Einiges über Panoramen

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Von Albert Heim.

Denken Sie sich, wir wandern zusammen in 's Gebirge. Wir sehen vor uns ein erhebendes Bild. Ueberall, wo in der Welt etwas uns entgegentritt, das unsere Seele erhebtsei es Gedanke oder Schönheit die durch die Sinnesorgane zu uns spricht — haben wir das natürliche Bedürfniss, den erhebenden Eindruck festzuhalten, und oft wirft das Bewusstsein, dass keine Erinnerung in ihrer ganzen Vollheit durch die Zeit unabschwäch-baf ist, einen Zug der Wehmuth in die edle Freude. Wir möchten die Eindrücke fixiren, so dass jeden Augenblick wir sie wieder voll wachrufen können, und diesem Bedürfniss entspringt in unserem Fall zunächst das Zeichnen oder Malen von Gebirgsansichten.

Wandern wir zusammen weiter und sammeln unsere Erfahrungen.

Die kleinen Kinder, bevor sie durch eigenes Herum-trippeln die Vorstellung von der Tiefe des Raumes erlernt haben, greifen nach den ferne wie nach den nahe liegenden Gegenständen. « Sie greifen nach dem 362Heim.

Mond. » Gerade so geht es aber auch den alten Kindern des Flach- oder Hügellandes, wenn sie zuerst ins Hochgebirge kommen. Sie haben kein Mass für die Entfernungen und Grössenverhältnisse; sie täuschen sich immer, sie sind ungeheuer erstaunt darüber, dass oft ein Berg von einer andern Seite eine ganz andere Form hat, darüber, dass die Reihenfolge, in der die Berge von verschiedenen Standpunkten gesehen, ihre Köpfe nebeneinander hervordrängen, sich ändert; sie wären keinen Pfad in ganz fremder Gegend ohne Führer zu finden im Stande; sie verirren sich, sie halten die Felswand, an die sie steil hinaufsehen müssen, weil sie nahe an derselben stehen, für die halbe Höhe des Berges, wenn sie nur eine der Beachtung kaum werthe kleine Einzelstufe des ganzen Gehänges ist, sie glauben einen senkrechten Abgrund vor sich zu sehen, wenn ein Abhang von 50 ° vor ihnen liegt. Nur allein Erfahrung kann von diesen Täuschungen befreien, nur vieles Herumsteigen im Gebirge; freilich nicht, wie es geschieht, immer in den Fusstritten eines vorangehenden Führers: man muss selbstständig wandern!

- Für den Neuling im Gebirge oder für den, der nicht selbst sich erster Führer ist, wäre es wohl unmöglich, sich je in seinen Gedanken ein lückenloses, klares Bild von einer beliebigen kleinen Gebirgsgruppe durch eigenes Herumsteigen verschaffen zu können. Die Gabe der Orientirung ist zum Theil vielleicht angeboren, aber wohl zum grössereu Theil Uebung. Was ein Mensch durch spezielle Arbeit errungen hat, das soll nicht von jed«m neu errungen werden müssen, sondern das soll für die ganze Menschheit errungen sein; darauf ja gründet sich aller Fortschritt, den Theilung der Arbeit hervorgebracht hat.

Wenn einer nun durch vieles Herumreisen endlich dazu gekommen ist, im Geiste sich hoch in die Luft zu erheben, und das ganze Labyrinth der Thäler und Berge klar mit einem Blick zu überschauen, und er bringt zu Händen Anderer dieses Bild auf Papier — so ist eine Karte entstanden. Die Landkarte entspringt also zunächst dem Bedürfniss nach Orientation. Die Orientation wurde immer detaillirter und zugleich übersichtlich gefordert, und so während die ersten Karten nur sagten: « Da und da sind Berge, » zeichnen die neuen vervollkommneten Karten zugleich deren genaue Form.

Betrachten wir das Gebirge z.B. vom Thal aus und stellendes so dar, so entsteht ein Landschaftsbild.

Steigen wir höher, um mehr beherrschen zu können, so entsteht als erstes Produkt des Wunsches nach Orientirung die P a n o r a m a z e i c h n u n g. Aber dieses Hülfsmittel der Orientation bezieht sich nur auf. ein en Standpunkt.

Wir verlangen nach einem allgemeinern Bild, wir erheben uns im Geiste in die Lüfte, und so können wir schief auf die Landschaft herunterblickend in mehr als ein Thal, in ein System von parallelen Thälern herunter schau en. Das Bild entsteht durch Zusammenstellung vieler panoramatischer Ansichten, wir erhalten die « V o g e 1 p e r s p e k t i v b i 1 d e r ». ( Besonders nennenswertli sind die Arbeiten der Art von Delkeskamp. )

Allein in den Vogelperspektivbildern tritt uns nur die eine Seite der Gebirgskämme in die Augen, wir heben uns also in Gedanken immer höher und blicken senkrecht auf die Landschaft hinunter — und dieser Blick liefert als Bild die Karte.

Eine Darstellungsart gibt es, die Karte, Vogelperspektive, Panorama und Ansicht zugleich verbindet, die Aufriss und Grundriss in einem ist, es ist dies die plastische Darstellung, das Relief.

Nur das Landschaftsbild kann Kunstwerk im engeren Sinn sein wollen; alle anderen Darstellungen dienen der Wissenschaft. Das Panorama nähert sich einem Aufriss des Gebirges, die Karte ist ein Grundriss, die Vogelperspektive steht zwischen beiden, sie ist eine schiefe Ansicht; das Relief ist ein Modell.

lieber Karten, Vogelperspektive ( reliefs pittoresques ) und Reliefs vielleicht später einmal ein eingehenderes Wort, für diesmal wollen wir nur das Panorama näher besprechen..

Das Wort « Panorama » ist griechischen Ursprungs und heisst Allansicht, Rundgemälde.Von unserer kurzen Besprechung schliessen wir einzelne Ansichten und Panoramen, die ein Bild nur ganz nahe gelegener Gehänge und Gelände geben, wie z.B. ein Panorama vom Ochsenstock am Tödi und dergleichen, gewöhnlich aus, und verstehen hier unter Panorama eine Ansicht fernerer Gebirgsketten; so z.B. die Arbeiten von unseren Höhen im Vorlande, von den Vorgipfeln der Alpen und von höheren Punkten in den Alpen selbst.

Die Aufgabe. des Panoramas, wie sie schon im vorigen Jahrhundert richtig aufgefasst wurde und wie sie besonders klar C. Escher v. d. Linth 1811 ausgesprochen hat1 ), ist nicht künstlerischer, sondern rein geographischer Natur. Das Panorama soll gewissermassen eine auf einen Standpunkt bezogene Landkarte sein, es soll die Formen so wiedergeben, dass ich sie leicht erkenne und soll dabei die richtigen Namen führen — mehr nicht. Das erste gute Panorama meines " Wissens ist 1790 in Bern von Studer herausgegeben worden und stellt die Aussicht von dort dar.

Der Ausführung von Panoramen nach dieser schärfsten und reinsten Auffassung sind in unserem Jahrhundert eine Menge Hindernisse entgegen getreten, welche alle in neuen Anforderungen bestehen. Jetzt will man in einem Panorama auch einen guten Anhaltspunkt für die Erinnerung an die vergangenen Genüsse haben, und mehr: die Wirthe wollen von nahe gelegenen Aussichtspunkten Panoramen zu dem Zwecke, die Touristen zum Gang auf diese Höhen zu ermuntern — aus Wirthschaftsinteressen — wer wollte ihnen das verargen? Jetzt natürlich war es an einem bloss richtigen Panorama nicht genug, sondern jetzt verlangte man noch Schönheit, und bald kehrte man die Sache um und stellte das « schön * voran. Viele Verirrungen zeigen uns, dass sogar das « richtig sein » als unwesentlich ganz gestrichen wurde. Produktionen in

. ' ) Vergleiche aus dem Festbericht der VIII. Jahresversammlung des S.A.C. Vortrag von Herrn Prof. Heer, Seite 32.

diesem Sinne finden wir massenhaft nicht nur aus vergangenen Jahren, sondern es erscheinen deren alljährlich noch neue. Aus dem Zusammenhange mit den andern Bergen erkennt man die Berge wohl ziemlich leicht, aber schneidet man aus einem weissen Papier ein Loch und legt das Papier so auf die Zeichnung, dass man durch die Oeffnung einen Berg einzeln sieht, während der übrige Theil verdeckt ist, wer wollte ihn so isolirt erkennen? Der, welcher die Berge am genauesten anzusehen gewohnt ist, wird es am wenigsten im Stande sein. Denselben Charakter tragen eine Unmasse kleinere Ansichten. Unter diesen Arbeiten sahen wir feine Stahlstiche, an die nicht wenig Zeit und Arbeit gewendet worden ist, ferner Litho-graphiezeichnungen, Farbendrücke etc. Von solchen Panoramen und Ansichten, die man am einfachsten durch die Worte charakterisirt: « schön, aber nicht wahr » sind auch manche von den neuesten Reisehandbüchern keineswegs frei; ist selbst — lieber wollte ich 's verschweigen — unser Clubbuch nicht vollkommen frei. Ich will solche Arbeiten nicht aufzählen, es sind ihrer zu viele; urtheile jeder selbst, was hierher gehört.

In dieser Hinsicht bis zur Stunde unübertroffen stehen Heinrich Keller, Vater, von Zürich, und Franz Schmid von Schwyz da. Ich sage, sie stehen da, weil ihre Arbeiten noch und gewiss noch lange dastehen; sie selbst sind beide gestorben. Vielleicht darf auch noch Osterwald aus Neuenburg, ihr Zeitgenosse, ihnen an die Seite gestellt werden.

So klein Keller zeichnete, vermittelst des Umrisses und etwa noch einer einzigen kurzen Linie, wusste er einem Gipfel so seinen- ächten Charakter beizulegen, dass derselbe auch einzeln gesehen auf den ersten Blick erkannt werden kann;

ebenso Schmid. Zudem hatte Keller einen Stecher, den wir leider jetzt vermissen, und der in dieser Richtung noch nicht ersetzt ist, ich meine Scheuermann. Was auf Schmid's sonst ausgezeichnete Leistungen im Vergleich mit Kellers an Zahl viel kleineren Arbeiten einen leichten Schatten wirft, ist die etwas unzuverlässigere Nomenclatur.

Die Forderungen, die unsere jetzige Zeit mit Recht an ein Panorama zu stellen hat, welches sie kurzweg « gut » nennen soll, will ich im Folgenden etwas zu erörtern suchen, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu machen. Es handelt sich hier mehr darum, einzelne Anhaltspunkte festzustellen, die vielleicht manchem Anfänger von Werth sein können und ferner einigen verbreiteten unrichtigen Anschauungen die Spitze zu brechen.

Das Panorama soll nicht mehr bloss die Formen in dem Grade genau wiedergeben, dass sie leicht zu erkennen sind, sondern jetzt wünscht man ein vollständiges Bild der Aussicht. Dieses Bild soll nicht ein Kunstwerk sein; denn Schönheit ist nicht sein Endzweck, aber Wahrheit.

In erster Linie soll dieses Bild wahr sein, d.h. richtig, getreu.

Es gibt solche, die in den Alpen zeichnen, aber über diesen Satz lachen werden; sie heben mehr das künstlerische Element hervor auf Kosten der Richtige keit. Das ist auch schön und gut; nur bitte ich diese Herren, dann nicht den Namen der Gegend darunter zu schreiben.

Wir sprechen übrigens hier von Panoramen; Panoramenzeichner sind keine Künstler im scharfen Sinne des Wortes und wollen es auch nicht sein; ihre Arbeit ist eine mehr wissenschaftliche.

Ein richtiges Bild, von der Gegend zu geben, worin jeder Strich genau der Natur entnommen ist, das ist die Hauptaufgabe, und hierin liegt zugleich die Hauptschwierigkeit. Wenn es gilt, ziemlich entfernte Bergketten aufzunehmen, so bringt der beste Zeichner beim schönsten Morgen auch nicht das kleinste Sfeücklein vollständig fertig; es sei denn, dass er die Kette schon vorher genau kenne. Gewisse Gräte sieht er deutlich und zeichnet diese; andere, die auch existiren und ebenso wichtig sind, kann er der Einseitigkeit der Beleuchtung halber nicht erkennen. Abends sieht er andere als am Morgen, und fast nur die Horizontlinie bleibt sich gleich. Werfen hohe Wolken Schatten auf einzelne Partien, so ist er, ich möchte fast sagen, der Narr im Spiel; ja er kann acht oder vierzehn Tage beim hellsten, schönsten Wetter auf einer Spitze zugebracht haben und glauben, alles gesehen und gezeichnet zu haben. Kommt er bei ganz anderem Wind hinauf, so trennt sich auf einmal deutlich ein neuer vorderer Grat ab; vorher hat er ihn noch nie unterscheiden können. Das kann wieder eine Aenderung in den Namen nothwendig machen, und nun verliert der Zeichner, wenn er gewissenhaft ist, das Zutrauen zu seiner Arbeit. Oder: Man bringt die Arbeit fertig bis an eine Stelle, die man nie hat hell sehen können. Der Weg zur Spitze ist mühsam; man will alles haben und geht mit freudiger Hoffnung täglich hinauf, kehrt aber täglich unverrichteter Sache zurück, oft im Nebel, oft im Regen, oft gar im Schneegestöber.

Wollte man ganz streng sein, so dürfte man nicht die Ueberschrift setzen: « Panorama vom >, sondern: « Was ich während der und der Zeit aus dem Panorama vom .gesehen habe ». Wer nicht selbst solches beobachtet hat, wird es kaum begreifen. Nach meinen Erfahrungen glaube ich, es für unmöglich erklären zu müssen, ein wirklich im strengsten Sinne vollständiges Fernsicht-panorama in grösserem Massstabe von Bergen, wie Lägern, Schwarzwald etc. gegen die Alpen hin in einem Sommer zu zeichnen. Je weiter weg, je schwieriger wird es sein; je näher an den Alpen, desto eher ist es möglich. Die herrlichsten Aufschlüsse über einzelne Stellen geben oft die Tage der Herbststürme und des Föhnwindes, überhaupt nicht ganz helle Tage, sondern solche mit viel Abwechslung. Keller hat nicht umsonst während mehrerer Jahre viele Wochen auf Höhenschwand zugebracht, um sein Panorama von dort zu vollenden. Nicht das Zeichnen selbst ist das schwierigste, sondern alles sehen zu können, und dies liegt nur zum Theil in unserer Gewalt. Man hat gewöhnlich ganz falsche Vorstellungen hierüber und glaubt, die Geduld und Ausdauer bloss an der Zahl der Linien messen zu können. Wenn es auf hohen Gipfeln besonders klar zum Zeichnen ist, so haust sehr oft ein kalter Wind, man wird vor Frost am ganzen Körper steif, will aber die Beleuchtungen benützen und zeichnet stundenlang mit so steifen Fingern, dass man den Bleistift kaum in der Hand fühlt. Ohne der-

24 gleichen geht die Aufnahme des Panoramas von einem Gipfel, der in die Schneeregion hineinreicht, gewöhnlich nicht ab.

Davon freilich haben diejenigen keine Ahnung, welche ob den schlichten Strichen, die ein Zeichner von solcher Höhe mitbringt, die Achseln zucken mit der Bemerkung: « Es ist nichts Schönes ». Freilich haben diese dann auch keine Ahnung von dem Genüsse, das enorme Gipfelmeer der Alpen in allen den verschiedensten Witterungs- und Beleuchtungsverhältnissen eingehend zu studiren.

Ein Panorama schattiren zu wollen, ist, wenn es Panorama im eigentlichen Sinne des " Wortes sein soll, ganz vom Uebel. Ein anderer, der die Aussicht nicht in derselben Beleuchtung sieht, erkennt dann vieles-nicht und hat gewiss ein Recht zu sagen, die Zeichnung sei unrichtig.

Weil wir bei keiner Beleuchtung alles sehen können und weil Schattirung für Panoramen vom Uebel ist, so wird die Photographie niemals die Handzeichnung in diesem Fache ersetzen können. Sie kann uns herrliche Ansichten liefern, die absolut getreu die Gegend so darstellen, wie sie sich im Momente der Aufnahme* dem Auge zeigte; aber sie kann keine Panoramen hervorbringen. Zur in 's Einzelne gehenden Ausarbeitung aber, namentlich von Vordergründen in Panoramen wären Photogrâphien herrliche HülfsmitteL

Je nach dem Massstab der Zeichnung sind mehr oder weniger Linien nöthig, welche die Formen des einzelnen Berges charakterisiren. Und diese Linien müssen meist feiner gehalten werden, als die Umriss- linien der Gräte.

Zu viele Einzelheiten bringen bei nicht entsprechend grossem Massstab nur Unklarheit hervor.

Es ist für den Zeichner im Hochgebirge ein Haupt-vortheil, schnell zeichnen zu können, damit jeder Augenblick günstiger Beleuchtung ausgenutzt werden kann. Ein Panorama, insoweit vollständig wie mein Gotthard-oder Glärnischpanoranla, erfordert zur Aufnahme bei ganz günstiger " Witterung doch wenigstens drei bis vier Tage unausgesetzter Arbeit. Eines in noch grösserem Massstabe, das zugleich viele verwickelte Fernsicht-partien enthält, wie mein Panorama vom Säntis ( 1872 ) verlangt wohl die vierfache Zeit.

Wer ein beobachtendes Auge hat, der bringt es, ohne Geologie zu verstehen, leicht dazu, dass man,in der blossen Linienzeichnung des Panoramas die Sedimentärgesteine von den krystallinischen Schiefern und diese von den massiven Gesteinen ( Granit, Diorit, Porphyr ) bei näher gelegenen Gräten unterscheiden kann; denn diese Gesteine bilden sehr verschiedene Felsformen.

Einem Zeichner, der das Hochgebirge zum ersten Male sieht oder es immer nur von Ferne gesehen hat, der dessen Natur nicht aus eigener Anschauung in der Nähe kennt, wird es fast unmöglich sein, ein vollkommen gutes Panorama zu zeichnen. Nur das scharf beobachtende und auffassende Auge, verbunden mit dem wissenschaftlichen Verständniss der Formen, die wir sehen, kann zur vollen Erreichung des Zweckes führen.

Die Kunst, richtig zu zeichnen, liegt nicht in der Hand, sondern im Auge. Wer mit dem Auge richtig auffasst, also richtig und bewusst sieht, der zeichnet auch richtig.

So wie ein unmusikalisches Ohr durch Uebung musikalisch werden kann, so kann man die Auffassungskraft des Auges in hohem Grade durch genaues Zeichnen, namentlich nach der Natur, stärken. Nun sollte man glauben, dass die Panoramen, welche zwei verschiedene, gleich gute Zeichner vom gleichen Standpunkt gezeichnet haben, nicht zu unterscheiden wären. " Dem ist aber nicht so. Man kann die beiden Zeichnungen vielleicht auf Strohpapier aufeinander legen, und sie klappen vollkommen; aber doch hat jede durchgehends etwas eigenthümliches, das sich in allen Zeichnungen des Betreffenden wiederfindet und sogleich mit Sicherheit auf den Zeichner schliessen lässt, selbst wenn die Art der Ausführung ganz die gleiche ist. Das ist nun freilich eine Subjektivität, aber keine fehlerhafte. Die Zeichnung ist doch objektiv; denn jeder, der mit der Natur vergleicht, findet jede Linie genau richtig. In der Literatur nennt man eine ähnliche Eigenthümlichkeit den Styl oder die Manier; hier ist es der Styl oder die Manier im Zeichnen. ( Nicht Tusch-Manier, Kreide-Manier ). Bei gedruckten Panoramen ist nun auch noch der Styl des Stechers hinzugekommen. Es ist dieser Styl die Handführungs-weise; er liegt zum grössten Theil in der Hand; er ist die Art des Linienzuges, die man der Hand angewöhnt hat. Auch jeder eigentliche Künstler hat einen mehr oder weniger ausgeprägten StyJ. Wer könnte z.B. nicht Calame's Tannen auf den ersten Blick von allen andern unterscheiden? Im Styl des Zeichners erkennt man den Styl seines Meisters; der beste Meister ist die Natur selbst.

Wer hauptsächlich die Natur als Vorlage beim Zeichnenlernen benutzt hat, der wird am objektivsten zeichnen: Sein Styl und seine Manier sind denjenigen der schaffenden Natur selbst am ähnlichsten.

Ein zehn bis zwanzig Fuss langes Panorama kann man von freiem Auge unmöglich nach der Natur zeichnen, ohne nach und nach etwas zu sinken oder zu steigen; es ist also hierin noch eine Berichtigung nothwendig.

Auf ziemlich einfache Weise kann man mit mathematischen Hülfsmitteln bestimmen, wie hoch über oder unter dem mathematischen Horizont1 ) in dem Massstab des Panoramas ein gegebener Berggipfel oder sonst ein Punkt erscheinen muss, und man kann dadurch umgekehrt eine beliebige Anzahl von Punkten des mathematischen Horizontes bestimmen. Diese müssen alle in einer horizontalen Geraden liegen; sind sie es nicht, so streckt man ihre Verbindungslinie zur Geraden aus und richtet alles übrige darnach ein.

Habe ich den mathematischen Horizont bestimmt, so kann ich andererseits von anderen Punkten, die ich nicht zur Bestimmung benutzt habe, auf gleiche, nur umgekehrte Weise die Höhe finden. So habe ich aus meinem Panorama vom Pizzo centrale eine Menge

. ' ) Man denke sich eine horizontale Ebene durch das Auge des Beschauers gelegt, so ist die Linie, nach welcher die Aussicht geschnitten wird, der mathematische Horizont. Im Panorama stellt er sich als Gerade dar, die natürlich etwas ganz anderes ist, als der zackige Horizont, den die Berge bilden.

von Höhen bis auf zwanzig oder dreissig Meter übereinstimmend mit den Zahlen der Dufourkarte erhalten. Andere stimmten etwas weniger gut.

Auf meinen Panoramen gebe ich durch eine Marke an einem Ende die Höhe der Horizontlinie an.

Wenn wir uns um unser Auge einen weiten Glas-cylinder denken und nun auf diesem den Bergformen, die wir durch das Glas bei unveränderter Stellung des Auges sehen, mit einem Farbstift nachfahren, dann den Cylinder an einem Orte aufschneiden und uns ausgebreitet denken, so haben wir auf ihm ein genaues Panorama. Ein jedes Panorama ist die Zeichnung auf einen Cylinder, der nur auseinandergerollt ist. Es ist, wie der Mathematiker sich ausdrückt, ein durch Centralprojektion aus einem Axenpunkte eines Cylinders auf diesen erhaltenes Bild der Aussenwelt. Die Länge des Panoramas entspricht dem Umfang des Cylinders, der Badius des Cylinders ist der 6,28313.. .te Theil vom Umfang; er ist das Mass für den Massstab, in dem das Panorama gezeichnet ist.

Je nachdem der Gipfelkranz, den man von einem Punkte sieht, ein gedrängter oder ein mehr lockerer ist, muss der Massstab grösser oder weniger gross gewählt werden; es kann in dieser Beziehung keine Zahl als !" allgemein zweckmässig aufgestellt werden. Ich habe beispielsweise als « Radius des Projektions-cylinders » Längen angewandt, wie 1,08 m ( Zürichberg-panoraina ), 0,327 m ( Mythenpanorama ), 0,408 m ( Panorama vom Pizzo centrale ), 0,482 ( Glärnischpanorama ), 0,7081 ( Säntispanorama ). Keller wandte meist viel kleinere Grossen an ( Uetliberg 0,279 m ) aber Höhenschwand 1,5 m ).

Es ist rathsam, Panoramen nach der Natur grösser zu zeichnen, als sie im Druck erscheinen; dann werden, etwaige Fehler auch noch " verkleinert. Sehr gefährlich ist es, Gebirgszeichnungen zu Hause besser auszuzeichnen; ich zeichne zu Hause keine Linie in ein Panorama, die ich nicht nach der Natur aufgenommen habe. Am besten ist es, wenn der Zeichner selbst zugleich der Stecher ist.

Zum Kapitel über die Wahrheit des Panoramas gehört auch noch die Bestimmung der Namen. Diese Arbeit war früher sehr schwierig, jetzt ist sie, da uns in dem eidgenössischen Atlas eine klassische Grundlage für die Schweiz gegeben ist, für schweizerische Gebiete sehr leicht geworden; freilich muss man auch lernen, mit einer solchen Karte bequem zu arbeiten. Ich stecke immer eine Nadel auf die Stelle, von der aus das Panorama gezeichnet, und befestige daran einen Faden, der, gerade gestreckt, das beste Visirmittel ist. In manchen Fällen kann mathematische Konstruktion öder auch Rechnung1 ) aus Zweifeln helfen. Nach einiger Uebung geht so das Namenbestimmen ziemlich schnell, besonders wrenn man ohne die Karte schon viele von den Gipfeln kennt. Ich bestimme die Namen nach der Karte immer erst zu Hause.

Ein Panorama soll in zweiter Linie deutlich sein.

Hierbei ist zu bemerken: Sind kleine/ feine Formen

i ) Vergleiche Denzler topographische Vermessungen, Jahrbuch Bd. I, Seite 413 ff. darin, so eignet sich Kreidezeichnung auf Stein nicht;

der Strich ist zu breit und zu wenig scharf. Weit besser ist die Federzeichnung auf Stein, am besten aber Stich auf Stein, Stahl, Kupfer oder Zink.

Die Namen thun der Schönheit Eintrag, aber ich will doch lieber dieselben gerade im richtigen Panorama haben, als eine so unbequeme Einrichtung, wie sie z.B. das Panorama vom Niederhorn ( St. Beatenberg ) von Pfarrer Krähenbühl hat. Es ist wohl das deutlichste und sicherste, wenn man von den Namen oben eine fein punktirte Linie bis auf die betreffenden Bergspitzen hinabzieht; jedenfalls ist dies schöner, als wenn man die Anfangsbuchstaben der Namen gleich den Bergspitzen aufklebt. Die schiefe Stellung der Namen vereinigt die Deutlichkeit der senkrecht stehenden mit der bequemen Lesart der horizontal stehenden Worte.

Zur leichten Orientirung ist eine Darstellung gut,. die die verschiedenen Entfernungen in die Augen springen lässt. Das kann sehr leicht und deutlich durch die verschiedene Stärke der Striche gegeben werden. Weitere Methoden zur Herstellung der Perspektive gehören unter die dritte Abtheilung.

Das Bild, das uns ein Panorama von der Gegend gibt, soll in dritter Linie auch schön sein. Die mit dem meisten Aufwand in Stahl gestochenen Panoramen haben gewöhnlich am wenigsten ächte Perspektive im Hochgebirge, weil sie zu viel Schraffirung haben. Ein vollkommenes, in Stahl gestochenes, gutes Panorama müsste sehr schön sein; ich käme aber in Verlegen- heit, wenn ich ein solches nennen sollte.1 ) Manches ist schön gestochen, aher für solche Ausführung nicht detaillirt genug nach der Natur aufgenommen worden, und so musste das Fehlende vom Stecher, welcher zudem oft die Andeutungen des Zeichners nicht verstanden und die Berge selbst nie in der Nähe gesehen hat, hineinphantasirt werden.

Immerhin ist es sehr schwierig, ein Panorama so ganz auszuarbeiten, weil man sich von eigentlicher Schattirung nach der Beleuchtung fern halten muss oder solche nur in den vordersten Gräten, vielleicht eine Stunde im Umkreis, mit Vortheil anwenden kann. Farbentondrücke, die die natürlichen Farben wiedergehen, sind für ganze Panoramen allzuschwierig; sie können nicht ohne Farben-studien nach der Natur gemacht werden; gewöhnlich hat man schon am Zeichnen " genug Arbeit.

In solchem Farbendruck ist vor ein paar Jahren vom österreichischen Alpenverein das Panorama vom Grossglockner herausgegeben worden. Auch da lassen die Farben zu wünschen übrig. Der Preis für ein Exemplar ist dreissig Franken. Mit vollständigem Farbendruck ist ferner das Panorama vom Feldberg von Maler Faller aus dem Schwarzwald erschienen, eine sehr schöne und auch genaue Arbeit2 ). An dieser Stelle verdient auch noch vom gleichen Verfasser das

. ' ) Am ehesten von den mir bekannten Aväre das Panorama vom Piz Langnard von Kupfersteeher Huber in Zürich zu erwähnen. Es ist nicht des Stechers letztes, aber bestes Werk in dieser Art.

2 ) Für Farbendruck ungleich leichter, weil der grossen Entfernung wegen wenig verschiedene Farben nöthig sind.

Panorama vom Piz Umbrail erwähnt zu werden. Herr Faller hat dasselbe nach der Natur im Sommer 1868 gemalt. Aber wie viele sind es, die ein Werk von .solchem Preis ankaufen werden? Was hat der einfache Alpenclubist und Tourist vom Panorama des Orossglockner und dergleichen? Zudem haben diese Werke meist ein Format, das nicht in die Tasche und nicht in den Tornister passt. Für gewöhnliche Zwecke ist also Farbendruck in solcher Ausführung nicht anwendbar — stehen wir davon ab!

Keller hat auch hier die richtige Lösung gefunden: Er legt einen, einfachen Tuschton auf die Berge, der mit der Entfernung an Kraft abnimmt; das Wasser wird etwas bläulich gehalten. So ist sein altes Panorama vom üetliberg, vermehrt und verbessert 1842, noch zur Stunde unübertroffen geblieben. Statt Tusch kann auch einfacher Farbendruck angewendet werden. Pur die Berge wird ein Ton von brauner Farbe nach der Ferne genau im Yerhältniss der Entfernungen verlaufend,1 ) angewendet; der Himmel, die Seen erhalten einen blauen Ton, der sich in die ferneren Berge hineinzieht, nach vorne ganz verläuft, oder nur noch im Vordergrund in Schattenpartien Verwendung findet. So kann man mit zwei Tönen ohne grosse Kosten-erhöhung dem ganzen ein gutes Ansehen und ziemlich viel Modulation geben. Ich habe diese Art zuerst am Panorama vom Pizzo centrale anzuwenden versucht. Solche Töne auf grossen Bogen können aber, wenn sie gut ausfallen sollen, nur bei nasser, kalter Witte-

4 ) Mit Kreide auf Stein gezeichnet.

rang gedruckt werden, nicht in der heissesten Jahreszeit, wie mein Panorama vom Glärnisch.

In unserer Betrachtung haben wir bis jetzt auf eine Art von Panoramen, die allerdings nicht vervielfältigt werden kann, keine Rücksicht genommen. Ich meine die grossen Panoramen, die meist unter dem Namen « Diorama » in einzelnen Städten zur Schau ausgestellt werden. Natürlich stellen diese fast ausschliesslich die Aussicht von der Rigi dar. Für den Verfertiger eines solchen Panoramas gilt nur eine grosse Regel; sie lautet: Mache es in jeder Beziehung täuschend ähnlich der Natur. Unter allen solchen Werken, die mir bis jetzt bekannt geworden, steht als wahres Muster allen anderen weit voran das Panorama vom Rigi-Kulm von Meyer ( « Meyer und Zimmermann » ) bei der Tonhalle in Zürich. Es sollte kein Bergfreund, dem sich die Gelegenheit bietet, dieses Werk ansehen zu können, dieselbe unbenutzt lassen. Da vergisst man buchstäblich, dass man nicht auf dem Rigigipfel steht. Möge sich hiervon jeder selbst überzeugen.

Kehren wir zu unseren Hand- oder Taschenpano-ramen zurück. Viel Belehrung konnte über unser Thema die Ausstellung von Gebirgszeichnungen geben, die mit dem VIII. Jahresfest des S.A.C. in Zürich verbunden war. Ich selbst kann nicht näher auf dieselbe eingehen, da es mir nicht vergönnt war, dieselbe zu sehen.

Ich glaube, alles Besprochene kurz zusammenfassend, folgendes festhalten zu müssen:1.

Das Panorama soll wahr in seinen Formen sein. Es soll schön in Umrisszeichnung ohne Schattirung gestochen werden.

Die verschiedenen Entfernungen sind durch die verschiedene Stärke der Linien, und vielleicht noch durch Töne, die mit der Entfernung an Starke abnehmen, anzugeben. Nur die vollendete Wahrheit selbst ist hier die höchste Schönheit.

Dieses meine Ueberzeugung über diesen Punkt.

Vielleicht will jetzt ein Leser dieser Zeilen prüfen,, inwiefern meine eigenen Panoramen diesen Anforderungen .vollkommen genügen; denn nur der darf scharfe Kritik über Anderer Arbeit führen, der selbst leisten kann, was vor solcher Kritik besteht. Ich habe darnach gestrebt und strebe immer noch darnach, solche Arbeiten zu liefern; aber ich weiss selbst am bestenr dass bis jetzt nicht eine derselben ist, wie sie sein sollte, weder die erste noch die letzte. An jeder Arbeit lernt man die folgende besser machen, und nur nach und nach kommt man zu festeren Ansichten. Allein der Gedanke, dass alle früheren Arbeiten nothwendige Zwischenglieder waren, tröstet uns über .die Unvollkommenheit derselben. Nur so lange wir es noch besser machen können, haben wir eine freudige Zukunft vor uns. Sollen wir uns nicht freuen, dass auf jedem Gebiete menschlichen Wissens und Könnens der Vervollkommnung kein Ende gesetzt ist? Nur die Stürmer, die im ersten Sprung gleich das Letzte erreichen wollen, klagen über * enge Grenzen », welche die Menschheit nicht überschreiten könne, und nur solche verzweifeln an der Unvollkommenheit des Geleisteten. Spätere Zeiten werden wohl noch grössere Anforderungen stellen.

Möge jeder, der die Berge durchwandert, es versuchen, auch etwa die schönen Formen zu zeichnen.

Gewöhnlich heisst es: « Ich kann nicht zeichnen ». Das ist mir und Andern Schon hundertmal gesagt worden; jedesmal aber, wenn ich genauer prüfte, war es nicht wahr; denn die Betreffenden wusstën bloss nicht, dass sie freilich zeichnen können, wenn sie sich Mühe geben — sie hatten es seit Jahren nie mehr versucht! So geht es noch manchen. Nur wenige schlechte Striche helfen in der Erinnerung herrlich nach, und Keinen reut die Zeit, die er daran gewendet hat. Ich glaube aber, der Hauptvortheil liegt nicht darin, sondern in der Uebung des Auges. Einer Ausbildung durch Uebung ist das Auge in hohem Grade fähig, und ein Mensch mit geübten Sinnesorganen ist thatsächlich ein höherer Organismus,, als derjenige, der seine Sinneswerkzeuge nicht weiter ausgebildet hat. Wir haben sogar nicht nur für uns gearbeitet; die höhere Ausbildung vererbt sich wieder und kann dann noch weiter gesteigert werden. Ist es uns nicht, als wären wir kleine Kinder,wenir uns ein Gemsjäger in einer Entfernung von einer Stunde in gerader Linie die Schafe auf der Alp zählt. Gewiss, auch dem Alpen^-club gilt das Wort: « Ueb'Aug und Hand für 's Vaterland !»

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