert an der Zungenfront mindestens zwei vorge-stossene Eislappen und dazwischen eine noch zurückgebliebene oder aber abgeschmolzene Eiszone. Leider ist auf der linken Zungenseite die unmittelbare Frontpartie durch den Vordergrund verdeckt. Auf dieser Seite ist auch deutlich zu sehen, dass der kleine Eislappen im unteren Saasbachbereich, auf dem Aquarell von S. Birmann von 1824 noch gut zu erkennen, inzwischen abgeschmolzen ist und die Felsen dort nicht mehr mit Eis überlagert sind.

Zwei farblich ausserordentlich attraktive Aquarelle mit der klassischen Frontalansicht des Rhonegletschers hat David Alois Schmid ( 1791-1837 ) von einem erhöhten Standort an der Meyenwand aus gezeichnet ( RO 47* S.208, RO 48 ). Die auf den ersten Blick fast gleich wirkenden Zeichnungen unterscheiden sich voneinander in der Entstehungszeit, in der Qualität, aber auch in verschiedenen Details .70 Eine Datierung ermöglicht die 1830 erbaute Zeiterherberge in Gletsch: auf RO 47* S. 208 fehlt sie, auf RO 48 ist sie neben den vier Steinhütten zu sehen. Auf dem älteren Aquarell ( RO 47* S.208 ), mit einer recht gut differenzierten Umgebungstopographie, ist die relativ grosse Gletscherausdehnung auch am Eislappen 57, der in die Zone der Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles hinunterreicht, erkennbar. Das Gletschervorfeld weist vier allerdings zu schematisch gezeichnete Moränenwälle auf. Die gesamte Darstellung erinnert vor allem auch in der Gletscherausdehnung stark an das Aquarell von S. Birmann ( RO 36* S.200 ) aus dem Jahre 1824.

Die aquarellierte Federzeichnung RO 48 wirkt stärker schematisiert, die Ausdehnung des Gletschers scheint geringer. Die beigefügte Zeiterherberge verschiebt die mögliche Entstehungszeit auf die Jahre 1830 bis 1837. Grössere Unterschiede bestehen auch in der Vordergrundstaffage ( Menschen, Haustiere, Bäume ). Die Moränen des Gletschervorfeldes sind nur noch diffus ablesbar.

Letztlich sind beide Darstellungen für eine Bestimmung der Zungenendlage nicht verwendbar.

Dasselbe gilt für die Darstellung der Rhonegletscherzunge auf den beiden Panoramen ( RO 49, RO 50 ) vom Sidelhorn von Gottlieb Studer ( 1804-1890 ) aus dem Jahr 1838, welche für RO53.1 A. Winterlin, 1840er Jahre: die Rhonegletscherzunge eine präzise Aussage zur Lage der Eisfront zu wenig genau ist.

Fast wie eine verbale Illustration zu den Ansichten von S. Birmann, J. R. Bühlmann und D. A. Schmid wirkt die Beschreibung von Edouard Desor ( 1811—1882)71, dem Sekretär und Mitarbeiter von Louis Agassiz, aus dem Jahre 1839:

Wertvoll sind vor allem der Hinweis auf das Moränenlabyrinth im Gletschervorfeld sowie die Erklärung für den Abtrag der vorhandenen Moränen.

RO56 A. Winterlin, 1840er Jahre: das Gletschertor mit dem

Der frontal gezeichnete Eisstrom ( RO 53.1 * S. 210)'ist bei Winterlin im Stirnbereich in merkwürdig weissblaue, brotlaibartige Rundbuckel aufgeteilt, wobei die Lage des Eisrandes topographisch nicht genau identifizierbar ist, was auch für die mit Grün und Grau angetönten Moränen gilt.

Der Aufnahmestandort für RO 54* S. 211 lag vermutlich ganz in der Nähe der Stelle, von der aus beinahe dreiviertel Jahrhundert früher H. Wüest ( RO 06* S. 176 ) ebenfalls die wie Wellen in der Brandung aussehenden Séracs der Rhoneeiskaskade gemalt hatte. Auch dieses Blatt ist leider topographisch zuwenig präzise gezeichnet, um Hinweise zur Ausdehnung des Eises geben zu können. Am besten gelungen sind die beiden Naturansichten des orographisch rechtsseitigen Gletschertores. RO 55* S. 211 zeigt es aus grösserer Entfernung ( mit grauen Moränen links ), RO 56* S.210 erlaubt einen fast intimen Blick in das

Im August 1845 hat E. Desor im Auftrag von L. AGASSIZ ( 1847: 465/466 ) erstmals die Eisbewegung des Rhonegletschers gemessen, um so zu beweisen, dass die Art des Eisvorstos-ses, die er bei seinen umfangreichen Untersuchungen am Unteraargletscher beobachtet hatte, keine Ausnahme darstellte. Die beiden Messstationen lagen ca. 1 km auseinander, die obere am Fuss der Eiskaskade, die untere nahe dem Gletscherende. Die Eisbewegung an der Oberfläche betrug in 31 Tagen ( vom 8. August bis 8. September 1845 ) bei der oberen Station 8,21 m ( tägliches Mittel 0,2648 m ) und bei der unteren Station nahe dem Gletscherende 6,18 m ( tägliches Mittel 0,1995 m ). Agassiz konstatiert zu Recht, dass diese sowohl beim Unteraar- wie auch beim Rhonegletscher beobachtete Abnahme der Geschwindigkeit des Eises mit der Abnahme der Eismächtigkeit korrespondiert, mit anderen Worten:

Auf einer grossen querformatigen Farblithographie ( RO59* S. 214/215 ), datiertauf den 26. August 1848, hat Henri Hogard in Weiss- RO55 A. Winterlin, 1840er Jahre: die nordwestliche Eisfront blaugrau den Rhonegletscher rechts und in exemplarischer Ausführlichkeit die graubeige-braunen Moränenwälle auf dem Vorfeld zwischen Eisrand und Rhonesteg links ( diese Zone nimmt fast mehr Platz ein als der Gletscher !) dargestellt.

In den ( Principaux glaciers de la Suisse ) liefert HOGARD ( 1854: 21, ebenfalls zitiert in DOLLFUS-AUSSET 1864, 1:302 ) zu der als Tafel 6 publizierten Lithographie noch Erläuterungen über die damalige Moränensituation:

Wall 4 war offenbar auf der rechten Seite bereits teilweise zerstört oder lag in unmittelbarer Nähe der Gletscherfront, nur noch durch die aktuelle Vorstossmoräne 5 vom Eis getrennt.

Diese beiden Wälle lagen innerhalb des Standes von 1856. Der auf der Lithographie zwischen Wall 3 und 4 auf der rechten Talseite sichtbaren Lärche schreibt Hogard ein Alter von mindestens 150 Jahren zu. Ob er damit recht hat, lässt sich heute kaum sicher sagen; unsere Hypothese, dass die Moräne F ( nach MERCANTON 1916: ( 1818> ) älteren Datums ist und erst das Jahr 1856 den Maximalstand im 19. Jahrhundert brachte, würde aber durch Hogards Schätzung unterstützt.

Der damalige Vorstoss des Eises mit der aktuellen Frontalmoräne 5, die bereits den zweitjüngsten Wall 4 mit umgekipptem Boden und kleinem Nadelbaum zu überfahren beginnt, ist von H. Hogard ebenfalls skizziert ( RO 61 ) und von DOLLFUS-AUSSET 1872 im Atlasband zu seinem gigantischen achtbändigen Werk ( Matériaux pour l' étude des Glaciers ) publiziert worden.

Das Zungenende des Rhonegletschers lag am 26. August 1848 bereits recht nahe der heutigen 1856er Moräne; wo genau, lässt sich jedoch nicht zuverlässig rekonstruieren.

Die ( Daguerreotype Aufnahme von Daniel Dollfus-Ausset im August 1849> ( RO 62* S.217 ) ist nicht nur die erste Fotografie des Rhonegletschers, sondern eine der ältesten Glet-scherfotografien überhaupt. Der Aufnahmestandort lag vermutlich auf dem höheren Teil des Kapellenhügels oder noch etwas höher auf der südwestlich verlaufenden Felsrippe. Die imposante Eiskalotte, die den Talgrund weitgehend bedeckt, ist von einem System von zahllosen mehr oder weniger radial verlaufenden Spalten durchzogen. Die aktuelle Vorstossmoräne ist deutlich als helles Band zu erkennen, das den zweitjüngsten, schon bei Hogard ein Jahr früher teilweise zerstörten Wall noch stärker überlagert hat. Vermutlich ist vor dieser Moräne auch die bei Hogard erwähnte und auf der Lithographie RO 59* S. 214/215 eingezeichnete Lärche zu sehen. Für die Bestimmung des Gletscherstandes ist ein Vergleich mit der Fotografie von E. Edwards ( RO 80* S.230 ) vom September 1865 aufschlussreich. Danach haben die Eismassen bis 1856 die Stirnmoräne noch beachtlich vorgeschoben.

Auf der rechten Talseite ( im Bild links ) ist die Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles57 fast vollständig ( eine Felsspitze scheint noch sichtbar zu sein ) von Eis verdeckt bzw. überlagert ( bei E. Edwards ist das Eis wieder weggeschmolzen ). Die übrigen Moränen im Glet- schervorfeld präzisieren im wesentlichen das Bild, das uns Hogard bereits ein Jahr früher gegeben hat; gut erkennbar ist vor allem auch der grosse Wall F.

Zwei Jahre später hat Jules Anselmier ( 1815-1895 ) im Auftrag des Eidgenössischen Topographischen Bureaus unter der Leitung von W. H. Dufour ( 1787-1875 ) erstmals genauer das Zungenende des Rhonegletschers im Massstab 1:50000 für das Messtischblatt XVIII der Dufourkarte aufgenommen ( RO 63* S. 221 ). Die Darstellung der Moränen im Gletschervorfeld lässt jedoch Zweifel an der Genauigkeit aufkommen. Diese werden denn auch durch das Urteil von H. Siegfried von 1865 bestätigt. Danach gehören Anselmiers Aufnahmeblätter zu den schlechtesten der Dufourkarte, wobei ihm zahlreiche Fehler nachgewiesen werden konnten, so beispielsweise eine grobe Verschiebung am Oberaarhorn von 1425 m ( GRAF 1896: 208 ).

Die Auswertung des von Anselmier gezeichneten Rhonegletschers von 1851 liefert somit ein wenig zuverlässiges Resultat.73 Bis 1856 stiess der Rhonegletscher vor und bildete so eine auch heute noch sichtbare Stirnmoräne. Belegt ist dies durch die Ausführungen von DUFOUR/FOREL ( 1870: 682 ) zum ersten genauen Plan des Vorfeldes und der Front des Rhonegletschers ( aufgenommen am 30. Juli 1870 im Massstab 1:4000 ):

Das Aussehen des Rhonegletschers zur Zeit seiner grössten Ausdehnung im 19. Jahrhundert ist dokumentiert auf Fotografien von Frédéric Martens ( ca. 1809-1875 ), welche dann als Vorlagen für Lithographien von Eugène Ciceri ( 1813-1890 ) im grossformatigen Ansichtenwerk ( La Suisse et la Savoie ) ( Bd. 1, 1859 ) dienten. Die Umsetzung der Fotografien in Lithographien erfolgte, da damals der Druck von Fotos technisch noch nicht möglich war. Der frontal von erhöhtem Standort aus gesehene Rhonegletscher ist auf der Fotografie RO 64.1 * S. 220 von ausserordentlicher Schönheit. Die von zahlreichen Radialspalten durchzogene, stark aufgewölbte Eiskalotte wirkt hier wie ein gewaltiger, aufgespannter weisser Sonnenschirm. Auf der Fotografie hat man den irrtümlichen Eindruck, die Front der Eismasse reiche bis zum Kapellenhügel bei der Zeiterherberge, doch in Wirklichkeit betrug die Distanz mehr als 225 m. Auf der rechten Bildseite, auf der Fotografie leider teilweise abgeschnitten, können wir die Moränen aus dem 16./17. und/oder 14. Jahrhundert ahnen. Wegen der dunkleren Farbe der Vegetation gut sichtbar ist unmittelbar rechts der Zeiterherberge die Moräne F. Gleich darunter ist mit hellerer Farbe die aktuelle Stirnmoräne des Gletschers zu sehen.

Die grosse Gletscherausdehnung ist auch bei der nun von Eis verdeckten bzw. überlagerten Felsrippe nordöstlich des Saasbachfalles ( auf der Fotografie links am Hang ) zu erkennen.

Auf der nach dieser fotografischen Vorlage angefertigten Lithographie RO 64.2 ist auch der südöstliche, linke Gletscherrand ( auf der rechten Bildseite ) zu sehen. Wenn wir die hier festgehaltene Eisausdehnung gerade auch an dieser Stelle vergleichen mit dem fast vom selben Aufnahmestandort aus gezeichneten Aquarell von S. Birmann aus dem Jahr 1824 ( RO 36* S.200 ), wird deutlich, dass der Gletscher 1856 an Mächtigkeit zugenommen hat.

Auf RO 65* S. 221 ist der nordwestliche, rechtsseitige Gletscherrand zu sehen. Aufnahmestandort war vermutlich das Gebiet der Moränen aus dem 16./17. und/oder M.Jahr-hundert. Besonders wertvoll ist diese Fotografie für uns, da sie unten links mit

Wahrscheinlich lag dieser Aufnahmestandort nur ca. 180-200 m nordnordöstlicher, aber ca. 100 m höher als die Stelle, von der aus W. Pars 86 Jahre früher, 1770, ebenfalls den Eisstrom mit einem Gletschertor, aber bei viel geringerer Eismächtigkeit gezeichnet hat ( vgl. RO 05* S. 173 ). Eine zwischen 1874 und 1882, also 18-26 Jahre nach Martens, in der Nähe gemachte Aufnahme ( RO 109* S.225 ) zeigt an Stelle eines schäumenden Baches nur noch eine alte, funktionslos gewordene, ausgetrocknete Entwässerungsrinne und einen weit zurückgeschmolzenen Gletscher.

Offen bleibt die Frage, ob die Fotografie RO 66.1* S. 224 ebenfalls 1856 oder aber früher oder kurz danach entstanden ist ( sicher vor 1859, als die Lithographie RO 66.2 publiziert wurde).75 E. Ciceri hat dann aufgrund von Martens Fotografie die schöne Lithographie

Von England ging ab 1854 die Mode aus, bekannte Sehenswürdigkeiten ( Architektur, Landschaften usw. ) auf stereoskospischen Fotografien festzuhalten. Das erste bis heute bekannte Stereogramm des Rhonegletschers ( RO 67* S. 223 ) entstand in den Jahren 1856-1858, also zur Zeit des Maximalstandes im 19. Jahrhundert oder kurz danach.76 Der Aufnahmestandort lag etwas höher als der von Martens ( RO 64.1 * S. 220 ), der Bildausschnitt ist jedoch fast gleich, wobei das Stereofoto zusätzlich den ( linken ) SE-Glet-scherrand ( auf der Abbildung rechts ) zeigt, gleich wie die Lithographie von Ciceri ( RO 64.2 ). Beide Darstellungen ( RO 64.2, RO 67* S. 223 ) weisen auf der SE-Seite einen steilen hohen Eisrand als Zeugen einer maximalen Mächtigkeit auf.

Nur auf der Fotografie RO 67* S. 223 zu sehen ist jedoch randliches Geschiebematerial der Seitenmoräne; offenbar hat der Abschmelzprozess bereits eingesetzt. ( Möglicherweise ist auf der Lithographie von Ciceri dieses Gesteinsmaterial aus ästhetischen Gründen weggelassen worden. ) Die Ähnlichkeit der Spaltenstruktur an der Eisfront zeigt, dass die beiden Fotografien RO 64.1 * S. 220 und RO 67* S. 223 zwar sicher nicht zur gleichen Zeit, aber doch nicht in allzu grossem Abstand voneinander aufgenommen worden sind.

Am 24. August 1856 besuchte der bedeutende englische Glaziologe John Tyndall ( 1820-1893 ) auf seiner Reise durch das Berner Oberland ebenfalls den Rhonegletscher:

Im Juli 1858 besuchte Tyndall erneut den Rhonegletscher ( zwischen den wilden Abgründen auf der Höhe des Eisfalles> ( Tyndall 1898: 123 ), ohne leider über Veränderungen der Eiszunge etwas auszusagen, dafür versucht er die Ogyvenbildung am Fuss des Eisfalles zu erklären ( der Stoss der herabstürzenden Eismasse führt zur Bildung von Runzeln, TYNDALL 1898:470/471 Fig. 41 ).

Fassen wir das Gletschergeschehen von 1818-1856, also der Jahre zwischen den beiden Hochständen im 19. Jahrhundert zusammen, so ist diese Zeit entsprechend der kalten Klimaperiode gekennzeichnet durch eine anhaltend grosse Ausdehnung des Rhonegletschers, d.h. die Eisfront schmolz 1819-1831 nur ca. 80-130 m zurück.

1831-1856, unterbrochen sicher 1834 durch den extrem heissen Sommer, stiess der Gletscher generell wieder vor, und zwar in diesen 25 Jahren um ca. 180 m ( minimal ca. 140 m, maximal ca. 220 m ). 1856 erreichte der Rhonegletscher seine maximale Ausdehnung im 19. Jahrhundert, schön zu sehen auf den drei Fotografien von F. Martens und dem Stereo-bild ( vgl. RO 64.1*, 65*, 67*, 66.1* S. 220, 221, 223, 224 ). Dabei war die Eiszunge an der Front im Mittel ca. 130 m ( minimal ca. 80 m, maximal ca. 180 m ) weiter vorgerückt als beim ersten grossen Vorstoss im 19. Jahrhundert um 1818.

8. Das Ende der Kleinen Eiszeit - das langandauernde Rückschmelzen des Rhonegletschers ab 1857 Kaum erkennbar ist das Abschmelzen des Rhonegletschers auf den drei Skizzen von Otto Fröhlicher ( 1840-1890 ) vom August 1859. Bei der Bleistiftzeichnung vom Sidelhorn ( RO 68 ) ist noch ein gewaltiger Eisstrom zu sehen, doch ist das Zungenende leider durch den Vordergrund verdeckt. Die Bleistift- und Aquarellskizzen der Eiskaskade ( RO 69, RO 70 ) sind Seitenansichten, wo bei dem immer noch grossen Gletscher kaum Mächtigkeitsverän-derungen registriert werden können. Erstmals deutlich zu sehen, aber nicht abzuschätzen ist das Rückschmelzen der Eisfront hinter die Wälle von 1856 auf einer kleinformatigen Lithographie von L. Sabatier ( RO 71 ) aus den Jahren vor 1860.

Auf der Originalstecherpause zum Blatt XIII Guttannen der Siegfriedkarte im Massstab 1:50000 zeichnete Henri L' Hardy das Zungenende des Rhonegletschers 1861 ca. 85 m hinter dem Moränenwall von 1856 ( RO 73 ).

Gemäss der Instruktion von W. H. Dufour ( GRAF 1896: 262 ) mussten Gletscher, ( vom physikalischen und geologischen Standpunkte aus einen interessanten Teil der Hochalpen> ausmachend, und Mittel- und Endmoränen genau gezeichnet werden. Das Gletschervorfeld mit den drei Umwallungen ist so von L' Hardy kartographisch erstmals etwas genauer erfasst worden ( der Unterschied zu Anselmier RO 63* S.221 ist offensichtlich ).

Eine gute zusätzliche Illustration der Karte bildet die lavierte Bleistiftzeichnung ( Halt der I Brigade am Rhonegletscher 1861RO 74.1 ) von Eugen Adam ( 1817-1880 ), von der ebenfalls eine Lithographie-Version existiert ( RO 74.2 ). Die Randpartien sind nicht mehr steil, sondern keilen flach aus, unübersehbares Zeichen des Abschmelzens.

Noch besser zu sehen ist dies auf der Fotografie ( RO 77 ) von Adolphe Braun ( 1812-1877 ) aus dem Jahr 1864, wo auf der SE-Seite ( rechts im Bild ) ein breites, helles Band das nun eisfreie ehemalige Gletschergebiet markiert. Die stark abgesunkene Eisoberfläche belegt auch den markanten Mächtigkeitsverlust.

H. B. Georges ( The Oberland and its Glaciers: Explored and illustrated with Ice Axe and Camera ), 1866 in London erschienen, enthält eine Auswahl von 28 hervorragenden Ori-ginal-Fotografien von Ernest Edwards, einem der ersten Bergfotografen ( GERNSHEIM 1983:

RO62 D. Dollf us-Ausset, 1849: Daguerreotypie des Rhonegletschers ( die erste bekannte Fotografie des Gletschers ) 351 ).77 Dieses älteste Fotobuch der Berner Alpen war gedacht als Illustration zum klassischen Gletscherwerk von J. Tyndall

Das Aussehen des Eisstromes beschreibt George, indem er Longfellow zitiert ( Hyperion Buch III, Kap. 2 ):

Für unser Thema informativer ist jedoch eine hervorragende Frontalansicht des Gletschers ( RO 80* S.230 ), aufgenommen im Gebiet des Kapellenhügels ( der Felsen ist im Vordergrund rechts zu erkennen ).

Das bekannte Moränenszenario zeigt gut erkennbar den von Vegetation bedeckten dunklen Wall F ( 17./18. Jahrhundert ) und dahinter den gerade eben erst neu gebildeten, vegetationslosen und deshalb hell herausleuchtenden Wall von 1856 sowie die seit kurzer Zeit eisfreien Rückzugsgebiete.

Deutlich hinter diese Moränenwälle zurückgesetzt, wölbt sich die immer noch kompakte, eindrückliche, aber in der Mächtigkeit doch stark reduzierte Eismasse des Rhonegletschers auf.

Auf der Saasbachseite ( auf der Fotografie links ), wo nun die ehemals von Eis über- oder verdeckte Felsrippe wieder gut sichtbar ist, keilt die Eiszunge neben dem Gletschertor flach aus.

Die Eisfront befindet sich aber auch in der Mitte und auf der südöstlichen Talseite bei Wyssgand ( im Bild rechts ), wo die Eisoberfläche zwar noch deutlich höher liegt, in einem rapid voranschreitenden Auflösungsprozess, angedeutet durch die zahllosen steilstehenden Radialspalten ( vgl. zur Mächtigkeitsreduktion die Fotografien von 1849 RO 62* S.217, 1856 RO 64.1* S. 220 und RO 67* S. 223 ).

Die innert neun Jahren eingetretenen Veränderungen dokumentieren eindrücklich das vor allem durch geringere Häufigkeit und Ergiebigkeit der sommerlichen Schneefälle und geringere winterliche Schneeakkumulation bedingte Ende der kleinen Eiszeit ( PFISTER 1984, 1:148 ).

Im Juli 1870 besuchten der Arzt und Limnologe A. Forel ( 1841-1912 ) und C. Dufour den Rhonegletscher, der sich

Der in der Talmitte noch weit nach vorne reichende, breite Eisfächer ist randlich, beim Ausfluss der Rhone ( mit dem Muttbach ), bei der

Durch das weitere Abschmelzen veränderte sich das Aussehen des Rhonegletschers bis 1873 erneut; es wurde am 4. August durch den französischen Architekturtheoretiker und Restaurator Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc ( 1814-1879 ) auf einer feinen Bleistiftzeichnung ( RO 87 ) festgehalten.78 Das fächerförmige Aussehen der Eismasse erinnert an das 1772, also gut 100 Jahre früher, entstandene Ölgemälde von J. H. Wüest ( RO 06* S.176 ).

F. A. Forel und C. Dufour führten in den Jahren bis 1877 ihre ( Privatvermessung ) weiter, die sie dann später der ( Société Vaudoise des Sciences naturelles ) vorlegten. Nach diesen Beobachtungen schmolz der Rhonegletscher von 1870 bis 1871 nur gering zurück, in den folgenden drei Jahren bedeutend stärker: innerhalb von vier Jahren ( 1870-1874 ) im mittleren Bereich der Eisfront ca. 240-260 m, in den Randpartien etwas weniger, nämlich nur ca. 180 m ( DUFOUR/FOREL 1879: 474, Tafel XXVI, RO 88 ), was Jahreswerte von 60-65 m ergibt. 1874 lag die Eisfront ca. 615 m von der Moräne von 1856 entfernt ( vgl. RO 91/102 ).

Ab 1874 sind die Veränderungen des Rhonegletschers bestens dokumentiert durch die umfangreichen Vermessungsarbeiten unter dem Patronat des SAC ( 1874-1893 ), später der SNG ( ab 1893 ) und des Eidgenössischen Topographischen Bureaus ( heute Bundesamt für Landestopographie L + T ), das auch die Vermessungsingenieure stellte. Die Resultate wurden 1916 von R. L. MERCANTON in den Neuen Denkschriften der SNG, Band 52, publiziert. Dank den im Archiv vorhandenen und überarbeiteten Dokumenten erhalten wir so vom Rhonegletscher die längste und bis auf wenige Zweijahreswerte vollständige Reihe von Zahlenwerten der jährlichen Längenänderungen von 1870 bis heute ( vgl. AELLEN 1986: 261, 264-273 Tab. 34 ).

Ausgangspunkt ist Plan N° 3 ( RO 91, vgl. auch die Originalzeichnung RO 102 ) von MERCANTON 1916, wo das Gletschervorfeld mit seinen Moränen, der Eisrand vom 4. September 1874 sowie die Eisbewegung auf den vier Profilen in der Zeit von 1874-1900 im Massstab 1:5000 festgehalten sind.

In den Jahren 1874-1900, also innerhalb von 26 Jahren, schmolz die Frontalzone des Rhonegletschers gesamthaft um ca. 755 m ab.79 Dieses Rückschmelzen erfolgte jedoch in unterschiedlichem Tempo, wobei sich vier Zeitabschnitte unterscheiden lassen ( vgl. auch MERCANTON 1916:55 ).

Auf Plan N° 4 ( RO 92, Titel

Eine Reihe von Fotos belegt das fast stetig andauernde Abschmelzen, wobei gut erkennbar ist, dass der Eisfächer im Talboden immer kleiner wurde und die Eisfront immer näher zum Gletschersturz zurückschmolz ( Beispiele: RO 117 der Gebrüder Charnaux und RO 118 aus dem Atelier von A. Braun aus der zweiten Hälfte der 1880er oder dem Anfang der 1890er Jahre; ferner RO 119, RO 122 für 1897 und, erstmals nun farbig, RO 126 um die Jahrhundertwende ).

Zwei schöne Fotos aus dem Archiv der Gletscherkommission ( RO 124 und RO 125 ) belegen den 20. und 25. Juli 1900 ( vgl. auch MERCANTON 1916: 128/129 Fig. 7, Rhonegletscher vom Langisgrat aus gesehen am 25. August 1900 ).

Eine ganz neue, kühn auf den elementaren Schwarz-Weiss-Kontrast konzentrierte dekorative Formensprache entwickelte der bedeutende Westschweizer Künstler Félix Vallotton ( 1865-1925)80 beim Holzschnitt ( Glacier du Rhône ) aus dem Jahr 1892 ( RO 120* S.232 ). Die Bewegung simulierenden Fliessformen, gerundete helle Eisrücken und Séracs zwischen schwarzen, bedrohlich tiefen Spalten, im Aussehen ähnlich einem Lavastrom, sind zu Eis erstarrt. Inspiriert wurde Vallotton vermutlich durch das Aussehen des Gletschers im unteren, flacheren Teil des Eissturzes.

MERCANTON 1916 AELLEN 1986 Plan N° 11 Tab. 34 -535 m -425 m -95 m — 45 m - 15 m - 15 m -110 m - 86 m 755 m 571 m 9. Die Zungenaktivität des Rhonegletschers im 20. Jahrhundert bis 1987 Nachdem der Gletscher zwischen 1900 und 1911/12 um 207 m zurückgeschmolzen war, endete die Stirn in den nun sichtbar werdenden Felsen am Fuss der Steilstufe ( vgl. MERCANTON 1916: Fig. 8 vom 30. August 1912 ). Der nun einsetzende neunjährige Vorstoss 1913-1921 um 137 m bedeckte den frei gewordenen Untergrund sogleich wieder. Die nächsten 30 Jahre, 1922-1951, waren von einem ständigen Zurückschmelzen der sich nun in der Steilstufe langsam auflösenden Gletscherzunge geprägt. Zweimal kam es zu einem kurzen Unterbruch, nämlich 1926/2710 m ) und 1940/4121 m ), in den zehn Jahren von 1942 bis 1951 war das klimatisch bedingte ( heisse und trockene Sommer ) Abschmelzen mit 359 m besonders ausgeprägt.

Nachdem der Rhonegletscher 1952-1956 fünf Jahre lang stationär geblieben war, schwächte sich der Rückzug 1957-1965 ( -137 m ) stark ab.

In den letzten 22 Jahren, 1966-1987, standen zehn Jahre des Vorstossens92 m ) neun Jahren des Abschmelzens gegenüber60 m ), in drei Jahren verhielt sich der Eisstrom stationär. Insgesamt ist die Bilanz also leicht positiv32 m ); insofern scheint das Jahr 1986/879 m ) recht typisch zu sein.81 Von der 1856 erreichten, für das 19. Jahrhundert maximalen Länge von 12,398 km schmolz der Rhonegletscher bis 1987 um ca. 16,6% oder insgesamt 2061 m zurück ( -2321 m Abschmelzen stehen +260 m Vorstoss gegenüber, vgl. Fig. 4 ).

10. Entscheidende Gletscherforschungsprojekte am Rhonegletscher 10.1 Rhonegletschervermessung des SAC/SNG 1874-1915 ( MERCANTON ) Ausgehend von den SAC-Statuten von 1863, wo in Paragraph 1 formuliert wurde, eines der Ziele sei es,

E. Rambert an der Jahresversammlung des SAC in Bern 1868 eine Motion vor, der Alpenclub solle eine Initiative zur wissenschaftlichen und systematischen Erforschung der Gletscher ergreifen und sich zu diesem Zweck mit der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft ( SNG ) in Verbindung setzen.82 1869 wurde das sogenannte ( Gletscher-Kolle-gium ) als gemeinsames Organ des SAC und der SNG gewählt, das sich aus folgenden Mitgliedern zusammensetzte:

Seitens des SAC waren vertreten: Prof. Dr. L. Rütimeyer ( 1825-1895 ), Paläontologe aus Basel; Prof. Dr. A. Escher von der Linth ( 1807-1872 ), Geologe aus Zürich; Prof. E. Rambert ( 1830-1886 ), Literaturhistoriker aus Zürich.

Seitens der SNG waren vertreten: Prof. A. Mousson ( 1805-1890 ), Ingenieur und Physiker aus Zürich; Prof. Dr. L. Dufour ( 1832-1892 ), Physiker aus Lausanne; Prof. Dr. E. Hagen-bach-Bischoff ( 1833-1910 ), Physiker aus Basel. Als Präsident des Gletscherkollegiums wirkte Prof. E. Desor ( 1811-1882 ), Geologe aus Neuenburg und langjähriger Mitarbeiter von Agassiz ( HEIM in MERCANTON 1916: 19 ).

Dieses Kollegium arbeitete den Vorschlag aus, einen bedeutenden Gletscher im Massstab 1:5000 aufzunehmen. Die Wahl fiel am 26. April 1874 ( KASSER 1986: 199 ) auf den Rhonegletscher, und zwar wegen seiner zentralen Lage, der leichten Zugänglichkeit ( wichtig für Vermessungsarbeiten !) sowie der einheitlichen Gestaltung ohne grössere Seitenflüsse. Zudem bestand der Gletscher aus

1. Eine topographische Aufnahme des Gletschers, grösstenteils im Massstab 1:5000.

2. Rekonstruktion der Gletschergeschichte sowie Datierung der Moränen bei Gletsch.

3. Messung und kartographische Darstellung des Fliessverhaltens des Gletschers.

4. Um die Bewegung der Eisoberfläche genauer beobachten zu können, wurden auf Vorschlag des Ingenieurs P. Gösset vier unterschiedlich gefärbte Steinreihen in geraden Li- nien zwischen zwei Fixpunkten über den Gletscher gelegt. Dieses Verfahren basierte auf einer Methode, die A. Heim entwickelt und bei der Untersuchung des Hüfigletschers erstmals angewendet hatte ( HELD in MERCANTON 1916:27 ).

Für die Vermessungsarbeiten bot das Eidgenössische Topographische Bureau(ETB ) unter Oberst H. Siegfried seine Hilfe an und be- RO67 F. Bruel, vermutlich zwischen 1856 und 1858: klassische Rhonegletscher-ansicht zur Zeit des Höchststandes im 19. Jh.

teiligte sich später zusammen mit der SNG auch an der Finanzierung.

Ende Juli 1874 begannen Ingenieur P. Gösset und sein Team mit den Feldarbeiten am Rhonegletscher. Erstmals wurden nun Veränderungen eines Gletschers umfassend mit geodätischer Genauigkeit im Massstab 1:5000 gemessen, was gegenüber dem WILD/AGAS-Siz-Plan des Unteraargletschers im Massstab 1:10000 eine weitere Verbesserung bedeutete.

Die 40jährige Vermessungskampagne am Rhonegletscher 1874-1913 lässt sich in zwei Abschnitte gliedern:

- Von 1874 bis 1893 erfolgten die Arbeiten unter der Leitung des des SAC und der SNG, die Vermessungen wurden vom ETB geleitet. Die Finanzierung erfolgte am Anfang ( 1874-1879 ) ausschliesslich durch den SAC, wurde dann neben dem SAC vom ETB unterstützt ( 1880-1889 ) und lag nach 1890 vor allem beim ETB ( später L+T ), der SNG und ihrer Geologischen Kommission. Dazu kamen freiwillige Unterstützungsbeiträge verschiedener Kreise.

-Von 1893 bis 1915, nach dem Rückzug des SAC, wurde das Rhonegletscherprojekt weitergeführt unter der am 4. September 1895 neu gewählten Gletscherkommission der SNG zur wissenschaftlichen Erforschung der Schweizer Gletscher.

Hauptaufgaben dieser Gletscherkommission waren neben der Weiterführung der Rhonegletschervermessungen und der Publikation der Ergebnisse nun die Beobachtung und Publikation der Gletscherveränderungen. Die Vermessungen wurden weiterhin von Ingenieuren der Schweizerischen Landestopographie ausgeführt. Die Ergebnisse dieser wohl einzigartigen Vermessungskampagne von 1874 bis 1915 wurden dann vom bereits 1910 als Redaktor tätigen Lausanner Elektroingenieur und Geophysiker Prof. Paul-Louis MERCANTON 1916 im Buch ( Vermessungen am Rhonegletscher ) ( Neue Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, Band 52 ) publiziert. Neben 190 Seiten Text umfasst dieser Denkschriftenband auch 12 Pläne, von denen die folgenden als historische Dokumente für unser Thema wichtig sind:

-RO91, Plan N°3 Der Rhonegletscher und seine Eisbewegung 1874-1900 im Massstab 1:5000. Mit den vier Profilen ( Schwarz, Grün, Gelb, Rot ) der Bewegung des Eises an der Oberfläche ( vgl. dazu RO 104 ( Ober Rhone Gletscher September 1874. Abstecken und Construction der gelben Steinreihe ) sowie RO 108 und RO 110 ).

-RO92, Plan N° 4 Die Gletscherzunge 1874-1913, im Massstab 1:5000. Mit 26 Zungenendplänen.

-RO93, Plan N° 5 Die Oszillation der Gletscherzunge, nach monatlichen Messungen 1887-1910, im Massstab 1:500.

-RO100, Plan N° 11 Rand der Gletscherzunge 1873-1913, im Massstab 1:5000, zusammengefasst auf einem Plan.

Dazu kommen weitere Pläne von Längs-und Geschwindigkeitsprofilen.

10.2 RHONEX/ALPEX 1979-1984 ( MÜLLER, OHMURA ) Von 1979 bis 1984, also mehr als 100 Jahre nach Beginn der SAC/SNG-Vermessungskam-pagne, stand der Rhonegletscher erneut im Brennpunkt eines grossen Forschungsprojektes, diesmal nun des Geographischen Institutes der ETH in Zürich. Dieses Projekt ( ( Rhonegletscher und Umgebung ) oder RHONEX/AL-PEX ) wurde initiiert durch Prof. Dr. Fritz Müller ( 1926-1980 ) und nach seinem allzufrühen Tod von einem Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Atsumo Ohmura weitergeführt. Ziel des Projektes ist eine exempla- RO66.1 F. Martens, vermutlich 1856: der Westrand des Eisstromes mit einem Gletschertor und der seitlichen Entwässerung in den Saasbach risene Analyse des Eis-, Wasser- und Energiehaushaltes, also die Untersuchung der Beziehung zwischen Klima und Gletscher, z.B. der räumlichen Verteilung der Massenbilanz ( Änderung der Schnee- und Eismasse des Gletschers in Raum und Zeit ) und ihrer Beziehung zu Klimaelementen ( vgl. FUNK 1985 ); ferner eine präzisere Erfassung des Phänomens Gletscherwind ( max. Geschwindigkeit in 5-50 m Höhe über dem Grund, OHMURA in RHONEGLETSCHER SNG 1987: 67, WlCK 1980: 37 ) oder der Austauschmechanismen zwischen Talluft und darüberliegender Luft. Wie schon früher bildete auch hier der Rhoneeisstrom als einer der Hauptgletscher der Schweizer Alpen ein günstiges Modell.83 Leider ist heute das Vorfeld, wo einst die untere Partie des Rhonegletschers mit der fächerförmigen Eiskalotte lag und wo auch der Schlüssel zur Gletschergeschichte zu suchen ist, durch ein Stauseeprojekt eines elektrischen Kraftwerkes bedroht.

Eine Überflutung des Gletschbodens sollte mit allen Mitteln verhindert werden, um eine RO109 E. Nicola, 1882: gleiche Ansicht wie auf RO 66.1 * nach dem Abschmelzen des Eises Landschaft von nationaler Bedeutung und von höchstem wissenschaftlichen Interesse zu erhalten.

11. Das Gletschervorfeld Hanspeter Holzhauser, Zürich Wohl selten sind an einem Alpengletscher Endmoränenwälle so zahlreich vorhanden und in solcher Übersichtlichkeit angeordnet wie am Rhonegletscher. Schon KlNZL ( 1932: 343 ) -bekannt durch seine gletschergeschichtlichen Arbeiten der Jahre 1929 und 1932-hat auf das ( unvergleichliche Moränengelände ) hingewiesen und sein Bedauern darüber geäussert, dass dieses während längerer Zeit durch menschlichen Eingriff in grossem Ausmass beeinträchtigt wurde. Insbesondere während der Bauzeit der Furka-Oberalp-Bahn in den Jahren 1913 und 1914 sind die vordersten Moränenwälle links der Rhone abgetragen worden ( MERCANTON 1916: 50 ). Zusätzlich haben die Rhonebegradigung und der Hotelbau zum Abbau der Endmoränen beigetragen. So weisen auch die jüngsten beiden auf der linken Talseite übriggebliebenen Wälle nicht mehr ihre ursprüngliche Form und Länge auf; ausserdem sind in diese Ablagerungen hinein einzelne Gebäude gebaut worden, wovon eines allerdings bereits zerfallen ist. Wichtige Zeugen des einstmals weit ausgedehnten Rhone- 16 Die ehemalige seitliche Entwässerungsrinne auf halber Höhe zwischen Untersaas und Gletschboden am 22. August 1986 gletschers sind somit verschwunden. Wofür der Rhonegletscher Jahrhunderte benötigte, das hat der Mensch in wenigen Jahrzehnten zerstört.

Wie Karte 2 S. 168 zeigt, können sieben verschiedene durch Wälle dokumentierte Zungenendlagen des Rhonegletschers in der Umgebung von Gletsch nachgezeichnet werden ( A bis G ). Nur die innersten Stände ( F und G ) sind beidseits der Rhone durch höhere Stirnmoränen dokumentiert; das jüngste System ( G ) wurde grösstenteils während des letzten Hochstandes um 1856 vom Rhonegletscher geformt ( s. S.213 ). Rechts der Rhone, diesen beiden auffallendsten Ständen F und G vorgelagert, grenzen zwei weitere, jedoch bedeutend niedrigere Wallsysteme ehemalige Hochstände ab ( E und D ), wobei das äussere der beiden unmittelbar vor einer Erosionskante ( EK ) durchzieht.

Der nächstältere Stand ( C ) wird durch einen kurzen, gut ausgebildeten Wall auf der Höhe der Kapelle dokumentiert. Dieser liegt auf dem nordöstlichen Ende des Felsriegels, der hinter dem Hotel ( Glacier du Rhône ) und der Kapelle emporragt und dessen Längsachse parallel zur Talachse verläuft ( Kapellenhügel ). Am Fusse der rechten Talflanke sind Wallreste erkennbar, die dem gleichen Stand angehören wie der etwas erhöht positionierte Wall auf dem Kapellenhügel. Sie liegen auf einer flu-vioglazial geschütteten Ebene zwischen Kapellenhügel und Talhang; ihre ursprüngliche Form hat sich jedoch nicht erhalten, weil auch hier der Mensch abbauend eingegriffen hat.

Talauswärts, in nur geringer Entfernung von diesen Wallrelikten, setzt am Fusse des Tal-hangs ein weiterer, nicht mehr so deutlich erkennbarer Wall an ( B ); er scheint in die ihn umgebende Ebene einzutauchen. Der rechte Talhang läuft hier über eine grössere Distanz in einer spärlich bewachsenen Schutthalde aus, und es ist anzunehmen, dass Teile des erwähnten Walles durch diese Schuttakkumula-tion im Laufe der Zeit zugedeckt worden sind.

Der äusserste nachweisbare postglaziale Hochstand des Rhonegletschers ist durch einen nur kurzen, blockreichen Wall dokumentiert ( A ); er befindet sich oberhalb der ersten Kurve der Grimselstrasse erhöht am Hang hin- ter dem Hotel ( Glacier du Rhône ), südwestlich der ehemaligen Thermalquelle.

An den Talhängen, die den Gletschboden seitlich einschliessen, sind ehemalige Eisrandlagen weitaus schwieriger auszumachen. So sind die entsprechenden Ufermoränen an der rechten Talseite schlecht erhalten geblieben: Einerseits sind die Wälle am steilen, von Schuttfächern durchzogenen Hang streckenweise abgerutscht, andererseits haben Lawinen die Wallformen verwischt. Neben den grobblockigen Ablagerungen der Wallsysteme F und G ( 1856 ) treten am Chalberwang die Relikte von drei weiteren Hochständen - wenn auch nur undeutlich - hervor, die sich mit den Endmoränenwällen der Stände C, D und E verbinden lassen.

An der Saaswang schliesslich sind keinerlei deutliche Wallstrukturen mehr vorhanden; hier kann die Grenze des letzten Hochstandes nur mehr in der unterschiedlichen Ausprägung der Vegetation erahnt werden. Nordöstlich des Saasbaches floss das Eis über parallel zur Talachse verlaufende Felsrippen. Diese Zone ist äusserst blockreich, und vereinzelt haben sich dort Lärchen angesiedelt. Ausgeprägte Wälle sind vom Rhonegletscher erst wieder am Rande des kleinen Plateaus von Untersaas gebildet worden. Die beim letzten Hochstand um 1856 letztmals überschüttete mächtige und scharfgratige Ufermoräne setzt am Fuss des landschaftlich dominierenden Felskopfes zwischen Obersaas und Untersaas an und zieht etwa 350 Meter Richtung Süden. Im oberen Teil lehnt sich dieser 1856er Wall an einen etwa gleich hohen, älteren Wallkomplex an, dessen Kamm jedoch früher abfällt und vom 1856er Wall teilweise überschüttet ist. Am Fusse dieser beiden Ufermoränen grenzen drei weitere, bedeutend niedrigere Wälle das Vorfeld ab. Aufgrund ihrer lückenlosen und dichten Vegetationsdecke, die sich kaum von der anschliessenden Hangvegetation unterscheidet, kommt ihnen ein bedeutend höheres Alter zu. Der äusserste, etwas abgeflachte Wall liegt einem kleinen Felsbuckel auf, und seine Längsachse ist etwas mehr gegen Westen gerichtet; er zeugt von einem ehemals breiteren Rhonegletscher. Mit grosser Wahrscheinlichkeit korrespondiert dieser Wall mit den äussersten Eisrandlagen bei Gletsch. In den Vertiefungen zwischen den beschriebenen Wällen haben sich grössere Felsblöcke angesammelt, die eine Grabung leider verunmöglichten.

An der Talflanke unterhalb des Belvédère sind die Spuren mindestens dreier Hochstände erhalten geblieben ( s. Karte 3 S. 169 ): Den innersten, deutlich ausgeprägten und streckenweise grobblockigen Wall lagerte der Rhonegletscher während des letzten Hochstandes im 19. Jahrhundert ab. Auf einer Fotografie in MERCANTON ( 1916: Fig. 5 ) aus dem Jahre 1874 ist dieser Ufermoränenwall noch formfrisch und vegetationslos.

Unmittelbar daneben verläuft parallel ein zweiter, etwas geringmächtigerer und älterer Wall, der ebenfalls neuzeitlichen Datums ist ( 17./18. Jahrhundert, s.S.231 ). Beide Wälle sind teilweise von dichtem, schwer zu durchdringendem Erlengestrüpp eingenommen, das sich gegen den Gletschboden hin über weite Teile der Talflanke ausgebreitet hat.

Etwa an der gleichen Stelle, in den Felsen unterhalb des Belvédère, wo die beiden erwähnten neuzeitlichen Wälle ansetzen, nimmt auch eine dritte, ältere Ufermoräne ihren Anfang. Dieser mit alpinem Rasen dicht bewachsene Wall ist streckenweise etwas verwaschen und mit Schuttablagerungen hinterfüllt. Er endet auf einem Felskopf am Ausgang des Muttbachtales ( nahe Punkt 1979 m ), wo die ursprüngliche Wallform besonders gut erhalten geblieben ist. Gegen den Muttbach hin vergrössert sich der Höhenunterschied zwischen den beiden inneren, neuzeitlichen Ablagerungen und diesem äussersten Wall zusehends und beträgt schliesslich etwa 80 Meter.

An der linken, den Gletschboden gegen Südosten abschliessenden Talflanke ist die Übersicht durch den kompakten Erlenbestand erschwert. Streckenweise sind einzelne Wallformen festzustellen, bedeutende Teile sind allerdings - besonders im hinteren Talbereich - abgerutscht oder, was die vorderen Regionen des Vorfeldes betrifft, durch den Bau des Bahntrassees und der Furkastrasse in Mitleidenschaft gezogen worden. Am Hangfuss bei Gletsch sind mehrere kleinere, dicht aneinander gescharte niedrigere Wälle vorhanden, die mit den eingangs erwähnten Endmoränensy-stemen korreliert werden können.

12. Grabungen im Vorfeld Die Geschichte des Rhonegletschers kann dank historischem Quellenmaterial bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden, eine mehr oder weniger lückenlose Rekonstruktion gelingt indes erst von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an, und mit Sicherheit lässt sich nur das innerste Endmoränensystem ( G ) zeitlich einordnen: Es wurde im wesentlichen während des letzten Hochstandes um 1856 gebildet.

Einschränkend muss jedoch festgehalten werden, dass der Gletscher damals um die Mitte des letzten Jahrhunderts ältere Wälle überfuhr, die bereits eine Vegetationsdecke aufwiesen und deren nicht erodierte Reste heute unter der 1856er Moräne verborgen liegen ( s. dazu auch S. 212 und RO 62* S.217 ). Vereinzelt treten Wälle, die vor 1856 abgelagert wurden, hervor, was zumindest an einer Stelle nachgewiesen werden kann: Eine kleine Grabung auf einem älteren Wallrelikt, an der ( Kontaktstelle ) zum 1856er Wall, legte einen geringmächtigen Boden frei. Offenbar handelt es sich hier um einen Boden, der vor dem Hochstand von 1856 auf dem älteren Stirnwall entstanden ist ( RO A7, Abb. 17 S.228 ) und der um die Mitte des letzten Jahrhunderts von Wall G überschüttet wurde.

Dieses weitere wichtige Indiz spricht neben den äusserst beweiskräftigen Bildquellen gegen die verbreitete und in der Literatur anzutreffende Annahme, dass der zweitinnerste, dem 1856er Stand vorgelagerte Endmoränenwall F während des Vorstosses um 1818 gebildet wurde. Offensichtlich handelt es sich um den Zeugen eines Hochstandes aus einem früheren Jahrhundert.

Wie erwähnt, hat der Rhonegletscher ausser dem Wallsystem von 1856 noch weitere Hochstandswälle abgelagert, die es zeitlich einzustufen gilt. Wenn die historischen Quellen erschöpft sind, bleibt nichts anderes übrig, als nach datierbarem organischem Material unter den Moränenwällen zu suchen ( fossile Böden und Hölzer ). So wurden denn im Vorfeld des Rhonegletschers verschiedene Wälle angegraben ( Karten 2 u. 3 S. 168 u. 169 ). Die weitere Möglichkeit, Gletschervorstösse auf der Basis fossiler Hölzer zu datieren, wurde ebenfalls in Betracht gezogen, erwähnt doch schon MERCANTON ( 1916: 50 ) bis zu 260jährige Stämme aus dem Gletschboden, die beim Abbau der Endmoränen ( C/D ) links der Rhone zutage gefördert wurden. Wie Mercanton richtig bemerkte, sind diese Bäume vermutlich durch Lawinen in das Vorfeld transportiert und nicht vom Gletscher umgedrückt worden. Auch heute liegen diverse Baumteile ober-

18 Fossiler Boden unter Wall D ( RO A4: 39065yBP ) flächlich auf dem Gletschboden herum, die offenbar von Lawinen an den Talflanken -vorab der rechten - ausgerissen und auf den Talboden getragen wurden. Das heisst jedoch nicht, dass auf dem Gletschboden keine Bäume aufkamen: Heute haben sich im hinteren, östlichen Vorfeldbereich kleinere, lichte Lärchenbestände wieder ausgebreitet. Auch im letzten Jahrhundert sind vereinzelt Lärchen 17 Um 1856 überschütteter Boden unter Wall G ( R0A7 ) von H. Hogard beobachtet und im Bilde festgehalten worden ( vgl. RO 59* S. 214/215 ).

Während eines Vorstosses werden Bäume auf dem Talboden vom Gletscher umgewalzt und einsedimentiert. Es würde einer Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen gleichkommen, hier in der Ebene von Gletsch ohne konkrete Anhaltspunkte nach fossilen Bäumen zu suchen. Zudem wäre man, wie erwähnt, bei einem eventuellen Fund -falls nicht nachweislich in situ - nie sicher, ob tatsächlich der Gletscher den Baum zum Absterben gebracht hat.

Eine Stelle innerhalb des Vorfeldes, wo fossile Baumreste in situ möglicherweise auftreten könnten und leicht zu finden wären, sind die vom Gletscher im letzten Jahrhundert bedeckten Felsrippen zwischen Untersaas und Gletschboden nordöstlich des Saasbaches. Kleinere Lärchen haben dort heute schon wieder Fuss gefasst. Trotz intensiver Suche in den Felsnischen wurden jedoch keinerlei Anzeichen ehemals vom Gletscher überfahrener Bäume gefunden.

Somit konzentrierten sich die 14C-Datierun-gen auf fossile Böden unter Moränenablagerungen. Von solchen ehemaligen, jetzt zugedeckten Oberflächen ist im folgenden die Rede.

12.1. Grabung Kapellenhügel Eine erste Grabung erfolgte an der Aussenseite des Walles, der sich quer an das nordöstliche Ende des markant geformten Kapellenhügels anlehnt ( RO Al, Stand C ). Die nur kurze, aber gut geformte Moräne ist von einem dichten alpinen Rasen überzogen, und die Bodenbildung ist im Vergleich zu den jüngeren Stirnmoränen recht fortgeschritten.

Schon in etwa 80 cm Tiefe wurde der anstehende Fels des Kapellenhügels erreicht. Im aufgegrabenen Profil kamen an der Basis zwei deutlich voneinander getrennte Bodenhorizonte zum Vorschein, die waagrecht in den Wall hineinziehen. Der unterste Boden liegt teilweise getrennt vom Fels auf einer nur geringmächtigen Sandlage und sticht durch seine schwarzbraune Farbe hervor. Zwischen diesem unteren und dem zweiten, oberen Boden schiebt sich kein Moränenmaterial, sondern nur eine dünne, feinsandige Zwischenlage ( 5-8 cm ) ein. Der hellere obere Boden ist von einzelnen kleineren Holzkohlefragmenten durchsetzt; auf dieser jüngeren Bodenbildung hat der Rhonegletscher den im Innern aus gerundeten Felsblöcken zusammengesetzten Wall abgesetzt.

Von beiden Bodenhorizonten sind Proben entnommen worden, auch die Holzkohlestück-chen wurden herausgelesen. Eine 14C-Analyse ergab folgende Alter84:

Unterer Boden: Organische Restsubstanz: 235575yBP(UZ-831 ) 227580yBP(UZ-948)* Huminsäure: 170070yBP(UZ-832 ) 183580yBP(UZ-949Nachdatierung ) Oberer Boden: Organische Restsubstanz: zuwenig Material Huminsäure: 80075yBP(UZ-947 ) Holzkohle: 69590yBP(UZ-2262, AMS-Datierung, ETHZ ) Die 14C-Alter des unteren Bodens belegen eine mehrhundertjährige Phase - mindestens den Zeitraum zwischen 2355 yBP bis 1700 yBP umfassend -, in der sich an der Grabungsstelle ein Boden entwickeln konnte. Während dieses Zeitraumes erreichte der Rhonegletscher den Kapellenhügel jedenfalls nie. Frühe-stens um 1700 yBP, wahrscheinlich aber etwas später, stiess der Eisstrom kräftig vor und beendete die Bodenbildung, indem er sich bis auf den Kapellenhügel hinauf, über die Grabungsstelle hinweg, ausdehnte. Die Endlage der Gletscherstirn ist nicht genau bestimmbar. Für eine Zuordnung bestehender Endmoränen zu diesem frühen Gletscherstand kommen nur die äussersten beiden Wallreste A und B in Frage. Nicht auszuschliessen ist, dass damals abgelagerte Wälle während eines nachfolgenden Hochstandes abgetragen oder überschüttet wurden ( eventuell beim Vorstoss um 1260 yBP, s. unten ).

Dieser römerzeitliche Vorstoss des Rhonegletschers um oder kurz nach 1700 yBP ( 3./4. Jahrhundert ) fällt in eine Kaltphase, die zuerst pollenanalytisch und später auch gletschergeschichtlich nachgewiesen worden ist.85 Der Rhonegletscher begann sich demnach etwa zur gleichen Zeit wie der Grosse Aletschgletscher auszudehnen ( s. S. 161 ).

BO 80 E. Edwards, 1865: die im Vergleich zu 1856 beachtlich zurückgeschmolzene Eiszunge; gut sicht- Nun zum oberen Boden, der für die Datierung des Walles entscheidend ist. Altersmässig hebt sich dieser deutlich vom unteren Boden ab. Leider war in der entnommenen Probenmenge nicht genügend organische Restsubstanz vorhanden, und somit ist die Bodenbildungsdauer nicht abschätzbar. Die 14C-Alter bar der damals neu entstandene hell herausleuchtende vegetationslose Wall der Huminsäure und der Holzkohle widersprechen sich nicht; massgebend für die Alters-einstufung hingegen ist das Holzkohledatum: Der Wall kann nicht älter sein als die von ihm überdeckte Holzkohle, das heisst nicht älter als rund 700 Jahre, und der Zeitpunkt für den entsprechenden Hochstand ist somit nicht früher als um 700 yBP anzusetzen. Die immer- hin einigen Spielraum offenlassende Aussage ( jünger als 700 yBP> ist darin begründet, dass letztlich der Nachweis nicht erbracht werden kann, dass das Holzkohlealter mit dem Über-schüttungszeitpunkt identisch ist. Die Holzkohle kann unter Umständen längere Zeit auf dem Boden gelegen haben. Um es aber gleich vorwegzunehmen: Der Hochstand erfolgte noch im Spätmittelalter; eine weitere Grabung hat in der Altersfrage nämlich weitergeholfen.

12.2. Grabung Augstenweid Der kleine, wulstartige Wallrest des äussersten Standes bei der Augstenweid ( nahe Punkt 1979 m ) am Ausgang des Muttbachtales wurde ebenfalls angegraben ( RO A2 ). Auch dieser künstliche Aufschluss brachte einen fossilen Boden an den Tag, der entsprechend der Fallirne des Hanges geneigt unter dem Wall durchzieht. Eine 14C-Analyse des Boden-materials ergab folgende Alter: Organische Restsubstanz: 67065yBP(UZ-829 ) Huminsäure: 66580yBP(UZ-830 ) Die Bodenentwicklung erstreckte sich wohl kaum über längere Zeit und dürfte spätestens um 600 yBP abgeschlossen gewesen sein. Der Gletschervorstoss mit anschliessendem Hochstand ereignete sich infolgedessen im 14. Jahrhundert, im ausklingenden Spätmittelalter also. Es ist wohl naheliegend, diesen Stand bei der Augstenweid mit dem Wall auf dem Kapellenhügel zu korrelieren, da sowohl ausdehnungs- wie auch altersmässig ein Zusammenhang besteht. Das Alter der Holzkohle ( 69590 yBP ) weicht vom 14C-Alter des Bodens bei der Augstenweid nicht ab und liegt somit nahe am Uberschüttungszeitpunkt.

Wie schon darauf hingewiesen wurde, muss neben der 1856er Ufermoräne an der Augstenweid auch der zweitäusserste Wall neuzeitlichen Alters sein; die Ablagerung kann nämlich erst nach dem Spätmittelalter erfolgt sein.

Vermutlich ist der er Wall von MERCANTON ( 1916, Plan 3 ) eher als Endlage des Rhonegletschers im 14. Jahrhundert zu deuten, doch lässt sich dies leider nicht mehr nachprüfen. Jedenfalls ist die Meinung von KlNZL(1932: 341 ), der Wall auf dem Kapellenhügel gehöre zeitlich in das 17. Jahrhundert, zu revidieren.

Der Rhonegletscher bot offensichtlich im 14. Jahrhundert noch ein eindrücklicheres Bild als während des letzten Hochstandes Mitte des 19. Jahrhunderts: Am Ausgang des Muttbachtales war die Eisoberfläche gegenüber derjenigen von 1856 um etwa 80 Meter angehoben, und der Gletscher stirnte rund 270 Meter weiter vorne.

Der Nachweis dieses spätmittelalterlichen Hochstandes ist gletschergeschichtlich bedeutungsvoll, denn ein solcher konnte erst an wenigen Gletschern belegt werden.86 12.3. Grabung an der Erosionskante ( ek ) Zwischen dem römerzeitlichen und dem spätmittelalterlichen Hochstand um/nach 1700 yBP bzw. um 600 yBP schob sich der Rhonegletscher mindestens einmal noch bis auf den Kapellenhügel hinauf vor. Im Frühmittelalter, um 1260 yBP ( 7. Jahrhundert ), deckte er dabei ein zwischen Felsriegel und rechtem Talhang entstandenes Moor zu und akkumulierte flächen haft Moränen- und Bachschutt. Im südwestlichen Teil der so entstandenen Schüt-tungsfläche entsprang noch im letzten Jahrhundert die Thermalquelle von Gletsch. Etwa in der Mitte dieser Ebene befindet sich Wall B, der vom Schutt umschlossen und von dem nur der Kamm sichtbar ist. Auf der Schüttungsflä-che wurde dann der spätmittelalterliche Wall ( Stand C ) abgelagert.

Im Laufe der Zeit hat ein Seitenast der Rhone im nordöstlichen Teil der Schuttfläche abtragend gewirkt und einen langgestreckten Aufschluss geschaffen. Die dadurch entstandene kleine Geländestufe mit der Erosionskante ( ek ) ist ungefähr einen Meter hoch. Eine Grabung an dieser natürlich entstandenen Profilwand brachte in einer Tiefe von etwas mehr als einem Meter die obersten Zentimeter des erwähnten überdeckten Moores zutage RO120 F. Vallotton, 1892: Rhonegletscher ( RO A3 ). Das torfige Material weist ein Alter von 126065yBP ( UZ-813 ) auf, womit der Überschüttungszeitpunkt datiert ist und gleichzeitig auch ein weiterer Hochstand des Rhonegletschers.

Die zeitliche Zuordnung von Wall B gestaltet sich schwierig und kann nicht eindeutig vorgenommen werden. Fest steht nur, dass er auf keinen Fall jünger ist als 1260 yBP, denn die Schüttungsfläche, die den Wall umgibt, wurde während des Vorstosses von 1260 yBP gebildet. Möglich ist, dass Wall B ansatzweise schon während des römerzeitlichen Hochstandes im 3./4. Jahrhundert aufgeschüttet und um 1260 yBP vom Gletscher wieder erreicht und erhöht wurde. Falls Wall B hingegen ausschliesslich die Endlage des Gletschers um 1260 yBP markiert, muss der römerzeitliche Wall entweder um 1260 yBP überfahren oder zugedeckt worden sein, oder er ist identisch mit Wall A.

Im weiteren wird vermutet, dass der Rhonegletscher um 1260 yBP an der Grabungsstelle auf dem Kapellenhügel ( RO A1 ) Ablagerungen des römerzeitlichen Hochstandes grösstenteils erodierte, aber auch den Boden abtrug, der sich nach diesem Hochstand eventuell bilden konnte. Dies würde erklären, weshalb im Profil Kapellenhügel zwischen unterem und oberem Boden weder Moränenschutt noch ein weiterer Bodenhorizont liegt, und dass die trennende Sandschicht auffallend geringmächtig ist.

Im Aufschluss an der Erosionskante ( RO A3 ) sind über dem Torf vereinzelte Schmitzen mit Bodenmaterial vorhanden. Offenbar muss es sich um eingeschwemmtes organisches Mate- rial handeln, denn es ist mit rund 3800 yBP wesentlich älter als der darunterliegende Torf.87 Gletschergeschichtlich ist dieses Bodenalter nicht sehr aussagekräftig; es besagt höchstens, dass der Rhonegletscher während eines Vorstosses unbekannten Ausmasses um 3800 yBP vorrückte und einen Boden überschüttete. Während des Vorstosses um 1260 yBP erodierte der Gletscher das fossilisierte Bodenmaterial aus dem Schutt heraus und lagerte es mit dem mitgeführten Schutt weiter talauswärts, über dem zugedeckten Moor, ab.

12.4. Grabung an Wall D Nach dem letzten Hochstand im Spätmittelalter ( 14. Jahrhundert ) baute sich die Zunge des Rhonegletschers allmählich wieder ab. Wie weit hinter die Hochstandslagen der Eisstrom zurückschmolz, bleibt indessen ungewiss. Fest steht nur: Der Rhonegletscher lag laut der Aufzeichnung von S. Münster im Jahre 1546 auf dem Talboden und wies bereits die charakteristische fladenförmige Eiskalotte auf ( s.S. 169 ).

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts, zu Beginn der Kleinen Eiszeit, stiess alsdann der Rhonegletscher wieder vor. Die Eisfront näherte sich einmal mehr dem Kapellenhügel, ohne diesen allerdings zu erreichen. Der inzwischen wieder weit ausgedehnte Eisstrom lagerte wenige Meter vor der Erosionskante ( EK ) den geringmächtigen Wall D ab. Dieser wurde an der Aussenseite angegraben ( RO A4 ) 19 Das heutige Zungenende des Rhonegletschers oberhalb der Steilstufe ( 30. Oktober 1985 ) und ein weiterer fossiler Boden kam zum Vorschein ( Abb. 18 S.228 ). Wie der obere Boden auf dem Kapellenhügel ( 600 yBP ), so enthielt auch dieser Boden wenig organische Restsubstanz. Nur die Huminsäure konnte deshalb 14C-datiert werden; sie weist ein Alter von 39065yBP(UZ-828 ) auf. Auch hier ist der Zeitraum der Bodenbildung nicht abschätzbar, doch dürfte diese nicht von allzulanger Dauer gewesen sein. Der Boden hatte sich nämlich erst nach dem Hochstand im 14. Jahrhundert entwickeln können, und offenbar wurde er laut 14C-Datum bereits während des ersten neuzeitlichen Hochstandes an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert überschüttet, als der Rhonegletscher Wall D ablagerte. Mit dieser Endmoräne, die rund 240 Meter vom Hochstandswall von 1856 ( G ) entfernt ist, haben wir die maximale Ausdehnung des Rhonegletschers während der Kleinen Eiszeit umrissen und gleichsam den räumlichen und zeitlichen Spielraum für die späteren Hochstände innerhalb der Kleinen Eiszeit abgegrenzt.

Wie Karte 2 S. 168 zeigt, verbleiben bis zum Stand von 1856 zwei weitere Wälle, die mit historischen Methoden nicht datiert werden können ( E und F ). Den bisherigen Ausführungen zufolge muss ihre Ablagerung nach dem ersten Hochstand im 17. Jahrhundert ( Wall D, um 1600 ), aber vor den Hochständen im 19. Jahrhundert erfolgt sein ( s. S. 203 ). Als eher unwahrscheinlich erwiesen hat sich aufgrund von Bildquellen, dass Wall F während der kräftigen Vorstossphase zwischen 1770 und 1781 gebildet wurde ( s. S. 189 ). Im Vergleich zu den anderen Alpengletschern ( insbesondere zum gut untersuchten Grindelwaldgletscher, ZUMBÜHL 1980 ) kämen deshalb für die Aufschüttung von Wall E und Wall F nurmehr die ungefähren Zeitmarken 1640, 1670, 1720 und 1740 in Frage.88

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