Einige Worte zur Geologie des Clubgebietes

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Einige Worte zur Geologie des Clubgebietes Von Prof. Albert Heim in Zürich.

„ Silber und Gold sucht Ihr da wohl vergeblich, es hat nur Katzengold ", sagte der eine von zwei Hirten im Kalfeuserthal zum Geologen, nachdem er zugesehen hatte, wie genau der Letztere ein losge-schlagenes Gesteinsstück mit dem Vergrößerungsglase betrachtete. „ Es hat da doch gewiß noch viel Steine, mit denen man viel Geld verdienen könnte, wenn man das kennen würde, aber unsereiner kennt ja davon nichts ", meinte der andere. Gewiß suchte ich Gold, aber nicht das Metall Gold, sondern das Gold der Erkenntniß, und für die Steine, die ich mitnahm, hätte mir Niemand einen Heller geboten, so werthvoll sie mir schienen. Die beiden Hirten zeigten aber nicht nur Neugierde, sondern Interesse, wie sollte ich ihnen eine Vorstellung geben von meinen Ab-, sichten: Ich suche keine Schätze von Geldeswerth, ich suche keine besonderen seltenen Steine, sondern ich möchte wissen, wie und aus was für Steinarten diese Berge gewachsen und aufgebaut sind. „ Glaubt ihr, ihr könnet dem Herrgott in die Werkstatt sehen ?" Ja, das möchte ich eben! Ich wi ll wissen, wie diese Berge und Thäler entstanden sind. Seht da, dieser Stein hier unten, gleich hinter Vättis, ist ganz der gleiche, wie zu oberst auf dem Ringelspitz oder auf dem Piz Sol, aber dazwischen sind wieder ganz, andere. Diese Felsschichten hier lagen ursprünglich ganz flach, jetzt stehen sie steil auf und sind verbogen. „ Unterhalb Spina hat 's auch solche Wirbel im Stein. " Der Herrgott hat hier die Schichten der Erde zusammengeschoben und ganz zerknittert und auf die Gipfel wieder das Gleiche hinaufgeschoben, das sonst zu unterst liegt, dadurch sind die Berge entstanden I Unser Clubgebiet gehört zu den allerzerknittertsteu Stücken der Erdrinde, die man kennt. Kein Finsteraarhorn, kein Mont-Blanc kommt ihm hierin gleich. Arnold Escher von der Linth, der größte Beobachter in den Alpen, hat es zuerst erkannt; Theobald hat fortgefahren und wir haben die Verwicklungen noch näher verfolgt, die Geologen aller Länder sprechen von diesem Gebiete, sie kommen her als Ungläubige und sie überzeugen sich an den Grauen Hörnern, am Ringelspitz oder auch am Vorab am Kärpfstock staunend von der „ umgekehrten Welt "!

Wir steigen auf den Calanda und schauen in die grausige Tiefe des Taminathales hinab und an die Grauen Hörner und den Ringelberg hinüber. Südlich sehen wir aus dem Rheine die Felsschichten schief emporsteigen, gleichzeitig werden sie stets dünner, auf dem Ringelspitz und dem Piz da Sterls tragen sie, über einer messerscharfen, ebenen Fuge aufgesetzt, ein dem übrigen Bergstock fremdartiges Gestein als Kappe. Der Steilabhang vom Ringelspitz gegen das Kalfeuserthal wird durchweg von den Querab-brüchen der Schichten, den „ Schichtenköpfen ", gebildet.

Ein symmetrisches Bild wiederholt sich auf der'nördlichen Seite.Vom Thalboden des Sarganserlandes steigen die Schichten schief südlich in die Höhe bis in die Grauen Hörner, und brechen südlich gegen das Kalfeuserthal ab.

So stehen Ringelspitz und Graue Hörner gegeneinander gerichtet. Sie weisen sich das steile Gesicht. Die Gesteinskappe, die beide tragen, besteht aus quarzigen, grünen und rothen Conglomeraten und Schiefern, die südlich sich am Rheine von Trons über Ilanz bis Tamins und Felsberg, nördlich dem Walensee entlang bis über Mels hinziehen. Es ist das jene Bildung, welche man als « Verrucano » oder, nach dem Vorkommen im Sernftgebiet, als *Sernifit » ( Heer ) bezeichnet, und welche ein leider taubes Aequivalent des alten echten Steinkohlengebirges darstellt. Sie ist zugleich das älteste tiefste Gesteinsglied der Erdrinde, das in unserem Clubgebiete überhaupt entblößt ist.

Das Tiefste als Kappe des höchsten Gipfels, als Deckmantel der Grauen Hörner! Von Ferne wie ein Band am unteren Rand der Kappe, zieht sich eine helle, hie und da dolomitische Kalkbank überall durch. Sie liegt in den hohen Theilen flach wie die Verru-canokappe und gehört zu derselben. Am Ringelspitz ist die Kalkbank in durchscheinenden hellgrauen bis weißen Marmor umgewandelt. Da aber können wir Bie südlich absteigend verfolgen. Sie wird stärker und mächtiger. Die marmorische, sehnige wie ge-knetete Structur verliert sich allmälig, und aus unserer marmorischen Kalkbank entwickelt sich allmälig ein gewaltiger, wohl über 400 m mächtiger Schichten-coinplex von blaugrauem Kalkstein. Das ist der *Hoch-gebirgskalk », der oberen Jurabildung angehörend, der hier den südlichen Rücken des Ringelspitzes, die Wände des Flimsersteines, die Hauptmasse des Calanda bildet. Er ist schon hier bald eng gefältelt, bald ausgezogen und linear gestreckt. Seine Versteinerungen sind auseinander gezogen, oft zerrissen. Durch Ausquetschen und Ausziehen aus dieser Kalkmasse ist die dünne Kalkbank der Kappen von Ringelkopf und grauen Hörnern hervorgegangen. Arnold Escher von der Linth hat die ganz entsprechende Kalkbank nach der Localität „ Lochseite " bei Schwanden * Lochseitenkalk » genannt, und diese Bezeichnung ist denn auch allgemein für die durch Auswalzen und Auskneten reducirten, aus Hochgebirgskalk entstandenen Schichten dieser Gebiete in Gebrauch gekommen. Was am Ringelspitz und den Grauen Hörner unter dem Lochseitenkalke folgt und die Gehänge bis hinab nach St. Martin im Kalfeuserthal oder in die Taminaschlucht bildet, sind junge Kalksteine und Thonschiefer der Tertiärbildungen, die nun oft ganz anders gestellt sind, als die Gebirgskappen. Im Allgemeinen fallen ihre Schichten südlich ein, während an den Grauen Hörnern die Kappe nördlich abfallend die Tertiärgesteine bedeckt. Hie und da findet man in den Kalkbänken dieser Bildung Meeresthierreste, wie Kamm-Muscheln, Nummuliten, Austern, Fische oder auch Meeresalgen.

Die verkehrte Lagerung erstreckt sich hier durch eine Fläche von etwa 1000 km 2. In der Mittellinie, welche von der Tödigruppe nach dem Kalfeuserthale sich zieht, hat eine complicirte Einsenkung stattgefunden, während von Norden und von Süden die älteren Gesteine in überliegenden Falten auf die jüngeren hinaufgeschoben worden sind und jetzt die Gipfel der Berge bilden. Diese doppelte Faltung, einerseits von Norden südlich hinauf, andererseits von Süden nördlich hinauf, welche den Gebirgsbau des größten Theiles vom Kanton Glarus und des St. Galler Oberlandes beherrscht, nennt man: die « Glarner-Doppelfalte*. Zwischen den Ueberfaltungen durch die älteren Gesteine sind die jüngeren ( tertiären ) völlig eingeschlossen und dicht zusammengefältelt worden. Bei Vättis unten hat die Tamina nicht nur die Tertiärbildungen ganz durchschnitten, sie hat sich eingesägt in die darunter folgende mächtige, normal gelagerte Schichtenreihe, sie hat da in gewaltigen graublauen Wänden den oberen Jurakalk, darunter den eisenhaltigen braunen Jura, dann die gelblichweißen Wände des Röthidolomites und endlich den Verrucano entblößt.

Wir übersehen die ganze Schichtreihe an den Gehängen vom Ringelspitz oder den Grauen Hörnern bis in die Tiefe von Vättis hinab in doppelter Lagerung: unten normal, oben, freilich durch Auswalzen oder Ausziehen in ihrer Stärke wesentlich reducirt, in verkehrter Reihenfolge. Dereinst aber muß nach einer Rückbiegung hoch über dem Kalfeuserthale die ganze Schichtfolge nochmals normal über der Ringelspitze und über den Grauen Hörnern vorhanden gewesen sein, einerseits südlich abfallend in 's alte Rheinthal, andererseits nördlich den Rücken der Grauen Hörner bedeckend, bis zum Anschluß an die Alvier-Churfirsten-Kette. Diese obere normale Schichtfolge ist heute durch Verwitterung zurückgetrieben bis an den Rheingrund, und bis an den steilen Bergrand, der durch Gonzen, Kammegg-Al vier-Sichelkamm-Chur-firsten-Kette und die Ruine des Mürtschenstockes gebildet wird. Da ist jetzt der Rand des normalen oberen Schenkels der nördlichen liegenden Falte.

Was noch vorhanden ist, ist eine Ruine. Ein Gebirge von über 2000 m ist schon abgetragen worden. Die Kappen auf unsern Gipfeln sind die letzten Reste des Gebirges, das auf dem Gebirge dereinst gestanden hat, und die jetzige Gestaltung der Oberfläche ist ein Resultat der Abwitterung und Ausspülung, die von den gewaltigen Schichtencomplexen nur noch Fetzen, von den Falten nur noch die tieferen Theile, die Widerlager und einzelne Stücke bis heute belassen hat.

An Stelle einer eingehenden Beschreibung dieses merkwürdigen Gebirgsbaues in Worten trete die viel verständlichere Beschreibung im Bilde. Unsere Tafel ( s. Beilagen ) führt uns in Profilen, d.h. vertical gedachten Durchschnitten, den Schichtenbau unseres Clnbgebietes vor. Außerdem habe ich noch für Diejenigen, welche sich eingehender um diese Verhältnisse interessiren, hinzuweisen auf folgende Publicationen:

Heim, Mechanismus der Gebirgsbildung, 2 Bände und ein Atlas, Basel, bei Benno Schwabe.

Blatt XIV der Dufourkarte, geologisch bearbeitet 1871-1883, von Albert Heim.

Text und Profile zu diesem Kartenblatt werden im Laufe dieses Jahres erscheinen.

Aber nicht nur der innere Bau, auch die äußere Gestalt unseres Clubgebietes weist sehr bemerkenswerthe Erscheinungen auf. Wer hinaufwandert durch das Taminathal über Vättis gegen den Kunkelspaß, der würde, wenn er es nicht aus den Karten anders erkannt hätte, südlich des Kunkels keinen Absturz erwarten, sondern eine allmälig südlich ansteigende Fortsetzung des Thalbodens von Vättis und Kunkels. Indessen wird ihm auffallen, daß beim Dorfe Kunkels, wo wir uns in einem gewaltigen Hauptquerthal der Alpen zu befinden denken, kein entsprechender Fluß, nur ein schwacher Bach vorhanden ist. In der That bildet der Thalboden vom Kunkelspaß bis Vättis, zusammen mit den Terrassen von Valens und Dorf Pfävers ursprünglich die Fortsetzung des Thalbodens von Schams. Ein alter westlicher Stammrhein ergoß sich aus Schams, und nachdem er etwa 700 m hoch über dem jetzigen Reichenau den Vorderrhein aufgenommen hatte, über den Kunkelspaß nach dem Walenseethal durch den Greifensee und das Glattthal hinab in den untern Rheinlauf. Hier, wie so oft, sind die alten Thalläufe vielfach zerstückelt worden. Der Ostrhein schnitt über Reichenau dem Westrhein in die Seite, lenkte ihn ab, und es folgte die Vertiefung vom Niveau des Kunkelspasses nach Reichenau hinab.

Durch diesen Entzug an ausspülendem Wasser wurde das alte Westrheinthal im Gebiete von Knnkels bis Pfävers in der Ausspülung todt gelegt. Weiter unten schnitten die alte Zürichseesihl und die Linth wieder ein Stück aus dem alten Westrhein hinaus und rissen dasselbe an sich, während das Glattthal als der letzte, ebenfalls in der Vertiefung absterbende Rest, den Fuß des alten Westrheinthaies darstellend, zurückblieb. Das gewaltige Thalstück Kunkelspaß-Pfävers ist also ein außer Betrieb gesetztes Stück eines alten Hauptflußlaufes des Westrheines, es ist ein Thaltorso, denn Kopf und Beine sind ihm jetzt durch andere Flußläufe abgeschnitten, nur ein Arm, die Tamina, ist noch am Torso geblieben.

Die Art und Weise, wie unser Thalstück Kunkels-Pfävers aus dem alten Westrheine ausgeschaltet worden ist, findet ein auffallend ähnliches Gegenstück in dem aus dem alten Ostrheine ausgeschalteten und dadurch ebenfalls in der Austiefung zurückgebliebenen Thalstück Lenz-Lenzerheide-Parpan-Churwalden-Malix.

Unserem Thalstummel blieb einzig noch ein kräftiger westlicher Seitenfluß treu. Das ist das Kalfeuserthal mit der Tamina. Freilich kann auch sie sich nicht mehr in den alten Stammvater Westrhein ergießen. Derselbe besteht als solcher gar nicht mehr. Sie ergießt sich in den Sieger im Wettkampfe der Thalbildung, den Ostrhein, und trifft hier wieder zusammen mit ihren Schwestern, den Wassern aus Rheinwald, Avers und Schams, die schon vorher auch dem Adoptiv-vater Westrhein zugewendet worden waren. Die Tamina leistet, was sie kann, um den von ihr durch- .'strömten Theil hinabzuvertiefen auf die neuere Aus-spülungsbasis, welche ihr durch ihre jetzige Mündungsstelle gegeben ist. So hat sie die Taminaschlucht beim Bade Pfävers eingeschnitten, und die Verwitterung arbeitet an der Abschrägung der Wände und der Erweiterung des Einschnittes. Die für Ausspülungen im Felsen durch einen geschiebeführenden Fluß so bezeichnenden glatten concaven Erosionskessel sind bis hoch oben an den Schluchtwänden stellenweise noch zu erkennen. Im Vereine mit den alten Kies-lagern, die bis auf den alten Thalboden hinauf sich finden lassen, beweisen sie das allmälige Einsägen durch den Fluß.

Im Kunkels- und Taminathal in seiner jetzigen Gestalt liegt uns somit ein merkwürdiges Stück Thalgeschichte vor, dessen einzelne Abschnitte durch genaues Verfolgen der Terrassen und Thalstnfen-systeme ermöglicht war. Wir konnten hier nur das Resultat in kurzen Zügen aufführen.

Auch an merkwürdigen Einzelheiten ist unser Gebiet so reich, wie selten ein anderes. Vielleicht wird sich uns ein ander Mal Gelegenheit bieten, auf Eines oder das Andere einzutreten. Wir erinnern nur an die Schlucht der Tamina, an die Thermen von Pfävers, die merkwürdigen Seebildungen auf den Grauen Hörnern, den Felssturz von Felsberg, das Goldbergwerk zur „ goldenen Sonne " am Calanda, an den wundervollen Quellenkessel von Gürsch ob Tamins, und an die schönen Moränen z.B. bei Vättis.

Unser Clubgebiet ist in seinen großen Zügen, und auf diese allein sollte hier aufmerksam gemacht 266Albert Heim.

werden, gekennzeichnet durch eine außerordentlich gewaltige Faltung der Erdrinde und durch die merk-würdigen Schicksale seiner Thalwege. Diese beiden Erscheinungsgruppen, zusammen arbeitend seit undenklichen Zeiten, erzeugten das überraschende Bild und werden fort und fort demselben neue tiefe Züge eingraben, aber auch alt herausmodellirte Schärfen allmälig zum Sturze bringen. Den Faltungsproceß fühlen wir hie und da im Zucken eines Erdbebens, die ausspülenden Wasser brausen Tag und Nacht. Gestalten entstehen und Gestalten vergehen!

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